de la Condamine.

[10] Suchet ja nicht stets das Beste

In den Sälen der Paläste.

Denn das Beste ist hinieden

Süße Eintracht, stiller Frieden.

Und die wohnen selten da,

Wo man Glanz und Reichtum sah.


Wir müssen nun die Rhein-Ebene verlassen und müssen tüchtig Berg steigen, und zwar nicht jetzt, sondern im Jahre 1699. Unsere Reise geht nach Chamberg, an den Hof des Herzogs Victor Amadeus von Savoyen. Hier suchen wir einen Ururgroßvater. Diesmal ist er aber nicht Hofperückenmacher, sondern Hofkavalier. Es ist eine eigentümliche Erscheinung in unserer Familie, daß durch alle Generationen die höchsten und die niedersten Stände darin vertreten waren. Es mag dies vielleicht die Ursache sein, daß wir alle ein mixtum compositum von schlichtem Bürgertum und exaltierter Romantik geworden sind. Alles ist bei uns schon dagewesen – nur kein Geldprotz. – Doch – ich muß ja meinen Urgroßvater suchen. Er hieß de la Condamine. Wer seine Frau war, weiß ich nicht. Sie starb früh und hinterließ ihm einen Sohn. Ich glaube, er hieß Carlo Justino.

Unser Urgroßvater war sehr in Gunst bei dem Herzog und, wahrscheinlich aus diesem Grunde, sehr in Mißgunst bei den Hofleuten. Ein kleiner Herr soll unserem Urgroßvater besonders abgeneigt gewesen sein. Über diesen Herrn spottete einst Condamine, daß er bei seiner kleinen Statur einen so großen Degen trage. Dies führte zu einem Duell. Unser Urgroßvater erstach den Kleinen und mußte Chamberg verlassen. Er ging nach Paris, vermählte sich noch einmal – ich weiß wieder nicht mit wem – und bekam 1701 (1699 war er geflohen) einen zweiten Sohn, den nachherigen berühmten Naturforscher, Chemiker und Reisenden in Südamerika,[10] Charles Marie de la Condamine. Er war der erste, welcher den Chimborasso erstiegen hat. So erzählte mir wenigstens seine Nichte, unsere Großmutter. Dieser Condamine befaßte sich mit allen möglichen Künsten und Wissenschaften. Er erfand auch eine Säemaschine. Die Originalität dieses Mannes scheint seinerzeit viel Aufsehen gemacht zu haben. Da sich nicht jedes die Mühe geben wird, seinen Namen im Konversationslexikon aufzusuchen, will ich die Anekdote, welche dieses Buch von ihm enthält, hier abschreiben: »Von Condamines Wißbegierde erzählt man folgende Anekdote:

Bei der Hinrichtung Domins mischte er sich, um keinen Umstand dieser Todesart unbeachtet zu lassen, unter die dabei beschäftigten Henker. Man wollte ihn zurückweisen, aber der oberste derselben, welcher Condamine kannte, verhinderte es mit den Worten: »Laissez Monsieur, c'est un amateur«.«

Er starb an den Folgen einer chirurgischen Operation, die er als neu vorgeschlagen und an sich verrichtet haben wollte, um der Akademie darüber Bericht erstatten zu können. So erzählte mir unsere Mutter, und das Konversationslexikon sagt dasselbe. Er ist übrigens doch 73 Jahre alt geworden.

»Seine Hauptwerke sind seine Reisebeschreibungen und seine Schrift über die Gestalt der Erde und über die Vermessung dreier Grade des Meridianes in den Äquatorialgegenden. Außerdem hat er Abhandlungen über die Pockenimpfung geschrieben.« (Konversationslexikon.)

Unser Urgroßvater war viel älter als sein Stiefbruder und wird nicht viel später geheiratet haben, als sein Vater sich mit der zweiten Frau vermählt hat. Unser Urgroßvater wohnte im Marktflecken Gossau im Kanton St. Gallen in der Schweiz. Er baute sich in Gossau ein hübsches Haus mit einem Erker, und an diesem Erker befand sich ein Stein, das Condaminesche Wappen. Ich weiß nicht, warum ich mir früher eingebildet habe, unser Urgroßvater sei Kaufmann gewesen; ich finde jetzt keine Anhaltspunkte mehr für diese Vermutung. Es kann übrigens doch so gewesen sein. Es scheint öfters vorzukommen, daß italienische Adelige sich dem Handelsstande widmen. In der Familie Dall' Armi gibt es ja auch Kaufleute; mein Schwiegervater selbst gehörte diesem Stande an.[11]

Unser Urgroßvater wurde Witwer und schloß, wie sein Vater, eine zweite Ehe. Diese zweite Frau war keine Italienerin, sondern eine Schweizerin.

