XXI. Licht und Schatten.

[237] Wie reich und wie vielseitig gestalteten sich die Kriegserinnerungen, die die beiden alten Herren, Graf Kirchbach und mein Vater, miteinander austauschten! Dieses Gedenken und sich Vertiefen in eine gemeinsam verlebte große Zeit und die beiderseitigen neu gewonnenen ländlichen Interessen knüpften dies alte Freundschaftsband immer fester, brachten Moholz und Sproitz einander immer näher. Es sollten unsere beiden Familien aber noch viel inniger, noch viel unauflöslicher miteinander verknüpft werden.

Der einzige Sohn des Gräflich Kirchbachschen Ehepaares stand in Liegnitz bei den Königsgrenadieren, er war selbstverständlich oft bei den Eltern und auch oft in unserem Hause. Da, noch ehe wir uns richtig darüber klar waren, daß aus unserm Töchterlein, das eben eingesegnet, nun ein erwachsenes Mädchen geworden war, warb Günther von Kirchbach um unsern blonden Liebling. Sie war erst vor kurzem sechzehn[237] Jahre geworden, und wir waren mit ihr und unserer Pflegetochter im Winter auf ein paar Monate nach Berlin gegangen, um dort noch durch Stunden und Vorträge die letzte Hand an die Erziehung der beiden Mädchen zu legen. Nun kam Günther uns nachgereist, es wurde die entscheidende Frage gestellt und warf mit einem Male alle Lernpläne über den Haufen. Wir wollten im Hinblick auf die große Jugend unserer Tochter noch eine Wartezeit ausmachen, aber sie wurde nicht lange innegehalten. Im Wonnemonat Mai, da alle Knospen sprangen, da war den beiden auch das Glück aufgegangen, und zum Geburtstag des Grafen 1882 hatten wir ein strahlendes Brautpaar, an dem sich Moholz und Sproitz freuen durften.

Ich will es nicht leugnen, leicht wurde es uns nicht, meinem Manne und mir, unser junges Kind so früh fortzugeben, aber die feste Überzeugung, daß diese Liebe unserer Tochter einem Manne galt, dem wir in freudiger Zuversicht das Kind anvertrauen konnten, überwog jedes Bedenken. Hatten wir beide doch in unserer Ehe so tief den unermeßlichen Schatz erkannt, der in einer großen Herzensneigung liegt, um nicht auch unserer Tochter freudigen Herzens ein gleiches zu gönnen, wenn sie uns auch dadurch rasch entführt wurde.

Im Jahr darauf feierten wir ihre Hochzeit an einem sonnigen köstlichen Junitage. In der Dorfkirche zu See wurden sie getraut, und über Moholz ging die Rückfahrt des langen Hochzeitszuges mit seinen bänder- und blumengeschmückten Wagen durch die Ehrenpforten hindurch, die die Dorfleute ihnen erbaut hatten. Es war zugleich ein richtig patriarchalisches Fest, denn auch die Dorfleute nahmen daran teil; Schulkinder kamen am Polterabend als Archenoahpuppen, ein Lieblingsspielzeug unserer Tochter in der Kinderzeit, und die verschiedensten Geschenke wurden dem jungen Paare von Sproitz und Moholz in feierlichem Zug der Leute übergeben.

Die Räume des Hauses reichten nicht aus, daher war in einem großen Zelt die Hochzeitstafel gedeckt, umlagert von unsern Dorfleuten, die sich mitfreuten an dem Glück, dem fröhlichen Treiben, der jubelnden Musik und den Leckerbissen, die dabei auch für sie abfielen. Tags darauf, so wußten sie, war dasselbe Zelt zum Tanzplatz für das Dorf bestimmt. Die Hochzeitsglocken sollten für Sproitz nicht lange verstummen. Anderthalb Jahre später wurde in der großen Halle des Hauses die vielgeliebte Schwester meines Mannes, die verwitwete Frau von Plänkner, mit dem Freiherrn von Seckendorf getraut, dem Adjutanten Sr. Königlichen Hoheit des Prinzen Heinrich von Preußen. Wenige Monate darauf, als Wald und Heide im Herbstschmuck prangte, wie unser Pflegetöchterchen es so[238] besonders liebte, da feierte auch sie ihre Hochzeit mit dem Freiherrn von Houwald und verließ das Heim, das ihr während zehn Jahre das Elternhaus ersetzt hatte.

Für mich wurde es einsamer. Einsamer um so mehr, weil ich in dem vorhergehenden Sommer innerlich einen harten Kampf hatte durchringen müssen. Der Kreis wollte meinen Mann als Kandidaten für das Abgeordnetenhaus aufstellen, da die Herren ihn am geeignetsten dafür hielten und überzeugt waren, daß sie gerade ihn, der dort große Liebe auch bei den einfachen Leuten besaß, am leichtesten bei der Wahl durchbekommen würden. Sie baten mich dringend, meinem Mann den Entschluß, auf Monate nach Berlin zu gehen, nicht zu erschweren, sondern ihm zur Annahme des Mandats zuzureden.

