2. Gespräch mit Zelter.

[97] Ich hatte meinen Hokus Pokus im Berliner Opernhause abgemacht, und suchte nun Zelter auf. Er saß am Tisch und frühstückte. Eine Bouteille Rothwein war schon zur Hälfte geleert. Er empfing mich freundlich mit den Worten: »Sie kommen mir ganz à propos. Ich probire eben ein gutes Geschenk von Freundeshand, und thue das jederzeit lieber in Gesellschaft, als allein. Nehmen Sie Platz und helfen Sie mir.« Er holte aus einem Wandschrank noch ein Glas herbei und schenkte ein.

»Sie haben mit ihm gesprochen?« fuhr er fort. »Ich beneide jeden Weimaraner, Goethe soll leben«, rief Zelter fröhlich aus, indem er mir das Glas zum Anstoßen entgegenhielt.

Bis an die möglichste Grenze des Menschenlebens, fügte ich hinzu, und that einen guten Zug,[97] wodurch meine Befangenheit, Zelter gegenüber, schon um einen Grad geringer wurde.

»Ich war gestern im Theater«, sagte Zelter. »Sie werden mit den Berlinern zufrieden sein, der Rumor war groß. Ihr Spiel und Ihre Compositionen haben mir gefallen, und ich stimme diesmal mit meinen Landsleuten überein.«

Nicht immer, Herr Professor? fragte ich.

»Nein, wahrlich nicht« – erwiderte er lachend. – »Meine guten Berliner machen in Sachen der Kunst Bétisen. – Wer war Ihr Lehrer in der Composition?«

Koch, Albrechtsberger, Marpurg u.s.w., erwiderte ich.

»Also sind Sie Autodidakt?« fragte Zelter.

Leider! Ich habe, außer auf Instrumenten, keine andern Lehrer gehabt als – zusammengeborgte Bücher.

»Ei, da sind wir ja Collegen«, sagte Zelter. »Auch ich bin ein solches Stiefkind der Lehre; nur hatte ich's jedenfalls schlimmer als Sie, denn Sie sind gleich in Ihr rechtes Element gekommen, ich aber habe meine Jugend mit der Kelle hinbringen, der Kunst wie ein Spitzbube bei Nacht abstehlen müssen, was sie Andern zugeworfen.«

Nun, sagte ich keck, – ich hatte das zweite[98] Glas hinunter – dann sind Sie der glücklichste Spitzbube, denn Sie haben sich reich gestohlen und gehen überdies geliebt und berühmt in die Unsterblichkeit hinein.

»Na, Gott sei Dank, einige gute Seelen haben mich lieb, ja, aber es sind ihrer verflucht wenige. Berühmt? Einiger Lieder wegen, die mancher Andere ebenso gut, mancher Andere besser gemacht hat? In die Unsterblichkeit? Das ist gewiß – am Rockschoße Goethe's, denn an der Hand meiner Thaten würde ich nicht weit kommen. Er soll leben, mein herrlicher Freund, er soll leben!«

Zelter schellte und ließ noch eine Flasche Rothen bringen.

»Um auf den Autodidakten zurückzukommen«, fuhr er fort, »so hat die Sache doch auch eine gute Seite. Es wird einem ohne Lehrer freilich sauer, Etwas zu lernen, es geht langsamer, der Vorrath an Kenntnissen muß ein geringerer bleiben, dagegen wird der Geist auch zu emsigerer Tätigkeit, zu selbsteigenem Denken angestachelt. Den Studirenden wird Alles so bequem dargereicht, daß sie nur zuzulangen brauchen, und was man leicht erwirbt, schätzt man nicht immer nach Würden. Rousseau, Franklin, Shakspeare haben sich selbst geholfen, und das muß jeden trösten,[99] dem die Universität die Brüste ihrer Weisheit nicht hat reichen wollen.«

Ach, seufzte ich, das waren seltene Genies, und besonders günstige Umstände kamen ihnen zu Hülfe! Den Talenten, glaube ich, thut eine gute geregelte Führung durch Schule und Universität noth!

