XX. Graf Kirchbach.

[207] Nachdem der Tod unserem Kreise einen so hoch bewährten Mann, wie den Grafen Roon, genommen hatte, wurde uns im Februar 1880 die Freude, wieder einen der großen Korpsführer aus dem Kriege 1870/71 in unserer Mitte begrüßen zu können. Der General Graf Kirchbach, Kommandierender General des V. Korps, hatte an seinem 70. Geburtstage, am 23. Mai 1879, den Abschied erbeten. Obwohl geistig und körperlich noch völlig rüstig, hatte er, im Hinblick auf sein Lebensalter und seine vierundfünfzigjährige Dienstzeit, diesen Entschluß gefaßt. Seine[207] Majestät der Kaiser hatte sich jedoch nur schwer von einem General trennen können, der ihm auf zahlreichen Schlachtfeldern und in einer langen Friedenslaufbahn so ausgezeichnete Dienste geleistet hatte. So genehmigte der Kaiser denn erst am 3. Februar nach mehrmaliger Erneuerung des Abschiedsgesuchs den Wunsch seines Feldherrn, beließ ihn aber in der Stellung als Chef seines Regiments 46 mit den aktiven Abzeichen als General der Infanterie. Um der Armee und dem Volke zu zeigen, wie hoch er seine Verdienste schätzte, hatte der Kaiser den General in den Grafenstand erhoben mit der Vererbung nach dem Rechte der Erstgeburt, und dem geschichtlichen Dokument, das ihm durch Allerhöchste Kabinettsorder zuging, das Wort zugefügt: »Indem Wir wünschen, daß hierdurch der Nachwelt noch lange in die Erinnerung gerufen werden möge, daß der erste des Namens von Kirchbach, welcher den Grafentitel führte, der brave Kommandierende General des V. Armeekorps bei Weißenburg, Wörth, Sedan und vor Paris war.«

Die letzten Tage, die der Graf noch in Posen verlebte, brachten ihm von allen Seiten die Beweise der Trauer, die das gesamte V. Armeekorps über das Scheiden seines Kommandierenden empfand. Stadt und Provinz wetteiferten in gleicher Weise, um ihm in mannigfacher Art ihre Verehrung zu bezeugen. Nun in der zweiten Hälfte des Februar kam der Graf in unserer Oberlausitz auf sein neu erworbenes Gut Moholz, das kaum eine halbe Stunde zu Fuß von uns entfernt lag.

Schon in den früheren Jahren ihrer militärischen Laufbahn hatten die beiden Herren, Graf Kirchbach und mein Vater, viel miteinander verkehrt, in Berlin, als beide im Großen Generalstab arbeiteten, und dann in Posen, wo der Graf Kommandierender General und mein Vater Gouverneur war. Dort bei ihren täglichen Spaziergängen auf dem Wilhelmsplatz waren dann die Kriegserinnerungen ausgetauscht worden. Jetzt kamen die beiden alten Herren nun wieder zusammen, um Jahre hindurch in alter Freundschaft immer engere Beziehungen zueinander anzuknüpfen.

Mein Mann und ich hatten den Grafen schon in Posen kennen gelernt, wenn wir meine Eltern besuchten, und ich möchte hier mit kurzem Wort die äußere Erscheinung dieser machtvollen Persönlichkeit und ihre Art, sich zu geben, kennzeichnen.

Seine Figur war von mittlerer Größe, er trug sich auch im Alter jederzeit aufrecht, man erkannte den wettergestählten Offizier auf den ersten Blick in ihm. Scharf markierte Züge, eine Adlernase, konnte man nur flüchtig streifen, wenn man ihn ansah, denn die großen sprechenden Braunaugen beherrschten das ganze Gesicht so völlig, daß man alles andere darüber vergaß. Es war, als ob diese klugen Augen[208] bis auf den Grund der Seele des Menschen lesen wollten, mit dem er sprach. Tiefer Ernst, der sich bis zur Strenge steigern konnte, sprach aus ihnen, und dann wieder konnten sie so warm blicken, so neckisch fröhlich, daß sie ihm die Herzen im Sturm gewannen. Das Necken verstand der alte Herr ganz prächtig, aus dem Effeff, wie wir meinten. Er konnte bei einer Neckerei so unerschütterlich ernst aussehen, daß der Betreffende, wenn er den Grafen nicht sehr genau kannte, jedesmal darauf hineinfiel, und das amüsierte den General dann höchlich.

Was sich in dem edlen Charakterkopf des Grafen ausprägte, eiserner Wille und unantastbare Festigkeit, zeigte sich als zwei seiner hervorragendsten Eigenschaften. Ein klarer, besonders dem Praktischen zugewendeter Verstand, ein vortreffliches Gedächtnis und eine richtige Beurteilung der Menschen waren ihm eigen. Die gewisse Herrschaft, die er stets über sie ausgeübt, beruhte vorzugsweise in seiner Persönlichkeit, in der Macht seiner Individualität. Er war kein Freund von vielen Worten, aber sein Urteil traf immer den Nagel auf den Kopf. Ohne Unterschied des Ranges tadelte er jeden, der es seiner Ansicht nach verdient hatte. Das war oft nicht bequem, aber einem Lob aus seinem Munde legte man auch einen ganz besonderen Wert bei. Zur Charakterwiedergabe dieses von mir so hoch geschätzten Mannes möchte ich Worte eines Offiziers wiederholen, der ihm 1866 besonders nahestand. Er schrieb darüber: »So furchtlos und treu wie Kirchbach kann nur ein Mann sein, dessen ganzes Innere von Gottesfurcht durchdrungen ist. Sein Herz ist weich, aber sein Mitgefühl für das Elend des Krieges verbirgt er zunächst unter einer rauhen Schale. Während ihm das Herz blutet bei den Verlusten seiner Truppe, weiß er in den kritischen Momenten die richtigen Worte zu finden, um dieselbe zur größten Todesverachtung anzuspornen und zum zähesten Aushalten. Ebenso eisern hält er selbst auf der gefährlichsten Stelle aus. Bittet ihn seine Umgebung, sich nicht zu exponieren, so scheint er nicht zu hören, oder er weist sie, wenn sie dringend werden, kurz ab. Die Milde und Güte von Kirchbachs Charakter tritt erst hervor, wenn den militärischen Anforderungen Genüge getan ist. In wohltuendster Form kommen aber dann diese Eigenschaften zur Geltung und sichern ihm die Liebe seiner Untergebenen, wie ein grenzenloses Vertrauen zu seiner Führung. Besser kann ich seinen Charakter nicht kennzeichnen als durch die Worte: furchtlos und treu. Treu seinem Gott, seiner Pflicht, treu seinen Freunden und seinen Untergebenen. Wie er seine Kinder streng und ernst erzogen und behandelt hat, so behandelt er seine Soldaten auch wie seine Kinder mit derselben strammen Zucht wahrhaftiger Vaterliebe.«[209]

Nun waren wir einander nah, sehr nahe gerückt, der Verkehr entwickelte sich rasch und gestaltete sich immer intimer. Jeden Sonntag saßen wir in unseren Kirchenstühlen nebeneinander in der kleinen Dorfkirche zu See, und am Nachmittag waren wir dann entweder in Moholz oder Sproitz zusammen. Die Superintendentenfamilie fehlte dabei nie, und verschiedene Nachbarn kamen auch dazu. Ehe am Abend der Whisttisch hervorgeholt wurde, an dem die Herren Platz nahmen, belebten dann oft alte Kriegserinnerungen das Gespräch. Von dem, was ich da gehört, und an der Hand der Aufzeichnungen des Generals möchte ich einige Bilder der Kampfeszeiten entrollen, wie sie jetzt wieder lebendig und formenscharf vor mir auftauchen. Gewissermaßen ergänzen sie die Kriegsjahre 1866 und 1870/71, wie ich sie aus den Briefen meines Vaters und meines Mannes schilderte.

Vom 27. Juni, vom Tage von Nachod, will ich sprechen. Als ich Jahre später zum Jubiläumsfest des Regiments Graf Kirchbach gebeten wurde, die Schilderung dieses glorreichen Tages in einigen dichterischen Szenen wiederzugeben, um sie den Soldaten einzuprägen, da stand mir beim Studieren der Regimentsgeschichte immer der verehrte General, wie ich ihn in den Jahren des Zusammenlebens kennen lernte, greifbar deutlich vor Augen.

Für den 27. Juni war dem Korps der Befehl zugegangen, auf Nachod zu marschieren. Die Vorhut stieß westlich Nachod – es mochte etwa 9 Uhr morgens sein – unerwartet mit dem österreichischen Korps Ramming zusammen. Ein heftiger Kampf entwickelte sich, der den Aufmarsch und das rechtzeitige Eingreifen des Gros bedrohte. Der Wenzelsberg war der erste Treffpunkt. Die feindliche Avantgarde wurde zurückgeworfen, aber sie vereinigte sich mit den von Westen anrückenden österreichischen Truppen und nötigte die Preußen zum Rückzug nach dem Walde östlich der Neustädter Chaussee. Das Wäldchen am Wenzelsberg schien für sie verloren zu sein; doch mit eiserner Zähigkeit hielten sie wenigstens den östlichen Rand besetzt und ließen so dem Gros Zeit, heranzukommen und sich wirksam zu entfalten.

General Kirchbach, der sich bei dem Gros befand, als die ersten Truppen die Metaubrücke passiert hatten, war im schnellen Ritt durch Nachod auf das Gefechtsfeld vorausgeeilt. Auf dem Plateau der Neustädter Chaussee angelangt, orientierte er sich im heftigsten feindlichen Feuer über den augenblicklichen Stand des Gefechts, unbeirrt davon, daß die neben ihm haltende Stabsordonnanz von einer Kugel zu Tode getroffen wurde; ruhig und klar, wie es seine Art war, erteilte er die Befehle. Durch seine weitsichtig getroffenen Anordnungen gelang es der[210] tapferen 19. Infanteriebrigade nach hartem Kampf, das Wäldchen zu nehmen sowie die stark besetzte Wenzelskirche und das Dorf Wenzelsberg. Da nun aber inzwischen die Lage auf dem rechten Flügel eine bedrohliche Wendung genommen hatte und die Gefahr einer Umgehung vorlag, eilte General Kirchbach nach dem Südende von Wisokow, um dort selbst das Gefecht zu leiten. Mit eiserner Energie hielt er den bereits umfaßten Flügel seiner Truppen fest, bis er endlich nach Eintreffen seiner 20. Infanteriebrigade imstande war, die Umklammerung zu durchbrechen und durch Vernichtung des feindlichen linken Flügels die Schlacht zu entscheiden.

Wenn ich auch von Kindheit auf mit dem Soldatenleben vertraut war und besonders später als guter Kamerad meines Mannes mich bis in alle Einzelheiten für seine Winterarbeiten interessierte, mir die Manöverbilder erklären ließ und vor allem eine eifrige Zuhörerin war, wenn die Herren ihre Kriegserlebnisse besprachen, so geht mir doch selbstverständlich das eigene sachgemäße Beurteilen der Gefechtslagen ab, und ich muß mich daher in solchen Fällen immer darauf beschränken, hier und da nur zu wiederholen, was bedeutende Persönlichkeiten über das Gefecht und den Truppenführer ausgesprochen haben.

