Sechstes Kapitel

Wohnräume.

[34] Heutzutage gehört eine geschmackvolle kunstsinnige Wohnungseinrichtung mit zum guten Ton.

In der Einrichtung seiner Wohnräume kann man viel Bildung und Zartsinn an den Tag legen.

Man soll vor allen Dingen seine Wohnräume seinen Verhältnissen angemessen einrichten.

Äußerer Prunk, der mit persönlichen Verhältnissen im Widerspruch steht, wirkt in jeder Form abstoßend, vor allem bei Wohnungseinrichtungen.

In erster Linie soll man bei der Einrichtung einer Wohnung die Bequemlichkeit im Auge haben.

Der Luxus komme erst in zweiter Reihe zur Geltung, soweit er sich mit der Bequemlichkeit vereinen läßt.

Von der luxuriösen Ausstattung unserer Wohnräume haben wir immer nur einen zeitweiligen,[34] von der Bequemlichkeit hingegen einen beständigen, alltäglich sich wiederholenden Genuß.

Einem steifen, eleganten Fauteuil, auf den man sich knapp hinzusetzen traut, einem prächtigen, kunstvollen Sofa, dessen Ausstattung dem müde und abgespannt heimkehrenden Hausherrn kein gemütliches Ausruhen gestattet, soll jeder einigermaßen vernünftige Mensch bequeme, einfache Lehnstühle, ein zweckentsprechendes, Behagen spendendes Sofa für den täglichen Gebrauch vorziehen, denn wir richten uns doch nicht nur zur Augenweide anderer, sondern zu unserer eigenen Behaglichkeit ein.

Wer sich neben solchen unentbehrlichen, bequemen Möbelstücken auch noch luxuriöse Möbel, die nur fürs Auge sind, anschaffen kann, der tue es getrost, denn wie sollten sonst die modernen Werkstätten, die so herrliche, stilvolle Gebilde auf diesem Gebiete schaffen, zu ihrer Rechnung kommen?!

Man bedenke, daß die einfachste Einrichtung harmonisch wirkt, wenn sie sauber, geschmackvoll und taktvoll geordnet ist.

Ein paar frische Blumen am Fenster, einige Stiche an den Wänden, zierliche Handarbeiten, duftige weiße Gardinen, ein niedlicher Nähtisch können dem einfachsten Raum einen höchst behaglichen, harmonischen Anstrich verleihen, so daß[35] selbst das Auge des Verwöhnten gerne darauf weilt.

Auch hier gibt wieder eine gewisse Poesie, mit der alles geordnet ist, den Ausdruck.

Vor allen Dingen gehört natürlich die peinlichste Sauberkeit einer Wohnung zum guten Ton.

Selbst die Wohnzimmer einer beschränkten Häuslichkeit müssen stets, wenn auch noch so viel und so emsig darin geleistet und gearbeitet wird, so aussehen, daß sie das Auge eines etwaigen Besuchers nicht zu scheuen brauchen.

Sauberkeit und Gemütlichkeit sei das Motto eines jeden Wohnraumes.

Zu Schlafzimmern wähle man unter allen Umständen die besten, luftigsten Zimmer.

Das gehört auch zum guten Ton.

Wenn es irgend angeht, suche man sich bei der Einrichtung seiner Wohnung ein Besuchszimmer einzurichten, da solches besonders in kleineren Häuslichkeiten, wo die Wohnräume nicht so geschont bleiben können, fast eine Notwendigkeit wird.

Ein solches Zimmer braucht aber durchaus nicht überladen zu sein. Es kann ein wenig eleganter eingerichtet sein als die anderen Räume, ohne die nötige Gemütlichkeit vermissen zu lassen.

Einer gewissen Gemütlichkeit darf selbst die prunkvollste Einrichtung nicht entbehren.[36]

Man muß sich auch von einem eleganten Zimmer angeheimelt fühlen, wenn man es betritt. Der seine Geist seiner Bewohner muß es gleichsam durchströmen und sich auf die Möbel und Kunstwerke, die es beherbergt, übertragen haben.

Ein buntes Durcheinander von Kunstgegenständen, Möbeln usw., die in ihrer Eigenart nicht zueinander passen, nicht miteinander harmonieren, wirkt höchst unschön.

