XXIV.

[202] Ich glaube nicht, daß je ein deutscher Schauspieler unter ungünstigeren Gastspielbedingungen nach Amerika gegangen ist, als sie mir geboten waren. Ich hatte abzüglich von 500 Dollars Tageskosten ein Drittel der Netto-Einnahmen ohne jegliche Garantie, und zwei Benefize mit halben Einnahmen. Mit 1400 Dollars ist das Thalia-Theater ausverkauft, und 1000 Dollars sind gute Durchschnitts-Einnahmen, also selbst bei vollen Häusern geht die halbe Einnahme für Tageskosten ab. Bei nur halbbesetzten Häusern hätte ich also nichts bekommen, und doch hatte ich Abende, an denen ich auf mein Drittel 300 Dollars = 1200 Mark, auf meine Hälfte über 400 Dollars = 1600 Mark einnahm. Ich glaube, daß dem Direktor Amberg diese hohen Kosten in Wirklichkeit erwachsen. Die Erhaltung deutscher Theater in New-York erfordert unendliche Summen, und Direktoren, die sich in New-York Reichtümer erwerben, gibt es bis jetzt nicht. Neuendorff mußte sein Theater wieder schließen. Die deutsche Oper besteht nur durch enorme Zuschüsse der reichen Amerikaner. Conried vermag sich nicht durch Theaterunternehmungen in gute Verhältnisse zu bringen; auch Amberg hat bisher nichts erworben, aber letzterer geht mit seinem Theater einer schönen Zukunft entgegen, wenn ihn nicht unvorhergesehenes Unglück trifft. Er hatte die beste Saison im vergangenen Winter. Possart hat ihm anhaltend ausverkaufte Häuser gemacht; was einzunehmen war, hat Amberg mit Possart monatelang eingenommen.

Amberg hat vor kurzem den Grundstein zu einem zweiten[203] deutschen Theater gelegt, und wenn einer imstande ist, der deutschen Kunst eine Heimstätte in New-York zu schaffen, so ist es Amberg mit seiner Rührigkeit, seinem Spekulationsgeiste und seiner Arbeitskraft.

Es ist merkwürdig, was von deutschen Künstlern nach New-York geht, verfällt Amberg, mögen sie Kontrakt abgeschlossen haben, mit wem sie wollen. Deutsche Schauspielunternehmungen in New-York halten sich absolut nur unter Amberg; wenn Conried und andere sie resultatlos aufgegeben, gedeihen sie noch bei Amberg. Er versteht die amerikanische Reklame, und schießt er auch zuweilen über das Erlaubte hinaus, man belächelt seine Einfälle, aber sie schaden ihm nicht. Immer findet er etwas Neues, womit er sein Publikum reizt. Als Reuters »Hanne Nüte« zur Aufführung fertig einstudiert war, ließ er sich als Affiche ein Bild verfertigen, worauf er in frappanter Maske vor seinem Theater stand, neben ihm Fritz Reuter auf der einen, ich in der Rolle des Snut auf der andern Seite; das Publikum drängt sich auf dem Bilde die Treppe zum Theater hinauf, einige fallen links und rechts die Treppe hinunter, andere schieben die Massen die Treppen hinauf, in den drolligsten Situationen. Unter das Bild hatte er setzen lassen: So war es immer in Hanne Nüte!

Als wir das Lustspiel »Goldfische« gaben, hatte er sich wieder etwas Neues ausgedacht; er ließ Plakate anschlagen, auf denen ich als Riesengoldfisch im Wasser herumschwamm, der Kopf war mein Porträt. Es war sehr gut gemeint, aber die Rolle des Bensberg, die ich in dem Stücke spielte, hat gar nichts mit dem Titel Goldfische gemein, sondern die Damenrollen im Stücke motivieren bekanntlich den Titel.

