Glossen eines Weinkenners

[123] Ein Notturno: Im Schein der matten Leuchterkerzen einer, Abendtafel ruft der elegante Hausherr seinen Kammerdiener zu einer Spezialmission zu sich: Jean hüllt die Eskarpins und den olivgrünnen Frack in eine große graue Schürze, nimmt einen geflochtenen Henkelkorb unter den Arm und entzündet einen dreiarmigen Leuchter aus Großvaters Tagen. Er geht mit seinem Herren auf eine schwierige Expedition: – zu den curs classes in den Weinkeller, viele Winkelgänge und versteckte Treppen hinab in den Bauch der Erde. Da unten aber ist's fürchterlich zerbröckelndes Mauerwerk, das einem auf den Kopf fällt, kalkige Wände, an denen die Ärmel des Eveningdreß hängen bleiben, Spinnweben an den Decken, das Licht tropft und eine stickige Weindunstatmosphäre legt sich beklemmend auf die Brust Natürlich wird der praktische Mann von vorgestern sagen, warum steigt der Hausherr im letzten Augenblick in seine unterirdischen Gemächer, konnte er nicht rechtzeitig Vorsorge treffen! Ja, aber es handelt sich doch meistens bei den Gastgelagen galanter Junggesellen, oft bei geselligen Zusammenkünften um ein Impromptu, um etwas Unvorbereitetes, um eine Eingebung der Stimmung, um ein schnell zugerüstetes tête à tête. Gewiß könnte man seinen treuen Hausmeister die Weinschrankschlüssel anvertrauen, aber nicht jeder Kavalier findet solche Perle; so heißt es denn selbst die lange gelagerten Weine in den Bereich der Tafel fördern.


Glossen eines Weinkenners

Es ist eigenartig, daß in den mit jedem erdenklichen Raffinemet ausgestatteten Luxuswohnungen unserer Tage kein wirklich für den Weinkeller angemessener Raum zur Verfügung steht. Derselbe hat immer etwas Unterirdisch-Muffiges. Neben der Zentralheizungsanlage kann niemand eine Filiale vom Graacher Himmelreich etablieren. Da die Moselweine bei der Lagerung großer Kühle bedürfen, so muß auf einen erdkühlen Raum Rücksicht genommen werden, der im Winter nicht vereist und im Sommer vor der Sonnenglut geborgen bleibt. Es ist geradezu kläglich, wie wenig Rücksicht die Hauswirte auf die lokalen Verhältnisse eines guten[124] Weinkellers nehmen, und warum? Weil der gute Weinkeller, d.h. die Ablagerung edler Sorten im eigenen Heim, die Kunst der Tafelbestellung mit einem guten Tropfen nicht genügend in dem Haus von Welt gewürdigt wurde und lange Zeit ein exklusives Vorrecht der Schlösser und Herrensitze war. Der Kenner[125] freilich hütete schon seit langem den Weinkeller wie seinen Augapfel und scheute keine Mühe und Kosten, denselben luxuriös wie einen Rennstall auszustatten. Da war der Boden mit blanken Fliesen belegt, die Wände hinter den glitzernden Gestellen und Lagerregalen, auf denen die Marken der edelsten Jahrgänge in gelben Strohklappen schlummerten, mit porösem Ton ausgestattet oder mit gestampfter Erde beworfen, um einen Temperaturausgleich zu ermöglichen, schmale Fenster wie Schießscharten liefen in Kopfhöhe am Mauerwerk entlang und überall zeigten Thermometer an, wann dieselben zu schließen, wann zu öffnen seien. Bei den Fortschritten der Baukunst im letzten Jahrzehnt brauchte es wahrhaftig heute keine Weinkeller mehr zu geben, an denen man sich die Köpfe einstößt. Aber die Entwicklung in der Architektur hat nicht Schritt gehalten mit der Vermehrung der Weinkenner; wie wenige Gourmets gibt es, die einen selbst abgezogenen, eigen gekellerten Wein ihren Gästen vorsetzen können? Die Gilde der alten Geheimräte und Rittmeister, die mit ein paar Freunden diesen seltenen Genüssen oblagen, ist im Aussterben begriffen. Das große Publikum hat es ja heute so bequem, beim Produzenten und dessen Filialen die beste Kreszenz aufzukaufen. Aber die eigenen Kinder bringen immer viel mehr Sonne ins Haus als die angenommenen. So ist es wohl zu verstehen, daß in den Häusern der elegannten Welt wenigstens ein großer Tafelwein die Kinderstube des Wirts aufzuweisen hat. In allen Ländern, wo die Tafelfreuden blühten, wie z.B. im alten Rom, war die Kultur der Weine eine sehr hohe.

Der Wein ist heute leider bei uns nicht mehr tägliches Getränk wie in den südlichen Ländern. Das Trinken war lange eine vernachlässigte – Schwäche der eleganten Welt, werden die Antialkoholiker sagen. Hocherfreulich ist das wachsende Verständnis, das brennende Interesse, das sich heute in den besseren Häusern um die Weinfrage gruppiert. Das Service der Weine, die Bestellung des Tisches mit edler Kreszenz, ist ganz verschiedenartig, je nach den Mahlzeiten. Nach dem Apéritiv des morgentlichen Imbisses nimmt man zum Dejeuner einen »Fingerhut« – oder auch mehr – Vermouth di Torino, einen herben Ungarwein, einen Tarragona – »Alicante« oder den kräftigen sizilianischen Marsala. Diese Art ist der Wein der Pastete, der Kaviareier oder der Schwarzbrotschnitte mit Hamburger Rauchfleisch.[126] Zum Mittagstisch des bürgerlichen Hauses ist ein leichter Laubenheimer oder Zeltinger, rot ein Médoc, viel bekömmlicher und digestiver als saurer Apfelwein oder gar – Himbeerlimonade. Man verwendet dazu die sogenannten »kleinen Naturweine«, die noch nicht lange gelagert haben, also keine Schnittware. In der Teestunde reicht man seinen Gästen heute beliebtermaßen, seitdem S.M. auf Korfu seine Besitzungen erwarb, nach dem Muster der kaiserlichen Haushaltung, griechiche Weine in flachen Schalen, wie Samos, Cyper, Mawrodaphne oder die der Ajacha-Gesellschaft bei Patras. Ehe ich nun auf das Service der Weine in der Reihenfolge der Tafelgenüsse eines grand-dinner, der Abendgesellschaften oder des petit souper eingehe, notiere ich kurz für den galanten mondänen Mann, für Konferenzen zu Zweien: will »man« einen klaren Kopf behalten, so wähle er einen Tokayer Szamorodner, eine spanischen Rotwein Rioja, oder einen Kap oder Muskateller – auf der Grenze, dagegen als Liebestrank einen mildsüßen muskatnen Madeira, sehr alt, entsprechend dem Verhältnis der Jugend des Objekts, oder einen moussierenden roten Burgunder, auch Aßmannshäuser, die gegen Sprödigkeit wie Medizin wirken. – Die Reihenfolge der Weine bei der gesellschaftlichen Tafel bevorzugt bei den Hors d'euvres weißen oder roten Burgunder mousseux, bei Kaviar und Austern weißen, fruchtigen Burgunder oder weißen Bordeaux von leichter Halbsüße. Für Schlemmer sei hier die berühmte Reussite des Château Yquem Schloßfüllung und für Burgunderliebhaber der Grand Vin Chambertin genannt.

Wilhelm Borchard.


Glossen eines Weinkenners

Quelle:
Koebner, F. W.: Der Gentleman. Berlin 1913, [Nachdruck München 1976], S. 123-127.
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