Whisky Soda

[127] Vor dem Bar-Tisch kauern auf den hohen Stühlen mit hochgezogenen Bügelfalten die Gents, den Hut im Genick. Vor ihnen steht das länglich schmale Glas mit der blaßgelben Flüssigkeit. Eisstückchen schwimmen darin umher, an die sich krampfhaft die kleinen Kohlensäurebläschen anklammern. Neben dem Glase steht in vernickeltem Metallring die englische eiförmige Original-Sodaflasche, die auf eigenen Füßen nicht stehen kann, oder die dunkelgrüne Selters. Ein Stückchen weiter der Teller mit den Salzmandeln und den Kakes. Hinter der Bar walten die Keeper ihres verantwortungsvollen Amtes. Schütteln in den zusammengeschraubten Nickelbechern die Cocktails, mischen die Drinks, verteilen in einer Minute in zwanzig Whisky-Gläser die Eisstückchen, denn von zehn Bar-Getränken sind sechs Whisky Soda.

Whisky – Whisky Soda – Charles give me a Whisky – Dawson please – Black and White – Canadian Club schallt es dem Mixer entgegen; jeder Gast hat seine Lieblingsmarke – viele ihre Stammflasche mit Namens etikett.

Es ist verblüffend, welchen Siegeszug in wenigen Jahren der Whisky in Deutschland angetreten hat, wie er sich von Jahr zu Jahr mehr Terrain erobert. Natürlich erreicht die Einfuhr des Whisky in Deutschland noch immer nicht ein Zehntel der Ziffer, die den Konsum in England und Amerika darstellt, aber es genügt, zu wissen, wie viele hundert Flaschen Whisky jede Berliner Bar im Monat konsumiert, um einen Maßstab für die steigende[128] Beliebtheit dieses Getränkes zu haben.


Whisky Soda

Und alles was recht ist – ein Whisky Soda ist eine ganz famose Sache. Er macht nicht heiß wie ein Lemon Squash, er enthält weniger Alkohol als jeder Drink. Er hat etwas wohltuend Beruhigendes, kühl Abgeklärtes. Auf jeden Fall: Er hat eine Physiognomie. Wie der Champagner. Auf irgendeiner Tanzerei hörte ich mal einen Amerikaner von einer Frau sagen: »She dance Whisky Soda« – das gibt eine Charakteristik.


Whisky Soda

Whisky ist reiner Kornbranntwein, gebrannt aus Roggen oder Gerste, in Amerika auch aus Mais. In England ist Whisky die Bezeichnung für überhaupt jeden Branntwein. Die bevorzugteste Art ist der Scotch-Whisky, der unserem Geschmack durch seinen rauchigen, karbolartigen Geruch weniger zusagt. Im übrigen existieren an hundert verschiedene Marken, die sich durch größere oder geringere Süße, durch Schärfe und Milde und durch die Farbe unterscheiden. In England, Irland, Schottland und den nordamerikanischen Staaten gehört der Whisky zum täglichen Brot. Man kauft ihn mit 2–3 Shilling oder 1 Dollar die Flasche, während man hier 6–7 Mark dafür zahlt.

Whisky-neat, unverdünnter Whisky, ist langsamer Selbstmord. Man nimmt auf die Flasche Sodawasser etwa drei Teelöffel. Viele Amerikaner trinken besonders eisgekühlten Whisky in kleinen Schlucken und geringen Quantitäten durch den Strohhalm. Das Wasser muß reines Soda und nicht zu stark kohlensäurehaltig sein. Mineralwasser und Brunnen töten den Whiskygeschmack. Undenkbar ist es, den Whisky Soda mit einem Strohhalm zu nehmen, eine Sitte, die einige Berliner Lebejünglinge in gänzlicher[129] Verkennung der Tatsachen einführten. Ein Whisky ist kein Drink. Alle Whisky-Flips, Cocktails, Cobblers, Toddys betrachtet der Whisky-Kenner von vornherein als Unkultur höchsten Grades.

Der Whisky hat eine gewisse Bedeutung als internationales Kulturgetränk. Überall wo europäische Kultur nur etwas hinschielte und sich in Form einer Bar kristallisierte, finden sich alle Nationen, alle Rassen beim Whisky Soda. Der deutsche Kaufmann und der englische Offizier, der französische Diplomat, der russische Händler. In der Hotelbar in Kairo, in der Straßenbar New Yorks, in der Bar an Bord des Schnelldampfers auf dem Ozean, in der Nachtbar auf dem Montmartre. Es gibt einen gewissen Konnex, ein leises Zusammengehörigkeitsgefühl als Kulturmenschen, wenn draußen in der Fremde, meinethalben in Peking, ein Whisky Soda die Nationen vereint.

Frauen, die Whisky nicht aus Modelaune, sondern aus Bedürfnis trinken, sind selten. Aber keineswegs so selten, wie man annehmen sollte. Bekommen doch in vielen englischen Familien sogar die Kinder nach dem Abendbrot einen Schluck Whisky. Über die Schädlichkeit des Whisky ist man sich noch nicht ganz im klaren. Es gibt Ärzte, die den Whisky als besonders gesundes Getränk empfehlen, andere, die ihn als gelegentliches Genußmittel zulassen, wieder andere, die ihn als selten schädlich verbieten. Ein mäßiger Whisky-Konsum kann wohl kaum etwas schaden – übrigens quand même – wer sich daran gewöhnt hat, in diesen kochend heißen Sommertagen, wird ihn doch nicht lassen, den eisgekühlten – wunderbar nüchternen – Whisky Soda. –


Whisky Soda

Quelle:
Koebner, F. W.: Der Gentleman. Berlin 1913, [Nachdruck München 1976], S. 127-131.
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