VII. Der Feldzug in Böhmen im Jahr 1866.

[66] Potsdam war jetzt unsere Garnison. Wie eine sonnendurchstrahlte, glückselige Zeit stehen die Jahre in Potsdam in meiner Erinnerung. Auch die bangen, angsterfüllten Stunden, die dazwischen durchgekämpft werden mußten, vermögen diesen Eindruck nicht abzuschwächen.[66]

Im September 1865 wurde unser geliebtes Kind, unsere Tochter geboren, das gab neuen Grund zu innigem Dank, zu erhöhter Freude. Ihre Taufe, die freilich erst spät sein konnte, da ich wochenlang sehr krank war, wurde mit ihren Großeltern im Kreise unserer Offiziere, der gelben Reiter, gefeiert, die, wie sie fröhlich und feierlich versicherten, das kleine Regimentskind gründlich verziehen wollten.

Im Jahre 1866 zogen von neuem die Kriegswolken auf. Man glaubte noch nicht daran und wollte sich die Gedanken an den Bruderkrieg aus dem Sinn schlagen, aber immer drohender sah es aus, und immer weniger konnte man sich dem Ernst verschließen, den die kommenden Tage bringen sollten!

Sehr deutlich taucht beim Niederschreiben vor mir das Bild des Frühlingstages auf, als ich mit meinem Manne den letzten Ritt vor der Kriegszeit machte. Es war ein sonniger Nachmittag, wir waren weit geritten und kamen jetzt nach Baumgartenbrück zurück. Abendliche Stille herrschte ringsum, wir ließen die Pferde langsam am Ufer entlang gehen. Der Krieg, der vor uns lag, das Scheiden und Meiden beschäftigte uns. Was würde die nächste Zukunft bringen? Ich verstummte, mir war das Herz schwer geworden. Glühendrot ging die Sonne unter. Mein Mann, um mich aus meinen Gedanken herauszureißen, machte mich darauf aufmerksam und zeigte auf mein Pferd. Der Schimmelhengst, den ich ritt, war wie mit einem brennendroten Schimmer übergossen. Was mich sonst entzückt hätte, verlor für mich in dem Augenblick jeden Reiz. Wie mit Blut übergossen erschien mein Mustapha, und die Schrecken des Krieges, Flammen, Wunden und Tod traten mir grell vor die Seele. Unwillkürlich schauerte ich zusammen, und es war mir wie eine Beruhigung, daß der blutigrote Widerschein der untergehenden Sonne auf meines Mannes Rappen nicht so scharf hervortrat. Er sah mich an, und ich verstand den Blick, gab ihm die Hand und versicherte: »Ich will tapfer bleiben.«

Das Regiment wurde mobil gemacht, sollte aber vorläufig noch in Hennickendorf im Kantonnementsquartier bleiben. Ein Maitag war es, wir hatten an der Wiege unseres schlafenden Kindes die letzten Abschiedsworte ausgetauscht, und nun stand ich am offenen Fenster. Wie ich es so oft gesehen, so sollte auch heute das Regiment an unserm Hause vorbeireiten.

Jetzt klang Musik – frische Marschmelodie. Die Trompeter auf ihren Schimmeln kamen, und dann die gelben Reiter mit den schwarzweißen Fähnlein, die so lustig im Morgenwind flatterten. Wie im Traume sah ich das alles und dankte mechanisch, wenn die Offiziere[67] den Säbel senkten und noch einmal heraufgrüßten. Aber wie ich erst unsern Rappen mit seinem Reiter erspäht hatte und sein Winken und Grüßen sah, da lehnte ich mich weit hinaus, bis nichts – gar nichts mehr zu entdecken war.

Immer ferner klang die Musik, immer mehr verhallte das Pferdegetrappel!

Die Worte unseres Kommandeurs Oberst Mirus, die er gesagt, als er, um Abschied zu nehmen, bei mir war, kamen mir in den Sinn. »Gedenken Sie nicht nur Ihres Mannes, wenn er im Felde steht«, hatte er gebeten, »denken Sie auch an das Regiment, und beten Sie auch für uns.«

Ja, das wollte ich tun! Gott möge meinen geliebten Mann behüten und unsere gelben Reiter!

