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[107] Blut ist hier wirklich kein ganz besonderer Saft; und die blutige Nase gehört unmittelbar zum genius loci. Bei gesellschaftlichen Begegnungen pflegt man, nachdem man sich gegenseitig den Namen zugeraunt hat, den Wunsch nach weiterer Annäherung durch eine kleine, freundliche Konversation zu bekunden: hier schlägt man sich unmittelbar nach dem ersten Händedruck, der die Boxer ihrer gegenseitigen Objektivität versichert, eine blutige Nase. (»Der Worte sind genug gewechselt, nun laßt uns endlich blutige Nasen seh'n.«) So scheint die blutige Nase auf diesem Terrain das, was zuerst gereicht wird: bei den Jours gibt es dafür Tee und kleine Kuchen, bei den Bällen Bouillon und Brötchen. Erst später wird das Blutvergießen intensiver.

Der hagere Arrangeur im Smoking meldet mit typischem Amerikanerdeutsch als Auftakt einen für »zarte Gemüter« berechneten »Schaukampf« an: Von zwei schlanken, schnellen Figürchen, die eben noch wie aus dem Ei gepellt, in fast paradiesischer Nacktheit die Arena betraten, fällt – als Revanche für einen Hieb, der dem einen einen blaugrünen Rand um das linke Auge zog – gleich darauf dieser eine den anderen mit einem Kinnstoß von schönstem Goliathdessin.


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Schon stürzt der Schiedsrichter hinzu, und in langsamem Rhythmus zählt er: »One – two – three – four – five ...«: wenn der am Boden Keuchende sich bei »ten« noch nicht wieder zu sich selbst und seiner Kraft zurückgefunden hat, wird er den[108] Siegerkranz nicht um die lädierte Schläfe winden können. Die sachverständigen »Mäuschen« auf der Bühne machen blanke Katzenaugen und fühlen sich ganz die Mondänen des alten Roms, die mit einem Abwärtssenken der Fingerchen dem besiegten Gladiator das Leben gaben oder nahmen.


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Immerhin: dem Manne konnte dann noch geholfen werden. Denn jetzt stürzen sich die Stars aufeinander: schält der Negermatador einen Hünenkörper, an dem die Arme hängen, schwarz und schwer wie die Ebenholzkeulen, aus einem Kimono von weinrotem Plüsch: entwickelt sein deutscher Gegner, dessen Antlitz eine Sekunde lang die Erinnerung an den Grafen Gisbert Wolff-Metternich rege macht, seine strotzenden Körperproportionen aus einer Toga von knalligem Gelb. Aber diese Toilettenschau leitet nur ein kurzes Ringen ein; nur wenige Runden von wildem, leidenschaftlichem Rhythmus. Denn nur nach den ersten zwei Grüßen, die ihm die Faust des Gegners gegen die Schläfe klatscht, erhebt sich der deutsche Champion von der Erde, die ihn beide Male an sich riß. Bei der dritten Wiederholung des Hiebes bleibt er gefallt: gekrümmt, schnaubend, ein lebender Leichnam ....

Die Zuschauer harrten noch aus, obgleich kaum anzunehmen war, daß zu den bereits vorhandenen Sensationen auch noch die eines Todesfalls treten würde. Ich aber fuhr nach Hause durch die frühlingsweiche Luft des Tiergartens und las daheim in einer Kulturgeschichte einige Seiten aus der Darstellung jener älteren Tage, die -man als die »rückständigen Epochen« zu bezeichnen pflegt ..... Und doch reifte in mir, erst zögernd, dann immer fester, der Entschluß, bei dem Boxmeister Mr. Joe Edwards in Schule zu gehen, um mich binnen weniger Wochen zum perfekten Boxer zu entwickeln. –

Walter Turzinsky.

Quelle:
Koebner, F. W.: Der Gentleman. Berlin 1913, [Nachdruck München 1976], S. 107-109.
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