Schlußwort

Wir haben in diesem Buch zuweilen eine kräftige Sprache gesprochen. Einmal sagten wir sogar: »Dieser Mann gehört geohrfeigt«, als nämlich von einem Mann die Rede war, der die Worte seiner Frau in hämischer Weise parodierte. Und an zahllosen anderen Stellen haben wir mit Merksätzen dem Leser unsere Meinung klar zu verstehen gegeben. Trotzdem halten wir fest: Was wir in diesem Buch geben wollten, das sind Ratschläge, keine Forderungen und schon gar keine Befehle. Forderungen stellen, Befehle geben darf, wer dazu berechtigt ist. Das sind wir nicht. Wir haben allenfalls das Vorrecht des Alters und der Erfahrung. Beide zusammen haben uns zur Überzeugung gebracht, daß es notwendig sei, bestimmte sprachliche Verhaltensweisen zu empfehlen und von anderen abzuraten. Einen Zwang wollen wir nicht ausüben – bekanntlich steht es jedem Menschen frei, Ratschläge anzunehmen oder abzulehnen.


Wir können uns gut vorstellen, daß nicht alle Teile unseres Buches gleich gut »ankommen«. Als wir uns überlegten, wo Widerspruch laut werden könnte, sind wir auf drei Punkte gekommen, die wir hier kurz besprechen wollen.


Es wird vielleicht von feministischer Seite der Vorwurf erhoben, wir seien der Sache der Frauen zu wenig gerecht geworden. Hier bitten wir, zwei Aspekte genau zu unterscheiden, den sachlichen und den formalen. Sachlich haben wir uns immer wieder für die Frauen eingesetzt. Wir haben uns zum Beispiel dagegen gewehrt, daß die Frau am Telefon mit einem kurzen »Ist Ihr Mann da?« abgefertigt wird. Wir haben dafür plädiert, daß man im Gespräch mit einer Frau nicht bloß vom Mann und von den Kindern dieser Frau reden soll, sondern auch von ihren persönlichen Interessen. Daß man sie also nicht nur als »Gattin und Mutter« sehen soll, sondern als selbständiger Mensch mit eigenen Rechten. Und an zahlreichen anderen [215] Stellen haben wir für die Frauen Partei genommen, indem wir größere und kleinere »machistische«, Sünden aufgedeckt und kritisiert haben.

Hingegen haben wir uns, was das äußerlich Formale angeht, für eine Ausdrucksweise entschieden, die heute nicht bei allen Frauen populär ist. Wir sagen nämlich »der Sprecher«, »der Hörer«, »der Gast« und meinen damit Männer und Frauen. Dies haben wir schon in unserem ersten Kapitel »Was will dieses Buch?« angekündigt; eine ausführliche Begründung haben wir im Abschnitt über den »Sexismus« in der Anrede (Seite 77 ff.) gegeben.

Wir wiederholen hier auch, was wir an mehreren Stellen gesagt haben: Wahrscheinlich haben die Männer unser Buch noch eine Spur nötiger als die Frauen. Allerdings sind wir so gut wie sicher, daß das Buch mehr von Frauen gelesen werden wird; denn die Frau ist ganz allgemein stärker als der Mann an gutem Benehmen interessiert.

Ein zweiter Punkt ist der: Schweizer, insbesondere Zürcher, mögen an der einen oder andern Stelle den Eindruck gewonnen haben, wir hätten es besonders auf sie abgesehen. Was die Zürcher betrifft, so kommen sie unseres Wissens nur einmal dran: Im Kapitel über das uneigentliche Reden heißt es, die Zürcher seien weniger für Ironie empfänglich als die Basler. Dazu stehen wir nach wie vor, wobei wir hinzufügen: Wir halten die Ironie nicht für etwas so Wundervolles, daß man ohne sie nicht leben könnte. Und wir haben auch deutlich gesagt, daß und warum man mit der Ironie zurückhaltend umgehen soll.

Sicher ist hingegen, daß wir den Deutschschweizern allerhand Kritisches gesagt haben. Dies geschah nicht etwa im Zuge der heute üblichen hämischen oder weinerlichen Schweiz-Kritik, die wir von Herzen verabscheuen. Tatsache ist jedoch, daß es in der deutschen Schweiz sprachliche Tendenzen gibt, auf die man kritisch hinweisen muß. Die wichtigste davon ist die – nach unserer Meinung verhängnisvolle – Neigung, das Hochdeutsche zu vernachlässigen, es nicht einmal mehr im Gespräch [216] mit Französisch-, Englisch-, Italienisch- oder Serbokroatischsprachigen zu gebrauchen. Wer weiß, wie sehr sich die meisten schweizerdeutschen Dialekte vom Hochdeutschen unterscheiden, kann ermessen, was das für eine Rücksichtslosigkeit ist. Die Entwicklung verläuft übrigens nicht gleichmäßig, sondern beschleunigt, da jemand, der eine Sprache nicht mehr braucht, in dieser auch immer ungeschickter wird, worauf er wiederum immer größere Hemmungen hat, sie zu gebrauchen, worauf es ihm immer mehr an Übung fehlt, worauf ... Das ist der klassische »Circulus vitiosus«. Wir halten es nicht mit dem Vogel Strauß, und darum haben wir in unserem Abschnitt »Mit Fremdsprachigen« unverblümt auf dieses Problem hingewiesen.


