XXVI. Aus der liebgewordenen Arbeit entwickelt sich Neues.

[293] Aus meinem reichen Briefschatz habe ich die Schreiben ausgewählt, die entweder von Gefechten und Patrouillenritten handeln oder die Stimmung der Truppe wiedergeben. Auch Stellen, die den warmen Dank der Leute bringen, habe ich niedergeschrieben, um zu beweisen, wie verkehrt es ist, wenn man so oft behaupten hört, es gäbe jetzt kaum noch so richtige Dankbarkeit. Was ich für die Schutztruppe getan habe, ist im Grunde genommen nicht viel, ein bischen Dichten und fleißig Briefe schreiben, das ist alles; nicht das geringste Opfer war für mich damit verknüpft, alles Tun war nur unbeschreibliche Freude. Immer bin ich mir bewußt geblieben, daß meine Arbeit gar nicht solche Anerkennung, solchen Dank verdiente, aber freudig, wie ein unverdientes Geschenk, habe ich das alles hingenommen, und damals, wie heute, beglückte mich das feste Band, das der Krieg in Südwestafrika zwischen der Schutztruppe und mir geknüpft hatte.

Es ist ein prächtiger Geist, der in unserem Volke lebt, die Herzen sind leicht zu erwärmen für alles Große und Gute. Das verwischt sich auch nicht so schnell, es klingt nach, und dafür habe ich Beweise. Einer der Leibhusaren aus Langfuhr, der bei den Aufführungen mitgewirkt hatte und der dann nach Südwestafrika ging, schrieb mir von dort: »Ich muß immer daran denken, was Sie uns sagten, als Sie bei uns die Bilder stellten und uns von den Heldentaten unseres Regiments erzählten; was damals in mir wachgerufen wurde, das kann ich nun in die Tat übersetzen.« Dieser Unteroffizier ist nicht der einzige, bei dem die Worte auf empfänglichen Boden fielen. Mit mehreren von denen, die in Langfuhr und Schwerin in mein Heim kamen, stehe ich noch dauernd in Verbindung und freue mich an ihrem Streben, für die ehemaligen Kameraden zu wirken und den Geist der Vaterlandsliebe und Königstreue da fördern zu helfen, wo die Verhältnisse sie hingestellt haben.

Als ich 1910 auf ein paar Tage nach Danzig kommen sollte – sieben Jahre, nachdem ich Langfuhr verlassen hatte – und Unteroffiziere der Leibhusaren aus jener Zeit das zufällig erfuhren, bekam ich die Bitte, einen Abend in den Saal ihrer Kaserne zu kommen, um ihnen von Südwestafrika und dem Orlog zu erzählen und ihnen meine Afrika-Lichtbilder sowie meine Andenken von drüben zu zeigen. Der Empfang und der Abend dort bewies mir, daß, wenn man bei Menschen einmal den rechten[294] Ton angeschlagen hat, der nicht so leicht verhallt, sondern ungeschwächt fortklingt und sich Weiteres daran reihen läßt.

Ende September 1906 sollte ein Truppentransport von 600 Mann und einigen 30 Offizieren aus Südwestafrika zurückkehren. Ich hatte versprochen, bei der Heimkehr eines größeren Transportes dabei zu sein, so schrieb ich denn an das Kommando der Schutztruppe und fragte an, ob es den Herren recht sei, wenn ich diesmal die Heimkehrenden empfinge und jedem – Offizier wie Reiter – einen Lorbeerzweig ansteckte. Die Nadel, mit der ich ihn befestigen wollte, sollte ein versilberter Tropenhut sein. Ich erhielt bereitwillige Zustimmung und die Nachricht, daß Offiziere vom Kommando, die zum Empfang nach Cuxhaven führen, dort für mich sorgen würden.