Ambergs drei Gäste der Saison: Possart, Bötel und ich, prangten in überlebensgroßen Porträts den ganzen Winter hindurch vor seinem Theater. Es ist Marktschreierei, aber Amberg ist nicht davon abzubringen, er meint Amerika verlange das. Er mag Recht haben, indes auf frisch importierte Deutsche macht es einen üblen Eindruck. Durch solche Manöver wird Amberg oft verkannt, aber er ist bei alledem ein Geschäftsmann durch und[204] durch, business ist sein Lieblingswort, und jeder meiner Kollegen, der etwas ihm geleistet und geschäftlich mit ihm zu thun hatte, wird mir beistimmen: er ist bei aller Reklamesucht reell, und in Gelddifferenzen kommt kein Gast mit ihm, wenn er seine Schuldigkeit thut. Jedem es recht zu machen, gelingt auch in Deutschland keinem Direktor. Es sind viele Unwahrheiten über Amberg in die deutsche Presse gedrungen – ich kann ihm nur das beste Zeugnis geben, und wenn er mich wieder ruft, gehe ich ohne Konkrakt zu ihm. Sein Wort genügt mir!

Die deutsche Schauspielkunst hat in Amerika einen schweren Stand, denn der amerikanische Bühnenapparat verschlingt den größten Teil der Einnahmen. In New-York leben gegen 500000 Deutsche, von denen die Mehrzahl das deutsche Theater gar nicht oder nur bei Gastspielen und außergewöhnlichen Gelegenheiten besucht. In den englischen Theatern wird meist wirklich Vorzügliches dem Publikum geboten. Das deutsche Publikum besucht daher lieber die englischen als die deutschen Theater. Leicht erklärlich! Der deutsche Eingewanderte muß in seinem Geschäftsleben absolut der englischen Sprache sich vollkommen bedienen können, und findet in den englischen Theatern neben seiner Unterhaltung auch die beste sprachliche Belehrung. Und hat auch das Deutschtum im Auslande seit der Neugestaltung Deutschlands an Macht und Ansehen ungemein gewonnen, die Schwäche, das Ausländische dem Deutschen vorzuziehen, bleibt dem Deutschen anhaften.

Ich kann nicht leugnen, daß auch auf mich die englischen Theater großen Eindruck gemacht haben, und hat man sich erst mit den Eigentümlichkeiten in der Darstellung der englischen Schauspieler befreundet, so bieten ihre Vorstellungen großen Genuß.

Die Theater selber sind mit großem Luxus und Komfort versehen, ihre Foyers – namentlich im Daly-und Madison-Square-Theater – ungemein gemütlich und reich ausgestattet. Die Stücke werden alle ohne Souffleur gespielt, was unschwer angeht, da die englischen Gesellschaften ihre Stücke monatelang[205] jeden Abend geben, während im deutschen Theater fast jeden Abend eine andere Vorstellung stattfinden muß.

Der berühmte amerikanische Schauspieler Jefferson spielt sein Stück »Ripp Van Winkle« seit 20 Jahren und bereist mit dem einen Stücke sämtliche amerikanischen Bühnen im Norden, Westen und Süden. Jefferson hat auf mich einen gewaltigen Eindruck gemacht. Die Komödie hatte mich derart aufgeregt, daß ich die Nacht nach der Vorstellung kein Auge schließen konnte. Ich ging immer mit dem Gedanken um, das Stück für die deutsche Bühne zu gewinnen, allein bei ruhigerem Nachdenken gewann ich die Ueberzeugung, daß ein deutsches Publikum es ablehnen würde. Jefferson schläft in dem Stücke 25 Jahre lang, nachdem nach dem 2. Akte der Vorhang gefallen, und so wunderbar auch seine Maske, sein Spiel im 3. Akte ist – das deutsche Publikum würde die Annahme nur in einem Märchen goutieren, daß ein Mensch 25 Jahre lang geschlafen hat. Aber, wie gesagt, Jeffersons Erwachen ist das Großartigste, was die Schauspielkunst zur Anschauung bringen kann, er spielt eine ganze Verwandlung, die wohl eine Viertelstunde währt, ohne ein Wort zu reden, nur Pantomime mit entsprechender Musik. Ich war hingerissen von der Gewalt der realistischen Darstellung, allein nach ruhiger Ueberlegung sagte ich mir: es gehört das amerikanische Publikum dazu, das deutsche würde keinen Geschmack daran finden, von einem Schauspieler eine Viertelstunde lang von der Bühne herab kein Wort reden zu hören, es sei denn, daß das Werk ein Ballet oder eine Pantomime.

