Gutes und böses Zitieren. Der Privatcode

[151] Ein junger Mann baut ein Schiffsmodell. Seine Freundin hilft ihm dabei. Einmal hebt er mit der Pinzette ein kleines Ding in die Höhe und sagt: »Das ist einer der Lüfterköpfe«. Acht Tage darauf sind die beiden in einer Konditorei und bekommen ein komisch geformtes Gebäck vorgesetzt. Darauf das Mädchen: »Das sieht aus wie Lüfterköpfe«.

Das nennen wir das gute Zitieren. Jemand wiederholt eine bestimmte Äußerung des anderen, vielleicht nach Tagen, Wochen oder Monaten, sobald sich eine Gelegenheit bietet. Es braucht kein Fachausdruck zu sein, wie in unserem Beispiel; der Partner mag gesagt haben »tomatenrot«, oder »kapitale Idee«, oder »ich bin erfreut« – irgend eine Äußerung, die nicht völlig trivial ist, kann zitiert werden. Dieses gute Zitieren ist stets ein Liebesbeweis. Nicht unbedingt ein erotischer; denn es kommt auch unter guten Freunden des gleichen Geschlechts vor: Hemingway hat in seinem Roman »The Sun also Rises« gezeigt, wie junge Männer Wörter und Wendungen voneinander übernehmen und sich dadurch als Freunde erweisen4.

Aber das gute Zitieren ist besonders wichtig in der Liebesbeziehung, denn es heißt: »Was Du sagst, ist mir wichtig; ich vergesse es nicht«. Und genau das ist es, was jedermann von der Liebe erwartet: angenommen werden in dem, was man zu geben hat, ernstgenommen werden in dem, was man »erfunden« hat. Darum ist es in der Liebe notwendig, dem andern solche Zeichen des Erinnerns zu geben, und zwar nicht einmal, sondern immer wieder. Sicher ist auch dies: Schon ein einziges konkretes Zeichen, daß man sich erinnert hat, ist besser als ein Dutzend Versprechen, daß man sich erinnern werde. Wir glauben übrigens, daß Frauen eine größere Begabung zu diesem guten Zitieren haben als Männer; vielleicht haben sie allgemein eine bessere Begabung zum Zuhören, Einfühlen und sich Merken.

Zum guten Zitieren gibt es ein Gegenstück, das böse Zitieren. [152] Dafür ein Beispiel: Die Frau hat es unterlassen, wie abgemacht die Fahrscheine zu kaufen. Sie sagt:

»Ich habe halt nicht daran gedacht.«

Darauf der Mann:

»Ich habe halt nicht daran gedacht! Hä, hä!«

Dieser Mann gehört geohrfeigt. Seine Äußerung ist schon auf den ersten Blick lieblos; sie wird noch liebloser, wenn man sie analysiert. Die Frau hat nämlich mit ihrer etwas hilflosen Äußerung »Ich habe halt nicht daran gedacht« ihre Schuld und »Dummheit« bereits zugegeben. Darauf könnte der Mann auf zweierlei Weise reagieren. Er könnte zur Tagesordnung übergehen, etwa so: »Na ja, macht auch nichts, nun müssen wir uns eben beeilen.« Oder er könnte etwas weniger freundlich sagen: »Du bist wirklich blöd. Nun müssen wir uns furchtbar beeilen.« Auch in diesem zweiten Fall wäre die Sache nicht weiter schlimm. Statt dessen aber nimmt er das Schuldbekenntnis der Frau auf und wirft es ihr parodierend an den Kopf. Damit sagt er dem Sinne nach: »Du hast selber zugegeben, wie dumm du bist, hör nur noch mal.« Das heißt, er blamiert sie mit ihren eigenen Worten. Sie wird sich sagen: »Kann man mit einem Menschen noch weiter reden, der einen so verhöhnt?« Darum geben wir hier den Rat: Das gute Zitat brauche man so häufig wie möglich, das schlechte Zitat meide man wie die Pest – klinge es auch noch so witzig.


