[Gemüthszustände, Bewegungen und Erschütterungen]

[188] Unter die befördernde oder störende, mehr dauernde Gemüthszustände, Bewegungen und Erschütterungen, welche nicht zunächst in einer Gewöhnung oder Verwöhnung ihren Grund haben, deren Ursprung in der Regel schon tiefer liegt, gehört vieles, was in seinen Abarten, in seinen Schattierungen auf andere Felder überschweift, und theils schon berührt worden ist, theils in dem practischen, speciellen Theil dieser Abhandlung seine Erwähnung findet; in diesem gegenwärtigen Abschnitt können wir nur die Stammadern des großen Getriebes mit ihren bemerkbaren Nebenzweigen aufsuchen. Zunächst also von dem Geitz, mit seiner Abart, der Habsucht, von seinem Extrem, der Verschwendung, und der zwischen beiden liegenden Tugend der Sparsamkeit, der klugen Haushaltung.

Die furchtsamen Menschen, die beschränkten Köpfe sind eher zum Geitz geneigt, als der kühne, vertrauende Waghals und der erleuchtete Geist. Es kommt dies daher, weil jene wohl einsehn, daß die Summe ihres eignen Willens, ihrer Kraft und ihrer armseligen Ausbildung bei der Beschränktheit ihrer Ansicht von den wahren Gütern des Lebens nicht immer ausreicht und ausreichen wird, ihnen Genuß zu gewähren, und also schützen und vermehren sie sich den Besitz dessen, was[188] allein ihnen eine Folie unterlegen kann, – das Geld! Die Vermehrung dieses Besitzes wird ihnen bald Zweck, alleiniger Genuß; das Geld ist nicht mehr Mittel zum Genuß, es ist der Zweck, der Genuß selbst, die Spielerei, der Abgott, wovon sie sich nicht mehr trennen können. Eben so wenig, wie der Geitzige sich von dem trennen kann, was er einmal gesammelt hat, eben so wenig kann er in dem Anhäufen seiner Schätze ein Ziel finden, denn eben die Vermehrung der Summen ist es, was seine Leidenschaft ausmacht, und daß er nichts wieder herausgiebt, ist es, was ihn gegen andere so gehässig macht. Weil der Besitz allein sein Glück ist, so trennt er sich davon nicht, und wagt mit dem bereits gewonnenen Gelde auch nichts, wo er denn also in dem Umtrieb des Geschäftsverkehrs überall ärgerlich im Wege steht. Um nichts zu wagen, doch aber seine Vermehrungssucht befriedigen, ist er in den größten Kleinigkeiten genau, darbt sich selbst alles ab, er steht am Born der Freuden, ohne zu trinken, und er wird uns gehässig, weil wir ihn nur immer hinnehmen, nie wieder austheilen sehn. Daß der Geitzige, wenn er einmal sein Geld wagt, gewöhnlich derb angeführt wird, ist sehr natürlich, denn nicht zu gedenken, daß der Geitz nur bei dem beschränkten Kopf, oder dem furchtsamen Weltmenschen, der also die wahren Ansichten von dem Betrieb und Umlauf des Erwerbs nicht hat, Wurzel faßt, so kann aber auch nur die Hoffnung eines übergroßen Gewinnes ihn bestimmen, sich auf eine Zeitlang von seinem Mammon zu trennen, ohne daß er erwägt, daß großer Gewinn sich selten ohne die Gefahr großen[189] Verlustes erwarten läßt, und überdem ist jeder Spieler auf dem großen Brett gegen den Geitzigen in Anmarsch, wenn dieser sich einmal mit seinem Gelde heraus wagte.35 Der Geitzige sammelt im Kleinen, also erlaubt er sich keinen Genuß, er nimmt an dem geselligen Umgang nicht Theil, weil er da zu Ausgaben verleitet werden könnte; man weiset ihn auch davon zurück, weil er nichts wieder giebt, die Wohlthätigkeit ist ihm fremd, weil sie Geld kostet, er ist daher hart gegen die Menschen, Vaterlandsliebe kennt er nicht, weil sie mit Ausgaben für den Gemeinsinn verbunden ist; der Staat ist ihm der beste, der kein Geld von ihm verlangt; der Mensch hat noch einigen Werth für ihn, den er wohl noch zu beerben gedenkt; er ist schmutzig, weil Reinlichkeit Geld kostet; Ehre und Schande sind ihm gleich, denn der Anblick des Mammon tröstet ihn im Stillen; er ist kein zärtlicher Gatte und Vater, weil er der Frau die Bissen zuzählt, und die Kinder lieber in die Welt hinausstößt, als daß er seinen Mammon angreift, er hat Mißtraun gegen jeden Menschen, denn er sieht in jedem einen auflauernden Dieb, darum schläft er auch nie ruhig, denn würde ihm sein Schatz gestohlen, so hörte der Gehalt seines[190] Daseins auf, er ringt nicht nach Vervollkommnung seiner selbst, denn das bringt unmittelbar nichts ein, und die Fittige des Geistes zu jeder Erhebung sind durch diese gemeine Leidenschaft gelähmt! Man bemerkt, daß geitzige Menschen häufig sehr alte Menschen werden, und das mag wohl daher kommen, weil sie in der Monotonie ihrer Zurückgezogenheit sich an die kärglichste, einfachste Kost gewöhnt haben, welche von der Natur für die Bedürfnisse des animalischen Menschen vorgeschrieben zu sein scheint; – allein können sie zuletzt sagen, daß sie lebten, und können sie große Beruhigungen mit hinüber nehmen über das Grab, können sie mit Freiheit scheiden, da sie den Erdklumpen, dessen Anhäufung der Zweck ihres Lebens war, der Erde zurücklassen müssen?

Mit dem Geitzigen laß dich nie in Geschäftsverkehr ein, denn er will nur von dir haben, nie wieder mittheilen, du kannst nie auf seine Unterstützung, noch weniger auf seine Freundschaft rechnen; er ist nur der Freund seines Götzen. Suche nicht Unterhaltung bei ihm, denn sein Ideenkreis ist arm und kömmt immer wieder auf das Geld zurück; er kann sich nicht emporschwingen zu einer freudigen Höhe, welche du suchst; in Gesellschaft betrachte ihn als eine Null, und sein Haus meide, denn er sieht dich lieber gehn, als kom men; er ist ein Prozentmann, den man nicht besser – für die wirkliche Welt – strafen kann, als wenn man ihm witzig ersonnene Warnungen giebt, sich künftig liebevoller und freundschaftlicher mit seinen Nebenmenschen zu amalgamiren. – Jeder Geitzige ist ein gefährlicher Mensch, und zu allem, selbst zum Spion, der[191] das Vaterland für prompte Bezahlung verräth, zu gebrauchen. Nur zu Angelegenheiten, wo es einiger Großmuth bedarf, ist der an sich regsame Geist des Geitzigen unbrauchbar. Silenus blickt bei der Wahrheit zu bald durch!

Um dich selbst aber vor dem großen Fehler des Geitzes zu schützen, so suche dich mit Kenntnissen aller Art so zu bereichern, daß du das Vertrauen zu dir gewinnen kannst, des Geldes allein nicht zu bedürfen, um ohne große Sorge in dein ferneres Menschenleben blicken zu können! Betrachte das Geld nicht als Zweck, sondern als Mittel! Verkenne aber auch dessen Werth nicht, verachte es nicht. Es diene dir dazu, Genüsse dir zu bereiten, deine Sorgen zu erleichtern und deinen Nebenmenschen damit zu helfen, wenn sie in Noth sind. Darum unterscheide leichten Sinn von Leichtsinn. Ersterer ist die Glücklichkeit eines Temperaments; letzterer richtet Familien zu Grunde.

Frauenzimmer sind häufig eher zum Geitz geneigt, als Männer; es kommt dies daher, theils weil ihr Beruf an sich mehr darauf geht, zu sparen, als zu erwerben, theils weil sie nicht leicht in das Verhältniß kommen, großen Erwerb zu machen, also den Besitz sorgfältiger schützen, theils weil ihre Einnahme und Ausgabe an sich mehr in Kleinigkeiten besteht, als bei den Männern, und endlich, weil bei dem Gefühl ihrer Schwäche das Geld ihnen als die beste Stütze erscheint, welche sie für ihre Zukunft tröstet. – Man findet häufig, daß junge Verschwender alte Geitzhälse werden, aber selten ist der Fall umgekehrt. Der Grund liegt darin, daß der[192] Verschwender durch die unzähligen Verlegenheiten, in welche er durch seine Verschwendung gerieth, doch endlich den Werth des Geldes kennen lernt, und dann auch, daß bei herannahendem Alter die Furcht, ohne Geld bald nichts mehr zu gelten, ihn beschleicht, und die Ruhe des Besitzes ihm zulächelt.

Der junge Geitzhals, der erst späterhin anfängt, ein Verschwender zu werden, ist weit schlimmer daran. Durch das Beispiel seiner Aeltern wurde er wohl zum Geitz erzogen, oder es wurden ihm übermäßig falsche Begriffe von dem Werth des Geldes beigebracht, und er lernte in seiner Furchtsamkeit, welche mit dem Geitz verbunden ist, keine andern Genüsse kennen, als seine Herrlichkeit in dem Schrank anzuschaun; lernt er aber nun erst auch andere Genüsse kennen, die er durch das Geld sich verschaffen kann, so wird er um so unersättlicher darin, je weniger er sie vorher kannte, und stürzt sich um so unbesonnener hinein, je weniger sein vorheriges, geitziges Leben ihn mit den Regeln der Lebensklugheit bekannt machen konnte.

Man sieht manchen Geitzigen, wenn er auf einmal einen großen Verlust erlitt, urplötzlich als Verschwender erscheinen; das ist aber immer nur ein Entschluß der Verzweiflung, denn jeder Geitzige ist kleinmüthig, und Kleinmuth führt den Geitzigen so leicht zum Extrem, wie den Feigen; wenn aber der Paroxismus vorbei ist und die Besonnenheit heimkehrt, so tritt er um so eifriger in seinen eigenthümlichen Character, den Geitz zurück.

Geitzige sind häufig auch ganz besonders fromm; diese ganze Frömmigkeit ist aber am Ende weiter nichts[193] als Furcht vor dem Tode, mit dem ihr ganzer Freudenhimmel einstürzt.

Der Geitzige denkt mehr auf das Erhalten, der Habsüchtige mehr auf das Erwerben. Das Erworbene opfert er schon leichter wieder auf, denn er strebt nun schon wieder weiter. Im Weltverkehr ist er daher besser, als der Geitzige zu gebrauchen, da er doch auch andere von seiner Errungenschaft genießen läßt; allein er ist sich selbst und andern weit gefährlicher, als der Geitzhals. Die Leidenschaft des letztern ist gemäßigter, und äußert sich äußerlich wohl widrig, aber nicht wild, weil die Sicherung des Besitzes Schranken stellt; die des Habsüchtigen ist fesselloser, weil die Wünsche keine Gränze kennen und immer heftiger werden, je mehrere schon befriedigt waren. Dazu kommt, daß die Habsucht von dem Stolz, der Ehrsucht motivirt wird, und die verwegensten Mittel gelten bei dem Ringen, das Faß der Danaiden zu füllen. Der Betrug ist nicht mehr Betrug in den Augen des Habsüchtigen; er ist das dem Klugen bereit liegende Mittel zum Gewinn, und mit diesem Begriff ist denn das ganze Gebäude seiner Moral untergraben. Der Geitzige hat doch noch einen dauernden Zweck, den Besitz; den Habsüchtigen befriedigt der Besitz nicht; er will immer mehrern Besitz haben, er speculirt auf den Besitz; der glückliche Genuß der Ruhe wird ihm fremd! – Bei dem Regenten wird die Habsucht zur Eroberungssucht, und der eroberungssüchtige Regent ist eine Geißel seines Jahrhunderts!

Die Freude des Besitzes beglücke dich; die Sucht, noch mehr besitzen zu wollen, störe dir den Genuß der[194] Gegenwart nicht. Den nähern Umgang mit Habsüchtigen vermeide; sie sind herzlos, da jene wilde Leidenschaft sie beherrscht, sie benutzen dich nur so weit, als du ihr Streben zu fördern vermagst, und sie reißen dich wohl gar in den Taumel mit fort, indem sie deine Ehrsucht entflammen, und mit Bildern schöner Hoffnung dich umgaukeln. Besonders warnen wir dich hier vor den Schwindlern, diesen schon halb verunglückten Habsüchtigen, diesen Projectmachern, welche mit einem Schlag reich werden wollen, die so von ihrer Speculation eingenommen sind, daß sie nur das Ziel sehen, ohne die Mittel gehörig zu erwägen, und die dein Vermögen unvermeidbar opfern, während sie selbst nichts verlieren, denn sie hatten nichts mehr zu verlieren. Laß dich daher nie auf dergleichen Speculationen ein; die Hoffnung eines großen Erwerbs setze dein gewisses Eigenthum nicht in Gefahr, denn wär die Gefahr nicht größer, als die Hoffnung, so würden wohl in einer Welt, wo jeder erwerben will, auch andere, wenigstens eben so kluge Menschen als du, das Geschäft eingehn. Gewißheit des Besitzes sei deine Grundregel. Ziehe daher lieber einen kleinen und sichern Gewinn, den du berechnen kannst, vor, oder, wenn du diesen nicht findest, so laß das Geld ruhen. Speculire nicht auf Getraidepreise, Waarenconjuncturen, Güterhandel, ganz besonders nicht auf Staatspapiere und dergleichen, auch nicht im Kleinen, weil deine Einlage durch unvorhergesehene Umstände, wozu besonders der Krieg gehört, leicht gefährdet werden kann. Ueberlaß dieses Glücksspiel jener Zunft, die davon Metier macht und machen muß; willst[195] du, unbekannt mit jenem unsichern Wesen, auch einmal, von Glücksrittern beredet, dein Glück darin versuchen, so wirst du gewöhnlich angeführt, oder mindestens deine Ruhe und dein übriges Geschäftsleben gestört. In dieser Hinsicht mußt du besonders zudringliche Advokaten u. dgl. aus deinem Hause entfernen. –

Verschwender sind an sich gutmüthige Menschen; der Geitzige verbirgt seinen Reichthum, weil er fürchtet angesprochen zu werden; der Verschwender hingegen hat immer zu geben, und verspricht weit mehr, als er halten kann; wenn er Millionen besäße, er würde bald doch nichts mehr sein nennen können; daraus macht er sich aber auch nichts, denn die ganze Welt gehört sein; er kennt den Werth des Geldes nicht, weiß keinen Gebrauch davon zu machen, unbesonnene Gutmüthigkeit, diese Grundlage der Verschwendung, reißt ihn fort, er wird von andern bethört, in einem Taumel gehalten, der ihm schmeichelt, er wird gemißbraucht, so lange er noch Geld hat, und versiegen die Quellen, so verläßt ihn die Bande der Schmarutzer. Der Verschwender ist darum eben nicht träge; er arbeitet gern, um zu gewinnen, nur darf ihm die Arbeit nicht zu anhaltend sein; dies ist wenigstens die Regel; oft aber sieht man auch Verschwender mit großer Anstrengung lange anhaltend arbeiten, und dann den mühseligen Gewinn in kurzen Augenblicken wieder ohne alle Eintheilung unter die Leute bringen.

