XXVII. In Posen.

[301] Heimweh, richtiges Heimweh hatte ich die ersten Wochen, ja vielleicht Monate nach Schwerin und meiner Tätigkeit dort. Zum drittenmal seit meiner Witwenzeit hieß es für mich, einen neuen Wirkungskreis suchen und neu aufbauen. Freilich zwei meiner Arbeiten begleiteten mich, für die Schutztruppe zu sorgen und die Aufgaben des Frauenbundes der Deutschen Kolonialgesellschaft.

Der Orlog war drüben so gut wie beendigt, dort gab es wenig zu tun, aber desto mehr für die Heimgekehrten, deren Bittgesuche um Unterstützung oder Anstellung oft sehr schwierig zu erfüllen waren.

Nach Berlin mußte ich, um die Sitzungen des Frauenbundes abzuhalten, alle sechs Wochen fahren und blieb dann meist acht bis zehn Tage dort, um dann die Vormittage auf dem Bureau zu arbeiten und alles Nötige zu erledigen. Im Frühjahr 1909, nicht ganz zwei Jahre nach der Gründung, umfaßte der Bund zwischen vier- und fünftausend Mitglieder. In Keetmanshoop wurde ein Heimathaus gegründet, und nach allen Richtungen häufte sich die Arbeit. Es stellte sich daher als durchaus wünschenswert heraus, daß die Vorsitzende ihren Wohnsitz dauernd in Berlin hätte, damit alle Sachen sofort erledigt werden konnten.

Da legte ich meinen Vorsitz nieder und übergab ihn Frau von Richthofen, der dann, als die verehrte Frau ein Jahr darauf starb, in die Hände von Frau Heyl überging. Ich selbst wurde Ehrenvorsitzende und begnügte mich mit meiner Arbeit in Posen, aus der mir reiche Freude erwuchs. In der Stadt Posen, sowie in etlichen Städten der Provinz gründete ich Abteilungen, faßte sie in einem Gauverband zusammen und wählte für uns eine meiner Lieblingsaufgaben des Frauenbundes, die Gründung einer Kleinkinderschule. Jetzt steht in Lüderitzbucht das Jugendheim, das eine Kleinkinderschule umfaßt und der Sammelplatz für unsere deutschen Mädchen ist, sowohl für die, welche in Lüderitzbucht wohnen, wie für jene, die mit dem Dampfer ankommen, dort nächtigen und dann weiter reisen, um in Stellung zu gehen. Nicht, daß der Gauverband Posen das Jugendheim allein gegründet hätte, nein, so reich sind wir nicht, noch ein ganz Teil andere Abteilungen halfen dabei, aber ganz besonders viel hat Posen dafür getan, denn es war und bleibt seine Aufgabe, für dies Jugendheim zu sorgen.[302]

Auch in die Arbeit für die Stadt selbst kam ich schneller herein, als ich erwartet hatte. In das Lazarett ging ich hier nicht, das lag in dem Wirkungskreis meiner Tochter, die dort auch persönlich den Kursus mit ihren Helferinnen durchmachte, um in allem Bescheid zu wissen, auch um im Kriegsfall bereit zu sein, eine entsprechende Stelle annehmen zu können.

Andere Gebiete taten sich mir hier auf, ich wurde zur Vorsitzenden im Verein »Volkswohl« und »Jugendhorte« gewählt.

»Volkswohl«, das ist eine prächtige Einrichtung, die sich durch Mitgliedsbeiträge und Beihülfe der Stadt erhält. Sieben- bis achtmal im Winter finden an einem Sonntagnachmittag volkstümliche Aufführungen statt, die zur Erhaltung und Förderung des Deutschtums von besonderer Wichtigkeit sind. Liebenswürdige Dilettanten bieten sich für Musik und Gesang an, Vorträge und Deklamationen werden gehalten, auch Tänze vorgeführt. Am meisten beliebt ist es, wenn wir ihnen ein kleines Theaterstück bringen. Den Schluß der gesamten Aufführungen bildet im Theater, von Schauspielern gegeben, eine Oper oder ein volkstümliches Stück. Der Preis der Billetts ist zehn Pfennig zu den Aufführungen, im Theater etwas höher. Am Freitag vorher verkaufen einige unserer Vorstandsdamen die Zettel, die als Billett dienen. Im Umsehen sind dann oft alle Zettel fort, und es ist eine wahre Lust zu sehen, mit welchem Eifer die Menschen dann ankommen, sich den Eintritt zu dem Sonntagsvergnügen zu erobern, alle diese allmählich so bekannten Gesichter von Briefträgern, Waschfrauen, alten Veteranen, Laufburschen usw.

