Im Hemd

[22] Der wirklichen Eleganz ist das Hemd näher als der Rock, und ihr Luxus ist die Wäsche.

Öffnen wir einmal indiskret den Lingerieschrank eines Herrn von Klasse und halten Musterung unter den Beständen.

Mit der Hülle der Morgenhemden beginnen wir. Seiden sind die Hemden, aus Bast oder schwereren apart gemusterten Stoffen. Wie bei den Sporthemden ist der Kragen, der natürlich angewachsen ist – diese Selbstverständlichkeit sei nur einmal hier verschämt erwähnt – weich und von der Stehumlegeform. Er wird mit zwei Knöpfen geschlossen und, wenn die Krawatte geknüpft ist, mit einer goldenen Sicherheitsnadel zusammengehalten. Auch die Manschetten sind doppelt mit Überklappe, so daß sie trotz ihrer Weiche festere Fasson halten und mit Doppelknöpfen verbunden werden können. Für den Tagesanzug, den morning coat, kommt dann das Oberhemd in Betracht. Man trägt es auf der Brust ungestärkt mit angenähten Perlmutterknöpfen. Es hat meist einen Einsatz aus Pikee. Vornehmer aber ist, wenn es ganz aus feinem weiß in weiß gemusterten Battist besteht. Es soll der Zeichnung des Taschentuches, das mit seiner Hohlsaumspitze neckisch aus der Brusttasche schwänzelt, entsprechen.


Im Hemd

Die Kragen und Manschetten an diesem Hemd sind aus weißem Leinen in Stehumlegeform und breitrandig abgesteppt. Der Kragen hat eine mittlere Höhe; der Ehrgeiz der fünfstöckigen hat abgeflaut. Seine Ränder sollen möglichst nahe zusammengehen, so daß die Wespentaille der Papillonschleife oder der kleine Knoten der Regatte eng eingefaßt wird, und sehr kleidsam ist's, wenn im[23] tiefen Ausschnitt der Weste die Enden der Krawatte sich quellend verbreitern und links und rechts die zarten Battistfalten weißen Hintergrund geben.

Die Manschetten müssen kurz sein, nicht zu weit und den Ärmel ganz ausfüllen. Sie werden mit Doppelknöpfen verbunden, und pikant wirkt es, wenn die Kanten nicht aneinander gepreßt werden, sondern leicht spielend offen stehen. Das erreicht man mit Kettenknöpfen besser als mit dem starren System der Bügelverbindung. Ein beachtenswerter arbiter elegantiae hat sogar die Politik der offenen Manschette so konsequent ausgebildet, daß er sie ohne Knöpfe und natürlich auch ohne Knopflöcher trägt. Ich empfinde darin eine puritanische Verminderung unserer ohnehin engbegrenzten Schmuckmöglichkeiten und einen unlohnenden Verzicht auf ein belebendes Element.

Im Tagesrevier des Wäscheschranks sieht man auch eine Fülle farbiger Wäsche aufgestapelt. Doch macht der Mann von Klasse davon einen sehr zurückhaltenden Gebrauch. Eine lässigere Sitte gestattete das bunte Hemd einige Zeitlang auch im Winter. Das war wohl ein Mißverständnis. Es paßt ja doch nur zum leichten Sommer- und Reiseanzug, vor allem zu Fancy-Stoffen, die es dann freilich besser kleidet als das weiße. Und nur zum Sakko; zum Rock, für die Teebesuche scheint es entschieden zu legère.


Im Hemd

Der Kragen, in der abgeflachten amerikanischen Form, natürlich aus weißem Leinen. Die weichen mit Nadel zusammengehaltenen Kragen gewinnen ständig an Beliebtheit.[24]

Jetzt naht der Abend, die feierliche Stunde des Evening dress. Und da ändert sich das Hemdbild recht erheblich. Von der anmutigen Bequemheit der weichen Hemden kommen wir in das Traditionsreich der steifen Plättbretter.

Zur ausgeschnittenen Weste eignet sich eben trotz aller anderen Versuche nur der gestärkte Hemdeinsatz. Die weichen Falten mit ihren unvermeidlichen Bauschungen sehen bummelig und nachlässig aus.

Das Frackoberhemd aus Battist hat Pikeebrust, in sich gestreift, gerippt, am hübschesten in ganz kleinzelliger Waffelmusterung, übereinstimmend mit der Butterfly-Schleife und der langspitzigen weißen Weste.

Unmöglich zu diesem strengen Anzug ist der Stehumlegekragen, der auch sonst nicht zum offiziellen Anzug gehört, z.B. nicht zu dem langsam wieder auftauchenden Gehrock, der Redingote. Zum Frack ist das Distinguierteste der hohe, gerade, breit abgesteppte Stehkragen. Er kann seriös fest geschlossen sein, oder in amüsanterer Form nach oben sich leicht öffnen. Viele bevorzugen den luftigeren Kragen mit Klappecken, den King Eduard wegen seiner Kurzhalsigkeit protegierte. Die Manschetten müssen dem Kragen gemäß spitze Ecken haben. Am weichen Tageshemd kann man, wenn man die Klappmanschette nicht bevorzugt, runde Ecken, tragen. Sie sind auch für die farbige Wäsche das Gegebene.

Die Engländer haben die Hemdfront konservativ nur mit einem Knopfloch in der Mitte. Zwei Knöpfe, Perlen, oder Perlmutterplättchen im Platinrand bringen aber entschieden mehr Leben und Bewegung in die Fläche.


Im Hemd

Eine sehr komfortabele Neuerung war die Einführung des Rockhemdes, das vorn bis unten auf ist und sehr bequem an- und auszuziehen ist.

Felix Poppenberg.

Quelle:
Koebner, F. W.: Der Gentleman. Berlin 1913, [Nachdruck München 1976], S. 22-25.
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