Am 26. September stand ich mit den Herren vom Kommando auf der »Alten Liebe« in Cuxhaven, die Ankunft des Schiffes erwartend. Es war ein Herbsttag, wie man ihn nicht schöner denken konnte, blauer Himmel und strahlender Sonnenschein. Zwei Musikkorps waren aufgestellt, und dicht gedrängt harrte eine ungeduldige Menschenmenge auf den Dampfer. Freudige Erregung belebte das bunte Bild, alle Ferngläser waren in Bewegung, laut wurden Rufe, Fragen und Vermutungen ausgetauscht.

Da – am Horizont scheint etwas aufzutauchen, ein jeder hat es erspäht, und lebhafter wird das Hin- und Hersprechen. Jetzt erkennt man den weiß und grünen Schornstein! »Das ist die Woermannlinie, das können sie sein! Sind das hellbraune Planken am Schiffsrand? Nein, das sind Kordröcke, die sich zusammendrängen!« so schwirrt es durcheinander. Und nun ein Jauchzen, ein vielstimmiger Jubel, in den sich schmetternd die Musik mit ein paar lustigen Fanfaren mischt. Das Schiff läßt den Heimatwimpel flattern, weiß glänzend zieht er wie eine Silberschlange hinter dem Dampfer her. Nun ist auch kein Zweifel mehr, das sind die Kordröcke, die Schlapphüte, die geschwenkt werden, es sind unsere deutschen Söhne, die die Heimat grüßen!

Gesichter sind auch mit dem schärfsten Glase nicht zu erkennen, aber das tut nichts, man weiß doch, die sehnlich Erwarteten sind da!

Ja, da sind sie! Aber noch läßt die »Alte Liebe« sie nicht hinein, die Flut muß erst abgewartet werden. Der Dampfer geht vor Anker so nah, wie er herankommen kann. Das ist freilich ziemlich weit und ein Erkennen nicht möglich, aber Zwiesprach wollen wir doch miteinander halten, die Heimgekehrten und die harrende Menge. Am Ufer spielt die Regimentsmusik ihre Weisen, und auf dem Schiff haben sie zusammengerafft,[295] was sie an Instrumenten auftreiben konnten, und erwidern den musikalischen Gruß der Heimat.

Zwei Stunden wogten so die Töne herüber und hinüber, zwei Stunden hieß es warten – warten. Jetzt aber brach wieder ein Jubel aus, der Dampfer bewegte sich und steuerte auf die »Alte Liebe« zu. Goldig schimmerte das Meer, von der untergehenden Sonne beleuchtet, die das Schiff mit einem rosigen Schein übergoß.

Jetzt fuhr es ein, und so brausend war das nicht endenwollende Hurrarufen und das Jauchzen, daß man nicht einen Ton von der Musik vernahm, die den Truppentransport begrüßte.

Wie ein Riesenkoloß lag der Dampfer vor uns, dicht aneinander gedrängt stand die Mannschaft darauf. Kurzes Kommandowort da oben und es wurde still, das Brausen verstummte, auch die Musik schwieg. Der Kommandeur der Schutztruppe, Oberstleutnant Quade, begrüßte in warmen Worten die Heimkehrenden, und dann stieg Rittmeister von Ermekeil, der Führer des Transports, die schmale Schiffsleiter hinab, dankte für den Willkommen und lud die Offiziere und mich ein, den Abend auf dem Dampfer zuzubringen. Wie ich nun auf dem Schiff war und durch die schmale Gasse der spalierbildenden Reiter schritt, rechts und links die Grüße erwidernd, kam es mir erst zum Bewußtsein, daß ich von allen diesen Heimgekehrten persönlich niemand anders kannte als Sergeant Heinz Lüth, der mir jetzt, den Schlapphut in der Hand, freudig entgegentrat und mich begrüßte. So bekam er denn als erster den Lorbeerzweig mit der Erinnerungsnadel angesteckt.

Daß ich niemand von denen, die mir jetzt in dem Offizierssalon so warmherzig entgegenkamen, schon vorher je gesehen hatte, vergaß ich sofort, denn mit den verschiedensten von ihnen hatte ich Briefe ausgetauscht und sie kannten mich ja auch aus den Liedern.

