Sechzehntes Kapitel

[257] Auf solche Weise, indem Jahr an Jahr sich hinzog, war auch der in seiner Unseligkeit nur zu merkwürdige Zeitpunkt von 1805 herbeigekommen. Mir, als feurigen Patrioten, der die alten Zeiten von unsers großen Friedrichs Taten noch im Kopfe hatte, blutete gleich so vielen das Herz bei der Zeitung von dem entsetzlichen Tage von Jena und Auerstädt und seinen nächsten Folgen. Ich hätte kein Preuße und abtrünnig von König und Vaterland sein müssen, wenn mir's jetzt, wo alle Unglückswellen über sie zusammenschlugen, nicht so zu Sinne gewesen wäre, als müßte ich eben jetzt auch Gut und Blut und die letzte Kraft meines Lebens für sie aufbieten. Nicht mit Reden und Schreiben, aber mit der Tat, dachte ich, sei hier zu helfen; – jeder auf seinem Posten, ohne sich erst lange feig und klug vor- und rückwärts umzusehen! Alle für einen, und einer für alle – darauf war mein Sinn gestellt, und es hätte ja keine Ehre und Treue mehr unter meinen Landsleuten sein müssen, meinte ich, wenn nicht Tausende mir gleich gefühlt hätten, ohne es ebensowenig als ich in lauten, prahlenden Worten unter die Leute zu bringen.

Als nun Magdeburg und Stettin, die beiden Herzen des Staates gefallen waren, und die ungestüme französische Windsbraut sich immer näher und drohender gegen die Weichsel heranzog: da ließ sich's freilich wohl voraussehen, daß bald genug auch die Feste Kolberg an die Reihe kommen würde, die dem Feinde zwar unbedeutend erscheinen mochte, aber ihm doch zu nahe in seinem Wege lag, als daß er sie ganz hätte übersehen sollen. Das tat er auch wirklich nicht; allein er hatte sich diese letzte Zeit her bei unsern Festungen eine Eroberungsmanier angewöhnt, die kein Pulver, sondern nur glatte Worte kostet, und damit war er fürwahr auch noch früher bei der Hand, als ein Mensch es hätte erwarten sollen.

Kaum war nämlich Stettin übergegangen, so machte sich von dort her, aus einer Entfernung von sechzehn Meilen, ein französischer Offizier als Parlamentär auf den Weg und erschien (am 8. November) bei uns in Kolberg, um die Festung zur Übergabe aufzufordern. Gleichzeitig ward der königliche Domänenbeamte, der auf der Altstadt unter den Kanonen des Platzes wohnte, entboten, in Stettin zu erscheinen und dem französischen Gouvernement den Huldigungseid[257] zu leisten. Auf beiderlei Ansinnen (das mindestens für unsern Festungskommandanten als eine Ehrenrührigkeit hätte gelten können) erfolgte zwar eine abschlägige Antwort; allein es ist wohl sehr gewiß, daß der Franzose, anstatt allein zu kommen, nur einige wenige Hunderte zur Begleitung hätte haben dürfen, um in diesem Augenblicke unaufgehalten zu unsern Toren einzuziehen. Dies scheint unglaublich und ist doch buchstäbliche Wahrheit! Ich, der ich nicht Soldat bin, und mir's also ebensowenig herausnehme, über militärische Gegenstände zu entscheiden, als ich mich klüglich hüten werde, hier eine kunstgerechte Beschreibung der Belagerung Kolbergs zu unternehmen, kann und will nur urteilen, soweit ein gesundes Paar Augen und mein schlichter Menschenverstand ausreicht; – das übrige mag dem Ermessen des geneigten Lesers anheimgestellt bleiben.

Denke sich derselbe diesen Ort als ein mäßiges Städtchen von noch nicht sechstausend Seelen an dem rechten Ufer des kleinen Flusses Persante gelegen, welcher nur an seinem Ausflusse in die Ostsee einige hundert Schritte hinauf schiffbar ist, wo er eine halbe Viertelmeile von der Stadt einen Hafen für geringere Fahrzeuge bildet. Die daran belegenen Wohnungen und Speicher heißen »die Münde«, und zwischen Stadt und Münde, ebenfalls am östlichen Ufer, zieht sich eine Vorstadt, genannt »die Pfannschmieden«, hin. Diese dankt ihren Ursprung wie ihren Namen der Benutzung einiger reichhaltigen Salzquellen, welche sich gegenüber nahe an der westlichen Stromseite finden, wo auch die Salzsiedereien und ein in westlicher Richtung sich weit durch das »Siederfeld« erstreckendes Gradierwerk angelegt sind.

