I.

Als ich ein 13jähriger Knabe war, und in meiner Familie schon die Frage erörtert wurde, welchen Beruf ich wählen sollte, kam ein Artillerie-Lieutenant mit einem kleinen Remonte-Kommando in meine Vaterstadt Bielefeld. Mein Vater, der die Bürgermeistergeschäfte verwaltete und zugleich Garnisonverwaltungs-Inspektor war, hatte mit dem jungen Offizier geschäftlich zu verhandeln. Die Köln-Mindener Eisenbahn war damals noch im Bau begriffen, der Verkehr stak noch in den Kinderschuhen und es gehörte zu den Seltenheiten, wenn außer den Truppenabteilungen vom 15. Infanterie-Regiment, (von welchem das Füsilier-Bataillon von Bielefeld stand), fremde Truppengattungen in meine Vaterstadt kamen. Daher machte der Artillerie-Lieutenant in seiner schmucken Uniform mit dem schwarzen Sammtkragen, zumal er ein bildhübscher Mann war, ganz besonderes Aufsehen.

Mein Vater hatte die Gewohnheit, uns Kinder auf seinen täglichen Spaziergängen mitzunehmen; auch der fremde Artillerie-Lieutenant war unser Begleiter. Die Füsiliere der Garnison,[1] die uns begegneten, machten dem Lieutenant ganz besonders aufmerksame Honneurs, wohl der fremden Uniform wegen, die Posten faßten das Gewehr so stramm an, als wäre der Lieutenant ein Stabsoffizier. Oder erschien mir das alles so außergewöhnlich, weil auch ich einen ganz anderen Respekt vor der Artillerie bekommen hatte, als vor den Füsilieren meiner Vaterstadt?

Aus dem Spaziergangsgespräche meines Vaters mit dem Lieutenant entnahm ich, daß auch mein Vater eine ganz besondere Hochachtung vor der Artillerie-Waffe hatte. Meine Hochachtung ging in Begeisterung über, als der Lieutenant mit mir freundliche Worte sprach. Ich durfte ihn am andern Tage besuchen und als er mir nun versuchsweise erlaubte, Säbel und Mütze von ihm anzulegen, und meinte, ich würde einen schmucken Offizier abgeben, da stand mein Entschluß fest, ich müsse Artillerie-Offizier werden; es gab für mich nichts Höheres mehr.

Nach zwei Tagen marschierte der Lieutenant mit seinem Kommando ab. Halb Bielefeld gab ihm das Geleite. Des Lieutenants letzter Gruß galt mir, denn ich begleitete ihn allein noch eine Stunde weiter, als meine übrigen Landsleute.

Mein Vater war anderer Meinung über meine Zukunft, obwohl sein Grundsatz war, seine Jungens zu nichts zu zwingen und ihren Beruf sich selber wählen zu lassen.

Als ich das Gymnasium absolviert, gab mich mein Vater ins Gewerbe-Institut; sein Lieblingswunsch wäre gewesen, daß ich mich im Maschinenfach ausgebildet hätte, aber der Lieutenant hatte mir's angethan, ich konnte keinen anderen Gedanken fassen, als Artillerie-Offizier werden. Indes besuchte ich noch die beiden Klassen des Gewerbe-Instituts, aber die Artillerie-Uniform hatte mir die Sinne zu sehr verwirrt, ich verstand die Anfangsgründe der Geometrie und Mathematik nicht, und statt mich nochmals den ersten Kursus in der zweiten Klasse durchmachen zu lassen, versetzte man mich per Schub in die erste, und wenn ich nun in diesen Wissenschaften noch nicht dumm genug war, so wurde ich es in der ersten Klasse. O liebe[2] Jugend, möchtest du es doch begreifen: »was du von der Minute ausgeschlagen, bringt keine Ewigkeit zurück!« – Ich habe es in meinem Leben in der Geometrie zu nichts mehr gebracht, denn weil ich den Anfang der Geometrielehre in meinem Artillerie-Uniform-Dusel nicht verstanden, verstand ich die Mitte und das Ende gar nicht. Ein entsetzliches Gefühl beschlich mich, wenn die Geometriestunden herannahten, und eine Beschämung nach der andern blieb mir auf der heißen Schulbank nicht erspart. Mein guter Lehrer, Dr. Köhler,[3] verzeih mir's heute noch, daß ich dir so oft das Blut durch meine Dummheit ins Gesicht getrieben – ich sehe dich noch vor mir in deiner Röte, die aus deinem Gesicht auf mich herabstrahlte, ohne die schlechte Saat zu ergiebiger Ernte zu bringen! Schlechte Zeugnisse, die nicht ausbleiben konnten, hatten meinen Vater wohl erbittert, und als ich einst meine Stiefmutter in der Person meines jüngeren Bruders beleidigt hatte, kündigte mir mein Vater sein Haus und ich zog hinaus in die weite Welt.