Da heißt es nun, wie es auch die Blätter der Geschichte aufbewahren werden: »Der erste Sieg bei Nachod war für die Kronprinzliche Armee entschieden, und unzweifelhaft gebührt dem General von Kirchbach die Ehre, namentlich durch das frühe Erkennen der Umgehung der Brigade Waldstätten und der Gegenmaßregel, den Kampf entschieden zu haben. In dem Augenblick, in welchem der General mit der 19. Infanteriebrigade debouchiert war, hatte er das Gefecht hergestellt, hatte die drei Stützpunkte, Wisokow, das Wäldchen und Wenzelsberg, besetzt.«

Was ich aber als Frau, die sich für Heldentum begeistert und warmen Herzens sich an allen edlen Charaktereigenschaften freut, beurteilen kann, das sind Augenblicke, wo die eigenste Persönlichkeit sich in ihrer Großzügigkeit offenbart und dadurch eine fortreißende oder beherrschende Macht übt. Von solchen Augenblicken kann ich lebenswarm sprechen, es ist mir, als ob ich sie selbst miterlebt hätte. Da ich den Grafen so genau kannte, erscheint mir seine Persönlichkeit auch greifbar deutlich in dieser oder jener bedeutungsvollen Lage. Es war bei Wisokow, sein Generalstabsoffizier wurde an seiner Seite verwundet, während er längs einer liegenden Tirailleurlinie entlang ritt, so ruhig wie auf einem gewöhnlichen Spazierritt. Mit klarem Blick, unbeirrt durch die rechts und links einschlagenden Kugeln, ermahnte er die Leute zum ruhigen Zielen. Isidor, sein treuer vierbeiniger Kriegskamerad, wurde ihm unter dem Leibe erschossen.[211] Er ließ das Pferd absatteln, ließ sich Karten und Notizbuch aus den Packtaschen seines gefallenen Tieres reichen und bestieg das Pferd seines zweiten Adjutanten. Einen letzten Blick gönnte er noch seinem braven Leibroß, dann hieß er die Bügel zurechtschnallen, so unbekümmert, als wären es nicht Kugeln, sondern Sommerfliegen, die ihn umschwirrten. In Schritt setzte er dann seinen Ritt in der Schützenlinie fort, ruhig und dadurch Ruhe bringend, denn das Beispiel wirkt besser als Worte.

In gleicher Weise war es auch etliche Stunden später, daß sein unerschütterlicher Gleichmut und seine freudige Zuversicht sich in wohltuendster Weise allen denen mitteilte, die in persönlicher Berührung zu ihm standen. Ich denke an einen der kritischsten Augenblicke des Tages. Das Eintreffen der 20. Brigade verzögerte sich über Erwarten, die feindliche Umgehung wurde perfekt und das Feuer der Artillerie und Jäger immer fühlbarer. Wiederholte feindliche Offensivstöße wurden gemacht, während sich das kleine Häuflein bei Wisokow immer mehr lichtete. Alles drängte sich zusammen, um die Lage immer bedenklicher zu gestalten. Aber mochten die Wogen auch noch so hoch gehen, der General behielt die Herrschaft über die anstürmenden Schwierigkeiten, klar und bestimmt traf er seine Dispositionen und blieb voll freudiger Zuversicht, war aber fest entschlossen, wenn das Äußerste eintreten sollte, mit seinen Getreuen auf diesem heiß umstrittenen Punkte bis zum letzten Atemzuge auszuharren.

Zum Umsinken erschöpft waren die Truppen nach dem Gefecht von Nachod, und doch vergaßen sie alle Müdigkeit, und endloser Jubel brach aus, als um 4 Uhr der Kronprinz erschien, der ihnen den Dank des Königs brachte. Endloses Hurra begleitete seinen Ritt, während er mit General Kirchbach an seiner Seite diesen Teil des Schlachtfeldes besichtigte.

Der Hohe Herr war voll Anerkennung und Herzlichkeit für den General, der von seinen Truppen, wo er allein sich zeigte, stürmisch als siegreicher Führer begrüßt wurde.

Die Nacht verging ruhig, aber man sagte sich, daß die allernächsten Tage neue schwere Kämpfe bringen mußten, denn das fortwährende Pfeifen der Lokomotiven der dortigen Eisenbahnen bewies, daß große österreichische Truppentransporte zur Unterstützung herangeführt wurden. Am anderen Tage konnte es geschehen, daß das V. Korps drei österreichischen Korps gegenüberstehen würde. Umfassende Vorsichtsmaßregeln wurden daher in der Nacht getroffen. General von Steinmetz, der Kommandierende General des V. Korps, erhielt die Nachricht, daß er[212] auf die Unterstützung der 2. Gardedivision, auf die er gezählt, nicht rechnen könne, da infolge des Gefechts von Trautenau andere Dispositionen getroffen waren, nur die schwere Kavalleriebrigade Prinz Albrecht Sohn sollte ihm zur Unterstützung geschickt werden.

Der General stand nun vor dem schweren Entschluß, ob er den weit überlegenen Gegner angreifen sollte. Er entschloß sich dazu, und dies war der gewagteste, aber der allein richtige und ehrenvolle Entschluß, den er faßte. General Kirchbachs Division hatte von früh 8 Uhr bei Wisokow zum Angriff bereit gestanden, ein quälendes Warten angesichts des sich entwickelnden Gefechts. Endlich um 11 Uhr traf der Befehl zum Angriff ein. Gedeckt durch einen Höhenrücken traten sie den Marsch auf Dubenow an. Die Brigaden bildeten gewissermaßen zwei Treffen, und zwischen den beiden ritt der General. Das Durchschreiten des tiefen Grundes, sowie der Aufmarsch am Fuß des Schaafberges verursachte im feindlichen Granatfeuer Aufenthalt. Im vorliegenden Walde war ein heftiger Kampf entbrannt. Der General ritt vor, um sich zu orientieren, als eine Granate fünf Schritt vor ihm zersprang und sein Pferd derartig erschrak, daß es zusammenstürzte.

Weiteres Vorgehen an dieser Stelle erkannte Kirchbach als untunlich, er ließ daher das Fasaneriewäldchen umgehen und sich zum Angriff in zwei Staffeln auseinanderziehen. Das Grenadierregiment 6 mit dem General von Tiedemann an der Spitze ging unter rasselndem Trommelschlag gegen die mit österreichischen Jägern besetzten Höhen unaufhaltsam vor und rollte die feindliche Stellung auf.

Inzwischen hatte der General seiner 20. Infanteriebrigade den Befehl erteilt, sich an den Nordrand der Fasanerie in gleiche Höhe mit der 19. Brigade zu setzen. Unter heftigem Granatfeuer kam die Brigade in Höhe der Försterei und durchschritt den Wald. Dann formierten sich die Bataillone und gingen, den Brigadekommandeur Wittich an der Spitze, gegen den Bahnhof von Skalitz vor, während Kirchbach inmitten seiner Truppen an der Eisenbahn verblieb. Mit vorgenommenen Schützen und schlagenden Tambours ließ er aber gleich darauf das Infanterieregiment 52 und das Grenadierregiment 6 gegen Skalitz vorgehen und setzte sich an die Spitze derselben. Den gegen die Stadt anstürmenden Truppen des Gros schlossen sich noch Teile der 9. Infanteriedivision an, und unaufhaltsam, lawinenartig wachsend, aber in musterhafter Ordnung rückte das Ganze vor, den verbarrikadierten Eingängen der Stadt und dem Bahnhofe zu. Viel Blut mußte fließen, ehe Skalitz gewonnen und die Aupahöhen von preußischer Artillerie besetzt waren. Wieder hatte die 10. Division die endliche Entscheidung herbeigeführt. Etwas Ruhe[213] war den tapferen Truppen zu gönnen, die unter der sicheren Führung ihres Generals Tüchtiges geleistet hatten. Der weitere auf Gradlitz beabsichtigte Marsch wurde daher erst am 29. Juni nachmittags 2 Uhr angetreten.

Bei drückender Hitze rückte die Avantgarde, dieses Mal unter von Kirchbach, vom Biwak ab. Bei Westetz führte der Weg in eine enge Talschlucht, so daß die Infanterie nur in Reihen, die Kavallerie nur zu zweien marschieren konnte. Von der Straße nach Jaromirz her schallte heftiges Geschütz-, bald auch Gewehrfeuer. General Kirchbach ritt mit seinem Stabe voraus, um festzustellen, ob die 20. Infanteriebrigade dort im Kampfe wäre. Kaum aber war er aus dem Dorfe ins Freie gekommen, so erhielten die Herren eine gut abgemessene Granatlage von den Höhen von Schweinschädel her. Das zeigte dem General, daß auf diesem Wege der Vormarsch auf Gradlitz nicht fortgesetzt werden konnte, solange der Feind die beherrschenden Höhen besetzt hielt. Kurz entschlossen gedachte er auf eigene Verantwortung die feindlichen Höhen anzugreifen. Er ließ die 3. vierpfündige Batterie unweit des Dorfes auffahren und sandte die 4. Batterie zur Unterstützung derselben. Während beide den Kampf mit den feindlichen Batterien eröffneten, vermochte General von Tiedemann seine Infanterie zu entwickeln, doch konnte die Entfaltung der Brigade aus den schwierigen Defileen nur langsam geschehen. Kirchbach ritt nun in dem von Granaten überschütteten Hohlwege gegen Schweinschädel vor. Es gehörten starke Nerven dazu, um gleichmütig dies Platzen der Geschosse über sich ergehen zu lassen, aber den General rührte es nicht, er behielt unbeirrt sein Ziel im Auge. Seine Kaltblütigkeit und die rasche Sicherheit seiner Entschließungen zeigte sich im glänzendsten Lichte, als er auf den Kanonendonner hin seiner Division voraneilte. Gleichgültig dagegen, daß er mit seinem Stabe sichtlich das Ziel der feindlichen Batterien bildete, erteilte er mit derselben Präzision und Klarheit seine Befehle, wie auf dem Manöverfelde. Sein scharfer Blick durchforschte überall die Gefechtslage, und wo die größten Schwierigkeiten zu überwinden waren, eilte er hin und stand den Bedrängten ermunternd zur Seite, ohne durch dieses vielmalige Eingreifen in Einzelheiten in der Leitung des großen Ganzen beeinträchtigt zu werden.

Trotz mancher Verluste setzte die 19. Infanteriebrigade ihren Marsch gegen Schweinschädel fort und drang, heftig beschossen, mit Hurra in das Dorf, sprengte die Tore der Meierei und machte 300 Gefangene.

Mitten in diesen Siegeslauf kam der Befehl des Kommandierenden Generals, das Gefecht abzubrechen. In solchem Augenblick ist das für den Führer wie für die Truppen nicht leicht. Aber auch im Entsagen,[214] im Zurücktreten, wenn die Pflicht es gebietet, liegt ein Sieg. Die Aufgabe des V. Korps bestand darin, Gradlitz zu erreichen, und da die Lösung dieser Aufgabe durch den gewonnenen Sieg gesichert war, hatte ein weiteres Vordringen keinen Zweck, zumal man in den Bereich der Festung Josephstadt gelangte.