Eine Stunde vor Beginn ist der große Saal oder das Theater Kopf an Kopf gedrängt voll, und traurig ziehen die ab, die uns vergebens noch um Einlaß bitten. Wir müssen hart bleiben, denn der wachthabende Schutzmann wehrt jedes »mehr« energisch ab.

Nun zu den »Jugendhorten«. Zwei Mädchenhorte waren da, als ich Vorsitzende wurde. Schulkinder der ärmeren Klassen machten unter der Aufsicht einer Leiterin ihre Schularbeiten, und wenn sie damit fertig waren, wurden Handarbeiten vorgenommen, Geschichten erzählt und gesungen. Für Knaben war noch kein Hort eingerichtet, und doch tat das besonders nötig, denn die Jungen, deren Eltern auf Arbeit waren, trieben sich auf der Straße umher und verübten allerhand Unfug. Aber das Geld, das leidige Geld fehlte uns gänzlich für einen neuen Hort. Seufzend hatten wir uns das gerade in unserer Sitzung eingestanden und den ersehnten Gründungsplan aufgegeben, als tags darauf eine unserer Volksaufführungen war. »Deutsche Treue«, ein kleiner Zweiakter von mir, der in der Schlacht bei Zorndorf spielt, wurde gegeben. Wir[303] brauchten dazu einen Trommler, und ich hatte den Kommandeur des Grenadierregiments 6 gebeten, uns einen zu senden, zugleich auch Oberst Dieffenbach eingeladen, sich die Vorstellung anzusehen.

Während des Spiels wandte er sich zu mir, »das ist ein Stück, da möchte ich mein Regiment drin haben«, sagte er. Mir kam sofort ein zündender Gedanke, der klingende Aufführungserfolg von Langfuhr und Schwerin schoß mir durch den Sinn.

Flüsternd machte ich sofort meinen Vorstandsdamen den Vorschlag, in acht Tagen die Sache zu wiederholen bei erhöhten Preisen und an die Regimenter mit der Anfrage heranzugehen, ob sie Billetts haben wollten. Den Damen erschien mein Vorschlag sehr gewagt, aber trotzdem mieteten wir noch an demselben Abend den kleinen Saal des Lokals für den nächsten Sonntag. Schon nach wenig Tagen liefen bei mir von den Regimentern so viele Anmeldungen ein, daß wir statt des kleinen den großen Saal mieteten, und am Abend selbst mußten wir Hunderte abweisen, weil kein Raum mehr war.

Nun hatten wir das Geld, die Stadt versprach eine jährliche Zulage, und der Knabenhort in Jersitz, wo er am notwendigsten war, wurde gegründet. Ein sehr tüchtiger Lehrer, Herr Below, nahm die Sache in die Hand, wir holten uns junge Mädchen als Helferinnen, die wie Mütter für die Jungen sorgten, und der Hort blühte auf, daß es eine Freude war. Im Winter wurden nach den Schularbeiten Handfertigkeiten gelehrt, im Sommer draußen Spiele gemacht oder auf dem Stück Land gearbeitet, das die Stadt uns gegeben und wo jeder Knabe sein eigenes Beet bestellen konnte. Die wilden Jungen wurden ganz gesittet und kamen mit wahrem Vergnügen. Vielleicht erhöhte Kaffee mit Vesperbrot, der hier wie in den Mädchenhorten verteilt wurde, noch etwas mehr für sie den Reiz der Hortzeit.