Wenn auch die Verschwendung aus Gutmüthigkeit entsteht, so hat doch auch diese ihre Gränzen, und Unbesonnenheit, Leichtsinn, Neigung zu sinnlichen Genüssen,[196] falsch angebrachte Großthuerei führen auf dem einmal eingeschlagenen Wege fort. Der Verschwender kann keine Ordnung in seinem Hauswesen, wovon so vieles ausgeht, haben, er kennt sich selbst nicht, und ist noch weniger Herr über sich selbst; so gern man ihn also auch in Gesellschaft wohl leiden mag, so wenig wird man sich eng an ihn anschließen können, und noch weniger werden ihm wichtige Geschäfte und Dienste anvertraut werden können, und das Einsehen, die Reue kommt zu spät, gewöhnlich dann erst, wenn der Verschwender sich und die Seinigen zu Grunde gerichtet hat. Dieser Zeitpunct muß aber eintreten, denn je größer die Hülfsquellen des Verschwenders sind, desto mehr Schmarutzer finden sich, die daraus schöpfen, und ein anderer Nachtheil ist noch das wüste Leben mit allen seinen Gefahren, in welches der sorgenlos dahin Taumelnde von seinen falschen Freunden leicht gestürzt wird. Das endliche Erwachen des Verschwenders ist sehr schmerzhaft.36 Die ernsthaften, klugen, bedächtigen Menschen haben sich von ihm zurückgezogen, die Brut der Schmarutzer verläßt ihn hohnlächelnd, und diese Täuschung seines Vertrauens auf Menschen, diese Undankbarkeit kränkt ihn tief; er hat sich den Vorwurf zu machen, daß er auch die Seinigen in Mangel und Noth brachte, ihm selbst ist der Mangel um so unerträglicher, da er den Werth reichhaltigerer[197] Genüsse kennt, und selten hat er so viel Mannheit übrig behalten, zu dulden, zu tragen, festzustehn. Daher werden solche Menschen denn oft Spieler, Säufer, oder die Niedergeschlagenheit und dann die Verzweiflung greifen auch wohl ihre Moralität noch mehr an, und sie gehen von kleinen Betrügereien zu größern über. Sie werden Verräther an andern, an der Tugend, an sich selbst, und enden nicht selten – im Kerker!

So angenehm der Umgang mit einem Verschwender, der noch im Wohlleben sich befindet, und noch nicht Wüstling ist, dir auch sein mag, so mußt du dich doch aus mehreren triftigen Gründen davon zurückziehn. Denn, mag er selbst auch gut sein, so sind doch seine Umgebungen gewöhnlich so beschaffen, daß es dir keine Ehre vor der Welt macht, auch zu ihnen gezählt zu werden; ferner reißt sein beschwatzender Leichtsinn dich auch wohl zu Ausgaben hin, die du füglich hättest ersparen können, zu Vergnügungen, die du hättest vermeiden sollen, und wenn auch der Gemeinsatz, daß man von niemandem eine Gefälligkeit annehmen soll, die man ihm nicht erwiedern kann oder will, abgeschmackt kleinstädtisch ist, so kommt doch, bei deinem Umgang mit dem Verschwender, der Fall gar zu oft, daß er dir mit seiner Güte beschwerlich fallen muß, wenn du nicht unverschämt sein willst, und um so peinlicher muß dir die Annahme seiner Gaben sein, da dir der Fall schon gar zu oft vorgekommen sein wird, daß jeder Verschwender zuletzt darbt. Herzensgüte, Lebenslust und Gutwilligkeit ohne Berechnung reichen gegen die ernsten Berechnungen des prosaischen Lebens selten aus.[198]

Eine ruhige, häusliche, öconomische Lage ist der halbe Lebensgenuß, und es gehört in der That nicht so viel dazu, als man glaubt, sie zu gewinnen. Die kleinen Anstrengungen und Entbehrungen, welche ihre Erlangung fordert, werden reichlich durch die genußreiche, freudige Ruhe, die sie über unser ganzes Wesen verbreitet, belohnt. In jedem Verhältniß kann man eine gute öconomische Lage haben, sie ist relativ, Armuth existirt eigentlich gar nicht, oder sollte vielmehr nicht existiren. Richtige Eintheilung und Ordnung sind die Grundsäulen der Sparsamkeit, der Wohlbehaglichkeit. Ueberschlage daher deine jährliche Einnahme, nicht die ungewisse, sondern die gewisse, denn zulegen kannst du immer, wenn du es hast, und das gewährt denn eine Freude mehr, wogegen das mehrere Beschränken, wenn die ungewisse Einnahme wirklich ausfällt, dich bekümmert. Nach der sichern Einnahme richte auch den Etat deiner Ausgaben; bei diesen aber mußt du umgekehrt wieder ein Bedeutendes für unbestimmte, ungewisse Ausgaben mit in Anschlag bringen, denn diese fallen immer vor. Vertheile danach klüglich die Ausgabesumme in nothwendige und minder nothwendige Aus gaben, und bist du über das alles mit dir selbst einig, so bleibe unerschütterlich dabei stehn. Mußt du auch dabei im Verfolg manches entbehren, das thut nichts, denn eine Entbehrung, die du dir selbst auflegst, ist keine Entbehrung. Denke nicht, daß du bei gegebner Gelegenheit wohl einmal mehr ausgeben kannst, und daß du es nachher auf eine andere Art wieder ersparen willst, denn entweder, du führst dieses nachherige Ersparen wirklich aus,[199] dann darbtest du unterdessen, und darben thut weh, oder du führst es, was in der Regel der Fall ist, nicht aus, dann kommt Wirrwarr in dein System der Sparsamkeit, und du wirfst es unzufrieden wohl am Ende ganz hin. – Ordnung aber ist die halbe Wirthschaft, sie ist eine doppelte Einnahme. Durch Ordnung hast du eine Uebersicht, kannst schnell zu Hülfe kommen, wo es fehlt, und ersparst dir manche Ausgabe, da Ordnung erhält; sorge in deiner Wirthschaft nicht blos für das Anschaffen, sondern ganz besonders auch für das Erhalten, und das kannst du nur durch genaue Ordnung; das Anschaffen findet sich durch die Ordnung selbst. Zu dieser Ordnung gehört auch die Rechnungsführung. Außer dem, daß deine Rechnungen nach Jahren noch dir ein nützliches Beweisstück sind, so findest du durch dieselben auch, wo künftighin zugelegt werden kann, wo abgenommen werden muß, und wo du auf eine wohlfeilere Weise denselben Zweck erreichen kannst. – Von deiner Einnahme lege allemal einen Nothpfennig für ganz unerwartete Fälle zurück. So wie du überhaupt nie ganz von Gelde dich entblößen mußt, indem die wieder erwartete, bestimmte Einnahme sich so oft verzögert, so ist dir der Nothpfennig schon eine große Beruhigung, wenn unerwartete Fälle eintreten, oder zu befürchten stehen. – In Kleinigkeiten der Ausgabe sei sehr genau; das Jahr ist lang, und aus den ersparten Kleinigkeiten wird zuletzt eine Summe. In dieser Kunst, im Kleinen zu sparen, liegt es vorzüglich, daß man oft nicht begreifen kann, wie Leute, deren geringe Einnahme man doch genau kennt, sich im öffentlichen Leben,[200] wie man zu sagen pflegt, so honett machen. Genaue Rechnung und Fleiß sind die Seele der Haushaltung. – Glaube nicht, daß du etwas, das andere mitmachen, die nicht mehr einzunehmen haben, als du, darum eben auch mitmachen mußt, denn du weißt nicht, ob sie dieselben Ausgaben haben als du, oder ob sie nicht in den Tag hinein leben; folge du streng deinem Ausgabesystem, und laß dich zu jenem oft epidemischen Mitmachen nicht etwa durch eignen kleinlichen Ehrgeitz, daß du nicht zurückstehn mögtest, oder wohl gar durch die Beredungen der kurzsichtigern Gattin in deiner öconomischen Regel stören. – Aeußerlich muß dir im Weltleben niemand deine strenge Oeconomie anmerken; man legt sie sonst leicht als Geitz aus, der keine Ansprache findet. Ohne Verschwender zu sein, sei immer das, was alle Nationen ehren – gastfrei! – Laß niemanden in dein Rechnungswesen, in die Oeconomie deines Hauswesens blicken, denn es wird leicht ein falscher, übler Gebrauch davon gemacht, wenn man weiß, daß du immer auf unvorhergesehene Fälle vorbereitet bist. Noch weniger mische dich in das Hauswesen anderer; laß sie schalten und walten mir dem Ihrigen, wie sie wollen, denn sie haben es zu verantworten, und dergleichen Beurtheilung des Hauswesens eines andern giebt leicht zu einem Stadtgespräch Anlaß, welches dem Credit dessen schadet, den du beurtheiltest. Der Hausstand, wo es keinen Hader gäbe, soll noch gefunden werden; wie wäre es also möglich, die Hydra des Haders tilgen zu wollen. Unberufener Schiedsrichter zu sein, giebt Unannehmlichkeiten aller Art. – Verstehe es, zu gehöriger Zeit[201] dich vom Gelde zu trennen; der Ankauf von Vorrath zu guter Zeit ist Erwerb. – Vermeide es so viel als möglich, von andern Sachen oder Geld zu borgen, denn alsdann verlangt man es auch nicht von dir; sei aber nicht ungefällig darin, und liefere du das Erborgte prompt zurück, denn alsdann darfst du wieder kommen. – Der Nothpfennig werde späterhin ein kleines Capital, denn deine Grundregel sei bei der Oeconomie in jedem Verhältniß, mehr einzunehmen, als auszugeben. – So lange die Manneskraft dauert, suche deinen Erwerb zu vermehren, je doch nicht auf Kosten deiner Lebensruhe und auf Gefahr des bereits errungenen Besitzes. – Mache deine Einrichtung besonders so, daß du das Ausgabegeld immer auf längere Zeit im voraus liegen hast.

Man sehe alle diese Erwähnungen nicht als Kleinigkeiten an, denn ohne ein guter Wirth zu sein, kann man auf die Dauer kein glücklicher Mensch sein, und die Ruhe, welche der gute Wirth in seinem Hause fühlt, verbreitet sich wohlthätig über sein ganzes Leben in der bürgerlichen Welt; er gewinnt den Namen eines soliden Mannes, eines Mannes bei der Stadt, und das ist ein größerer Ehrentitel, als die leichte, lustige Jugendwelt wohl denkt!