Um 6 Uhr abends endigte das Gefecht und mit ihm die berühmte dreitägige Schlacht.

Diese Gefechte waren es, die mich aus den Kriegserzählungen des alten Grafen, das Jahr 1866 betreffend, am meisten anzogen. Aber fast noch mehr interessierten mich die Erlebnisse der Kriegsjahre 1870/71, die sich mir tief einprägten. Was ich darüber gelesen, und was ich davon aus dem Munde des alten Herrn gehört habe, das ist zu einem fest abgerundeten Bilde verschmolzen. Es sind die Tage von Weißenburg und Wörth, von Sedan und Versailles, über die ich ein Wort sagen will.

Gleich nach der Mobilmachung, am 18. Juli 1870, war der General Kirchbach Kommandierender General des V. Korps geworden und unterstand wieder dem Oberbefehl des Kronprinzen. Er gehörte sonach zur III. Armee, die am 4. August die französische Grenze überschritt und in breiter Front gegen die Lauter vorging. Dahinter standen die Franzosen in einer außerordentlich starken Verteidigungsstellung.

Der König hatte durch General Moltke befohlen: »Die III. Armee soll am linken Rheinufer in südlicher Richtung vorgehen, den Feind aufsuchen und angreifen.«

Durch diese Taktik sollten zunächst die Franzosen am Brückenschlagen und einem Einfalle in Süddeutschland verhindert werden. Sie wurden aus der Offensive in die Defensive gedrängt.

Der Disposition des Kronprinzen entsprechend war das Korps Kirchbach morgens um 4 Uhr aufgebrochen. Eine Erkundungsabteilung, die der General vorgeschickt hatte, kam mit der Meldung zurück, daß kein Anzeichen vom Vorrücken des Gegners festzustellen sei. Douays Truppen seien beim Abkochen und mit Herbeischaffung von Biwakbedürfnissen beschäftigt. Als nun aber gegen 8 Uhr eine bayerische Batterie südlich Schweigen den feurigen Kugeltanz eröffnete und zugleich eine bayerische Division sich vor Weißenburg zum Gefecht entwickelte, befand sich die Avantgarde des Korps Kirchbach erst bei Klein-Steinfeld. Der General selbst ritt an der Spitze des Gros und entsandte, als er den Kanonendonner hörte, sofort Hauptmann Mantey vom Generalstabe, um bei dem Kommandeur der Bayern Erkundigungen einzuziehen.

Die Antwort lautete, daß die Bayern in der Front stark engagiert seien und ihre rechte Flanke bedroht wäre.[215]

Das Gros, das schon vorher die Weisung erhalten hatte, auf den Kanonendonner loszumarschieren, bekam nun den Befehl, auf Altenstadt zu rücken und dort die Lauter zu überschreiten, um auf die rechte französische Flanke zu drücken. Gegen 11 Uhr hatte die Spitze des Armeekorps den Bahnhof von Weißenburg erreicht, der, von einer Mauer und hohen Baulichkeiten umgeben, außerhalb der Stadt lag und die rechte, südliche Seite derselben flankierte. Mit großer Zähigkeit verteidigten die hier kämpfenden Turkos die Stellung, und ein blutiger Kampf entspann sich, in dem besonders das 3. Posensche Infanterieregiment 58 und das halbe Schlesische Jägerbataillon 5 ganz Hervorragendes leisteten. Nach anderthalbstündigem heftigen Ringen mußten die Turkos sich ergeben. Der Kommandierende, der, gleichgültig gegen Gefahr und Strapazen, eine persönliche Orientierung allen Meldungen vorzog und sich stets selbst von der Gefechtslage zu überzeugen suchte, bevor er seine Dispositionen traf, ritt auch diesmal zu dem Gros der bayerischen Division, die nur langsam gegen Weißenburg vorrückte. Er sah sofort, daß die Entscheidung des Tages nicht in Weißenburg, sondern am Geisberge liege, und faßte diesen Punkt ins Auge. Zunächst entsandte er das Infanterieregiment 47, um das südliche Ausgangstor von Weißenburg zu besetzen, während er das östliche von zwei herangezogenen Geschützen einschließen ließ. Die bayerischen Bataillone drangen nun sofort ein, stießen aber nicht mehr auf den Feind, der sich nach dem Hagenauer und Bitscher Tor gewandt hatte. Bei letzterem verlegte ihm ein bayerisches Seitendetachement den Ausgang, und beim ersteren war es das Regiment 47, das sich ihm entgegenwarf und nach kurzem Kampf die Franzosen zum Kapitulieren zwang.

Schon nach der Wegnahme des Bahnhofes hatte der Generalleutnant von Kirchbach die 9. Infanteriedivision von Sandrart angewiesen, den Feind auf den Geisberger Höhen anzugreifen, wo die Spitze des XI. Armeekorps seit Stunden im Gefecht stand und bereits Gutleuthof genommen hatte.

Die Erstürmung des Geisberges ist eine kriegerische Tat, wie sie zu einer der schwierigsten jenes Krieges gehörte. Sie hatte als erster Sieg der Deutschen eine weitgehende Wirkung, denn in Paris wurde die Einschiffung des für unsere Nordküste bestimmten Landungskorps vorläufig zurückgehalten.

Unter großen Opfern gelang es endlich, den Geisberg zu nehmen. Die steilen Abhänge mit ihren Wein- und Hopfenplantagen, aus denen der Feind ein mörderisches Feuer auf die Anstürmenden richtete, waren schwer zu erklettern, und nur langsam konnte es vorwärts gehen. Während[216] um das Geisbergschloß, das die afrikanischen Truppen hartnäckig verteidigten, ein heißer Kampf entbrannte, zog sich das Gefecht westlich davon, im offenen Gelände weiter vorwärts gegen die Höhe der drei Pappeln. Als diese glücklich erobert und Artillerie dort aufgefahren war, konnte das Schloß unter starkes Feuer genommen werden.

Trotz großer Verluste wurde mit zäher Energie jedes Hindernis überwunden und das Schloß von den Truppen des V. und XI. Armeekorps mit dem Bajonett erstürmt. Mit der Fahne des Füsilierbataillons vom Königsgrenadierregiment waren hier der Major von Kaisenberg, die Premierleutnants Simon und von Lüttwitz, sowie sämtliche Fahnenträger gefallen. Sie alle hatten ihre Fahnentreue mit dem Tode besiegelt.

Und nun komme ich wieder zu einem Bilde, das mich als Frau ganz besonders anzog bei dieser Gefechtserzählung.

Während des Vormarsches gegen das Schloß Geisberg traf den General Kirchbach eine Chassepotkugel und durchbohrte ihm den Hals. Er mußte schweren Herzens das Gefechtsfeld verlassen, um in Altenstadt verbunden zu werden. Offiziere sprangen herzu und wollten ihm dienstreiche Hand leisten. Er aber, der im Frieden wie im Kriege seinen Leuten darin ein Vorbild war, daß er stets die Pflicht allem anderen vorangehen ließ, wies die Herren zurück. »Der Kampf ist noch nicht zu Ende, Sie haben andere Pflichten zu erfüllen, als sich um Verwundete zu kümmern«, erklärte er.

So ungern sie es taten, die Herren vom Stabe mußten ihrem Kommandierenden gehorchen. Generalleutnant von Schmidt, dessen 10. Division südlich Altenstadt eben aufmarschierte, übernahm nun die Leitung des Gefechts. Zu der Siegesfreude nach der Einnahme des Geisberges gesellte sich nun noch der Jubel, als die Herren des Generalkommandos nach Altenstadt zurückkehrten und ihren General vor seinem Quartier mit der Zigarre sitzend fanden. Tief bewegt empfing er ihre Glückwünsche zu seiner Lebensrettung und zu einem großen Siege, von dem er sich mit Recht einen bedeutsamen Teil des Erfolges zum Ruhm anrechnen konnte.

Auch der Oberstkommandierende, Kronprinz Fritz, traf bei dem General ein. Der Hohe Herr hatte vorher die Walstatt besichtigt und am Schloß Geisberg sich die zerschossene Fahne des Grenadierregiments vorführen lassen. »Ein erhabener Anblick! Das wohlverdiente Kreuz soll dieser Fahne zuteil werden«, hatte er zu den ihn umgebenden Offizieren gesagt, und dann, von Rührung übermannt, den Zipfel des zerfetzten Fahnentuchs geküßt. Jetzt umarmte und küßte er den General, sprach ihm herzlichen Dank für die getroffenen Anordnungen, lebhafte[217] Anerkennung für die Leistungen der Truppe und sein Bedauern über die Verwundung aus.

Der General, voll Freude über die gnädigen Äußerungen des Kronprinzen, war doch nur von dem einen brennenden Wunsch erfüllt, keinen Augenblick sein Korps zu verlassen und, ohne Rücksicht auf seine Wunde zu nehmen, das weitere Kommando zu behalten. Darum erklärte er dem Kronprinzen, daß seine Verwundung ihn nicht am Kommando hindern werde, wenn seine Königliche Hoheit nur gestatten wolle, daß er in den nächsten Tagen die Märsche zu Wagen zurücklegen dürfe, solange er durch den Blutverlust noch zu matt zum Reiten sei.

Bereitwillig ging der Kronprinz auf diesen Wunsch ein, und der General folgte am 5. im Wagen den Truppen, die am Abend bei Preuschdorf im Biwak längs des östlichen Talrandes des Sauerbachs Vorposten ausgestellt hatten. Das II. bayerische Armeekorps bildete den rechten Flügel bei Lembach, und das XI. Armeekorps mit der 21. Division und der Korpsartillerie stand zu beiden Seiten der Straße Sulz-Hagenau. Es war schon während des Marsches festgestellt worden, daß ein starker Feind der verschiedensten Waffen rechts der Sauer auf den Höhen Stellung genommen habe. Der General bestimmte jedoch, daß wegen der vorgerückten Tageszeit und Ermüdung der Truppen von einem Versuch, Wörth noch an diesem Tage zu nehmen, abzusehen sei.

Eine dunkle, wetterschwere Nacht zog auf, der Regen floß in Strömen und der Sturm heulte. Trotzdem entwickelten sich zwischen den beiderseitigen Patrouillen und Vorposten kleine Plänkeleien, die allmählich einen immer ernsteren Charakter annahmen und gegen Morgen so heftig wurden, daß der General seinen Stabschef hinsandte, der jedoch der Sache noch keine Wichtigkeit beilegte.

Das anfängliche Rekognoszierungsgefecht wurde jedoch sehr bald von dem Gegner mit weiteren und größeren Demonstrationen erwidert. Es gestaltete sich aber noch hartnäckiger, als die Avantgarde des XI. Armeekorps eingriff und die 4. Division des II. bayerischen Korps vorging, obgleich vom V. Armeekorps das Gefecht bei Wörth abgebrochen war. Unter diesen Umständen ließ der General von Schmidt die Artillerie zum Gefecht vorziehen und nach 9 Uhr alarmieren. General von Kirchbach stimmte den Maßnahmen völlig bei und traf, trotz seiner Wunde, sogleich auf dem Gefechtsfelde ein, wo er die Leitung seiner Truppen übernahm. Die beiden Nachbarkorps wurden benachrichtigt, daß General von Kirchbach die ihm gegenüberliegende Stellung angreife.