Unser Urgroßvater hatte aus erster Ehe zwei Töchter, und seine zweite Frau war jünger als diese Töchter erster Ehe.

Unterdessen war Charles Marie de la Condamine, nach Bericht des Konversationslexikons, mit Godin und Bourgner gewählt worden, durch eine in Peru vorzunehmende Vermessung die Gestalt der Erde zu bestimmen. Unser origineller Urgroßvater hatte sich bei dieser Sendung ruhmvoll ausgezeichnet. Als er nach acht Jahren nach Paris zurückgekommen war, hatten seine Eltern das Zeitliche gesegnet, und er sehnte sich darnach, seinen einzigen Bruder wiederzusehen. Er reiste nach der Schweiz, wurde in Gossau bestens aufgenommen und verliebte sich in seine Nichte, eine Tochter aus der ersten Ehe unseres Urgroßvaters. Die Nichte war nicht unempfindlich. Der Onkel reiste nach Rom und holte Dispens, Fazit: der Onkel heiratete die Nichte.

Unser Urgroßvater hatte aus der zweiten Ehe mit der jungen Frau fünf Kinder. Diese Kinder waren von ihren Stiefschwestern im Alter sehr verschieden, und es haben sich dadurch die Verwandtschaftsgrade der späteren Generationen scheinbar verschoben. Unsere Großmutter, Maria Magdalena de la Condamine, war das älteste Kind zweiter Ehe. Hierauf folgten drei Söhne. Der älteste von diesen Söhnen, welcher, wie ich glaube, Sebastian hieß und Ökonom war, heiratete eine ältliche Frau und hatte keine Kinder. Der zweite Sohn hieß Karl Justin und studierte Jus. Der jüngste, welcher Medizin studiert hatte und häufig in Gossau »das Dökterli« hieß, hieß mit seinem Taufnamen auch wieder Karl. Als ich mich verheiratete, lebten die beiden jüngeren Brüder noch. Ob in Gossau jetzt von der Familie Condamine überhaupt noch jemand am Leben ist, ist mir unbekannt. Das fünfte Kind aus der zweiten Ehe unseres Urgroßvaters war ein Mädchen. Als unsere Großmutter heiratete, war diese Schwester noch ein Kind.

Wie lange unser Urgroßvater lebte, weiß ich nicht. Seine junge Frau wurde eine sehr alte Frau; sie starb erst mit 96 Jahren. Die Urgroßmutter kam selbst nach Speyer, um mich aus der Taufe zu heben. Sie muß sehr kräftig gewesen sein, denn was war damals[12] eine Reise von St. Gallen nach Speyer, und noch dazu für eine Frau von 92 Jahren! – In ihren letzten Jahren wurde die arme Frau kindisch. Als unsere Großmutter, ihre Tochter, sie anno 1812 besuchen wollte, erkannte sie dieselbe nicht mehr und versteckte sich vor ihr. – Ich glaube, daß ich hauptsächlich aus diesem Grunde den Namen der Urgroßmutter nicht mehr weiß, weil die Großmutter und Mutter sie in ihren Gesprächen »das Großmütterli« nannten. Ihr jüngster Sohn, »das Dökterli«, ist meines Wissens ein Hagestolz geblieben und war ein großer Löwe in Gossau.

Von dem jüngsten Kinde, dem kleinen Töchterchen, werde ich später mehr erzählen. –

Hiermit schließt der Bericht über unsere Urgroßeltern. –


Unsere Großeltern hießen:


Jakob Loew,

Maria Theresia von Traiteur.

Placidus Joseph Anton Pfister,

Maria Magdalena de la Condamine.


Jakob Loew, geb. in Bruchsal, starb daselbst anno 1783.

Maria Theresia von Traiteur, geb. in Deidesheim, starb in Bruchsal am 30. November 1791.

Placidus Joseph Anton Pfister, geb. in St. Fiden am 22. Oktober 1756, starb in Speyer 1840.

Maria Magdalena de la Condamine, geb. in Gossau anno 1753, starb in Speyer am 2. Februar 1816.


Ich habe von zwei unserer Urgroßväter mehr gesprochen als von den beiden anderen, weil ich von diesen anderen nichts gewußt und mich im Laufe des Lebens überzeugt habe, daß es besser ist, man spricht von dem, was man weiß, als von dem, was man nicht weiß.

Ich will nun meine staubigen, eingerosteten Gedanken mit dem Pinsel der Erinnerung aufzufrischen suchen. Käme die Klarheit meines Kopfes der Innigkeit der Liebe gleich, die ich für die lange heimgegangenen Großeltern noch jetzt im Herzen trage, so müßte meine Erzählung in der herrlichsten Farbenpracht erscheinen.

Quelle:
Lehmann, Lilli: Mein Weg. Leipzig 1913, S. 10-13.
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