»Wissen Sie, was ich für das Universalmittel halte, emporzukommen? Anspannung heißt's! Aufgaben schwerster Art muß man sich so oft wie möglich stellen, und mit ihnen sich herumbalgen, bis man Angstschweiß schwitzt. Kein Mensch kann wissen, was in ihm liegt, wenn er nicht in seinen Kräften herumstört. Denken Sie sich einen Brief von Goethe und seinen – Faust. Ersteren diktirt er in der Minute, und tausend andere Menschen können das auch. Aber Faust! Welche ungeheure Anspannung des Geistes verwendete Goethe darauf, dreißig Jahre hindurch. Hätte er mit der Geisteskraft, die er zu einem Briefe brauchte, nur eine Seite Faust herausgefordert? Da mußten die Geistessehnen ganz anders angespannt werden. Solche Anspannungen scheuen die meisten Menschen, und darum die Seltenheit großer Thaten.«

Das ist ein herrlicher Gedanke, rief ich aus. Sie meinen natürlich nicht, daß, wer sich wie Goethe anspannt, auch Werke wie Goethe schaffen werde,[100] sondern nur, daß jeder durch öfters wiederholte Anspannungen seine relativen Kräfte steigern und sich, wie man zu sagen pflegt, selbst übertreffen könne.

»Das meine ich«, sagte Zelter, »und denke, daß, wenn alle begabten Menschen mein Universalmittel benutzten, nicht so viel leeres Stroh in die Welt gestreut und diese bereits viel weiter vorwärts gekommen sein würde. Aber da schreiben die faulen Hundsfötter im Schlafrocke des Geistes ein Stück, eine Oper, einen Roman, wie einen Brief. Ich wünsche oft, ich könnte den Faulpelzen ein Donnerwetter aufbrennen wie meinen Gesellen.«

Freilich, sagte ich zu Zelter, gehört zu solchen geistigen Anspannungen auch ein Körper, wie ihn Goethe besitzt. Wie Viele sind fähig, im einundsiebzigsten Jahre noch so zu arbeiten, wie er.

»Ein tüchtiger Körper ist wohl was werth«, sagte Zelter, »aber auch in schwachen und kranken haben mächtige Geister gewohnt; denken Sie an Schiller. Uebrigens irren Sie sich in Goethe's Alter«, fügte Zelter hinzu, indem er sein Glas austrank und sich und mir wieder einschenkte.

Ich bitte um Verzeihung, Herr Professor, sagte ich, von 1749 bis 1820 macht 71.

»Richtig«, sagte Zelter, »und doch sage ich Ihnen, Goethe ist viel, viel älter.«[101]

Was mag der alte Pfiffikus damit meinen? dachte ich, und suchte seiner Rede dunkeln Sinn zu ergründen. Mein stutzig nachsinnender Blick schien ihn zu amüsiren. Ueberhaupt färbte der Wein seine Laune wie sein Angesicht rosiger.

»Wir Alle könnten älter sein.« Da ich erwartend still schwieg, fuhr Zelter heiter fort: »Was heißt leben? Essen und trinken thut der Leib, und Goethe's Leib ist 71 Jahre alt. Aber der Geist des Menschen schaut zurück in die Zeiten und so weit ihm die Geschichte zur Kenntniß kommt, so lange hat er gelebt. Was Sie gestern gesehen, ist heute für Sie Erinnerung, wie das, was Sie über ein Ereigniß vor tausend Jahren gelesen. Das giebt sechstausendjähriges Wissen. Der Dichter hat zur Darstellung desselben die Vergegenwärtigungskunst. Wer besitzt sie in höherem Grade als Goethe? Finden Sie zwischen ›Jery und Bätely‹, deren Zeit Goethe's Leib durch wandelt hat, und ›Tasso‹ einen Unterschied? Hat Goethe's Geist nicht jene entfernte Zeit, das italienische Land und Volk, auch durchlebt? Darum ist Goethe 6000 Jahre alt, denn so weit gehen seine Erinnerungen und Studien in allen Hauptdingen, welche sich auf unserer Erde zugetragen, zurück.«[102]

Sie haben wahrlich Recht, Herr Professor, rief ich aus, und Sie machen mich glücklich durch die Entdeckung, daß ich statt dreiundzwanzig wenigstens schon einige hundert Jahre alt bin.

»Man zu«, sagte Zelter lachend, »Sie haben noch viel Zeit vor sich, um rückwärts alt werden zu können.«

Das war eine unglückliche Aeußerung! Ich stand zu jener Zeit in der Blüthe der Hypochondrie, und mitten in die heitere Situation kam mir der vertrackte Gedanke an mein nahes Ende! Der Kopf sank mir mit einer miserablen Miene auf die Brust herab.

Zelter machte große Augen, und fragte mich überrascht, ob mir unwohl sei? Ich begann ein lamentables Adagio von meiner Ahnung eines baldigen Endes zu fingen.

