XV. Der Monat Dezember. Um und in Orleans.

[159] Anfang Dezember wurde mein Schwager nach Wiesbaden geschickt. In Berlin hatte er erfahren, daß ein französischer Offizier, mit Namen Emil Jolly, in Mainz interniert wäre, und es drängte ihn zu ergründen, ob das derselbe sei, der ihm so treuen Kameradschaftsdienst geleistet hatte. Bei seiner Durchreise dort erbat er sich vom Gouverneur die Erlaubnis, im Falle jener Emil Jolly derselbe Offizier wäre, mit dem er bei Sedan zusammengetroffen, diesen mit nach Wiesbaden nehmen zu dürfen. Nach einigen Bedenken willigte der General unter der Bedingung ein, daß Jolly sich an jedem dritten Tage wieder in Mainz melden solle. Eine Ordonnanz führte meinen Schwager dann zu dem kleinen Wirtshause, in dem der französische Offizier wohnte, und er schickte diesem den Zettel hinein, den er von ihm auf dem Schlachtfelde erhalten hatte. Die Antwort war die Visitenkarte, die mein Schwager Jolly am Tage von Sedan[159] gegeben. Gleich darauf war er selbst gekommen, und die beiden, die sich vor kurzem als Feinde gegenübergestanden hatten, umarmten einander herzlich.

Auf Rat des Arztes, der absolute Ruhe für meinen Mann wünschte, verließen auch wir mit meiner Mutter und der Kleinen Potsdam und folgten der warmherzigen Einladung meines Onkels, des Rittergutsbesitzers von Braunschweig, eines Stiefbruders meiner Mutter. Sein Gut, Lübzow, lag bei Stolp in Pommern, und dort, in der Stille des Landlebens, sollte mein Mann sich erholen.

Es war ein bitter kalter Winter, wir schneiten bald völlig ein, und außer den Zeitungsberichten erhielten wir nur durch die Briefe meines Vaters Nachrichten vom Kriegsschauplatz.

Diese völlige Abgeschlossenheit von dem Treiben draußen bildete einen fühlbar scharfen Gegensatz zu den Tagen in Frankreich und Potsdam, wo man dem großen Pulsschlag des Lebens so nahe gewesen.

Doppelt dankbar waren wir meinem Vater, daß er so ausführlich schrieb. In einem Briefe vom 7. Dezember aus Olivet bei Orleans hieß es: »Endlich ein Ruhetag in einem behaglichen Quartier, in dem man einmal gründlich ausschlafen konnte. Bewegte Tage liegen hinter mir. Nachdem am 28. November das X. Armeekorps den Sieg von Beaune la Rolande erfochten, bei dem der Feind sehr bedeutende Kräfte gezeigt hatte, lag die Vermutung nahe, daß die Franzosen unseren linken Flügel zu umgehen beabsichtigten, um so nach Paris zu gelangen. Demzufolge ordnete der Prinz eine allgemeine Konzentration nach dem linken Flügel zu an, und ich erhielt den Befehl, unter vorläufiger Belassung der 36. Brigade auf Vorposten, die 35. Brigade und alle sonst dahinter liegenden Truppen sofort bei Toury zusammenzuziehen. Da aber der Feind bis zum Dunkelwerden uns gegenüber gar keine Bewegung machte, während er sich beim III. und X. Korps sehr beweglich zeigte, rückten wir nach Pithiviers ab. Am 2. Dezember langte bei uns die Meldung vom rechten Flügel an, daß der Feind von Orleans aus vorbreche und ein Korps die Richtung auf Chaussy nehme. Ich erhielt daher den Befehl, mit meiner Division sofort aufzubrechen und in Gefechtsformation gegen Chaussy vorzugehen, um die wahrscheinlich schon vom Feinde besetzten Ortschaften in Besitz zu nehmen.

Es begann bereits zu dunkeln, als ich die Truppen aus den verschiedenen Kantonnements gesammelt hatte und geschlossen den Nachtmarsch bei empfindlicher Kälte antrat. Der Feind war aber bereits gegen Süden im Abmarsch, und wir konnten unbehelligt Chaussy besetzen. Ich lag mit meinem Stabe im Schlosse, wo alles zerschlagen und verwüstet war.[160]

Früh 7 Uhr verließ ich das unwirtliche Schloß, um die eintreffenden Truppen auf ihre richtigen Stellen hinführen zu lassen, denn die Division sollte um 9 Uhr auf der Chaussee Paris-Orleans, bei Chateau Gaillard, konzentriert stehen. Oberst von Falkenhausen übergab ich die Avantgarde, bestehend aus Regiment 11, zwei Eskadronen Dragoner und zwei Batterien. Das Gros unter General von Blumenthal stand einige hundert Schritt mehr nördlich.