Die Stadt selbst bildet ein stumpfes Viereck und wird an den drei Landseiten von einem Hauptwall und sechs Bastionen eingeschlossen. Nahe Außenwerke von Wichtigkeit sind hier nicht vorhanden; aber der Platz gewinnt nichtsdestominder eine bedeutende Stärke durch einen breiten morastigen Wiesengrund, welcher sich ununterbrochen von Süden nach Nordosten dicht umherzieht, keine Annäherung durch Laufgräben gestattet und überdem durch Schleusen tief unter Wasser gesetzt werden kann. Erst jenseits erhebt sich nach Süden die Altstadt, nach Osten der Hoheberg und der Bullenwinkel, und nach Nordost der Wolfsberg, von wo aus die Stadt beschossen werden kann; daher sie eigentlich die Verwandlung in ein großes, verschanztes Lager erfordern würden, um alsdann, mit einer hinlänglichen Truppenzahl besetzt, den Platz von dieser Seite unangreifbar zu machen. Allein nur der Wolfsberg, als der gefährlichste Punkt, war mit einer Schanze versehen; auf dem Münder Kirchhofe war eine Batterie angelegt, und den Eingang des Hafens deckte an der Ostseite ein starkes Werk, »das Münder Fort«. Die Westseite der Stadt lehnt sich an die Persante, zwischen welcher und dem aus ihr abgeleiteten Holzgraben die Neustadt und, an diese noch weiter westlich sich anlehnend, die Gelder Vorstadt mit verschiedenen Befestigungen und Außenwerken umgeben ist, während am untern Einflusse des Holzgrabens die»Morastschanze«[258] die Verbindung mit dem Münder Fort sichert. In weiterer Entfernung südwestlich kann eine Erhöhung, »der Kauzenberg« genannt, der Festung nachteilig werden, weshalb auch früherhin dort Verschanzungen angelegt, aber seither wieder verfallen waren.

Noch war die entschlossene und glückliche Gegenwehr in jedermanns Andenken, welche der tapfre Kommandant Obrist von Heyden hier in drei aufeinander folgenden Belagerungen der Russen und Schweden zu Land und Meer in den Jahren 1758, 1750 und 1751 bestanden hatte, und wie er auch das dritte Mal nicht durch Waffenmacht, sondern durch Hunger zur Übergabe gezwungen worden. Diese Erfahrungen von der Wichtigkeit und Festigkeit des Platzes hatten auch den König Friedrich bewogen, denselben im Jahre 1770 durch verschiedene neue Werke verstärken zu lassen; Kenner wollten jedoch behaupten, daß diese erweiterten Anlagen ihrem Zwecke nur ungenügend entsprächen. Man hatte immer an Kolberg getadelt, daß es zu klein sei, um als Festung bedeutend zu werden und eine beträchtliche Garnison zu fassen; aber es gab kasemattierte Werke; es gab sechs- bis siebenhundert Bürgerhäuser innerhalb der Wälle, die nötigenfalls zu zwanzig und dreißig Menschen fassen konnten und gefaßt haben, und so lebe ich des festen Glaubens, daß Kolberg gegen noch so große Feindesmacht mit Ehrlichkeit, mit genugsamem Proviant, mit gehöriger Einrichtung der Überschwemmung und mit Sicherheit von der Seeseite sich zu halten vermöge.

Allein wie sah es doch im Herbste 1805 mit allem, was zu einer rechtschaffenen Verteidigung gehörte, so gar trübselig aus! Seit undenklicher Zeit war für die Unterhaltung der Festung so gut als gar nichts getan worden. Wall und Graben verfallen; von Palisaden keine Spur. Nur drei Kanonen standen im Bastion Pommern auf Lafetten und dienten allein zu Lärmschüssen, wenn Ausreißer von der Besatzung verfolgt werden sollten. Alles übrige Geschütz lag am Boden, hoch vom Grase überwachsen, und die dazu gehörigen Lafetten vermoderten in den Remisen. Rechnet man hierzu die unzureichende Zahl der Verteidiger sowie die unkriegerische Haltung derselben (denn die tüchtigere Mannschaft war ins Feld gezogen), die allgemeine Entmutung, welche noch täglich durch die herbeiströmenden Flüchtlinge und tausend sich kreuzende Unglücksbotschaften allstündlich genährt wurde, und den notorischen Mangel an den nötigsten Bedürfnissen für den Fall einer Belagerung, so behaupte ich sicherlich nicht zu viel, wenn ich meine, daß ein rascher, kecker Anlauf in jenen ersten Tagen mehr als hinreichend gewesen wäre, den Kommandanten in seinen eigenen Gedanken zu entschuldigen, daß er keinen ernstlichen Widerstand gewagt habe.

Dieser Kommandant war damals der Obrist v. Loucadou, ein alter, abgestumpfter Mann, der seit dem Bayerischen Erbfolgekriege, wo er ein Blockhaus gegen die Österreicher mutig verteidigt hatte, zu dem Rufe gekommen war, ein besonders tüchtiger Offizier zu sein. Späterhin hatte er nur wenig Gelegenheit[259] gehabt, seine Reputation zu behaupten, und gegenwärtig war der Geist verflogen oder hing noch so blind an dem alten Herkommen, daß er sich in der neuen Zeit und Welt gar nicht zurechtfinden konnte. Das war nun ein großes Unglück für den Platz, der ihm anvertraut worden, und ein Jammer für alle, welche die dringende Gefahr im Anzuge erblickten und ihn aus seinem Seelenschlafe zu erwecken vergebliche Versuche machten.

Natürlich konnte solch ein Mann uns kein großes Vertrauen einflößen. Während alles, was Militär hieß, seinen trägen Schlummer mit ihm zu teilen schien, fühlte sich die ganze Bürgerschaft von der lebhaftesten Unruhe und Besorgnis ergriffen; man beratschlagte untereinander, und weil ich einer der ältesten Bürger war, der den Siebenjährigen Krieg erlebt und in den früheren Belagerungen neben meinem Vater freiwillige Adjutantendienste beim alten, braven Heyden verrichtet hatte, so wählte man mich auch jetzt, das Wort zu führen und als Repräsentant gesamter Bürgerschaft uns mit dem Kommandanten über die Maßregeln zur Verteidigung des Platzes genauer zu verständigen.