Er brach in schallendes Gelächter aus und sagte: »Zum Teufel, was ist das? Wenn Sie mir so kommen, Herr, so sind Sie nicht werth, daß Sie in Weimar leben. Kopf in de Höhe! Glas an den Mund! Sie haben vielleicht schon gehört, daß ich zuweilen sehr grob sein kann.«

Dies wurde mit einer so gutmüthigen Laune herausgepoltert, daß der böse Geist in mir um so leichter verscheucht wurde, als der Wein ihm schon seine[103] Kraft geraubt hatte. Ich nahm mich zusammen, that einen guten Zug, bat um Verzeihung wegen der unmännlichen Aeußerung, die in dieser glücklichen Stunde in seiner Gegenwart eine doppelte Sünde sei, und bat um Erlaubniß, die Frage an ihn stellen zu dürfen, wie er bei der Composition seiner Lieder zu Werke gehe.

»Erklären Sie mir erst, was Sie zu dieser Frage veranlaßt«, sagte Zelter.

Wie beim Mechanischen, sagte ich, kommt gewiß auch beim geistigen Schaffen Viel auf die Methode an; ob man eine Aufgabe so oder so anfängt, so oder so weiterführt, wird nicht einerlei sein. Da nun Ihre Lieder z.B. den Sinn des Dichters immer auf den Kopf treffen, so vermuthe ich, daß neben dem, was unwillkührlich in Ihnen dabei thätig und nicht auszusprechen ist, auch die Methode, deren Sie sich bedienen, ihr Gutes dazu thut.

»Ich wüßte nichts Besonderes über mein Verfahren zu sagen«, sagte Zelter hierauf. »Ich suche vor Allem den Geist des Gedichts zu erfassen; lese es, bis ich's auswendig weiß, und recitire mir's hier und da einmal vor. Da springt denn wohl einmal die Melodie gleich fix und fertig heraus, ohne daß ich eine Note daran zu ändern brauchte.«[104]

Das bestätigte die Behauptung Mancher, fiel ich ein, daß die erste Conception jederzeit die beste sei.

»Dummes Zeug!« erwiderte Zelter, »so können nur Esel reden. Die Natur bringt ihre Werke alle nur nach und nach hervor, und ihrer Methode folgten und folgen alle rechten Künstler. In der Regel kommt auch mir die Melodie langsam und stückweise. Wenn ich die Wortreihe des Gedichts vor meinem Geiste vorüberziehen lasse, so bleiben einzelne Verse noch todt, bei andern schießen die Tonblumen dazu schon hervor; jede Wiederholung setzt Weiteres an, bis endlich das ganze Gedicht sich in die Melodie eingekleidet hat.«

Dann ist Ihr Lied fertig? fragte ich.

»Selten«, erwiderte er, »gewöhnlich muß ich die Feile ansetzen, und das ist für mich die mühsamste, oft qualvolle Arbeit. Habe ich hier eine schwache Stelle abgeraspelt, so ist nicht selten eine daneben liegende gute mit verletzt und ich muß diese nun wieder um jener willen feilen. Da möcht' ich oft gleich davonlaufen, und gewöhnlich thue ich's auch. Haben Sie Lieder componirt?«

Unglückliche Versuche, erwiderte ich, wovon mich noch kein einziger befriedigen konnte. Und doch erfinde ich sonst leicht; große Sachen, Sinfonien,[105] Ouvertüren u.s.w. fließen mir schnell aus der Feder. Freilich bin ich auch über diese nicht entzückt; aber Hoffnung für künftig bessere Productionen schöpfe ich doch daraus. Entweder habe ich für das Lied gar keine Ader in mir, oder sie ist unterbunden, und ich kann sie nicht flüssig machen. Glauben Sie, daß man für Etwas Talent haben, und doch, durch irgend eine geheime Ursache gebunden, nichts Gescheidtes darin hervorbringen könne?

»Gewiß«, sagte Zelter, »aber die Ursache ist kein Räthsel. Sie haben nur selten Lieder, große Tonstücke viele geschrieben. Was man selten übt, kann sich nicht in uns herausbilden, da haben Sie den Grund Ihrer unterbundenen Ader. Zudem ist die Fantasie bei Erfindung von Sinfonien, Ouvertüren an Nichts gebunden als an die Form; die wenigen Worte eines Gedichtes hingegen in eine wahre und anmuthige Melodie umzusetzen, ist ein vertrackt einfaches Ding; das Material an Tonumfang und Rhythmen ist äußerst gering, und damit Neues und Eigenthümliches zu machen ungleich schwerer. Was haben Sie für eine Masse von Figuren in Ihrem Concert und in Ihren Variationen herausfingerirt! Zu einem Lied können Sie noch nicht den hundertsten Theil davon brauchen.«[106]

Da kommt Licht, Herr Professor, sagte ich, wahrlich, darin liegt's!