Die Antwort des Generals von Bose lautete, daß er, nach der Armeedisposition, nur bis an die Sauer vorrücken könne, und General[218] von Hartmann wies auf den eben erhaltenen Befehl, das Gefecht abzubrechen, hin. Unterdessen donnerten die Kanonen des V. Korps bei Wörth, eingeleitet von zehn Batterien, die auf dem Abhang etwa zwölfhundert Schritt östlich von Wörth aufgefahren waren und von drei Batterien auf dem linken Flügel sehr bald verstärkt wurden. Während diese gewaltige Schlachtmusik den Waffentanz eröffnete, setzten sich die übrigen Truppen des V. Korps in Gefechtsbereitschaft bei Dieffenbach.

Die Artillerie des V. Korps zeigte der feindlichen gegenüber eine entschiedene Überlegenheit, dagegen hatten die Franzosen alle Geländevorteile für sich. Sie saßen eingenistet in Weinbergen, Wald und Hopfenpflanzungen, in der Front von der Sauer, deren Brücken zerstört waren, gedeckt. So stand denn die gewaltige Macht Mac Mahons in gesicherter Stellung den Kämpfenden gegenüber.

Das Fernglas in der Hand, stand der General hinter einem Baum an der Chaussee nach Wörth bei seiner Artillerie und beobachtete scharfen Auges die Entwicklung des Gefechts. Ein Kampf, wie er ihn wohl nie schwerer durchgerungen, stürmte durch seine Seele. Jede Fiber seines Denkens und Wollens arbeitete in angespannter Kraft, um alle nötigen Erwägungen zu ziehen, denn er war gezwungen, einen folgenschweren Entschluß auf eigene Verantwortung zu fassen und durchzuführen. Das persönliche Ich mit den Folgen, die er möglicherweise auf sein Haupt herabziehen konnte, galt ihm ganz gleich, hier konnten nur große Gesichtspunkte entscheiden und das für und Wider mußte streng gegeneinander abgewogen werden.

Der General wußte, daß das Oberkommando für heute keinen Kampf, sondern nur eine Frontveränderung beabsichtigte. Als der Kronprinz am Morgen den Kanonendonner von Wörth vernommen, hatte er seinen Major vom Generalstabe hingesandt, um sich Bericht erstatten zu lassen. Wie er nun von dem Vorrücken der Bayern, von der Alarmierung des V. Korps und der Vorbeorderung seiner Artillerie gehört, hatte der Hohe Herr, der nur mit versammelten Kräften schlagen wollte, dem General den Befehl gesandt, den Kampf nicht aufzunehmen und alles zu vermeiden, was einen neuen herbeiführen konnte.

So lautete die strikte Weisung seines Oberkommandierenden, nach welcher der General zu handeln hatte. Dem gegenüber stand die kritische Gefechtslage, die zum Vorwärtsgehen drängte. Irrtümlich war der erwähnte Befehl des Kronprinzen auch an das bayerische Korps gelangt und hatte das Abbrechen des Gefechts, sowie den Rückmarsch des Korps zur Folge gehabt. Somit konnte auf eine wirksame Hilfe dieses Korps in nächster Zeit noch nicht gerechnet werden.[219]

Ebenso schwierig lagen die Verhältnisse auf dem linken Flügel, wo die Avantgarde des XI. Korps in erschütterter Verfassung bis an die Sauer, zum Teil sogar hinter den Bach zurückgeworfen war.

Dem V. Korps war es zwar gelungen, die feindliche Artillerie teilweise zum Schweigen zu bringen und auf dem jenseitigen Sauerufer festen Fuß zu fassen, aber einen Frontalangriff gegen die starke und gut verteidigte Stellung des Gegners auf den jenseitigen Höhen zu versuchen, erschien äußerst gewagt, und diese Schwierigkeit war im bisherigen Gefechtsverlauf immer deutlicher hervorgetreten.

Aus den Aufzeichnungen, die Graf Kirchbach über den Tag von Wörth gemacht hat, möchte ich über die Augenblicke, wo er den Entschluß faßte, die Schlacht weiter aufzunehmen, wörtlich seine Niederschrift wiederholen.

»Ich stieg auf der Chaussee aus und begab mich hinter die große Artilleriestellung etwa 1500 Schritt östlich Wörth und beobachtete und dirigierte die Schlacht von der Chaussee aus, hinter einem Baum stehend. Ein großartiges Schauspiel war dieser Geschützkampf! Ich muß gestehen, daß es hier einen Augenblick gab, wo ich der ganzen Energie meines Charakters bedurfte, um mit dem Bewußtsein: ›Führ du den Kampf nicht glücklich zu Ende, so steht dir eine kriegsgerichtliche Untersuchung bevor,‹ doch an dem Entschluß festzuhalten, weiter zu schlagen, obgleich das II. bayerische Korps mir sagen ließ, sie brächen auf Befehl des Oberkommandos das Gesecht ab und das XI. Korps dürfte nur mit der Avantgarde bis an die Sauer vorgehen. – Trotz alledem wurde weiter vorgegangen, und dies Umfassen der feindlichen Flügel hat die glorreiche Schlacht von Wörth herbeigeführt.

Das Abbrechen des Gefechts wäre für das V. Korps ein leichtes gewesen, da in bezug auf die diesseitige formidable Artillerieaufstellung ein Nachfolgen des Feindes über die Sauer wohl unmöglich war. Dagegen erschien es mir, der öffentlichen Meinung gegenüber, ebenso unmöglich, da die Franzosen jedenfalls diesen Angriff als einen abgeschlagenen und somit als großen Sieg proklamiert haben würden. Aber auch abgesehen davon, so hätte es auch auf die diesseitigen Truppen einen sehr ungünstigen Eindruck gemacht. Wenngleich ich nun im allgemeinen wußte, daß Mac Mahon uns gegenüberstand, so war uns doch herzlich wenig über seine wahre Stärke bekannt. Erst jetzt wissen wir, daß er außer seinen vier Divisionen noch die 1. Division des VII. Korps Douay bei sich hatte und am folgenden Tage noch zwei Divisionen des V. Korps (Failly) mit sich vereinigt haben konnte. Was hätten diese 88 französischen Bataillone in der vortrefflichen Stellung für Widerstand leisten können!«[220]

So hatte nun General von Kirchbach seinen Entschluß gefaßt, gab den Befehl zu erneuertem Vorgehen, meldete es dem Oberkommando und forderte die Nachbarkorps zur Mitwirkung auf. Wörth wurde der Brennpunkt eines verzweifelten Kampfes. Die Franzosen setzten alles daran, den Ort wiederzunehmen, und das V. Korps, ihn zu halten.

General von Bose hatte auf die Ausforderung geantwortet, daß er das V. Korps nicht im Stich lassen werde. Er ordnete das Auffahren der Korpsartillerie an und bestimmte die 22. Division zum Angriff gegen die rechte Flanke des Feindes. Das geschah mit solcher Wucht, daß die Franzosen dort in der Front zu weichen anfingen.

General von Kirchbach, der die 17. und 18. Infanteriebrigade nach Wörth herangezogen hatte, ließ sie nach Elsaßhausen vorgehen. Die 18. Brigade nahm diese hartnäckig verteidigte Stellung mit großer Bravour. Um 1 Uhr waren alle Truppen des V. Korps außer der Reserve im Gefecht.

Se. Königliche Hoheit der Kronprinz traf zu dieser Zeit auf den Höhen von Wörth ein und übernahm persönlich die Leitung des so glücklich eingeleiteten Kampfes.

Um 14 Uhr ließ General von Kirchbach seine letzten Reserven vorgehen und gab den Befehl zum allgemeinen Angriff. Das zweite Hauptmoment des Tages, die Eroberung der ersten Bergterrassen durch das V. Armeekorps, trat ein. Um 2 Uhr hatte die Schlacht ihren Höhepunkt erreicht, Freund und Feind kämpfte in verzweifeltem Ringen, um den Gegner zum Weichen zu bringen, als der bereits verwundete General von Bose an der Spitze des XI. Korps an dem westlichen Waldsaum erschien. Gleich darauf zum zweitenmal verwundet, konnte der General nur noch seine Truppen an sich vorbei auf den Feind stürmen sehen. Gleichzeitig drang auch das V. Korps vor, der Feind wich und gab das brennende Elsaßhausen auf.

Im Verein mit dem XI. Korps und der württembergischen Brigade begann nun der Sturm auf Fröschweiler, den letzten Stützpunkt der Franzosen. Eine gewaltige französische Kavalleriemasse, gefolgt von einer Zuavenbrigade, stürzte sich mit dem Mut der Verzweiflung in das vernichtende Feuer der aufgelösten Linien des V. und XI. Korps und der Württemberger, doch vermochten sie nur auf kurze Zeit den Vorstoß aufzuhalten. Er wurde wieder aufgenommen, und im Anschluß an die bayerische Infanteriedivision ging es zum Sturm. Von 3 bis 41/2 Uhr dauerte die Entscheidungsstunde, dann war auch Fröschweiler den Franzosen entrissen und ihre Niederlage eine völlige. In wilder Auflösung jagte das geschlagene Heer durch die Vogesen bis nach Châlons und[221] Paris, und mit ihm Mac Mahon, der erste Marschall Frankreichs. Erst in Sedan sollten die Gegner sich wiederfinden. Der Siegestag von Wörth mit seinen weitgreifenden Folgen ist hauptsächlich der Entschlossenheit Kirchbachs zu danken, dem zähen Willen seines opferstarken Korps und der aus freier Entschließung hervorgegangenen Unterstützung des Korps von Bose sowie dem rechtzeitigen Eingreifen der Bayern.

Über den Abend des 6. August will ich wörtlich wiedergeben, was ich in den Aufzeichnungen des Grafen darüber fand: »In Fröschweiler traf ich den schwer verwundeten französischen Divisionsgeneral Raoult. Eine Kugel hatte ihm den Oberschenkel zerschmettert, er lag im Dorf auf einer ausgehobenen Tür. Ich sagte ihm einige Worte der Teilnahme und erwähnte, daß die Franzosen sich sehr tapfer geschlagen hatten. Er dankte mir und meinte, sie hätten wohl gewußt, daß sie gegen eine ausgezeichnete Armee Krieg führten, aber daß die preußische Armee so vortrefflich sei, sich so brav schlagen würde, wäre ihnen doch überraschend. Nachdem ich mit Tann die weitere Verfolgung des Feindes besprochen hatte, befahl ich das Sammeln beider Divisionen auf nebeneinander liegenden Biwaks hart an der Chaussee östlich Fröschweiler.

Als ich bei der 10. Division eintraf, kam der Kronprinz mit seiner Suite, sprang vom Pferde, küßte mich und dankte mir in den herzlichsten Worten für meine und für die Leistungen des V. Korps. Unter anderem sagte der Hohe Herr, er wüßte eigentlich nicht, zu welcher Auszeichnung er mich Sr. Majestät noch vorschlagen solle. Bei dem weiteren Gespräch erzählte der Kronprinz, er habe dem Könige wörtlich telegraphiert, was ich ihm durch den Rittmeister von der Lancken hätte melden lassen.

