Das »argumentum ad hominem«

[195] Wörtlich heißt das: ›das auf den Menschen bezogene oder gerichtete Argument‹. Was genau darunter verstanden werden soll, darüber herrscht keine Einigkeit. Wir verstehen unter »argumentum ad hominem« ein Argument, das vom Sachlichen abweicht und statt dessen auf die Person und den Charakter [195] des Gesprächspartners zielt. Angenommen, ich bin der Meinung, daß Toscanini der größte Dirigent des Jahrhunderts gewesen sei, und mein Gesprächspartner hält einen anderen für größer. Dann gibt es für mich verschiedene Arten, zu argumentieren. Zum Beispiel so: »Hör Dir doch seine letzte Fidelio-Aufnahme an«, oder »Das geht klar aus den zeitgenössischen Kritiken hervor«, oder »Kein Geringerer als X. hat das wiederholt gesagt«. In allen diesen Fällen bin ich sachlich geblieben. Nun kann ich aber auch die sachliche Ebene verlassen und zum Beispiel sagen: »Du verstehst eben nichts von Musik«, oder »Das ist typisch von dir«. Das heißt, ich mache meinen Gesprächspartner, seine Kenntnisse, seine Urteilsfähigkeit, seinen Charakter zum Thema. Für dieses Vorgehen gebrauchen wir hier den Ausdruck »argumentum ad hominem«.

Die Beispiele, die wir eben genannt haben, stellen den gebräuchlichsten Typus dar: Man benützt es, um die Argumente, die der »Gegner« soeben verwendet hat, zu entkräften. Daneben gibt es aber auch andere Typen. Einer davon, der leider gern von Männern gegenüber Frauen und von Vätern gegenüber Kindern angewendet wird, ist das Kommentieren vor Zuschauern. Angenommen, ein Mann diskutiert mit seiner Frau im Beisein anderer Familienmitglieder. Sie hat soeben etwas vorgebracht, nehmen wir an, zugunsten der Frauenrechte. Nun sagt der Mann, statt bei der Sache zu bleiben: »Seht, wie sie sich aufregt.« oder: »Seht, wie sie sich einsetzt«. Das zweite ist scheinbar ein Lob; in Wirklichkeit aber sind beide Äußerungen gleich unfreundlich.

Wie bei dem Typus »Du verstehst eben nichts von Musik« ist es auch hier so, daß nicht sachlich sondern »persönlich« gestritten wird. Der Zweck des persönlichen Angriffs ist aber diesmal, etwas anders. Es geht nicht mehr darum, via Person ein »gegnerisches« Argument zu entkräften, sondern darum, die Person des »Gegners« ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken und zu exponieren. Man könnte auch sagen: Die Aufforderung »Schaut sie Euch an« ist ein Stück perfider Regie, welche die Anwesenden umgruppiert. Die beiden »Akteure«, Mann und Frau, standen [196] sich vorher gleichgestellt gegenüber; jetzt nimmt plötzlich der Mann die weiteren Anwesenden für sich in Anspruch und versetzt sie (zusammen mit sich selbst) in die Rolle von Zuschauern; die Frau wird isoliert und in die Rolle einer (einsamen) Schauspielerin auf eine »Bühne« gedrängt. Es braucht für einen Menschen starke Nerven, in dieser Situation noch sachlich und wirksam weiter zu argumentieren.

Dazu kommt, daß sich der Mann auf diese Weise der Diskussion entzieht. An sich ist dies nicht verboten; kein Mensch kann zu einer Diskussion gezwungen werden, vergleiche unsere Ausführungen über das erlaubte Schweigen, Seite 183 ff. Aber die Frage ist, wie es geschieht.

Das »argumentum ad hominem« ist etwas Unfaires, aber es kommt im täglichen Leben außerordentlich häufig vor. Schon die kleinsten Kinder, wenn sie sich streiten, wer recht hat, sagen lieber: »Du bist blöd«, als daß sie sachliche Gründe geben. Aber auch diejenigen Gesellschaftsschichten, welche Konversation um ihrer selbst willen pflegen und darin geübt sind, glauben meist nicht darauf verzichten zu können. Wenn man diese Taktik einmal als solche erkannt hat, ist man erstaunt, wie viele Romane von ihr buchstäblich voll sind. Beispiele aus dem 19. Jahrhundert bieten die Romane von Theodor Fontane, am meisten vielleicht »Unwiederbringlich«. Dort finden sich (im 6. Kapitel) dicht hintereinander folgende Stellen:


»Pardon, liebe Christine, das scheint seit gestern deine Parole.«

»Ach, liebe Christine, das ist nun mal dein Steckenpferd oder eins aus der Reihe davon.«

»Ja, Helmuth, da bist du nun wieder ganz du, ... schon hast du alles wieder vergessen.«


Und im 21. Kapitel:


»Wie wenig Sie doch Bescheid wissen.«

»Ach, Ebba, Sie sagen das so hin, weil Sie mokant sind.«


Für Beispiele aus dem 20. Jahrhundert könnte man unter vielem anderem den Film »Szenen einer Ehe« von Ingmar Bergman wählen. Dort finden sich an einer einzigen Stelle:


[197] »Warum mußt du immerzu alles mit moralischen Maßstäben messen.«

»Nein, zum Teufel, so kann man nicht argumentieren.«

»Bist du jetzt nicht reichlich überspannt?«3


Es stimmt zum Nachdenken, daß sich sowohl bei Fontane wie hundert Jahre später bei Bergman das »argumentum ad hominem« als sprachliches Symptom einer krank gewordenen Ehe erweist. – Sicher sind nicht alle Fälle von »argumentum ad hominem« gleich schädlich oder aggressiv. Und offenbar kann man nicht ganz darauf verzichten. Immerhin lassen sich zwei grundsätzliche Regeln geben:


Für den potentiellen »Täter«: Man sei in der Anwendung dieses Mittels äußerst zurückhaltend und gebrauche es nur, wenn es absolut notwendig ist.


Für das potentielle »Opfer«: Man mache den Partner ruhig darauf aufmerksam, daß er jetzt eine Grenze überschritten hat, und lenke ihn von der Person weg auf die Sache zurück. Etwa so: »Jetzt bist du aber von der Sache abgekommen; es ging nicht um mich, sondern darum, ob ...«


Und für beide: Man soll sich das »argumentum ad hominem« als Typus gut einprägen, damit man es in jedem Falle sofort erkennt, wenn es auftritt, so daß man es (als »Täter«) abbrechen oder (als »Opfer«) enthüllen kann.

Quelle:
Leisi, Ilse und Ernst: Sprach-Knigge oder Wie und was soll ich reden? Tübingen 21993, S. 195-198.
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