Der Gentleman auf Reisen

[19] In die Halle des Pariser Gare du Nord fährt langsam der staubbedeckte Sonderzug eines russischen Großfürsten. Eine dicke Rußschicht lagert auf den Messinggriffen, den Trittbrettern der langen tiefgrünen Wagen. Goldgelbe Spalten an den blau verhangenen Fenstern verraten ein festlich beleuchtetes Innere. Der Zug hält. Aus dem ersten Wagen stürzen Diener in grüner Livree, Lakaien mit dicken Troddeln hinten am Kragen herbei, legen eine Treppe an, breiten einen Läufer aus, drängen durch ein enges Spalier, die neugierig stehengebliebenen Reisenden zurück. Die Tür wird geöffnet, oben steht in dem strahlend hellen Salonwagen ein älterer, vornehmer Herr – im Frack. Hinter ihm drängen sich noch etliche weißgestärkte Hemdenbrüste. Ein eigenartiger Kontrast: Die schmutzige, spärlich erleuchtete Bahnhofshalle und die soigniert befrackte Herrenwelt in dem eleganten Interieur.

Vor etwa zehn Jahren galten derartige Kapricen in der Welt, wo man sich angeblich nicht langweilen soll, als äußerst smart. Und vielleicht dachte jener Russe daran, auf diese Weise der tollen Stadt nächtlicher Lust eine kleine Ovation zu bringen, wenn er sie in festlichem Gewände begrüßte.


Der Gentleman auf Reisen

Aber die Zeiten haben sich geändert. Je unauffälliger der Gentleman von heute reist, desto gentlemanliker ist er. Einen alleinreisenden Herrn darf man heute nur durch seinen Diener und sein Gepäck bemerken. So dunkel sich der elegante Mann nun heute auch kleiden soll, auf der Reise ist jeder schwarze Stoff aufs strengste verpönt. Am besten wählt man braune oder graue Sakkos,[20] sogenannte Pfeffer- und Salz-Stoffe in schwarz-weiß, die einheitlich grau wirken. Dazu graue Reisegamaschen oder grauwildlederne Einsätze in den Stiefeln, grau wildlederne Mütze und Handschuhe und eine Symphonie in grau ist geschaffen, die natürlich nicht durch eine bunte Krawatte oder goldene Manschettenknöpfe gestört werden darf. (In diesem Falle wähle man Silber oder Tula.) Schlipsnadeln sind – wie jeder Schmuck auf der Reise – nach Möglichkeit zu vermeiden.

Absolut unverständlich mutet der Ballast von Koffern an, mit dem unsere nach dem Süden reisenden Herren ihr Budget und ihre Bewegungsfreiheit belasten. Wir wollen einmal überlegen, was der Gentleman, der heute z.B. nach Nizza reist, mitnehmen muß, um jederzeit au fait zu sein. Da kommt zunächst der eiserne Bestand: Frack, Sakko, Cut away. Der Smoking ist absolut entbehrlich, weil selbst in den intimsten Klubs, den kleinsten Restaurants, den minderwertigsten Theatern der Côte d'Azur kein Mensch ohne[21] Frack zu sehen ist. Bekannte Rivierabummler sparen sich sogar oft den Cut away und nehmen dafür einen Frack mehr mit. Oder noch einen Sakko, denn der Sakko dominiert an der Riviera. Auch die Nachmittage sind hier in ihrem ganzen Charakter so vormittaglich, daß der Sakko um 7 Uhr vom Frack abgelöst werden kann. Hinzu kommt, daß das Breakfest keinen besonderen Anzug erfordert. Sakkos kann man also gar nicht genug mitnehmen. Neben den üblichen blauen und grauen, sieht man sehr aparte schwarze (mit eingewebtem Seidenfaden), beruhigend flaschengrüne, heftig braunrote, unruhig gemusterte. Dazwischen weiß, crême, grau. Den Farben entsprechen die Tailors der Damen. Ältere Herren, denen der Sakko zu jugendlich ist, promenieren im grauen Gehrock, grauem Zylinder, weißen Gamaschen.


Der Gentleman auf Reisen

An Mänteln braucht man einen »Invertère Coat«, eine Art Ulster, dessen wasserdicht imprägniertes Innere bei Regenwetter einfach umgekehrt und als Außenseite getragen wird. Dann nur noch den leichten Frackmantel.

Die Krawattenfrage läßt der individuellen Betätigung und dem persönlichen Geschmack des Gentleman den weitesten Spielraum. Der streng konservative Engländer bevorzugt in befremdender Konsequenz die schwarz-weißen und dunkelgrauen Muster, nur für die ganz schwarzen nimmt er eine Perle als Schlipsnadel. Blieben noch Wäsche (immer ein Dutzend Oberhemden mehr als nötig), Pyjama, Hausschuhe und der Sportdreß. Für die spielende Herrenwelt sind Reserve-Spielfracks von großem Nutzen, die nach getaner »Arbeit« mit dem Gesellschaftsfrack vertauscht werden. Diese Sitte hat viele Anhänger, und soll von einem bekannten Amerikaner herrühren, der seit Jahren in Monte Carlo mit umgekehrtem Frack, das seidenglänzende Futter nach außen, spielt. Natürlich aus Aberglauben, wie die Spieler, die sich einen Laubfrosch unter den Tisch stellen und immer nur bei demselben Croupier setzen.

Es ist die Kunst des reisenden Gentleman, das Milieu, aus dem er stammt, erraten zu lassen. Die Hotelbediensteten können sich natürlich von der Herkunft ein absolut stimmendes Bild machen. Die täglichen Gebrauchsgegenstände, die Wäsche, die auf dem Schreibtisch stehenden Photographien reden eine zu deutliche Sprache.

Quelle:
Koebner, F. W.: Der Gentleman. Berlin 1913, [Nachdruck München 1976], S. 19-22.
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