Nach dem alten Glauben, »daß Ruhe die erste Bürgerpflicht sei«, und was nicht Uniform trage, auch keinen Beruf habe, sich um militärische Angelegenheiten zu bekümmern, könnte es freilich sonderbar und anmaßend erscheinen, daß wir Bürger in die Verteidigung unsrer Stadt mit dreinreden wollten; aber bei uns in Kolberg war das anders. Von ältester Zeit her waren wir die natürlichen und gesetzlich berufenen Verteidiger unsrer Wälle und Mauern. Vormals schwur jeder seinen Bürgereid mit Ober- und Untergewehr und schwur zugleich, daß diese Armatur ihm eigen angehöre, schwur, daß er die Festung verteidigen helfen wolle mit Gut und Blut. Die Bürgerschaft war in fünf Kompanien verteilt, mit einem Bürgermajor an der Spitze, und wo es dann im Ernst gegolten, hatte der Kommandant sie nach seiner Einsicht gebraucht und wesentlichen Nutzen von ihrem Dienste gezogen. In Abwesenheit der Garnison, wenn diese in Friedenszeiten zur Revue ausrückte, besetzten sie die Tore und Posten, und noch immer versammelten sie sich je zuweilen mit Erlaubnis des Kommandanten aus eignem Antriebe in der Maikuhle – weniger freilich zu kriegerischen Übungen, als um sich in diesem lieblich gelegenen Wäldchen zu vergnügen.

Von diesen örtlichen Verhältnissen hatte indes der Obrist v. Loucadou entweder nie einige Kenntnis genommen, oder sie waren ihm als eine vermeinte Nachäffung des Militärs lächerlich und zuwider. Das erfuhr ich, als ich einige Tage nachher mich ihm vorstellte und im Namen meiner Mitbürger ihm eröffnete, »daß wir mit Gott entschlossen wären, in diesen bedenklichen Zeitläuften mit dem Militär gleiche Last und Gefahr zu bestehen. Wir ständen im Begriff, uns in ein Bataillon von sieben- bis achthundert Bürgern zu organisieren, die mit vollständiger Rüstung versehen wären, und bäten um die Erlaubnis, uns vor ihm aufstellen zu dürfen, damit er die Güte hätte, Musterung über uns zu[260] halten, demnächst aber, je nachdem es die Notwendigkeit geböte, uns zu verteilen und uns unsre Posten anzuweisen. Unser Wille wäre gut, und wir würden unsre Schuldigkeit tun.«

Ein Major v. Nimptsch, der daneben stand, ließ mich kaum ausreden, sondern fuhr samt einer kräftigen Redensart mit der Frage auf mich ein: »Aber, Herr, was geht das Ihn an?« wogegen der Obrist sich begnügte, den Mund zu einem satirischen Lächeln zu verziehen und mir zu erwidern: immerhin möchten wir uns versammeln und aufstellen. Das geschah alsbald. Wir traten mit unsern Offizieren und nach Notdurft armiert, auf dem Markte in guter Ordnung zusammen, und nun begab ich mich abermals zum Kommandanten, um ihm anzuzeigen, daß wir bereitständen und seine Befehle erwarteten. Seine Miene war abermals nicht von der Art, daß sie mir gefallen hätte. »Macht dem Spiel ein Ende, ihr guten Leutchen!« sagte er endlich, »geht in Gottes Namen nach Hause. Was soll mir's helfen, daß ich euch sehe?« – So hatte ich meinen Bescheid und trollte mich. Als ich aber kundbar machte, was mir geantwortet worden, ging diese unverdiente Geringschätzung jedermann so tief zu Herzen, daß alles in wilder Bewegung durcheinander murrte und sich im vollen Unmute zerstreute.

Immer aber noch nicht ganz abgeschreckt, ging ich bald darauf wieder zum Obristen mit einem Antrage, von welchem ich glaubte, daß er seinem militärischen Dünkel weniger anstößig sein werde. Es sei vorauszusehen, sagte ich, daß es bei der Instandsetzung der Festung zu einer kräftigen Gegenwehr, besonders auf den Wällen, vieles zu tun geben dürfte, um das Geschütz aufzustellen, zu schanzen und die Palisaden herzustellen. Die Bürgerschaft sei gern erbötig zu dergleichen und was sonst vorkäme, mit Hand anzulegen, so viel in ihren Kräften stehe, und sei nur seines Winks gewärtig. – »Die Bürgerschaft! und immer wieder die Bürgerschaft!« antwortete er mir mit einer häßlichen Hohnlache, »ich will und brauche die Bürgerschaft nicht.«

Konnte es nun wohl fehlen, daß solche Äußerungen nicht nur unser Herz von dem Manne gänzlich abkehrten, sondern daß auch sogar allerlei böser Argwohn sich bei uns einfand, der durch die ganz frischen Exempel, wie unsre Festungskommandanten zu Werke gegangen waren, nur noch immer mehr genährt wurde? Wer bürgte uns vor Verräterei, vor heimlichen Unterhandlungen, vor feindlichen Briefen und Boten? – Man kam darin überein, daß es die Not erfordere, vor solcherlei Praktiken möglichst auf unsrer Hut zu sein. Zu dem Ende wählten wir in der Stille unter uns einen Ausschuß, dessen Mitglieder sich zu zweien bei Tag und Nacht an allen drei Stadttoren je nach ein paar Stunden ablösten, um dort auf alles, was aus- und einpassierte, ein wachsames Auge zu behalten. Des Vorwandes zu ihrer Gegenwart gab es mancherlei, falls auch die Aufmerksamkeit des Militärs (wie doch nicht geschah) dadurch erregt worden wäre.[261]