Im Madison-Square-Theater sah ich »Jim, the Penman«, ein ungemein effektvolles Drama, aber wieder nach amerikanischem Zuschnitt. Der Deutsche verlangt, daß ihm durch gute Darstellung vergessen gemacht werde, daß er im Theater sitzt, er will ins wirkliche Leben versetzt sein – in den amerikanischen Theatern beginnt bei jeder bedeutenden, wichtigen Stelle des Dialogs eine unsichtbare Musik, und ist man hingerissen von dem vortrefflichen Spiel, daß man sich der Wirklichkeit gegenüber wähnt, so erinnert einen die beginnende Musik sofort daran,[206] daß man im Theater ist – dem Amerikaner indes erhöht sie den Genuß. Allerdings ist die Musik stets außerordentlich charakteristisch dem Ganzen angepaßt, allein sie wird nicht als Melodrama angewandt, sondern vielmehr als Zeichen fürs Publikum, daß nun eine wichtige Stelle, ein längeres stummes Spiel folgt. Ich sah Miß Booth im Madison-Square-Theater eine solche stumme Scene spielen, die mir unvergeßlich bleiben wird. Sie entfaltet einen Brief, dessen Inhalt in ihr den Verdacht aufkommen läßt, daß ihr Mann, der bisher als unbescholtener Kaufmann Millionen erworben und sich des Rufes größter Reellität erfreut, der Penman, der Fälscher von Wechseln und Schriftstücken sei. Die unsichtbar, oben in den Soffiten hinter dem Vorhange oder auf dem Schnürboden plazierte Musik beginnt, Miß Booth starrt abwechselnd den Brief und ihren Gatten an, der ihr auf einem Sofa gegenübersitzt. Die Veränderung ihres Gesichtsausdruckes, die Art, wie sie den Brief ihrer Hand entgleiten läßt, ihn wieder aufhebt, ihn langsam in der Hand zerknittert, ihre Blicke auf ihren Gatten wirft, der durch den Ausdruck ihres Auges zuletzt die Fassung verliert und in Zuckungen zusammenbricht – es war ein Meisterstück der Mimik, eine Gewalt der Darstellung, wie ich sie selten habe auf mich einwirken sehen.

Dazu die Wahrheit und Natürlichkeit der Scenerie in den englischen Theatern, keine Leinwandkulissen und -thüren, wirkliche Salons mit kostbaren Tapeten und naturgetreuen Ausschmückungen, jede Thür ist aus Holz und fällt hörbar ins Schloß. Nichts stört dem Zuschauer die Illusion. Schade, daß sie durch unmotiviertes Anwenden von Musik so oft wieder genommen wird!

Ich mußte bei diesen Wahrnehmungen so oft an die »Meininger« denken, und wenn ich ihnen zu raten hätte, würde ich sie veranlassen nicht nach Amerika zu gehen – die Amerikaner sind ihnen »über«!

In dem Kadelbnrg-Schönthanschen Lustspiele: Goldfische, das unter dem Titel »Railroad of love« im Daly-Theater[207] gegeben wurde, beginnt im letzten Akte, als Bensberg die Geliebte gefunden, plötzlich die Musik, und beide tanzen den frivolsten Cancan. Da capo erschallt es im ganzen Hause, und der Tanz wird oft 2–3 Mal exekutiert. Das Stück wurde später im Thalia-Theater deutsch gegeben, natürlich original, ohne den Tanz, und das Stück hatte keinen Erfolg; die wiederholten Aufführungen blieben leer, während im Daly-Theater der Besuch des Stückes monatelang anhielt.

Auf Ausstattungen giebt das amerikanische Publikum außerordentlich viel. Es wurde in der Academy of Music ein Ausstattungsstück gegeben, in welchem in einem Akte die ganze Bühne in ein 7 Fuß tiefes wirkliches Wasserbassin verwandelt war. Auf dem Wasserspiegel fuhr ein Dampfschiff mit richtigem Dampfgetriebe, im Hintergrunde fand eine Ruder-Regatta von mindestens 12–15 Booten statt. Die Darstellerin der Titelrolle fällt ins Wasser, bleibt lange Zeit unter dem Wasser und wird schließlich bei kalospinthechromokreneartiger Beleuchtung im Meere schwimmend gerettet.

