Reitdress

[105] Kein Sport hat in den letzten Jahren einen solchen Aufschwung genommen wie der Reitsport, den man im Winter in der Bahn und im Sommer draußen im Freien ausübt. Sobald es die Witterungsverhältnisse erlauben, zieht es die Reiter hinaus ins frische Grün. Für den Berliner ist der Tiergarten durch die glänzende Pflege und tadellose Instandsetzung aller Reitwege ein idealles Terrain für den Reitsport. Wer heute an schönen Sommertagen seine Schritte nach dem Hippodrom lenkt, der wird selbst schon zu früher Morgenstunde dort ein Leben finden, wie es sich in London und Paris nicht eleganter abspielen kann. Viel ist in den letzten Jahren durch Verbesserungen der Anlagen geschehen, um dem Aufblühen des Reitsports gerecht zu werden. Und das gesellschaftliche Bild ist ein ungemein fesselndes.

Mit Einschränkung allerdings. Denn der Anzug, den manche Reiter zur Schau tragen, läßt noch diejenige Kultur vermissen, die erst das Gesamtbild zu einem wirklich harmonischen machen würde. Das schöne gesellschaftliche Bild wird stark beeinträchtigt, wenn man Reiter sieht, die, weil sie sich selbst kein eigenes Pferd halten können, auch auf ihren Anzug keine Sorgfalt verwenden. Wie im Salon ein schlecht sitzender Frack, eine unmoderne Weste unangenehm berühren, so kann auch der Anzug beim Reiter oder bei der Dame zu Pferde schlecht wirken und aus dem Rahmen des Ganzen fallen. Wie oft sieht man Reiter, die ihre alten Kavallerie-Reithosen von der Militärzeit her verwenden, dazu sich einen abgetragenen und nicht mehr salonfähigen Rock und vielleicht noch eine tief ausgeschnittene und übriggebliebene Smokingweste anziehen und sich eine unmögliche Kopfbedeckung aufstülpen.


Reitdress

[106] Für den Sommer ist die Sakkoform, die länger und um die Hüften herum weiter geschnitten werden muß als das übliche Straßensakko, die natürlich gegebene Fasson. Das Sakko hat abgerundete Ecken, die Taille ist scharf markiert, die Rückennaht zeigt einen langen Schlitz, die Revers sind so tief gearbeitet, daß eine andersfarbige Phantasie-Tattersallweste oben herraussieht. Die Breeches sollen aus demselben Material wie das Sakko gearbeitet sein und können zum Knöpfen oder zum Nesteln eingerichtet werden. Ein hoher Lackreitstiefel vervollständigt den Anzug.


Reitdress

Als Kopfbedeckung ist der steife Hut in Melonenform die einzig richtige. Für den Hochsommer, wenn die Sonne beim Ritt lästig wird, empfiehlt es sich, das Reitsakko aus Leinen in Naturfarbe zu wählen, das wegen seines porösen Gewebes neben der Annehmlichkeit auch am meisten den Anforderungen der Hygiene entspricht.

Fritz Hoffmann.

Quelle:
Koebner, F. W.: Der Gentleman. Berlin 1913, [Nachdruck München 1976], S. 105-107.
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