Inzwischen wurden nun doch von seiten der Kommandantur einige schläfrige Anstalten getroffen; wenigstens sah man auf den Wällen die Kanonen auf Klötze legen, da es sich fand, daß die Lafetten zu sehr verfault waren, um sie tragen zu können. Auch an der Palisadierung ward hier und da gearbeitet: aber es war nichts Tüchtiges und Ganzes. Als ich jedoch wahrnehmen mußte, daß es hiermit sein Bewenden hatte und daß zur äußern Verteidigung gar keine Hand angelegt wurde, machte ich mich nach zuvor genommener Verabredung mit meinen Freunden abermals zum Obristen, um ihn aufmerksam darauf zu machen, welche guten Dienste uns in den früheren Belagerungen insonderheit eine Schanze auf dem Hohenberge, etwa eine Viertelmeile von der Stadt, links des Weges nach Tramm, geleistet hätte, um den Feind nicht in Schußweite herankommen zu lassen. Noch wären die Überbleibsel derselben überall erkennbar, und wenn er nichts dawider habe, seien wir bereit, diese Verschanzung eiligst und mit gesamter Hand wiederherzustellen und erwarteten nur seine nähere Anweisung.

An das alte, höhnische Gesicht, das er hierzu machte, war ich nun schon gewöhnt und ließ es mich auch nicht irren. Desto sonderbarer und merkwürdiger aber kam mir die Antwort vor, die ich endlich erhielt. »Was außerhalb der Stadt geschieht«, ließ er sich vernehmen, »kümmert mich nicht. Die Festung innerlich werde ich wissen zu verteidigen. Meinetwegen mögt ihr draußen schanzen, wie und wo ihr wollt. Das geht mich nichts an.« – Demnach taten wir nun, was uns unverboten geblieben, und taten es mit allgemeiner Luft und Freude. Nicht nur, was Bürger hieß, zog nach der Bergschanze aus, sondern auch Gesellen, Lehrjungen und Dienstmägde waren in ihrem Gefolge. Da ich einst noch das alte Werk gesehen hatte, so gab ich an, wie bei der Arbeit verfahren werden sollte, verteilte und ordnete die Schanzgräber und zog selbst mit einem Hohlkarren und der Schaufel vorauf, um ein ermunterndes Beispiel zu geben. Als mir jedoch alles immer noch viel zu langsam ging, eilte ich zurück nach der Lauenburger Vorstadt, um der Arbeiter noch mehrere, teils durch gütliches Zureden, teils durch bare Bezahlung aus meiner Tasche, herbeizuführen. So gelang es uns denn, ein Werk aufzuführen, daß sich schon durfte sehen lassen und dem für diesen Augenblick nur die Besatzung fehlte. Mangelte es uns aber dermalen auch an Truppen, so war doch gewisse Hoffnung vorhanden, daß die Garnison verstärkt werden würde und daß dann allstündlich ein Bataillon hier einrücken könne. Das geschah in der Folge auch wirklich; das Werk wurde zugleich noch bedeutend verbessert und verwandelte sich so in einen Posten, der dem Feinde lange und viel zu schaffen gemacht haben würde, wenn er nachmals gehörig verteidigt worden.

Eine andre Sorge, die den Verständigeren unter der Bürgerschaft gar sehr am Herzen lag, war die frühzeitige und ausreichende Anschaffung von Lebensvorräten für den Fall einer feindlichen Einschließung oder Belagerung; denn bis jetzt[262] waren drei Viertel der Einwohner gewohnt, von einem Markttage zum andern zu zehren. Und wovon wollte die Besatzung leben? Ich hielt es also für wohlgetan und hatte auch in meinem Amte als Bürgerrepräsentant den Beruf dazu, Haus bei Haus in der Stadt umzugehen und die Bestände an Korn und Viktualien zumal bei den Bäckern, Brauern und Branntweinbrennern sowie auch die Vorräte der letztern an Branntwein aufzunehmen. Ebenso begab ich mich auf die nächst umher gelegenen Dörfer; und unter dem Vorwande, als sei ich gesonnen, Korn und Schlachtvieh aufzukaufen (wie beides mein Gewerbe mit sich brachte), erfuhr ich, was jeden Orts in dieser Gattung vorhanden war. Alles dieses brachte ich in ein Verzeichnis und überzeugte mich solchergestalt, daß wir nur würden zugreifen dürfen, um für Mund und Magen auf eine lange Zeit hinaus genug zu haben.

Aber dies Zugreifen konnte nicht von seiten der städtischen Behörden, sondern mußte von der Kommandantur ausgehen und auf militärischem Fuß betrieben werden. Ich nahm also meine Verzeichnisse in die Hand, ging zu Loucadou, legte ihm ein Papier nach dem andern vor und bat ihn, schleunige Anstalten zu treffen, daß diese Vorräte gegen Erteilung von Empfangsscheinen in die Festung geschafft würden. Denn wenn der Feind sich über kurz oder lang näherte und diese Ortschaften besetzte, so würde ohnehin alles von ihm geraubt und sein Unterhalt dadurch erleichtert werden. Auf diese gutgemeinte Vorstellung ward ich jedoch von dem Herrn Obristen hart angelassen, und er erklärte mir kurzweg: zu dergleichen Gewaltschritten sei er nicht autorisiert. Jeder möge für sich selbst sorgen. Was seine Soldaten anbeträfe, so wäre Mehl zu Brot in den Magazinen vorhanden. – »Aber«, wandte ich ihm ein, »der Mensch lebt nicht vom Brote allein. Ihr Mehl liegt in Fachwerksspeichern, und die Magazine stehen alle an einer Stelle zusammengehäuft und dem feindlichen Geschütze ausgesetzt. Die erste Granate, die hineinfällt, kann ihr Untergang werden. Wäre es nicht sicherer, diese Vorräte in andre und mehrere Gebäude zu verteilen?« – »Pah! pah!« war seine Antwort, »die Bürgerschaft macht sich große Sorge um meinetwillen.« – Vergebens bat ich ihn nun noch, sich wenigstens meine Papiere anzusehen und sie in genauere Erwägung zu ziehen. Er aber, als hätte die Pest an denselben geklebt, raffte sie eilfertig zusammen, drückte sie mir wieder in die Hände und versicherte: er brauche all den Plunder nicht, und damit Gott befohlen!

