III. General Wrangler in Berlin im Jahre 1848.

[24] Nachdem mein Großonkel aus Schleswig zurückgekehrt war und die Truppen um Berlin konzentriert hatte, ernannte ihn Se. Majestät der König zum Oberbefehlshaber der Truppen in den Marken. In dieser Eigenschaft hatte er auch die Berechtigung, die in Berlin stehenden Truppen zu besichtigen und zu seiner Disposition zu stellen. Bis dahin war das Leben für die Truppen in Berlin seit den Märztagen kaum noch zu ertragen gewesen. Sie waren aller möglichen Unbill ausgesetzt und hatten sich in der Stadt kaum noch sehen lassen dürfen, denn die Bürgerwehr dominierte und hielt alle Wachen besetzt. Der Großonkel wollte diesem Treiben möglichst bald ein Ende machen und befahl dem damaligen Kommandanten von Berlin, die Garnison am 20. September, vormittags 10 Uhr zu einer Parade aufzustellen, und zwar die Kavallerie mit dem rechten Flügel am Brandenburger Tor längs der Chaussee nach Charlottenburg und die Infanterie innerhalb der Stadt, Unter den Linden.

Am Abend vor der Parade, es war 11 Uhr nachts und der Großonkel hatte sich schon zur Ruhe begeben, sandte der damalige Ministerpräsident seinen Adjutanten zu ihm mit der dringenden Mahnung, von dem Gedanken, eine Parade in Berlin abzuhalten, zurückzustehen, denn es könne sich das größte Unglück daraus entwickeln, und sein eigenes Leben sei dabei in äußerster Gefahr.

In vollster Ruhe und Bestimmtheit erklärte der Großonkel, trotz aller dieser Bedenken würde er die Parade nicht abbestellen. Und wenn das ganze Staatsministerium ihm den bestimmten Befehl zukommen ließe, keine Parade in Berlin abzuhalten, so würde er doch seinen eigenen Befehl nicht aufheben, Se. Majestät aber alleruntertänigst bitten, nach[24] Stettin zurückkehren und das Kommando des II. Armeekorps wieder übernehmen zu dürfen.

Am andern Morgen sandte der Ministerpräsident seinen Adjutanten noch einmal mit demselben, nur noch dringender gefaßten Auftrag nach Charlottenburg, doch wurde auch dieser in gleicher Weise abgewiesen.

Um 10 Uhr bestieg der Großonkel sein Pferd und ritt mit seinem Stabe nach Berlin. Dort hatte sich das Gerücht verbreitet, Wrangel rücke mit sämtlichen Truppen in Berlin ein, und überall im Tiergarten wurden Patrouillen der Bürgerwehr bemerkbar. In der Gegend des großen Sterns kam der sogenannte Bürgerwehrgeneral Rimpler mit zahlreichem Gefolge und einem Trupp berittener Bürgerwehr dem Großonkel entgegen. Er wollte sich wahrscheinlich überzeugen, ob jenes Gerücht wahr sei. Da er es aber unbegründet fand, begrüßte er den Großonkel feierlich, und dieser forderte ihn auf, sich seinem Gefolge anzuschließen und die Parade mitanzusehen. Die Ulanen, an deren Front er zuerst entlang ritt, brachen in stürmische Hurrarufe aus, und die anwesenden Zuschauer stimmten mit ein. Alle Fenster »Unter den Linden« bis zu den Dächern hinauf, ja selbst die Lindenbäume waren mit Zuschauern besetzt, die beständig mit Tüchern wehten und den geliebten, aber jetzt auch ebenso gefürchteten Oberbefehlshaber der Truppen jubelnd mit Kränzen bewarfen, als er langsam an ihnen vorbeiritt. An der Wilhelmstraße bemerkte der Großonkel einen General vom Kriegsministerium in Berlin. Mit seinem ruhigen, sicheren Lächeln rief er ihm im Vorbeireiten zu: »Nun, bis hierher hat mich noch keine Kugel erreicht.«

Am Palais des hochseligen Königs ließ er die Truppen vorbeidefilieren, ohne daß die geringste Störung von seiten des Publikums vorkam. Im Gegenteil, die Leute zeigten das größte Interesse und Vergnügen daran, wieder einmal in Berlin eine Truppenparade zu sehen.

