Amerika

1891–1892

Extract from Live musical Topics.

It would not to do dismiss the company from this preliminary consideration without mention of her whose name is and ever will be dear to the music lovers of New York. To Lilli Lehmann every admirer of true lyric art can lift his brimming cup with Siegfrieds words:


»Vergäß ich alles,

Was Du mir gabst,

Von einer Lehre

Ließ ich doch nie:

Den ersten Trunk

Zu treuer Minne,

Brünnhilde, bring ich Dir.«

The New York Times,

Sunday, December 13. 1891.


Vorstehender Ausschnitt, der mir nicht zu geringer Freude gereichte, wurde mir in künstlerischer Fassung von Amerika um Weihnacht 1890 zugesandt.

Was ich vorausgesehen, sollte sich erfüllen. Man war der ewigen Wagner-Opern überdrüssig, verlangte Abwechslung im Repertoire, übergab im Frühjahr 1891 dem mir fremden, aber berühmten Impresario Maurice Grau die Direktion für die kommende Season, der mir ausgezeichnete Kontrakte bot, die ich und Paul Kalisch auch annahmen.

Grau begann am 26. November in Chicago – wo wir sonst gewöhnlich schlossen – mit Norma, Mignon, Don Juan, Troubadour, Aïda und brachte als Mitglieder Jean und Edouard de Reszke, Lasalle, Mesd. Ravogli, Scalchi, mich und Paul Kalisch mit, der alle lyrischen Rollen sang. Erst am 16. Dezember eröffneten wir[169] mit ungeheuerem Erfolg die Season in New York. Jean und Edouard – wie man sie kurzweg nannte – in ihrer höchsten Blüte, waren beide Künstler, wie sie heute nicht mehr zu finden sind, und bald die Lieblinge des amerikanischen Publikums. Was Reinheit des Tons und Noblesse anbelangt, war Jean ein musikalisches Unikum, wie ich es nie vor ihm, noch nach ihm wieder gehört. Die Stimme war nicht gewaltig, aber sehr schön, sein Gesang voll künstlerischem Ebenmaß, dennoch reichte er weder im Ausdruck noch als Schauspieler an die ersten Deutschen heran; immer aber war es ein vollendeter Genuß, ihn zu hören. – Der liebenswürdige Prachtmensch Edouard brachte es mit seiner herrlichen Baßstimme zum Da capo der Wiedertäuferarie (Zacharias) im III. Akt des Prophet. Und da soll man noch etwas von undankbaren Rollen sagen! Lasalle war als exzellenter Pariser Bariton anerkannt, Frau Ravogli eine sehr gute Altistin. Kein Wunder, daß das Publikum an all dem Neuen Interesse fand, die italienische Opernpartei die deutsche schlug, wie die deutsche vor nicht zu langer Zeit die italienische geschlagen hatte; aber immer wieder verfiel man in denselben alten Fehler, indem man zu viel vom einen oder vom anderen gab.

Dafür, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen, ward auch gesorgt. Mitte Februar sollte eine deutsche Aufführung der Walküre stattfinden mit Anton Seidl und Emil Fischer, die beide nicht zur Kompanie gehörten. Wie freute sich alles darauf, der deutschen Kunst einen neuen Triumph zuzuführen! Nur das furchtbare Stürmen meines Herzens fing an, mir ernstliche Sorge zu bereiten. Ich sprach nicht davon, schlief aber seit Wochen schon nicht mehr, ging ganze Nächte ruhelos im Zimmer auf und ab. Die Augen fielen mir zu, wo ich ging und stand, ich weinte krampfartig bei der geringsten Ursache und schleppte mich mit Aufbietung größter Energie mühsam dahin.

Mit Jean und mir war die Afrikanerin (italienisch) noch vor der Walküre für 15. Februar 1892 angesetzt. Ich sang die Selica zum erstenmal, hatte sie eifrig ausgearbeitet, bedurfte nur einer Klavierprobe auf der Bühne, zu der Jean und Lasalle erschienen. Während der Probe wurde ich plötzlich so bleich, daß Jean mich das Theater zu verlassen beschwor, mich ans Hotel brachte, wo ich[170] bald darauf weinend zusammenbrach. In meiner Nähe hörte ich, wie jemand »Komödie« sagte. – Am anderen Abend sang ich mit Aufopferung all meiner Kräfte die Afrikanerin, deren Todesopfer nicht viel größer als das meine war.