Das gegenseitige gute Zitieren, und noch allgemeiner: die Bereitschaft, gemeinsam Wörter und Wendungen zu schaffen, kann dazu führen, daß ein eigentlicher Privatcode entsteht. Darunter verstehen wir einen Schatz von sprachlichen Elementen, vor allem Wörtern, die dem Paar gemeinsam sind, nur von diesem gebraucht werden und für Außenstehende unverständlich sind.

Was innerhalb eines solchen Privatcodes das Wichtigste und wohl auch zeitlich das erste ist, das sind die neuen Namen, die die Partner einander geben. Er kann sie nennen:


[153] Mäuschen, Häschen, Ente, Watschelente, Laus, Hamster, Butz, Käferchen, Ampel, Öfchen, Paketchen, Schnügerli, Schleckstengel, Nanu, Ladli, Gigi, Hagara, Schputz, Glogu, Schä, Tschigo, Hexlein, Engelchen, Kind, Genoveva, Siebenschön.


Anderseits kann sie den Partner nennen:


Mutzer, Tiger, Leu, Böckli, Würmli, Frosch, Bär, Bartli, Löffeli, Teddy, Schadibu, Schmüderli, Fui, Pip, Biest, Biestli, Viech, Schlamper, Lümpli, Kobold, Tarzan, Teufelchen, Bubi, Cheri, Hedgehogli, Piglet, Sugar ...


Das sind einige wenige von Hunderten von Namen, die eine Umfrage unter Studenten an der Universität Zürich erbrachte5.

Im Vorbeigehen können wir bemerken, daß die Tiernamen einen großen Teil ausmachen, und daß sehr viele Namen in keiner Weise schmeichelhaft sind, etwa »Laus«, »Biest« oder »Schlamper«. Interessant sind für den Linguisten diejenigen Namen, die an keine bekannten Wörter anschließen, also etwa »Ladli«, »Fui«, »Hagara«, »Schputz«, »Schadibu«, »Glogu«, »Schä«. Vielleicht gehen sie auf eine Art »Analogiestreben« zurück: Die absolute Einmaligkeit des geliebten Wesens soll durch einen absolut einmaligen Namen ausgedrückt werden. Weiter läßt sich durch solche Umfragen feststellen, daß der Partner fast immer eine ganze Anzahl von Namen bekommt: Über die Gründe siehe das in der Anmerkung genannte Buch.

Im Laufe einer Paarbeziehung entstehen aber nicht nur Namen für die beiden Partner, sondern auch Namen für alle möglichen Handlungen, Dinge und Situationen. Meist ist es so, daß diese neuen Ausdrücke erstmals in einer bestimmten Situation gebraucht worden sind, die für beide gefühlsmäßig wichtig war. Sie erhielten dadurch besonderes Gewicht und wirken für das Paar verbindend. Darum werden sie auch nachher gern gebraucht, oft etwas umfunktioniert, und sie bestätigen jedesmal die Zweisamkeit des Paars.

[154] Ein klassisches Beispiel aus der Literatur, das auch von Linguisten zitiert wurde, ist das »auf den Steinen sitzen« in Thomas Manns »Buddenbrooks«. Die junge Tony Buddenbrook (reich) hat sich in Travemünde mit stud. med. Morten Schwarzkopf (arm) angefreundet. Sie beginnen sich zu lieben und machen Spaziergänge am Meer. Gelegentlich tauchen junge Leute aus Tonys Kreisen am Strand auf, und Tony fühlt sich dann verpflichtet, einige Zeit mit diesen zu verbringen. Morten möchte nicht vorgestellt werden; er setzt sich während dieser Zeit lieber »dahinten auf die Steine« und liest dort, während Tony sich mit der Gesellschaft unterhält.


Diese »Steine« waren seit dem ersten Tage zwischen den beiden zur stehenden Redewendung geworden. »Auf den Steinen sitzen«, das bedeutete: ›Vereinsamt sein und sich langweilen‹. Kam ein Regentag (...) dann sagte Tony: »Heute müssen wir beide auf den Steinen sitzen ... das heißt in der Veranda oder im Wohnzimmer (...).