Bis in den Juni hinein blieb das Regiment im Kantonnementsquartier. Es gab viel zu tun, denn ich hatte das ganze Haus voll Einquartierung. Da konnte ich nicht so oft, wie ich gern gewollt, nach Hennickendorf, und meinen Mann band der Dienst, der ihn nicht viel frei ließ. Aber wie es im alten Volksliede heißt:


»Kein Weg zu weit,

Und zu schwarz nicht die Nacht;

Wenn zwei sich sehn woll'n,

Es wird schon gemacht!«


So machten auch wir es möglich, uns noch mehrmals zu sehen; sei es, daß mein Mann auf eine Stunde herüberkam, oder daß ich nach Hennickendorf fuhr. Da teilte ich bei seinem bäuerlichen Quartierwirt die Mahlzeit, Pellkartoffeln und Hering, mit meinem Manne und wanderte dann glückselig froh mit ihm durch den Elsenbruch. Dabei konnten wir beinah vergessen, daß vielleicht schon der nächste Tag den Kriegsruf bringen mußte.

Anfang Juni erhielt das Regiment den Auftrag, nach der böhmischen Grenze zu rücken. Mein Vater, der die 26. Infanteriebrigade in Münster hatte, war für die Mainarmee bestimmt, die unter dem Befehl des Generals Vogel von Falkenstein stand. Der Schutz der westlichen Provinzen des Staates war dieser Armee zugewiesen, und die Division Goeben, zu der mein Vater gehörte, sollte nun zuerst gegen Hannover marschieren, um möglichst die Konzentrierung der feindlichen Armee zu verhindern.

Sobald mein Vater ausgerückt war, kam meine Mutter zu mir, und da der Arzt für mich eine Erholung wünschte, so gingen wir mit meiner Kleinen nach Suderode.[68]

Mein Mann wurde, nachdem das Regiment die Grenze überschritten hatte, Ordonnanzoffizier bei dem Generalleutnant von Plonski, Kommandeur der 2. Gardeinfanteriedivision, die zur II., zur Armee des Kronprinzen gehörte. Seine täglichen Briefe brachten mir genaue Nachricht über erfolgreiche Patrouillenritte, über das Gefecht bei Czervenahora, das unsere gelben Reiter gehabt, und über das Vorgehen der Truppen, soviel er davon erfuhr. »Wir leben hier im Stabe wie eine große Familie«, schrieb mir mein Mann, »ich bin sehr dankbar für diese angenehme Stellung, man erfährt alles, was vorgeht, und wird tüchtig herumgeschickt.«

Dann auf einem abgerissenen Blatt mit Bleistift die Notiz: »Gefahrvoller, aber herrlicher Ritt – konnte die Verbindung mit dem V. Korps, das eine sehr glückliche Schlacht geliefert hatte, herstellen. Ein feindliches Regiment suchte die Verbindung zu hemmen, ich kam aber ungefährdet hin und zurück. Auf meine Meldung ging das Gardekorps vor. Gelobt sei Gott, er schütze uns ferner.

Dein glücklicher, aber sehr müder ...«


Und nun kam Königgrätz. Mein Mann war am frühen Vormittag ausgeschickt, um Meldung zu bringen, wie die Schlacht stände. Der Kronprinz war noch nicht eingetroffen, und – wie bekannt – schien es in jenen Stunden mehr als bedenklich, ob die Entscheidung des Tages für unsere Truppen günstig ausfallen würde. Mein Mann hat später so oft mit mir darüber gesprochen, daß ich vollständig mit ihm fühlen und mich in die Eindrücke hineinleben konnte, die ihn damals mit elementarer Gewalt bestürmt hatten.