Das war ein hartes Opfer, das von mir verlangt wurde, und betend habe ich mich erst hindurchgerungen, um willig ein gutes Teil von ihm, von unserem schönen Zusammenleben für den Dienst des Vaterlandes zu opfern. Für dieses geliebte Vaterland hatte ich ihn schon in drei Kriegszeiten hingeben müssen, und nun sollte es noch einmal in anderer Weise geschehen. Durch seine königstreuen Gesinnungen und die oft fortreißende Beredsamkeit, die ihm zu Gebote stand, sollte er im Abgeordnetenhause seinem Vaterlande dienen. Mich dünkte, daß ich aus den Verhältnissen, die mich umgaben, als meine persönliche Pflicht herauslesen mußte, daß ich nicht selbstsüchtig an mich, sondern an das große Ganze denken sollte und dem Herzenswunsch, meinen Mann ganz in Sproitz zu behalten, nicht nachgeben durfte. Eins wußte ich ja doch, mein blieb er mit seiner großen, mich so verwöhnenden Liebe, ob wir tagtäglich zusammen waren oder ob andauernde Trennungszeiten sich dazwischen schoben. Doch will ich es gestehen, so klein war ich, daß ich heimlich hoffte, mein Mann würde bei der Wahl vielleicht nicht durchkommen, und daß ich die Tränen nicht ganz zurückhalten konnte, die mir in die Augen schossen, als sie mir verkündigten, mein Mann sei mit großer Stimmenmehrheit gewählt. Nun galt es, sich darein zu finden und nicht den Kopf hängen zu lassen. Als die Novemberstürme kamen, fuhr ich als stellvertretende Herrin von Sproitz vor- oder nachmittags durch den Wald oder über die Felder, um nach der Arbeit zu sehen. Jetzt waren mir nicht nur die Zügel unserer jungen Pferde in die Hand gelegt, sondern mein Mann hatte seinem weiblichen Kameraden auch die Regierungszügel auf dem Gut für Monate übergeben. Mir hätte bang sein können, wenn ich nicht unsern erfahrenen Inspektor zur Seite gehabt und mit meinem Manne nicht bis dahin alle landwirtschaftlichen Interessen geteilt hätte. Durch diese Stütze und Vorarbeit fand ich mich[239] in der Außenwirtschaft wie in den Büchern schneller zurecht, als ich gedacht, und hatte Freude an dem Schaffen. Mir blieb dabei noch Zeit genug für meine vielgeliebten schriftstellerischen Arbeiten und für das Dorf. Da stellten sich zu der Zeit noch besondere Aufgaben heraus. Der Schullehrer war erkrankt, für verschiedene Stunden kein Ersatz zu schaffen; so war es denn für mich ein besonderes Vergnügen, einspringen zu können und als Lehrerin in der Dorfschule meines Amtes zu walten. War das ein eifriges Lehren und Lernen! Auf meine Jungens war ich aber viel stolzer wie auf meine Mädchen, denn diese angehenden Herren der Schöpfung zeigten sich viel mehr mit Leib und Seele bei dem Unterricht interessiert als das zarte Geschlecht. Geographie und Geschichte war mein Fach, und glühend heiße Backen schafften wir uns dabei an, die Jungens und ich, wenn ich ihnen meine Weisheit beizubringen suchte. Im Frühjahr versammelten sich dann die Schulräte und Honoratioren des Dorfes in der Schule und ich mußte meine Jungens und Mädels vor ihnen examinieren. Ich glaube, Lehrerin und Schüler hatten in der gemeinsamen Sorge, wie wir bestehen würden, Herzklopfen. Aber wir gingen glänzend aus der Prüfung hervor, denn die Kinder verfehlten keine Fragen. Bei den Mädels machte ich es glimpflich, auf die Jungens aber, das wußte ich, konnte ich mich verlassen, die hatten gar nicht genug des Lernens bekommen können und machten mir alle Ehre. Richtig stolz waren wir auf unser trefflich bestandenes Examen und ganz außerordentliches Vergnügen haben wir an den Stunden gehabt.

Im Hause ging es behaglich und fröhlich zu. Meine lieben Eltern und meine Schwiegermutter waren noch da, und die mochten es besonders gern, wenn ich ihnen bei der gemütlichen Nachmittagskaffeestunde von allen kleinen Erlebnissen in Dorf und Ställen, auf den Fahrten oder Wanderungen erzählte. Nach dem Abendbrot wechselten mein Vater und ich uns im Vorlesen ab, und wenn um 10 Uhr die alten Herrschaften zur Ruhe gegangen waren, konnte ich noch ungestört eine Weile für mich arbeiten. Täglich wechselten mein Mann und ich Briefe, und meist pflegte er während der Winterkampagne im Abgeordnetenhause Sonnabend und Sonntag in Sproitz zu sein. Einmal im Winter besuchte ich ihn auch auf acht bis vierzehn Tage in Berlin. Wie haben wir da miteinander die Zeit ausgenutzt und genossen! Wir waren vergnügt wie Ferienkinder. Dabei bot uns der Aufenthalt in dem uns befreundeten Hause des Freiherrn von Lipperheide viel Interessantes. Bei diesem kunstsinnigen Ehepaar fanden sich die ersten Größen im Kunstleben zusammen. Wildenbruch, Richard Voß, Begas und noch verschiedene andere Schriftsteller und Künstler verkehrten dort viel. Das waren alles Persönlichkeiten,[240] deren nähere Bekanntschaft gemacht zu haben, mir noch heute eine liebe und interessante Erinnerung ist.

