Im Pyama

[33] Aus Vorsicht unterlasse ich, den Artikel hinzuzufügen. Der Amerikaner hat's leicht, er sagt einfach: »the Pyama«, bitte, übersetzen Sie das! Heyses Fremdwörterbuch kennt vorerst das »Instrument« noch nicht; Pyämie ist absolut nicht damit zu verwechseln; die Elegants unserer Tage sind sich auch noch nicht über den Artikel einig. Der eine sagt »das«, andere Autoritäten der Nollendorfbar behaupten »der« Pyama.


Im Pyama

Überlassen wir die Entscheidung einer noch einzuberufenden Philologenkonferenz, und nennen wir vorerst den fashionablen Nachtanzug den »Pyama«.

Ich kenne im Deutschen Reich ca. 64000000 Menschen, die überhaupt keine Ahnung von seiner Existenz hatten.

Allmählich dringt er aber in weitere Kreise vor, besonders in die, welche Wert darauf legen, »Gent in allen Lebenslagen« zu bleiben.

Man hat dem Nachtanzug, den selbstredend die Engländer in das Arsenal der Herrengarderobe eingeführt, vorgeworfen, er lasse nicht genug Ventilation zu, sei unhygienisch.

Das hängt nur vom Stoff ab; wer leichten englischen Flanell, Krepp oder Seide nimmt, wird weniger von ihm verspüren, als von – horribile dictu – einem Nachthemd.

Ich bitte um Verzeihung, daß ich dieses Thema vor einem erlauchten Publikum erörtere. Aber wir wollen das – sit venia verbo – »Nachthemd« eliminieren.

Gibt es etwas Lächerlicheres, etwas Plumperes als »den Herrn der Schöpfung« im langen »Nachtburnus«?[34]

Wer nach dem Osten reist, durchs Rote Meer, in die chinesischen Gewässer, wird die Wohltaten des Pyamas kennen lernen, bei 50° Hitze ist man unfähig zu jeder Tätigkeit; ein leichter Pyama genügt zur Kabinentracht.

Auf kleinen Dampfern, nicht Postdampfern, sondern »Frachtkähnen«, lebt die halbe Mannschaft, wenn nicht Dienst ist, im Pyama, so lange man in den heißen Zonen fährt.

In Colombo, Bombay, noch besser in China kommen die eingeborenen Schneider an Bord – morgens – und liefern bis gegen Abend Pyamas nach Maß in Krepp, Seide, Baumwolle usw., wie man will, spottbillig und gut, ebenso Tropenanzüge; in Bombay z.B. kostet ein famoser Pyama 3 Mk., hier würde er 15 Mk. wert sein; ein Tropenanzug hier 30 Mk., dort 6 Mk.


Im Pyama

Die ästhetischen Vorzüge sind einleuchtend, die hygienischen nicht minder; man kann sieh keine unangenehmen Rheumatismen im Pyama holen, da man gleichmäßig bedeckt ist, im Sommer ohne Decke schlafen, auch schützt er z.T. gegen Moskitostiche. In den Kolonien, in Amerika, Asien, in England ist der Pyama infolge seiner Zweckmäßigkeit und »Bekömmlichkeit« direkt »Volkstracht« geworden; niemand würde ihn missen wollen.

Dr. Ike Spier.

Quelle:
Koebner, F. W.: Der Gentleman. Berlin 1913, [Nachdruck München 1976], S. 33-35.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Droste-Hülshoff, Annette von

Gedichte (Die Ausgabe von 1844)

Gedichte (Die Ausgabe von 1844)

Nach einem schmalen Band, den die Droste 1838 mit mäßigem Erfolg herausgab, erscheint 1844 bei Cotta ihre zweite und weit bedeutendere Lyrikausgabe. Die Ausgabe enthält ihre Heidebilder mit dem berühmten »Knaben im Moor«, die Balladen, darunter »Die Vergeltung« und neben vielen anderen die Gedichte »Am Turme« und »Das Spiegelbild«. Von dem Honorar für diese Ausgabe erwarb die Autorin ein idyllisches Weinbergshaus in Meersburg am Bodensee, wo sie vier Jahre später verstarb.

220 Seiten, 11.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon