XIX. Landleben.

[195] Ein ernster Schritt blieb zu tun übrig. Mein Mann durfte nicht mehr eine schwere Kopfbedeckung tragen und mußte daher den Abschied nehmen. Wir sollten uns ankaufen, und mein Mann, der für das Landleben und dessen Aufgaben immer große Sympathie gehabt hatte, ging freudig auf den Gedanken ein. Mir graute im stillen etwas davor, denn solche Verhältnisse waren mir völlig fremd, und als geborenes Soldatenkind war mir alles Soldatische so in Fleisch und Blut übergegangen, daß mir das Loslösen aus dem Stande und der Abschied vom Regiment ganz besonders hart ankam.

Aber ich hatte ja so viel zu danken, daß Gott mir meinen geliebten Mann erhalten hatte, daß ich keine Klage laut werden lassen durfte. Es galt also frisch vorwärts zu blicken auf neue Verhältnisse, auf einen neuen Lebensabschnitt.

An einem sonnigen Maitage zogen wir in Sproitz ein, unserer neuen Heimat in der Oberlausitz. Wehende Fahnen, singende Schulkinder und Begrüßungsreden empfingen uns an der Grenze. Ich nahm mir redlich vor, mein Bestes zu tun, um mit Gottes Hülfe hier meine Pflichten zu erfüllen, aber ich fühlte mich unbeschreiblich klein und unwissend, als der Inspektor nachher mit mir durch die Ställe ging und meine Wünsche einholen wollte betreffs des Schweineschlachtens, Einpökelns usw. Von allen diesen Dingen hatte ich keine Ahnung und war ehrlich genug, das offen zu sagen, fügte aber gleich hinzu: »Ich denke, das werde ich alles bald lernen, wenn man ernstlich will, wird's schon gehen.«

Die Erkenntnis, wie viel mir fehlte, um hier einigermaßen meinen Platz ausfüllen zu können, drückte mich doch etwas nieder. Als ich nachher oben am Fenster stand und auf den Hof blickte, wo sich grunzende Schweine und gackerndes Federvieh tummelten, überkam mich so heiße Sehnsucht nach Potsdam und unserem alten Leben, daß mir die Tränen in die Augen schossen. Mein Mann kam heran, es tat ihm so leid, daß mir die neuen Verhältnisse schwer wurden. Ich nahm mich auch rasch zusammen und versicherte, es würde alles bald prächtig gehen, denn ich wollte tüchtig lernen. Um mich zu trösten, aber auch um mich zu necken, holte mein Liebling die Wetterfahne hervor, die sich auf unserer Gartenlaube in Potsdam gedreht hatte. Es war ein gelber Ulan zu Pferde mit schwarzweißem Fähnlein, der mich seitdem überallhin begleitet hat[196] und heute noch an meinem Arbeitsplatz angebracht ist. Scherzend schlug mir damals mein Mann vor, er wollte mir auf jeden Pfeiler der Gartenmauer einen solchen Ulanen setzen lassen, damit ich meine geliebten Gelben täglich sehe, da die Lebenden doch nicht mehr alle Sommermorgen mit Musik an unserem Fenster vorbeiziehen könnten.

Ja, das war nun für immer vorbei, eine abgeschlossene, aber wundervolle Zeit lag hinter uns, jetzt forderten die neuen Verhältnisse auch neue Pflichten. Immer wieder mußte ich an das Wort denken, das mir schon in meiner Mädchenzeit so lieb war, und das mich noch heute begleitet. Es lautet: »Die Umstände, die uns umgeben, gleichen den Hieroglyphen Gottes, aus denen wir lesen sollen, was unsere persönliche Pflicht ist.«

Mein Mann widmete sich mit großem Interesse und voller Hingabe seiner landwirtschaftlichen Tätigkeit, und wenn auch seine Gesundheit mir im ersten Jahre noch oft Sorge machte, so schüttelte seine elastische Natur und seine Willenskraft sehr rasch wieder den vorübergehenden Schwächezustand ab. Wirklich war auch nach geraumer Zeit bei meinem Manne die völlige Frische zurückgekehrt, und so schwand auch für mich die Erinnerung an die unheimlichen Befürchtungen der Ärzte.

Viel schneller, als ich gedacht, hatte auch ich mich an das Landleben und seine Aufgaben nicht nur gewöhnt, sondern es war mir zugleich von Herzen lieb geworden. Guter Kamerad wollte ich ja immer meinem Manne sein, daher wurde ich denn auch rasch in Feld und Wald, sowie in den Ställen heimisch und fand meine Freude daran, als Gutsherrin auf dem Hof und in dem Dorfe tätig zu sein. Wie beglückend war es für uns beide, daß sich sehr bald ein patriarchalisches Verhältnis zwischen unseren Leuten und uns herausbildete, und ein festes Band zwischen Dorf und Schloß, wie sie in dortiger Gegend die Landhäuser nennen, geknüpft wurde.

Die Morgenandachten in unserer großen Halle, an denen Schloß- und Hofleute, sowie die Arbeiter teilnahmen, bildeten wohl zuerst den Grundstein, auf dem sich unser Zusammenleben mit dem Dorfe aufbaute. Es ist ja ein bestimmtes kleines Reich, das der Gutsherrschaft zugewiesen, in dem sie zum Wohl und zum Segen ihrer Untergebenen schalten soll; Freude ist es, wenn man in den einzelnen Familien heimisch wird, weil man mit ihnen Freud und Leid geteilt hat, wenn man in den Häusern an Kranken- und Totenbetten gestanden hatte und ebenso an der Wiege der Neugeborenen oder bei der fröhlichen Hochzeitsfeier dabei gewesen war.

So wurden mit den Jahren die Fäden immer fester, die unser Leben mit dem unserer Leute verbanden. In unserer Halle spielte sich[197] vieles ab. Da hatten wir uns die Sonntagsschule und die Spinnabende eingerichtet, da tafelten an Kaisers Geburtstag die Väter des Dorfes und der Kriegerverein, und das war auch der Platz, wo ich meine Proben abhielt mit der Jugend des Dorfes, wenn ich ein Volksstück für sie gedichtet hatte, das dann zu ihrem Stolz seine Premiere in der Schenke erlebte. Strahlend gaben sie es dann zum besten bei ausverkauftem Hause, denn die Nachbarschaft strömte auch dazu, und die Einnahme wurde zur Linderung irgendeiner Not im Dorfe bestimmt.

In der Schule war ich oft in der Handarbeitsstunde und las den Mädchen etwas vor oder erzählte ihnen dies oder das. Die Jungen lehrten wir Netze stricken und verschafften ihnen so einen kleinen Verdienst, denn die ganze Nachbarschaft mußte Fisch- und Obstnetze kaufen.

Im Gutshause zu Sproitz hatte sich unterdessen unser Familienkreis schnell vergrößert. Es war uns Freude, der verwitweten Mutter meines Mannes in unserem Hause ein Heim anbieten zu können und ihr den Lebensabend bei ihrem vielgeliebten Sohne freundlich gestalten zu dürfen. Auch mehr junge Welt zog bei uns ein. Die kleine Gräfin Luckner, ein neunjähriges Kind, im Alter unserer Adda, hatte ihre Mutter verloren und wurde von uns als Pflegetöchterchen aufgenommen. Ein anderer junger Verwandter meines Mannes, ein Graf Bernstorff, kam als Kadett in unser Haus und eroberte sich da bald die Stelle eines Pflegesohnes. Das zog viel Jugend, viel Leben in unser Haus. »Sonnig Heim« nannten sie es, und diesem »Sonnig Heim« jubelte die Jugend entgegen, wenn Ferien oder Urlaubszeit sie nach Sproitz brachte und wir frisch und froh, in harmonischem Einklang, das Zusammensein genossen.

Auch meine Eltern fühlten sich bei ihren Besuchen in Sproitz dort so wohl, daß sie gern auf unseren Vorschlag eingingen, später einmal dauernd zu uns zu ziehen.

Das kam schneller, als wir erwartet hatten. Im August 1876 hatte mein Vater noch die Freude, von Sr. Majestät dem Kaiser als Schiedsrichter bei dem Kaisermanöver in Schlesien berufen zu werden, doch beschäftigte ihn immer ernster der Gedanke, seinen Abschied einzureichen. Im Herbst entschloß er sich endgültig dazu, und am 12. Dezember 1876 wurde ihm der erbetene Abschied in allergnädigster Form bewilligt, indem er zur Disposition und à la suite des Holsteinschen Infanterieregiments Nr. 85 gestellt wurde, mit Führung in der Rangliste.

Am 21. Dezember verließen meine Eltern Posen und kamen zu uns. In Schnee und Eis gebettet lag unser Gutshof, aber alle Fenster waren erleuchtet und strahlten in die Nacht hinaus, einen lichten Gruß[198] denen entgegenwinkend, die nun, aus dem Soldatenleben scheidend, in das ländliche Reich einzogen, das auch ihnen noch etwas Neues war. Meine Eltern ließen sich nun den einen Teil des Hauses nach ihrem Geschmack mit einem Balkon ausbauen, und während der Zeit, daß diese Änderungen vorgenommen wurden, gingen wir alle nach Dresden, um erst im Frühjahr nach Sproitz zurückzukehren.

Meinen Eltern wurde das Landleben mit jedem Jahre lieber. Mein Mutterchen, deren Gesundheit die letzte Zeit nicht sehr gut gewesen war, erholte sich hier sichtlich und hatte ihre innige Freude an unserem Zusammenleben. Auch mit meiner Schwiegermutter harmonierte sie prächtig. Die beiden alten Damen, die sich in der Liebe zu ihren Kindern fanden, verstanden sich auch in der Fürsorge, die sie den Alten und Kranken des Dorfes zuteil werden ließen. Noch heute danke ich es Gott innig, daß es uns vergönnt wurde, meinen treuen Eltern und meiner Schwiegermutter ihren Lebensabend in unserem Heim zu einem freundlichen zu gestalten.

Einer so ausgeprägten Soldatennatur, wie sie meinem Vater eigen war, mußte nicht nur der Entschluß, des Kaisers Rock auszuziehen, sehr schwer werden, sondern es bedurfte auch einer gewissen Zeit, bis er innerlich mit seiner Laufbahn abgeschlossen und sich in die neuen Verhältnisse eingelebt hatte.

Durch seine warme Freundlichkeit und seinen fröhlichen Sinn eroberte er sich bald die Herzen der ganzen Umgegend, und mit aufrichtiger Dankbarkeit empfand er das liebenswürdige Entgegenkommen der Nachbarschaft, in der er schnell heimisch wurde. In vollster geistiger und körperlicher Frische fuhr er viel umher, hatte große Freude an den nachbarlichen Besuchen, die er fleißig erwiderte, und sah es besonders gern, wenn er seine Freunde und Bekannte zum heiteren Mahle um sich versammeln konnte, das stets mit einer gemütlichen Whistpartie endigte.

In den ersten Jahren ritt mein Vater noch viel, doch als sein Reitpferd alt wurde und totgeschossen werden mußte, gab er das Vergnügen auf und begnügte sich mit den Kutschpferden, seinen beiden wohlgenährten Rappen.

Im Sommer war es eine Lieblingsbeschäftigung des alten Herrn, in den kleinen Waldpartien, die sich hinter unserem Hause an dem Schöpsflusse hinzogen, Wege anzulegen, blühende Sträucher zu pflanzen und hübsche Ruheplätze zu schaffen. Er war stets selbst tätig bei den Pflanzungen, kannte jeden Baum in seinen Anlagen und arbeitete unermüdet mit einer Gartenschere an seinen Sträuchern.

In den Wintertagen las und schrieb mein Vater viel, bis zuletzt noch ohne Brille. Alle neuen militärischen Werke schaffte er sich an und[199] studierte sie eingehend. Nach dem Abendessen saßen wir dann gemütlich zusammen, der weibliche Teil der Familie mit Handarbeiten beschäftigt, während mein Vater und mein Mann abwechselnd vorlasen. Mit besonderer Liebe machte mein Vater sich daran, die Aufzeichnungen für die Geschichte seiner Familie zusammenzustellen. Das Leben seines alten Ahnherrn aus dem Dreißigjährigen Kriege, dessen Bild er als junger Offizier gemalt hatte, beschäftigte ihn besonders und er schrieb eingehend über diesen Feldmarschall. Doch ehe ich weitergehe, möchte ich zurückgreifend noch einmal von dem lieben Großonkel erzählen.

Am 15. August 1874 feierte der Neunzigjährige sein 80jähriges Dienstjubiläum und zwar in Warmbrunn, das er in den letzten Jahren seines Lebens sich zum Sommeraufenthalt erwählt hatte. Se. Majestät der Kaiser sandte ihm einen Ehrendegen mit Brillanten, begleitet von einer huldvollen Kabinettsorder, in der dem greisen Herrn zugleich mitgeteilt wurde, daß Se. Majestät beschlossen habe, seinem Feldmarschall dereinst ein Standbild zu setzen, damit auch die späteste Nachwelt Kenntnis von seinen Verdiensten und von des Kaisers Anerkennung behielte. Dies war der letzte äußere Gnadenbeweis, den der Lebende von seinem Herrn und Kaiser empfing. Ihm und drei seiner Vorfahren hatte er in seltener Treue und mit vollster Hingebung gedient, aber er hatte auch Auszeichnungen erhalten wie kaum ein anderer preußischer Feldherr, und höher noch stand – vor allem ihm selbst – die herzliche und zarte Güte, mit welcher sie ihm erteilt wurden.

Der greise Herr hatte diesen Ehrentag in stiller Zurückgezogenheit in Warmbrunn feiern wollen und jede Beteiligung der Stadt abgelehnt, doch der Sängerbund dort ließ es sich nicht nehmen, dem vielgeehrten Gast des Warmbrunner Tals am frühen Morgen ein Ständchen zu bringen, und Kinder trugen so viele Blumensträuße in sein Zimmer, daß er dort wie in einem Garten saß. An die Glückwünsche der Königlichen Familie schlossen sich eine Menge aus dem Kreise der Armee und der zahlreichen Freunde. Ein von der Jugend Warmbrunns veranstalteter Fackelzug endete die einfache Feier dieses einzig dastehenden Festes.

Der Großonkel hatte sich in den letzten Jahren damit beschäftigt, die Ereignisse seines vielbewegten Lebens zusammenfassen zu lassen. In der Annahme, daß nach seinem Tode über kurz oder lang eine Schrift erscheinen könnte, die seine Person und seinen Anteil an den wichtigen Begebenheiten der Zeit darstellen würde, hatte er beschlossen, um jede schiefe oder unrichtige Auffassung zu verhüten, seine Biographie unter seinen Augen schreiben zu lassen.[200]

Die Taten und Ereignisse seiner Jugend waren ihm besonders scharf gegenwärtig, er erzählte sie bis in alle Einzelheiten hinein und freute sich an der Erinnerung. Sein Urteil über andere war sehr milde; wo in der Erzählung seiner eigenen Taten rühmend gedacht werden mußte, strich er manches Beiwort aus und wollte nur die Tatsache schlicht erzählt wissen. Wo es sich aber um den Ruhm anderer, namentlich eines Mitgliedes des Königlichen Hauses handelte, da wünschte er die Farben so lebhaft wie möglich aufgetragen zu sehen.

Im Frühjahr 1877 war der liebe Großonkel kurze Zeit krank gewesen, hatte sich aber bald erholt und war wie immer mit der Großtante nach Warmbrunn gereist. Anscheinend gekräftigt kehrte er im Herbst nach Berlin zurück, doch im Oktober nahm die Schwäche des Hochbetagten zu, und bald konnte er das Lager nicht mehr verlassen, es wurde zu seinem Sterbebett. Wenige Tage vor seinem Tode – die Ärzte hatten dem alten Herrn schon den Empfang jeglichen Besuchs verboten – entsandte er dennoch seinen Jäger in das Atelier des Professors Keil. Es war dies der Künstler, den der Großonkel besonders in sein Herz geschlossen hatte, und dem, auf des Feldmarschalls Wunsch, das Denkmal desselben übertragen war, das sich – ebenfalls auf Wunsch des Großonkels – am Leipziger Platz erheben sollte. Professor Keil hatte schon bei Lebzeiten des alten Herrn eine charakteristische Statuette desselben angefertigt, zu der ihm der Feldmarschall wiederholt gesessen, und zu deren Vollendung er dem Künstler seinen Pallasch geliehen hatte, den er in allen wichtigen Augenblicken seines Lebens an der Seite getragen hatte. Jetzt, wo der Großonkel fühlte, daß seine Tage gezählt waren, wünschte er den ihm so lieben Künstler noch einmal zu sehen. Er nahm Abschied von ihm und vermachte dem Professor die historische Waffe, und furchtlos dem Tode in die Augen sehend, sagte er ihm beim Scheiden: »Wir sehen uns zum letztenmal in diesem Leben. Wenn Sie mich wiedersehen, dann liege ich auf der Totenbahre.« Der Professor Keil hat das Schwert in getreuer Kopie auf dem Wrangeldenkmal verewigt. Auf dem Knopfe des Knaufs zeigt die Waffe die gekreuzten Feldmarschallstäbe, darunter ein W und darüber die Grafenkrone. Auf dem Stichblatt ist »von Wrangel« eingraviert und auf der unteren Fläche stehen die drei entscheidenden Daten aus dem Leben des Feldmarschalls:

Schleswig, den 23. April 1848.

Berlin, den 10. November 1848.

Düppel, den 18. April 1864.

Generalsuperintendent Büchsel, der Pastor an der St. Matthäikirche, war der Geistliche, dessen Kirche der liebe Großonkel, solange ich denken[201] konnte, in großer Treue besucht hatte; von ihm ließ er sich und der Großtante noch wenige Tage vor seinem Tode das Abendmahl reichen.

Um dem Bilde des teuren Heimgegangenen, wie es in meiner Erinnerung lebt, noch die letzten Striche hinzuzufügen, die einen tiefen Blick in sein Seelenleben gestatten, möchte ich einige Sätze aus dem Briefe wiederholen, den der Großonkel an seinem 74. Geburtstag an Pastor Büchsel geschrieben hatte mit der Weisung, ihn erst nach seinem Tode zu öffnen.

Die Stellen aus dem Briefe lauten: »Mein teurer Freund! Bei meinem hohen Alter sehe ich meiner Abberufung von dieser Welt – und zwar in der Hoffnung, daß der Allmächtige mir meine vielfachen Sünden, die ich tief bereue, um Christi willen in Gnaden vergeben wolle – mit Freudigkeit des Herzens stündlich entgegen. Wenn dieser Zeitpunkt gekommen ist, so bitte ich, haben Sie die Güte und halten an meinem Sarge eine kurze Leichenrede, aber eines jeden Lobes über mein Tun und Lassen wollen Sie sich gütigst enthalten. – Allen meinen teuren Angehörigen und guten Freunden danke ich herzlich für ihre Liebe und Anhänglichkeit, mit der sie mich beglückt und erfreut haben. Alle die, denen ich gegen Wissen und Willen wehe getan habe, wollen mir aus Liebe Vergebung angedeihen lassen.

Gott segne meine teure, schwer geprüfte Herzensfrau. Gott segne meine guten Kinder und meinen lieben Enkel. Ich bitte, ich beschwöre Euch, haltet in guten und bösen Tagen fest zusammen in Gottes Furcht, in Liebe und in Eintracht.

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesu Christi, der Tod ist verschlungen in den Sieg, Tod, wo ist dein Stachel – Hölle, wo ist dein Sieg?

Mit herzlichem Danke erkenne ich die trostreiche Zusprache, mit der Sie, mein bester Büchsel, meine Seele so oft zu unserm Heilande am Kreuze zu führen gewußt haben, und wie ich aus Ihren Händen das heilige Abendmahl mit gläubigem Herzen empfangen habe.

Ja, ich glaube.

gez. von Wrangel.«


Wie der geliebte Großonkel in seinem ganzen Leben überall das volle Gewicht seiner Persönlichkeit eingesetzt hat, so wollte er auch in einer Zeit, wo viel Zweifel und Lauheit herrschte, das Bekenntnis seiner Schuld vor Gott und seines festen freudigen Glaubens vor aller Welt ablegen.

Er war ein ganzer Mann, ein deutscher Mann, so urwüchsig und eigenartig, wie es früher wohl einzelne gab, die aber in unseren Tagen[202] immer seltener werden. Es vereinigten sich in ihm Gegensätze und Eigentümlichkeiten, die sich selten in einer einzelnen Persönlichkeit zusammenfinden. Von der einen Seite konnte er streng und unerbittlich sein und mit großem Ernst jede Nachlässigkeit im Dienst strafen, von der anderen Seite zeigte sich sein mildes, freundliches Herz, denn sein Ohr und seine Hand war jedem offen, der bei ihm Rat und Hülfe suchte. Er war ein treuer Diener seines Königs, ein Patriot im altpreußischen Sinne und dabei der populärste Mann von ganz Berlin. Tiefer Ernst und aufrichtige Frömmigkeit blieben der Kern seines Lebens, zugleich aber war es auch seine Eigentümlichkeit, sich oft in seltsamer drastischer Weise zu äußern, so daß zahllose Anekdoten von ihm erzählt werden. Schlagfertig war er mit dem Degen in der Hand und schlagfertig mit Worten, kurz und bündig pflegte er den Nagel auf den Kopf zu treffen, Ehrenhaftigkeit und Treue sind in ihm zur lebendigen Darstellung gekommen, vom Leutnant bis zum Feldmarschall ist sein Name unbefleckt geblieben.