Mein nächstes Reiseziel war Münster in Westfalen. Dort war mein Artillerie-Lieutenant. Zu ihm ging ich, und bat ihn, sich meiner anzunehmen, ich wollte in die Artillerie eintreten. Ich war damals noch nicht ganz 17 Jahr, aber mein kräftiger Körperbau ließ eine Ausnahme zu, ich wurde ärztlich untersucht, tauglich befunden und nachdem mein Vater die nötigen Papiere gesandt, trat ich als Offiziers-Aspirant in das königl. preußische 7. Artillerie-Regiment zu Köln.

Mein Vater gab mir 5 Thaler monatlichen Zuschuß. Damit konnte ich keine weiten Sprünge machen, ich mußte in der Kaserne wohnen und lernte das Soldatenleben der untersten Stufe kennen. Ich glaube nicht, daß es viele Offiziere gibt, die, wenn sie als Avantageure eingetreten sind, in der Kaserne gewohnt, ihr Kommisbrot als Hauptnahrungsmittel zu sich genommen, ein rasches Avancement gefunden haben. Es gehört etwas klein Geld und ein, wenn auch nicht flottes, doch etwas feineres Auftreten dazu. Ich wurde in die Kategorie der Dreijährigen, der westfälischen Bauernsöhne geworfen, die meistens nicht einmal dem Unteroffizier, geschweige den Lieutenants und dem Hauptmann durch besondere Intelligenz zu imponieren vermögen. Empfehlungen hatte ich auch weiter nicht, mein Vater ging von dem Grundsatze aus, daß man von der Pieke aus alles ergreifen und erlernen müsse. Er hatte sich selbst vom simplen Bauernjungen zum Bürgermeister emporgearbeitet, und mich nach meiner Konfirmation zu einem Schlosser in die Lehre geschickt, weil er sich keinen Maschinenbauer, der ich ja doch[4] werden sollte, denken konnte, der nicht das Schlosserhandwerk erlernt hat. Es ist ja möglich, daß das früher so war, aber beim Militär bringt man die Lieutenantsanlage besser von der Kadettenschule mit, oder man tritt als Offiziers-Aspirant mit einem großen Geldbeutel oder doch mit dem gesellschaftlichen Nimbus ein, wenn man Karriere machen will. Die napoleonischen Ideen, daß jeder Korporal den Marschallstab im Tornister trage, habe ich in der preußischen Armee, außer beim alten Derfflinger, sich selten verwirklichen sehen.

Mein idealer Traum, in den mich der schmucke Artillerie-Lieutenant in Bielefeld gelullt, wich bald der enttäuschenden Wirklichkeit. Es wurde mobil gemacht, ich lernte kennen, was arbeiten heißt, und schon fing ich an, mit Recht jeden Infanteristen zu beneiden. Der sorgt doch nur für sich und sein Gewehr – aber die Pferde, die Pferde – was erfordern die für Pflege und Arbeit! Ich habe in meinem ganzen Leben nicht wieder so geschwitzt als beim Pferdeputzen. Unsere Batterie begab sich auf den Marsch, niemand wußte wohin. Wir zogen mit unseren Kanonen durch das Sauerland. Glatteis trat plötzlich ein. Die Pferde konnten nicht geschärft werden, wir mußten sie mit Gefahr des Lebens die Berge hinauf befördern, und waren sie oben, kehrten wir um und zogen die Kanonen unter den schrecklichsten Flüchen der Vorgesetzten selber hinauf. Ich glaube, Hannibal kann es bei seinem Zuge über die Alpen nicht schlimmer gehabt haben.

Wir kamen endlich nach langen Irrfahrten in die Umgegend Kölns zurück.