Theilnahme ist eine der gefälligsten Gesellschaftstugenden. Wir setzen ihr entgegen die Selbstsucht, Mißgunst, den Neid. Die Theilnahme entspringt aus einem sanften, gutmüthigen Character, und der theilnehmende Mensch hat viel Ansprechendes für uns, weil er unsern Schmerz, unsre Freude mit empfindet, weil Harmonie zwischen uns beiden ist, er bringt nichts[202] Störendes in unsern Gemüthszustand, wir dürfen nur andeuten, was wir fühlen, es ist schon das seinige. – So wohlthätig unsere Theilnahme an den Ereignissen anderer auf uns zurückwirkt, so müssen wir uns doch wohl in Acht nehmen, nicht zu weit darin zu gehn, denn nicht allein, daß wir darüber oft uns selbst vergessen, oder das zurücksetzen, was uns und den Unsrigen näher liegt, so wird unsre gutmüthige Theilnahme auch oft gemißbraucht, und unsere thätige Hülfe mit Undank gelohnt, so wie denn auch wohl der Fall eintritt, daß wir unberufen mit unsrer Theilnahme da uns eindrängen, wo sie nicht verlangt wird, und als zudringliche Neugierde erscheint, oder wo unser guter Wille uns eignen Gefahren aussetzt, denen wir füglich überhoben sein konnten. Du mußt also nie Märtyrer deiner Theilnahme werden, und vermeidest du diese Linie, so bereitet sie dir selbst das angenehme Bewußtsein, auch in den Herzen anderer Menschen zu leben; ohne Mittheilung ist ja das Leben ein Kerker, den nur sehr böse Menschen noch erträglich finden können. Als theilnehmender Mensch hast du aber nicht allein Mitgenuß an den Freuden anderer, und sie lassen dich leichter hinzu, schließen ihren Busen leichter vor dir auf, sondern du kannst auch leichter und ruhiger durch das Leben gehen, denn du wirst nicht so leicht von deinen Umgebungen befeindet, oder in deinen Zwecken von ihnen gehemmt, da du durch deine bekannte Theilnahme ein Theil ihrer selbst bist, und wenn dich ein Ereigniß betrifft, wo du der Hülfe anderer bedarfst, so sind hundert Arme für dich bereit, indem der bessere Mensch den Tribut der Dankbarkeit[203] gern zollt. Es giebt aber Lagen und Charactere, wo deine Theilnahme übel angebracht ist. Zu diesen Lagen gehört besonders die, wo du sowohl als der Gedrückte, es einsiehst, daß du durchaus nicht helfen kannst, oder ihm überhaupt nicht zu helfen ist; deine sich stark äußernde Theilnahme ist ihm daher doppelter Schmerz, deine Ruhe hingegen ermannt auch ihn wohl noch eher. Deine Theilnahme in der ersten Periode, wo der Unglückliche nur noch mit seinem Schmerz beschäftigt ist, wo er sogar etwas Süßes darin findet, diesem Schmerz nachzuhängen, ist viel zu früh, und ihm unangenehm störend; erst dann, wenn der Schmerz in sich selbst sich verblutet hat, tritt mit deiner Theilnahme hervor; dann erst thut sie wohl. Die thätige Theilnahme an allen denen, welche man politische Schwärmer oder Träumer nennt, und als solche erkennt, vermeide unbedingt. Der Kampf der Pigmäen und Lapithen gegen das Gewölbe des Himmels führt zu keinem guten Ziel. – Wenn einer deiner Bekannten durch Selbstverschulden schnell in eine traurige Lage gekommen ist, dann beweise ihm deine Theilnahme entweder schnell, oder gar nicht; je länger du zögerst, desto mehr hat er über sein Selbstverschulden nachgesonnen, desto mehr bist du ihm fremd geworden, und desto mehr fühlt er sich niedergedrückt, gedemüthigt, wenn du wieder vor ihm erscheinst. – Eben so ist alle geäußerte Theilnahme an dem Stilleben anderer übel angebracht, z.B. an dem Glück der Liebenden, an den Genüssen junger Eheleute; sie haben dir, dem Dritten, nichts darauf zu antworten, und ihre verschämten Freuden meiden gern die Theilnahme.[204] – Charactere, welche alle Theilnahme zurückstoßen, sind an sich große Charactere; sie wollen allein den Schmerz tragen, aus sich allein die Hülfe entwickeln. So gut aber auch der Wille ist, andere nicht mit seinem Schmerz zu belästigen, so verleite dich doch die anscheinende Größe, welche darin liegt, allein tragen, allein helfen zu wollen, nicht zur Nachahmung, denn leicht erliegst du allein dem Schmerz, und in der Theilnahme anderer liegen auch schon die Wege zur Hülfe, welche der Dritte richtiger sieht, als der Ergriffene sie sehen kann, sie sehen will. Der Beruf, mit dem Menschengeschlecht, mit der Societät verbunden zu seyn, reißt stets von dem idealen oder phantastischen Großen zu der wahren nothwendigen Einfachheit des Lebens zurück. Man kann träumen, aber mit Berechnung, und die Schranken des wahren Lebens dürfen bei den Traumgebilden nicht vergessen werden! –

Jeder Mensch ist zwar sich selbst der Nächste, er selbst ist aber nicht sein einziger, sein alleiniger Zweck, und in diesen Fehler verfiel der Selbstsüchtige. Alle andere Menschen sind ihm nur Mittel, er würdigt sie nur so weit, als sie zu seinen Zwecken dienbar sind. In dem Begriff der Gesellschaft liegt aber schon Gemeinschaft, und der Selbstsüchtige gräbt sich daher sein eignes Grab. In dem Umtrieb des Menschenverkehrs wird man bald finden, daß er nicht aus gutem Willen auch die Zwecke anderer zu befördern strebt, und sie betrachten ihn daher sogleich als ihren Feind, sie suchen ihm seine Zwecke zu erschweren, da er ihren eignen Werth[205] nicht würdigt, und befürchten läßt, sie immer mehr zu Mitteln machen zu wollen, und sich auf ihre Kosten zu erheben; ein jeder mag aber gern eine Selbstständigkeit behaupten, oder darin gestört zu werden, nicht befürchten. Der Selbstsüchtige wird ausgeschlossen von den Freuden des geselligen Umgangs, weil er nicht als Theilnehmer, sondern als störender Auflaurer erscheint, und er gefällt sich auch nicht unter andern, weil die Reibung mit denen, die doch auch gelten wollen, ihn beleidigt. Er quält und verzehrt sich für sich allein um eines Fantoms willen, das er nie sättigen kann. Ueberzeugst du dich davon, daß andere Menschen dir unentbehrlich sind, wie sie es sind, so achte sie auch, und nicht dich allein, befördere ihre Zwecke, so werden sie dir wieder behülflich sein; laß sie etwas gelten, so giltst du auch bei ihnen. – Aus der Selbstsucht entstehn denn auch die gehässigen Fehler des Neides und der Mißgunst. Der Mißgünstige empfindet es überhaupt übel, daß ein an derer etwas Vorzüglicheres habe, und der Neidhard hat außerdem noch den Verdruß mehr, daß er jenes Vorzüglichere nicht selbst hat. Beiden, sehr störenden Gemüthsbewegungen kannst du nur dadurch glücklich entgehen, wenn du entsagen lernst, wenn du den Wunsch nach einem Besitz, den du dir nicht gewähren kannst, gern aufgiebst, und dabei genau prüfst, ob dieser Besitz nicht ein Scheinglück sein würde, wenn du dankbar und zufrieden zu dem dich kehrst, was du wirklich dein nennst, und ein Wohlwollen für andere Menschen dir erweckst und erwärmst. Erlabe dich an deiner Errungenschaft, und vergleiche dich nicht immer mit andern;[206] willst du aber solche Vergleichungen anstellen, so sieh auch auf die, welche unter dir stehn, und dein Besitz wird dir mehr Werth bekommen. Prüfe auch genauer, und du wirst oft finden, daß das, was du andern beneidest, in ihren Augen kein vorzüglicheres Glück, ja oft ihre eigne Quaal ist. Machst du aber Mißgunst und Neid über das, was sie glücklich erhebt, bemerkbar, so störst du ihre Freude, und sie meiden dich daher, sie schützen sich sogar vor dir, weil sie fürchten müssen, daß du ihren Genuß dir zuzueignen trachtest. – Ein neidischer Mensch kann nie für sich selbst glücklich sein, denn sein wirkliches Eigenthum hat den Werth verloren, da er es immer mit dem anderer Menschen vergleicht, wo er denn beständig etwas Vorzüglicheres finden muß, und da er also hiernach auch unter andern Menschen nicht einstimmen kann, so stoßen sie ihn um so lieber von sich, da er nie mit ihnen eine Bahn geht. Die Grundregel der Lebensberuhigung bleibt in dieser Hinsicht immer die, daß wir stets auf die Menschen sehen, welche unter uns stehen, und nicht auf die über uns. Das Schicksal der letztern giebt uns Beruhigung, Tröstung, Ermuthigung; – der Prunk der erstern bemüthigt, und es ist gut, diese Ansichten in reiner Beschauung zu vermeiden.

Der Stolz ist an sich eine edle Eigenschaft der Seele; er ist das Gefühl eigner Würde, das Kind des Selbstvertrauns, und so ist er die sichere Stütze auf der gefährlichen Lebensreise; er ermuthigt, schwingt zu hohen Thaten auf, und läßt nie so tief fallen, daß der Mensch niederträchtig handelt. Diesen edlen Stolz[207] verschließ aber eng in deiner Brust; er sei nur dein stiller Begleiter; du hast sehr selten eine schickliche Gelegenheit, ihn bemerkbar zu machen, und äußerst du ihn zur Unzeit, so gefällst du den Menschen nicht. Du bist ihnen dann gewissermaßen fremd, ein für dich selbst bestehendes Wesen, das ihrer nicht bedarf, und von dem sie glauben, daß es sich über sie erheben will. – Prüfe außerdem aber auch genau, ob dein auf Selbstgefühl und Selbstvertraun gegründeter Stolz auch wirklich Gehalt habe, ob du die Kräfte und Tugenden, welche du zu besitzen glaubst, auch wirklich besitzest, und ob wirklich dieses Besitzthum den Werth hat, den du ihm beilegst. Findest du das, überzeugst du dich davon, daß die rohe Masse der Menschheit als Pöbel weit unter deiner Beachtung steht, so feiere deine Freudenfeste in stiller Brust, laß dich aber nie dadurch verleiten, was so oft geschieht, andere Leute geringer anzusehn. Du gefällst den Menschen weit mehr, erringst leichter etwas von ihnen, gefällst dir selbst weit besser unter ihnen, wenn du mit ihnen gleichen Schritt gehst, auch sie etwas gelten lässest. In den wenigen Worten: »daß man den Menschen das gelten lasse, was er gelten will« liegt eigentlich die Kunst der wahren Lebensphilosophie.

Legst du diesem ursprünglich guten Stolz nicht Fesseln an, so artet er auch leicht in Herrschsucht aus. Der Herrschsüchtige will überall etwas voraus haben, niemanden neben sich aufkommen lassen, und da es sehr oft eine gute Klugheitsregel ist, freiwillig zurückzutreten, und andere gelten zu lassen, so schadet[208] er sich sehr, wenn seine Herrschsucht ihn daran hindert, diese Regel wahrnehmen und befolgen zu können. Häufiger aber tritt noch der Fall ein, wo überwiegender Rang, Auszeichnung, Kenntnisse, Talente anderer Art uns zwingen, zurückzutreten, und dann macht die Herrschsucht uns selbst nicht nur niedergeschlagen, unglücklich, sondern sie würdigt uns auch in den Augen derer, welche wir bisher mit diesem Fehler drückten, noch mehr herab. – Sie taugt überhaupt nicht für das gesellschaftliche Leben, dessen Prinzip Gleichheit ist, und der Herrschsüchtige wird daher billig geflohen, es wird ihm entgegen gearbeitet, weil er um und neben sich her erdrückt und zerstört, um allein hervorzuragen, zu gebieten. Der Herrschsüchtige genießt auch nicht, weil er nur immer ringt und strebt, nie mit einem erreichten Ziel sich begnügt, und besieh dir doch, du Bethörter, dieses Ziel bei Licht: was ist es? – Die traurige Einöde des Egoismus!37

Herrschsucht hat doch noch einigen Werth, denn sie ging von innerm, sich selbst fühlenden Gehalt aus, und äußert sich in angestrengter Thatkraft; eine weit verächtlichere Abart des Stolzes ist aber der Hochmuth. Er ist fast durchgängig ein Erzeugniß der Dummheit, und erscheint daher, und äußert sich um so widriger, da die geforderte Prätension nicht mit dem innern Gehalt[209] in Verhältniß steht; daher der Contrast, der mindestens lächerlich, oft aber auch absurd, abgeschmackt macht. Er ist ein Einbilden auf Vorzüge, welche entweder keine Vorzüge, oder gar nicht vorhanden sind, oder als nicht selbst erworben nur dann in den Augen des vernünftigen Mannes erst Werth gewinnen, wenn man durch eigne Mühe und gehaltvolle Würde sie sich erst wieder aneignet. In dieser Hinsicht gehört vieles, was man Stolz nennt, unter den Begriff des Hochmuths, als Adelstolz, Geldstolz, Rangstolz, Gelehrtenstolz, Künstlerstolz u.s.w.

Weil der Hochmuth nun mit Dummheit gepaart ist, so ist er deshalb auch oft um so auffallender, lastender, und wird unverschämt, besonders wenn er in den pöbelhaften Dünkel, oder wohl gar in den Geldstolz ausartet; der kecke Uebermuth des Hochmüthigen empört, zumal denn auch bei dem Vorzug, welchen ein solcher Mensch vor andern zu haben glaubt, er auf seine Sitten oft sogar absichtlich nicht Acht haben will, daher die Unbehülflichkeit, Grobheit, das Eintönige, das Einseitige, der Mangel an Lebensart. Er brüstet sich in seinem Posseß, und rauscht wie ein Komet quer durch die Lebensbahn anderer, wo er überall anstoßt. Der beleidigte Hochmuth äußert sich gewöhnlich eben so roh, als er rohen Ursprungs war; man hat also wohl zu thun, dem Hochmüthigen aus dem Wege zu gehn, denn eine kleine Beleidigung von seiner Seite wird, um seinen erbärmlichen Werth geltend zu machen, nicht ausbleiben, und fühlt er sich wieder beleidigt, so wird er oft so ausfallend, daß man selbst als ungezogen erscheinen[210] würde, wenn man ihm den Mund stopfen wollte; ihn durch Ausheben des Kontrastes zu beschämen, ist unmöglich, denn er ist zu eingenommen von seinem geltenden Werth, zu dumm, sich selbst lächerlich zu finden.