In gedrängter Kürze habe ich hier noch einmal die einzelnen Charakterzüge des Verewigten vorüberziehen lassen, um wahrheitsgetreu seine Persönlichkeit wiederzugeben, wie sie im Herzen derer lebt, die ihm nahe gestanden haben. Trotz der großen Alters- und Krankheitsbeschwerden, die sich in den letzten Tagen einstellten, blieb der teure Großonkel bis zuletzt gegen seine Umgebung von immer gleicher Freundlichkeit. Am 1. November abends raubte ein starker Hustenanfall seine letzten Kräfte. Sanft und schmerzlos entschlief dann der treue Diener seines Königs und Vaterlandes, der älteste General des preußischen Heeres.

Mein Vater reiste nach Empfang der Todesnachricht sofort nach Berlin. Am 5. November fand die Trauerfeierlichkeit im Wohnhause des Großonkels statt. Der Kaiser und die in Berlin anwesenden Mitglieder des Königlichen Hauses umstanden den Sarg. Der Generalsuperintendent Büchsel hielt, wie der Heimgegangene es gewünscht, die Trauerrede. Ein Gebet und der Gesang: »Jesus meine Zuversicht« beschlossen die ergreifende Feier. Seine Majestät führte die Großtante nach dem Fenster des Vordersaales, von dem aus die militärische Trauerparade zu sehen war. Doch die greise Frau vermochte die tief bewegenden Eindrücke des Tages nicht lange zu ertragen und mußte sich bald zurückziehen.

Wie der große Kaiser den Verstorbenen geachtet und geehrt hat, geht aus den allen Anwesenden unvergeßlichen Worten hervor, die Allerhöchstderselbe in Gegenwart der Trauerversammlung sprach. Sie lauteten: »Mein Haus und die Stadt Berlin werden es dem verstorbenen Feldmarschall[203] nie vergessen, welche Dankbarkeit wir ihm schuldig sind, denn er hat 1848 die Revolution unterdrückt ohne einen Tropfen Blut.«

Dann winkte Se. Majestät meinen Vater zu sich heran, und auf den Sarg weisend, der eben auf den Leichenwagen gehoben wurde, setzte der Hohe Herr hinzu: »Ohne den Mann säße ich nicht auf dem Thron!«

Unteroffiziere des Ostpreußischen Kürassierregiments 3 und des Brandenburgischen Füsilierregiments 35 hatten den Sarg die Treppe hinabgetragen, ihn unter dem Präsentieren des Gewehrs der Trauerparade auf den Königlichen Leichenwagen gehoben. Langsam setzte sich der Zug in Bewegung; zuerst die Kavallerie, dann die Artillerie und Infanterie. Gedämpfter Trommelschlag, die Klänge von »Jesus meine Zuversicht«, dazu die florumwundenen Fahnen, der gemessene Schritt, alles vereinte sich, um der zahllos versammelten Menge den Ernst der Stunde zu vergegenwärtigen.

Dem Leichenwagen voran schritten Unteroffiziere von des Feldmarschalls Regiment mit langen Trauerfloren. Hohe Offiziere folgten, die den Feldmarschallstab und die Orden des Verewigten trugen. Des Großonkels Leibroß, der Trakehner Fuchshengst, ein Geschenk des Kaisers, wurde unmittelbar hinter dem Leichenwagen geführt.

Dann in einiger Entfernung, und allein, schritt Seine Majestät der Kaiser. Er gab seinem treuen Generalfeldmarschall zu Fuß das letzte Geleite. Dem Hohen Herrn folgten der Kronprinz und der Prinz Friedrich Karl, und zwischen ihnen ging der einzige Enkel des Heimgegangenen, der Legationssekretär Graf Gustav Wrangel, und mein Vater als der nunmehrige Senior der Familie Wrangel.

Der Trauerzug geleitete den Sarg bis zum Stettiner Bahnhof, wo er einige Stunden später nach Stettin übergeführt wurde. Für Berlin hatte ein reiches Stück seiner Geschichte, das mit der bedeutsamen Parade am 20. September 1848 begann, in der Trauerparade vom 5. November 1877 seinen Abschluß gefunden. Die Teilnahme der Bevölkerung an diesem Tage hat bewiesen, daß Berlin einen seiner meistgeachteten Mitbürger in dem »Alten Wrangel« zu Grabe trug.