»Darum«, sagte Zelter, »werden Sie gut thun, wenn Sie sich eine Zeit lang an die Lieder zwingen, und mit dem Wenigsten Etwas zu thun versuchen.«

Das Gespräch kam auf die Fuge. Ich hatte mich mehrere Jahre mit Marpurg herumgeschlagen, und Bach's wohltemperirtes Klavier tüchtig studirt, doch glaubte ich einen ungünstigen Einfluß auf meine Erfindungen entdeckt zu haben, und fragte Zelter: ob das zu lange Beschäftigen mit Fuge und Kanon dem Gedankenmaterial des heutigen Componisten nicht einen alterthümlichen Anstrich geben müsse?

»Es mag bei Manchem der Fall sein«, sagte Zelter; »Haydn und Mozart haben durch jene Beschäftigungen bekanntlich nicht gelitten. Die jetzige Zeit bietet überdies des Phantastischen genug als Gegengewicht, und so gleicht sich die Sache aus. Mir«, äußerte er weiter, »gewähren namentlich die Bach'schen Fugen einen Genuß ganz eigener Art. Ich nenne ihn den rein technischen. Da trägt die beginnende Stimme ein Thema vor, an dem an sich eben nicht Viel zu sein scheint. Nun tritt der Comes ein, und dazu läuft die vorige Stimme so natürlich und fließend fort, als bekümmere sie sich[107] gar nicht um den Dux; dies angenehme Spiel vermehrt sich beim dritten und vierten Eintritt des Thema. Nun erscheint ein Zwischensatz; darauf schleicht sich das Thema unerwartet wieder ein, das vorige Spiel wiederholt sich, ist immer dasselbe und immer doch auch ein anderes. Es erscheinen neue harmonische Farben und Combinationen, Zergliederungen, Umkehrungen, Engführungen u.s.w., jede Stimme wandelt für sich fort, als habe sie nur mit sich zu thun, und doch machen sie alle zusammen ein Gewebe aus Einem Guß. Dies glatte, selbständige Fortwebeln, dieses sichere, ungehinderte Hinkriechen aller Stimmen über-, unter- und zwischeneinander, wie es Bach in so unerreichbar vortrefflicher, kunstreicher Weise zu entwickeln versteht, gewährt dem Verstande eine so lebhafte und angenehme Beschäftigung, daß ich den oft ganz ruhig bleibenden Pulsschlag des Herzens gar nicht als einen Mangel gewahr werde.«

»Es ist mit dieser Musikform, wie mit den Werken der Baukunst. Es regt wohl manches eine Idee an; indessen ist die Technik und der Zweck der Benutzung doch das Hauptsächliche, und genug, um uns Freude über den Anblick desselben zu gewähren.« Ich dachte anders, mochte aber dem Alten nicht widersprechen,[108] und gab ihm daher seine Meinung bereitwillig zu.

Das Gespräch lenkte sich auf die Lectüre. »Das Lesen«, sagte Zelter, »ist freilich nicht zu entbehren, aber es hat seine großen Nachtheile. Man verliert schrecklich viel Zeit mit Büchern, aus denen gar Nichts von Bedeutung für unsere eigentliche Fortbildung zu gewinnen ist, auch ist das Buch ein starres Ding, daß, wenn Sie's um eine unverstandene Meinung fragen, wie ein Papagei nur dieselben Phrasen wiederholt; und endlich macht es den Geist träge und bequem, daß er zuletzt mit seinen Büchern und gar nicht mehr mit seinem Kopfe denkt. Ich lese daher wenige Bücher, aber diese wenigen mein ganzes Leben hindurch. Zwar bleibt man bei dieser Leseweise ziemlich arm an Kenntnissen, aber die man hat, hat man auch ganz, und da man den geringen Vorrath leicht übersieht und wiederholt betrachtet, so dringt man wohl auch zuweilen ein wenig tiefer in die Gegenstände, als Andere, die große Gebiete von Kenntnissen besitzen, von denen sie aber manche nach Erwerbung derselben, wie weit entlegene Besitzungen, gar niemals wieder besuchen und zu Gesicht bekommen. Wenn mir das Lesen etwas helfen soll, so muß es übrigens mit der Feder in der Hand geschehen. In[109] dieser scheint ein elektrischer Geist zu stecken, der mein Gehirn zu eigenen Gedanken aufrüttelt.«