Zu mancher Zeit wäre ich gern an mehreren Orten zugleich gewesen, in Sproitz, in Berlin und bei der verheirateten Tochter und Pflegetochter. Sehr stolz kam ich mir vor, als der erste Schein der Großmutter würde über mir aufging. Ein Jahr nach der Hochzeit meiner Molly, der jungen Frau von Houwald, war ich bei ihr zur Pflege, und tauften wir dort in der Dorfkirche froh und dankbar ihren ersten Sohn. Ein halbes Jahr später war ich wirklich Großmutter. Am Geburtstag meiner Schwiegermutter konnte ich glückselig nach Sproitz telegraphieren: »Ein gesunder, junger Weltbürger gratuliert der Urgroßmutter.«

Vom Moholzer und Sproitzer Hause wehten die Fahnen und verkündeten schon aus der Ferne meinem Manne, der zum Geburtstag seiner Mutter aus Berlin kam, die Freudenbotschaft.

Die beiden alten Waffengefährten, Großvater und Urgroßvater, standen Pate bei unserem geliebten Hans Hugo, dem jungen Täufling. In Posen, wo mein Schwiegersohn »Adjutant beim Generalkommando«, war die Taufe. Was für Erinnerungen knüpften sich für uns alle an diesen Ort! Viele Jahre seines Lebens hatte Graf Kirchbach hier zugebracht, von hier aus hatte er sein Korps zum Kriege und zum Siege geführt, hier hatte er sich dann in der folgenden Friedenszeit mit meinem Vater wieder zusammengefunden, und hier war auch unser siebenjähriges Töchterlein zum ersten Male ihrem jetzigen Mann begegnet. Wie oft haben wir später über die Begrüßung auf der Treppe des Gouvernementsgebäudes gescherzt. Ganz artig hatte sie dem fremden jungen Offizier, der sie anredete, ihren Knicks gemacht. Als der nun aber auch ihre Hand haben wollte, hatte sie schüchtern den Blondkopf geschüttelt, hatte noch einmal geknickst und war dann entschlüpft.

»Dafür werde ich mich rächen«, hatte damals der junge Kirchbach lachend meinem Manne erklärt, »heute hat mir Ihre Tochter die Hand geweigert, aber nehmen werde ich sie mir doch noch einmal.« Zehn Jahre später war aus dem Scherz Ernst geworden, und heute dankte das glückliche Elternpaar Gott für das teure Pfand seiner Gnade, das er ihnen in dem Sohne anvertraut hatte.

Im Sommer kamen die jungen Paare mit ihren Söhnen zu uns. Das war schöne Zeit, Großeltern und Urgroßeltern freuten sich daran.

Einen Enkel seines Namens zu erleben war für den alten Grafen Kirchbach ein sehnlicher Herzenswunsch gewesen, und wie etwas unendlich Liebes und Rührendes ist mir von jenen Sommertagen das Bild in der Erinnerung geblieben, wenn ich den alten Herrn neben dem Wagen des[241] Kleinen stehen sah. Über ihn gebeugt, hielt er dem Kinde irgendein glänzendes Spielzeug hin, nach dem der kleine Mann jauchzend griff, und dann leuchtete aus den großen schönen Braunaugen des Grafen eine so tiefe und stolze Freude, daß dieser Ausdruck mehr als Worte sagte, wie ihn der Besitz des Enkels beglückte.

Der Herbst rief die jungen Paare wieder in ihren Hausstand und entführte mir von neuem meinen Mann.

An einem Sonntag Anfang Oktober war es, da traf den Grafen, als er aus der Kirche gekommen, ein Schlaganfall, dem Besinnungslosigkeit folgte. Sowie ich das erfahren hatte, fuhr ich hinüber, und als ich sah, wie ernst die Sachen standen, fragte ich die Exzellenz, ob ich nicht die Nachtwache mit ihr teilen und bei ihr bleiben könne, bis die Töchter und der Sohn, an die Depeschen gesandt waren, eintrafen.

Solche Stunden an einem Sterbelager vergißt man nie!

Ohne Bewußtsein, aber doch hin und wieder ein paar unverständliche Worte murmelnd, lag der liebe alte Herr auf seinem Lager. Still war es um mich her, ganz still, und wie ich so schweigend mit gefalteten Händen an seinem Bette saß, nur hin und wieder aufstehend, um die kleinen Krankendienste zu verrichten, drängte sich Gedanke an Gedanke, der zusammenfaßte, was diese teure Persönlichkeit im Leben gewesen und was sie geleistet hatte. Nicht an den Kriegshelden und an seine Taten dachte ich, sondern nur an den Menschen, wie er uns, die wir in seiner nächsten Umgebung lebten, nahe getreten war.