Nachdem der Vorhang gefallen, wird gerufen, und die Darsteller erscheinen sämtlich von Wasser triefend, starrend vor Frost, vor dem Publikum.

In einem späteren Akte wird die Hauptdarstellerin vergiftet; es spielt nun wieder unter Musik der ganze Vergiftungsprozeß mit konvulsivischen Zuckungen bis zum letzten Atemzuge. Als die Vergiftete dabei eine Weile im Starrkrampf liegend dem Publikum den Rücken zuwendet, schminkt sie sich das Gesicht blau und gelb und wendet sich dann wieder dem Auditorium zu, durch das nun ein Schrei des Entsetzens geht. Meine Frau saß neben mir und wurde ohnmächtig, ich mußte sie nach der Scene hinausführen. – –

Die Herren besuchen die englischen Theater in Frack und weißer Binde und die Damen in großer Toilette. Einen prachtvollen Anblick gewahrt im Metropolitan-Opera-House der erste Rang. Die Amerikaner lieben Brillanten, und die elegante[208] Damenwelt im Opernhause sitzt da – so dekolettiert, daß die Parquetbesucher sich das Schielen angewöhnen könnten –, mit Brillantschmuck von unermeßlichem Werte angethan; der Glanz und Luxus überstrahlt jede Festvorstellung in einem deutschen Hof- oder Stadttheater.

Auch Henry Irving, der englische Tragöde, gastierte zu meiner Zeit in Amerika. Die englische Darstellungskunst stellt sich auf einen ganz anderen Standpunkt als die deutsche, wie ich schon sagte. Erst kommt der »Schauspieler,« dann nochmal der »Schauspieler«, und ganz zuletzt kommt erst die Dichtung. Trotz aller Virtuosen-Kunststückchen, von denen ja auch die deutschen Künstler nicht frei sind, würde es doch niemand wagen, so alle Pietät zu verletzen und sich eine »klassische« Dichtung gleichsam wie ein Kostüm passend zurecht zu schneiden. Was Henry Irving darin als »Mephisto« leistet, ist unglaublich. Das Stück müßte eigentlich nur noch »Mephisto« genannt werden und nicht »Faust!« Ich bin überzeugt, Göthe liegt schon längst nicht mehr in normaler Lage in seinem Sarge, denn wie hier an dieser seiner wunderbaren Dichtung gefrevelt worden ist, das ist gradezu haarsträubend; mit souveräner Hand hat Irving Scenen versetzt, einfach gestrichen, was ihm nicht gepaßt hat, so daß wir Deutsche unsern »Faust« gar nicht wieder erkennen. Doch er ist »Henry Irving«! Herzoginnen liegen ihm zu Füßen, obwohl er nicht an überflüssiger Schönheit leidet, und die Londoner rennen ins »Lyceum« wie toll, ob er nun »Marchand of Venise« oder »Faust« spielt. Was ist ihm Hekuba? – oder die Pietät vor deutscher Dichtung, wenn es ihm nur englisches Geld einbringt?! –

Das gesellschaftliche Leben New-Yorks bereitete uns ungemein angenehme Abende. Der Amerikaner besitzt bekanntlich eine Gastfreundschaft, die ihresgleichen sucht. Die deutschen großen Vereine »Liederkranz« und »Arion« haben sich Paläste hingebaut, in deren unendlich gemütlichen Räumen deutsches Wesen, deutsches Leben den Fremden so anheimelnd berührt. So manchen schönen Abend habe ich dort verlebt. Ich war[209] mit Alexander Strakosch zu einem Familienabend im »Liederkranz«, wir wurden ungemein herzlich aufgenommen, vom Präsidenten Steinway aufs wärmste begrüßt, und als wir unsern Dank für so viel Liebe und Verehrung durch den Vortrag einiger Rezitationen ausdrückten, kannte der Jubel keine Grenzen. Wir gaben für den jenseits des Ozeans bewahrten Sinn für deutsche Poesie die Blüten deutscher Dichtungen, und herrlich waren die dort verlebten Stunden der Nacht.