Jener Rittmeister war nämlich um 11/2 Uhr vom großen Hauptquartier gekommen, sich – behufs Meldung an den Kronprinzen – über den Stand der Schlacht zu orientieren. Nachdem ich dem Rittmeister die momentane gegenseitige Lage, die von meinem Standpunkt aus vortrefflich zu übersehen war, gezeigt hatte, sagte ich ihm: ›Nun melden Sie dem Kronprinzen, daß ich schon seit etwa einer halben Stunde dem Marschall Mac Mahon glückliche Reise gewünscht hätte.‹

Als die Truppen sich einigermaßen gesammelt und Gewißheit über die volle Flucht des Feindes gewonnen hatten, suchte ich meinen Wagen auf, der mir, ohne daß ich ihm Befehl gegeben hatte, über Wörth auf Fröschweiler gefolgt war, um in mein Quartier nach Preuschdorf zurückzukehren. Fröschweiler und die umliegenden Ortschaften waren derart mit Verwundeten überfüllt, daß mein Unterkommen in der Nähe der Biwaks nicht möglich war. Auf meiner Rückfahrt fuhr ich bei einer[222] Menge leicht Verwundeter vorbei, die nach Sulz dirigiert wurden, dann aber auch bei einem großen Transport französischer Gefangener – wohl 4000 Mann –, eskortiert von einer Kompagnie der 10. Division.

Man hatte meine Annäherung bemerkt, ließ die Gefangenen über die Chaussee treten, worauf ich unter lautem Hurraruf der Eskorte, ein Hurra, in das auch Franzosen einstimmten, den Transport passierte, der die Kopfbedeckung abnahm.

Gegen 71/2 Uhr abends traf ich in Preuschdorf ein, verhungert und verdurstet, denn erst nach der Schlacht gab mir ein Grenadier des Königsregiments einen Schluck Wein aus seiner Flasche und einen Bissen Brot. Aber ich kann versichern, daß, obgleich ich die ganze Zeit zu Fuß gewesen bin, ich bei der Aufregung des Tages erst Hunger und Durst in Fröschweiler verspürte.

Am Spätabend war ich mit einem Teil des Stabes in glücklich heiterer Stimmung am gastlichen Tische des Preuschdorfer Pastors vereinigt. Ernste und heitere Worte gingen hin und her, und so wurde schon an diesem Abend dem Pastor versichert, es könne nicht fehlen, daß wir beim Frieden wohl jedenfalls den Elsaß zurückfordern würden. Noch wußte er nicht, ob er sich über diesen Gedanken freuen sollte, obgleich er voll davon war, daß das Kaisertum unablässig und mit großem Erfolg daran arbeite, das deutsche Element in Elsaß auszurotten und es französisch-katholisch zu machen. Nach dem Abendessen verband mein vortrefflicher Generalarzt Dr. Chalons meine Wunde, die infolge der Erregungen und Anstrengungen des Tages ziemlich stark geblutet hatte. Ich schlief aber vortrefflich.«


Am 8. August geschah der Vormarsch ins offene feindliche Land. Am 17. erreichte das V. Armeekorps die Mosel und am 19. die Maas. In diesen Tagen war es, daß der General seine Ernennung zum General der Infanterie erhielt mit einem Schreiben folgenden Inhalts: »Ich habe den Generalleutnant von Kirchbach, Kommandierenden General des V. Korps, zum General der Infanterie mit Patent vom 4. August, dem Tage des Gefechts von Weißenburg, befördert, wovon das Oberkommando hiermit in Kenntnis gesetzt wird.

gez. Wilhelm.«


Seine Königliche Hoheit der Kronprinz hatte unter die Abschrift dieser Kabinettsorder höchsteigenhändig gesetzt: »Mit meinem aufrichtigen Glückwunsch zu Ihrer wohlverdienten Beförderung zum General der Infanterie verbinde ich noch die Mitteilung, daß Seine Majestät der König mir in einem heute erhaltenen Briefe ganz besonders anbefiehlt, unsern braven Truppen seinen Dank für ihre außerordentliche Tapferkeit auszusprechen.[223] Wollen Sie dafür sorgen, daß Offiziere und Mannschaften sogleich davon Kenntnis erhalten. In dankbarer Anhänglichkeit und Bewunderung

H.-Qu. Saarburg,

13. August 1870.

Ihr wohlgeneigter

Friedrich Wilhelm Kronprinz,

General der Infanterie, Oberbefelshaber

der III. Armee.«


Das Korps Kirchbach befand sich nun im weiteren Vormarsch nach Westen. Am 27. August jedoch – infolge Moltkes Entschluß, den Rechtsabmarsch anzutreten – schwenkte es in nördlicher Richtung ab. Zu dieser Zeit erschien der General zum ersten Male nach Weißenburg, also drei Wochen nachher, vor der Front zu Pferde. Ein Beweis dafür, daß seine Verwundung keine leichte gewesen. Zwei Tage darauf, als der General in Grand Pré eintraf, erfuhr er, daß der König sein Hauptquartier dort habe, und meldete sich bei Seiner Majestät. In seinen Aufzeichnungen schreibt der Graf darüber: »Seit dem Ausbruch des Krieges sah ich den König hier zum ersten Male. Er umarmte mich und küßte mich auf beide Wangen, dabei sprach er mir in den herzlichsten Worten seine Anerkennung und seinen Dank für meine und meines Korps Leistungen aus. Während meiner Meldung hörte man anrückende Musik, es war ein Bataillon Königs-Grenadierregiments Nr. 7, das zur Bewachung des Hauptquartiers nach Grand Pré kommandiert war und eben einrückte. Der König ging hinaus und ließ es vorbeimarschieren. Da mein Stab sich vor dem Hause des Königs versammelt hatte, wurde den Herren die Ehre zuteil, von mir Seiner Majestät einzeln vorgestellt zu werden. Bei dieser Gelegenheit hatte der König wieder die herzlichsten Worte der Anerkennung für das Korps, und zwar meinte er, wären diese großen Resultate des V. Korps nicht nur der vortrefflichen Führung des Kommandierenden Generals und der Tapferkeit der Truppe zu danken, sondern auch der ausgezeichneten Pflichterfüllung eines jeden. ›Daran‹, so schloß der König, ›haben Sie, meine Herren, den vollsten Anteil, und das aussprechen zu können, gereicht mir zur angenehmen Befriedigung.‹«

Inzwischen näherten sich die Truppen mehr und mehr dem Feinde, erneute Zusammenstöße konnten jeden Tag stattfinden. An der Schlacht bei Beaumont am 30. August nahm das Korps nur im Rahmen des Ganzen teil, aber zwei Tage später in der Schlacht bei Sedan war es auf das ruhmwürdigste selbst tätig dabei.

Der III. Armee war die Aufgabe zugefallen, dem Feinde den letzten Ausweg zu versperren. In früher Morgenstunde des 1. September begann der Vormarsch. General Kirchbach befand sich bei der Vorhut. Sedan wurde in weitem Bogen umschritten, und die beiden Korps V.[224] und XI. waren, dem nördlichen Bogen der Maas folgend, gegen Sedan eingeschwenkt. Beim weiteren Vorgehen stieß zuerst das XI. Korps auf den Gegner, und bald feuerten die vereinigten Artillerien beider Korps von den Höhen zwischen Floing und Illy.

Besonders schwer war der Stand des XI. Korps bei Floing, daher stellte ihm General Kirchbach Teile seines Korps zur Verfügung, und als Generalleutnant von Gersdorf, der tapfere Führer des Korps fiel, übernahm er selbst das Kommando auch über das XI. Korps. Überall drangen die Truppen nun vor. Französische Kavallerie, die sich todesmutig opferte, warf sich mit wilder Entschlossenheit in immer neuen Attacken der Infanterie entgegen, konnte aber ihr zähes Vordringen nicht aufhalten. Schließlich wich der Feind auf der ganzen Linie. Erst vor den Toren von Sedan endigte der Kampf.

Als General Kirchbach nach der Schlacht die Verluste seiner Truppen übersah, sprach er sich darüber aus, wie glücklich er sei, daß es ihm bei dieser Führung möglich gewesen wäre, das Blut seiner Leute mehr als sonst zu schonen. Aber während sein Herz noch voll dankbarer Freude war über den Sieg und die verhältnismäßig geringen Verluste seines Korps, traf ihn ein schwerer Schicksalsschlag. Am Abend des 1. September, als der General mit seinen Offizieren zu St. Menges bei der mageren Abendmahlzeit saß, brachte einer der Adjutanten, der zum Gardekorps geschickt war, die Nachricht mit, daß der älteste seiner beiden, beim Garde-Füsilierregiment stehenden Söhne bei Givonne gefallen sei. Erst nach der Abendmahlzeit, als der General sich in sein Zimmer zurückgezogen hatte, gewann man es über sich, ihm die Trauerbotschaft mitzuteilen. Tief erschüttert, aber in voller Fassung und christlicher Ergebenheit nahm er sie hin.

Schlicht, ohne über den tiefen Schmerz viele Worte zu verlieren, lauten auch seine Aufzeichnungen über den traurigen Fall. Er schreibt: »Nach dem Abendessen trat mein Adjutant bei mir ein, um mir den Tod meines ältesten Sohnes Hugo vom Garde-Füsilierregiment mitzuteilen, und daß er am andern Morgen um 9 Uhr beerdigt werden sollte. Ich hatte meinen Adjutanten auf den äußersten linken Flügel geschickt. Bei diesem Ritte hatte er meinen zweiten Sohn, Günther, desselben Regiments gesprochen und von diesem die für mich so traurige Nachricht erhalten. Eine Kugel in den Kopf hinter dem rechten Ohr hatte dem jungen tapferen Leben ein plötzliches Ende gemacht.

Am anderen Morgen ritt ich 71/2 Uhr nach Givonne, um der Beerdigung meines Sohnes beizuwohnen! Fast mein ganzer Stab begleitete mich auf diesem traurigen Ritt. Im Biwak bei Givonne fand ich meinen[225] zweiten Sohn, mit dem ich nach Givonne hinabging, um noch einmal das liebe teure Antlitz meines Sohnes zu sehen, ehe er dem Schoß der Erde übergeben würde. Wir fanden ihn in einem Zimmer neben drei anderen gebliebenen Offizieren des Regiments. Er lag in einem einfachen Sarge, lang ausgestreckt, nur der rechte Unterarm war über den Körper gelegt. Sein Aussehen war so friedlich, daß mir erst mein Freund, der Generalarzt, die Versicherung geben mußte, daß er wirklich tot sei. – Ein Gebet an seiner Leiche – ein Kuß auf seine Stirn – und ich ließ den Sarg wieder schließen. Nach der sehr feierlichen Beerdigung ging ich mit meinem Sohne in sein Biwak, nahm den Koffer meines verstorbenen Sohnes in Empfang und ritt traurigen Herzens über das Schlachtfeld nach St. Menges zurück. Ich schrieb sofort nach Posen an den Generalsuperintendenten Cranz und an meine Frau, ihr den Tod unseres Ältesten mitzuteilen. Ersteren bat ich, meiner Frau ein Freund und Tröster sein zu wollen.«

In jenen Tagen erhielt der General folgendes Handschreiben des Kronprinzen. »Mein lieber Kirchbach! Ich suche seit dem Siegestage von Sedan vergeblich eine Gelegenheit, Sie zu treffen, da die gegenwärtige Art unseres Vorrückens auf Paris mich aus Rücksicht für die nachrückenden Truppen nötigt, mich nur langsam vorwärts zu bewegen. Sie sind es indes bereits gewöhnt, von mir Glückwünsche und Ausdrücke des Dankes für Siege, die Sie unter meiner obersten Führung erfochten haben, zu vernehmen. Für Sedan, wo Sie zwei Korps zu führen hatten, könnte ich also nichts Neues hinzufügen, wenn nicht tiefe Trauer sich unzertrennlich an jenen Siegestag für Ihr Vaterherz knüpfte. Ich will Ihnen also nur sagen, daß ich mit Ihnen um den Sohn trauere, der sein junges Leben für die heiligste Sache unseres Vaterlandes opfern mußte! Sein Name bleibt unter denen der Helden des Krieges verzeichnet, sein Andenken bleibt uns unvergeßlich. Nichts aber kann dem blutenden Vaterherzen den Schmerz ersetzen, den Gott ihm auferlegte! – Aus Erfahrung weiß ich, was das sagen will, und darum drängte es mich, Ihnen mein treuestes Mitgefühl auszudrücken! Auf Wiedersehn vor Paris.