Es mag hierbei nicht unerwähnt bleiben, daß bei all meinen Unterredungen mit diesem Manne sich auch wie von ungefähr seine Köchin, Haushälterin, oder was sie sonst sein mochte, einfand und ihren Senf mit darein gab. Mochte ich nun dies oder jenes vortragen und mein Bedenken so oder so äußern – flugs war das schnippische Maul bei der Hand: »Ei, seht doch! Das wäre auch wohl nötig, daß sich noch sonst jemand darum bekümmerte! Der Herr Obrist werden[263] das wohl besser wissen.« – Diese Unverschämtheit wurmte mich oftmals ganz erschrecklich, und ich hatte Mühe, in meinem Ingrimm nicht loszubrechen. Jetzt aber lief das Faß einmal über; ich sagte dem Weibsbild rein heraus, wie mir's ums Herz war, und zog mir dadurch den Herrn und Beschützer auf den Hals, so daß ich, um es nur auch mit dem zu keinem Äußersten kommen zu lassen, hurtig meine Papiere ergriff und mich entfernte. Sah ich doch, daß ich mit einem solchen Querkopfe nimmer etwas ausrichten würde und daß es hinführo am geratensten sein werde, mir nichts mit ihm zu schaffen zu machen.

Freilich aber machte mich alles, was ich rings um mich sehen und hören mußte, stündlich nur noch unruhiger. Nirgends war ein Trieb und Ernst, zu tun, was Zeit, Not und Umstände erforderten! Um den Magistrat und seine Anstalten stand es ebenso kläglich. Es geschah entweder gar nichts, oder es geschah auf eine verkehrte Weise, und wer etwa noch guten und kräftigen Willen hatte, ward nicht gehört. Mit einem Worte: man ließ es drauf ankommen, was daraus werden wollte, und es war an den Fingern abzuzählen, daß unser Untergang das Fazit von der heillosen Betörung sein würde. Mir blutete das Herz, wenn ich mir unsern Zustand betrachtete; und ich fühlte mich je länger je weniger dazu gemacht, dies klägliche Schauspiel gelassen mit anzusehen.

In Kolberg – das sah ich wohl – war auf keine Hilfe und keinen Beistand mehr zu hoffen; geholfen aber mußte werden! Ich entschloß mich also, in Gottes Namen und der winterlichen Jahreszeit zum Trotz, unsern guten, unglücklichen, so schlecht bedienten König unmittelbar selbst in Königsberg, Memel, oder wo ich ihn finden würde, aufzusuchen und ihm Kolbergs Lage und Not vorstellig zu machen. Von dem Kaufmann Höpner mietete ich ein großes Boot unter dem Vorwande, damit nach der Insel Bornholm hinüberzustechen, und ebenso überredete ich insgeheim unter guter Bezahlung einen Seefahrer, der vormals als Matrose unter mir gedient hatte, mich auf dieser gewagten Unternehmung zu begleiten. Das Fahrzeug ward in den erforderlichen Stand gesetzt, notdürftiger Proviant nach der Münde hinausgeschafft und nur noch ein günstiger Wind erwartet, um unverzüglich in See zu stechen.

Gerade in diesem Augenblick traf der Kriegsrat Wisseling von Treptow in Kolberg ein, ein Mann, der Kopf und Herz auf dem rechten Flecke hatte und der sich nebst andern, die gleich ihm zur pommerschen Kriegs- und Domänenkammer gehörten, von Stettin entfernt hatte, um sich dem Feinde nicht zu Werkzeugen seiner landverderblichen Operationen herzuleihen, dagegen aber in den noch unbesetzten Gegenden der Provinz die Vexwaltung für königliche Rechnung solange als möglich im Gange zu erhalten. Wisseling war mein Freund, und es tat mir wohl, alle meine Klagen, Sorgen und Bedenken in sein redliches Herz auszuschütten. Er sah zugleich selbst und mit eignen Augen, wie es hier zuging, und fühlte sich darüber nicht weniger bekümmert. Als ich ihm aber das Geheimnis[264] meiner vorhabenden Reise entdeckte, mißbilligte er das Wagstück, setzte aber sogleich auch hinzu: »Vertrauen Sie mir Ihre Papiere an, und alles, was sonst noch zu einer vollständigen Übersicht der Verhältnisse des Platzes fehlt, lassen Sie uns in einem gemeinschaftlichen Aufsatze bearbeiten. Ich übernehme es, mich selbst zu Lande zum Könige zu begeben und mein möglichstes zu tun, damit hier bessere Anstalten getroffen werden. Tun und wirken Sie einstweilen hier, was in Ihren Kräften steht. So Gott will, wird es uns gelingen, dem Könige den Platz zu retten.« – Ich blieb auf sein Wort, und er reiste ab.