Was er, um genaue Meldung bringen zu können, hier und da bei den einzelnen Truppenteilen zu erfahren suchte, lautete ungünstig, ja besorgniserregend; die Ankunft der Armee des Kronprinzen wurde voll unruhiger Spannung erwartet. Mein Mann verhehlte es sich nicht, die Schlacht stand auf dem Punkt, verloren zu gehen. Vorwärtsdringend sah er, wie preußische Kavallerie in aufgelöster Ordnung zurückjagte, verfolgt von einem geschlossenen Regiment österreichischer Kürassiere. Welch ein junges Soldatenherz überlegt in solchem Augenblick, ob es überhaupt möglich ist, als einzelner fliehende Kavallerie aufzuhalten, und setzt nicht ohne Besinnen seine ganze Person ein, um die Zurückweichenden zum Stehen zu bringen und ins Gefecht zu zwingen!

So warf sich denn auch mein Mann den Davonjagenden entgegen, rufend, befehlend und mit aller Macht gegen den Strom drängend in der verzweifelten Anstrengung, wenigstens einige der Leute mit sich fortzureißen zur Gefechtsaufnahme. Geschah das nur erst von einzelnen, so folgten mehr, und die Panik war gebrochen.[69]

Ob ihm die Reiter folgten, oder ob er allein dem Feind standhielt, das wußte er später nicht. Die Kürassiere brausten heran, und über seinen Kopf sausten ihre Säbelhiebe. Bei dem ersten, der ihn traf, schwankte er im Sattel, und ehe er sich wieder aufraffen konnte, bekam er den zweiten Säbelhieb und sank besinnungslos vom Pferde. Über ihn fort jagten die Reiter, aber kein Pferd trat ihn, nur Säbelhiebe und Stiche trafen ihn noch, während er am Boden lag, davon zeugten die Wunden am Arm und an der Hand. Sein getreuer Rappe trug dieselben Wunden davon wie sein Herr, zwei Hiebe über den Kopf und Stiche im Vorderbein. Blutend und herrenlos irrte das gute Tier umher, wurde aber aufgegriffen und kam dann wieder zum Stab der 2. Gardedivision zurück. Unseren braven Rappen haben mein Mann und ich nachher noch oft geritten.

Die Säbel der Kürassiere müssen haarscharf gewesen sein, denn an der Mütze, die mein Mann trug, und die ich noch heute habe, ist der Deckel und der Schirm von den beiden Hieben wie mit einem Rasiermesser durchgeschnitten.

Als mein Mann aus seiner Betäubung erwachte, war die wilde Jagd von Freund und Feind vorüber. Das Blut, das sich über sein Gesicht ergossen, war angetrocknet und hatte sich zu einer Art Maske verdichtet, die ihn am Umblicken hinderte. Die Schwäche, durch den Blutverlust verursacht, erschwerte ihm das Aufrichten, aber mit starker Willenskraft brachte er es doch zustande und suchte sich weiterzuschleppen. Es zeigte sich Hülfe. Ein Ulan, der noch sattelfest war, trotz seines Schusses im Bein, kam angeritten. Den einen Steigbügel hatte ein verwundeter Offizier erfaßt und ließ sich auf diese Art weiterschleppen. Mein Mann griff nach dem anderen, und so ging es nach Horsitz. Eine kalte, regnerische Julinacht war es. Der ganze Marktplatz, sowie die Straßen, lag voll Verwundeter, und durch ihre Reihen flackerten die Laternen der Krankenträger, schritten die Ärzte mit Verbandzeug, unermüdlich ihres Amtes wartend. Aber gegenüber dieser Masse von Verwundeten reichten die hülfreichen Hände nicht aus.

Mein Mann wollte den schwerer Verwundeten den Vorrang lassen. Todmüde, klappernd vor Frost und dann wieder vom Wundfieber geschüttelt, warf er sich in einen Holzschuppen auf das Stroh und schlief ein. Beim Erwachen packte ihn ein jäher Schreck, als er in dem halbdunklen Raume Weißröcke um sich zu erblicken glaubte. War er in die Gefangenschaft der Kürassiere geraten, die ihn vom Pferde gehauen hatten? Der Gedanke war so qualvoll, daß er ihn kaum zu er tragen vermochte. Aber da drangen Töne an sein Ohr, die sich für ihn zur erlösenden, herrlichen[70] Melodie gestalteten, und es war doch nichts anderes, als das laute Geschnatter der Weißröcke, die sich als harmlose Gänse entpuppten.