»Ja«, sagte Morten, »setzen wir uns ... Aber wissen Sie, wenn Sie dabei sind, so sind es keine Steine mehr!« ... Übrigens sagte er dergleichen nicht, wenn sein Vater zugegen war; seine Mutter durfte es hören.


Hier haben wir alle Elemente des Privatcode. Ein Ausdruck, entstanden in einer gefühlsmächtigen Situation, die unmittelbar mit der Beziehung des Paars zu tun hat – nämlich eine zeitweilige Trennung, die beide schmerzlich empfinden, wodurch ihnen zum erstenmal ihre Liebe richtig bewußt wird, beginnt, etwas besonderes zu bedeuteten – nämlich: »frustriert sein« oder noch genauer: ›frustriert sein in bezug auf unsere Liebe‹ – und wird von nun an in dieser neuen Bedeutung gebraucht.

Meist entstehen solche Privatausdrücke aus gemeinsam erlebten Situationen. Aber auch aus gemeinsam erlebter Lektüre können Elemente für eine Privatsprache entnommen werden. Auf eine Rundfrage unter Studenten: »Welche Texte oder Textstücke hatten einmal für Sie als Liebespaar eine ganz besondere Bedeutung?« gingen zahlreiche Antworten ein; sie reichten von dem mittelalterlichen Gedicht


[155] Du bist min, ich bin din,

Des solt du gewiss sin.


über Paul Celan


Wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis


bis zu Elvis Presley


It's now or never.


und darüber hinaus.


Es ist klar, daß ein Schatz von solchen persönlichen Code-Wörtern die Liebesbeziehung eines Paares festigt. Denn der Gebrauch eines jeden solchen Wortes sagt den Partnern immer wieder: Dies haben wir gemeinsam erlebt, gemeinsam geschaffen; es gehört allein uns, niemand anders weiß, was es bedeutet. Man kann sogar sagen, daß der gemeinsame Besitz solcher Ausdrücke ein Liebesbeweis ist. Die Situation ist ja leider nicht selten, wo der eine oder andere Partner sich im Geheimen fragt: »Liebe ich ihn wirklich?« »Liebe ich sie wirklich?« Er sucht dann nach einem (möglichst objektiven) Test, der ihm aus seinen Zweifeln so oder so heraushilft. Für diese Situation schlagen wir den »Privatcode-Test« vor. Wir fragen so:


Habt Ihr untereinander eine Privatsprache: einen Schatz von Ausdrükken, die nur Euch gehören und anderen Menschen unbekannt sind? Wenn ja, so liebt Ihr Euch, wenn nein, dann nicht.


Natürlich meinen wir das nicht tierisch ernst. Liebe ist etwas so Komplexes, daß man sie nicht objektiv »testen« kann. Aber wenn schon einen Test, dann eher den mit dem Privatcode als andere, etwa den, ob man die Zahnbürste gemeinsam haben könne. Ein Liebespaar ist – soziologisch gesprochen – eine »Gruppe«; eine Gruppe ist eine kleinere oder größere Anzahl von Menschen, welche durch gemeinsame Verhaltensmuster [156] nach innen zusammengehalten und gegen außen abgegrenzt ist. Und zu den Verhaltensmustern gehört ganz besonders die Sprache. Gemeinsame und exklusive Sprachmerkmale tragen also zur Festigung des Gruppenzusammenhalts bei; in andern Worten: Je größer die Menge der gemeinsamen Sprachelemente, umso stärker der Zusammenhang – und dies ist wahrscheinlich etwas vom Objektivsten, was sich überhaupt über Liebe und Liebespaare sagen läßt.

Lassen sich daraus sprachliche Verhaltensregeln ableiten? Gewiß. Zwar wird man nicht positiv von jemandem verlangen können, daß er/sie aktiv sprachschöpferisch tätig ist und beständig neue Namen und andere private Sprachelemente schafft. Man kann der Phantasie nicht befehlen. Hingegen kann man verlangen, daß ein Partner den andern nicht bei solchen Aktivitäten hindert, und dessen Sprachschöpfungen nicht als »einfältig«,»kindisch« oder sonstwie abtut, sondern im Gegenteil hilft, das gemeinsame Sprachspiel weiter auszubauen.