Das dazumal herrschende sehr gespannte Verhältnis zwischen Polen und Deutschen spielte selbstverständlich auch in die Gründung unserer Knabenhorte hinein. Da die polnische Bevölkerung die ärmere ist, daher auch dort die meisten Familien sind, wo Vater und Mutter tagsüber auf Arbeit gehen, so sind selbstredend auch mehr polnische als deutsche Knaben in unserm Hort. Es behaupteten nun einige, die polnische Geistlichkeit würde uns die Knaben nicht lassen, da in den Horten deutsch gesprochen, patriotische Lieder gesungen und Soldatenspiele getrieben würden. Andere dagegen meinten, wir erzögen durch den Hort nur ordentliche Polen, denn die Jungen blieben doch ganz polnisch und kämen, sowie sie aus der Schule entlassen würden, aus unserm Einfluß heraus.[304]

Die erste Behauptung erfüllte sich keineswegs, und um dem Zweiten entgegenzutreten, erbaten wir uns von der Stadt noch etwas Geld für die entlassenen Hortkinder und richteten für die Knaben wie für die Mädchen alle vier Wochen einen Sonntagnachmittag ein, wo sie mit uns bei Tee und Kuchen zusammenkamen. Da ging es immer sehr vergnügt zu, gesungen, erzählt und gespielt wurde, und einen Hauptspaß machte es den Jungen, wenn ich bei dem sehr beliebten Spiel »Mein rechter Platz ist leer« mit ein paar Pfändern hereinfiel, die ich dann jedesmal durch eine Geschichte auslösen mußte. »Aber aus dem Kriege muß sie sein oder von Südwestafrika«, hieß es dann immer.

Gegründet war Jersitz, aber es mußte auch erhalten werden, denn die städtische Zulage allein reichte dazu nicht aus. So blieb denn nichts anderes übrig, als jedes Jahr zum Besten des Horts eine Aufführung zu machen, und um den Saal voll zu haben, mußte es etwas Militärisch-Patriotisches sein. Da bat ich denn das eine Jahr Grenadierregiment 6 Graf Kleist, das andere Jahr Infanterieregiment 46 Graf Kirchbach um ihre Regimentsgeschichte und suchte mir Passendes für eine Aufführung aus. Da hatten wir denn immer wieder einen vollen Saal und das nötige Geld. Der Hort hatte sich bewährt, fand Anerkennung, und von der Allerheiligen- und der Martinschule traten die Bitten an uns heran, auch dort Horte zu gründen. Die Stadt, der Evangelische Frauenbund und der Deutsch-Katholische Verein wurden dafür gewonnen und erklärten sich bereit, für die neuen Horte beizusteuern. Doch nun hieß es: »Warum geben die Polen nicht auch dazu? Die müßten doch zuallererst beisteuern, da so viel polnische Jungen dabei sind, aber die geben unter keinen Umständen etwas dazu.«

Das letztere wollte mir nicht einleuchten. Warum sollte man es nicht versuchen, sich mit ihnen darüber auszusprechen? Ein offenes, warmes Wort reißt oft eine Scheidewand nieder. Ich sprach mit einem der polnischen Geistlichen, die ich kannte, und erklärte ihm, daß wir durch die Horte nicht nur tüchtige Menschen erziehen wollten, sondern wir hofften, daß die polnischen Knaben dadurch das Deutschtum lieben und achten lernen würden, damit die heranwachsende Generation sich einmal nicht mehr auf solchem Hetzfuß gegenüberstände, wie es jetzt der Fall sei.

»Darf ich Ihnen morgen den Herrn zuführen, der an der Spitze eines polnischen Vereins steht, und wollen Sie ihm das alles selbst wiederholen?« fragte mich der Geistliche.

Ich war gern dazu bereit. Am nächsten Tage kamen beide Herren. Die Unterredung war nicht lang, wir schieden in vollem Einverständnis.[305] Die Polen erklärten sich bereit, einen jährlichen Zuschuß für die deutschen Knabenhorte zu geben, und der erste Beitrag wurde mir sofort ausgehändigt.