Harmonie ist die Grundbasis jedes guten Tones, und diese herstellen zu können in einer Einrichtung, muß der Besitzer vor allen Dingen mit Wesen, Eigenart und Zweck der Einrichtungsgegenstände bekannt und vertraut sein.

Man muß genau wissen, von wem ein Bild, das an der Wand des Zimmers hängt, gemalt ist, was es darzustellen beabsichtigt; man muß den Inhalt der Bücher und Kunstmappen, die man in seinem Bücherspind beherbergt oder die auf den Tischen liegen, einigermaßen kennen.

Die Besitzer müssen wissen, welchem Stil die Form ihrer Möbel entsprang, ob die Uhr auf dem Kamin eine Nachahmung aus der Louis quartorze-Periode, ob die Nippesfiguren aus Meißen oder Sèvre, ob die Statuen in den Nischen eine Venus, Diana oder Minerva darstellen.

Mit einem Wort, sie müssen auf einigermaßen vertrautem Fuß mit ihren Besitztümern stehen,[37] wenn sie dem guten Ton in der Einrichtung Rechnung tragen wollen.

Die Einrichtung muß sozusagen mit der Richtung und den Anschauungen der Besitzer sympathisieren.

Fühlt sich jemand für Einrichtung seiner Wohnräume persönlich nicht kompetent genug im Geschmack, so soll er getrost einen sachverständigen Freund mit zu Rate ziehen.

Kinderzimmer sollen mit besonderer Vor- und Umsicht eingerichtet sein.

Vor allen Dingen müssen es große, lustige Räume sein.

Wer es irgend möglich machen kann, sollte Kindern neben dem Schlafzimmer noch ein extra Spiel-, respektive Arbeitszimmer einrichten, da es nicht besonders günstig für die Gesundheit ist, in Zimmern zu schlafen, in denen sich bereits am Tage, durch beständigen Aufenthalt, die Luft verdickt hat.

Es ist gut, die Fenster in Kinderzimmern, wo jüngere Kinder sich aufhalten, nach unten halb zu vergittern, zur Verhütung von Unfällen.

Auch beleuchte man aus letzterem Grunde ein Kinderzimmer möglichst durch eine an der Decke angebrachten Lampe. Stehlampen sollen in Kinderzimmern durchaus vermieden werden.[38]

Man richte ein Kinderzimmer einfach, praktisch, aber dem Kindesauge wohlgefällig und freundlich ein.

Kinderaugen sollen zur Ausbildung eines gewissen Schönheitssinnes immer auf möglichst angenehmen, freundlichen Bildern in ihrer Umgebung haften.

In Kinderzimmern ist häufiges Lüften besonders am Platz.

Man sorge dafür, daß die Ordnung im Kinderzimmer nicht durch übermäßiges Anhäufen und Durcheinanderwerfen von Spielsachen beeinträchtigt wird.

Kinder sollen von Jugend auf daran gewöhnt werden, ein Spielzeug erst fortzuräumen, ehe sie zu einem neuen greifen.

Die Beleuchtung in Arbeitsräumen der Kinder soll ganz besonders hell und ausreichend sein, um der Kurzsichtigkeit, durch übermäßige Augenanstrengung, vorzubeugen.

Zum Arbeiten müssen die Kinder an kleinen hygienischen Schreibpulten sitzen, um ungünstiger Haltung und Körperentwicklung, auf Grund mangelhafter Schreibvorkehrungen, vorzubeugen.

Kinderzimmer sollen in der Nähe der Wohnräume der Eltern liegen, damit diese die Kinder gehörig zu überwachen imstande sind.[39]

Zu jeder Häuslichkeit, die einigermaßen auf guten Ton Anspruch macht, sollte ein Badezimmer gehören.

Möbel, die zu unbenutzt und neu aussehen, machen den Eindruck der Parvenümäßigkeit.

Man soll die Ausstattungen seiner verschiedenen Wohnräume möglichst ihren Zwecken anpassen.

Den Musiksalon dürfen keine auf Gastronomie bezüglichen Gemälde, keine Kriegerstatuetten schmücken. Dem Speisesaal sollen keine Allegorien ernsterer Art zum Wandschmuck dienen.

