304. Der freye Mann.

[404] (Ein Volkslied, von Pfeffel, in Vossens Musenalm. 1792. S. 72.)


Wer ist ein freyer Mann?

Der, dem nur eigner Wille,

Und keines Zwingherrn Grille

Gesetze geben kann;

Der ist ein freier Mann!
[404]

Wer ist ein freyer Mann?

Der das Gesetz verehret,

Nichts thut, was es verwehret,

Nichts will, als was er kann;

Der ist ein freyer Mann!


Wer ist ein freyer Mann?

Wem seinen hellen Glauben

Kein frecher Spötter rauben,

Kein Priester meistern kann;

Der ist ein freyer Mann!


Wer ist ein freyer Mann?

Der selbst in einem Heiden

Den Menschen unterscheiden,

Die Tugend schätzen kann;

Der ist ein freyer Mann!


Wer ist ein freyer Mann?

Dem nicht Geburt noch Titel,

Nicht Sammtrock oder Kittel

Den Bruder bergen kann;

Der ist ein freyer Mann!


Wer ist ein freyer Mann?

Wem kein gekrönter Würger

Mehr, als der Name Bürger

Ihm werth ist, gehen kann;

Der ist ein freyer Mann!


Wer ist ein freyer Mann?

Der in sich selbst verschloßen,[405]

Der feilen Gunst der Großen

Und Kleinen trotzen kann;

Der ist ein freyer Mann!


Wer ist ein freyer Mann?

Der, fest auf seinem Stande,

Auch selbst vom Vaterlande

Den Undank dulden kann;

Der ist ein freyer Mann!


Wer ist ein freyer Mann?

Der, muß er, Gut und Leben

Gleich für die Freyheit geben,

Doch nichts verlieren kann:

Der ist ein freyer Mann!


Wer ist ein freyer Mann?

Der bey des Todes Rufe

Keck auf des Grabes Stufe

Und rückwärts blicken kann;

Der ist ein freyer Mann!

Quelle:
Laukhard, Friedrich: Zuchtspiegel für Eroberungskrieger, Advokaten und Aerzte. In: Zuchtspiegel für Fürsten und Hofleute, Paris [i.e. Leipzig] 1799, S. 404-406.
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