Auch die Familienkreise erschlossen sich mir immer mehr, manch liebe Bekanntschaft habe ich dort gemacht, und sollten diese Blätter den Weg über den Ozean finden, so seid durch sie herzinniglich gegrüßt, ihr lieben Freunde drüben, vor allem die lieben Familien Beringer, de Grimm, Häuser, Hauser, Jesselson, Isidor, Keppler und Stanley. Der Ozean liegt wieder zwischen uns, aber das Gefühl der Dankbarkeit für euch vermag er nicht mit allen seinen Wellen aus meinem Herzen zu spülen! Wenn es Gottes Wille ist, werde ich noch einmal zu euch hinüberkommen und rufe euch: »Auf Wiedersehen!« zu. Die Stunde kommt und meine Freude wird grenzenlos sein.

Auch Brooklyn wandte sein Herz mir zu. Von einem Abende, dort verlebt, berichtet die Brooklyner »Reform« wie folgt:


Mit der Abendunterhaltung, welche der Onkel Bräsig-Verein letzten Sonntag in Winters Teutonia-Halle inscenierte, beginnt eine neue Epoche in der Geschichte des Vereins. Abendunterhaltung stand auf dem Programm, zu einem Jubelfeste in des Wortes ureigenster Bedeutung aber gestaltete sich die Affäre in Wirklichkeit. Die geräumige Halle war bis zum letzten Winkel gefüllt, teils von Freunden des festgebenden Körpers, teils von den enthusiasmierten Anhängern des berühmten Darstellers der Reuterschen Volkscharaktere, August Junkermann. Die Hauptaufmerksamkeit konzentrierte sich selbstverständlich auf die gefeiertste Persönlichkeit, auf den hohen Gast Junkermann. Mit nicht endenwollendem Jubel und mit flammender Begeisterung wurde er empfangen und den ganzen Abend verehrt. Kurz nachdem der Bruderverein »Schurr Murr« von Newark eine hübsche Gedenktafel überreicht hatte, erschien die Hünengestalt[210] des gottbegnadeten Künstlers auf der Bildfläche. Sofort wurde der Herr von den Komitemitgliedern auf die Bühne gelotst, allwo zunächst Vizepräsident Otto Suhr eine schwungvolle und begeisterte Begrüßungsrede hielt, welche sowohl auf den Gast als auch auf die Zuschauer einen mächtigen Eindruck machte. Hierauf trat Herr Dr. August Reimer hervor und überreichte Herrn Junkermann ein von dem bekannten Zeichner William Vollmeyer schön ausgeführtes Diplom, welches den berühmtesten aller Reuter-Interpreten zum Ehren-Mitglied des Onkel Bräsig-Vereins ernannte. »Mögen Sie, in der alten Heimat wieder angelangt, beim Anblicke dieses Diploms stets eingedenk sein, daß auch hier über dem Ozean treue und warme Herzen für Sie schlagen in voller und ganzer Würdigung Ihres künstlerischen Schaffens, und daß diese Herzen darnach verlangen, Sie nächstes Jahr wieder zu sehen« – das waren die markigen Worte, mit welchen Dr. Reimer sich seiner ehrenvollen Aufgabe entledigte. Unmittelbar hernach reichte Präsident Jakobsen dem ersten und bis jetzt einzigen Ehrenmitgliede die Hand und hieß ihn als solches herzlich willkommen. Auch für die treue Gemahlin des verehrten Gastes hatte das Komite eine kleine Ueberraschung, leider war die Dame wegen Unpäßlichkeit abgehalten, zu erscheinen. Indessen war Mitglied Lüders rasch entschlossen und übergab den prachtvollen Blumenkorb mit passenden Worten dem Herrn Gemahl selbst mit der Bitte, denselben mit den herzlichsten Grüßen an seine Adresse gelangen lassen zu wollen. Ueberwältigt von solch inniger Verehrung und liebevoller Zuvorkommenheit gebrauchte der gewandte Darsteller mehrere Sekunden Zeit, um sich von seiner Rührung zu erholen; dann begann er mit seinem klaren und sonoren Organ seinen tiefgefühltesten, herzinnigsten Dank auszusprechen, zugleich versichernd, daß er diesen Augenblick zu dem schönsten seines Lebens rechnen darf und daß er, wenn er einst in seinem Erkerstübchen im schönen Stuttgart sich den Erinnerungen an vergangene Zeiten und Erlebnisse überlasse – daß er mit Stolz und Dankbarkeit desjenigen Vereins gedenken werde, welcher den Namen des Mannes führt, dem er sein Alles zu verdanken habe. Mit der Aufforderung, auf den Onkel Bräsig-Verein ein dreifach donnerndes Hoch auszubringen, in welches das Auditorium jubelnd einstimmte, schloß Herr Junkermann seine sichtbar von Herzen gekommene Dankesrede. Damit war der offizielle Akt beendigt. Der geniale Künstler konnte es[211] jedoch nicht über sich bringen, stummer Zuschauer zu bleiben, es trieb ihn dazu, dem animierten Auditorium auch eine kleine Ueberraschung zu bereiten, und so rezitierte er im Laufe des Abends einige urkomische und humorvolle Abschnitte aus »Ut mine Stromtid« und bewies durch den meisterhaften Vortrag, daß er einer jener urechten Künstler ist, welche in ihren Rollen, und sei es auch die kleinste, vollständig »aufgehen«. Am Tische wurde Herrn Junkermann seitens unseres Dichters Hartmann noch eine große Freude bereitet, indem letzterer dem Künstler mit einer gebundenen und schwungvollen Vorrede seine Erstlingsblüten dedizierte. Der Onkel Bräsig-Verein hat seinem berühmten Landsmanne und noch berühmteren Künstler bewiesen, daß auch hier zu Lande noch Herzen schlagen, welche wahre und reine Kunst zu würdigen wissen und über dem Jagen nach dem mächtigen Dollar nicht vergessen und nicht verabsäumen, dem Verdienst die Krone zu reichen. Der Onkel Bräsig-Verein hat gezeigt, daß er es noch versteht, deutsche Sitten, deutsche Gebräuche, deutsche Gemütlichkeit zu kultiviern.