Täglich und stündlich strömten bei uns noch Versprengte und Selbstranzionierte von unsern Truppen ein, die teils weiter nach Preußen zogen, teils eine Zuflucht bei uns suchten, um sich von ihren Strapazen zu erholen oder ihre Wunden bei uns auszuheilen. Unter den letztern befand sich auch der Leutnant v. Schill vom Regiment Königin.Dragoner, der, schwer am Kopfe verwundet, nicht weiter kommen konnte. Der Zufall machte uns bald miteinander bekannt. Er war ein Mann nach meinem Herzen; einfach und bescheiden, aber von echtem deutschen Schrot und Korn, und so brauchte es auch keiner langen Zeit, daß er mir ein volles Vertrauen abgewann. Wie konnte ich ihm aber dieses schenken, ohne zugleich ihm unsre ganze verzweiflungsvolle Lage zu schildern, meine Klagen über Loucadou in sein Herz auszuschütten und daneben meine frommen Wünsche über so manches, was zur Sicherung und Erhaltung der Festung zu veranstalten noch übrig sei, gegen ihn laut werden zu lassen?

Alles was ich ihm sagte, machte je mehr und mehr seine Aufmerksamkeit rege, und es mag wohl sein, daß es auch den Entschluß in ihm erzeugt oder befestigt hat, in Kolberg zu bleiben und sich hier nützlich zu machen. Sobald er wieder ein wenig zu Kräften gekommen war, besahen wir uns gemeinschaftlich den Platz und seine Umgebungen. Wir trafen dabei in dem Urteil zusammen, daß die Erhaltung desselben zuletzt hauptsächlich auf den Besitz des Hafens und die Behauptung der Gemeinschaft zur See mit Preußen und unsern Verbündeten ankommen werde. Hinwiederum war die »Maikuhle« der Schlüssel des Hafens, und dies angenehme Lustwäldchen, welches sich hart vom Ausfluß der Persante westlich eine Viertelmeile längs den Uferdünen der Ostsee hinstreckt, mußte um jeden Preis festgehalten werden. Diese Wahrheit hatte sich bereits in den früheren Belagerungen aufgedrungen; allein jetzt, wo unsre Hilfe einzig von der Seeseite zu erwarten stand, mußte sie ein doppeltes Gewicht gewinnen. Dennoch war bis diesen Augenblick zur Verschanzung dieses entscheidenden Punktes noch keine Schaufel in Bewegung gesetzt worden. Man verließ sich auf das Münder Fort und die Morastschanze, die aber beide unzureichend waren, den Feind, sobald er sich hier einmal festgesetzt hatte, aus diesem ihm unschätzbaren Posten zu vertreiben.

Wahr ist es, es würden tausendfünfhundert Mann dazu gehört haben, ein[265] hier anzulegendes Außenwerk zu besetzen und vollkommen sicherzustellen; das aber hinderte uns nicht, den Gedanken zu fassen, daß hier beizeiten wenigstens etwas – sei es auch nur gegen den ersten Anlauf – geschehen könne und müsse, und daß dann die Not und eine dadurch herbeigeführte, bessere Erkenntnis wohl das übrige tun werde. Woher aber Hände nehmen, um dort auch nur einige leichte Erdaufwürfe zustande zu bringen? – Noch hatte Schill nur erst einige wenige Leute um sich gesammelt, die er zu seinen jetzt beginnenden Streifereien in die Ferne nicht entbehren konnte; Geldmittel waren noch weniger in seinen Händen, und von Loucadou war vollends für diesen Zweck nichts zu erwarten. Auf sein Zureden und die Versicherung, sich zu meiner künftigen Entschädigung eifrigst zu verwenden, entschloß ich mich, ohne längeres Bedenken, meine paar Pfennige, die ich im Kasten hatte, daran zu strecken.

Demzufolge trieb ich auf der Gelder Vorstadt und allen nächst umliegenden Dörfern Tagelöhner und Häusler, soviel ich deren habhaft werden konnte, zusammen, versprach und zahlte guten Lohn und verwandte auf diese Weise gegen vierhundert Taler aus meiner Tasche. Tag und Nacht schanzten und arbeiteten wenigstens sechzig Menschen eine geraume Zeit hindurch an diesen Befestigungen nach dem von Schill dazu entworfenen Plane. Weder der Kommandant noch sonst jemand fragte und kümmerte sich, was wir da schafften, und so blieb es auch meinem Freunde überlassen, diese Schanzen mit seinen Leuten in dem Maße, als sich diese aus den Ranzionierten freiwillig um ihn sammelten, immer stärker zu besetzen. Allein um sie dort festzuhalten, mußte auch für Löhnung und Mundvorrat in genügender Menge gesorgt werden. Vorerst fiel diese Sorge mir anheim, solange mein Beutel dazu vorhielt oder meine Küche und mein Branntweinlager es vermochten.