Die Reue kam denn auch bald über mich, umsomehr, da man gar keine Anstalten machte, mich als Avantageur zu behandeln. Ich kam in ein Quartier an der Wahner Heide, ungefähr drei Stunden von dem Orte entfernt, wo man uns die Quartierzettel gegeben. Mein Geld- und Brotvorrat war erschöpft. Wir bezogen in der Nähe der Wahner Heide unsere Kantonnements, und mit entsetzlichem Hunger kam ich endlich spät abends in mein Quartier, in der Hoffnung, mitfühlende Bauern zu[5] finden, die dem Vaterlandsverteidiger durch ein frugales Abendbrot den Heldenmut zu stählen gesonnen wären. Ich hatte von Jugend auf gelernt, alles zu essen, mein Vater hatte uns Kinder so gewöhnt, und wenn wir einmal was nicht essen mochten, so mußten wir vom Tische aufstehen; plagte uns der[6] Hunger abends, so wurde uns das Gericht vom Mittag wieder vorgesetzt, und diese Manipulation so lange fortgesetzt, bis wir's hinunterwürgten. Ein probates Mittel! Ich konnte in meiner Jugend keine Kartoffelsuppe essen, heute esse ich sie, dank der Strenge meines Vaters, sehr gern.

Westfalen ist darin überhaupt einzig. In meiner Kindheit gab es einen Bauern dort, der sich damit befaßte, im Essen verwöhnte Hunde wieder zu veranlassen, die ihrem Geschlechte gebührende Nahrung anzunehmen und sich die üppige Kost zu verkneifen. Ja die Kunstfertigkeit in seiner Methode brachte es dahin, daß große Hunde, die zu ihm geschickt wurden, weil sie partout nur noch Fleisch essen wollten, schließlich Tannenäpfel mit Appetit verzehrten. Der Bauer Laux war sprichwörtlich geworden, und wenn einer übermütig war und sich über schlechte Kost beklagte, so hieß es: »De möt nah'n Buer Laux, do lihrt hei Dannenäppel freten.«

Ich weiß nicht, wie Tannenäpfel schmecken, aber sie sind mir wenigstens von Ansehen bekannt – was man mir aber in meinem Wahner Quartier vorsetzte, war mir völlig unbekannt. In einer irdenen Schüssel stand eine weiße Flüssigkeit vor mir. Aha, dacht' ich, Milchsuppe als Einleitung. Allein meine Wirtin machte mir gleich begreiflich, daß das alles sei, was sie im Hause hätte. Groß genug war die Portion, noch größer mein Hunger, ich bat, sich nicht weiter zu entschuldigen und mit Vorreden aufzuhalten, denn unnützer Zeitverlust schien mir bei meinem Hunger ein Menschenleben kosten zu können, und langte in die Schüssel, meine Sehnsucht zu befriedigen. Ich stieß auf harte Gegenstände, ein saftiges Grün leuchtete in meinem Löffel. Mein Gott, was war das? Buttermilchsuppe war's, das wurde mir schnell klar. Aber was war das Grüne? In Buttermilchsuppe gehörte doch sonst nichts hinein, und hier –? Nur Mut, dachte ich, »wat de Buer Laux kann, dat kann ick ook, und sünd et ook keene Dannenäppel, denn wieren't doch – – – greune Bohnen!« Ich esse Bohnen gern, aber in dieser Zusammenstellung, Buttermilch und [7] grüne Bohnen, das war mir neu! Gott gesegne's – ich konnt's nicht essen! – Ich suchte einen Kameraden im nächsten Quartier auf, um mir Nahrung zu verschaffen. Er saß mit seinen Wirtsleuten am Tisch und aß – – – Buttermilchsuppe mit grünen Bohnen!! Jetzt wurde mir erst klar, daß die guten Bauersleute uns mit ihrer Nationalspeise traktieren wollten. Ich wurde freundlichst eingeladen, Platz zu nehmen und mitzuessen. Dankend lehnte ich ab und ging mit meinem Kameraden, der durch Reste von Brot, Schnaps und etwas Wurst, die er noch besaß, unsern Hunger so leidlich zu stillen vermochte. –[8]

Wir kamen bald darauf nach Köln und wurden in der Dominikaner-Kaserne einquartiert.