Als gegen 10 Uhr die entwickelte Avantgarde antrat, zogen sich die vorgeschobenen feindlichen Abteilungen gegen Arthenay zurück, auch Dambron räumte der Feind vor dem dagegen entsandten Regiment 85.

Inzwischen fuhren meine Batterien auf, um teils die abziehende Infanterie, teils die drüben aufgefahrenen Batterien zu beschießen. Sobald diese verschwanden, ließ ich meine Artillerie staffelweise gegen Arthenay vorgehen, während das Regiment 11 von Norden und das Regiment 85 von Westen her den Ort angriffen und in Besitz nahmen.

Eine große Anzahl von Gefangenen wurden aus den Häusern herausgeholt, Berge von Waffen lagen auf den Straßen umher.

Der Feind hatte sich in den Abschnitt Chateau Aurvilliers, Arblay Ferme festgesetzt und wurde von starker Artillerie unterstützt. Die Wegnahme dieser Position kostete viel Blut, indes die ausgezeichnete Bravour der Leute machte dem Kampfe bald ein Ende. Namentlich war das Regiment 85 brillant bei der Eroberung des Chateau Aurvilliers, insonderheit das 2. Bataillon unter Major Ziermann, das mit bewundernswerter Entschlossenheit den entscheidenden Punkt, die brennende Waldmühle, angriff und nahm.

Während dies auf dem rechten Flügel geschah, hatte General Blumenthal mit dem Regiment 36 und dem 9. Jägerbataillon Grange und Arblay Ferme genommen und richtete sich dort zur Verteidigung ein, da sich gegen ihn ein Vorstoß mit stärkeren Massen vorbereitete. Der Feind schien jetzt überhaupt alles aufzubieten, um wieder Terrain zu gewinnen, und es bedurfte der Mitwirkung unserer ganzen Korpsartillerie, um seinen Vorstoß abzuweisen. Endlich, nach fast einer Stunde, gab der Feind seinen Widerstand hier auf und verteidigte selbst das Dorf la Croix Briquet nur schwach, als meine Infanterie zum Angriff vorging. Zu unserer größten Freude entdeckten wir in den ersten Häusern ein Brotmagazin, was meinen armen Leuten vortrefflich zustatten kam, denn die hatten seit Pithiviers, außer Kaffee, fast nichts genossen.

Meine beiden Brigaden waren noch im weiteren Vorgehen begriffen, als es anfing zu dunkeln und der Befehl des Prinzen einging, das Gefecht abzubrechen. Wir, das heißt die unter dem Oberbefehl des Prinzen[161] Friedrich Karl vereinigten Truppen, waren bis auf zwei starke Meilen an Orleans herangelangt. In der Annahme, daß der Gegner seine befestigte Stellung bei Gidy und Cercottes nachdrücklich verteidigen würde, befahl der Prinz dem IX. Korps am anderen Morgen, umfassend diese Orte anzugreifen.

Es war bitter kalt an jenem Sonntag, dem 4. Dezember, und so glatt, daß die berittenen Offiziere, sowie die Kavallerie, meist von den Pferden absaßen und die erste Strecke zu Fuß zurücklegten. Das IX. Korps, meine Division an der Spitze, brach nun früh 8 Uhr von dem Versammlungspunkt la Croix Briquet auf.

Der 35. Brigade hatte ich den Befehl erteilt, östlich der Eisenbahn zu bleiben und in gleicher Höhe mit der 36. Brigade zu marschieren, um gemeinschaftlich das Dorf Cercottes anzugreifen, das mit vielen Verschanzungen umgeben und durch schwere Batterien verteidigt werden sollte.

Auf der großen Chaussee von Chevilly nach Orleans debouchierte nunmehr – etwa 81/2 Uhr – das I. und das Füsilierbataillon vom Regiment 85, während das II. Bataillon längs der Westlinie des Waldes vorging. Ihnen voraus hatte ich den Major von Treskow mit zwei Eskadronen Dragoner entsandt, in der Richtung auf Gidy, um das Terrain dort aufzuklären und Verbindung mit den Truppen des Großherzogs von Mecklenburg herzustellen.

Ich hielt unterdessen auf der großen Chaussee. Kaum hatten wir auf diesem Wege die sanft ansteigende Höhe von Chevilly erreicht, als die schwere Batterie nördlich Cercottes ein so heftiges Feuer begann, daß die Infanterie im westlich gelegenen Walde Schutz suchen und in demselben ihren Vormarsch fortsetzen mußte. Ich ließ die Batterie Eynatten zur Bekämpfung des feindlichen Feuers auf der eben genannten Höhe, zwischen Chaussee und Eisenbahn auffahren, während die drei anderen Batterien meiner Divisionsartillerie unter Bedeckung in der Richtung auf Gidy vortrabten, um von da aus die Batterien von Cercottes zu flankieren.

Während dieses Geschützkampfes erreichte Oberst von Falkenhausen die Südlisiere des Waldes, und Blumenthal war auf meinem linken Flügel vorgegangen. Ich hielt auf der Höhe bei der Batterie Eynatten, bis das feindliche Geschützfeuer schwächer wurde. Wenn nun auch die schweren Batterien nördlich Cercottes schwiegen, so mußten noch die zahlreichen feindlichen Geschütze bekämpft werden, die bei la Fouche hinter Erdwällen standen. Der Feind machte mehrfache Vorstöße, und bedeutende Infanteriemassen wurden sichtbar. Erst den vereinten Anstrengungen unserer Artillerie gelang es, die Vorstöße zurückzuweisen und die feindlichen Geschütze bei la Fouche zum Abfahren zu nötigen. Nun brach[162] meine Infanterie sofort aus dem Walde hervor. Regiment 85 im Verein mit dem Regiment 11 stürmte la Fouche, während Regiment 36 mit dem 9. Jägerbataillon gegen das stark besetzte Cercottes vorging.

Ich eilte zu diesem Regiment, das mit ausgezeichneter Bravour den Angriff durchführte und zwar in einer Art, die ich den Truppen für dergleichen Fälle dringend anempfohlen hatte. Die Tirailleurschwärme gingen nämlich staffelweise vor, indem der eine immer ruhig feuernd liegen blieb, während der andere 100–150 Schritt vorwärts lief und sich dann niederwarf, um zu feuern. So schossen sich die Leutchen über das freie Feld bis ans Dorf heran und stürmten in einer Entfernung von 200 Schritt gemeinschaftlich in dichten Schwärmen gegen das Dorf, in das sie von allen Seiten gleichzeitig eindrangen.

Es entstand ein kurzer, aber sehr energischer Häuserkampf, in dem Hauptmann von Röbe vom Regiment 36 in einem bereits von ihm eingenommenen Hause erschossen wurde und mehrere Offiziere, darunter Major Göttingen, Verwundungen erhielten.

Durch diesen Sturm auf Cercottes, der völlig gelang, und das ernste Dorfgefecht daselbst waren alle Truppen durcheinandergekommen, so daß ich die nötigen Verbände erst wieder herstellen lassen mußte, bevor ich den Kampf fortsetzen konnte. Diese Zeit benutzte ich, um den Leuten französischen Zwieback austeilen zu lassen, den ich in einer feindlichen Proviantkolonne entdeckt hatte, die die Franzosen verlassen hatten.

Sobald die Truppen geordnet waren, nahm General Blumenthal, wie vorhin, meinen linken Flügel und ging längs der Eisenbahn und östlich derselben gegen Orleans vor, während die 36. Brigade die Chaussee und die Strecke westlich derselben nahm. Da die Gegend dort bis zu den Höhen von Montjoie ein völlig freies Terrain bietet, so hielt ich die 36. Brigade zurück, damit die 35. im Waldterrain etwas Vorsprung gewönne, und sandte Graf Schulenburg mit seiner Schwadron voraus, um zu erfahren, wo der Feind seine Aufstellung nehmen würde. Montjoie selbst hatte der Feind nicht besetzt, doch schien er auf den westlichen Höhen mit seiner Infanterie Aufstellung nehmen zu wollen, zog aber ab, als das 11. Regiment, als Avantgarde der 36. Brigade, dagegen vorging. Meine Batterien nahmen sofort Besitz von den Höhen und es gelang ihnen, zwei Mitrailleusenbatterien zu vertreiben, die an einer hochgelegenen Mühle aufgefahren waren und die Chaussee, unsere einzige Annäherungslinie, auf das allerentschiedenste unter Feuer hielten.

Die Infanterie beider Brigaden arbeitete sich unverdrossen durch die Straßen weiter vor, bis sie etwa in der Höhe von Bel-Air in das Kreuzfeuer der schweren Batterie am Bahnhof und der nordöstlich davon[163] gelegenen geriet, wodurch ein unwillkürliches Stutzen eintrat. Doch als unsere Batterien auf den Windmühlenberg bei Bel-Air auffuhren und nach lebhaftem Geschützkampf das feindliche Feuer abgeschwächt hatten, begann die Infanterie ihre Arbeit aufs neue. Die 35. Brigade war langsam auf dem Eisenbahndamm vorgedrungen, und gegen 6 Uhr gelang es ihr, die ersten Eisenbahnschuppen dem Feinde zu entreißen. Die 36. Brigade mit den 11ern an der Spitze ging durch die Vorstadt St. Jean de la Ruelle, wurde aber durch den Häuserkampf sehr aufgehalten und mußte sich in den hinterliegenden Gärten ausbreiten, um durch Umfassung Terrain zu gewinnen. Gegen 6 Uhr schien das feindliche Infanteriefeuer fast erstorben, und wollte ich deshalb versuchen, mit einem Anlauf in die Stadt zu kommen. Oberstleutnant von Klein, der bereits eine leichte Verwundung am Fuß hatte, sammelte zu dem Zweck, was an kleinen Soutiens zur Hand war, und mit dieser Kolonne, es waren etwa 300 Mann, ging ich in der geraden Straße vor. Als ich die äußersten Tirailleurs passiert hatte, ließ ich die Tambours schlagen, und mit einem Hurra stürmten wir los.

Sofort wurden wir von einem solchen Hagel von Geschossen überschüttet, der mir so viele Menschen kostete, daß ich die Unmöglichkeit des Gelingens einsah und gleich den Befehl gab, rechts und links an die Häuser heranzutreten. Wohl noch eine Viertelstunde dauerte dies rasende Feuer. Erst als es sich legte, zog ich die Abteilung hinter die Häuser und befahl zu versuchen, in den Gärten, aber nicht mehr in der Straße, vorzudringen.

Was sich jetzt bei der Dunkelheit nicht übersehen ließ, stellte sich am anderen Morgen heraus. Wir waren gegen ein 20–30 Fuß hohes Gitter gestürmt, hinter dem sich eine, aus Steinen erbaute, 5 Fuß hohe Barrikade erhob. Mansteins Befehl, das Gefecht abzubrechen, langte an dem Abend gerade an, als wir uns ahnungslos dicht vor diesem Gitter befanden. Mein braver Klein hatte bei dem versuchten Sturm hart neben mir zwei Kugeln erhalten, Gott sei Dank sind die Wunden aber nicht gefährlich.

Das 11. Regiment stellte in der Vorstadt St. Jean Vorposten aus und schloß die Straße durch eine Barrikade. Der Rest der 36. Brigade bezog mit den Dragonern und Jägern enge Kantonnements im nördlichen Teil der Vorstadt. Die 35. Brigade behielt die Eisenbahnschuppen besetzt und bezog Fermen. Patrouillen sollten unausgesetzt Fühlung mit dem Feinde behalten. Mein Quartier war in dem Hause eines Krämers. Angezogen warf ich mich aufs Bett, konnte aber trotz großer Ermüdung nicht schlafen. Das Herumknallen meiner Patrouillen dauerte die ganze[164] Nacht und wurde ein paarmal so heftig, daß ich, einen Vorstoß des Feindes vermutend, aufsprang und daran dachte, zu alarmieren. Dann legte sich das Schießen für kurze Zeit.

Gleich nach Mitternacht kam der Chef des Generalstabes Bronsardt zu mir und teilte mir mit, daß der Großherzog von Mecklenburg soeben eine Konvention abgeschlossen habe, der zufolge ihm die Stadt Orleans gleich übergeben würde. Erst nach Empfang dieser Nachricht konnte ich ruhig schlafen.

In der Nacht hatte es tüchtig gefroren. Jetzt schien die Sonne freundlich, als sich meine Division früh 8 Uhr am anderen Morgen an der verhängnisvollen, jetzt aufgeräumten Barrikade formierte, um in Orleans einzurücken.

Den Regimentern sah man allerdings die harten Kämpfe, die steten Entbehrungen und die schmale Kost an. Auch die Kleidung, sowie das Schuhwerk, war in trauriger Verfassung und teilweise durch erbeutete französische Uniformstücke ersetzt. Nur die Gewehre waren vortrefflich instand, stets rostfrei und schußbereit.

Gegen 10 Uhr langte ich mit der Tete meiner Division auf dem Platz du Martroy an, wo, gegenüber dem Reiterstandbilde der Jungfrau, General Manstein hielt, um den Vorbeimarsch entgegenzunehmen. Als ich nach der vorgeschriebenen Volte mich an seine Seite begeben hatte und meine ersten Bataillone zu defilieren begannen, kam der Oberst, Graf Waldersee, Flügeladjutant des Königs, und flüsterte mir zu: ›Gratuliere, Prinz Friedrich Karl hat diese Nacht an den König telegraphiert, Orleans ist genommen, die Ehre des Tages gebührt der Division Wrangel.‹

Nach dieser Mitteilung sahen mir meine Kerlchens noch einmal so schön aus, und die Tausende von Gefangenen, die zerlumpt und in bunt pittoresker Unordnung das Standbild umlagerten, um den Einzug zu sehen, erschienen mir als die brillanteste Dekoration für dies Bild.

Fast meine ganze Division kam nach Orleans, und ich erhielt ein leidliches Quartier. Gegen Abend rief mich ein Befehl des Prinzen Friedrich Karl zu dem Hohen Herrn. Wie groß war meine Freude, als er mir mitteilte, daß infolge seines günstigen Berichtes über mein gestriges Verhalten der König mir per Telegraph das Eichenlaub zum Pour le mérite verliehen habe. Der Prinz war ausnehmend herzlich und freundlich zu mir, ich mußte zum Diner bleiben, er trank da auf mein Wohl und entließ mich erst spät. Am anderen Morgen schickte ich zur Verfolgung des Feindes das 6. Dragonerregiment, 2 Batterien, und auf Wagen 2 Kompagnien vom Regiment 36 nach la Ferte. Infanterie und Pioniere mußten am Nachmittag zur 6. Kavalleriedivision stoßen, um[165] möglichst rasch den Knotenpunkt der Eisenbahn in Vierzon zu erreichen und dort die Eisenbahn zu zerstören.

Bei Frost und herrlichem Sonnenschein rückte der Rest der Division um 11 Uhr mittags über die schöne Loirebrücke. Bei der Gelegenheit bekam ich auch die winzigen Kanonenboote zu sehen, die mit der Eroberung von Orleans in unsere Hände gefallen waren. Südlich der Brücke fanden wir eine zweite Statue der Jungfrau, zu Fuß und im Frauengewande, aber, dem französischen Geschmack gemäß, in höchst theatralischer Haltung.

Die Division erhielt Kantonnements in den zunächst dem linken Ufer der Loire gelegenen Ortschaften, und mein Stab kam nach Olivet in ein ganz allerliebstes Schloß, dessen Besitzer, ein Graf de la Tour, geflohen war. Ich fühlte mich sehr behaglich in meinen zwei allerliebst eingerichteten Zimmern und verfüge über ein treffliches Bett. Heute früh brachten sie mir eine Morgenmusik, und die Offizierkorps kamen zu mir, um zur Ordensverleihung zu gratulieren. Jetzt habe ich eben einen herrlichen Ritt gemacht in dem großen, das Schloß umgebenden Park, und sah mir die Notbrücken über den Loiret an. Wie lange wird's dauern, dann führt uns ein Marschbefehl weiter und neuen Kämpfen entgegen ....«

Kurz vor Weihnachten langte wieder ein längerer Brief meines Vaters, für das Tagebuch bestimmt, an.

»Orleans, den 19. Dezember. Mein Schlößchen in Olivet mußte ich schon am 8. Dezember verlassen. In der Nacht war ein Marschbefehl für uns gekommen, die Division sollte sich am Morgen bei St. Hilaire konzentrieren. Durch die langsam vorrückenden Truppen wurde die französische Loirearmee immer mehr zurückgedrängt. Jetzt waren aber Nachrichten eingegangen, nach denen der Großherzog von Mecklenburg in der Richtung Beaugency auf starke feindliche Massen gestoßen sei, deren rechte Flanke durch ein Vorgehen des X. Korps, auf dem linken Ufer der Loire, bedroht werden sollte.