Erst gegen Morgen konnte mein Mann verbunden und in das Lazarett gebracht werden. Eine ihm unvergeßliche Stunde erlebte er dort; das war, als die ehrwürdige Gestalt des Königs an den Betten der Verwundeten entlang schritt, bei jedem einzelnen verweilend. Für alle diese Braven, die ihr Blut für das Vaterland hingegeben, hatte der hohe Herr einen warmen Blick, ein tröstendes oder aufmunterndes Wort!

Auch mein Mann durfte tiefbewegt die teure Hand des Königs küssen und die freundlichen Worte vernehmen, mit denen der vielgeliebte Hohe Herr ihn seiner Anteilnahme und seiner Huld versicherte.

Durch einen Offizier unseres Regiments bekam ich die erste Nachricht von der Verwundung meines Mannes, doch schrieb er mir beruhigend dabei, daß seine Wunden nicht lebensgefährlich wären und er bei voller Besinnung sei. Ein paar kurze Bleistiftgrüße, mit zitternder Hand geschrieben, folgten, die mir mein Mann vom Lazarett aus schrieb, und dann kam die Nachricht, daß er mit dem ersten Transport Verwundeter nach der Heimat geschickt würde und zu uns nach Suderode kommen wollte.

War das ein Hoffen und Sehnen, ein Freuen und Bangen, als ich meinen geliebten Verwundeten erwarten durfte! Am 3. Juli hatte er die Kopfhiebe bekommen, und in der Nacht zum 15. stand er schon vor der Tür unseres kleinen Hauses in Suderode und pochte an.

Wohl war es ein Wiedersehen, das mit tief innigem Dank empfunden wurde, aber es war kein stürmisches, jubelndes, sondern ein ernst bewegtes, in das sich bei mir die zitternde Sorge um den auf das äußerste Erschöpften mischte.

Die ersten zwei Tage lag mein Mann in völliger Apathie da, und wenn er so mit geschlossenen Augen ruhte, trat die Veränderung in seinen lieben Zügen scharf hervor. Die frischen Farben waren verschwunden, die Augen lagen tief, und über den glatt rasierten Kopf, wie über die Stirn bis zur Schläfe hin lief die fingerdicke Geschwulst der Wunde, die noch eiterte. Doch mit Gottes Hilfe überwand seine durch und durch gesunde Natur bald die große Schwäche und er erwachte wieder zum Leben, zur Freude und zum Dank. Die sonnigen Tage konnten wir im Freien genießen, umjubelt von unserm Kinde und von mütterlicher Fürsorge umgeben. Der kleine Badeort hatte teilgenommen an der Sorge um den verwundeten Krieger, jetzt freuten sie sich mit mir, einen der Kämpfer von Königgrätz in ihrer Mitte zu haben.

Kaum aber, daß sich mein Mann einigermaßen erstarkt fühlte, so trieb ihn sein Pflichtgefühl zurück zu der Truppe. Noch war ja der[71] Friede nicht geschlossen, da durfte er nicht einen Tag länger bei mir bleiben, als es seine Gesundheit unbedingt verlangte. So sagte er mir, und ich mußte ihm recht geben, wenn mir auch diesmal das Scheiden doppelt schwer wurde, nachdem der Tod ihm so nahe gewesen.

Nach zehn Tagen – die Wunden eiterten noch – reiste er wieder ab. Einen Choleraanfall, der ihn packte, als er in das Böhmerland kam, überwand er schnell. Wie er meinte, dadurch, daß er die Fahrt beim Schaffner, oben auf dem Eisenbahnwagen sitzend, fortsetzte und durch den scharfen, frischen Luftzug geheilt wurde.

