1. Was will dieses Buch?

Wir beginnen damit, daß wir sagen, was dieses Buch nicht will.


Es ist keine Anleitung zum grammatisch korrekten Reden und Schreiben. Das gibt es schon in vielen Formen1. Es ist auch keine Anleitung zum Überreden und Überzeugen, oder zur Förderung des Erfolgs mit sprachlichen Mitteln. Bücher dieser Art sind ebenfalls häufig; ein frühes Muster war Dale Carnegie: »Wie man Freunde gewinnt«, und heute gibt es Dutzende von Büchern mit Titeln wie »Überzeugend reden und schreiben«.

Unser Buch ist vielmehr, wie sein Titel sagt, etwas, was es unseres Wissens heute nicht gibt: ein »Knigge« in sprachlichen Dingen – ein Führer zum richtigen Reden in verschiedenen Lebenssituationen. Dabei verstehen wir unter »richtig reden«:


So reden, daß wir andere Menschen nicht kränken, sondern erfreuen.

So reden, daß wir uns selbst nicht lächerlich oder unmöglich machen.


Ob es den Mitmenschen in unserer Nähe wohl ist oder nicht, hängt weitgehend von unserer Sprache ab. Je nachdem, wie wir unsere Worte wählen, können wir unsere Gesprächspartner verletzen oder entzücken.

Andererseits klassiert die Sprache den Menschen: Sobald einer den Mund auftut, wird er von seiner Umgebung beurteilt, entweder positiv: als ein Mensch, der weiß, was sich gehört, oder aber negativ: als taktlos, als vulgär, als jemand, der »nicht in Frage kommt«.

Wir verstehen also »richtig reden« als einen Teil des allgemeinen »richtigen Benehmens« oder »guten Tons«. Logischerweise [9] haben die meisten Bücher über richtiges Benehmen auch eines oder mehrere Kapitel über die Sprache – nur sind diese Kapitel nach unserer Meinung in ihrer Kürze der Bedeutung der Sprache nicht angemessen. Diese nämlich ist wichtiger als alle andern Verhaltensmuster. Es kann jemand ein »herrliches« Fest geben, wo alle kristallenen und silbernen Dinge in der richtigen Anordnung auf dem Tisch stehen, und wo den Gästen die köstlichsten Speisen vorgesetzt werden – wenn er sich sprachlich falsch verhält, wird seine Einladung dennoch ein Mißerfolg, und die Gäste gehen verärgert oder in Tränen weg.


Nun haben natürlich die verschiedenen sozialen Schichten, was das richtige Benehmen, und besonders, was die Handhabung der Sprache angeht, verschiedene Maßstäbe. Uns gilt als Norm die Sprache von Menschen, die eine gute Erziehung und Bildung genossen haben, und die deshalb reden oder schreiben können, ohne (unwillentlich) Anstoß oder Ärgernis oder Gelächter zu erregen.

Man könnte versucht sein, diese »gute Sprache« bei einer bestimmten Schicht oder »Klasse« der Bevölkerung zu suchen. Sie findet sich aber dort nicht. Was wir das richtige Reden nennen, überhaupt das ganze gute Benehmen, wird zwar in gewissen Kreisen bewußter gepflegt, gelehrt und gelernt als in anderen, ist aber an sich nicht an eine bestimmte soziale Schicht gebunden. Es gibt Menschen der unteren Schichten, die – im Reden und auch im Handeln – einen natürlichen Takt zeigen, und es gibt in den Oberschichten Menschen, die, aus was für Gründen immer, sich unmöglich benehmen und auch unmöglich reden.

Manche Leute tun das letztere übrigens bewußt und mit einer bestimmten Absicht: um den Bürger zu erschrecken: pour épater le bourgeois, was ursprünglich hieß: ›dem Bürger den Fuß abschlagen‹ – damit er den Stand verliert. Heute kann man ungestraft reden wie man will, und viele geben sich große Mühe, eine besonders grobe, »tabufreie« Sprache zu sprechen, oder, wenn sie Autoren sind, zu schreiben. Das heißt aber [10] nicht, daß heute keine sprachliche Norm mehr besteht. Die Übertretung der Norm hebt die Norm nicht auf, ja die Übertretung wird erst dadurch »interessant«, daß es eine Norm gibt, von der sie sich abhebt. Man kann hier wie anderswo sagen, daß die Ausnahme die Regel bestätigt.

Wo finden wir nun die Norm, wenn sie nicht in einer bestimmten sozialen Schicht zu suchen ist? Wir setzen sie in diesem Buch selbst. Damit unterscheiden wir uns von der traditionellen Sprachwissenschaft, die nur beschreibt, aber nichts vorschreibt.

Man soll aber unser »Vorschreiben« keineswegs als Zwang auffassen: Was wir im folgenden geben, sind Richtlinien, Anweisungen, Ratschläge. Wir haben bestimmte Erfahrungen gemacht und teilen sie anderen Menschen mit, um ihnen Unangenehmes zu ersparen. Gelegentlich lassen wir uns dabei etwas hinreißen, rufen laut »das ist gräßlich!« oder »ein ganz abscheulicher Fehler!«. Man darf auch Temperament haben. Wer aber unseren Ratschlägen nicht folgen will, der ist frei, dies zu tun. Wir betrachten ihn nicht als schlechten Menschen. Wir bedauern höchstens, daß er viele goldene Gelegenheiten verpassen wird.