Ein drittes, noch viel allgemeineres Problem ist dies: Viele unserer Leser werden sich über die angebliche Beschneidung ihrer Freiheit aufregen. Wo kommen wir hin, werden sie sagen, wenn wir in unserer Sprache durch ein Netz von Vorschriften gebunden sind, wenn wir überhaupt nicht mehr spontan – ein heute sehr beliebtes Wort – reden dürfen? Dies ist ein ernstzunehmender Vorwurf, denn es gibt heute immer mehr kleinere oder größere Beschränkungen der menschlichen Freiheit. Viele Dinge, die vor fünfzig Jahren noch erlaubt waren – zum Beispiel, die Straße überschreiten, wo man will, parken, wo man will, im Garten ein Feuerchen machen oder einen Hund begraben, ohne Gurt Auto fahren, den Wagen unabgeschlossen stehen lassen – sind uns heute verboten, obwohl man die Freiheit angeblich immer nach Kräften gepflegt hat. Soll jetzt auch noch in der Sprache eine Epoche der Unfreiheit kommen?

Darauf können wir mit drei Argumenten antworten. Als erstes wiederholen wir, was wir soeben gesagt haben: Daß wir keine Befehle geben sondern Ratschläge, deren Befolgung ja immer rein freiwillig bleibt.

Als zweites: Wer immer eine Kunst lernen will – und das richtige Reden ist eine Kunst – der muß nicht nur unablässig üben, sondern sich auch an gewisse Regeln halten. Das ist bei [217] andern Gebieten eine völlige Selbstverständlichkeit, denn sonst kommt man über das Stümpern nicht hinaus. Wer skilaufen, windsurfen, Geige spielen will, der muß seine Freiheit eine Zeitlang arg beschränken, bis er die Regeln seiner Kunst beherrscht, sie nicht mehr als Zwänge empfindet und sich (wieder) völlig frei fühlt. So geht es auch dem, der besser reden lernt; er mag am Anfang über verlorene Freiheiten seufzen, wird aber bald sehen, daß er sich in jeder Situation besser zu helfen weiß und dadurch – wie ein guter Windsurfer oder Gleitschirmflieger – zu einer genußvollen neuen Freiheit kommt. Wer es mit seiner Sprache so weit gebracht hat, der wird keineswegs sagen: »Ich habe meine Freiheit verloren«, so wenig wie ein Gleitschirmflieger, der, seiner Sache sicher, in den blauen Raum hineinschwebt.


Und der dritte Punkt: Bei unseren Regeln sind besonders häufig die Verbote. Sie sind nicht nur zahlreicher, sondern im ganzen auch gewichtiger als die Gebote. Drückt sich da nicht eine Tendenz zum Hemmen, Einschränken, »Restringieren«, zu einer noch verschärften Form der Unfreiheit aus? Dazu ist folgendes zu sagen: Verbote gehören ganz wesentlich zu den Grundregeln jeder Sprache. Die seinerzeit revolutionäre Richtung der »Generativen Grammatik«, die nach etwa dreißig Jahren heute zu einem klassischen Bestandteil der Sprachwissenschaft geworden ist, hat es mit aller Entschiedenheit bestätigt: Zwar gibt es einige für alle Sprachen gültige Grundregeln, welche die Form von Geboten haben – zum Beispiel, daß alle Sprachen aus Wörtern bestehen müssen. Aber die viel zahlreicheren Einzelregeln, die den Gebrauch der Wörter und der Grammatik einer Sprache regeln, sind fast durchwegs Verbote, oder, wie man in der Sprachwissenschaft sagt, Restriktionen. Die Formel für eine grammatische Regel lautet im Prinzip: »Hier darf man X nicht gebrauchen«. Manche Lehrer machen deraus: »Hier muß man Y gebrauchen«, aber dieser Schritt ist unnötig und falsch.

So wie nun die generellen Regeln von Wortschatz und Grammatik [218] ihrem Wesen nach eher Verbote als Gebote sind, so sind es auch die subtilen Regeln für den zwischenmenschlichen Gebrauch der Sprache, die wir in unserem Buch beschrieben haben. Zum Schluß noch dies: Man könnte meinen, daß der Gebrauch der Sprache durch alle die Verbote – die grammatischen wie die von uns beschriebenen – ungeheuer eingeschränkt wird, so daß, wenn man sie alle einhält, überhaupt nichts zu sagen übrigbleibt.

Wer dies befürchtet, den können wir beruhigen. Eine Tatsache, auf die die moderne Sprachwissenschaft ebenfalls mit Nachdruck hingewiesen hat, ist nämlich die, daß die Sprache unendlich kreativ ist. Lange Zeit hat man die Sprache etwa so gesehen wie eine große aber beschränkte Anzahl von Mosaiksteinen, mit deren Hilfe eine große aber endliche Zahl von Äußerungen »zusammengebaut« werden könne. Aber seit etwa dreißig Jahren ist man von diesem Modell abgekommen. An seiner Stelle steht jetzt die (beweisbare) Idee von der unbeschränkten Kreativität der Sprache, die aus einer beschränkten Zahl von Einzelelementen eine völlig unbegrenzte Zahl von Kombinationen schaffen kann.

Für unser Buch heißt das: Selbst wenn wir tausend Verbote gegeben hätten, wären diese ganz wenig im Vergleich zu den an sich unendlich vielen Möglichkeiten des sprachlichen Ausdrucks. Denn unendlich minus tausend gibt immer noch unendlich.

Quelle:
Leisi, Ilse und Ernst: Sprach-Knigge oder Wie und was soll ich reden? Tübingen 21993, S. 215-219.
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