In Sorge um seine noch nicht geheilten Wunden hatte ich ihn ziehen lassen, aber seine Briefe beruhigten mich mehr und mehr. Er schrieb, wie immer, voll Gottvertrauen und freudig, hatte wieder seinen ihm so lieben Platz bei der Gardedivision und scherzte heiter: »Im ersten Feldzug, an der polnischen Grenze, holte ich mir die Braut; im zweiten, in Holstein, den ersten Orden, und im dritten die fünf Wunden.« Der Kampf war in Böhmen zu Ende, der Waffenstillstand geschlossen, und, Gott sei Dank, nun konnte man sagen: »Die Waffen ruh'n, des Krieges Stürme schweigen.« Und nicht allein das; glorreich ging zu Ende, was wenige Kampfestage entschieden hatten.

Wie aber der Großonkel jene Kriegszeit durchlebte, das will ich aus den Aufzeichnungen des Grafen Kalnein schöpfen, der darüber schreibt: »Als der Ausbruch des Krieges gegen Österreich drohte, erwachte im Feldmarschall wieder der gewohnte Tatendrang und der sehnliche Wunsch, den Feldzug mitzumachen. Als Führer der Truppe wäre er mit seinen 82 Jahren keine genügende Kraft gewesen, aber seine Soldatennatur ertrug es noch nicht, untätig daheim zu bleiben, während draußen gekämpft wurde; so bat er den König um die Erlaubnis, freiwillig mit seinem Regiment, den 3. Kürassieren, mitgehen zu dürfen. Ein paar Tage später erhielt der Feldmarschall noch die Kabinettsorder, in der es ihm gestattet wurde, sich seinem Regiment als Chef während des Feldzuges anzuschließen. Das Regiment solle Befehl erhalten, ihm alle Ehren und Rücksichten zu erweisen, die einem preußischen Feldmarschall und Regimentschef zuständen. Über den Tag der Abreise von Berlin würde ihm die Allerhöchste Order noch zugehen. Sie kam im Juli am Tage, nachdem der König sich zur Armee begeben hatte, und wir fuhren noch an demselben Abend bis Landshut und blieben dort die Nacht. Dann ging es zu Pferde bis Horsitz, wo wir den König fanden, bei dem der Feldmarschall sich meldete. Horsitz liegt nicht weit von Königgrätz, es war erst zwei Tage her, daß dort die siegreiche Schlacht geschlagen war, und wir besuchten daher auch in Horsitz die[72] überfüllten Lazarette. In einem derselben fanden wir den Leutnant Frhr. von Liliencron, der von einigen Säbelhieben österreichischer Kürassiere verschiedene Kopfwunden davongetragen hatte. Von nun an irrten wir in Österreich umher, um das 3. Kürassierregiment zu suchen. Ohne jede Bedeckung mußte ich den einzigen preußischen Feldmarschall der Armee durch Feindesland führen und zu erfahren suchen, wo das I. Armeekorps und wo das 3. Kürassierregiment aufzufinden sei. Dies war keine ganz leichte Aufgabe, zumal mit dem unruhigen und ungeduldigen Feldmarschall.