Wie glücklich war ich, als ich das melden konnte! Die Sache hatte sich so einfach abgespielt ohne jede Schwierigkeit. Mit Zagen war ich in Langfuhr an das Vereinsleben herangegangen und jetzt, wo ich hier in Posen die Vorsitzende von zwei Vereinen, von der Abteilung des Frauenbundes und vom Gauverband war, wie spielend leicht ging alles und mit welcher Freude kamen wir immer zu den Sitzungen zusammen! Dank den liebenswürdigen Vorstandsmitgliedern verlief stets alles harmonisch, ich wüßte nicht, daß sich jemals ein Mißton hineingedrängt hätte.

In Posen konnte ich auch die Gefängnisarbeit wieder aufnehmen, und das persönlich an die Menschen Herantreten ist mir immer besonders lieb gewesen. Nach einem Jahr wurden mir auf Wunsch des Staatsanwalts und des Gefängnisgeistlichen auch einzelne der männlichen Gefangenen zugewiesen. Die Liebe zu ihren Kindern war da ganz besonders der Weg, auf dem man an ihre Herzen gelangte. –

1910 war das Jahr, in dem verschiedene Regimenter ihr 50jähriges Jubiläum feierten, so auch das Infanterieregiment von der Marwitz Nr. 61, dessen erster Kommandeur mein Vater gewesen war. Der jetzige Kommandeur, Oberst Balck, der auf das sorgsamste bemüht ist, alle Traditionen des Regiments festzuhalten und neu zu beleben in den Herzen seiner Untergebenen, hatte mich gebeten, das Festspiel für den Abend zu dichten, das, in einem Stück zusammengefaßt, Bilder und Szenen aus der Chronik Thorns, aus der Geschichte der Familie v. Marwitz und der Regimentsgeschichte bringen sollte.

Da mein Vater leider keinen Sohn gehabt hat, so sollte ich dessen Stelle vertreten und wurde vom Regiment zu dem Fest eingeladen.

Durch diese Jubiläumsfeier wurde zugleich meinem Vater die zweite Ehrung nach seinem Tode zuteil, die ich miterlebte. Die erste war im Jahre 1903 in Flensburg gewesen, als, gestiftet von alten Kriegskameraden, dort das Denkmal von ihm enthüllt wurde. Eine lebensgroße Statue, vom Bildhauer Brütt angefertigt, und auf dem Sockel ein Relief, die Kampfszene aus Kolding darstellend, mit der Unterschrift: »Hurra, dem Trommler von Kolding!«

Am Abend vor den Festtagen in Thorn war im Theater die Aufführung des Festspiels für die alten Veteranen. Rührend war es mit anzusehen, wie ergriffen die Alten bei den Kriegsszenen aus dem Regiment waren, die sie teilweise selbst miterlebt hatten.[306]

Am 2. Juli war die Hauptfestvorstellung in dem feierlich geschmückten Theater, alle Darsteller gehörten zum Regiment und waren mit ganzer Seele bei dem Spiel. Trefflich war es einstudiert und wirkte dadurch doppelt lebensvoll, daß die Kulissen eigens dazu angefertigt waren, das alte Thorn, die Kiesgrube, von der aus der Sturm auf die Fabrik versucht wurde, als die Fahne verloren ging, und andere.

Tags darauf Feldgottesdienst, Parade und das große Festessen. Mit welcher Liebe und Verehrung wurde dabei meines verstorbenen Vaters gedacht! Am Abend fuhren wir noch zu den verschiedenen Kompagnien und es war mir ganz beweglich, dort aus dem Munde von Dijonkämpfern die erschütternde Fahnengeschichte zu hören.

Oberst Balck hatte bis in das kleinste hinein alles auf die sinnigste Weise für das Fest vorbereitet, das wohl bei uns allen einen lieben dauernden Eindruck hinterlassen hat. Als sichtbares Zeichen der Erinnerung steht noch bei mir die Statuette des Leutnants von Puttkamer, der, die zerschossene Fahne in der Hand, vorwärts stürmte. Vom Regiment war das ein Geschenk für mich, das mir eine unerwartete große Freude bereitete.