Nach dem Vorbeimarsch nahm der Großonkel die Offiziere aller Grade zusammen und redete sie, die Bürgerwehrabgeordneten und die Bürger, die sich zum Zuhören herandrängten, an. In unseren Familienaufzeichnungen sind die Worte jener Rede wiedergegeben, und ich will sie auch hier wiederholen, weil sie so klar und ungeschminkt seine Empfindungen und sein Wollen in der damaligen Zeit wiedergeben. »Meine Herren«, sagte er, »es ist heute ein sehr glücklicher Tag meines Lebens. Ich bin schon vor den Toren so freundlich von der berittenen Bürgerwehr begrüßt worden, und in der Stadt war es wie ein Triumphzug. Ich weiß, das konnte ich nicht auf mich beziehen, sondern auf die Truppen, die ich die Ehre gehabt habe, in Schleswig zum Siege zu führen. Ich werde diese Truppen euch, wenn auch nicht sogleich, doch[25] sehr bald hierher führen. Meine Herren! Der König hat mir den größten Beweis der Gnade und des Vertrauens gegeben, indem er mir das Kommando über die in den Marken stehenden Truppen übergab. Ich soll die Ordnung, wo sie gestört, das Gesetz, wo es übertreten wird, wieder herstellen. Die Truppen sind gut, die Schwerter haarscharf geschliffen, die Kugel im Lauf. Aber nicht gegen euch, Berliner, sondern zu eurem Schutz, zum Schutz der Freiheit, die der König gegeben, und zur Aufrechthaltung des Gesetzes.«

Allgemeiner jubelnder Zuruf unterbrach ihn, und als der Sturm sich etwas gelegt hatte, fragte er heiter: »Gefällt euch das, Berliner? Das freut mich. Für euch, und mit euch, werden wir auftreten und handeln. Keine Reaktion, aber Schutz der Ordnung, Schutz dem Gesetze, Schutz der Freiheit.«

Wieder unterbrach ihn endloses Hurra, und erst nach einer Weile konnte er fortfahren. »Wie traurig sehe ich Berlin wieder! In den Straßen wächst Gras, die Häuser sind verödet, die Läden voll Waren, aber ohne Käufer. Der fleißige Bürger ohne Verdienst, der Handwerker verarmt! Das muß anders werden, und es wird anders werden, ich bringe euch das Gute mit der Ordnung. Die Anarchie muß aufhören, und sie wird es. Ich verspreche es euch, und ein Wrangel hat noch nie sein Wort gebrochen.«

Wieder stürmischer, nicht enden wollender Jubel. Es dauerte eine Weile, bis der Großonkel, zu den Offizieren gewandt, weiter sprechen konnte. »Meine Herren! Es macht mich sehr glücklich, die Truppen in diesem guten Zustande zu sehen, Sie werden sie darin erhalten. Verträglichkeit mit den Bürgern muß stattfinden, sie sind mit euch verwandt, sie haben denselben Zweck, Preußens Größe und Ruhm aufrecht zu erhalten und Deutschlands Einigkeit mit zu begründen.«

Sich zu den Bürgern wendend, setzte er mit starker Betonung hinzu: »Und Sie werden nicht vergessen, daß in der Armee Ihre Brüder, Ihre Söhne und Ihre Freunde stehen. Meine Herren! Es tut mir leid, daß ich an dem heutigen Tage die Truppen nicht Sr. Majestät dem Könige vorführen konnte. Er erkennt die Beschwerden, die der Dienst Ihnen macht, und dankt für die bewiesene Treue und Ausdauer. Es lebe Se. Majestät der König!«

Alle stimmten in den Ruf ein, der sich mit elementarer Gewalt Bahn brach.

Aber Volksgunst ist oft wandelbar, wie ein Apriltag; wem sie heute zujubeln, den können sie vielleicht morgen schon steinigen wollen. Das haben viele große Männer der Geschichte erfahren, und auch der Großonkel.[26]

Als er wenige Wochen darauf, am 10. November, auf Sr. Majestät des Königs Befehl mit den Truppen zu allen Toren in Berlin einrückte, zeigte die Hauptstadt ein ganz anderes Gesicht als an jenem Septembertage.