Endlich, am 12. Juli, fanden wir das Regiment an der ungarischen Grenze in Mährisch-Trübau. Der Feldmarschall, der den Gedanken mit dem Freiwilligen doch noch nicht ganz los geworden war, begab sich sofort zum Kommandeur, Oberst Graf Dohna, meldete sich bei ihm als Freiwilliger und fragte ihn, welcher Eskadron er ihn zuteilte und wer diese Eskadron kommandiere. Als Graf Dohna den Feldmarschall öfters mit Exzellenz anredete, wurde er ihm sehr grob und sagte: ›Einen Freiwilligen nennt man nicht Exzellenz.‹ Dann begaben wir uns zum Premierleutnant v. Schmiedeseck, der die 3. Eskadron für den erkrankten Rittmeister führte. Wir trafen ihn im Schlafrock auf dem Sofa liegend und eine Käsestulle essend. Als er den Feldmarschall eintreten sah, sprang er fassungslos auf vom Sofa und warf dabei den Stuhl um, auf dem der Käseteller stand. Der Feldmarschall rief ihm zu: ›Beruhige dir, mein Sohn, zieh dir Uniform an, und dann nimm meine Meldung an und sage mir, wo ich meinen nächsten Dienst habe.‹ Ich stand hinter dem alten Herrn und machte Schmiedeseck, der aus alledem nicht klug werden konnte, beruhigende Zeichen. Endlich verständigten wir uns so weit, daß Schmiedeseck dem Feldmarschall sagte, das Regiment hätte den Befehl ausgegeben, daß die Eskadrons morgen früh um 7 Uhr am östlichen Ausgang des Dorfes zum Marsch bereit stehen sollten. ›Und bei welchem Abmarsch soll ich reiten?‹ fragte Wrangel. Wieder machte ich dem gänzlich fassungslosen Schmiedeseck Zeichen, und er stammelte dann: ›Bitte beim Standartenabmarsch zu reiten.‹ – Hierauf begaben wir uns in unser sehr gutes Quartier. Am nächsten Morgen fanden wir uns pünktlich um 7 Uhr beim Regiment ein. Der Kommandeur und das ganze Offizierkorps kam uns entgegengesprengt. Der Feldmarschall ritt dann an die Standarte heran, ergriff sie, nahm seinen Helm ab und sagte: ›Dir habe ich vor 70 Jahren Treue geschworen. Ich habe die Treue gehalten. Jetzt bin ich wieder bei dir und reite mit dir auf Tod und Leben.‹ Dann richtete er noch einige herzliche Begrüßungsworte an das Regiment. Kein Auge blieb trocken. Unter den Klängen des Hohenfriedberger Marsches marschierte das Regiment ab.[73]

Von nun an blieb der Feldmarschall ganz beim Regiment. ›Zum Einhauen‹, was er sich so sehnsüchtig gewünscht, kam es nicht mehr, wohl aber hat der alte Herr oft außerordentlich anstrengende Märsche mitgemacht und nicht selten erbärmliche Quartiere und auch recht mangelhafte Verpflegung gehabt. Wenn auf dem Marsche das Regiment absaß, so brachte man ihm einen hölzernen Schemel, auf dem er sich ausruhte. Diesen Schemel hatten ihm die Unteroffiziere des Regiments angeschafft. Er hat denselben später nach Berlin mitgenommen, wo er ihm bis an sein Lebensende vor seinem Schreibtisch als Schreibstuhl diente.

Die meisten Ortschaften, in welche die preußischen Truppen kamen, waren von den Einwohnern verlassen, was die Requisitionen und die Verpflegung sehr erschwerte. So war es auch in einem Dorf, in welchem wir eines Tages Quartier nahmen. – Kurz ehe der Feldmarschall zu Mittag speisen wollte, saß er auf einer Bank vor dem Hause. Da öffnet sich gegenüber in einem Häuschen eine Tür, und schüchtern tritt ein uraltes Männchen heraus, geht auf den Feldmarschall zu und sagt ihm, er wäre wohl schon ein sehr alter Herr, er würde wohl Mitleid mit ihm haben und ihn schonen. Die Seinigen hätten ihn alle verlassen, und ihn, weil er alt und schwach sei, nicht mitgenommen. Er müsse nun hier verkommen.

Der Feldmarschall ließ ihm das Mittagsessen, das für ihn bestimmt war, sowie einige Flaschen Wein und ein Geldgeschenk geben und begnügte sich den Tag mit trockenem Brot und etwas Schokolade.

Aber bei alle den wechselnden und tiefen Eindrücken, die in jenen Tagen auf den Großonkel einstürmten, vergaß er nicht, sich daran zu erinnern, daß in dem Dörfchen Prussinowitz die kleine Gemeinde so arm war, daß sie ihrer Kirche keine Glocke hatte geben können. Nun war es für ihn eine Freude, die Glocke zu stiften, und ihnen das an dem Tage kundzutun. Als er sie dann später übersandte, wurde sie bewegten Herzens vom Pfarrer und der Gemeinde empfangen. Sie trägt die Inschrift: ›Gott sei gelobt, der uns den Frieden gegeben. Prussinowitz, 12. August 1866. Graf Wrangel, Freiwilliger im Ostpreußischen Kürassierregiment Nr. 3.‹

Den 15. August, den Tag, wo der Feldmarschall vor 70 Jahren in das Kürassierregiment eingetreten war, feierte er in dem Hause des österreichischen Feldmarschalls Baron von Laudon.