Der Mensch will sein Verdienst nicht für sich selbst genießen, er will auch wissen, ob es wirklich Werth, ob es auch für andere Werth habe; er strebt zu gefallen; je mehr oder weniger er verlangt, daß man es ihm äußere, daß er gefällt, je mehrern Werth er auf das legt, was seiner Person an derselben gefällt, und je mehr es ihn vergnügt, wenn auch andere ihren Beifall darüber ihm zu erkennen geben, desto mehr oder minder eitel ist er. Eitelkeit in den gehörigen Schranken des conventionellen Verhältnisses, unterstützt durch eine kraftvolle Würde, ohne überlaute Anmaßung, ist eine Gesellschaftstugend; außerdem ist Eitelkeit aber eine Schwäche; das wahre Verdienst lobt sich von selbst, man braucht nicht zu verlangen, daß andere ihr Lob darüber aussprechen sollen. Als Schwäche betrachtet entwürdigt daher unser Verlangen, daß andere die Achtung von unserm Werth aussprechen sollen, den Werth selbst, zumal wir denn oft auf das Werth legen, was kein wahrer Werth ist, wenigstens nicht der geltende Werth des Mannes, und dieses Herausheben des minderen Werthes beurkundet eben den eitlen Mann. – Der eitle Mensch läuft sehr oft Gefahr, gemißbraucht zu werden, denn eben da jene Schwäche, das Lob von andern zu hören und wohlgefällig einzusaugen, obsiegend ist, so wird sie von Lobrednern benutzt, ihn zu einem[211] Mittel ihrer Zwecke zu machen. Er giebt gern alles hin, er opfert sich auf, wenn er nur im Genuß seiner Eitelkeit bleibt. – Mußt du nähern Umgang mit einem eitlen Menschen pflegen, so umgehe es so viel als möglich, seine schwache Seite zu berühren, noch mehr aber, ihr zu fröhnen; der kluge Mann rechnet dich sonst zu dem Gezücht der Schmeichler, die sich selbst entwürdigen, bei denen man niedrige Absicht vermuthen muß, und er verachtet dich. – Es ist überhaupt schwer, mit einem eitlen Menschen umzugehn; er legt einen übergroßen Werth auf Kleinigkeiten, die man selbst gar nicht kennt, deren Werth man noch weniger einsieht, und er wird daher leicht beleidigt, wo wir es selbst gar nicht ahndeten, gewiß aber nicht beleidigen wollten. Da nun die Eitelkeit seine Schwäche ist, so empfindet er deren Beleidigung tief, und wir müssen das oft schwer entgelten. – In dieser Hinsicht ist auch der Umgang mit dem weiblichen Geschlecht oft so mißlich, denn wenn auch ihre Eitelkeit privilegirt ist, so schweift diese doch in so kleinen Schattierungen ab, daß der beste Weiberkenner Mühe hat, sie aufzufinden, und doch soll sie aufgefunden und ihr gehuldigt werden; das verlangen diese schwachen, grillenhaften Wesen!

Der Hochmüthige ist gewöhnlich faul und träge im Geschäft, denn er hat schon, was er gebraucht; der übertrieben Stolze versäumt die Kleinigkeiten des Geschäfts, weil er sie unwürdig findet; der Herrschsüchtige ist unermüdet arbeitsam; seine unersättliche Sucht hält ihn rege; der Eitle ist ein fleißiger Arbeiter, weil er auch dadurch Gelegenheit hat, seine Schwäche[212] zu zeigen und geltend zu machen; aber er ist ein Kleinigkeitskrämer dabei, da er überall auf Kleinigkeiten einen übergroßen Werth legt.

Ein Vorbild, um nicht in alle jene Fehler zu verfallen, sei dir der umgängliche Mann. Er weiß, seine eigne Person in Schatten zu stellen, wo es hin gehört, und auch andere gelten zu lassen, er freut sich, andern in ihrem Wirken beförderlich sein zu können, ohne dabei zu viel von dem aufzuopfern, was für ihn selbst dienen soll, er greift schnell und glücklich in den Gesichtskreis seiner Umgebungen ein, und spricht und beschäftigt sich mit ihnen, als wenn er schon lange unter ihnen gewesen wär, er hört ihnen gern zu, und ist mit Rath und That bereit, ohne beides aufdringen zu wollen, er frägt auch, jeden in seiner Art, wohl um Rath und läßt sich gern belehren, er sucht alles zu entfernen, was andern ein fremdes Gefühl gegen ihn geben könnte, er findet Gefallen an dem, worauf sie Werth legen und legen dürfen, er rühmt nicht seine großen Verbindungen, seine Glücksgüter, spricht nicht von seinen Erwartungen, von seinem Einfluß, er ist nicht streng, noch weniger vorschnell in seinem Urtheil über andere, sein Fordern scheint Wunsch, sein Gebieten Bitte zu sein. Einen solchen Menschen hat jeder gern, willfahrt ihm gern und legt ihm keine Hindernisse in den Weg. Indessen, auch hier giebt es wieder eine Gränzlinie; man muß sich nämlich wohl hüten, nicht wegwerfend zu sein, die Herablassung muß nicht das werden, was der gemeine Mann mit der Redensart ausdrückt: der Herr ist ein niederträchtiger Mann! So[213] unerträglich nämlich der Rangstolz ist, der wie ein Pfau sich brüstet, und doch die häßlichen Füße nicht verbergen kann, so hat doch jeder Rang und Stand seine Würde, welche gegen den Geringern geschützt, aufrecht erhalten werden muß. Ist sie auch nur eine Scheingröße, so ist sie doch das, was der Person, die diesen Rang hat, das Uebergewicht über den geringern Mann giebt, welches die bürgerliche Gesellschaft nothwendig macht, um Ordnung und Gehorsam zu erhalten, sie ist das Mittel, welches die innere Staatsverwaltung schützt und den Willen des Bürgers in Zaum hält, daß er nicht ausschweife. So würde z.B. die Gerichtsperson übel thun, wenn sie nicht die Gelegenheit vermiede, von Gerichts-Eingesessenen sich ohne alle Veranlassung bewirthen zu lassen; der Prediger vergäbe der Würde seines Amtes viel, wenn er mit seinen Bauern das unschuldigste Kartenspiel spielte, und der Officier würde in der Linie keine Disciplin mehr finden, wenn er mit seinen Soldaten zechte. Wenn der, welcher einen höhern Rang hat, bei seiner Herablassung, und um die unschuldige Freude der Gemeinen nicht zu stören, ja sie noch gemeinschaftlicher zu machen, auch wohl die Gränzlinie in Acht zu nehmen weiß, so versteht das doch oft der Geringere nicht, sieht ihn ganz als seines Gleichen an, und daraus entstehn denn oft unangenehme, etwa nur durch Versetzung wieder herzustellende Verlegenheiten. Auch beleidigt man durch einen solchen auffallenden Bürgersinn sehr leicht seine übrigen Amtsbrüder, die blos und allein durch ihre öffentliche Würde zu imponiren verstehn, und macht sich, da mit höherm Rang meist[214] auch mehrerer Stolz verbunden ist, seine Vorgesetzten zu Feinden, indem sie der Meinung sind, daß wir den Werth unserer Würde nicht anerkennen. Bei ihnen ist die Herablassung eine Gnade, die nur spärlich kommen und laut gerühmt werden soll. Die Republik des Plato wo alles gleich ist, scheint nur im Lande der Feen zu existiren. So lange Dependenz zur Nothwendigkeit gehört, muß sie auch in allen Verhältnissen des Staatenvereins beobachtet werden. Nur den unveräußerlichen Rechten muß man bei diesem Subordinationsgesetz nichts vergeben.

Ein weites Feld der Betrachtung ist der Ruf, der gute Name, die Ehre, die Ehrsucht und Ehrgeitz, und die Schande. Da der Umgang mit den Menschen uns unentbehrlich ist, da dieser Umgang uns selbst ein Bedürfniß, da er uns wohlthuend ist, da bei diesem Verhältniß unserer selbst zu andern Menschen so vieles durch die Meinung, welche andere von uns haben, befördert, erleichtert oder erschwert wird, so kann es uns nicht gleichgültig sein, welche Meinung andere von uns haben, und diese Meinung begründet unsern Ruf. Er ist eine negative Eigenschaft, denn er beruhet nur in dem Glauben anderer von uns. Nichts desto weniger darf er uns aber gleichgültig sein, denn es hängt gar zu viel davon ab, und da andere oft uns richtiger würdigen, als wir selbst, indem sie nicht mit so partheiischen Augen des Egoismus uns betrachten, so muß der Ruf, in dem wir bei andern stehen, auch der Maaßstab des mehrern oder minderen Werths werden, den wir uns selbst beilegen. Ruf und Ehre sind das[215] unbemerkte sichere Band der Dauer der Gesellschaft, der Nationen, sie sind das, was allen Vollkommenheiten, sogar der Tugend selbst Werth verleihen kann. Jeder Mensch strebt, mehr oder minder, andern gefallen; seine Lebensweise soll nicht nur ihm wohlthuend sein, sondern auch bei andern nicht anstoßen, sie soll eingreifend sein, seine Beschäftigungen, seine Handlungen, seine Vervollkommnungen können nur vortheilhaft auf ihn zurück wirken, wenn sie auch von andern gehörig gewürdigt werden; – das Resultat dieses Strebens ist sein Ruf! Die Feststellung desselben zeigt ihm, ob er in seinem Streben glücklich war oder nicht, ob auch andere das aus ihm machen, was er aus sich machen wollte, ob sie seinen Werth anerkennen, ob er folgerecht handelte. Da nun die Würdigung anderer von unserm Werth aus der Allgemeinheit hervorgehet, und nicht unbedingt durch Privatinteresse, Leidenschaft oder kleinliche Rücksichten einzelner Menschen so leicht dauernd motivirt und festgestellt werden kann, so muß an der allgemeinen Stimme, ob sie für oder wider uns sei, doch wohl etwas Wahres sein, und daher ist das: vox populi, vox Dei! fast durchgängig sehr richtig. Der Mensch hat, wenn er auch selbst nicht zu den bessern gehört, ein nicht zu tilgendes Gefühl für das Edle und Gute, welches er bei andern größern Menschen wahrnimmt, das Streben der Nachahmung liegt in ihm, und hierüber wahr zu richten, gehört zu seinem Nationalstolz, und sein Urtheil ist um so freier, je entfernter er von dem Menschen steht, über den er richtet. Es kann also schon aus dieser Hinsicht unser guter oder[216] schlechter Ruf uns nicht gleichgültig sein, da er der beste Probierstein für uns selbst ist, uns zu überzeugen, ob wir auf gutem Wege gehen, oder nicht.

Wie wohlthätig ist nun aber der gute Ruf für unser ganzes äußeres Leben, wie beruhigend und erhebend für uns selbst, wie wirkt sein Lohn so stark auf das ganze Getriebe unserer Gefühle, wie frei und sicher achtet man sich im guten Ruf! – Wir wissen es, die Menschen sind uns freundlich gesinnt, sie gönnen uns gern den Platz, den wir unter ihnen einnehmen wollen, da sie wissen, daß wir des Platzes würdig sind, und ihn zieren werden; sie stören uns nicht auf unserm Wege, sie machen sich vielmehr eine Freude daraus, uns beförderlich zu sein, ja sie halten dies sogar für ihre Pflicht, da sie unsern guten Ruf, für eine Vergünstigung, welche sie selbst uns gaben, ansehn, und also zu Erhaltung ihres eignen Werkes mit beitragen müssen, und wir wandeln unter lauter Freunden umher, die sich wohl in unsrer Nähe befinden. – Wie sehr die Menschen selbst darauf bedacht sind, den guten Ruf, den sie uns einmal gegeben haben, uns auch zu erhalten, indem sie durch den Verlust, den wir daran erleiden, sich selbst anklagen würden, beweise folgende Bemerkung. Mancher Schriftsteller bekommt auf einmal einen großen Ruf, weil seine Ideen neu, überraschend, anziehend waren, man betrachtet ihn schon als einen Stolz der Nation, erhebt ihn als solchen, und die blindgläubige Menge folgt; bald findet man denn aber, daß so außerordentlich viel nicht an der Sache ist, die weitern Schriften beweisen dies noch mehr, allein man[217] hat den Ruf einmal festgestellt, und man giebt sich nun sogar Mühe, um sein Urtheil zu rechtfertigen, etwas in dem Buche finden zu wollen. Die Wahrheit, die ewige Wahrheit greift zuletzt immer durch, und stellt den Ruf fest! – Die Nichtachtung des guten Rufs straft sich selbst; denn alle Wege des gemeinschaftlichen Betriebes zu Beförderung des Lebenszweckes, des Lebensgenusses werden dadurch gehemmt, indem ein jeder, der sich näher an den anschließt, welcher in üblem Ruf steht, befürchtet, von der Welt bald eben so gerichtet zu werden. – Manche suchen sogar etwas in dem Ruf, einen üblen Ruf zu haben; das können aber nur Wüstlinge sein, denen die Stunde des schmerzlichen Erwachens noch früh oder spät schlagen wird, oder es sind die entmenschten Seelen, welche, wenn noch die Gewalt hinzukommt, als Henkersknechte in der menschlichen Gesellschaft erscheinen.

Eben vielleicht, weil der gute Ruf ein Kind der freien Meinung der Gesellschaft und so sehr folgereich für uns ist, so ist die Gesellschaft auch so wachsam darauf, und prüft selbst, ob wir der Billigung, welche sie uns gab, uns werth bezeigen, ob wir in dem Hause, in welches sie uns führte, gut haushalten, und daraus läßt sich die leichte Verletzbarkeit des guten Rufes erklären, daraus läßt sich erklären, daß die Welt so zürnend über den herfällt, der den schon erworbnen guten Ruf wieder verlor, während sie den, welcher schlechten Ruf gewinnt, und der vorher noch gar keinen Ruf hatte, nur indifferent betrachtet; das Gefühl der Selbsttäuschung und die Kränkung der Undankbarkeit empört[218] gegen jenen. Man wird selten finden, daß der gute Ruf unverschuldet verloren gehe; meistentheils geschieht es aus Uebermuth und stolzer Ueberhebung über jenen geheimen Orden, der ein großes Band der Gesellschaft ist. Denn, wie schon bemerkt, mag der Mensch auch einzeln große Fehler haben, so giebt es doch unter den Menschen, welche eine Stimme in der Gesellschaft haben, selten ganz lasterhafte Menschen; Gefühl für das Gute, so an andern Menschen ist, haben sie alle, und sprechen es gern aus; diese freie Würdigung anderer ist ihr Stolz, ihr Antheil an dem allgemeinen Bürgerverein.