War das ein köstlicher Abend! Solche Stimmung, wie sie da herrschte, läßt sich nicht beschreiben, die muß nachempfunden werden. Während ich nach dem Essen Lorbeer und Nadel den Offizieren ansteckte, schrieben die Herren ihre Namen und, je nachdem, auch ein paar Worte in mein Notizbuch. Ich brach früher auf, um die Herren nicht zu stören, und Rittmeister von Ermekeil brachte mich in mein Hotel.

Am anderen Morgen war ich, wie verabredet, gleich nach 9 Uhr auf der »Alten Liebe«. Ich wollte Lorbeer und Nadeln den Mannschaften anstecken, und es war bestimmt, daß Sergeant Lüth mir dabei helfen sollte. Das war mir sehr lieb, denn da ich doch mit jedem gern ein paar Worte wechseln wollte, so wurde mir das dadurch sehr erleichtert, daß mein[296] »Tagesadjutant« mich durch ein kurzes Wort orientierte über Kompagnie oder Batterie, Gefecht, Patrouillenritt oder dergleichen.

Das war Freude, wie sie einen alle umdrängten, dies erzählten, das fragten, von den Briefen sprachen, die sie von mir bekommen, von den Paketen, vorzüglich aber von den Liedern. Ich mußte unzählige Bücher der Kriegsklänge sehen, die sie mir vorzeigten. Wehmütig war es, als ich zu den Verwundeten und Kranken kam, die, auf Decken gebettet, an der Erde lagen. Bei denen blieb ich am längsten, steckte ihnen den Lorbeer an und freute mich an dem Strahlen in ihrem Blick, während wir uns unterhielten.

Über vier Stunden dauerte es, bis ich fertig war, und der Rest des Tages gehörte auch den Heimgekehrten.

Unvergeßlich bleiben in meiner Erinnerung diese Tage der Abfahrt und Ankunft der Truppentransporte. Ich danke Gott, daß ich auch noch dieses Große und Schöne miterleben durfte. In diesem Winter waren meine Nachmittagsstunden immer besetzt. Es gab in meinem Zimmer eine sogenannte »Afrikaecke«, die vereinte alle die vielen Andenken aus Südwestafrika, die ich von Offizieren, Unteroffizieren und Reitern bekommen hatte. In dieser Ecke standen zwei Sessel und mein kleiner Teetisch. Da kamen die Heimgekehrten zu mir und erzählten von drüben, Offiziere wie Reiter – afrikanische Kameradschaft.

Wie oft hatten die Reiter, wenn sie mir von drüben Blumen, Hereroschmuck oder sonst etwas schickten, geschrieben: »Bitte das in die Afrikaecke zu hängen, und wenn wir heimkommen, dann möchten wir auch in der Afrikaecke sitzen, darauf freuen wir uns schon jetzt.« Der Sehnsuchtswunsch erfüllte sich nun.

Harmonisch und ungetrübt verlief unterdessen das häusliche Leben. Hans Hugo, der fleißige Gymnasiast, machte noch vor dem vollendeten 18. Jahre sein Abiturium, wurde vom mündlichen Examen dispensiert und trat sofort in das 2. Garderegiment ein, dessen Kommandeur mein Schwiegersohn seinerzeit gewesen war.

Das gute Examen war eine Freude, aber es gab doch eine empfindliche Lücke, das frische junge Blut nicht mehr in Schwerin zu haben.

Viel Freude hatte ich dort immer an den Sonntagabenden im Verein der Freundinnen junger Mädchen, die es so gern hatten, wenn ich ihnen Volkserzählungen vortrug. Auch da waren so manche mir näher getreten, und ich habe sie herzlich lieb gewonnen. Doch noch andere Aufgaben entwickelten sich und Arbeit, die sich nach dem Muster dieser Abende entfaltete.[297]