Über den Festtag in Bystritz und den Abschied vom Regiment schreibt Graf Kalnein noch:

Während des Essens in Bystritz übergab der Feldmarschall dem Baron einen Brief mit den Worten: ›Lies doch, mein Sohn, ob du das tun willst.‹[74]

Der Baron las, und es rollten ihm Tränen über die Backen. Er erhob sich, umarmte den Feldmarschall und küßte ihm, keiner Worte fähig, die Hand.

Der Feldmarschall hatte nämlich dem Schreiben tausend Taler beigefügt, mit der Bitte, dieselben durch das österreichische Kriegsministerium den Hinterbliebenen seines Wrangel-Kürassierregiments zugehen zu lassen, welches bei Königgrätz in der Brigade mit den Prinz-Karl-von-Preußen-Kürassieren vollständig vernichtet worden war.

Am 16. August begab sich der Feldmarschall, da der bereits bestehende Waffenstillstand zweifellos mit dem Friedensschluß enden würde (und auch endete), nach Berlin zurück. Tags zuvor hatte er, als er nach dem Diner das Offizierkorps mit herzlichen Abschiedsworten entließ, den Kommandeur gebeten, von seiner Abreise keinerlei Notiz zu nehmen, ein wiederholter Abschied vom Regiment würde ihn zu sehr angreifen.

Als wir aber morgens 7 Uhr im offenen Wagen zur Bahnstation fuhren, sahen wir plötzlich auf einer Wiese neben dem Wege das Regiment in Parade aufgestellt. ›Ach mein Sohn‹, sagte er zu mir, ›das ist zu viel! Ich kann nicht!‹ ›Aber Exzellenz‹, erwiderte ich, ›werden doch einen Augenblick halten müssen.‹ Schon war der Kommandeur am Wagen und machte Meldung. ›Kalnein! Rasch mein Pferd!‹ rief der Feldmarschall. Da ich hinter der Front des Regiments Offizierhandpferde bemerkte, eilte ich dorthin, bestieg schnell eins derselben, nahm ein anderes an die Hand und brachte es dem Feldmarschall, der es bestieg und die Bügel, die nicht gleich passen wollten, wie er es oft zu tun pflegte, über den Sattel warf. Nun übernahm der Feldmarschall das Kommando des Regiments, ließ es rechts und links zum Karree schwenken und hielt mit weit hörbarer Stimme eine Ansprache, die allen tief zu Herzen ging und kein Auge trocken ließ.

Er sagte, er sähe und kommandiere heute sein geliebtes Regiment zum letzten Male. Das Regiment brauche, wenn er stürbe, nicht zu seinem Begräbnis zu kommen, denn dies wäre heute seine Trauerparade. – Er schloß dann seine Worte mit einem begeisterten Hoch auf S.M. den König. Hierauf zog er den Degen und führte das Regiment an dem Kommandeur vorbei.

Nach beendetem Parademarsch umarmte er den Kommandeur, steckte den Degen ein und jagte im schnellsten Galopp zum Wagen, stieg ab, setzte sich in den Wagen und rief dem Kutscher zu: ›Vorwärts, was die Pferde laufen können!‹ Das Offizierkorps aber ließ es sich nicht nehmen, trotz fortwährenden Abwinkens des Feldmarschalls, seinem geliebten Chef bis zum Bahnhof das Geleit zu geben.[75]

Als der Zug abging und die Offiziere dem Feldmarschall das letzte ›Lebewohl‹ und das letzte ›Hurra‹ zuriefen, sank er übermannt vor Rührung in meine Arme. – So endete des Feldmarschalls Teilnahme an dem Feldzug 1866. –

Das Regiment hat er 1870, als dasselbe durch Berlin kam, noch einmal wiedergesehen und es persönlich durch Berlin geführt.«