Es wäre hier wohl der Ort, mich über des wackern Schills erste Unternehmungen und deren immer weitern Umfang etwas umständlicher auszubreiten, und man würde daraus ersehen, daß dieselben, so geringe auch ihr Anfang war, dennoch der Festung auf mehr als eine Weise zugute kamen, noch mehr aber den Glauben und das Vertrauen auf den alten preußischen Heldennamen bei unzählig vielen Menschen zuerst wieder stärkten und in Kolberg selbst beim Bürger wie beim Soldaten einen ganz neuen Geist und Mut erweckten, auch wohl wesentlich dazu beitrugen, den Feind oder doch einzelne Streifereien desselben noch mehrere Monate hindurch aus unsrer Nähe zurückzuhalten. Allein ich enthalte mich dessen, da ich mit großer Freude vernehme, daß an einer ausführlichen Geschichte der Unternehmungen meines unvergeßlichen Freundes gearbeitet wird, wodurch meine Zutat so gut als überflüssig gemacht wird. Das Geständnis aber bin ich ihm schuldig, daß er sich, so wie um sein Vaterland überhaupt, so um Kolberg insonderheit ein nicht geringes Verdienst und ein dankbares Andenken für immer erworben hat.[266]

Unter der Zeit war auch der Kriegsrat Wisseling aus Preußen glücklich wieder und mit sehr ausgedehnten Vollmachten vom Könige für die Verpflegung der Festung zurückgekehrt. Sein Eifer, verbunden mit der rastlosesten Tätigkeit, brachte sofort ein neues, wunderbares Leben in das ganze Administrationsgeschäft. Ganze Herden Schlachtvieh, lange Reihen von Getreidewagen zogen zu unsern Toren ein, und Heu und Stroh in reichem Überflusse füllte die Futtermagazine oder ward in den Scheunen der Vorstädter untergebracht. Für diese gezwungenen Lieferungen erhielt der Landmann nach dem Taxwert Lieferungsscheine, die künftig eingelöst werden sollten, und mit denen er gern zufrieden war. In der Stadt wurde geschlachtet und eingesalzen, und die Böden der Bürgerhäuser wurden mit Kornvorräten aller Art beschüttet. – So konnte Kolberg allgemach für notdürftig verproviantiert gelten, während zu hoffen stand, daß das Fehlende im nächsten Frühling bei wieder eröffneter Schiffahrt durch Zufuhr zur See zu ersetzen sein möchte.

Einen neuen Trost zum Bessern gab es, als bald darauf, vom Könige geschicht, der Hauptmann von Waldenfels, ein junger, tätiger Mann, bei uns auftrat, um als ernannter Vizekommandant dem Obristen v. Loucadou zur Seite zu stehen und dessen Kraftlosigkeit zu unterstützen. Brav wie sein Degen, aber noch nicht von zureichender Erfahrung geleitet, begann dieser seine neue Laufbahn gleich in den ersten Tagen des Januars 1807 durch eine gewagte Unternehmung auf das neun bis zehn Meilen weit entlegene Städtchen Wollin, um sich durch Vertreibung der dort stehenden Franzosen eine freie Kommunikation mit Schwedisch-Pommern zu eröffnen. Wahrscheinlich wäre der nächtliche Überfall, wozu er einen bedeutenden Teil der Besatzung Kolbergs verbrauchte, gelungen, wenn nicht an Ort und Stelle Fehler begangen worden wären, die seinen übereilten Rückzug mit einem Verluste von mehr als hundert Mann zur Folge hatten.

Dieser erste Fehlschlag war um so nachteiliger, da er ohne Zweifel dem Vizekommandanten mehr oder weniger an seinem Selbstvertrauen raubte und ihn dadurch hinderte, das geistige Übergewicht über Loucadou zu behaupten, das ihm in seiner Stellung gebührt hätte. Denn wenn auch in unsern Verteidigungsanstalten durch ihn von seiner ersten Erscheinung an unendlich viel Gutes gewirkt wurde und er mit dem alten, grämlichen Manne darüber manchen Kampf zu bestehen hatte, so mußte er doch auch ebensooft dem Eigensinn desselben nachgeben und sich nach seinen Launen bequemen. Wir hatten also an ihm den Mann noch immer nicht, den wir brauchten.

Auch Schill, der seit dem Januar vom Könige zur Organisierung eines Freikorps förmlich autorisiert worden war und von allen Seiten gewaltigen Zulauf fand, ward, sowie schon von Anfang her, ein von Loucadou in Kolberg sehr ungern gesehener Gast, dem daher auch jener, wo er nur wußte und konnte, Hindernisse in den Weg legte; sei es, daß der Name, welchen der junge Mann sich so[267] schnell erworben, sein Ansehen zu beeinträchtigen drohte oder weil die Tätigkeit, womit dieser handelte, seinem eigenen, gemächlichen Schlendrian zum stillen Vorwurf gereichte. Schlimm war es immer, daß ihre beiderseitigen Befugnisse keine scharfe Abgrenzung gegeneinander hatten, während sie doch von einerlei Punkte aus und gemeinschaftlich handeln sollten. Nur ließ sich der wackre Parteigänger bei aller seiner ihm natürlichen Bescheidenheit nicht so leicht unterjochen, und er fand auch noch immerdar Spielraum, wenn es ihm bei uns zu warm und beklommen ward, sich außerhalb der Festung zu tummeln. Zudem stand sein Ruf nun einmal fest, und selbst als sein Überfall gegen Stargard (am 15. Februar) ihm mißlang und er bald darauf in Naugard einen empfindlichen Unfall erlitt, konnte er sich mit unverletzter Ehre näher gegen Kolberg zurückziehen.

Seine Absicht bei jenem Zuge war gewesen, das vom Marschall Mortier aus Schwedisch-Pommern entsandte Korps des Divisionsgenerals Teullio, welches zur Berennung unsers Platzes bestimmt war, indem es sich noch zu organisieren suchte, auseinander zu sprengen und uns noch einige Zeit länger Luft zu verschaffen. Da der Streich nicht geglückt war, so drang nun jener französische Heerhaufe ungesäumt nach und ward nur noch durch Schills gut genommene und kräftig behauptete Stellung bei Neubrück, halben Weges zwischen Treptow und Kolberg, acht volle Tage aufgehalten. Jetzt war also das lang erwartete Ungewitter im nahen Anzuge, und da man endlich den Ernst spürte, besann man sich auch, daß der Kauzenberg dicht jenseits Sellnow ein gelegener Posten sein würde, dem Feinde das nähere Vordringen von dieser Seite zu erschweren. Eiligst ging man daran, die vormals im Siebenjährigen Kriege hier aufgeworfenen Befestigungen, deren ich oben erwähnt habe und wovon sich noch einige Spuren fanden, zu erneuern.