Die Schlaraffia in New-York hatte sich meiner außerordentlich liebenswürdig angenommen, auch ihr verdanke ich so manchen schönen Abend. In der letzten Festsippung verabschiedete man mich mit folgendem:


Wir sippten zusammen manch' herrliche Nacht

Und freudig die Pulse schlugen,

Es glühten die Herzen, die uns mit Macht

Hinauf in den Himmel trugen.

Es rauschte im schäumenden Jugendmut

Des Jubels tosende Welle,

Die Adern durchrollte feurig das Blut,

Es blitzten die Augen so helle.

Ja, in Schlaraffias glücklichem Heim

Durchströmte uns selges Entzücken,

Wir pflanzten zu Schönem und Gutem den Keim,

In wechselseit'gem Beglücken. –

Im Fluge der Stunden gedachten wir bloß:

Dies Feuer muß ewig brennen, –

O Schicksalswege, o Menschenlos, –

Wir müssen uns wieder trennen. –[212]

Illüstrer Bräsig, du Rufer im Streit,

Aus edelstem Stamme entsprossen –

Bald eilest du tausende Meilen weit,

Und läßt allein die Genossen.

Wir sippten mit dir manch' herrliche Nacht

Und freudig die Pulse schlugen,

Es glühten die Herzen, die uns mit Macht

Hinauf in den Himmel trugen. –

Denk' dieser Stunden und dabei auch

Au Nova-Yorkias Sassen,

Die treu, nach gutem Schlaraffenbrauch,

In ihre Herzen dich fassen.

Doch steht in leuchtendem, prächtigen Glanz

Dein Bild, das nie kann erbleichen,

Weil Liebe schlingt duftig der Freundschaft Kranz

Als stetes Erinnerungszeichen! –

Quelle:
Junkermann, August: Memoiren eines Hofschauspielers. Stuttgart [1888]., S. 202-213.
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