Aus dem üblen Ruf ein neues, gutes Gebäude wieder aufbauen zu wollen, ist schwer; die vorgefaßte Meinung ist einmal wider dich da, wer dich vertheidigen will, wird von der Menge überschrien oder auch mißtrauisch angesehn, und schweigt daher lieber; das geringste, was du thust, wird bekrittelt, überall ist deine Arbeit mehr als doppelte Arbeit, und sich in dem Vertraun der Menschen, das man einmal verlor, wieder festzusetzen, ist fast unmöglich, denn die Erinnerung bleibt stehn, und diese regt unaufhörlich den Argwohn an, da die Erfahrung lehrt, daß die Verstellung das tägliche Studium und Uebung des Menschen ist, und gewissermaßen sein muß. – Ehe du also nicht glaubst, mit Zuversicht darauf rechnen zu dürfen, einen guten Ruf in der Welt gewinnen, verdienen zu dürfen, wage dich mit deinen Ansprüchen auf Ruf überhaupt gar nicht in die Welt hinaus; besser ist es, du hast gar keinen Ruf, als du unternimmst ein Wagestück,[219] dessen Mißglücken die Fittige deines Wirkens und Strebens auf eine ganze Lebenszeit lähmen kann.

Aber, frägst du, wie kann ein Pöbel, und eine Menge von Menschen, die mein Handeln nicht zu würdigen wissen, oder die aus Privatleidenschaft mich befeinden, oder die mich gar nicht näher kennen, oder mit den Augen ihrer Gemeinheit mich ansehn, meinen Ruf bestimmen sollen? – Aber nicht der Einzelne, nicht dessen schnelles, augenblickliches Urtheil stellt deinen Ruf fest; und möge auch aus der Menge manches lieblose, falsche Urtheil über dich ergehen; aus dem Gewühl des Widersprechenden nehmen die Verständigeren das Wahre heraus, und würdigen dich darnach; sie sind ein Ausschuß der öffentlichen Meinung, die Menge richtet sich nach ihrem, durch längere Zeit bewährt gefundenen Urtheil, und so verbreitet sich die Wahrheit eines feststehenden Rufes allgemein, darum kann denn auch niemand verlangen wollen, seinen Ruf schnell, allgemein festgestellt sehen zu wollen; jener Ausschuß muß erst aus der Menge die Actenstücke über das Für und Wider sammeln.

Aus dem guten Ruf geht die Ehre hervor. Sie ist das Resultat des guten Rufes, das Ordenszeichen, mit dem du geschmückt sein sollst. Ehre ist dem Men schen ein Bedürfniß, ja, wir mögten beinahe sagen, der ganzen organischen Welt; das Ringen darnach erhält die Lebenskraft rege, sie ist der Lohn unsrer Ausbildung, der Impuls der Krafttreibung, der Triumph der Wirksamkeit. Sie will nicht allein genossen sein; durch die Theilnahme Anderer wird sie erst zu ihrem Wesen[220] gestaltet, und läßt den Werth unsers Verdienstes um so mehr uns erkennen, da das Anerkenntniß anderer unsere Lebensgewalt uns im vollen Lichte zeigt. Daß Ehre ein Bedürfniß der Lebensthätigkeit sei, geht daraus hervor, daß auch Banditen ihre Ehre und ihren Ehrenrang unter sich haben, je nachdem sie nur im Geheim morden, oder ihre Beute auf offner Straße, im Gedränge der Menschen anfallen, daß auch die Verdammten in den Blei- und Steinkohlen-Bergwerken ihre Ehrengesetze haben, daß auch die Karaiben, die ihre Feinde verzehren, und ihre Kinder würgen, von der Ehre bewegt werden; aber eben so geht hieraus hervor, daß es eine wahre Ehre und eine falsche Ehre giebt. Die Localität kann bestimmen, daß etwas zur äußern Ehre gerechnet werden solle, was in einem andern Lande indifferent ist, aber diese allgemeine Meinung kann nie das wirklich Schlechte, Unedle, Unmoralische zur Ehre umgestalten wollen, und thut es auch nicht. Die Wahrheit ist der höchste Richterstuhl der Ehre; jeder Mensch fühlt in sich den Sinn für das höchste Wahre, und das Phantom jeder Scheinehre schwindet, und kann daher von keiner Regierung dauernd erzwungen werden sollen.

Bei diesem Streben nach Ehre prüfe daher genau, ob das, wonach du strebst, auch wahre Ehre, dauernde Ehre, und nicht ein Scheingut, oder wohl gar ein Uebel sei. Eignes Gefühl, mehrere Weltkenntniß, und genauere Kunde der Staatengeschichten eröffnen dabei die richtigsten Gesichtspuncte. Viele gehn auf ihrem Ehrenwege von dem Standpunct, auf dem sie bei ihren engern Umgebungen stehen, aus, und fallen dadurch in[221] dem Ringen nach Ehre in das Kleinliche, in das Abgeschmackte. Die Allgemeinheit der Gesellschaft ist der Richter, die Allgemeinheit der Sache der Gesichtspunct, und da diese Allgemeinheit, als solche oft unmerkbar ist, so kommt es auch, daß man die Ehre ein Phantom nennt, ohne zu wissen, was man damit sagt. Dieses Phantom äußert sich in seinen Wirkungen als Gestalt, und diese Wirkungen sind Anerkenntniß in den Augen der bewährten Mitglieder des Bürgervereins, das daraus folgende Gewicht, welches sie uns geben, und Selbstständigkeit als Triumph des Kraftaufwandes. Anerkenntniß anderer von unserm Werth ist und bleibt daher der Urbegriff unserer öffentlichen Ehre, und da die Ehre nur in der Oeffentlichkeit beruhet, so dürfen wir sie selbst und die Beurtheilung anderer, nicht zurücksetzen, wenn wir uns selbst nicht schaden wollen. Die Ehre ist die gute Meinung anderer von uns, weil wir in bürgerlicher Societät leben, und daher darf, ein jeder nach seiner Art, die Beurtheilung anderer nicht aus den Augen lassen. Das practische Leben, wie es nun einmal ist, und das Volk mit seiner Masse von Prosa muß unser Gesichtspunct sein.

Da nun dieses Wohlgefallen anderer an uns, dieser Einfluß, den wir unbedingt nun auf andere haben, diese Achtung, welche sie vor unserm Thun haben, dieses hellere Licht, in welchem unser Ich steht, die Eitelkeit sehr nährt, so entsteht aus der Ehrliebe auch bald die Ehrsucht. Der Wunsch, Ehre zu haben, wird herrschender, alles bestimmender. Da aber Ehre[222] an sich nur ein negatives Glück ist, indem sie dir keinen wirklichen, unmittelbaren Besitz gewährt, sondern nur die Meinung anderer dir gewinnt, so wirst du durch Ehrsucht ein Sclav anderer, und die Uebertreibung, zu welcher du dich hinneigtest, verfehlt den Zweck. Denn bei der Ehrliebe, dem gemäßigten Affect, glaubst du die Hochschätzung anderer als eine Errungenschaft deines eignen innern Werthes, den du dir zulegtest, und den du herrlich lebenerwärmend in dir fühlst, verlangen zu können. Bei der Ehrsucht hingegen verlangst du nur ausschließlich, weitumgreifend die gute Meinung anderer, und dir genügt schon an dem Schein. Hier ist die Scheidemark des Wahren von dem Falschen. – Der Ehrgeitzige ringt noch nach immer mehrerem Besitz der Ehre, und da mit dem dominirenden Ehrenstreit auch ein Rangstreit eng verbunden sein muß, so geht diese Ausschweifung auch Hand in Hand mit der Herrschsucht. Wenn Eitelkeit die Grundlage der falschen Ehre, der Ehrsucht und des Ehrgeitzes ist, Eitelkeit aber nur mit Scheinverdiensten sich brüstet, und Scheinwerth sucht, so schützt die Kenntniß der wahren Ehre dich auch vor den Ausschweifungen zur störenden Leidenschaft. Denn die wahre Ehre sucht nicht durch falsche Mittel, durch das Gewebe der Heuchelei und Verstellung die gute Meinung anderer sich täuschend zu gewinnen; sie geht hervor aus dem edlen Bewußtsein, aus dem innen thronenden Gefühl des eignen Werthes, und wirbt um die gute Meinung anderer mit Kraft und Würde, Anstand und Mäßigung nur um deswillen, weil diese wohl thut, und eine große Ermuthigung auf dem oft schweren Wege der[223] Tugend giebt, und diese gute Meinung den Menschen dem Menschen verbindet. Die gute Meinung anderer sei nur der Wegweiser, nicht der Hauptzweck. Das Wahre, worauf du deinen eignen Werth gründest, erhalte dir immer neu, wach und lebendig, und dadurch gewinnst du dir, wenn du auch nebenbei um den Beifall anderer bescheiden buhlst, eine Selbstständigkeit, welche dich nicht zum Sclaven der Meinung macht, von welcher man so oft tyrannisirt wird, und zwar um so mehr, je enger die Umgebung ist, in welcher, und unter welcher allein man seinen Ehrengenuß aufsuchen will. Doch was das Wahre sei, darüber bedarfst du, mein junger Freund, noch einigen Aufschlusses. Traue keinem Menschen weiter, als du ihn siehst, bezähme deine Leidenschaften, lege die Worte anderer so gut auf die Goldwage als ihre Goldstücke, gieb, wie Wallenstein, nichts Schriftliches von dir, verbinde die Konjunctur mit der Politik, und du wirst ein gemachter Mann sein – Fleiß und Speculation gehören freilich außerdem dazu. – Es giebt sehr viele Selbstquäler, die bei jeder Kleinigkeit sich erst fragen: was werden die Nachbarn dazu sagen, Selbstquäler, die nur immer für andere leben, um es allen Leuten recht zu machen und Ehre davon zu haben, die sich für andere aufopfern und selbst darben, um nur den Namen zu haben, daß sie gefällige, gutmüthige Leute sind, die alles thun, um bei der Nachbarschaft oder lieben Sippschaft nur zu gefallen, die im Stande wären, ihren eignen Bedienten aufzuwarten, daß diese nur eine gute Meinung von ihnen haben, – mit einem Wort, es giebt viele engherzige Menschen,[224] die nicht über das Blatt hinaus können, an dem sie kleben, und die dieses Blatt für ihre Welt ansehen. Allen Menschen es recht machen zu wollen, ist die grillenhafteste aller Grillen, eine Aufopferung ohne Nutzen, eine nutzlose Anstrengung, ein Ruin unserer selbst. Um es allen Menschen recht machen zu wollen, müßte man ihre Unverschämtheit besiegen können, und dieses ist unmöglich. Sie fängt mit eins an, und steigt bei unserm guten Willen mindestens in arithmetischen, wo nicht in geometrischen Progressionen. Deine Schutzwehr gegen diesen, oft so übel angebrachten guten Willen sei – worüber hier manche die Nase rümpfen werden – einige satyrische Laune! –

So sehr das Ehrgefühl erhebt, veredelt, zu hohen Thaten hinreißt, die Nahrung der Tugend, der Sporn der Staatsgewalt ist, so erdrückend, vernichtend, zermalmend ist daher auch die Schande. Sie ist ein Urtheil, wodurch uns das genommen wird, was uns in der Welt geltend machte, nämlich die Ehre, und wegen der Härte, der schweren Wirkung dieses Urtheils, wird es nicht leichtfertig ausgesprochen; unverdiente Schande giebt es fast nicht. – Wer die von dem Weltgericht über ihn ausgesprochene Schande leichtfertig ertragen kann, der verdiente nie einen Ehrenplatz, denn die geselligen Tugenden haben keine Ansprache bei ihm, und er hatte nie Gefühl für das Edle und Gute; er ist ein gefährlicher Mensch. – Viele suchen einen Trost bei der Schande, welche sie niederwarf, darin, daß sie über das ihnen Geschehene, als über ein großes Unrecht schreien, und wenn denn ihre Stimme aus der Tiefe[225] nicht gehört wird, nicht gehört werden soll, und die Ueberzeugung des Selbstverschuldens doch endlich aus dem Egoismus sich loswindet und sich näher meldet, so wird das alles mit einer Verachtung der Menschen, welche diese Isolirten sich selbst aussprechen, beschwichtigt, und Verzweiflung und Rachlust nehmen ihre gefährlichen Stellen ein. Solche Menschen sind für jedes Bubenstück feil, sie suchen es sogar auf, wenn es nur die Rache nährt und sich dazu eignet, den, welchen die Gesellschaft verwarf, derselben furchtbar zu machen; das Bedürfniß des Umgangs reißt sie in die gemeinsten Verbrüderungen, wo sie noch etwas gelten, und wo das Laster selbst ein Ehrenstreit wird.38

