Vom Unterfassen

[65] Casanova zählt in seinen Memoiren das Unterfassen zu den »Präliminarien der Liebe«. Diese Betonung des sexuellen oder zum mindesten erotischen Momentes bei dem einfachen »Einhakeln« mutet uns moderne Europäer ganz eigenartig an, es sei denn, wir wären jung, sehr jung! Das Unterfassen ist eine bei allen Nationen gleiche und nur in ihren Abarten verschiedene Sitte, die auf den persönlichen Schutz, das Geleit, zurückzuführen ist, das der stärkere Mann der schwächeren Frau gewährt, und das er durch eine körperliche Annäherung unterstützt.

»Mein schönes Fräulein, darf ich wagen« – wir sehen Faust vor uns.

»Laßt, edelste Frau, euch frei Geleit anerbieten« – der Raubritter des Mittelalters steht da.

»Meine Gnädigste, darf ich bitten« – hören wir den Salonmenschen von heute – und alle drei mit der gleichen konventionellen Geste des Armanbietens. – – –

Uralt ist die Sitte, erst die neuere Zeit tat sie in Verruf. Es ist heute nicht mehr elegant, untergefaßt zu gehen. Das moderne Ehepaar geht nebeneinander her (wenn nicht auf den verschiedenen Straßenseiten). Ein untergefaßt auf der Straße gehendes Ehepaar würde heute sofort in den Verruf grober Geschmacklosigkeit geraten. Etwas anderes ist es, wenn die Pflicht dem Kavalier gebietet, den Arm zu reichen: Beim Aus-und Einsteigen in den Wagen, beim Heraufsteigen einer Treppe. –


Vom Unterfassen

Nur bei offiziellen Geselligkeiten hat die Sitte des Unterfassens sich –[66] wenigstens in Deutschland – als feststehend erwiesen: Der Tischherr reicht seiner Dame den Arm und führt sie zu und von ihrem Platze. Aber bereits seit längerer Zeit pflegt man in ersten Pariser Häusern teils zwanglos, teils nebeneinander zu Tisch zu gehen.

Die leichte Bewegung, mit der die Dame ihren Arm auf den des Tischherrn legt, ist eigentlich zu zeremoniell, um von irgendwelcher sonstigen Bedeutung zu sein. Sie kann es sein, wenn irgendein geheimes Band zwischen den beiden zur Korrektheit gezwungenen Gesellschaftsmenschen besteht. Dann krampfen sich wohl die Finger eine Sekunde lang in den Stoff, dann zittert leise ein nackter Frauenarm unter der Berührung einer heißen Hand. Und alle Zeremonie ist schließlich da verschwunden, wo ein Liebespärchen untergefaßt dahinschlendert. Da ist das Unterfassen eine Liebesbezeugung, eine fast nichtssagende und den beiden doch ungeheuer wichtige Vereinigung, die nicht selten in verschlungenen Händen ihren Abschluß findet.

Bras dessus – bras dessous nennt das der Pariser und denkt dabei gleichzeitig an die dort üblichere Gewohnheit, daß der Mann die Frau unterfaßt, was vor der gewöhnlicheren »Fassung« noch verschiedene Vorzüge voraus hat. Bras dessus – bras dessous ist auch nur das leichtsinnige, unabsichtliche Unterfassen, nicht das Zweckdienliche, das eine alte Dame damit verbindet, wenn sie ihren etwas gebrechlichen Herrn Gemahl durch Unterfassen stützt.


Vom Unterfassen

Für den Flirt ist das Unterfassen einfach Lebensbedingung. Ein Flirt ohne Unterfassen ist ein Unding, denn welch harmloser erscheinendes und in der Tat ganz anders wirkendes Mittel läßt sich für dieses Gesellschaftsspiel denken? Jeder Zentimeter jeder leise Druck spricht da Bände. Beim Flirt ist sogar jede[67] Nuance des Unterfassens berechtigt, selbst wenn die beiden Hände sich im Innern einer Manteltasche wiederfinden oder die Finger ein engverschlungenes Labyrinth bilden.

Sehr wichtig für das Unterfassen ist die Frage des Rechts und des Links. Die untergefaßte Dame darf in der linken Hand weder Tasche noch Schirm tragen, um den Herrn nicht ständig damit zu inkommodieren. Geht der Herr nach englisch-amerikanischer Sitte zum Schutze seiner Dame auf die Seite des Fahrweges, also rechts, so muß die Lady ihre Sachen links tragen.

Aber das Unterfassen ist auch gefährlich. Wenn ein Mann mit einer Frau untergefaßt über die Straße geht, so trägt er durch diese Frau und das mehr oder minder nahe Verhältnis, das er zu ihr proklamiert, seinen ganzen Lebenslauf zur Schau. Beurteilt man doch schon den nicht untergefaßten Herrn auf der Straße am sichersten nach seiner Dame. Und nicht nur Herkunft und Lebensart verrät der Unglückselige, sondern auch seinen Charakter. Denn wo immer zwei Leute auf der Straße gehen, Männlein oder Weiblein – auf den ersten Blick wird man sofort sehen, der eine ist der Führende, der Überlegene, der andere ist der Begleiter. Auch wenn der Begleiter tausendmal durch Lebensform und dreistes Auftreten den »Führer« markieren will. Und das gilt von Menschen in genau denselben Lebenslagen, aus den gleichen Verhältnissen – denn sonst ziehen ja Alter, gesellschaftliche Stellung, Beruf und vieles andere scharf umrissene Grenzen. Und das ganze graziöse Suchen, Tasten, Kalkulieren, das zwei miteinandergehende Menschen denen, die an dem scharfsinnigen Beobachten und Kombinieren fremder Menschenkinder Freude haben und einen gewissen Kult mit ihrer Kunst treiben, sonst aufgeben, wird dann mit einem Schlage, mit einer Gebärde zunichte gemacht durch das – Unterfassen.


Vom Unterfassen

Quelle:
Koebner, F. W.: Der Gentleman. Berlin 1913, [Nachdruck München 1976], S. 65-68.
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