In Berlin im Theater hatte ich »Das Nachtasyl« gesehen, das ging mir immerzu durch den Kopf, und ich lehnte mich gegen den Gedanken auf, der durch das Stück geht, daß, was man auch täte an armen Gefallenen, um sie emporzuheben, doch alles vergebens sei. Zugleich aber faßte ich den Entschluß, in Schwerin, wo kein Gefängnis war, auf andere Weise an solche armen Menschen heranzugehen, wenn sich mir irgendeine Gelegenheit dazu bieten würde. Die fand sich bald, und wenn ich auch zuerst mit einer gewissen Scheu und Unsicherheit anfing, so merkte ich doch bald, daß es auch hier einen Weg zum Herzen gibt, und wenn man den nur erst gefunden hat, kann man auch mit Gottes Hülfe etwas erreichen. Freilich mühevoll ist die Arbeit und man darf sich nicht entmutigen lassen, wenn man da oft Enttäuschungen erlebt und lange werben muß, um allmählich Schritt für Schritt etwas weiter zu kommen. Um so größer ist aber auch die Freude, wenn es gelingt.

Im Verein mit mehreren Damen richteten wir für solche Mädchen in kleinerem Maßstab Abende ein, wie sie im Jungfrauenverein gefeiert wurden. Eine von uns leitete den Abend, zu dem die Mädchen gern kamen. Ernst und ergriffen waren sie oft von den Erzählungen, und dann wieder bei den Spielen vergnügt wie die Kinder. Das waren wie mein Schwiegersohn scherzend meinte, »meine schwarzen Schäfchen«.

Wenn ich so von den verschiedenen Arbeiten erzähle, die die Verhältnisse mir in die Hand gaben, bin ich immer bange, daß mein Tun nach viel mehr aussehen könnte, als es in Wirklichkeit ist. Ich muß daher immer wiederholen, daß ich in meinem Wirkungskreise nie eine Aufgabe als eine Last empfunden habe, sondern immer frisch und mühelos durchkam und stets noch Zeit fand für schriftstellerische Arbeit.

Daß ich sehr viel mehr Stunden des Tages für solches Schaffen übrig hatte als die meisten anderen Frauen, war natürlich, ich führte keine Wirtschaft, denn ich hatte mich bei meiner Tochter in Pension gegeben und machte seit dem Tode meines Mannes keine Gesellschaften, außer im Hause von Kirchbachs, mit.

Noch eine zweite Aufgabe entwickelte sich aus einer lieben Arbeit und gründete sich auf mein Interesse an Südwestafrika, dem sonnendurchglühten Dornenlande, und mein Vertrautsein mit den dortigen Verhältnissen.

Im Mai 1907 schrieb Frau Oberleutnant Weitzenberg an mich im Namen der Damen vom Kommando der Schutztruppe und bat mich, es in die Hand zu nehmen, einen kolonialen Frauenbund zu gründen, dessen Aufgabe sein solle, geeignete weibliche Hülfskräfte hier für die junge Kolonie auszusuchen, hinüberzuschicken und dort in Stellung zu bringen,[298] um in dieser Weise dem dringenden Bedürfnis nachzukommen, daß auch deutsche Frauen und Mädchen in der jungen Kolonie heimisch würden. Das schwer erworbene Land stand in der Gefahr, vollständig zu verburen und zu verkaffern, wenn das Mutterland nicht helfend eintrat, denn ein emporwachsendes Geschlecht von Mischlingen drohte von vornherein das Deutschtum im Keime zu ersticken.

Mit deutschem Gut und Blut war das Land erworben, und um das Deutschtum zu fördern, sollten wir unsere Arbeit beginnen, damit sich drüben auf christlicher Grundlage ein gesegnetes Volksleben entwickeln könne. Dazu aber – darüber waren sich alle einig, die die Verhältnisse kannten, – tat es dringend nötig, daß drüben auch deutsche weibliche Pioniere an der Seite des Mannes tätig waren. Sie sollten als Trägerinnen deutscher Bildung, deutscher Zucht und Sitte hinübergehen, damit sich dort unter ihrem Einfluß ein gesegnetes Familienleben aufbauen könne. Die Deutsche Kolonialgesellschaft sandte schon seit etlichen Jahren Frauen und Bräute der dort weilenden Deutschen hinüber. Jetzt sollte – so war es gedacht – der neu zu gründende Frauenbund die Arbeit auf diesem Gebiet ausdehnen, sich der Deutschen Kolonialgesellschaft zur Seite stellen und mit ihr für das Neudeutschland überm Meer arbeiten, in dem der Bund sich dort den Aufgaben widmete, die besonders der Frauenhand zur Ausführung bedurften. Kleinkinderschulen und irgendein Heim drüben, in dem wir deutschen Mädchen ein Asyl bieten könnten, das war – freilich nur aus nebelhafter Ferne winkend – ein Zukunftsgedanke, der sich später an die Arbeit anschließen sollte, die mit dem Aussuchen und Hinaussenden der geeigneten Mädchen anfangen mußte.

