Frack oder Smoking

[25] Das Tier schützt sich durch Kleidung, der Reiche putzt sich auf, der elegante Mensch zieht sich an! Balzac sagt das. – »Der elegante Mensch zieht sich an –«, wenn er das nur täte! Ich habe hier nichts mit englischer und deutscher Tischzeit zu tun, nichts mit den Schwierigkeiten des »Umzugs« – ich verlange eben kategorisch, daß die bessere Gesellschaft sich anzieht, wenn sie z.B. ins Theater geht. Ich verlange das, gestützt auf die Tatsache, daß nur noch in Ausnahmefällen an Wochentagen die Logen der Theater von »unangezogenen« Menschen besetzt sind. Es ist viel, viel besser geworden in den letzten Jahren in Berlin.

»Elegant« darf kein Mann im Abenddress sein. Auch nicht etwa »chic«. Einzig und allein gut angezogen. Gut angezogen zu sein, erreicht man jedenfalls nicht dadurch, daß man die Schneiderkataloge zur Hand nimmt und mit Befriedigung daraus entnimmt, daß der Smoking hinten keinen Schlitz haben darf. »Darf« sagt der Katalog, »darf« und »muß«. Und diesem »Muß« fügen sich Millionen Männer in Deutschland. Dadurch hat noch niemals ein Mann den Eindruck erweckt, daß er gut angezogen sei.

Es ist bedauerlich, daß der Frack nicht für die Öffentlichkeit das einzigste abendliche Kleidungsstück bleibt. Der Smoking ist und bleibt nun einmal das Gewand der vier Wände. Um ihre Damen nicht durch den anhaftenden Zigarrendunst zu belästigen, vertauschten die englischen Gentlemen nach dem Dinner für eine halbe Stunde den Frack mit der Rauchjacke. Inzwischen säuberten die Diener in den Garderoben die Fräcke.


Frack oder Smoking

Allmählich erweiterte sich die Möglichkeit des Smokings bis zur breitesten Öffentlichkeit. Unter diesen Umständen bereitet die Frage Frack oder Smoking natürlich vielen noch Kopfzerbrechen. Wenn man also nicht gewillt ist, den Frack als alleinigen Abenddress gelten zu lassen, so wähle man ihn jedenfalls immer bei Bällen, größeren Festlichkeiten und Diners über sechs Personen. Ferner in die[26] Oper und die Logen der größeren Theater. Auf Parkettplätzen und hinteren Logenplätzen genügt der Smoking. In Varietes und Theatern leichten Genres, wo geraucht wird und man Hut und Stock bei sich behält, kann der Frack freigebiger gebraucht werden. Zu Premieren ist der Frack auf allen Plätzen angebracht. Im übrigen entscheidet die Gesellschaft, das Theater,[27] die Aufführung von Fall zu Fall. Der Charakter des Stückes kann selbstverständlich den Anzug beeinflussen. Zu Offenbach zieht man leichter den Frack an als zu Ibsen, und der schwarze Rock, der im »Pariser Leben« deplaciert wirkt, läßt sich in »Rosmersholm« vertreten.

Wichtiger als die Beobachtung kleiner Modetorheiten ist einzig und allein: das Gefühl für modische Dinge, Takt in Modesachen. Das Empfinden, die schräge Tasche steht nicht zu deiner Figur – fort damit. Zwischen diesem rebellischen Vorsatz und der lächelnd souveränen Nichtbefolgung, mit der einen der Zuschneider erfreut, ist ein Leidensweg, den nur wenige energische Menschen durchzuhalten vermögen.


Frack oder Smoking

Falsch wäre es, aus dem Gefühl heraus, man verstehe etwas davon, die kleinen Scherze, die die London Fashion uns als neue Wintermode diktiert, außer acht zu lassen! Man prüfe und behalte, was einem davon gut erscheint.

Ein Beispiel: Mit besonderer Freude begrüßte die elegante Herrenwelt des Kontinents den Vorschlag des Londoner Fürstenschneiders Poole, die düstere Silhouette des modernen Gesellschaftskleides durch eine äußere Brusttasche und ein fleckenloses Taschentuch darin zu beleben. (Nebenbei: Man darf besagtes Tuch etwas weiter hervorsehen, ja sogar etwas heraushängen lassen.) Die Mode der Wintersaison verbietet für Frack und Smoking die äußere Brusttasche, weil es irgendeinem Londoner Schneider-Konzern eingefallen ist, diese Änderungen vorzuschreiben. Denn Änderungen müssen natürlich sein, sonst gäbe es ja keine Mode.

Es wäre direkt komisch, wollte ich aus diesem Grunde auf die Brusttasche verzichten, abgesehen davon, daß mein Frack noch sehr gut ist. Mir gefällt sie, und in dem Augenblick ist die Mode mir einerlei. Wenn mehr Leute so denken wollten, gäbe es nicht so viel schlecht gekleidete Menschen. Die mit breiten Raupen besetzten Beinkleider haben den höchsten Grad von Weite erreicht.[28]

Dagegen merke ich mir mit Interesse vor, daß die Smokings noch legerer, noch weniger auf Taille gearbeitet werden als früher, denn der »die Figur hervorhebende« Anzug war nie schön. Auch fahren die wohlbeleibten Herrschaften besser dabei. (Die Körperstruktur ist ja wohl der wichtigste Faktor für jede modische Ambition.)

Beide, Frack und Smoking, haben eine Existenzberechtigung erst nach 7 Uhr abends. Am Tage sind beide der Gipfel der Unkultur. Eine Tatsache, die nicht oft genug besprochen werden kann. Es gibt keine Gelegenheit, keine Entschuldigung. Hochzeiten, Denkmalsenthüllungen, Eröffnungsfeiern, Gott weiß was noch – sind keine Entschuldigungsgründe. Ein Smoking bei Tag ist genau so, wie etwa gelbe Stiefel dazu, oder ein Zylinder, oder eine weiße Krawatte. –

Zum Frack gehört die weiße Weste und Krawatte, zum Smoking beides in schwarz. Bunte Westen sind Geschmacksache, der konservative, gut angezogene Engländer lehnt alle anderen Möglichkeiten ab. Samtkragen zum Frack sind ebenfalls absolute Geschmacksache. Zu empfehlen sind sie nicht ohne weiteres, ein wenig weniger beim Abenddress ist ein mehr. Pumps an Stelle von Stiefeln sind allgemein üblich geworden, ebenso die Borten an den Beinkleidern und die äußere Brusttasche mit Taschentuch.


Frack oder Smoking

All das nimmt der gut angezogene Herr gern ad notam und berücksichtigt es nach Möglichkeit.

Mann, der du modisch korrekt und elegant zugleich sein willst – resigniere! Vereine beides – es ist schwer, ich weiß es – aber versuche es. Mißglückt es dir – bist du talentlos – völlig talentlos; gelingt es dir – sei versichert – du wirst ein Gent! Aber die Balzacsche Forderung, kein Gattungsmensch, sondern gut angezogen zu sein, erreichst du nicht. Du schwankst zwischen Londoner Modebefehlen und der Stimme deines Herzens – folge ihr, wenn dein Herz Geschmack hat.

Quelle:
Koebner, F. W.: Der Gentleman. Berlin 1913, [Nachdruck München 1976], S. 25-29.
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