Der Empfang der Einwohner war ein kalter, als der Großonkel an der Spitze der Gardebrigade zum Halleschen Tor einritt. Nur die Grafen Redern und Benkendorf, sowie ein paar Offiziere der Lehreskadron, in Zivil, nahmen die Hüte ab und schwenkten dieselben, wurden jedoch von den Bummlern heftig bedroht. Das Gerücht hatte sich verbreitet, die Nationalversammlung würde nicht weichen, vielmehr die Freiheit des Volkes bis zum äußersten wahren, und die Bürgerwehr hatte erklärt, die Nationalversammlung bis zum letzten Blutstropfen schirmen zu wollen.

So fand denn auch der Großonkel bei seiner Ankunft auf dem Gendarmenmarkt die Bürgerwehr unter Waffen, sie hatte um das Schauspielhaus, längs der Charlotten-, Jäger- und Markgrafenstraße Spalier gezogen.

Die Truppen setzten auf Befehl ihres Oberbefehlshabers auf dem Gendarmenmarkt ihre Gewehre zusammen, ebenso auch in der Mohrenstraße, und die Artilleristen, deren Geschütze aufgeprotzt zu Einem standen, saßen ab. Damit wurde die Absicht, etwa feindlich einschreiten zu wollen, offenkundig widerlegt. Auch war den Truppen streng befohlen, nicht zu schießen, es sei denn, daß sie dazu Befehl erhielten. Diese Weisung wurde namentlich der Brigade Möllendorf noch vor dem Einrücken in Erinnerung gebracht, denn hier war die Erbitterung der Soldaten groß, weil Bummler am 18. März ihren Kommandeur gefangen und gemißhandelt hatten.

Der Großonkel ließ sich von einem Armeegendarmen aus dem nächsten Hause einen Stuhl holen, stieg vom Pferde und setzte sich unsern vom Schauspielhause hin. Eine Masse Volk hatte sich angesammelt und umdrängte ihn, auch verschiedene freche Redensarten wurden gegen ihn laut. Er achtete nicht darauf, sondern richtete seine Aufmerksamkeit mehr auf das allgemeine Verhalten.

Nachdem die Truppen alle auf dem Markt angelangt waren, erschien eine Deputation, an der Spitze der Bürgerwehrkommandeur Rimpler, der das Wort führte, und erklärte, die Nationalversammlung, die im Schauspielhause tage, habe sich für permanent erklärt, sie würde nur der rohen Gewalt weichen, und die Bürgerwehr sei entschlossen, die Vertreter des Volkes mit ihrem Blut zu schützen. Der Großonkel, der sich von seinem Stuhle erhoben hatte, zog seine Uhr, hielt sie der Deputation vor und antwortete sehr ruhig: »Wie Sie sehen, ist die Gewalt da, binnen einer[27] Viertelstunde hat die Nationalversammlung das Schauspielhaus verlassen und die Bürgerwehr diesen Platz geräumt. Widrigenfalls wird diesem Gebot mit aller Macht Folge verschafft.« Die Deputation entfernte sich, und bereits nach zehn Minuten sah man die Herren paarweise die Freitreppe des Schauspielhauses hinabschreiten und nach der Taubenstraße abziehen. Ebenso geräuschlos verschwand die Bürgerwehr.

Die Truppen rückten in ihre vorher schon bestimmten Quartiere, und der Großonkel ritt nach dem Königlichen Schlosse, wo für ihn und seinen Stab Quartier bestellt war. Auch hier noch überreichte der Fabrikbesitzer B., der als Kommandant des Schlosses fungierte und dasselbe mit seinen Arbeitern besetzt hatte, einen schriftlichen Protest gegen den Einzug des Generals Wrangel und der königlichen Truppen, mit der Erklärung, nur der Gewalt würde er weichen. Die Antwort des Großonkels war, die Gewalt sei da, er möge ruhig abziehen. Dabei ritt er durch das Portal, und die Wache der Bürgerwehr präsentierte vor ihm das Gewehr.