Ihr aufrichtig wohlgeneigter

Friedrich Wilhelm,

General der Infanterie,

Oberbefehlshaber der III. Armee.«


Der Brief, den ich wörtlich wiedergebe, zeigt nicht nur, in welchem hohen Ansehen der General Kirchbach bei seinem Oberbefehlshaber stand, sondern er läßt auch zugleich einen tiefen Blick in das Herz des Kronprinzen tun, einen Blick, der die Liebe und Verehrung für den uns so früh Entrissenen immer inniger vertieft.[226]

Das V. Korps hatte den Auftrag erhalten, am 18. September die Seine zu überschreiten. Die Avantgarde wurde in ein Gefecht verwickelt, aber trotzdem ging der Brückenschlag bei Villeneuve ohne sonderliche Störung vor sich. Der Feind rückte schleunigst nördlich auf Paris ab, die Truppen übernahmen die Sicherung der Brücke und bezogen bei Villeneuve enge Kantonnements.

Man war völlig darauf gefaßt, daß die zur Verteidigung der französischen Hauptstadt versammelten feindlichen Streitkräfte versuchen würden, die Umschließung von Paris zu hindern, und daß man daher zu gleicher Zeit marschieren und kämpfen müsse. Doch der Feind zeigte nicht die nötige Energie, und in Paris erkannte man wohl erst zu spät die Umklammerung der Hauptstadt. Das V. Armeekorps, das an der Spitze der deutschen Truppen marschierte, vermochte daher ohne besondere Verluste in die ihm befohlene Zernierungslinie einzutreten, die vom Park von Meudon bis Bougival und an der Südspitze des zweiten westlichen Seinebogens entlang ging, dadurch Versailles von Paris abschneidend. Mit klingendem Spiel hielten die Truppen ihren Einmarsch in Versailles, angestaunt von den Bewohnern, die zusammenströmten. Auf der Place d'Armes vor dem Schlosse Ludwigs XVI. ließ General Kirchbach seine Truppen an sich vorbeimarschieren, und am 21. September nahm er mit seinen Generalstabsoffizieren Quartier in der Dienstwohnung des französischen Divisionsgenerals Grafen Clerambault. An demselben Tage hielt auch der Kronprinz seinen Einzug in die Bourbonenstadt, und am 5. Oktober der König. Während vier Monate fiel nun dem General Kirchbach die Aufgabe zu, die Bedeckung des Königs und des Kronprinzen zu bilden. Es gelang dem umsichtigen Korpsführer, den Feind so fern zu halten, daß die beiden Hauptquartiere nie alarmiert wurden. Am 26. September und 17. Oktober fanden zwei militärische Festlichkeiten in Versailles statt, die Verteilung der Eisernen Kreuze an die Mannschaften des V. Korps durch des Kronprinzen eigene Hand. – Der Mont Valerien sandte täglich seine feurigen Grüße, und seine Granaten entzündeten auch das reizende St. Cloud. General Kirchbach eilte sofort zur Brandstätte, wo er Anordnungen traf, soviel wie möglich von den Kunstschätzen zu retten. Da keinerlei Löschvorrichtungen im Schlosse waren, gelang es trotz aller Bemühungen nicht, dem Feuer Einhalt zu tun. Ein herrliches Bild der Königin Luise, das im Treppenflur hing, versuchte General Kirchbach dem Feuer zu entreißen. Aber als die Leitern eben angelegt waren, um das Kunstwerk zu retten, schlugen Rauch und Flammen den beherzt Vordringenden mit solcher Macht entgegen, daß jeder weitere Versuch, vorwärts zu kommen, aufgegeben werden mußte.[227]

Dieser alte Lustsitz der französischen Könige und Napoleoniden wurde dabei dauernd von der Besatzung des Mont Valerien mit Granaten beschossen. So stand denn das prächtige Bauwerk bald in seiner ganzen Ausdehnung in Flammen, die Kunstgegenstände und derjenige Teil der Bibliothek, der gerettet werden konnte, wurden in der Mairie von Versailles aufbewahrt und teilweise vom König an einzelne Persönlichkeiten verschenkt. Das Regiment 58 hatte eine Statuette Heinrichs IV. zu Pferde im Schutt von St. Cloud gefunden und machte es sich zur Ehre, diese seinem Kommandierenden General zum Andenken zu überreichen. Als die engere Zernierung von Paris eintrat, rückte das V. Armeekorps am 11. Oktober in die Linie von der Laterne im Park von St. Cloud bis Bougival. Es hatte somit den Mont Valerien und einen Teil der Westseite von Paris unter Beobachtung. Für den 21. Oktober hatte der König den General Kirchbach mit dem Offizierkorps seines Königs-Grenadierregiments zum Diner eingeladen, als am Morgen desselben Tages Bougival außergewöhnlich stark beschossen wurde. Gegen 2 Uhr ging auch die Meldung ein, daß der Feind einen starken Vorstoß beabsichtige, und die Vorposten des Generals Sandrart angegriffen seien. Kirchbach ließ sofort die Hauptreserve der 10. Division, das Königs-Grenadierregiment und Regiment 46, alarmieren, sowie von der 10. Division die 19. Infanteriebrigade, eine Schwadron Dragoner und eine Batterie, dann sandte er dem König darüber Meldung mit dem Bemerken, daß er nicht rechtzeitig zum Diner erscheinen könne.

In huldvoller Güte befahl Se. Majestät, das Essen solle so lange aufgehoben werden, bis der General und das Regiment nach Versailles zurückgekehrt sein würden. Sobald die 9. Division vorrückte, begann der Mont Valerien eine furchtbare Kanonade, und um 3 Uhr ging die französische Infanterie zum Angriff über; General Kirchbach, der sich vom Observatorium aus von den Verhältnissen überzeugte, hatte seine Stelle nördlich von dem Kiosk der Kaiserin genommen. Dieser Kiosk, der auf der Pariser Weltausstellung gewesen, war dann vom Sultan der Kaiserin geschenkt worden, sein buntfarbiger Holzbau im maurischen Stil hob sich grell aus der Parkumgebung heraus. Granaten und Gewehrkugeln machten den Platz sehr unsicher, aber da sich keine bessere Stellung bot, um das Gefecht zu beobachten, blieb der General dort, bis um 5 Uhr die rückgängigen Bewegungen der Franzosen anfingen und gleich darauf der König seinen Flügeladjutanten mit der Bestellung hinsandte, daß das Diner bei Majestät erst um 7 Uhr stattfinden würde, und daß die Herren alle in demselben Anzug erscheinen sollten, in dem sie im Gefecht gewesen seien.[228]

So geschah es auch!

Wörtlich will ich nun aus den Aufzeichnungen des Grafen Kirchbach wiedergeben, was er noch von diesem Tage und dem Aufenthalt in Versailles schrieb.

Es heißt in den Blättern: »Als wir versammelt waren, erschien der König, und ich machte ihm Meldung über das Vorgefallene sowie über die gehabten Verluste. Ich konnte ihm auch zugleich die französischen Dispositionen zu diesem Ausfall übergeben, die bei einem gefallenen französischen Offizier gefunden waren. Dies Ausfallgefecht hatte bei den Franzosen wohl nur den Zweck, die neuformierten jungen Truppen an das Feuer zu gewöhnen. Der König war sehr gnädig, gratulierte mir zu dem siegreichen Ausgange des Gefechts und sagte, es gewähre ihm große Freude, mir gerade am heutigen Tage, dem eines siegreichen Treffens, mitteilen zu können, daß Se. Majestät der Kaiser von Rußland ihm in Anerkennung der tapferen Taten der Armee drei Kreuze dritter und fünf Kreuze vierter Klasse des Georgenordens übersandt habe, um sie den Würdigsten zu geben. ›Natürlich‹, so schloß der Hohe Herr, ›erhalten Sie den Georgenorden dritter Klasse, der in Rußland für eine gewonnene Schlacht verliehen wird.‹ – Wir hatten einen langen und schönen Herbst, konnten daher die Tage sehr gut benutzen, um uns in unseren Stellungen immer mehr zu befestigen. Auch die Früchte, die auf den Feldern uneingeheimst blieben, suchten wir als Wintervorrat zu bergen, vor allem aber wurden die Kartoffelfelder abgesucht. Die Mannschaft sah vortrefflich aus, wohlgenährt und blühend in ihren bartumrahmten Gesichtern, aus denen volle Zufriedenheit sprach. Dankbar froh konnten sie auch sein, denn dem V. Korps war in diesem Kriege ein beneidenswertes Los zugefallen, nur siegreiche Gefechte, glänzende Schlachten und fast 5 Monate in denselben Kantonnements bei der geregelten Verpflegung. Wir waren natürlich zu beneiden, dieses herrliche Stück Land südwestlich vom Valerien von St. Germain bis zum Park von St. Cloud in militärischer Beziehung unser eigen nennen zu dürfen. Dahinter Versailles mit dem Könige, Kronprinzen und den fürstlichen Herrschaften im Mittelpunkt des kriegerischen und politischen Lebens. Hier vereinigte sich alles Wichtige und Interessante und gab hinreichenden Stoff zu unsern Abendunterhaltungen.

Versailles selbst erschien uns allen ein stiller Ort, jetzt nur durch ein reges militärisches Treiben belebt. Großartig ist das Schloß und der Park mit der davor liegenden Place d'Armes. Drei breite Alleen, von mächtigen Bäumen eingesäumt, führen von hier nach St. Cloud, Paris und Sceaux. Ein großer Hof, reich besetzt mit Statuen von Feldherren,[229] liegt vor dem Schlosse. Der Park mit seinen Wasserkünsten und Statuen, im altfranzösischen Stil gehalten, und das Schloß mit seiner Gemäldegalerie macht Versailles allein deshalb schon sehenswert.