»Pietate et armis« heißt der Wappenspruch der Kirchbachschen Familie, und das Wort zog mir wie der und wieder durch den Sinn. Es war gleichsam zum Leben geworden durch den, der jetzt neben mir als Sterbender ruhte. Das Wort »Durch Frömmigkeit und Waffenehre« hatte all seinem Tun und seiner Persönlichkeit das Gepräge gegeben, es hatte ihn groß gemacht.

Den Blick unverwandt auf die edlen, jetzt so wachsbleichen Züge gerichtet, über denen schon die Schatten des Todes lagerten, saß ich während der langen Stunden der Nacht, bis meine Zeit um war. Wieviel, wie unendlich viel zog dabei durch die wache Seele!

Als am anderen Morgen Günther kam und auch seine Schwestern, fuhr ich heim.

Noch wenige Tage flackerte das ersterbende Lebenslicht, dann entschlief der liebe, alte Herr sanft am 6. Oktober 1887. Vier Tage später erfolgte die Überführung der Leiche nach Berlin, und am 11. Oktober fand das feierliche Begräbnis auf dem Matthäikirchhof statt, wo er an der Seite seines jungen, bei Sedan gefallenen Sohnes ruht.[242]

Die letzte Ehrung, die noch dem Toten wurde, war die Kabinettsorder des jungen Kaisers Wilhelm II. vom 27. Januar 1889, in der es hieß: »Ich will das Andenken an den General der Infanterie, Grafen von Kirchbach, dadurch ehren, daß ich dem 1. Niederschlesischen Infanterieregiment Nr. 46 den Namen Infanterieregiment Graf Kirchbach Nr. 46 verleihe. Ich vertraue zu dem Regiment, daß es den Namen dieses hochverdienten Generals, welcher sein Chef gewesen ist, und unter dessen Führung es die Feuertaufe erhalten und bei Wörth wie bei Sedan neue Lorbeeren erkämpft hat, sich stets würdig zeigen wird.«

Der Tod des Grafen Kirchbach ließ eine schmerzlich fühlbare Lücke, nicht nur in seiner Familie, sondern auch in unserem ganzen Kreise zurück. –

Im Sommer war unser Haus immer voll Logierbesuch, das war Freude, vor allen Dingen aber, wenn unsere Tochter und Pflegetochter mit Mann und Kindern da war. Ich sage Kindern, denn bei letzterer vermehrte sich die Familie noch um ein paar Mädchen. Auch die Pflegesöhne, zu denen sich bald dieser, bald jener gezählt wissen wollte, gingen viel bei uns ein und aus.

Einmal im Jahr wollten mein Mann und ich uns für ein paar Wochen ganz allein haben. Da ließen wir unsere jungen, selbstgezogenen Pferde vor den offenen Wagen spannen, packten den Koffer darauf und fuhren seelenvergnügt in die herrliche Gotteswelt hinaus. Mein Mann kutschierte, ich saß neben ihm und hatte die Karten, die die Marschroute aufwiesen, zur Hand. Hinter uns, neben dem Koffer, thronte unser Kutscher, der getreue Fünfstück, der zehn Jahre hintereinander diese Fahrten, die voll von eigenartigem Zauber waren, mit uns geteilt hat. Zwischen meinem Manne und mir war ein breiter, hohler Stab eingelassen; bei schönem Wetter diente er als Blumenhalter, dann prangte darin ein frischer Waldstrauß, bei schlechtem Wetter aber wurde ein großer, weißer Schirm hineingeschraubt, ein Regendach, das uns beide schützte. »Die Mausefalle« nannte ich es und liebte es gar nicht, nur im Notfall flüchteten wir unter dies Zelt. Ganz märchenhaft herrlich erscheinen mir noch heute in der Erinnerung diese Fahrten durch das Land. Frei und ungebunden wie der Vogel in der Luft, weitab vom Gewimmel der Reisenden, glückselig, uns einmal wieder den lieben langen Tag ungestört haben zu können, das war schön, wunderschön!

Vier bis sechs Wochen pflegten wir unterwegs zu sein, in die böhmischen Berge, nach Thüringen oder nach dem Harz, ja bis nach Nürnberg führte uns von der Oberlausitz her die Fahrt. Fünfstück, der Kutscher, war musikalisch begabt, er hatte auf meinen Wunsch gelernt[243] auf dem Piston zu blasen, wie ich es in Thüringen von den Postillionen gehört hatte. Da klangen nun gar oft, wenn wir durch den stillen Wald oder über die Berge fuhren, die alten lieben Volksweisen, bald heiter froh, bald tief ernst und wehmütig. Wieder muß ich es sagen: »wunder-, wunderschön war es!«

Wenn die Nachbarschaft sich nach schönem Wetter sehnte, hieß es: »Liliencrons müssen ihre Hochzeitsreise machen, dann ist immer Sonnenschein.«