Und noch etwas, was bereits Thomas Mann in der Geschichte von den »Steinen« angetönt hat: Die Sprachspiele Liebender sind ihre Privatsache, das heißt: Kein Außenstehender braucht zu wissen, daß er sie »Äffchen« nennt und sie ihn »Laus«, oder daß für ein bestimmtes Frustriertheitsgefühl der Ausdruck »auf den Steinen sitzen« gebraucht wird. Es gibt von dem österreichischen Schriftsteller Franz Nabl eine Erzählung »Der Vogel Tscheap«, die genau diese Code-Geheimhaltung zum Thema hat. Ein verlobtes und scheinbar glückliches Paar trennte sich ganz unvermittelt, zum Schrecken aller Bekannten. Einige Zeit später stellte sich dann folgendes heraus: Einmal, bei einem ihrer Spaziergänge, in einer Waldlichtung, hatten sich die beiden besonders nahe und harmonisch gefühlt; und in diesem Augenblick hörten sie einen Vogel, dessen eintönigen Laut sie mit Worten nachahmen wollten. Nach einigen gemeinsamen Versuchen kamen sie auf den Namen »Tscheap«, und dieses Wort wurde ihnen zu einer geheimen Bestätigung für ihre Liebe. Wenn sie sich zum Beispiel in einer großen Gesellschaft [157] nicht privat miteinander unterhalten konnten, brauchten sie es sich nur zuzuraunen, um wieder glücklich zu sein.

So ging alles gut, bis das Paar eines Tages, zusammen mit einem Dritten, der für keines von beiden wichtig war, an einem Waldrand spazierte. Wieder sang der Vogel. Da sagte der Dritte mitwisserisch lächelnd: »Aha, das ist der Vogel Tscheap.« Die junge Frau hatte das »Zauberwort« dem Dritten mitgeteilt; sie hatte es offenbar nicht nötig gefunden, es geheim zu halten. Dem Manne aber kam das wie ein Schlag auf die Brust. Daß seine Partnerin das geheime Zauberwort, das Symbol der intimen Zusammengehörigkeit, einem gleichgültigen Dritten verraten hatte, darüber kam er nicht hinweg; er entlobte sich und reiste in ein fernes Land, in dem er wenig später starb.

Als diese Geschichte mit Studenten diskutiert wurde, gab es zwei Meinungen. Die einen fanden, schließlich sei hier alles nur um ein einziges Wort gegangen, und man müsse in der Liebe großzügiger sein. Die anderen, fast gleich an Zahl, waren der Meinung, dieser Mann habe richtig gehandelt, sie könnten seine Gefühle gut nachvollziehen. Ähnlich mögen die beiden Meinungen auch außerhalb dieser Testgruppen in der Welt der Liebenden verteilt sein. Und dies heißt für uns:

Man muß in beiden Richtungen tolerant sein: Derjenige Partner, für den die gemeinsamen Wortschöpfungen des Paares mehr lustig als heilig sind, soll gegenüber dem anderen rücksichtsvoll sein und die privaten Wörter nicht verraten; der andere Partner, für den diese Schöpfungen heilige Geheimnisse sind, soll Verständnis für den anderen aufbringen, wenn dieser einmal ohne Absicht das eine oder andere Privatwort preisgibt.

Anderseits muß man hier aber auch eine Warnung anschließen: Wenn bei einem Paar die Anschauungen über diese (nicht ganz unwichtigen) Dinge total verschieden sind, so muß sich das Paar unbedingt fragen, ob es wirklich auf die Dauer zusammenbleiben soll. Denn, wie schon gesagt, eine Liebe, bei der die Sprache nicht mitspielt, kann sich leicht als eine Illusion erweisen.

Quelle:
Leisi, Ilse und Ernst: Sprach-Knigge oder Wie und was soll ich reden? Tübingen 21993, S. 151-158.
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