Eine sonderbare Ansicht äußerte Zelter über den Geschmack. »Der feine Geschmack«, sagte er, »ist eigentlich ein Elend für den Besitzer. Im Theater z.B. finde ich statt des gesuchten Vergnügens unter zehn Fällen neunmal nur Aerger. Da legt mir ein Dichter in seiner Tragödie einen Alp auf die Seele, der mich mit den gräßlichsten Träumen quält, von denen ich mich nachher durch eine Flasche guten Ungarweins befreien muß. In einem Schauspiele schäme ich mich der läppischen Rührerei, welche der Dichter mir durch seine vor die Nase gehaltenen Zwiebelsituationen erregt. An jenem Lustspiel voller Humor und feiner Intrigue gedenke ich mich einmal recht zu ergötzen, da patschen aber die Schauspieler so täppisch drin herum, daß ich ihnen Stockschläge aufzählen ließe, wenn ich die Gewalt dazu hätte. In jener Oper ist mir das Ohr nach dem ersten Act taub von dem Tonlärm, und ich taumele mit dumpfem Kopfe als Musikfeind nach Hause. Wenn ich nun bei solchen miserabeln Dingen rund um mich die zufriedenen Gesichter sehe, wenn ich nach einer Scene, die mich anwidert, das Haus in wüthendes Beifallsgejauchze ausbrechen höre, soll ich nicht meinen[110] Geschmack zum Teufel und mir dafür den roh zugehauenen wünschen, der die Masse so glücklich macht? Dummes Zeug finde ich im wirklichen Leben genug, brauche ich mein schwer verdientes Geld ins Theater zu tragen, um mir's da concentrirt wieder vormachen zu lassen, unter der Firma Kunst?«

Nun, warf ich ein, Sie finden doch auch gewiß dort zuweilen Genüsse edelster Art.

»Wenn ich die, wo Stück und Ausführung klappen, zusammenfasse, so kann ich sie in einer Rocktasche forttragen. Nein, ich wollte, ich wäre geblieben, was ich bis ins achtzehnte Jahr war; da versetzte mich schon der Anblick des Bühnenvorhangs ins Zauberland, und wenn er empor flog, so war ich glücklich, mochte da vorgehen, was da wollte.«

Kein Wunder, daß wir auf Goethe's Gegner zu sprechen kamen, und daß Manche ihm Schiller vorzögen. Da fing Zelter's Auge zu glühen an.

»Das Gesindel«, sagte er, »hat mir früher viel zu schaffen gemacht, als ich noch mit Gründen kämpfen wollte. Das war aber eine Dummheit von mir, weil ich an die Bekehrung der Dummheit glaubte. Jetzt bin ich schon lange sicher vor solchen Unterhaltungen. Ich habe sie mir durch massive Grobheit verscheucht, die mir Gottlob immer zu Gebote steht.[111] Allen Respect vor Schiller, wer ihn aber Goethe gleich oder gar über ihn setzen will, der versteht von der Meßkunst der Geister so viel wie einer, der den Thüringer Kikelhahn und den Montblanc für gleich hoch erklärt.«

Ich weiß nicht, wie es zuging, daß die Orgel erwähnt wurde.

»Die Orgel«, sagte Zelter, »ist das erhabendste und widerwärtigste aller Instrumente. Wie sie zur Zeit noch gebaut wird, liegen barbarische Heulerei und Engelsstimmen in ihr nebeneinander; aber leider wird die erstere von gedankenlosen Spielern öfter entfesselt als letztere. Welche ohrzerreißende Schreihälse, wenn das volle Werk losgelassen wird! Es ist aber erstaunlich, wie der Mensch das Urtheil über Dinge verliert, an die er von Jugend auf gewöhnt ist. Lassen Sie heute einen Menschen, der z.B. nur Haydn'sche und Mozart'sche Orchesterklänge gehört, zum ersten Mal eine Orgel mit ihren schreiendsten Stimmen vernehmen, er wird erschreckt die Ohren verstopfen. Wir, die wir sie von Jugend auf in der Kirche gehört, empfinden das nicht mehr, uns kommen alle Jugenderinnerungen mit, und wären wir unterdessen Stockatheisten geworden, der Macht jener heiligen Regungen, welche das jugendliche Gemüth[112] durchwehten, können wir uns nicht entziehen. Darum nennen wir die Orgel das heilige Instrument, auch da, wo sie barbarisch aufheult! In meiner Singakademie hören Sie eine Orgel von lebenden Stimmen. Wem's da nicht durch Mark und Bein geht, der hat kein Mark in den Knochen. Aber es sind Alles wohllautende Stimmen. Denken Sie sich darunter nur den vierten Theil von Singstimmen mit dem Klang mancher Orgelpfeifen!«