Achtundvierzig Stunden später wurde in der Nacht ein Arzt geholt. Wieder – wie auf hohen Bergen – hatte ich das Gefühl des Auflösens im Weltenraum. Mich im Bette zu bewegen war ich nicht mehr imstande. Nitroglyzerin und Kampher ließen mich aber zu der Auflösung, die mir ohne Weh und Klage so herrlich dünkte, für diesmal nicht gelangen. – Nach einigen Tagen strebte mein Körper selbständig nach Kräftegewinn, was sich in nervösem, unstillbarem Hunger kundgab. Es ist der Mühe wert, genaue Betrachtungen darüber anzustellen, was ein durch Nervenarbeit verausgabter Körper zur Wiedererlangung seiner normalen Kräfte gebraucht oder, vielleicht besser gesagt, verlangt. Täglich wurden mir zwei Beefsteaks, vier bis sechs Eier, Früchte und Kompott zu essen gegeben, täglich eine Flasche Beeftea, je drei Löffel Champagner und Kognak gereicht; und das alles verschlang ich heißgierig monatelang, ehe ich wieder einmal von »satt sein« reden konnte. Meine Krankheit nannte ich später die »Freßsucht«. Man überschüttete mich mit Leckerbissen aller Arten, den herrlichsten Blumen und Früchten. Ich lag über drei Wochen, fast ohne mich zu rühren. Der Arzt meinte, ich hätte etwas Fett am Herzen, solle mich sehr in Acht nehmen, und sobald ich es vermöchte, nach Europa zurückkehren; mir schien's, als wollte er mich los sein. Weder sehen noch hören konnte ich Menschen, schon der Arzt, der keine bleiche Ahnung von dem Zustand meines Kopfes hatte, machte mich ganz nervös durch seine Redensarten. Daß ich herzleidend sein sollte, beängstigte mich, und lange Zeit traute ich mir nicht zu, auch nur das Geringste zu unternehmen. Schließlich bestellten wir unsere Plätze für den 12. März auf der »Elbe« mit dem stillen Gedanken, daß ich zu reisen sicherlich unfähig sein würde. Von Fischers hörte ich nur, daß die arme Rosa verunglückt, krank darniederläge; sie war in ein Kohlenloch gefallen und hatte sich innerlich schwer verletzt. Wenn ich auch keinen Menschen gesehen hatte, fortzureisen, ohne ihr Adieu gesagt zu haben, brachte ich nicht übers Herz. Tags vor unserer Abreise fahren wir also hin, mein erster Ausflug vom[171] Krankenbett. Bei all ihrem Leid war sie so tragikomisch wie immer; sie erzählte uns ihren »Fall« und wie ihr »Murrrfl« (ihr Mann), anstatt sie zu schützen, ihrrr den Todesstoß verrrsetzt habe. Emil lachte wieder dicke Tränen, und wir lachten mit einem Auge mit ihm und weinten mit dem anderen mit ihr. Arme Rosl! Wir sahen sie nicht wieder. – Am anderen Morgen schifften wir uns ein und hatten eine herrliche Reise, auf der ich mich so wohl befand, daß ich mich immer wieder fragen mußte: ob ich denn wirklich herzleidend sei?

Zu Hause angekommen, blieb es aber nicht ganz so. Sobald ich Bekannte sah oder selbst von den Meinen jemand zu uns kam, kam auch das alte Elend wieder über mich. So blieb ich am liebsten ganz allein und raffte mühselig meine Kräfte langsam wieder zusammen. In solcher Einsamkeit mich oft mit Todesgedanken tragend, schrieb ich mit Windeseile mein ganzes Leben nieder.

Wie konzentriert doch mein Gedächtnis auch damals arbeitete! Als ich nach 20 Jahren mit der Niederschrift dieses Buches aus dem Gedächtnis aufs neue begann, bemerkte ich, daß ich fast alles mit denselben Worten wie damals gesagt und mich des geringsten Umstandes, der in unser Leben spielte, erinnert hatte.

Von meinem hochverehrten Freunde, Geheimrat Dr. Schweninger, und meinem heutigen ausgezeichneten Hausarzt, Dr. Wilhelm Wernecke, ist mir mein damaliger Zustand erst erklärt worden; beide fanden mein Herz vollkommen gesund, und beiden bin ich für die einfache, naturgemäße Behandlung zu unendlichem Dank verpflichtet. Es war nichts weiter als eine durch lebenslange Kopfanstrengung hervorgerufene Gehirnanämie, die, beizeiten erkannt, wohl hätte vermieden oder doch vorsichtig beseitigt werden können. Die kolossale Konzentration der Gehirnnerven, ihre unaufhörlich angestrengte Arbeit, wie sie unser Beruf mit sich bringt, der in jeder vorgeschriebenen Minute unsere ganzen geistigen und körperlichen Kräfte vor die Schranken ruft, drängt auch alles Blut nach dem Kopfe. Hier staut es sich, solange die Konzentration anhält, wenn – wie in meinem Falle – das Herz nicht stark genug ist, es durch den ganzen Körper zu treiben. Sobald die Abspannung des Nervensystems erfolgt, entleeren sich plötzlich auch die Blutgefäße, worauf[172] Schwindelanfälle und Herzschwäche in Erscheinung treten. Das stürmische Herzklopfen war also nur ein Folgezustand der geistigen Überanstrengung, der dadurch hervorgerufenen mangelhaften Blutzirkulation, und keine Krankheit. Derartigen Zuständen vorzubeugen, heißt es, die Herztätigkeit zu unterstützen, dem Herzen die Arbeit zu erleichtern, aber beileibe nicht durch Digitalis, Alkohol oder sonstige Gifte, sondern durch weise Massage, Gymnastik, Spaziergänge in guter Luft, gute und mäßige Ernährung und wie die Dinge alle heißen, die einen angestrengten Körper zur Erholung, gesunde Anregung führen. Sarah Bernhardt läßt sich nach jeder Vorstellung vorsichtig massieren, und jeder Künstler, der vorwiegend große Rollen spielt oder singt, sollte es nicht versäumen.

Was mir so oft von Professor Karl Klindworth und Eugen d'Albert empfohlen wurde, zum Vegetarismus überzugehen, auch das brachte ich zwei Jahre darauf von einem auf den anderen Tag noch fertig und konnte schon nach 14 Tagen eine erstaunliche Beruhigung meiner Nerven konstatieren. Dem gemäßigten Vegetarismus verdanke ich die vollständige Beseitigung meiner Aufregung vor den Aufführungen und auch sonst im Leben; ich wurde wieder kräftig und gesund und konnte in meinem Beruf noch Anstrengungen ertragen, die sich die Jüngsten und Kräftigsten nicht hätten zutrauen dürfen. Dank dem Vegetarismus ist Klindworth, der lange Jahre von einem schweren Leiden heimgesucht war, heute in vollkommener körperlicher und geistiger Frische 83 Jahre alt geworden.

Quelle:
Lehmann, Lilli: Mein Weg. Leipzig 1913, S. 165-173.
Lizenz:
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