Dennoch erscheint dies Schloß, vom Park aus gesehen, nicht imposant, da es für seine Höhe eine zu große Längenausdehnung hat. Nur wenn man von der Stadt aus darauf blickt, kommt es zur vollen Wirkung, weil es ziemlich hoch liegt und die hervorspringenden Flügel sowie die Schloßkirche dadurch in ihrer Masse kompakter erscheinen.

Sämtliche Gemälde und Skulpturen waren im Schlosse geblieben und bildeten das Ziel aller Besucher, von denen wohl keiner unbefriedigt fortging. Die ganze untere Etage war von meinem Korps zu einem Hauptfeldlazarett eingerichtet. Auch hier hin gen herrliche Bilder, und mit ängstlicher Sorgfalt wurde darüber gewacht, daß den Gemälden kein Schaden zugefügt werden konnte. Zur halben Höhe waren daher die Wände in den Stuben mit Leinewand verhangen. Wie oft habe ich durch diese Leidenszimmer beim Besuch der Kranken oder Verwundeten wandern müssen! Wie oft aber auch beim Anblick der Gemälde lächeln und die Eitelkeit der Franzosen erkennen müssen! Die Gefechtsbilder, meist aus den Kriegen Napoleons I. stammend, waren chronologisch geordnet. Jedes Kriegsjahr hatte sein bestimmtes Zimmer, und das Jahr selbst war mit großen goldenen Lettern über den Eingängen zu lesen. Die unbedeutendsten Gefechte hatte man zu Schlachten aufgebauscht und so dargestellt, auch mit diesem Namen unter dem Bilde bezeichnet.

Der Krieg von 1806/07 war durch ein Gemälde verherrlicht, an welches ich heute noch mit Unwillen denke. Es stellte den Besuch unseres Königs Friedrich Wilhelm III. und der Königin Luise bei Napoleon I. in Tilsit dar. Naturgemäß bäumt sich schon jedes Preußenherz allein bei dem Anblick solcher Situation auf, hier aber schwillt einem förmlich die Zornesader, wenn man den zynischen Ausdruck der Gesichter des Napoleonischen Gefolges sieht.

Wie gern hätte ich dieses Gemälde entfernt! Ich erfaßte die Gelegenheit, mit dem Könige über das Bild zu sprechen. Der Hohe Herr sagte, daß auch er tief ergriffen gewesen sei bei dem Anblick dieses Bildes, ich könne es ja entfernen lassen, ›aber‹, fuhr der König fort, ›es ehrt uns mehr und beschämt die Franzosen, daß, obgleich wir hier sind, doch das Gemälde an seinem Platze bleibt.‹

Da der Sohn der Königin Luise in seiner einfachen Weise imstande war, so edel zu denken, wäre es unverantwortlich gewesen, noch länger die Idee der Beseitigung zu verfolgen.[230]

Die Säle in dem oberen Teile des Schlosses enthielten Gemälde älterer Meister. Wenig gut, fast schlecht zu nennen waren darunter zwei Bildnisse Friedrichs des Großen. Meistenteils gehörten aber auch diese Räume zur Ruhmesverherrlichung der französischen Armee. Prachtvolle Gemälde von Horace Vernet aus dem afrikanischen Feldzuge füllten die Wände, während in den Ecken und ringsherum, in Marmor gemeißelt, auf Piedestalen die Statuen berühmter französischer Generale ihren Platz gefunden hatten. Stundenlang konnte man in diesen Sälen umherwandern, und wenn man sie verließ, körperlich und geistig ermüdet von dem vielen Sehen, so wurde man sich klar darüber, wie hier alles darauf hinzielte, das französische Volk zur Eitelkeit und zum Hochmut zu erziehen, oft durch Verschiebung der wahren Sachverhältnisse.

Der Park mit seinen vielen Wasserflächen, seinen schattigen Wegen forderte, obgleich in seinem mittelsten Teile im steifen französischen Geschmack angelegt, zu herrlichen Spaziergängen und -ritten auf. So manchesmal wurde, anstatt in der Schloßkirche, im Park Gottesdienst gehalten bei dem grollenden Donner des Mont Valerien.

Unser Verhältnis zu der Einwohnerschaft von Versailles war während der langen Monate unseres Dortseins ein ungetrübtes. Wir hielten natürlich gute Mannszucht, und sie hüteten sich, durch Ungezogenheit oder Exzesse die Ruhe zu stören.

Mir wurde die Ehre zuteil, daß Majestät auch einmal bei mir zu Tische war. Madame Petit, meine Hausbesitzerin, hatte mir versichert, daß sie mit ihres Hauses Ehre dafür bürge, daß alles auf das beste sein würde. So erwies sich denn auch das Diner als vortrefflich, und die dazu gekauften Weine waren ausgezeichnet. Scherzend meinte der König bei Schluß der Tafel: ›Solche Diners kann ich nicht geben.‹

Ich erwiderte: ›Majestät, wenn ich alle Tage Diners geben müßte, würde ich es auch nicht können.‹ Der König lebte übrigens sehr einfach während des Krieges; für gewöhnlich kam auf die Tafel roter und weißer Tischwein, und nur, wenn vornehme Gäste eingeladen waren, höchstens zwei Glas Champagner.

Dieser Winter soll in Frankreich ein sehr strenger gewesen sein. Am Weihnachtsabend lag Schnee und wir hatten etwa 12 Grad. Der ganze Stab war bei mir unter dem Christbaum versammelt, und die verschiedenen Geschenke, die darunter lagen, wurden verlost. Gewiß ist dieser unter so besonderen Verhältnissen verlebte Abend in unser aller Erinnerung geblieben. Recht laute Freude konnte doch nicht in unseren Herzen vorherrschen. Wenn wir wohl alle im stillen Gott gedankt, daß er uns bisher so wunderbar geleitet und beschützt hatte, so waren doch[231] die meisten von uns verheiratet und mit ihren Gedanken mehr daheim bei ihren Lieben, auch bei denen, die Gott der Herr zu sich genommen hatte in sein Reich. Am Silvesterabend war der ganze Stab versammelt und wohl in ähnlicher Stimmung, die gemildert wurde durch Besuche anderer Kameraden.

Am folgenden, dem Neujahrstage 1871, nahm der König die Gratulationen des Offizierkorps in der ›salle des glaces‹ des Schlosses in Empfang, in demselben Saale, in dem dann am 18. Januar die Proklamierung unseres Königs zum Deutschen Kaiser stattfand. Dieser wichtige und historische Akt ist so bekannt durch Schrift und Bild, daß nicht nötig ist, darüber Weiteres zu sagen als das, was mich selbst dabei betroffen hat. Der Prediger Rogge hatte die kirchliche Feier beendigt, die in der Mitte der Langseite des Schlosses stattfand, als der König sich mit dem großen Gefolge von Fürsten und Herren nach dem hinteren Teil des Saales begab, wo die Proklamation stattfinden sollte.

An beiden Seiten des Saales waren die Deputationen der Regimenter, an der Fensterseite und gegenüber an der Glaswand, die Offiziere so rangiert, daß auf dem rechten Flügel – also zunächst der Empore, die der König besteigen sollte – die ältesten Generale standen, mit ihnen auch meine Person. Als der König etwa fünf Schritt von mir entfernt war, streckte er seine rechte Hand in der Richtung nach mir hin, ohne daß ich sicher war, daß diese Handreichung mir gelten sollte. Erst auf sein Zunicken legte ich meine Rechte in die seine. Er ging weiter, während er meine Hand festhielt, so daß ich ihm, noch einige Schritt aus der Front tretend, folgen mußte. Dabei sprach der Hohe Herr kein Wort. Daß dieses Zeichen der Huld bei meiner Umgebung und bei denen, die es sahen, großen Eindruck machen mußte, war klar.

Ich wurde gefragt, ob ich vielleicht in speziellen Beziehungen zu Majestät stände, und konnte nur antworten, daß ich einer der Kommandierenden Generale sei, weiter nichts, daß ich aber selbst über dieses mir zuteil gewordene Zeichen der Gnade, gerade bei diesem Akt, tief gerührt und überrascht sei, den Grund der Auszeichnung aber nicht kenne.

Erst am Abend nach dem Diner beim Kaiser sollte ich ihn erfahren. Als der Hohe Herr beim Herumreichen des Kaffees an mich herantrat, sagte er mir: ›Ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig über mein Handeln heute früh vor der Proklamation. Wie ich Ihrer ansichtig wurde, fuhr mir der Gedanke durch die Seele, daß gerade Sie der Mann wären, der durch Weißenburg und Wörth den Grund zu dem Werk gelegt, dessen Krönung durch meine Kaiserproklamation soeben stattfinden[232] sollte. Im Gefühl meiner Anerkennung Ihrer Leistungen und meines Dankes mußte ich Ihnen die Hand reichen.‹

Das ist so ungefähr in Kürze der Inhalt dieser längeren Unterredung. Der Kronprinz, der in einiger Entfernung das Gespräch mit angehört hatte, trat an mich heran, sobald der Kaiser mich verlassen, und erkundigte sich danach, was sein Vater so lange mit mir gesprochen habe. Als ich ihm die Erklärung gegeben, sagte er: ›Ja, es war heute morgen allerdings sehr auffallend! Aber Sie haben mir auch noch nie die Hand gegeben!‹

›Kaiserliche Hoheit, das habe ich abzuwarten‹, lautete meine Antwort.

Der Kronprinz sah mich voll Herzlichkeit an. ›Nun, das können Sie schon von sich aus tun‹, meinte er, ›so, und jetzt geben Sie mir gleich die Hand.‹

Was konnte ich anders tun als gehorchen? Der Kronprinz nahm meine Hand, drückte sie fest und ging dann weiter. Es ist wohl die Frage, ob der Kaiser und der Kronprinz sich noch dieses Falles erinnern, ich kann aber sagen, daß die Feier dieses Tages und die Auszeichnungen des Kaisers einen unauslöschlichen Eindruck auf mich gemacht haben, so hoch, daß ich glaube, nur die Verleihung des Schwarzen Adlerordens hat später in mir eine noch tiefere Bewegung hervorgerufen, so tief, daß ich die betreffende Kabinettsorder nicht zu Ende lesen konnte, weil Tränen, die mir die Augen füllten, mich am Sehen hinderten. Der 18. Januar wurde uns durch die Franzosen nicht gestört, wir konnten uns ungetrübt unserer Freude, ja unserem Stolz hingeben. Dieser weltgeschichtliche Akt war das Werk der Armee, Blut und Eisen hatten ihn geschaffen, und nicht klugsprechende Federhelden. Die Armee war es, die der Kaiserproklamation das Siegel aufdrückte, und gerade meinem braven V. Korps war es vergönnt, das zu tun durch die Schlacht vor dem Mont Valérien am 19. Januar. Hätte Paris eine Ahnung gehabt von dem, was sich in Versailles am 18. Januar vollzog, dann wäre gewiß der große und letzte Ausfall der Pariser Armee schon am 18. erfolgt und hätte sehr störend gewirkt. Am 19. war abscheulich kaltes, schneeiges Schlackenwetter. Von morgens 9 Uhr an war alles auf den Beinen, zum Teil im Kampf mit den ausfallenden Franzosen vom Valérien aus. Ich fuhr zum Observatorium und überzeugte mich von der Anhäufung der Truppen vor dem Valérien, Granaten flogen dabei rechts und links. Der Infanterieangriff gegen Malmaison und das Jägerhaus war vollständig zu übersehen. Bald darauf begab ich mich auf den Alarmplatz der 10. Division, und als das Gefecht dort zum Stehen kam, nahm ich meinen Stand bei der Hospicebatterie, die soeben der Kronprinz verlassen hatte, beobachtete[233] den Angriff gegen die Höhen von Garches und die Montretout-Schanze, und als dieser geglückt war, fuhr ich zur 10. Division zurück. Da hier mit Ausnahme des Geschützkampfes alles ruhig war, fuhr ich bis Villa Sampson vor. Hier überzeugte ich mich, daß nichts mehr zu befürchten war, und gab, da es anfing zu dunkeln, den Befehl für die Truppen der 10. Division, in die Kantonnements zu rücken. Dann kehrte ich zur 9. Division zurück. Der Angriff war hier nicht recht vorwärts gegangen und die Schanze Montretout wieder in Feindes Händen, ebenso der Park von Buzanval, und hinter den Garcher Höhen standen die Franzosen in Massen. Ich sagte dem General Sandrart, die Schanze müsse noch heute genommen werden, aber von der Wegnahme des Parks wollte ich, da die Dunkelheit dich immer mehr bemerkbar machte, absehen. Sandrart erklärte mir, daß er sich nach den Anstrengungen des Tages nicht mehr kräftig genug fühle zur Wegnahme der stark besetzten Schanze, hinter welcher die Reiterei in großer Zahl stände. So beorderte ich denn von der 10. Division sofort ein Regiment herbei, das unter seinen Befehl gestellt werden sollte.