Man nennt diejenigen große, starke Seelen, welche die Schande nicht überleben können, und sich selbst einen Ausweg suchen; aber wir glauben, es gehört noch ungleich mehr Seelengröße und Seelenstärke dazu, in der Niederlage der Schande, welche durch die Anklage der Selbstverschuldung noch größer gemacht wird, sich selbst nicht zu verlieren, nicht gegen die Menschen zu rasen, sie freundlich zu behandeln, auch in dieser Niedergedrücktheit noch die Menschen zu lieben, wenn sie auch jedes Wort, jede Handlung des Geschändeten höhnend betrachten.[226] Eine solche starke Seele kann nicht durch vollbelebende Hoffnung aufrecht erhalten werden, denn einmal verlorne Ehre kann auch mit der größten Anstrengung zu dem nie wieder gebracht werden, was sie war; Resignation, das Resultat einer strengen Prüfung und Uebung kann nur eine solche Gemüthsstärke geben. Gefahrvoll ist aber hierbei die Markscheid der Menschenfeindlichkeit, der Verachtung der Menschen. Gute, fast satyrische Laune, und überhaupt leichter Sinn sind auch hier wieder die einzigen Gegenmittel. Denn mit jedem nachherigen Wiederemporsteigen sind Verzichtleistungen und Entsagungen verbunden, die empfindlich schmerzen, und der Wiedererwerb ist nur durch Vergünstigung, die einer milden Gabe nicht unähnlich sieht, errungen. – Der edle Stolz eines tadellosen Selbstgefühls darf sich vor andern nicht aussprechen, und ihr Schweigen selbst ist immer nur eine drückende Schonung. – Mit einem solchen, der menschlichen Gesellschaft wiedergegebnen Mitgliede muß man umgehn, wie mit einem Gemüthskranken, dessen fixe Idee nicht berührt werden darf; es bleibt daher das Wiedererscheinen unter der ehrenwerthen Menge immer zwangsvoll. Durch dieses Gesagte laß aber, du Gefallener, dich nicht so weit niederschlagen, daß du kleinmüthig verzagest; du läufst dadurch Gefahr, menschenfeindlich zu werden, oder das Aufzucken der Thatkraft, das Begehren zu wirken und zu schaffen, hängt sich, da es von edlen Gegenständen zurückgewiesen zu sein glaubt, an das Gemeine. Baue wieder auf an deinem Selbstgefühl, wirf die Träume von schimmernder Größe hin, entsage den Gebilden einer[227] wichtigen Rolle, vervollkommne Kopf und Herz, und der engere Kreis derer, welche dich aufgefunden haben in deinem guten Streben, wird sich bald um dich zusammenziehn, und ein neues Leben blühet dir auf. – Suche nicht, wenn du gefallen bist, laut vor der Welt dich rechtfertigen zu wollen; man hört dich nicht, man will dich nicht hören, schon im voraus wird deine Vertheidigung als ein Lügenwerk verworfen, und Frechheit und Unverschämtheit wird dir jetzt noch obendrein aufgebürdet. In Demuth unterwirf dich dem Urtheil, welches, einmal ausgesprochen, nicht zurückgenommen werden kann. Hast du Recht gehabt, so kannst du späterhin deine Richter beschämen, wie das so oft geschieht. –

So sieht es mit Ehre und Schande in der Bürgerwelt aus. Das Urtheil der Menschen darüber hat immer Wahrheit, die etwas moralisch Gutes oder Schlechtes ausspricht; anders ist es aber in der politischen und militairischen Welt. Hier geben andere Dinge Ehre und Schande, Dinge, welche oft mit der üblichen Moralität und Tugend in hartem Widerspruch zu stehen scheinen. Der Gesandte, welcher an dem fremden Hofe nicht durch Lügen, Verstellungen, Kunstgriffe aller Art, durch Versprechungen, die nie gehalten werden sollen, durch Versicherungen und Bestechungen zu täuschen weiß, bereitet sich zuweilen Schande und wird abgesetzt; der General, der eine Festung über gab, ehe das letzte Pferdegeripp von den Hungerleidern aufgezehrt und ehe die Festung nicht durchaus ein Leichenhaus war, hat seine Ehre verloren und muß seinen Platz einem grausamern Menschenmörder räumen. Doch, der Staat hat es übernommen,[228] die Vorwürfe, welche ihr Privatgefühl, ihre Privatmoral (wenn man es so nennen mag,) ihnen machen könnte, zu verantworten, und wenn sie diesem Dienst des Staats sich weihten, so verdienen sie mit Recht die Schande, welche der Staat in diesem Verhältniß, in welchem sie stehen, als Schande anerkannt wissen will, anerkannt wissen muß.

Durch das Duell soll Schande wieder zur Ehre hergestellt werden können. Doch man unterscheide, daß wirklich verdiente Schande dadurch nicht gesühnt werden kann, wohl aber giebt es Verhältnisse, wo durch den Zweikampf der Angriff auf die Ehre gerächt, und weitere Angriffe gleicher Art darauf, abgewendet werden mögen. Des Soldaten höchste Ehre ist Verachtung der Todesgefahr, denn sie ist sein Ehrenzweck, und der beleidigte Krieger zeigt seine Ehre in vollem Licht, wenn er dem Beleidiger durch die Herausforderung darthut, daß er die Todesgefahr nicht fürchte. Aus diesem Gesichtspunct betrachtet, wird eine kluge Staatsregierung zwar strenge Gesetze gegen die Duelle geben, aber bei militairischen Zweikämpfen thun, als wenn sie solche nicht sehe. Im Bürgerleben kann Duell nie eine reparation d'honneur sein, da Verachtung der Todesgefahr nicht die wesentliche Ehre dem Bürgerleben giebt und nimmt. Der Geforderte verliert daher seine, auf das Urtheil der vernünftigen Welt sich gründende, wahre Ehre nicht, wenn er der Ausforderung sich nicht stellt, und der Ausforderer erscheint als ein solcher, der es nicht vergessen kann, daß er Student war, oder daß seine Ahnen zu den Zeiten des Faustrechts auch schon[229] eine Lanze brachen, Zeiten, welche er ganz unpassend auf das jetzige bürgerliche Leben überträgt, und, indem er Ehre mit seiner Ausforderung einzulegen gedenkt, gewinnt er den Namen eines Raufers.

Auf Universitäten, wo die Duelle ganz erdrückt sind, wird das wilde Häuflein entweder niedrig-gemein, da die feinern Bande der Ehre dem rohen Sinn keinen Zaum anlegen, oder die characteristische Wildheit des Studentenlebens ist zum Schulknaben-Zwang geworden, und doch ist diese Wildheit (so paradox dies klingen mag,) nicht zu tadeln. Man bemerkt nämlich, daß, die Muttersöhnchen ausgenommen, welche unter Weibern erzogen wurden, und denen zeitlebens Furcht und Pinselei aller Art anzuhängen pflegt, jeder Mensch eine Lebensperiode hat, wo die innere Kraft überströmt, wo er gewissermaßen ras't, wo er nicht der ist, der er kurz vorher war, und der er, wenn jene Raserei in sich selbst erlischt, wieder wird. Man muß wünschen, daß diese Periode so früh als möglich eintrete, denn desto unabhängiger ist der Mensch alsdann noch, desto wenigere Rücksichten braucht er noch zu nehmen, desto weniger schädlich ist sie also auch, und gewöhnlich tritt sie denn auch auf Akademien ein, wo die innere Kraft, dem Schulzwang, dem elterlichen Zwang entlassen, in dem Reichthum ihres Stoffes sich noch nicht finden kann. Eben so wie bei den Soldaten müssen daher auch auf Universitäten die Duelle mit Stillschweigen übergangen werden, wenn die Entwicklung akademischer Vervollkommnung nicht in das Gemeine herabfallen soll.

Der Spieler von Profession sucht die Ehrenrettung[230] im Duell, und scheut es nicht, denn er ist fast nur mit Adlichen und Kriegern im Spielverkehr, und ist im Spiel mit den höchsten Gefahren vertraut geworden. – In Republiken ist auch im Bürgerleben der Zweikampf häufiger, als in Monarchien; der Republikaner sieht die feinen Ehrenrechte ihm näher gerückt; in Monarchien wollen nur Adel und Soldat die nächsten am Thron sein.

Heftigkeit, Aufbrausen, Zorn und die herrliche Mäßigung können wir füglich unter eine Kathegorie stellen.

Heftigkeit mag allerdings die Eigenthümlichkeit eines lebhaften Temperaments sein, und man kann sie sich nicht geben, wenn man sie nicht ursprünglich hatte, wohl aber kann man sie sich nehmen, wenn sie unser ursprüngliches Erbtheil war, und es scheint hier an dem Nehmen mehr gelegen zu sein, als an dem Geben. Jene nicht characteristische, dem Gemüth eigenthümlich nicht gewesene Heftigkeit, welche aus temporärem Krankheitszustande des Körpers, oder aus starken Eindrücken, mit welchen das Gemüth beladen ist, entsteht, ist zu schonen, und mit dem Zustande, aus welchem sie entstehn mußte, zu entschuldigen; aber sie kann auch uns selbst und andern sehr unerträglich werden. – Als ungewohnte Erscheinung wissen wir theils selbst nicht, was wir damit anfangen sollen, und sie wird ausschweifender, unmännlicher, da wir die Uebungen, welche natürlicher Heftigkeit entgegen gestellt werden müssen, noch nicht kennen, theils zeigt sie andern den großen Widerspruch, in den wir mit uns selbst gerathen sind, und[231] beurkundet unsern Mangel an Selbstbeherrschung. Fühlen wir in den Zwischenräumen der Ruhe diese unwillkührliche, uns nicht eigenthümliche Heftigkeit, oder machen andere sie uns bemerkbar, so ist es am besten, sich der Gesellschaft so lange zu entziehen, bis man sich wieder gesammelt, und auch diese Ungebührlichkeit in ihrem Urquell aufgefunden und sich ihrer bemeistert hat.

Ganz ohne Heftigkeit sein, heißt eben so viel, als ein vegetirendes Phlegma sein, oder die Herrschaft der Vernunft so weit gebracht zu haben, daß sie über nichts mehr zu herrschen habe, und das kann ihr auch nicht angenehm sein. Der bloße Vernunftmensch ist ein Kunstproduct, welches wohl Bewunderung erregt, aber nicht gefällt, denn eine Ruhe selbst, ohne Wechsel, ist langweilig. Die Ehefrau hat daher recht, wenn sie sagt: mag auch mein Mann zuweilen heftig sein, es ist doch besser, als wenn er eine Schlafmütze wäre! Wer Heftigkeit nie hatte, oder ganz zu unterdrücken vermogte, den wird kein großer Gedanke ergreifen, er wird nichts Großes beginnen, weil er sich für nichts Großes enthusiasmiren kann; sie ist eine Art Lebenserschütterung zu neuem Lebensreitz, und mag sie denn also immerhin als ein verkrüppeltes Kind der menschlichen Natur, ein Schooßkind sein. Verzogne Kinder schlagen aber oft ihre eignen Aeltern; die Autorität muß man daher immer behalten, man muß sich das Kind nicht über den Kopf wachsen lassen. Dies geht nun wieder nicht anders, als durch strenge Aufmerksamkeit auf sich selbst, wozu der heftige Mensch doppelte Verpflichtung hat, und durch Gewöhnung. Diese Gewöhnung der Heftigkeit, daß man[232] ihr zurufen kann: bis hieher und nicht weiter! wollen manche für unmöglich finden, indem sie sagen: die Heftigkeit überrascht mich. Allein bei dem Aufmerksamen findet diese Ueberraschung nicht statt. Er bemerkt das erste Andringen sehr gut, und dann kann er das unschickliche Ausbrechen der Heftigkeit durch schnelles Abwenden von dem Gegenstande, der sie erregte, abhalten; wenige Augenblicke des Zögerns, und die kurze Wollust des Genusses der Heftigkeit wird damit gestraft, daß sie mit der Vernunft davon läuft. – In dem Augenblick, wo das Blut zu sieden anfängt, mit Demonstrationen des Verstandes kommen zu wollen, wäre thorhaft; nur das schnelle Abwenden, das Unterbrechen kann helfen, ohngefähr so, wie das sogenannte Schrecken der siedenden Masse durch einen Niederschlag geschieht. Auch ist es bewährt, schnell etwas Erheiterndes, etwas Lächerliches, und sollte dies auch für den Augenblick unpassend, oder absurd sein, herbeizuziehn. Nur muß dieses Hervorsuchen des Kontrastes nicht zu weit gehn, nicht in das Satyrische oder wohl gar in das Gemeine fallen; denn sonst wird der Heftige sogleich zürnend, tobend. – Hat man nur einigemale diese Versuche, die Heftigkeit in ihrem Ausbruch anzuhalten, mit Erfolg gemacht, so lerne man ihre Bewegung, ihre Grade kennen, und wird man Herr derselben, ohne sie ganz zu unterdrücken; eine gemäßigte Herrschaft, welche andern imponirt, und uns nicht schläfrig, nicht eintönig macht, ohne die gute Grundlage der Heftigkeit zu zerstören, ist der glückliche Erfolg!

Daß dies an sich möglich sei, beweiset schon eine,[233] zwar sehr üble Erfahrung, nämlich die, daß viele Menschen heftig und auch nicht heftig sind. In dem Weltverhältniß sind sie subaltern, und bei einer starken Anlage zur Heftigkeit doch ruhig und gemäßigt; sie kennen ihre Pflichten gegen die Vorgesetzten, und man nimmt keine Aufwallung bei ihnen wahr, selbst wenn die Veranlassung dazu wohl dringend ist; daheim aber, wo kein Widerstand ihnen entgegengesetzt werden darf, sind sie dagegen oft um so heftiger, gleichsam als ob sie das verwöhnte Kind für den Zwang, welchen sie ihm draußen anthun mußten, um so reichlicher entschädigen wollten. Das ist aber schändlich, drückt den Hausstand und macht verächtlich, gefürchtet, da, wo man sich geachtet, beliebt machen sollte! – Die Heftigkeit werde nur so weit genährt, daß sie ihre Gewalt zeige, ohne sie zu üben, (denn ein etwas heftiger Mensch wird nicht so leicht ein Spiel der Willkühr anderer), daß sie den Dingen umher den Reitz gebe, welchen kalte Ruhe darin nicht finden würde, und daß sie Lust zum Werke verleihe. Diese gemäßigte Lust giebt auch mehrere Ausdauer, wogegen ungemäßigte Heftigkeit einen übertriebenen Kraftaufwand zwar verleiht, aber mit der Uebertreibung wird auch zugleich die Ausdauer erdrückt.