Stettin blieb sich bewußt, daß der Großonkel ein Sohn der Stadt gewesen. Auch hier, wie in Berlin, war eine allgemeine große Teilnahme, denn viele lebten noch aus der Zeit, wo der Großonkel dort Kommandierender General gewesen war und sich allgemeine Liebe und Verehrung erworben hatte. Auf sämtlichen Schiffen waren die Flaggen auf Halbmast gehißt und von dem Geburtshause des Feldmarschalls hing eine lange Trauersahne herab. Die Tertianer der beiden Stettiner Gymnasien hatten es sich nicht nehmen lassen, »dem Tertianer von Neustettin«,[204] der es nicht auf der Schulbank, aber doch im Leben so herrlich weit gebracht, Kränze zu spenden.

Auf dem alten Militärkirchhof vor dem Berliner Tor wurde der Sarg des Feldmarschalls in die Gruft gesenkt, neben dem Grabe seines zweitältesten Sohnes. Militärpfarrer Wilhelmi hielt die Leichenrede und schloß mit den Worten: »Wir Überlebenden wollen treue Wächter von Wrangels Grabesfrieden sein, denn sein Andenken wird bleiben, solange noch preußische Herzen unter preußischem Waffenkleid schlagen.«

Mein Vater kehrte tief ergriffen von der ernsten Feier heim und sprach viel und eingehend davon. Wenn ich lebhaft von einer Sache sprechen höre und mich darin vertiefe, so ist es mir oft, als wäre ich selbst dabei gewesen, hätte alles miterlebt, so greifbar deutlich steht mir die ganze Sache vor Augen. So geht's mir auch mit jenen letzten Tagen des geliebten Großonkels und mit seiner feierlichen Bestattung. Mein Vater erzählte noch von ein paar hübschen Zügen des Heimgegangenen, die Generalsuperintendent Büchsel ihm mitgeteilt hatte. Ich möchte auch diese nicht unerwähnt lassen. Der Pastor meinte, ihm würde der Abend unvergeßlich bleiben, wo der Großonkel nach seinem Einzug in Berlin im November 1848 im Schlosse Wohnung genommen habe. Alle Gemüter wären in großer Aufregung gewesen, er selbst aber sei ganz ruhig geblieben, und als er ihm zu dem Erfolg des Tages gratulierte, habe er geantwortet: »Nicht mir, sondern dem Herrn allein die Ehre. Ich habe nichts getan, als daß ich meines Königs Befehl ausgeführt habe.«

Am meisten hätte es seinem Herzen wohlgetan, daß der Sieg errungen sei, ohne einen Tropfen Blut zu vergießen; er hätte ihn dann aufgefordert, ein Dankgebet zu halten, und wäre dabei niedergekniet, wie es seine Gewohnheit gewesen, wenn er mit seinem Gott geredet hätte.

Weiter hatte Büchsel erzählt, einige Tage darauf wäre eine Tischgesellschaft um den Großonkel versammelt gewesen und man hätte dabei ziemlich lebhaft über die Geschichte der letzten Tage gesprochen. Er habe zuerst schweigend zugehört, dann aber sei er aufgestanden und habe gesagt: »Meine Herren, es ist nicht unsere Sache zu kritisieren, sondern die Pflicht des Soldaten ist, zu tun, was der König befiehlt.«

Als nun dieser älteste Soldat, der treueste Untertan seines Königs, sein taten- und segensreiches Leben beschlossen hatte, war mein Vater der Senior der Familie Wrangel geworden. Nicht nur sein Alter, sondern auch sein stark ausgeprägter Familiensinn befähigten ihn ganz besonders zu dieser Stellung. Freudig und mit großer Energie widmete er sich den Angelegenheiten der Wrangels, besuchte jeden Familientag und leitete die Familienstiftung. Sein Gedanke war es auch, die vier[205] Orden pour le mérite, die Mitglieder der Wrangelschen Familie erhalten hatten, in sinniger Weise zusammenstellen zu lassen und so für die Nachkommen zu bewahren. Mein Vater ließ einen großen Talerhumpen herstellen, der auf seinen Hauptseiten die vier Orden zeigt.

Mein Urgroßvater Generalmajor Ernst von Wrangel war der erste aus der Familie, der diesen höchsten preußischen Militärorden erhielt und zwar für das Gefecht bei Neustadt. Über demselben ist eine Münze mit dem Bildnis Friedrichs des Großen angebracht und unten ein Mariatheresientaler, der auf die Besiegte hinweist.

Der preußische Generalleutnant Ludwig von Wrangel, der älteste Sohn des vorgenannten Ernst von Wrangel, erhielt denselben Orden auf Rußlands Gefilden bei Pultusk. Eine Münze von Friedrich Wilhelm III. ist darüber, eine von Napoleon I. darunter angebracht.