Bis zur Ankunft des Regiments blieb ich in der Batterie und konnte das interessante Schauspiel beobachten, wie die großen Granaten des Valérien über uns wegsausten und unschädlich hinter uns krepierten. Etwa um halb acht traf das 46. Regiment ein, und ich machte es dem Kommandeur zur Pflicht, unter keinen Umständen zurückzugehen, bis er nicht die Montretout-Schanze genommen hätte. Da mit Ausnahme dieser letzten Aufgabe das Gefecht verstummt war und ich nichts weiter helfen konnte, fuhr ich nach Versailles, gab aber noch vorher den Befehl, mir sofort Meldung zu senden über den Ausfall des Angriffs auf die Schanze. Der erste Teil der Schlacht war das Zurückweisen des feindlichen Angriffs gewesen, der zweite Teil der Angriff meines Korps gegen das Kleeblatt Vinoy, Bellemare, Trochu. In Versailles wimmelte es von Truppen, denn der Kronprinz hatte zu meiner etwaigen Unterstützung eine bayerische Brigade hinbeordert. Diese Anhäufung von Truppen machte die Einwohner von Versailles sehr unruhig, sie nahmen an, daß etwas Großes sich ereignen würde, ahnten aber nicht, daß eine Meile von ihnen eine entscheidende Schlacht geschlagen und der lange geplante Ausfall ausgeführt wurde. Zweckmäßig war unter allen Umständen dieses Heranziehen der bayerischen Truppen. Einer der Offiziere erklärte mir aber treuherzig beim Glase Wein, er hätte gewußt, daß sie unnütz herangezogen wären, denn das V. Korps würde seine Sache schon allein ausfechten. Es war ein spätes Diner geworden und kein heiteres, weil wir noch auf die Nachricht über Montretout warteten und sehr ermüdet[234] waren. Wie lang wurde uns die Zeit, bis endlich um 11 Uhr Major Jacobi die Meldung brachte, Montretout sei verlassen vorgefunden und wieder besetzt worden.

In Erwartung, daß der Kampf am nächsten Tage von neuem beginnen würde, legten wir uns zur Ruhe; doch fand ich selbstverständlich wenig Schlaf.

Trübe brach der nächste Morgen an. Ich erhielt die Meldung, daß der Feind nach Paris abzöge. Um mich zu überzeugen, fuhr ich sofort nach dem Tal Brezin und ging in die Vorposten, von wo aus ich das nach dem Feinde gelegene Terrain übersehen konnte. Welch ein Bild des Jammers hinter den Garcher Höhen! Wieviel tote und verwundete Franzosen lagen da! Noch im Laufe des Tages ging der Befehl des Kaisers ein, daß man die Franzosen im Absuchen des Schlachtfeldes nicht stören solle, selbst wenn sie dabei in unsern Schußbereich kämen. Im Gegenteil sollten wir ihnen hilfreich sein, indem wir ihnen ihre Toten über die Vorposten hinaus entgegentrügen, damit sie diese beerdigen könnten.«


Daß ich mich jetzt bei diesen Kriegserinnerungen, die zu jener Zeit als lebenswarme Bilder bei den Erzählungen des Grafen an meinem Geist vorüberzogen, so oft auf seine eigenen Aufzeichnungen gestützt und sie wörtlich niedergeschrieben habe, geschah nicht nur, um die wichtigen Kriegsepisoden völlig korrekt wiederzugeben, sondern vor allem, um dadurch am besten ein wahrheitsgetreues Bild der Persönlichkeit des von mir so hoch verehrten Grafen wiederzugeben. Zugleich konnte ich dabei so manches schlichte und doch so inhaltsvolle Wort in Erwähnung bringen, das wohl geeignet ist, der begeisterten Liebe für unseren greisen Heldenkaiser und seinen Hohen Sohn neue Nahrung zu geben.

Dem General Kirchbach war es vergönnt, durch den Sieg von Weißenburg den Feldzug zu beginnen und damit dem Feinde den ersten lähmenden Schlag zu versetzen. Ebenso war es ihm vergönnt, in der letzten, ebenso blutigen wie ruhmreichen Schlacht am Mont Valérien den Parisern den letzten Schimmer einer törichten Hoffnung zu nehmen.

Am 30. Januar zog der Kommandierende des V. Korps an der Spitze des Infanterieregiments 46 mit klingendem Spiel in die Feste des Mont Valérien ein. Unter jauchzendem Hurra stieg die deutsche Fahne über denselben Werken auf, die vier lange Monate mit ihren Geschützen das V. Armeekorps Tag und Nacht bedroht hatten.

Der Waffenstillstand erfolgte und darauf der Friede, doch der erschien zuerst noch nicht gesichert, denn das Korps Bourbaki, gegen welches die Generale von Manteuffel und von Werder fochten, war vom Waffenstillstand[235] ausgeschlossen. Das V. Korps wurde am 8. Februar dazu bestimmt, das XI. Korps, das in westlicher Richtung abrücken sollte, abzulösen. Als General Kirchbach sich zum Abmarsch bei dem Kaiser meldete, äußerte sich dieser wiederholt in huldvollen Anerkennungsworten und schloß damit, daß er sagte, er schicke das V. Korps der Armee des Prinzen Friedrich Karl zur Verstärkung, damit, falls es nicht zum Frieden käme, die Offensive energisch aufgenommen werden könne, in welcher dann das V. Armeekorps die Avantgarde der III. Armee gegen den Süden übernehmen müsse. »Ich weiß«, so schloß der Hohe Herr, »das V. Armeekorps läßt sich nicht schlagen.«

General von Kirchbach nebst dem Stabe befand sich bei der Hauptkolonne des Generals von Sandrart und erreichte am 15. Februar Orleans. Auch er ließ an der Reiterstatue der Jungfrau von Orleans seine Truppen an sich vorbeidefilieren. Zwei Tage darauf ging vom Oberkommando der III. Armee die Nachricht ein, daß der Waffenstillstand bis zum 22. verlängert und auf ganz Frankreich ausgedehnt sei. Der Kronprinz traf zu dieser Zeit in Orleans ein und forderte den General auf, ihn zum Prinzen Friedrich Karl zu begleiten. Die Fahrt ging bis Blois per Bahn, dann zu Wagen nach Amboise. Zum erstenmal traf hier der General mit dem Prinzen zusammen, der ihn überaus gnädig aufnahm. Am 2. März begab er sich dann auf Grund Kaiserlichen Befehls nebst drei Offizieren nach Versailles, um der Parade auf den Longchamps und dem Einzug in Paris beizuwohnen. Als der General am 4. März nach Orleans zurückkehrte, überbrachte er zugleich den Befehl für den Abmarsch des V. Korps zur Südarmee des Generals von Manteuffel.

In Dijon empfing dieser Kirchbach, der ihm jetzt unterstellt war, in liebenswürdigster Weise und sprach ihm seine Freude aus, das tapfere V. Armeekorps unter sich zu haben. Als nun Ende Mai die Marschorder einging, brachte der General von Manteuffel es wieder in seinem Armeebefehl zum Ausdruck, wie es ihm eine liebe Erinnerung bleiben würde, dieses brave Armeekorps in einer von ihm befehligten Armee gehabt zu haben und wie er von ganzem Herzen wünsche, daß es nach glorreicher Pflichterfüllung im Feldzuge jedem einzelnen wohl und glücklich in der Heimat ergehen möge.

Mit großer Wärme erzählte später Graf Kirchbach oft an jenen unvergeßlichen Sonntagen, wo wir fast ständig zusammen waren, von der hinreißenden Liebenswürdigkeit, mit der er auf dem Rückmarsch in Karlsruhe von der Großherzoglichen Familie empfangen worden war. Den Abend hatte er dann im engsten Kreise der Hohen Herrschaften auf einem unweit Karlsruhe gelegenen Landsitz zugebracht. Die Großherzogin war[236] dabei in freundlichster Weise immer wieder darauf zurückgekommen, daß Baden vorzugsweise dem V. Armeekorps für die Kämpfe von Weißenburg und Wörth zu danken habe, weil es dadurch vor einer feindlichen Invasion beschützt worden sei. Freude war es dem Grafen auch, von dem Empfang in Bayern zu berichten, wo jedermann gewußt, daß das V. Korps mit dem II. bayerischen Schulter an Schulter gekämpft hatte. Aber ganz besonders ging ihm das Herz dabei auf, wenn er von seinem lieben Posen erzählte, von dem Einzuge dort, und dabei den goldenen Lorbeerkranz zeigte, den das dankbare Posen ihm verehrt hatte.

Die Ernennung zum Chef des 46. Infanterieregiments, mit dem er in das Fort Valérien eingezogen war, und die gnädigen Worte seines Kaisers in der begleitenden Kabinettsorder waren dem Grafen selbstredend dauernd eine Quelle der Freude, denn diese Ernennung bedeutete für ihn nicht nur ein Zeichen lebhafter Anerkennung seiner Verdienste, die der Kaiser ihm zuteil werden ließ, sondern sie knüpfte auch das Band noch fester, das ihn mit den Truppen des V. Korps, insonderheit mit dem Regiment 46, verband.

Die Dotation und später der Grafentitel, die der General erhielt, waren weitere Zeichen der Huld seines Kaiserlichen Herrn, der die Verdienste seines Kommandierenden Generals in vollster Weise anerkannt und gewürdigt wissen wollte!

Quelle:
Liliencron, Adda Freifrau von: Krieg und Frieden. Erinnerungen aus dem Leben einer Offiziersfrau, Berlin 1912, S. 207-237.
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