Heftige Menschen sind gewöhnlich keine böse Menschen; ihr sanguinisch-kolerisches Temperament reißt sie hin; nur der geübte Bösewicht weiß sein Aufwallen bis zu schicklicher Zeit einzuhüllen. Dennoch aber ist es nicht immer gutes Umgehn mit heftigen Menschen. Wenn sie auch nachher ihre Uebereilung einsehn, so können sie doch oft den dadurch angerichteten Schaden oder die verursachte[234] Kränkung nicht wieder gut machen, und stehn sie gegen uns in höherm Verhältniß, so müssen sie sogar oft thun, als wenn sie nicht heftig gewesen wären; das Dienstverhältniß will es so haben. Dadurch entsteht denn oft große Störung, weil sie dem in der Heftigkeit Gesagten oder Befohlenen consequent bleiben müssen. – Der Heftigkeit den Zügel schießen lassen, ist ein kurzer Genuß, und in jedem Genuß liegt der Reitz zu Wiederholung des Genusses. Jeder Genuß aber findet in der Regel seine Strafe in sich selbst. –

Finde dich durch das, was jemand in der Heftigkeit sagte oder that, nicht übertrieben beleidigt, so weit deine wahre Ehre, oder der äußere Anstand deiner Verhältnisse gegen die Menschen nicht darunter leiden, denn er war nicht er selbst, als er das sprach oder that; strafe ihn nur durch sanften Vorwurf in Zeiten der Ruhe. – Man muß die Stacheln, welche ein in der Heftigkeit ausgestoßenes Wort zurückläßt, ausreißen können, ob es freilich oft sehr schwer hält, sich glauben zu machen, daß dieses Wort nicht mit innerer Wahrheit ausgestoßen sei; willst du aber zu sehr dieser Wahrheit nachhängen, und das Wort nicht vergessen, so zerreißest du dir nach und nach auch die besten Verbindungen, denn auch der herzlichste Mensch, der dir so sehr wohl will, ist ja wohl einmal nicht er selbst!! Bist du in der Lage, daß du befürchten mußt, öfter von der Heftigkeit deines Nachbars angegriffen zu werden, so thust du nicht übel, wenn du selbst eine Heftigkeit, welche die seinige überwiegt, ihm zeigst, wenn du dich ihm furchtbar machst. Das giebt denn freilich wohl[235] das erstemal einen großen Lärm, indeß, späterhin weiß der Heftige, was er von dir zu erwarten hat, und nimmt sich in Acht. – Gegen Vorgesetzte ist dieses Mittel nur dann gut angewandt, wenn sie durch den Widerstand, den du ihnen entgegen setzest, nicht in Gegenwart anderer compromittirt werden, und dann wissen sie dir deinen Widerstand sogar wohl Dank; noch besser ist es, wenn du in diesen Widerstand etwas Komisches legst, – und das ist bei dem Abstand zwischen Vorgesetzen und Untergebnen leicht thunlich; – denn dann entschuldigt der komische Widerstand das Nachgeben als Fortsetzung des Scherzes.

Das Aufbrausen ist schon ein stärkerer Grad von Heftigkeit; die Leidenschaftlichkeit greift schon um sich, wird zerstörend in der Art; die Dauer ist kurz. Dieses aufbrausende Wesen findet man bei stolzen Hitzköpfen, die einen Widerstand zu dulden, sich nicht gewöhnt haben, und es ist schon gefährlicher, ihnen Widerstand entgegen zu setzen, da der Stolz nicht so leicht zum Schweigen gebracht wird, und die Reibung dauernder, gefährlicher macht.39

Der zornmüthige Mensch ist mehr als gefährlich, er ist verachtungswerth. Wir reden hier nämlich von dem galligen Character, der oft auch Haß genannt[236] wird. Ein solcher Mensch will oft der Leidenschaft keine Fessel anlegen, denn ihr Toben ist sein Zweck, sein Genuß, und sie entsteht aus den gemeinsten, niedrigsten Stoffen, der Bosheit, der Rachsucht, der Grausamkeit, und sie wird dadurch zerstörender, permanenter. Wenn den Heftigen die Ruhe, die man ihm entgegen setzt, verdrießt, da er dadurch wahrnimmt, daß er selbst in einem Zustande ist, in dem er nicht sein sollte, und der Contrast zwischen ihm und der ruhigen Vernunft ihn beschämt; so wird der Zornige dadurch weder beschämt, noch kaum durch den gefundenen Widerstand mehr aufgebracht; er will wüthen, er muß vernichten! Der Zornige hat mehr Bewußtsein im Zorn, als der Heftige, der Aufbrausende, und das ist es, was ihn so verworfen macht. Er wird auch nie über das, was er im Zorn that, dich um Verzeihung bitten; der Zorn ist ihm eine Leidenschaft, die, während sie wüthet, ihren Genuß haben will, und hat sie ausgetobt, so läßt sie immer noch den feindlichen Groll zurück, der auch ihr Vorläufer war. Der zum Zorn geneigte Mensch ist jedesmal ein unmoralischer Mensch; sein Zorn ist nicht die unmittelbare, nothwendige Folge des Temperaments, sondern des Gewühls schwarzer Leidenschaften und Gelüste, der Grausamkeit, des Stolzes, der Rachlust, und ganz besonders der Herrschsucht, die kein edles Ziel fand, oder, durch Gemeinheit motivirt, kein solches aufsuchen wollte. Den Zornmüthigen kann man bald auffinden, und also auch ihm aus dem Wege gehn, denn das Gehässige, was in ihm gährt und siedet, drückt sich characteristisch auf dem Gesicht aus und läßt eine bleibende[237] Spur zurück, so zerstörend ist diese Leidenschaft; sein Lächeln ist Verzerrung, die Beleuchtung des Blitzes in einer dunklen Nacht.40

Phlegmatische Menschen, wenn sie einmal aufgereitzt sind, werden gefährlich; es kam ihnen der Fall nicht oft vor, eine angeborne Heftigkeit unterdrücken zu müssen, und bricht daher eine Heftigkeit aus, so hat die Vernunft mehr Mühe, an ein ihr ungewohntes Werk zu gehen; je schwerer das ganze innere Getriebe in Bewegung zu setzen war, desto kraftvoller, und besonders desto dauernder ist diese Bewegung. Diese widerstrebende Bewegung mag freilich nur excentrisch oder negativ sein, allein sie wird unterstützt durch die widerstrebenden Kräfte der Natur. – Der Geist des Widerspruchs regiert die Welt! und daher muß der Mensch, (der gewöhnliche Mensch!) nun einmal alles thun, diesem ihm widerstrebenden Geiste entgegen zu arbeiten!

Heftigkeit und aufbrausende Hitze taugt in keinem Geschäftsverhältniß, da hier die Würde den Geschäftsmann über den gewöhnlichen Menschen erheben soll, und man doch nur den nackten, von Leidenschaftlichkeit herabgezogenen Menschen in ihm erblickt, und ihn sich gleich stellt; aus dieser Hinsicht muß sie besonders von allen dem entfernt werden, was Strafrecht, Strafgewalt heißt, denn blickt da Heftigkeit, Aufbrausen durch,[238] so wird die Strafe eine Beleidigung, und nicht die hohe, Ehrfurcht gebietende Nothwendigkeit; daher hat der Vater, der Lehrer, der nur gelinde, aber mit Kälte straft, der Richter, der nur sagt, ich bin der Vollstrecker des Gesetzes, und du bist dem Gesetz verfallen, mehr aus der Furcht hervordringende Achtung, als der Vater und Lehrer, der lärmend als ein Beleidigter gegen den Beleidiger wüthet, oder der Richter, der mit tobenden Worten eine harte Strafe vollstrecken läßt, oder der, um hier einen andern, häufigen Fehler anzuführen, den Sittenprediger mit in das Gerichtszimmer bringt; er sei nur das Organ des Gesetzes, weiter nichts! – Noch übler steht Heftigkeit und Aufbrausen dem an, der in dem politischen Leben einige Wirksamkeit hat; er muß beständig auf seiner Hut sein, da er überall Auflaurer hat, deren ruhige Ueberlegung und Berechnung jenes Feuer vielleicht absichtlich in ihm entzündete, um den wahren Menschen in dem Politiker zu sehn. Am wenigsten schmückt sie den Krieger von Rang, dessen schnelles Wort straft, hinter dessen Befehl schnell die Vollstreckung, die nicht wieder zurückgenommen werden kann, gewöhnlich erfolgen muß, und was auf seiner Seite Fehler ist, wird für den Feind oft großer Vortheil. Doch aber finden wir dieses auflodernde Feuer so häufig bei dem Krieger als Krieger, der dagegen im Bürgerleben ruhig und gelassen ist und sein soll! Der Grund liegt vielleicht darin, daß der ganze Kriegszustand ein exaltirter Zustand ist, der, wie jeder solcher Zustand, eine schnellere Irritabilität giebt.

Die Mäßigung ist eine Errungenschaft, keine[239] Naturgabe. Der gemäßigte Mann hat Leidenschaftlichkeit, oder sucht sie sogar auf, da die Existenz der Erregbarkeit das Salz ist, welches vor der Fäulniß des Lebensbetriebes schützt; aber diese Erregbarkeit läßt er nur so weit gedeihen, daß sie ein, das Leben erwärmendes Kohlenfeuer, keine verzehrende Flamme werde, und sie läßt sich mehr nur durch Uebung gewinnen, als demonstriren. Sie ist ohngefähr das, was der Begriff von Kraft ist: eine existirende Größe, die wir in uns fühlen, die wir aus ihrer Wirkung erkennen, und die wir hervorrufen können, von der wir aber nicht sogleich zu sagen vermögen, was sie sei, und wovon wir unmittelbar sie uns eigen gemacht haben. – Nur durch ein genaues Einverständniß mit uns selbst, durch eine, uns selbst bewußte Klarheit unsers innern Wirkens, durch eine Allgemeinheit unserer Handlungsweise zu einem bestimmten Zweck, wird sie errungen und characteristisch.

Durch eine sehr natürliche Ideenverbindung führt uns das Gesagte auf die Sanftmuth, Geduld, Duldung, das Dulden und auf das Phlegma selbst.

Die Sanftmuth ist der Ausdruck des innern Seelenfriedens, der Harmonie mit sich selbst, des Wohlwollens für die Menschen, des frommen Vertrauens auf ein waltendes Wesen und der Ergebung in seinen Willen; des zarten Sinnes für das Schöne und Gute, und des weichen Gefühls der allgemeinen Liebe. Diese Frieden habende, Frieden begehrende Ruhe drückt sich auf dem Gesicht aus; es erscheint wie der klare Spiegel eines reinen Bornes. Das Gesicht der Sanftmuth ist der unbedingteste Empfehlungsbrief des Menschen;[240] es spricht an, es dringt in der Menschen Herzen ein, und es enthält die bescheidne Bitte, diesen innern Frieden nicht zu stören, die man gern gewährt, da es der sprechendste Beweis ist, daß keine gehässige Leidenschaft von ihm zu befürchten sei, denn Leidenschaft prägt sich wider unsern Willen auf dem Gesicht ein; daher ist affectirte Sanftmuth eine Verzerrung, die sich bald widerlich verräth. – Die Uranlage zur Sanftmuth mag man wohl mehr oder weniger mit auf die Welt bringen, doch edler, schöner, reiner, weniger schwach und mehr von Werth erscheint sie, wenn sie das Resultat des guten Bewußtseins, des reinen Lebenswandels, der rein erhaltenen Sitten und Gefühle, der festgegründeten Menschenfreundlichkeit ist. – Der erste Schmuck des Weibes ist diese Sanftmuth, denn dessen hoher Beruf ist, dadurch das Rauhe, was an dem Manne klebt und kleben muß, zum Ebenmaaß auszugleichen. Daher kann Sanftmuth bei der Frau nicht leicht, eher aber bei dem Mann eine unrühmliche Schwäche werden; denn diese Tugend begehrt Frieden, und opfert gern das Beste, um dieses Friedens willen; doch des Mannes Bahn ist nun einmal ein steter Kampf gegen andere, und da wird Sanftmuth häufig seine Pein, oder von andern gemißbraucht. Es kommen der Fälle zu viele, wo sie mit dem wahren Leben, aus dem man nun einmal die Zerstörung nicht ausstreichen kann, nicht in richtigem Verhältniß steht, und zerstört nicht die Natur selbst in allen ihren Pulsen unaufhörlich, um wieder aufzubauen, reibt sich nicht überall Kraft an Kraft? Man braucht deshalb nicht hart zu sein, aber wenn Sanftmuth in[241] Weichlichkeit ausartet, daß man keinen Schmerz mit ansehn kann, daß man es unbegreiflich findet, wie der Wundarzt ein Bein abnehmen kann, daß man den Richter für einen Barbaren hält, der ein Urtheil vollstrecken läßt, daß man fortlaufen muß, wenn ein Schwein abgeschlachtet wird u. dgl., so kommt man oft in die peinlichsten Verlegenheiten, wo der Beruf mit diesem zu weichen Gefühl in einem unangenehmen Kampf liegt. – Sanftmuth sei dir der erste Schmuck des Hauses, in dem Weltgeräusch sei sie dein dich still begleitender Freund, dessen Stimme allein um dich her den Anstrich des Schönen und Guten zu geben weiß, der aber schweigt, wenn du das nothwendig Schwere ergreifen mußt. Man bemerkt, daß Personen, welche von ihrer Sanftmuth Worte machen, gewöhnlich Despoten sind, und woher kommt das? Nur davon, weil sie eine Maske annehmen, welche ihrer, und vielleicht der Mehrheit der menschlichen Natur zuwider ist.