Den dritten Orden hatte sich der zweite Sohn des Generals Ernst von Wrangel, der eben verstorbene Feldmarschall, als junger Leutnant in der Schlacht bei Heilsberg erworben und später für den Feldzug 1848 in Dänemark das Eichenlaub dazu erhalten. Die Münzen Friedrich Wilhelms IV. und des Königs von Dänemark stehen über und unter diesem pour le mérite.

Der vierte Orden ist der meines Vaters. Er hat ihn im Mainfeldzug erhalten und das Eichenlaub daran für Orleans. Ein Siegestaler und das Münzbildnis Napoleons III. sind ihm beigefügt. Den Knopf des Deckels bildet der Ring, den Friedrich der Große dem General Ernst von Wrangel nach der Schlacht bei Torgau geschenkt hat. Er zeigt, in Brillanten gefaßt, das Miniaturbild des Königs.

Wenn auch mein Vater sich so eingehend mit den Interessen seiner Familie beschäftigte, so behielt er dabei doch stets ein offenes Auge für die Menschen, in deren Mitte er lebte. Davon wissen die Sproitzer Leute zu sagen, für deren Gesangverein er eigenhändig den Theatervorhang und die Dekorationen zu ihren Aufführungen malte. Die Armen von nah und fern fanden in meinen Eltern die gütigen Geber, die allezeit eine offene Hand für sie hatten. Ganz besonders widmete sich mein Vater den Kriegervereinen. Die Soldaten waren ihm von jeher an das Herz gewachsen, und in kameradschaftlicher Weise verkehrte er mit ihnen auch weiter. Ebenso hielt er dauernd die Beziehungen mit seinen alten Regimentern und Kriegskameraden aufrecht. Eine große Freude war ihm daher das Geschenk eines Ehrendegens von seinem Regiment 61, auf dessen Damaszenerklinge die Namen der Offiziere stehen, und dessen Griff die Trommel ziert. Mein Vater, welcher der erste Kommandeur dieses Regiments war, hatte stets eine besondere Vorliebe für seine »alten[206] Einundsechziger« und warmes Interesse an der weiteren Entwicklung des Regiments. Durch seine wiederholten Besuche beim Regiment wurden die alten Beziehungen möglichst wachgehalten. Bis hinauf ins Holstenland erstreckte sich für ihn das Land mit den Kriegervereinen. Ein rührender Beweis dafür, mit welcher Liebe seine alten Soldaten noch an ihm hingen, waren die verschiedenen großen Bilder, auf denen die Leute sich für ihn hatten photographieren lassen, und eine Bowle, die sie ihrem »Trommler von Kolding« nach Sproitz gesandt hatten. Eine zum Herzen sprechende Widmung steht darauf und die Worte, die er ihnen in Kampfestagen oft zugerufen hatte: »Jungens, holt fast«. Mit warmem Stolz zeigte der alte Herr seinen Freunden und Bekannten diese Zeichen einer Anhänglichkeit, wie man sie selten findet.

Eine gute Stunde von Sproitz entfernt liegt Crobnitz, das wundervoll gelegene Gut, das damals von dem Feldmarschall Grafen Roon und seiner Gemahlin bewohnt wurde. Da hatte sich, schon sehr bald, nachdem wir in Sproitz ansässig geworden waren, ein freundnachbarlicher Verkehr angebahnt. Wir hingen mit aufrichtiger Verehrung an den alten Herrschaften. Es war für uns ein Feiertag, sobald sie zu uns kamen oder wir hinfahren konnten. Wenn der Graf große oder kleine Erlebnisse aus dem Kriege erzählte, hörte ich immer mit einer wahren Andacht zu und freute mich daran, wie die Herren dabei ihre Ansichten austauschten und der Feldmarschall dann mit so großer Liebenswürdigkeit für meinen Mann sich eingehend mit ihm unterhielt. Ganz besonderen Eindruck hat auf mich die schlichte, tiefe Gottesfurcht gemacht, die ein Grundzug in dem Charakter des Feldmarschalls war. Als meine Eltern nach Sproitz zogen, ergab es sich als etwas Selbstverständliches, daß die beiden alten Herren sich oft sahen, bis der Tod den Feldmarschall im Jahre 1879 abrief.

Quelle:
Liliencron, Adda Freifrau von: Krieg und Frieden. Erinnerungen aus dem Leben einer Offiziersfrau, Berlin 1912, S. 195-207.
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