Ein Andenken aus dem Jahre 1866, das Graf Kalnein schon erwähnte, möchte ich noch näher beschreiben. Es ist das der schlichte Holzsessel, der vor dem Schreibtisch in der Arbeitsstube des Großonkels stand. Auf einer Messingplatte an der Rückseite der Lehne konnte man lesen:


»Dieser Schemel wurde mir in freundlicher Aufmerksamkeit durch den Leutnant Karl zu Eulenburg am 11. Juli 1866 auf dem Halteplatz des Ostpreußischen Kürassierregiments Nr. 3 bei Mährisch-Trübau gebracht und nachher auf dem Bagagewagen mitgenommen. So bin ich, der ich Freiwilliger im Regiment war, von meinen lieben Kameraden mit sorgender Aufmerksamkeit verwöhnt worden, und in dankender Erinnerung hieran wird der Schemel mir stets wert bleiben:

Berlin, 11. Juli 1867, am Jahrestag von Mährisch-Trübau.

Graf Wrangel.«


Und noch eines anderen Andenkens aus dem Jahre 1866 will ich gedenken. Es stammt nicht aus dem Kriege, sondern ist eine wehmütige Erinnerung, die für die Hohe Kronprinzliche Familie ihren Schatten auf die Feststimmung jener Siegestage warf.

Im Arbeitszimmer des Großonkels, auf dem Fensterbrett, lag unter einer Glasglocke eine kleine Feldmütze, weiß mit blau, die Farbe der Wrangel-Kürassiere, die einem frühzeitig aus dem Leben abgeschiedenen Prinzen unseres Königlichen Hauses gehört hatte, dem Prinzen Sigismund von Preußen.

Dem Feldmarschall war die hohe Ehre zuteil geworden, der am 18. Oktober 1864 stattfindenden Taufe als Pate des jungen Prinzen beizuwohnen. Der alte Herr richtete dann in tiefster Ehrfurcht die Bitte an Se. Königliche Hoheit den Kronprinzen, daß er, als Repräsentant der Armee, seinem hohen Patenkinde die Mütze der Wrangel-Kürassiere und einen Degen geben dürfe. Die Bitte wurde huldvollst genehmigt und zugleich bestimmte Se. Königliche Hoheit, die Länge des Degens so einzurichten, daß ihn der Prinz tragen könne, wenn er zum ersten Male in der Parade mit der Leibkompagnie des Garderegiments zu Fuß vorbeimarschieren müsse.[76]

Nach dieser Weisung wurde der Degen angefertigt, und der Feldmarschall überreichte ihn dem Prinzen Sigismund an seinem ersten Geburtstage. Auf der einen Seite der Klinge trägt dieser Säbel die Inschrift:


»Herr Gott, segne die Waffe, segne, die sie hebt, die Hand«


Auf der anderen Seite steht:


»Die Tat erwogen, dann rasch gezogen

Und kühn vollbracht, so ist's gut gemacht.«


Als nun der junge Prinz während der Abwesenheit des kronprinzlichen Vaters in schwerer Kriegszeit am 18. Juni 1866 starb, sandte Ihre Königliche Hoheit dem Großonkel, als dieser aus dem Kriege heimkehrte, die Mütze des kleinen verklärten Lieblings. Neben der preußischen Kokarde war ein Löckchen des jungen Prinzen angeheftet. Ihre Königliche Hoheit die Frau Kronprinzessin bestimmte zugleich, daß nach dem Tode des Feldmarschalls die Mütze wieder in Höchstihren Besitz gehen solle. Auch der Degen wurde dem Feldmarschall zurückgesandt. Beide Andenken erfüllten den alten Herrn, so oft er ihrer gedachte, mit tiefer Wehmut. Bald nachher wurde ihm noch die Freude, daß er diesen Degen an den Prinzen Wilhelm von Preußen überreichen durfte, der ihn gnädig annahm und ihm schriftlich seinen herzlichen Dank aussprach.

Quelle:
Liliencron, Adda Freifrau von: Krieg und Frieden. Erinnerungen aus dem Leben einer Offiziersfrau, Berlin 1912, S. 66-77.
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