Ich überlegte – mir schien, daß ich nicht die passende Persönlichkeit sei, um einen Bund zu gründen, der so große Ziele ins Auge faßte und der sich notwendig über das ganze Reich entwickeln müsse, wenn er imstande sein sollte, etwas Tüchtiges zu leisten.

Seine Hoheit der Herzog Johann Albrecht zu Mecklenburg, der mit seinem ganzen Herzen und seiner ganzen Kraft für die koloniale Sache wirkt, hatte mich stets in gnädiger Weise unterstützt in Angelegenheit der Schutztruppe. Dem Herzoge und seiner Hohen Gemahlin hatte ich auch eine Einladung nach Schloß Wiligrad verdankt, als Hauptmann Franke, von Südwest kommend, dort war. In völligem Verständnis dafür, wie gerade mich das Zusammensein mit Hauptmann Franke interessieren würde, führte Hoheit mir den »Helden von Südwest« nach dem Diner zu, »für ein intimes Zwiegespräch«, wie der Herzog scherzte. Nach einer halben Stunde setzte sich Hoheit dann auch zu uns. Aus dem Munde des Führers der »Frankereiter« von diesem berühmten Ritt zu Anfang des[299] Aufstandes zu hören, wird mir eine liebe und interessante Erinnerung bleiben. Unvergeßlich dabei aber auch die knappe, jedes Lob zurückweisende Art des »weißen Satan«, wie ihn, den Schimmelreiter, die Hereros, die ihn für unverwundbar hielten, betitelt hatten. Aus dem zurückhaltenden Wesen, das Franke kennzeichnet, kam er aber sofort heraus, sobald das Gespräch sich um die Leistungen seiner Reiter drehte, und wenn es sich um den Entsatz von Windhuk, Okahandja und Omaruru auf jenem Ritte handelte.

Gegründet auf die vielen Beweise gütiger Unterstützung meiner kolonialen Interessen, legte ich dem Herzog, als dem Präsidenten der Deutschen Kolonialgesellschaft, das Schreiben aus Berlin vor, mit der Bitte, sich gnädigst über eine eventuelle Gründung dieses Frauenbundes zu äußern und im Falle des Einverständnisses eine Leiterin vorzuschlagen, die besser als ich es verstehen würde, eine so große Sache zu organisieren.

Sr. Hoheit dem Herzoge wie der Frau Herzogin waren die Vorschläge ganz genehm, doch wünschten beide, daß ich Gründung und Leitung des Bundes übernähme.

So ging ich denn an die Arbeit und war glücklich, nach den ersten Wochen 100 Mitglieder zu haben. Meine Tochter reiste im Juni auf ein paar Monat nach »Dornröschen« in Blankenburg, einer kleinen Besitzung, die Kirchbachs in Thüringen haben, und ich nach Berlin, um mich dort für einige Zeit ganz der neuen Aufgabe widmen zu können.

Unserm Vorstande traten Damen vom Kommando der Schutztruppe bei und Hauptmann Volkmann, der Kämpfer aus Südwest, als Schatzmeister. Mittel hatten wir noch so gut wie gar keine, aber die mit aufrichtigem Dank von uns empfangene Zusicherung von Seiner Hoheit dem Herzog, daß die von uns entsandten Mädchen freie Überfahrt III. Klasse erhalten sollten. Aus einem bestimmten Fonds, der dem Herzog zu dem Zweck zur Verfügung gestellt wurde, schickt die Deutsche Kolonialgesellschaft Frauen und Bräute der in Südwest weilenden Deutschen dorthin, und aus denselben Mitteln sollte nun auch die Überfahrt der weiblichen Hülfskräfte erfolgen, nachdem die Papiere der Mädchen der Kolonialgesellschaft eingesandt waren.