Tags darauf wurden die Truppen in größeren Gebäuden kompagnie-, auch bataillonsweise zusammengelegt, und ein Bataillon des Kaiser-Alexander-Grenadierregiments wurde im Schauspielhause einquartiert.

Für den Großonkel galt das Wort:


»Man kann im Herzen Milde tragen

Und doch mit Schwertern drunterschlagen.«


Er hat es in seinem Leben oft genug bewiesen, daß er das eine hatte und das andere konnte. Habe ich jetzt von seiner Unerschrockenheit und seiner eisernen Strenge erzählt, die, ohne einen Tropfen Blut zu vergießen, in dem aufrührerischen Berlin Ruhe und Ordnung zu erzwingen wußte, so möchte ich jetzt ein paar Züge wiedergeben, die von seiner treuen Fürsorge für seine Soldaten und das Volk beredtes Zeugnis geben.

Er suchte sich stets persönlich zu überzeugen, wie seine Truppen untergebracht waren, und um in dem erregten Berlin alles Aufsehen zu vermeiden, wählte er dazu meist die Nachtzeit; er konnte dann gleich feststellen, ob in der Stadt Ruhe herrschte. Begleitet von seinem Adjutanten, ließ er eine Kompagnie der im Schlosse liegenden Truppen zur Begleitung beordern und machte nun die Runde. Eines Nachts im Schauspielhause angelangt, in dem früher die Nationalversammlung getagt hatte und wo noch Tribüne und Sitze vorhanden waren, ging es außerordentlich lebhaft im Saale zu. Der Großonkel trat unbemerkt in eine der Logen des erleuchteten Saals. Auf allen Plätzen der Deputierten saßen Grenadiere, und auf der Tribüne stand auch ein Grenadier, ein Berliner, der mit großem Humor eine Rede hielt und zuletzt noch anführte, wie die vielgepriesenen[28] Volksvertreter doch den Soldaten keine bessere Verpflegung schaffen könnten.

»Die euch aber bewilligt wird«, rief der Großonkel mit laut hallender Stimme dazwischen. Alle Köpfe fuhren herum. »Wer sagt das?« fragte der Grenadier auf der Tribüne aufs äußerste erstaunt.

»Euer Obergeneral«, lautete die Antwort. Wie vom Blitz getroffen sprangen die Grenadiere von ihren Sitzen empor, voll Erstaunen, ihren verehrten General so plötzlich und zur Nachtzeit in ihrer Mitte zu wissen. Endlose Hurras folgten ihm, als er den Saal verließ.

Die Truppen erhielten sofort einen von Sr. Majestät gnädigst bewilligten Verpflegungszuschuß und in weiterer Folge auch von den wohlhabenden Einwohnern Berlins Zigarren und Viktualien reichlich zugesandt.

Am 12. November war der Belagerungszustand in Berlin proklamiert und das Ministerium Brandenburg-Manteuffel ernannt.

An Karikaturen und Schmähschriften in bezug auf den Großonkel fehlte es natürlich nicht, aber er erhielt auch noch mehr Dankadressen und Lobgedichte, denn auch seine größten Widersacher konnten ihm die Anerkennung nicht versagen, daß er solche Zustände, solche Anarchie, wie er sie in Berlin vorgefunden hatte, ohne Blutvergießen zur Ordnung zurückgeführt hatte.

Kurz vor dem Weihnachtsfeste erschien eine Deputation der Budeninhaber, die sonst ihre Buden auf dem Jahrmarkt aufschlugen, und machte ihm Vorstellungen wegen des Schadens, den sie erlitten, weil der Polizeipräsident ihnen die Genehmigung in diesem Jahre nicht erteilen wolle, da der Belagerungszustand eine Anhäufung von Menschen nicht gestatte. Dem Großonkel taten die Budenbesitzer leid, mehr aber noch die Kinder, die dadurch um einen Teil ihres Weihnachtsvergnügens kamen. So setzte er sich denn mit dem Polizeipräsidenten ins Einvernehmen. Es wurden umfassende Vorsichtsmaßregeln getroffen, und der Christmarkt auf dem Schloßplatz fand statt. Als nun am Weihnachtsabend die Lichter an den Buden brannten, erschien der Großonkel mit seinem Leibjäger auf dem Christmarkt, ließ eine Menge Pfefferkuchen und Kleidungsstücke für arme Kinder einkaufen und fuhr damit nach einem der Armenhäuser. Von dem erfreuten Hausvater begleitet, teilte er diese Liebesgaben selbst an die armen Familien aus. Von der Zeit an wiederholte der Großonkel alljährlich diese Spenden.