Wenn eine Kaserne eine Weile unbewohnt ist, und die Truppen mit weißen Hosen wieder heimkehren, so pflegt der erste, der das Zimmer einer Kaserne betritt, plötzlich in weiß und schwarz gesprenkelten Beinkleidern dazustehen, so anhänglich sind die kleinen schwarzen Bewohner der Strohsäcke an ihre Krieger, daß sie wie der Hund an seinem Herrn hinaufspringen, sobald sie ihn wiedersehen. Ich war dieser erste, obwohl ich diese Anhänglichkeit gar nicht beanspruchen konnte, denn ich war ja fremd hier.

Diese Dominikaner-Kaserne hat mir die militärische Karriere eigentlich verleidet, ich erlebte so viel Unangenehmes darin, daß mein Entschluß feststand: Soldat bleibst du nicht, wenn du nicht mußt! Aber ich mußte leider. Die Armee blieb mobil, wir wurden nach Bronzell geführt, der historische Schimmel war gefallen, Bayern und Preußen war längst wieder versöhnt, die Infanterie ging nach Hause, aber die Artillerie blieb mobil. Ich konnte nicht entlassen werden, man fand meine Schlagfertigkeit zu erhalten für zu notwendig. Moltke war damals noch nicht der allgewaltige Stratege, sonst, hätte er mich in meiner Kriegstüchtigkeit gesehen – er hätte mich sofort entlassen, um die Artillerie auf eine höhere Stufe bringen zu können.

Nach meinen geometrischen Kenntnissen wurde ich merkwürdigerweise gar nicht gefragt – und ich ärgerte mich zu sehr, daß man mit dem Avancement gar nicht beginnen wollte. In solchem Aerger stand ich einmal auf einer Kölner Bastion in kalter Winternacht auf Posten. Das Faschinenmesser hatte ich gezogen, Fausthandschuhe und Ohrenklappen zierten meine Extremitäten, ich ging, »starrend vor Frost«, auf und ab, der Schnee quietschte unter meinen eisigen Füßen – als ich plötzlich den Offizier der Ronde in der Person des Herrn Lieutenant Cäsar herankommen sah! Der Lieutenant Cäsar war nicht sehr beliebt bei der Batterie – er drillte seine Untergebenen und war der[9] reine Meldebruder. Melden und anzeigen war sein Höchstes! Frost und Unmut, zweistündiges Nachdenken über meine traurige Lage hatten mich als zwecklosen Posten auf der Bastion ohnehin in gerade nicht rosige Stimmung versetzt, als der Offizier der Ronde im echten Lieutenantstone mich anredete: »Kennst[10] du auch deine Instruktionen und weißt du, was du auf deinem Posten hier zu thun hast?« Mich verdroß das »du« noch mehr. Ich schwieg. In Wahrheit wußte ich's nicht, denn in der Wachtinstruktion war nichts vorgesehen, niemand wußte es und ich glaube der Lieutenant Cäsar wußte es auch nicht. Es gibt solche Posten, auf denen man die obige Frage nicht zu beantworten vermag. Schnarrend wiederholte er auf mein Schweigen seine Frage, nur mit einem kleinen Zusatze, indem er sagte: »Esel, warum stehst du hier auf Posten?« Mein Zorn wuchs mit dem Esel. Sagen darf so ein Lieutenant alles – der Kanonier darf's bloß denken. Ich dachte mir also, wenn er dich für einen Esel hält, kannst du ja auch eselhaft antworten, und erwidere ihm denn so recht dummdreist: »Um den Herren Lieutenants die Honneurs zu machen!«

»Ochse von einem Bauernlümmel,« brummte er vor sich hin und hob den Schleppsäbel auf, mir eins damit überzuziehen; aber der Gedanke, daß so'n Bauernlümmel auch dadurch nicht gescheiter würde, ließ ihn davon abstehen.

Der Lieutenant Cäsar verschwand, die Ablösung kam und löste mich ab. Auf der Wachtstube, die gewöhnlich zwischen 20–25 Grad Hitze aufzuweisen hat, um die erstarrten Glieder der abgelösten Posten zu erwärmen, erkundigte ich mich bei dem Bombardier, was der Posten auf der Bastion für einen Zweck, was er zu bewachen, zu beobachten habe. Der Bombardier wußte es auch nicht. Ob der Lieutenant Cäsar meine Dummheit höheren Orts gemeldet hat, ich weiß es nicht, aber vielleicht ist die Frage näher erörtert worden, warum der Posten dort stand. Andere haben auch keine Antwort geben können, kurz, der Posten wurde bald darauf eingestellt und unsere Batterie hatte einen Wachtdienst weniger zu verrichten.