Schon Ende Juni machte unser neu gegründeter Bund zusammen mit der Deutschen Kolonialgesellschaft eine Dampferfahrt, und als in Wannsee beim Abendessen Exzellenz Dernburg in warmen Worten ein Hoch auf den Frauenbund ausbrachte, und Exzellenz von Schuckmann, dessen Abreise als Gouverneur von Südwest bevorstand, mir versicherte, daß er unsere Arbeit drüben in jeder Weise unterstützen würde, da hatte ich das Gefühl, daß wir festen Boden gewonnen hatten.[300]

Jeden Vormittag fuhr ich nach Südende zu Frau Weitzenberg, meiner Schriftführerin, und arbeitete den ganzen Vormittag mit ihr. Es war tüchtig zu tun, und ich empfand es als eine große Freude, daß der Geheimrat Hofmann, in dessen Familie ich wohnte, uns in seinem Hause drei Zimmer für unser Bureau kostenlos zur Verfügung stellte. Das war nicht nur für mich eine große Erleichterung, sondern vor allem für unsern jungen Bund außerordentlich wichtig und dankenswert. Ihre Hoheit die Herzogin Johann Albrecht zu Mecklenburg nahm gütigst das Protektorat an, und im Juni 1908, etwa ein Jahr nach der Gründung, wurde in Bremen auf der Hauptversammlung der Deutschen Kolonialgesellschaft unser Bund der Deutschen Kolonialgesellschaft angeschlossen, unter dem Namen »Frauenbund der Deutschen Kolonialgesellschaft«. Am bezeichnendsten für unsere Stellung zu der Deutschen Kolonialgesellschaft, wie sie ins Auge gefaßt war, drückten die Worte des Herzogs es beim Festmahl aus, als Hoheit nach seinem Toast mit mir anstieß »auf das Wohl der jungen Ehe«. Für den Abend wurde die »junge Ehe« ein geflügeltes Wort, das noch oft heiter und hoffnungsfreudig beim Gläserklang und in zwangloser Unterhaltung wiederholt wurde.

Noch vor jener Bremer Tagung, im September 1907 kam die Trennung von Schwerin. Mein Schwiegersohn war Kommandierender General in Posen geworden, und ich wollte im November nachgehen, so lange hatte ich noch in Berlin für den Frauenbund zu tun, zu dessen Bestem ein großes Fest mit Aufführungen stattfand.

Ich hatte in Schwerin so unendlich viel Freundlichkeiten von hoch und niedrig genossen, war bei meinen Arbeiten nach jeder Richtung hin unterstützt worden, so daß mir das Scheiden sehr schwer wurde.

Das Interesse, das die Großherzoglichen Herrschaften unseren Braven in Südwest entgegenbrachten und das die Königlichen Hoheiten auch in reichem Maße bei unseren alljährlichen kolonialen Aufführungen, sowie bei unseren Weihnachtssendungen nach Südwest betätigten, erleichterte mir dort in jeder Beziehung die Arbeit für die Schutztruppe. Und auf meinem anderen Gebiet – die weißen und die schwarzen Schäfchen – war es die Frau Großherzogin Marie, die lebhaft daran Anteil nahm und der ich oft davon berichten mußte.

Viel Schönes, Liebes und Großes hatte ich während der viereinviertel Jahre in dem schönen Schwerin erlebt, mein Herz ist voll Dank dafür und riß sich nur sehr schwer davon los, besonders wehmütig war mir der Abschied vom Lazarett.

Quelle:
Liliencron, Adda Freifrau von: Krieg und Frieden. Erinnerungen aus dem Leben einer Offiziersfrau, Berlin 1912, S. 293-301.
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