Unsere Rechtfertigung? Woher nehmen wir den Mut oder die Frechheit, ein solches Buch zu schreiben? Zum ersten ist jeder Mensch frei, den anderen Ratschläge zu geben, solange er sie nicht nötigt, diese anzunehmen. Tatsächlich setzen ja alle Verfasser von Büchern über den guten Ton Normen, die sie meistens nicht einmal begründen. Wir versuchen dagegen in unserem Buch immer wieder, unsere Ratschläge und die ihnen zugrundeliegenden Meinungen zu begründen. Damit weichen wir von der Mehrzahl der Benimm-Bücher ab.

Im übrigen – hier ist eine gewisse Selbst-Empfehlung unumgänglich – sind wir ein älteres Schweizer Ehepaar, das sich zwei Leben lang intensiv für sprachliche Dinge und für das menschliche Verhalten interessiert, sich darüber unterhalten und bei längeren Aufenthalten in Deutschland, England, den USA und Japan eine Menge von Beobachtungen angestellt hat. Beide haben [11] Sprach- und Literaturwissenschaft studiert. Bei beiden haben es die Umstände mit sich gebracht, daß sie eine Zeitlang in sehr verschiedenen sozialen Schichten gelebt haben. Die Spezialität der Verfasserin sind Übersetzungen aus dem Englischen – dabei hat sie sich besonders mit dem Frauen-und Gesellschaftsroman beschäftigt, in dem viele Probleme des sprachlichen Benehmens berührt sind. Die Spezialität des Verfassers ist die Semantik oder Lehre von den Wortbedeutungen. Er hat unter anderem ein Buch über die englische Sprache2 und eines über die Sprache des Liebespaars3 geschrieben. So glauben sich denn die beiden Autoren einigermaßen berechtigt, als Geber von Ratschlägen aufzutreten. Daß sie sich als ältere Personen an Menschen jeden Alters wenden, halten sie für richtig; denn es ist das Recht der Alten, Normen zu setzen, so wie es das Recht der Jungen ist, von diesen Normen abzuweichen und dafür neue zu entwickeln.

Beide Verfasser sind der Meinung, daß die Stellung der Frau in der Gesellschaft noch verbessert werden kann und auch verbessert werden soll. An zahlreichen Stellen ihres Buches haben sie Möglichkeiten gezeigt, diesem Ziel näher zu kommen. Hingegen haben sie es unterlassen, in ihren Texten nach Frauen und Männern zu differenzieren, wo dies mühselig geklungen hätte; denn sie glauben, daß damit der Sprache und den Frauen auf die Dauer besser gedient ist. Wenn sie also vom »Gesprächspartner« reden, so meinen sie sowohl den weiblichen wie den männlichen Gesprächspartner, »Gast« bezieht sich auf beide Geschlechter, und so fort. Natürlich gibt es Fälle, wo nur das eine oder das andere Geschlecht gemeint ist; dort wurde selbstverständlich unterschieden.


[12] Die einzelnen Kapitel sind wie folgt angeordnet:

Am Anfang stehen einige allgemeine Ratschläge über das Wie des Redens; dann folgt ein Kapitel über »verbotene« Wörter, über die Gründe, die zu den Verboten geführt haben, und über die Möglichkeiten, diese Verbote zu übertreten.

Eine Reihe von Kapiteln behandelt die Handhabung der Sprache in verschiedenen Lebenssituationen: »In Gesellschaft«, »Auf Reisen«, »Besondere Situationen« (mit Abschnitten wie »Kunstgenüsse«, »Am Telefon«, »Mit Schwerhörigen«, »Mit Fremdsprachigen«, »Beim Arzt«). Ein großes Kapitel »Sprache und Liebe« behandelt Redeweisen, die der Liebe freundlich oder feindlich sind; »Wahrheit und Lüge« beleuchtet die breite Grauzone zwischen beiden; »Uneigentliches Reden« behandelt Sprachformen wie die Ironie; »Sprachliche Vorwegnahme« endlich macht auf das heute verbreitete Phänomen des (vorausgehenden) Zerredens von Erlebnissen aufmerksam und schlägt Mittel zur Abhilfe vor.

Natürlich könnten die Kapitel noch vermehrt werden; auch innerhalb der einzelnen Kapitel gäbe es manche Gelegenheit für Ergänzungen. Wir haben uns aber vorgenommen, einen gewissen Umfang nicht zu überschreiten. Unser Gegenstand hat ohnehin etwas Vorläufiges; denn neue Erfahrungen können jederzeit neue Ratschläge notwendig machen.

Fußnoten

1 Ein (ausgezeichnetes) Beispiel unter vielen ist: Walter Heuer: »Richtiges Deutsch – eine Sprachschule für jedermann«, 20. Auflage, bearbeitet von Max Flückiger und Peter Gallmann, Zürich 1991.


2 E. Leisi, Das heutige Englisch – Wesenszüge und Probleme, Heidelberg, 7. Aufl. 1985.


3 E. Leisi, Paar und Sprache. Linguistische Aspekte der Zweierbeziehung, 3. durchges. Aufl., Heidelberg 1990.


Quelle:
Leisi, Ilse und Ernst: Sprach-Knigge oder Wie und was soll ich reden? Tübingen 21993.
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