Um zwei Uhr standen wir befohlenermaßen bei Lailly, gegenüber Beaugency. Das eigentlich beabsichtigte Überschreiten der Loire, um den Großherzog direkt zu unterstützen, konnte nicht ausgeführt werden, weil der Feind die Brücke bei Beaugency abgebrochen hatte, und so beschränkte sich unsere Tätigkeit darauf, daß die Korps- und Divisionsartillerie auf dem Loiredamm auffuhr und bis zum Dunkelwerden Beaugency beschoß. Während dieser ganzen Zeit stand meine Division frierend und untätig daneben. Wir konnten dabei nicht nur die Beschießung beobachten, sondern auch die Kämpfe des Großherzogs auf dem rechten Ufer der Loire.[166]

Als die Geschütze überall schwiegen, bezogen wir enge Kantonnements in den zunächstliegenden Ortschaften. Der Divisionsstab kam in das isoliert liegende Schloß Willecante, das einen unheimlichen verödeten Eindruck machte. Da wir die ersten Feinde waren, die das Schloß betraten, so müssen Franktireurs die tolle Verwüstung angerichtet haben, die wir hier vorfanden. Unter diesem Eindruck kann ich den Einwohnern nur recht geben, wenn sie lieber Preußen ins Quartier nehmen als Franktireurs. Franzosen erzählten mir sogar, daß Ortschaften sich bewaffnet hätten, um sich die Franktireurs mit Gewalt vom Halse zu halten.

Es war bitter kalt geworden, und die nächsten Märsche wirkten ziemlich ermüdend bei dem durchnässenden Regen. Wir waren bis Blois gekommen, das sich, nach einigen Unterhandlungen mit den Hessen, ergeben hatte. In der Nacht zum 16. kam Marschbefehl für die Division. Der Feind hatte stärkere Massen bei Vendome und am Loirebach gezeigt, und da es schien, als wolle er sich festsetzen, beschloß Prinz Friedrich Karl, ihn mit allen Kräften anzugreifen und möglichst zurückzutreiben. Auch das IX. Korps sollte dabei mitwirken und die Loire überschreiten.

Als wir hart vor La Chapelle Vendômoise einen längeren Halt machten, kam Prinz Friedrich Karl persönlich zu mir und machte mich mit dem augenblicklichen Stand der Kriegslage bekannt. Der Hohe Herr hatte von dem General von der Tann soeben die Meldung erhalten, daß die Franzosen von Gien her seine dortigen Vortruppen zurückdrängten, und daß von der Tann sich nicht für stark genug hielte, einen Vorstoß von daher kräftig zurückweisen zu können. Aus diesem Grunde wollte der Prinz das IX. Korps den Bayern sofort zur Unterstützung schicken, falls unser Mitwirken bei Vendôme nicht mehr notwendig erschiene.

Um 3 Uhr kam die Meldung, daß der Feind die Stadt geräumt hätte und diese vom X. Korps besetzt sei. Somit konnten wir abmarschieren, um Orleans, das neun Meilen entfernt war, am nächsten Tage zu erreichen. Es war ein entsetzlicher Marsch. Strömender Regen, aufgeweichte Wege und dabei völlige Dunkelheit auf unbekannter Straße. Ohne Verpflegung zogen wir dahin und konnten den Leuten nicht einmal Ruhe gönnen, da sich doch niemand in dem entsetzlichen Schmutz hätte hinsetzen können. Um Mitternacht langte ich in Mer an, wo ich rasch Anordnungen traf, daß den ankommenden Truppen wenigstens Brot und Schnaps gereicht wurde. Mit dem größten Teil der Division blieb ich im Städtchen, die Dragoner und Jäger aber rückten bis Beaugency, und das 85. Regiment wurde in den dazwischen liegenden Orten einquartiert. Entsetzlich ermüdet langten die letzten Truppen erst um 3 Uhr nachts in ihren Kantonnements an.[167]

Bei undurchdringlichem Nebel ging's am anderen Tage weiter, selbst auf der Chaussee marschierten die Leute zolltief im Schlamm. Dabei hättet Ihr einmal das Schuhzeug der Leute sehen sollen! Bei vielen waren die Sohlen abgegangen und kümmerlich mit Bindfaden unter den Füßen festgebunden. Trotzdem wälzte sich nun ununterbrochen unsere Heeressäule weiter. Um 2 Uhr rückte ich an der Tete des Jägerbataillons in Orleans ein. Die Leute, die gestern erst fünfviertel Meilen südlich Blois in Kantonnements gelegen hatten, waren somit in 32 Stunden zwölf Meilen marschiert. Die letzten Abteilungen kamen erst um 7 Uhr an, aber ich war heilfroh, als ich sie alle wieder unter Dach und Fach wußte. Tags darauf wurde in der großen Kathedrale der Feldgottesdienst abgehalten. Wie ganz anders erschien mir heute dieses erhabene Gotteshaus im Vergleich mit dem Eindruck, den es mir bei meinem ersten Besuch gemacht hatte, als über 4000 französische Gefangene darin hausten. Diese edlen Formen und diese würdige Großartigkeit des Stils stimmten zur tiefsten Andacht. Ich war in den Tagen noch von so besonders innigem Dank erfüllt, denn ich hatte ja von Euch die Nachricht, daß mein geliebtes Töchterchen mit ihrem genesenden Manne wieder glücklich in der Heimat angelangt war. Am Nachmittag besuchte ich Tann und blieb lange bei ihm. Die alten Erinnerungen an die gemeinsamen Kämpfe in Schleswig-Holstein 1848/49, unsere brudermörderischen Schlachten 1866, in denen wir uns stets persönlich gegenüberstanden, sein Besuch bei mir 1868 und unsere diesjährigen Kriegszüge boten viel Stoff zur Unterhaltung.