Wohl auch war es hierzu an der Zeit gewesen, denn schon am 1. März bemächtigte sich der Feind des Passes bei Neubrück und zeigte sich zwei Tage später im Angesicht des Kauzenberges, während zu gleicher Zeit eine andre Abteilung desselben den Weg am Strande der Ostsee über Kolberger Deep einschlug und sein Absehen augenscheinlich auf die Maikuhle gerichtet hatte. Eben hierher aber hatte sich auch nach der Verdrängung von jenem Passe ein Teil des Schillschen Korps geworfen, welches nicht nur den Feind entschlossen zurückwies, sondern von jetzt an auch fortwährend diesen Posten besetzt hielt, dessen hohe Wichtigkeit von Tage zu Tage immer besser erkannt wurde. Ernsthafter aber war gleich am folgenden Morgen ein neuer feindlicher Versuch gegen die Schanze auf dem Kauzenberge, den man mit Hilfe einiger Verstärkungen aus der Festung und nach einem vereinzelten Gefecht in der Nähe von Pretmin glücklich vereitelte. Eigentlich aber hatte dieser Angriff nur den Marsch der Hauptmacht verdecken sollen, welche sich gleichzeitig von Neubrück südöstlich gegen Großjestin[268] wandte, bei Körlin die Persante passierte und bis zum 10. März sich bis Zernin und Tramm herumgezogen hatte, um den Platz auch von der Ostseite einzuschließen.

Jetzt konnte uns die früher hergestellte Schanze auf dem Hohenberge, die das letztgenannte Dorf dominierte, von Nutzen werden; daher sie auch unverzüglich noch weiter ausgebessert und einiges Geschütz darin aufgefahren wurde. Da sich's aber berechnen ließ, daß der Feind bei Tramm nicht stehenbleiben, sondern sich auch nach dem Dorfe Bullenwinkel und dem großen Stadtwalde, »der Kolberger Busch« genannt, ausbreiten würde, wie auch alsobald geschah, so war es auch eine Vorkehr von dringender Notwendigkeit, ihn von der Lauenburger Vorstadt, die hierherwärts gelegen ist, in möglichster Entfernung zu halten. Ich wußte, daß dies wie vormals durch eine auf dem Damme nächst der Ziegelscheune zu errichtende Schanze am zweckmäßigsten geschehen konnte, und da diejenigen, denen es eigentlich zugekommen wäre, sich dieser Sache nicht annehmen wollten, so bewog ich die Bürgerschaft, auch zu dieser Arbeit freiwillige Hand anzulegen, sobald der Feind im Westen der Stadt wirklich erschienen war und nun auch von der entgegengesetzten Seite augenblicklich erwartet werden durfte. Am 5. März geissen wir das Werk gemeinschaftlich an, schanzten Tag und Nacht unverdrossen und hatten auch die Freude, es schon am 9., noch vor Erscheinung eines Franzosen, vollendet zu sehen.

Während wir noch mit dieser Arbeit beschäftigt waren, ließ sich der Kommandant vom Hauptmann v. Waldenfels bewegen, uns in Gesellschaft des letztern, des (Gott erbarme sich's!) Ingenieurkapitäns Düring und einiger andern dort auf dem Platze zu besuchen. Es war seit der ganzen Zeit das erstemal, daß er sich außer den Toren der Stadt blicken ließ. Anstatt uns aber in unserm Fleiße durch irgendein freundliches Wort aufzumuntern, machte er unser Vornehmen mit spöttischem Lachen als Kinderspiel verächtlich. Indem aber noch weiter unter den Herren von der Haltbarkeit der Festung hin und her gesprochen wurde und die Meinungen verschieden ausfielen, konnte ich mein Herzpochen nicht länger zähmen, sondern nahm das Wort und rief: »Meine Herren, Kolberg kann und muß dem Könige erhalten werden; es koste, was es wolle! Wir haben Brot und Waffen, und was uns noch fehlt, wird uns zur See zugeführt werden. Wir Bürger sind alle für einen Mann entschlossen und wenn auch all unsre Häuser zu Schutthaufen würden, die Festung nicht übergeben zu lassen. Und hörten es je meine Ohren, daß irgend jemand – er sei Bürger oder Militär – von Übergabe spräche: bei Mannes Wort! dem rennte ich gleich auf der Stelle diesen meinen Degen durch den Leib, und sollte ich ihn in der nächsten Minute mir selbst durch die Brust bohren müssen!« – So gingen wir für diesmal halb lachend, halb erzürnt auseinander.[269]

Quelle:
Nettelbeck, Joachim: Eine Lebensbeschreibung, von ihm selbst aufgezeichnet. Meersburg, Leipzig 1930, S. 257-270.
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
Eine Lebensbeschreibung, von ihm selbst aufgezeichnet
Joachim Nettelbeck, Burger Zu Colberg (3); Eine Lebensbeschreibung, Von Ihm Selbst Aufgezeichnet
Bürger zu Kolberg: Eine Lebensbeschreibung, von ihm selbst aufgezeichnet

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