Im Juli 1896 hatten wir bei unserer Wagentour in Böhmen verschiedene Schlachtfelder aufgesucht, und ich möchte über einen Teil dieser Reife in aller Kürze berichten. Von Münchengrätz aus fuhren wir den steilen Weg zum Dorfe Musky. Unsere selbstgezogenen Pferde mußten dabei tüchtig heran, hielten aber brav aus und verlangten nun auch das übliche Brot zur Belohnung. Cyrus, der Schimmel, mein Liebling, den ich persönlich eine Zeitlang mit der Flasche aufgezogen hatte, holte sich noch als besonderen Leckerbissen die Blumen, die ich im Haar und Gürtel trug, machte auch trotz vorangegangener Anstrengung alle die kleinen Kunststücke, die ich ihm beigebracht hatte, kurz zeigte, was er leisten konnte. Wie eine Feste mit starken Felsenmauern, so erhob sich vor uns das Plateau, das damals Clam Gallas mit 22 Bataillonen besetzt hielt. Das Jnfanterieregiment 27 unter Führung seines heldenhaften Kommandeurs Oberst von Zychlinski hat hier Großes geleistet. Die glatten, fast senkrecht stehenden Felsenmauern machten eine Umgehung des Plateaus notwendig, um hinauf zu gelangen. Wir folgten der Richtung, die die Truppen damals eingeschlagen hatten, von einer Straße kann man dabei nicht sprechen, denn es war ein ziemlich pfadloses Emporkommen, Fels auf, Fels ab, durch Schluchten und Gestrüpp. Ebenso erbarmungslos wie heute mochte die Sommersonne auch damals gebrannt haben, als die wackeren 27er, Gewehr in der Hand, keuchend hier während des stärksten Kugelregens hinaufgeklettert waren, immer vorwärts, bis der Sturm auf das Plateau gemacht werden konnte. Es gehörte nicht viel Phantasie dazu, um das alles hier an Ort und Stelle gewissermaßen durchzuleben.

Das Heer des Clam Gallas, vom Muskyberg vertrieben, zog sich nach Jicin zurück, und ihm folgten die preußischen Heeressäulen; von Turnau aus schlug die Hälfte der Truppe die Straße zur Rechten, die andere den Weg zur Linken ein, um sich vor Jicin zu vereinigen. Eine Felsenwelt voll wildromantischer Schönheit trennte die marschierenden preußischen Regimenter, Burgen und Berghänge, in denen der Feind sich festgenistet hatte, erwartete sie.[244]

Wir folgten der Truppenstraße über Podol nach Burg Kost. Dort wohnte der österreichische Feldmarschall Tuma von Waldkampf, der uns zu sich eingeladen hatte. Auf Schritt und Tritt begegnet man hier Erinnerungszeichen an die Kriegszeit. Je mehr wir uns Kost näherten, desto häufiger wurden die Gräber und Gedenksteine für die hier massenhaft Gefallenen. Die Felsen traten hart zusammen und gaben der Straße einen schluchtartigen Anstrich, hoch darüber auf schroffem Felsenthron ragte die Burg empor, das alte sagenumrauschte Kost. Der Feind hielt damals die Burg besetzt, und wer jetzt diesen engen Waldweg fährt und die schroffe Felswand hinaufblickt, der begreift, was dazu gehörte an Heldenmut und Zähigkeit, um den Durchmarsch zu erzwingen und dies Felsennest zu erobern.

Waldumkränzt, an der einen Seite einen klaren Bergsee zu Füßen, liegt die Burg, die so eigentümlich gebaut ist, daß unsere Pferde über uns hausten, in dem obersten zinnenbekrönten Burghof. Schöne Tage verlebten wir dort, und sehr interessant war es, wie der österreichische mit dem preußischen Offizier die Kriegserlebnisse austauschte.

Während im Süden bei Kost das blutige Ringen stattgefunden, hatten die nördlich marschierenden Truppen einen schweren Kampf bei den Prachower Höhen zu bestehen. Dorthin fuhren wir von Kost über Sobotka. Eine ernst geheimnisvolle, aber wunderbare Schönheit umschließt diese Prachower Felsenwände, deren graue Häupter aus dem Waldesdunkel hinausragen. Auch hier kletterten wir den steilen Pfad hinauf, den unsere Truppen genommen, als sie mit Hurraruf zum Sturm vorgingen. Von dem Kriege 1870/71 hatte ich mir aus Straßburg ein paar selbst gesammelte Kugeln mitgebracht, und auch hier fanden wir noch eine Gewehrkugel aus jenen Kampfestagen.