Am gestrigen Tage machte ich noch ein Diner in den schönen Räumen der Präfektur beim Prinzen Friedrich Karl mit, der äußerst gnädig war.

Ich wohne hier in dem Gasthause, wo vor einigen Wochen die zweite Jungfrau von Orleans, die ihr Vaterland befreien sollte, gewohnt hat. Sie ist hier aus dem Hotel von den Würdenträgern der Stadt und der Geistlichkeit mit großem Pomp abgeholt worden. Als Schlußbild hatte sich die Jungfrau Nr. 2 mittelst einer Leiter auf das Reiterstandbild der ersten Jungfrau geschwungen und dieser eine Perlenkrone auf das Haupt gesetzt, die sie noch heute trägt. Als dann Tann in Orleans einrückte, war sie verschwunden und hatte das tröstende Abschiedswort hinterlassen: ›Meine Zeit ist noch nicht gekommen‹. Es soll ein Kuhmädchen aus der Umgegend sein, dem die Geistlichkeit ihre Rolle einstudiert hatte.

Unsere Tage sind hier aller Wahrscheinlichkeit nach gezählt, bald brechen wir die Zelte wieder ab. Wo werden wir Weihnachten feiern? Nun, jedenfalls bin ich in Gedanken bei Euch am heiligen Abend, schicke[168] Euch viel herzliche Grüße und male mir aus, wie das Enkeltöchterchen unter dem Weihnachtsbaum jubeln wird ....«

Die Festgrüße vom geliebten Vater trafen noch zur rechten Zeit ein, und das war Freude. Ich war in jenen Tagen dafür doppelt dankbar, denn ich mußte mit aller Energie kämpfen, um nach des Arztes Wunsch meinem Manne gegenüber die heiterfrohe Stimmung zu bewahren. Es ging ihm besser, wenn auch die Nerven noch sehr zu wünschen übrig ließen. Viele schlaflose Stunden der Nacht durchwachte ich noch mit ihm, in denen ihn die Erinnerungen an die Krankheitszeit in Gonesse quälten. Dabei heulte der Sturm fast den ganzen Dezembermonat um unsere Fenster und trieb dichte Schneeflocken dagegen. Jeden Morgen mußte erst ein Weg geschaufelt werden, damit man aus dem Hause heraus konnte. Ob diese weltabgeschlossene Schneewelt wohl das Richtige war zur Erholung meines Genesenden, das fragte ich mich bangen Herzens. Aber viel darüber nachzudenken blieb mir gar keine Zeit. Je kräftiger er sich körperlich zu fühlen begann, desto mehr erschien es ihm als eine gebotene Pflicht, wieder auf seinen Posten zurückzukehren. Durfte ich ihn nun festhalten oder nicht, war die Frage, die mich quälte. Wie damals 1866, so auch jetzt kam ich zur Überzeugung, nein, ich habe nicht das Recht, ihn zurückzuhalten. Der Arzt gestattet die Rückkehr zur Truppe, so darf ich ihm nicht dreinsprechen und muß vertrauensvoll alles in Gottes Hand legen.

Gleich nach den Weihnachtsfeiertagen schlug die Trennungsstunde, und ich gab ihm noch das Geleit bis nach Stolp zur Bahn. Es war ein Schneegestöber, daß man kaum den Weg erkennen konnte. Ich war diesen Winter schon mehr als einmal auf bahnlosen Strecken mit dem Schlitten umgekippt, mochte es nun auch jetzt kommen, ich war nur froh, daß es nicht auf der Hinfahrt geschehen. Tags darauf sollte auch mein Onkel nach Frankreich gehen, um als Johanniter dort tätig zu sein, dann wurde es noch einsamer um uns, dann hörte man noch weniger von der Welt da draußen, wo so Wichtiges sich abspielte und man seine Lieben in Kampf und Gefahren wußte. Als die hohen Schneewälle vor mir lagen, die sich um den Hof türmten, trat mir in sprechender Lebendigkeit das Dornröschenmärchen vor Augen. Hinein zum tiefen Schlaf! Keine Dornenhecke schließt sich dahinter zu, aber Berge von Schnee bilden die Mauer! Wann kommt der erlösende Prinz, um mit heißem Kuß zum pochenden Leben, zum strahlenden Glück zu wecken? Wird das je geschehen? Und wann? – Ich schämte mich der verzagten Gedanken, der lähmenden Niedergedrücktheit, die sich meiner bemächtigen[169] wollte; mein Kind, meine Mutter und Arbeit, die sollten mir mit Gottes Hülfe darüber weghelfen.