Bald darauf wurde ich zum Bombardier befördert, ich weiß nicht ob infolge meiner dummdreisten Antwort, die ich dem Lieutenant Cäsar gegeben, oder ob man wirklich militärische Talente in mir entdeckt hatte. Ich ließ mir eiligst die goldenen Tressen um den Aermelaufschlag nähen, worin die Abzeichendes Bombardiers bestanden, und ging durch die Straßen Kölns, über die Rheinbrücke nach Deutz, um mich überall sehen zu lassen. Ich glaube, wenn einer Feldmarschall wird, kann er nicht die Freude haben, die ich damals empfand, und ich konnte nicht begreifen, wie die nüchternen Zivilgesichter nicht anders an mir vorbeigingen als früher. Kein Mensch nahm Notiz von mir. Ne so was! Ich war aufs höchste beleidigt. Endlich begegnet mir ein gemeiner Infanterist. Der Mann geht an mir ohne zu grüßen vorüber. »Na wart«, denk ich – »den will ich aber Mores lehren.« Ich gehe also auf ihn zu: »Sie! – warum grüßen sie nicht?« »Entschuldigen Sie,« stammelte er, »ich habs nicht gesehen!« – »Nicht gesehen,« sagte ich, »dann sperren sie Ihre Glotzaugen auf. Kehrt! Marsch!«

Ich schritt nun etwas auffallend mit den Armen schlenkernd weiter und strich mir sehr oft das Haar an der Stirn glatt, um meinen neuen Zierat am Aermelaufschlag näher vor Augen zu haben. Wenn ein Gemeiner an mir vorüber ging, fühlte ich stets, ob der obere Knopf meiner Uniform, der Haken des Halskragens geschlossen war etc., und verfehlte durch diese Manipulation die beabsichtigte Wirkung nicht – ich wurde gegrüßt von den Gemeinen, und meine Brust schwelgte so recht im bombardierlichen Hochgefühle, als mir auf der Rheinbrücke die Tochter unseres Speisewirtes begegnete, die hinter der Dominikanerkaserne wohnte. Das Mädchen war eine reizende Blondine, auf welche Eigenschaft hin ihre Eltern sich oft an uns durch Verabreichung schlechter Kost versündigten, aber das Mädchen übte einen unwiderstehlichen Reiz auf uns aus, wir blieben Stammgäste trotz der schlechten Kost. Mich schien sie besonders ins Herz geschlossen zu haben, trotzdem sie für Militär kein besonderes Faible hatte. Als sie mir nun auf der Rheinbrücke begegnete, präsentierte ich mich ihr sofort in meiner neuen Würde, immer fleißig militärisch grüßend, damit sie meine Handtreffen bewundern sollte. Ich kehrte mit ihr um, sie nach Hause zu begleiten, und als wir so recht in tiefem Gespräch verwickelt sind, klopft mir jemand mit dem Stiele der Reitpeitsche auf die Schulter und ruft schnarrend:[13] »Sie, – warum grüßen Sie nicht?!« Der Lieutenant Cäsar stand vor mir und kanzelte mich in Gegenwart der schönen Blondine so lange herunter, daß ich Not hatte, meine Schöne, die schließlich vorausgeeilt, wieder einzuholen. »Sehen Sie,«[14] empfing sie mich, »man kann mit euch Soldaten nicht über die Straße gehen« und kaum hatte sie dies für mich so harte Wort gesprochen, als mein Hauptmann Lachner uns entgegenkam Abermals mußte ich sie allein weiter gehen lassen und Front machen. Mein Hauptmann hatte mir den Rücken zugekehrt und sich in ein Gespräch mit einem Herrn verwickelt, er sah mich nicht und ließ mich endlos lange in Front dastehen, während meine Schöne in der Straße verschwand.

Am andern Mittag zum Appell las der Feldwebel den Parolebefehl vor: Bombardier Junkermann erhält 24 Stunden Mittelarrest, weil er dem Herrn Lieutenant Cäsar nicht die vorschriftsmäßigen Honneurs gemacht!

Ein trauriges Ende nahm der erste Bombardiertag. Ich wechselte auch mein Kosthaus und habe mich später vor der schönen Blondine nie wieder sehen lassen.

Quelle:
Junkermann, August: Memoiren eines Hofschauspielers. Stuttgart [1888]., S. 1-15.
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