Bei Sternenschein erreichten wir Jicin. Heldenhaft hatten die Österreicher damals dort gekämpft, jedes Haus war wie eine Festung verteidigt worden. Während wir durch das Tor und die engen Straßen fuhren, sah ich im Geist das Bild jener Nacht, wo die stürmenden Truppen mit Hurraruf Tor und Türen zerschmetterten und in die Stadt eindrangen. Furchtbar muß der verzweifelte Kampf in den schmalen, winkligen Straßen gewesen sein. Wir übernachteten in Jicin, und als mich am Morgen die helle Sonne weckte, da dachte ich aufatmend: »Wie es damals Morgen wurde, war Jicin in unseren Händen und, Gott sei Dank, der Straßenkampf vorbei.«

Wunderlich erschien mir der Weg, den wir am anderen Tage fuhren, um noch einmal nach Turnau zurückzugelangen. Mitten in die Felsenwelt ging es hinein, an Burg Troisky vorbei, die nicht ausgemauert,[245] sondern nur aus den Felsen herausgehauen ist; teilweise fuhren wir über klippiges Geröll an bemoosten Steinriesen vorbei, dann wieder war der schmale Weg durch die Felsen gehauen und man mußte eine Art Tunnel passieren. Allmählich wandelte sich diese Kletterpartie, die unsere Pferde tadellos bestanden, in eine vernünftige Straße und wir kamen in das Tal der Libunka. Seitwärts stiegen zwischen hohen Buchen und tief dunklen Tannen phantastische Felsgruppen empor, und hoch oben lag das herrliche Schloß Groß-Skal. Es war zu schön, um vorüber zu fahren, wir blieben dort. Diese Zeilen sollen aber keine Reisebeschreibung bringen, sondern nur Erinnerungen an das Jahr 1866 beleben. Daher will ich erst in Horsitz den Bericht wieder aufnehmen. Hier auf dem Markt, Seite an Seite auf Stroh gebettet, hatten die Verwundeten von Königgrätz gelegen, seitwärts zu dem Schuppen hatte sich mit letzter Kraft mein Mann geschleppt, nachdem ihn die Kopfhiebe der österreichischen Kürassiere vom Pferde gehauen hatten. Ohnmächtig war er da zusammengesunken, und jäher Schreck hatte ihn beim Erwachen erfaßt, als er im Zwielicht des Morgengrauens den Schuppen mit weißen Gestalten gefüllt sah. Die Kürassiere, die ihn niedergehauen, mußten das sein, und in ihre Gefangenschaft war er geraten, so fuhr es ihm damals durch den Sinn mit dem Bewußtsein, daß dies das Schrecklichste sei, was ihm hätte begegnen können. Da – o Freude – löste sich das Entsetzen in ein Lachen trotz aller Schmerzen, denn die vermeinten Kürassiere fingen gewaltig an zu schnattern und entpuppten sich als eine Herde Gänse.

Weiter herunter, Haus bei Haus, war damals das Lazarett gewesen. Unvergeßliche Augenblicke hatten sich dort abgespielt, als der greise König, der vielgeliebte, dort durch die Zimmer geschritten war. Meinen Mann konnte die Erinnerung daran immer begeistern, wenn er davon erzählte, wie der König an alle Betten getreten, für jeden ein freundliches Wort, einen Händedruck und warme Teilnahme gehabt hätte. Ein Jubeln wäre es da im ganzen Lazarett gewesen, und stürmische Huldigung unter Freudentränen hätten sie dem teuren Monarchen gebracht.

Auf beschwerlichem Wege ging es von da nach Josephstadt. Das sieht aus, als ob Kinderhände ihre Spielzeughäuser zugleich mit vielen, vielen Kasernen dort aufgebaut hätten. Gleich darauf erreichten wir die Kaiserstraße und wurde der Weg immer schöner und interessanter. Denkmäler über Denkmäler, sowie einzelne Kugeln in den Mauern zeugten von dem Jahre 1866. Durch Schweinschädel, Skalitz, Wisokow mit seiner engen Schlucht, in der so viel Blut geflossen ist, fuhren wir und kamen am Abend in Nachod an.[246]

Bei strahlendem Wetter stiegen wir am anderen Morgen die 200 Stufen hinauf zu dem alten, herrlich erhaltenen und wirklich großartig schönen Schloß, das jetzt dem Fürsten Lippe gehört. Einst war es Eigentum der Piccolominis, und Wallenstein ist dort geboren. Überall huschen dort Erinnerungsschatten hin und her, beleben die weiten Säle und Galerien und sprechen aus den alten Bildern und Gobelins. Am lebhaftesten aber schilderte uns der Kastellan die bedeutungsvollen Tage 1866. Wir standen dabei an einem der hohen Fenster und hatten den Blick auf den vielumkämpften Wenzelsberg. In Gedanken versunken gingen wir dann noch durch die lange Allee bis zum Friedhof, einer wundervoll gelegenen Stätte, wo die Opfer jener Tage ruhen.

Im August 1890 feierte mein Vater den Tag, wo er vor 50 Jahren in das 1. Garderegiment eingetreten war, das Regiment schickte ihm an dem Tage die aufrichtigsten Glückwünsche in treuem Gedächtnis an seinen alten Kameraden.

Dieses Telegramm erfreute und bewegte meinen Vater tief, denn gerade vor 50 Jahren hatte er militärisch eine zwar kurz vorübergehende, aber sehr schwere Zeit durchgemacht.