Hier fand ich Gelegenheit, meinen Wunsch auszusprechen, einer Aufführung oder Probe der Singakademie beiwohnen zu können. Er fragte, wie lange ich mich noch in Berlin aufzuhalten gedenke. Ich bemerkte, das ich leider schon übermorgen früh abreisen müsse, da mein Urlaub mir nicht länger zu bleiben gestatte. »Das thut mir leid«, sagte Zelter, »dann ist für diesmal keine Möglichkeit vorhanden, Ihrem Wunsche zu genügen. Ich habe meine Berliner nicht am Schnürchen, und ob sie mir zwar Manches zu Gefallen thun, kann ich sie doch eines einzelnen jungen Mannes wegen nicht zusammentrommeln. Sie verzeihen mir die Aeußerung, ich kann das Völkchen nicht anders machen, als es ist.«

Ich fand das natürlich in der Ordnung, sprach aber mein tiefes Bedauern darüber aus, da die Singakademie[113] mir den Gedanken an die Reise nach Berlin vorzüglich angenehm gemacht habe.

»Es ist mir doppelt unangenehm«, sagte Zelter, »Sie hätten Goethe als Ohrenzeuge referiren und als Musiker bestätigen können, was er bei mir doch vielleicht zum Theil meiner Vorliebe mit zuschreibt.«

»Nun, für junge Leute ist der Weg von Weimar nach Berlin keine Riesenarbeit. Kommen Sie bald wieder, und lassen Sie mich's dann vorher wissen, so kann ich Ihnen die günstige Zeit dazu angeben.«

Ich sagte, daß, wenn es mir irgend möglich sei, ich nicht das letzte Mal in Berlin gewesen sein, und dann seine Erlaubniß, an ihn zu schreiben, gewiß benutzen wolle.

»Warum kommen Sie auch erst heute zu mir?« fragte Zelter. »Sie sind schon acht Tage hier.«

Ich erwiderte, daß ich vor meinem Auftreten im Theater nicht den Muth dazu gehabt habe, und wenn der Erfolg schlecht gewesen, mich ihm gar nicht vorgestellt haben würde.

»Waren Sie denn Ihrer Sache so ungewiß?« fragte er. »Ihre Fertigkeit lief doch durch alle Schwierigkeiten so spielend sicher hin, daß ich glauben sollte, es könnte Ihnen die Furcht vor irgend einem Mißlingen gar nicht mehr ankommen?«[114]

Ich habe regelmäßig das Angstfieber, wenn auch weniger der Fingerei, doch des Ausdrucks wegen. Ich möchte wie Orpheus Steine bewegen, mein Spiel aber kommt mir gegen das, was ich fühle, so kalt und hölzern vor, daß ich glaube, die Zuhörer müßten eher dabei erstarren als warm werden. Der Virtuos aber, der mir nicht die Thränen ins Auge treiben kann, steht mir kaum so hoch wie ein geschickter Seiltänzer.

»Wenn es so mit Ihnen steht«, sagte Zelter lachend, »so begreife ich nicht, warum Sie das Virtuosenthum überhaupt treiben. Es muß ja dann eine Qual für Sie sein!«

Die ist es auch, sagte ich, und ich will den Tag segnen, an welchem ich sie abschütteln kann.

Als ich mich empfehlen wollte, sagte er: »Warten Sie, mir ist warm geworden. Ich werde Sie ein Stück begleiten, und mich ›aus der Straße quetschender Enge‹ ins Freie flüchten.« Wir gingen. Er gab mir unterwegs noch manche pikante Notiz über Berlin.

An meinem Gasthofe sagte er: »Ich hoffe, nicht zum letzten Mal in Weimar gewesen zu sein, und so werden wir uns hoffentlich dort wiedersehe.« Er reichte mir zum Abschiede freundlich die Hand.[115]

Quelle:
Lobe, Johann Christian: Aus dem Leben eines Musikers. Leipzig 1859, S. 97-116.
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