Die Herzen flogen ihm entgegen, aber auch die Fäuste ballten sich gegen ihn. So entsinne ich mich einer kleinen Geschichte, die ich oft in der Familie gehört habe, und die in den Märztagen 1849 spielte. Der Großonkel machte einen Besuch bei einer Dame, und sein Wagen mit[29] dem Kutscher und Jäger hielt vor der Tür. Vorübergehende Bummler erkannten das Gefährt, stießen Drohungen aus und ballten die Fäuste. Wenige Augenblicke später war eine schreiende, johlende Menschenmenge angesammelt, die sich bis an die Haustür drängte!

»An die Laterne mit ihm«, brüllten sie und wiederholten diesen Ruf vielstimmig, als er ohne Begleitung aus der Haustür trat.

Der Weg zu seinem Wagen war durch den Pöbelhaufen gleichsam verrammelt, davon überzeugte ihn ein einziger Blick, aber es brachte ihn nicht aus der Fassung. – »Hängen wollt ihr mich?« sagte er, »gut, aber erst sollt ihr noch einen Gruß von mir mitnehmen für eure Frauen! Platz da, mein Sohn!«

Damit schob er die Zunächststehenden zurück. Verdutzt machten sie ihm Platz, sie begriffen nicht, was er wollte; da er aber nicht auf seinen Wagen zuschritt, öffneten sie ihm bereitwillig eine Gasse, wenn er sie mit der Hand seitwärts schob.

Dicht neben dem angedrohten Laternenpfahl, auf den der Großonkel jetzt zusteuerte, stand ein altes Hökerweib mit einem Korb voll Veilchen. Er warf ihr ein Goldstück zu, nahm den Korb und griff einen Strauß heraus.

»Erzählt euren Frauen, das schickt euch der, den wir eben am Laternenpfahl aufgehangen haben«, sagte er, und drückte die Veilchen einem der neben ihm stehenden Männer in die Hand. Völlig verblüfft nahm der den Strauß und ließ, ohne den geringsten Einwand zu machen, den Großonkel an sich vorbeischreiten mit der Richtung auf seinen Wagen. Rechts und links Veilchen verteilend mit einem Gruß an die Frauen, erreichte er ungehindert seinen Wagen, und als er hineinsprang und die Pferde anzogen, jauchzten dieselben Menschen, die eben »An die Laterne mit ihm!« gebrüllt hatten, »Hurra! Hurra Wrangel!«

Der Belagerungszustand in Berlin dauerte bis zum 26. Juli 1849. So lange wohnte der Großonkel im Schloß. Er hielt dort eine gastfreie Tafel und zog sämtliche Offiziere und Bekannten dazu, die zum Stabe gehörten, aber auch noch andere Offiziere aller Grade lud er ein, sowie Staatsbeamte, Gelehrte, Künstler, Zeitungsredakteure und Fremde. Auf seinen Wunsch behielten die Militärpersonen während des Essens den Degen an der Seite. »Meine Herren«, pflegte er zu sagen, »wir sind im Kriegszustande, daher stets das Schwert an der Seite.«

Er selbst erschien immer bei der Tafel mit dem Degen. Als der Belagerungszustand aufgehoben wurde, bezog der Großonkel das Haus am Pariser Platz, das liebe Haus, wo ich nicht nur als Mädchen, sondern auch als junge Frau so viel ein und aus ging, und wo jedes einzelne Zimmer mir treu im Gedächtnis stehen geblieben ist.

Quelle:
Liliencron, Adda Freifrau von: Krieg und Frieden. Erinnerungen aus dem Leben einer Offiziersfrau, Berlin 1912, S. 24-30.
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