In seinen Aufzeichnungen fand ich später vom August 1890 die Worte: »Täglich danke ich Gott dem Allmächtigen für die so ganz unverdienten Wohltaten, mit denen ich bis heute begnadigt worden bin. Ich denke an jene trostlose Zeit, die ich bald nach meinem Eintritt im Regiment durchmachte, und möchte heiße Dankgebete zum Himmel senden, vergleiche ich das Damals und Heute. Wie wunderbar sind Gottes Führungen! Er hat mich zu hohen Ehren erhoben, denn es ist mir durch seinen Beistand gelungen, acht Kriegsorden für persönliche Tapferkeit zu erlangen, und bis in mein Greisenalter hat er mir einen gesunden Körper verliehen.

Blicke ich nun auf mein Heim, so wird der Dank noch inniger. An der Seite meiner guten Frau wohne ich zusammen mit meinen geliebten Kindern, deren liebliches Töchterlein mich durch die Geburt eines Jungen zum glücklichen Urgroßvater gemacht hat.

Wie konnte ich vor 50 Jahren solches erhoffen! Wie kann ich für das alles dem Allmächtigen genug danken durch Worte und Werke!«

Jeden Sommer reiste mein Vater nach Kolberg und war dort eine bekannte Persönlichkeit geworden. Die Exzellenz mit dem vollen, schneeweißen Haar, die es beim Schwimmen mit den Jüngsten aufnahm, erregte oft das Staunen der Badegesellschaft. Mit einem Kopfsprung stürzte sich der alte Herr in das Wasser, um dann, wenn er wieder auftauchte, die brennende Zigarre, die er im Munde hielt, umzudrehen und behaglich rauchend weiter zu schwimmen.[247]

Sehr amüsierte ihn bei solcher Gelegenheit eine Begegnung. Während er, gemütlich auf dem Rücken liegend, sich von den Wellen treiben ließ, schwamm ein Herr auf ihn zu und bat ihn höflich um Verzeihung, wenn er die Frage stellte, wie alt er sei. Es gelte den Austrag einer Wette, den er versprochen habe zu lösen. Die eine Partei behaupte, er sei in den Sechzigern, während die andere wissen wollte, daß er das siebzigste Jahr schon überschritten habe.

»Nun, dann sagen Sie den Herrschaften, daß keiner von ihnen recht hätte, denn ich bin bereits in den Achtzigern«, hat ihm da mein Vater lachend geantwortet.

Auch die Jagd machte ihm noch viel Vergnügen, er hielt die Strapazen dabei trefflich aus und war nicht wenig stolz, wenn er Jagdkönig wurde. Noch in seinem achtzigsten Jahre schoß er einen Rehbock.

Das waren Bilder voll warmen Sonnenscheins, die ich entworfen habe, aber nun kamen langsam die Schatten, langsam, aber schwer und immer schwerer.

Im Februar 1891, als ich zum Besuch bei meiner Tochter war, traf mich, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, die Todesnachricht meiner geliebten Mutter. Sie war am Tage vorher noch frisch und gesund gewesen und hatte einer Dame aus der Nachbarschaft, die sie besuchte, gesagt: »Wie köstlich ist mein Lebensabend bei meinen Kindern, ich kann Gott nicht genug dafür danken.« Am anderen Morgen war sie sanft entschlummert. Was war diese teure Dahingeschiedene in ihrer rührenden Selbstlosigkeit und aufopfernden Liebe uns allen gewesen als Frau, Mutter und Großmutter. Ihr Tod bedeutete für mich einen großen Verlust, es war ein schwerer Schmerz, den ich durchzukämpfen hatte. Ich wollte nun versuchen, wenigstens in etwas meinem Vater »seine Adele« zu ersetzen, die ihn stets durch zarte Rücksichten und Aufmerksamkeiten verwöhnt hatte. Doch gleich konnte ich diese Aufgabe nicht antreten, denn den Tag nach dem Begräbnis erkrankte ich an schwerer Kopfrose. Ich bin so selten in meinem Leben krank gewesen, wenn es aber geschah, handelte es sich immer um Leben und Tod. So auch diesmal. Wundervolle Phantasien, wie ich sie bisher immer hatte, wenn ich todkrank war, halfen mir über die bösen Stunden hinweg, daß ich die Schmerzen nicht fühlte und mir nur dankbar die Pflege meines Mannes bewußt blieb, der unentwegt die Nachtwachen bei mir hielt.

Meine elastische Natur kam bald wieder in die Höhe und ich konnte meine Pflichten übernehmen. Die teure Mutter hatte so liebevoll für meinen Vater und meine Schwiegermutter gesorgt, nun fiel mir diese Aufgabe zu. Mein Mann wurde in den Jahren mehr und mehr in[248] Anspruch genommen. Die Militärvorlage sollte durchgebracht werden, und er, der des Wortes so mächtig war, mit so warmer Begeisterung sprechen konnte, wurde nun bald hier und bald dort hin als Redner geschickt.