Noch eine dritte Ehrung steht für meinen geliebten Vater in Aussicht, das ist im September 1912 an seinem 100jährigen Geburtstag. Die alten Leute in Sproitz haben den Gedanken gefaßt und die Sache angeregt. Von dem Leiter des Basaltsteinbruchs, Herrn Demeter, unserem ehemaligen Kutscher Häusler Gustav Fünfstück und meines Vaters altem Diener Häusler Hermann Liebig ging es aus und zog dann weitere Kreise. Auf einem Platz dicht hinter dem Gutsgarten steht das große Granitkreuz, vor dem die sterbliche Hülle meiner Eltern eingebettet ruht, durch eine grüne Wand davon abgeschlossen soll sich das Denkmal erheben, ein Obelisk aus Basaltsäulen, gekrönt von Helm und Waffen. Auf die Frontseite kommt das Reliefbild meines Vaters und darunter die Kampfszene aus Kolding. –

So wechselnd und so verschiedenartig auch die Arbeiten waren, die mir die Verhältnisse in dem letzten Jahrzehnt in die Hand gelegt hatten, eine Aufgabe zog sich immer hindurch, seitdem ich mir bei der Abfahrt des Truppentransports gelobt hatte, für die Schutztruppe zu sorgen. Mit dem Namen »unsere Freifrau von Afrika« hatten sie mir gewisse Rechte zuerteilt, ich hatte aber auch Pflichten damit übernommen und die will ich immer im Auge behalten.

Hier in der Heimat, wo ich in einem Dutzend südwestafrikanischer Kriegervereine Ehrenmitglied bin, dichte ich für ihre Kaiser-Geburtstagsfeier, nehme teil an ihrer Fahnenweihe und bleibe durch dies und das[307] in Verbindung mit ihnen. Mit drüben ist der Briefverkehr nicht abgebrochen, wenn er auch selbstverständlich zusammengeschmolzen ist im Vergleich zu der Orlogszeit. Da kam nun vor etwa zwei Jahren aus Südwestafrika von Offizieren, Unteroffizieren und Reitern an mich die Bitte, drüben auf den einsamen Stationen einem dringenden Bedürfnis abzuhelfen und Bücher dahin zu schicken. Nach Rücksprache mit dem Kommando der Schutztruppe nahm ich auf Wunsch des Kommandeurs, Generals von Glasenapp, die Sache persönlich in die Hand.

Mein Aufruf, unterschrieben und bekräftigt durch das Kommando der Schutztruppe in Berlin und aus den Kolonien, ging hinaus und ihm folgten die zahlreichen persönlichen Briefe, die ich in dieser Sache an Fürstlichkeiten, Städte, koloniale Erwerbsgesellschaften und an solche Persönlichkeiten schrieb, von denen ich annahm, daß sie sich für unsere Braven draußen erwärmen würden, die auf einem weltabgeschlossenen Posten so notwendig der Anregung, Belehrung und Unterhaltung durch gute Bücher bedürfen.

Se. Majestät der Kaiser hatte die Gnade, mir eine Summe zur Verfügung zu stellen und sich für die Arbeit zu interessieren. Verhältnismäßig blieben nur wenige meiner Briefe ohne Erfolg, Geld und Bücher kamen aus allen Kreisen und die Woermannlinie sagte mir freien Transport nach den Kolonien zu.

Vom Kommando holte ich mir Rat betreffs der Zusammenstellung der Büchereien und der Stationen, wo diese am nötigsten wären, legte auch zur eigenen Beruhigung meine Bücher zur Einsicht dort immer vor. Bitte um Gaben und Dank für dieselben ging außer den Briefen noch durch die Zeitung.

Die große Arbeit aber, die mit dem Büchereinkauf, der Zusammenstellung im Katalog und dem Einpacken verbunden ist, übernahm mit mir aus Liebe zu seinen Kameraden ehrenamtlich der jetzige Sekretär im Reichskolonialamt Heinz Lüth, mit dem ich nach seiner Rückkehr aus Südwestafrika in ständiger Verbindung geblieben war durch die Fürsorge für Heimgekehrte.