Von meinem Vater kamen Briefe, die von seiner Weihnachtsfeier erzählten. Er schrieb vom 26. Dezember aus Châteauneuf: »Heute haben wir in einem trefflichen Punsch das Wohl des lieben Onkels, des Feldmarschalls, getrunken, der ja heute die diamantene Hochzeit mit seiner Frau feiert. Nachdem wir am 20. Dezember den Auftrag erhalten hatten, die zweite Armee gegen ein Vorbrechen des Feindes von Gien her zu decken, rückten wir hart am rechten Ufer der Loire vor, aufwärts bis Châteauneuf. In dem altertümlichen Schlosse nahm ich mein Quartier. Es stammte, wie die Chronik dort nachwies, aus dem Jahre 800. Fast alle berühmten französischen Heerführer hatten hier eine Zeit zugebracht, auch Jeanne d'Arc. Von der großen Herrlichkeit der früheren Zeit ist eigentlich nur die mächtige, durch zwei Etagen gehende Bildergalerie und eine Rotunde übrig geblieben. Der eine halbe Meile große Park zeigte zwar noch Spuren einstiger Schönheit, doch war alles verwildert, wie im Schloß, wo die Türen und Fenster nicht zuzumachen gingen, die Kamine rauchten und die Betten entsetzlich hart waren. Es machte mir aber doch Vergnügen, die reichhaltige Bildergalerie zu besichtigen und das alte Schloß in allen seinen Winkeln zu durchstöbern. Da fand ich, unter allerlei Kram beiseite geworfen, einen kleinen Kupferstich unserer unvergeßlichen Königin Luise. Dieser Versuchung konnte ich nicht widerstehen, das Bildchen wurde gerollt. So kam der heilige Abend heran. Er brachte mir Briefe von euch, die gute Botschaft von der Genesung des lieben Sohnes, der ja wieder zur Armee zurückgehen will, und das allerliebste Bild des Enkeltöchterchens, über das ich mich unendlich gefreut habe. Nehmt meinen herzlichsten Dank für alle die lieben Gaben, die Ihr mir geschickt habt. Wir feierten Heiligabend auf unsere Art auch ganz hübsch.

In der hohen Rotunde unseres Schlosses stellten wir einen mächtigen Weihnachtsbaum auf und behängten ihn mit allerhand Geschenken, die mein Adjutant dazu aus Orleans hatte besorgen müssen. Um auch die Freuden der Tafel zu genießen, hatte unser braver Koch sich einige Bewohner des Karpfenteichs im Park angeeignet und setzte sie uns, trefflich zubereitet, vor. Ich hatte mir einige Bekannte eingeladen, und so gelang es auch im fernen Frankreich, einen höchst gemütlichen Weihnachtsabend herzustellen.

In den Festtagen ging ich noch einmal zum Abendmahl, und zu Mittag versammelten sich dann an beiden Feiertagen verschiedene Offiziere bei mir, wo es dann immer sehr heiter zuging.[170]

Schon in den Biwaks bei Metz hatte ich beim Regiment 36 einen Füsilier gefunden, der trefflich zeichnete. Er heißt Braun und hat auf dem Atelier des Professors Steffeck gearbeitet. Diesen jungen Künstler habe ich meinem Stabe attachiert, wo er unter dem Namen ›Herr Professor‹ eine sehr beliebte und erheiternde Persönlichkeit ausmacht. Er hat mir alle hübschen Schlösser, in denen ich während des Feldzuges war, gezeichnet, und diese Blätter werde ich in ein Album zusammenfassen.«

Das Album, sowie das Bild der Königin ist im Besitz unserer Familie.

Quelle:
Liliencron, Adda Freifrau von: Krieg und Frieden. Erinnerungen aus dem Leben einer Offiziersfrau, Berlin 1912, S. 159-171.
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