Guter Kamerad, der mit ihm durch dick und dünn ging, das hatte ich ihm immer sein wollen, und ich hatte mich nun geistig auch in diese politischen Strömungen eingelebt, alles mit ihm teilend, alles mit ihm durchringend.

Ich entsinne mich des einen Tages, vor dem mir graute. Mein Mann sollte in einer großen Versammlung für die Militärvorlage sprechen. Die vielen anstrengenden Reden hatten ihn nervös angegriffen, er war nicht so freudig, so frisch wie sonst, als er dahin reiste. Zum Überfluß ging mir noch die Nachricht zu, daß die Sozialdemokraten sich zur starken Gegenwehr rüsteten, um meinen Mann bei der Rede aus dem Sattel zu heben. Wie mich da die Angst packte! Ich wußte ihn ja matt und nichts weniger als siegesfreudig! Da mußte sein guter Kamerad ihm doch zur Seite stehen, und konnte er nicht in Person da sein, so doch mit seinem Wort. Durch einen sicheren Boten schickte ich meinem Manne einen Brief, der ihm vor seiner Rede ausgehändigt werden sollte. Was ich ihm geschrieben, lautete:


»Du hast es gelobet, Du hältst es auch fest,

Ein Schwächling, der jetzt seinen Posten verläßt,

Du hast es geschworen, Du hältst auch den Eid,

Dem Kaiser die Treue zu jeglicher Zeit.


Es branden die Wogen, es stürmt um uns her,

Rings heben sich Schatten, gewaltig und schwer,

Sie wollen nicht glauben an drohende Not

Und trotzen hohnlachend dem ernsten Gebot.


Jetzt gilt's nicht zu zögern! Zum Angriff voran!

So wie Du's gehalten auf blutigem Plan,

Mein schneidiger Reiter, stürm' vorwärts mit Macht,

Wirf leuchtende Fackeln in dunkelnde Nacht!


Du hast es erfahren, Du weißt, wie es steht,

Wenn Krieges verheerender Sturm uns umweht,

Wir müssen uns rüsten – gewappnete Schar

Im Osten und Westen bringt ernste Gefahr.


Es sprechen die Gegner von Frieden und Ruh,

Wie Wiegenlied klingt es beruh'gend dazu,

Oh, laßt euch in Schlummer nicht wiegen zur Nacht,

Ihr deutschen Getreuen, habt acht, habt acht!
[249]

Mein mutiger Kämpfer, greif ein in den Strauß,

Es gilt nicht zu wanken, halt aus, halt aus!

Zerreiße des trüg'rischen Lieds Melodien

Mit zündenden Worten, die Gott Dir verliehn.


Damit sie begreifen den Ernst unsrer Zeit,

Als Königsgetreue, und opferbereit

Nicht zaudern und wägen. Der blinkende Stahl,

Der über uns hanget, läßt nimmer uns Wahl.


So rufe sie zu Dir, die Königsgetreun,

In dunkler Stunde den Bund zu erneun,

Vereint werd't ihr siegen, in Sturm und in Not,

Die Treue bewahren, die Treu' bis zum Tod.


Ihr Königsgetreuen, nun haltet auch fest,

Ein Schwächling, der jetzt seinen Posten verläßt,

Ihr habt es geschworen, ihr haltet den Eid,

Dem Kaiser die Treue zu jeglicher Zeit.


Mein schneidiger Reiter, zum Angriff voran!

Es schärfen die Gegner den blinkenden Stahl

Zu zündenden Worten, zur letzten Wahl,

Nun stürme Du weiter, hindann, hindann!

Hinaus in der Gegner gewaltige Reihn,

Und hoffe auf Sieg, er muß unser sein!


Mein mutiger Reiter, halt aus, halt aus!

Und dränen die Gegner auch noch so sehr,

Und fliegen auch Pfeile und Kugeln umher,

Mit wuchtigem Schwerthieb treib aus, treib aus

Die finstern Dämonen der dunkelen Macht

Und bringe das Licht in die sternlose Nacht.


Mein Königsgetreuer, sei stark, sei fest!

Und kämpf' für Dein Volk, für sein wahres Glück,

Und ruf' sie zum Kaiser, zur Pflicht zurück,

Von Norden und Süden, von Ost und West!

Nun vorwärts mit Gott in den stürmischen Strauß

Für Kaiser und Reich – halt aus – halt aus!«


Und er stürmte vorwärts, mein schneidiger Reiter, er hielt als Königsgetreuer aus und ging stürmisch und jubelnd als Sieger aus dem Kampfe hervor. Das meldete mir nicht nur sein Telegramm, sondern auch die beredten Glückwünsche seiner Freunde.

»Die Verse haben mir Flügel gegeben und mich über alle Hindernisse fortgetragen, ich habe einige davon in meine Rede hineingebracht und sie haben zündend gewirkt«, schrieb mir mein Mann, und ich war so froh, so froh, daß der »gute Kamerad« ihm auch hier etwas nützen konnte.

Quelle:
Liliencron, Adda Freifrau von: Krieg und Frieden. Erinnerungen aus dem Leben einer Offiziersfrau, Berlin 1912, S. 237-250.
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