Die Bücher, die in einem dafür gemieteten Raume aufgestapelt sind, werden in Kistenschränken verpackt, die mit Blech ausgeschlagen sind. Für Ostafrika ist die Verpackung naturgemäß eine andere, da die Bücher dort durch Träger in das Innere geschafft werden müssen. Jeder Bücherei, die koloniale, geschichtliche und Marinewerke enthält, sowie Romane und Novellen, besonders patriotischen Inhalts, erbauliche und humoristische Bücher, ist ein genauer Katalog beigefügt, auf dessen erstem Blatt ich eine Widmung geschrieben habe, die auch Se. Hoheit[308] der Herzog Adolf Friedrich zu Mecklenburg die Gnade hat zu unterschreiben.

Siebzehn Büchereien sind jetzt in Südwestafrika, fünf in Kamerun und sechs in Ostafrika. Strahlend ist der Dank und die Freude über diesen Treugruß, den die Heimat ihren deutschen Söhnen über das Meer hinsendet. Die Dankesbriefe von Offizieren, Unteroffizieren und Reitern kommen zu meinem Briefschatz aus der Orlogszeit.

Wir stehen noch mitten in dieser Arbeit, denn von da und dort aus den Kolonien kommt immer wieder der Sehnsuchtsruf nach einer Soldatenbücherei.

Mit innigem Dank habe ich vor kurzem von Herrn Adalbert Stier eine reiche Spende für unsere Büchereien erhalten, die es mir ermöglicht, dauernd für diese Soldatenbüchereien sorgen zu können durch jährliche Ergänzung derselben. Eine Summe von 500 Mark steht mir durch ihn jedes Jahr zur Verfügung, um, je nach Wunsch der Stationen, dorthin neue Bücher zu senden oder für ein Zeitungsabonnement zu sorgen. Auch der Magistrat von Charlottenburg hat mit 50 Mark jährlich zwei Stationen übernommen für Bücherergänzungen. In letzter Zeit tritt von drüben wiederholt die Bitte an mich heran, Atlas und Unterrichtsbücher zu senden, da Unteroffiziere und Reiter nach einer Fortbildung verlangten. Auch von dieser Arbeit sage ich aus vollem Herzen, alle darauf verwandte Mühe steht gar nicht im Vergleich zu dem Dank und der Freude, die uns dadurch wird.

Da – völlig unerwartet – hieß es im April 1911 noch einmal: umsatteln – umziehen –, mein Schwiegersohn war in Charlottenburg Präsident des Reichsmilitärgerichts geworden.

In Posen hatte ich feste Wurzel gefaßt, nun hieß es sich losreißen von allen den lieben Menschen, von allem, was man mit ganzer Seele getrieben hatte. Doch diesmal kam es anders als sonst. Die Damen des Vorstandes von den Vereinen, die ich leitete, kamen zu mir und baten, daß ich unter allen Umständen den Vorsitz behalten möchte. Ich zögerte mit der Annahme, denn es war mir nicht klar, ob ich das durchführen könnte, und dann auch erschien es mir richtiger, das Amt meinen Stellvertreterinnen zu überlassen.

Diese aber weigerten sich auf das entschiedenste, den Vorsitz zu übernehmen, und wiesen auf die Gefahr hin, daß die Polen, die mir persönlich die Unterstützung für die Horte versprochen hätten, das zurückziehen könnten, wenn ich die Leitung niederlegte. Meinen anderen Einwand entkräftigten sie dadurch, daß sie mir vorhielten, ich hätte auch von Posen aus 11/2 Jahre in Berlin gearbeitet und den Frauenbund dort[309] geleitet. So kam es, daß ich den Vorsitz in den Vereinen, beim Frauenbund und beim Gauverband behalten habe.

Was ich an Liebe und Freundlichkeiten in Posen erfahren habe, das drängte sich noch einmal an dem unvergeßlichen Abschiedsfest zusammen, in dem sich alle Kreise und Stände vereinigten, mit denen mich meine Arbeit zusammengeführt hatte. Da traten alle Gegensätze der Nationalität, der Religion und des Standes zurück, und in vollster und ungetrübter Harmonie klang das Abschiedsgeläute aus.

Quelle:
Liliencron, Adda Freifrau von: Krieg und Frieden. Erinnerungen aus dem Leben einer Offiziersfrau, Berlin 1912, S. 301-310.
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