Wer sich den Luxus blühender Blumen in seinem Zimmer gestattet, muß Sorge tragen, daß sie stets in frischem Zustand erhalten oder durch neue ersetzt werden.

Abgeblühte oder gar welke Töpfe machen einen höchst unästhetischen Eindruck.

Türen und Fenster müssen in einem gut organisierten Hausstand geräuschlos schließen.

Den Korridor belege man mit Decken.

Durchs Schlafzimmer führt man nur sehr intime Bekannte. Zu Stunden, wo Besuche erwartet werden können, darf nicht aufgeräumt werden. Die Küche soll möglichst entfernt von Wohn- und Speiseräumen liegen.

Es gehört nicht zum guten Ton, wenn Gäste den Duft der Speisen, die ihnen serviert werden sollen, schon vorher einatmen.[40]

In der Küche soll man auf ganz besondere Ordnung und Sauberkeit halten. Das gehört auch mit zum guten Ton einer Häuslichkeit. Man kann Sauberkeit und Ordnung auch in der kleinsten Küche herstellen, wenn man alle Gefäße und Küchenmöbel stets blank und sauber hält und jeden durch Abfälle verursachten Unrat sofort entfernt. Eine sehr zweckmäßige Einrichtung der Neuzeit ist, blanke Messing- und Kupferkessel hinter einem Glasverschlag in der Küche aufzuhängen, da sie vor allzu schnellem Anlaufen durch Kochdämpfe geschützt sind und lange sauber und blank bleiben.

Ein länglicher weißgescheuerter Anrichtetisch in der Mitte der Küche, gibt einen sauberen Eindruck und ist höchst praktisch.

Der Anblick der Küche einer Häuslichkeit soll unter allen Umständen dazu angetan sein, den Appetit zu reizen, nicht aber ihn zu verderben.

Eine jede komfortable Wohnung muß eine Speisekammer haben. Diese muß gut ventiliert sein und kühl liegen. Man versieht sie mit Regalen, auf denen die Vorräte praktisch und symmetrisch so angeordnet sein müssen, daß man möglichst schnell das Nötige herausfindet.

Eine große Annehmlichkeit für die Hausfrau ist ein besonderes Schrankzimmer, da Wäsche und Kleider in Räumen, die nur dem Zwecke ihrer[41] Aufbewahrung dienen, am besten gegen Staub gegeschützt werden können.

Im Speisezimmer soll man nach der Mahlzeit stets das Fenster eine Zeitlang öffnen.

Es ist nicht guter Ton, wenn etwaige Besucher schon beim Eintritt merken, was die betreffende Familie zu Mittag gespeist hat.

Ein überheiztes Zimmer ist höchst lästig.

Man soll aber seine Gäste im Winter auch nicht in zu kühlen Räumen aufnehmen.

Erwartet man Gäste, so hat man bei der Erwärmung der Zimmer hierauf Rücksicht zu nehmen, indem durch die Anhäufung von Menschen ein Raum an und für sich schon wärmer wird und aus diesem Grunde mäßiger als gewöhnlich geheizt werden muß. Auch auf die durch größere Beleuchtung verursachte Wärme muß man rechnen.

Es ist unpassend, seine Gäste in einem Zimmer aufzunehmen, dessen Möbel mit Kappen bezogen sind.

Die erste Hauptsorge einer Hausfrau muß auf gehörige Ventilation in ihren Wohnräumen gerichtet sein.

Häufiges Lüften und Klopfen der Vorhänge und Teppiche ist erforderlich und notwendig, nicht nur aus Gesundheitsrücksichten, sondern weil eine[42] reine behagliche Atmosphäre ebenfalls zum guten Ton einer Häuslichkeit gehört.

Im Vorflur einer Wohnung muß ein Schirmständer und ein bequemer Spiegel angebracht sein.

Man muß Sorge tragen, daß die Hausklingel stets in Ordnung ist. Einen Gast längere Zeit draußen verweilen zu lassen, weil die Hausklingel versagt, ist gegen den guten Ton. Ein diesbezüglicher Schaden muß sofort repariert werden.[43]

Quelle:
Kallmann, Emma: Der gute Ton. Berlin 1926, S. 34-44.
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