Man bemerkt, das sanftmüthige Menschen zu Zeiten sehr hart sein können; diese Härte ist ihnen ein Genuß der Erbitterung darüber, daß ihre Sanftmuth gestört, verkannt wurde; – aber diese Härte ist nicht dauernd! – Weiche Gefühle können durch Uebung des Gegentheils oft ganz fremd werden; die grausamsten Mörder waren sehr häufig Fleischerknechte, und unter dem weiblichen Geschlecht Köchinnen, die fast täglich mit Blutvergießen umgingen.41 – Wer seine Sanftmuth[242] rühmt, ist es selten so ganz; sie ist mehr ein Genuß für andere, und den Besitzer tadelt seine Vernunft oft sehr darüber, und nennt es Schwäche; daher sein im voraus bittendes Gesicht! –

Ganz etwas anderes ist es mit der Geduld. Außerdem, daß sie sehr für das Haus, in allen unsern Verhältnissen zu demselben gehört, so ist ihre Uebung auch so recht eigentlich unserm Weltleben nützlich, und gebietet zuletzt, ohne daß sie vorher, während sie geübt wurde, den Anschein hatte, als wenn sie gebieten wolle. Denn ist wohl das ganze Leben des vernünftigen Mannes etwas anders, als eine stete Uebung der Geduld? In alle Vollendung jeder Art, welche wir uns aneignen wollen, mischt sich die Geduld ein, und hat ein Wort mitzureden; ohne sie erringen wir keine Vollendung, können nichts als unser eignes Werk ansehn; alles, was wir ohne sie haben, wurde uns durch das zufällige Zusammentreffen günstiger Umstände zugeworfen, und doch kann nur die eigne Errungenschaft für uns vorzüglichern Werth haben. – Geduld und Ausdauer könnte man dadurch unterscheiden wollen, daß erstere ein passiver, letztere ein activer Zustand ist, doch was thut der Name? Beide sind eng verbunden, und die Geduld ist eben so gut ein activer Zustand, denn sie hat einer großen, innern, aus uns selbst entwickelten, immer durch uns selbst angefrischten, ermunternden[243] Anstrengung nöthig. Sie läßt Schwierigkeiten überstehen, die überall den Willen hemmen, weil er ohne Schwierigkeiten fessellos rasen, zerstören würde! Viele schöne Werke wurden angefangen, denn der Mensch will das Schöne, aber die Geduld fehlte, und sie blieben liegen. – Sie ist deshalb so schwer, weil der Wille des Menschen immer fort, nur immer weiter strebt, weil er im Gebiet der Ideenwelt ein unermeßliches Feld hat, und die Beengung der Wirklichkeit, die schwere Langsamkeit der Zeit ihm unerträgliche Fesseln anlegt, wozu denn wohl oft, uns unbemerkt, die Erwägung dieser Zeithindernisse gegen die kurze Zeitfrist, welche überhaupt unserm Wallen auf Erden zugemessen ist, kommen mag. – So im Großen, so im Kleinen! Es ist nichts unerträglicher, als einen ungeduldigen Menschen zu sehn; seine Aeußerungen, sein Betragen ist kindisch, zumal er gerade dadurch nicht nur nichts ändert, sondern außerdem, daß er andern peinigend ist, – die Mühe des Ausharrens sich nur noch schwerer macht, indem er sie sich noch deutlicher vergegenwärtigt. – Gehe also davon aus, daß zu allem, was du beginnst, Geduld gehöre, mahle dir das Ziel, wenn die Ungeduld heranschleicht, so schön, als du kannst; das belebt deine Phantasie und feuert dich an; suche einen Genuß darin, die Ungeduld zu überwinden, und bald wird dies auch ein wahrer Genuß, ein beständiger Wechsel vom Kampf zu erfreuendem Siege werden, und in diesem Wechsel muß die Ungeduld erliegen, da sie nur von Eintönigkeit erzeugt wird.

Lebhafte Gemüthsarten werden leichter ungeduldig,[244] da sie mit einem Feuer den Gegenstand ergreifen, das für die Dauer der Zeit nicht ausreicht und da die Zögerung das ganze Leben aufreizt. Da nun der Deutsche überhaupt weniger lebhaft ist, als andere europäische Völker, mit denen er auf gleichem Grade der Cultur steht, woran die Staatsverfassung Deutschlands, welche große Umwälzungen, die immer National-Enthusiasm erzeugen, – unmöglich machte, und sein Verhältniß zum Auslande wohl mehr schuld ist, als das Klima, so hat er auch in allen Zweigen der Wissenschaft und Kunst die größten Werke der Vollendung geliefert, so sind die Werke deutscher Schriftsteller die volumineusesten, so sind seine Armeen, wenn sie die ersten Schlachten überstanden haben, auch die furchtbarsten. – Völker, die noch auf einer niedrigen Stuffe der Cultur stehn, haben mehr Geduld, als Verfeinerte, weil der Wille noch nicht so vieles kennt, das er wohl ergreifen mögte; daher führen Völker nur in ihrem Mittelalter die ungeheuren Gebäude auf, die dem ungeduldigern Enkel als Riesenarbeiten erscheinen. – Das weibliche Geschlecht hat mehr Geduld, als das männliche, weil das letztere einen stärkern Willen hat, der oft mit der Geduld in Widerspruch steht. Das weibliche Geschlecht als das schwächere, kann nur durch Geduld siegen – weil ihm die Kraftanstrengung fehlt. Hieraus folgt, daß Geduld eigentlich Mangel an Kraftgefühl, ein negative Eigenschaft sei. Große Herren werden sehr leicht ungeduldig; fiat applicatio! – Dem Ungeduldigen in diesem Zustande vorpredigen, daß er doch geduldig sein solle,[245] heißt, einem Fieberkranken beweisen, daß er kein Fieber habe!

Phlegma, aus der Naturanlage des Kaltblütigen entstehend, ist der dauernde Zustand der Affectlosigkeit, und wird also leicht ein Hang zur Unthätigkeit, die nur zwei Wünsche kennt und zu befriedigen strebt, das ist Sättigung und Schlaf. Wer aber jene Naturanlage, die eigentlich eine Nicht-Anlage ist, dazu benutzt, in allem mit weniger Mühe als der Leidenschaftliche die glückliche Mittelmäßigkeit zu finden, zu welcher die Affectlosigkeit bei der klaren Anschauung, die sie gewährt, ihn leichter hinführt, der ist in der That bei einem ganz gewöhnlichen Hausverstande der beste und brauchbarste Weltmensch; das Temperament vertritt die Stelle der Weisheit, er übt die wahre Lebensweisheit aus, ohne sie so eigentlich zu kennen; in ihm greift die Natur unmittelbar dem mühsamen Menschenstudium vor. Und solche Günstlinge der Natur finden wir viele; wir beneiden sie, wir nennen es ein unverdientes Glück, daß ihnen Wohlbehaglichkeit, Lebensgenuß, ungestörte Ruhe nur so zufällt; wenn wir es aber näher beschaun, waren sie selbst die Stifter ihres Zustandes, in welchem wir sie sehen, indem die Affectlosigkeit sie zu keinen großen Wünschen, welche jedesmal große Opfer verlangen, hinriß, und daß sie bei der ihnen eigenthümlichen Mäßigung die bequeme, sichere Mittelstraße festhielten, ohne daß sie durch Leidenschaften davon abgeleitet werden konnten, da die klare Ansicht, welche Gemüthsruhe giebt, die Gehaltlosigkeit der Scheingüter, welche der Leidenschaftliche verfolgt, leicht erkennen lehrt. Solche Art[246] Menschen sind aus Naturanlage verträglich, man gesellt sich daher gern zu ihnen, sie sind genau, nie verschwenderisch, sie haben einige Ungefälligkeit und Grobheit, welche durch die Ausdauer, die aus dem Phlegma entspringt, privilegirt geworden ist, sie äußern sich kurz und derb, ohne dabei hämisch zu sein, und imponiren dadurch, sie werden durch ihre Consequenz andern überlegen, sie lassen den Thoren ringen und streben, und genießen unterdeß, und während sie durch das alles jedem zu Willen zu sein scheinen, eignen sie durch ihre unerschütterliche Beharrlichkeit sich den Willen anderer an. Doch, diese Aneignung wird andern nicht störend, denn es soll kein Mißbrauch davon gemacht werden, und wer das Phlegma so zur Stärke erhoben hat, kann zuletzt mit voller Ueberzeugung sagen: ich habe recht gut gelebt, und das Leben hat mir gefallen! – An einen solchen Menschen schließe dich, wenn du über etwas, so das wahre Leben betrifft, ein richtiges Urtheil hören willst, oder wenn du einen gewöhnlichen, sichern Gesellschafter, dessen Haus dir immer ohne Umschweife gern offen steht, suchst; willst du aber einen theilnehmenden Freund haben, könnte sogar dabei wohl von Aufopferungen die Rede sein sollen, willst du ein Geschöpf finden, das mit dir empfindet, schwärmt, das Schöne und Erhabene in Natur, Kunst und Wissenschaft mit dir fühlen soll, einen Theilnehmer bei Gefahren, durch die du zu Tempel des Ruhms klimmen willst, einen Patrioten, der den Heerd verläßt, wenn das Vaterland ruft, einen thätigen Vertheidiger des Glaubens – so geh an diesem vorüber! Willst du aber einen guten[247] Abendgast, der nach einem einfachen Gericht ein kleines unschuldiges Spielchen mit macht, dir gewinnen, so suche dir einen Phlegmatiker auf. Er ist gewöhnlich ein unschuldiger, und doch gefälliger, ein genügsamer, nicht störender Hausfreund.

Empfindlichkeit ist ein arger Gesellschaftsfehler; eben so störend für uns selbst, als für andere. Sie ist ein Kind des Stolzes, der Eitelkeit, des Argwohns, des Neides, und aus diesem Ursprung erzeugt sich denn auch kleine Bosheit und kleine Rache, das schadenfrohe Wesen und die Lästerung. Der Empfindliche genießt fast keine Gesellschaftsfreude ganz; der kleinste Umstand reitzt diese immer auflauernde Horcherin; er findet sich beleidigt und nimmt ein anderes Wesen an, das er nicht zu bergen vermag. Dieses Wesen stört, und nun frage ihn jemand, was ihm fehle? Er wird nie die Wahrheit sagen, denn die zum Grunde liegende Wahrheit würde ein Bekenntniß der Schwäche enthalten, und oft ist auch diese Ursach so verworren und undeutlich, so tief liegend, so unbedeutend, daß man sie, um sich nicht vor sich selbst zu schämen, nicht näher an das Licht ziehen mag, und blos bei der Empfindlichkeit als Erscheinung stehen bleibt. – Das muß aber durchaus nicht sein; man gehe ihr auf den wahren Grund nach, und fast jedesmal wird man dann mit sich selbst unzufrieden werden. Doch diese Unzufriedenheit warnt für die Zukunft, denn der Reitz zur Empfindlichkeit nimmt immer zu, wenn man ihm nicht Dämme entgegen setzt. Findet man solche empfindliche Menschen, und deren giebt es viele, so thut man am[248] besten, und straft sie am besten, wenn man darauf gar nicht achtet; Aufmerksamkeit darauf scheint erst ihrer Sache wirklichen Werth zu geben. Empfindliche Menschen sind Selbstpeiniger. Es ist ein Unterschied zwischen dem edlen Selbststolz, Selbstvertraun und der schwachmüthigen Empfindlichkeit zu machen. Jene sind ein Zeichen der Stärke, diese ist ein Zeichen der Schwäche. Daher findet man auch, daß Frauenzimmer sogar leicht empfindlich werden können, und daher ist der Umgang mit ihnen so spitzfindig. Diese Spitzfindigkeit des Umgangs unter beiden Geschlechtern reitzt zu einer, das Talent des Mannes entwickelnden Unterhaltung, und hieraus entsteht das Angenehme der Conversation unter beiden Geschlechtern in höherem Range.

Mehr die Verwandtschaft des Wortes als der Idee leitet hiervon auf die Empfindsamkeit. Sie äußert sich in einer süßlichen Affectation zarter Gefühle, in der Vermengung des wirklichen Lebens mit den Traumgebilden einer aufgeregten, irre umherschweifenden Phantasie, und mit schön klingenden Worten wird die einfache, schlichte Prosa des wirklichen Lebens in einen abgeschmackten Contrast gestellt. Legst du deine Bücher, voll von poetischem Sinn, bei Seite, hast du in einer Mondscheinnacht die hohe Zaubersprache mit der Natur geredet, so greife in die Wahrheit des Lebens auch wieder ein. Es zur Poesie machen zu wollen, es als solche andern aufdringen zu wollen, was dir als poetisches Leben erscheint, ist eine Schwärmerei, wo sie nicht hingehört, nie hingehören kann. Daher ist das empfindsame Wesen in der gewöhnlichen Gesellschaft, deren Zweck Genuß der[249] Wahrheit ist, anstößig, in der Conversationssprache lächerlich, und im Geschäftsstyl, worin es manche junge Zöglinge neuerer Schulen bringen, auch nicht einmal lächerlich. – Weil alles Empfindsame nichts klares ist, sein ganzes Wesen mystisch einhüllt, so ist es auch Schwachköpfen beliebt und eigen. Man wird nie finden, daß aus einem empfindsamen Menschen Kraft für das Zeitalter überging. Lallende Schwärmer können sie werden; die wahre Natur der Urgestalt ist ihnen fremd, und die reine Wahrheit wollen sie in tändelnde, schwache Spielerei ziehn!

Eigenliebe muß ein jeder Mensch haben. Er muß etwas auf sich halten, sich etwas werth sein, und er muß mit Grund verlangen können, daß auch andere seine Eigenliebe anerkennen und zu schätzen wissen. Ohne Eigenliebe ist er kein würdevoller Mensch, und entweder ein Sclav, eine Maschiene anderer, oder er sinkt zu der übrigen Thierwelt herab; das Unterscheidungszeichen, die Anerkennung seines Werthes fehlt ihm, und er ist nur zu dem zu gebrauchen, wozu Instinct führt. – Die Uebertreibungen der Eigenliebe, Eigendünkel und Eigensinn entstehn daraus, wenn man die Eigenliebe, das mit uns selbst aufgewachsene, von uns stets mit dem Besten gefutterte Kind zu sehr verwöhnte, zu vielen Werth darauf legt, dabei den Werth anderer nicht als einen solchen gelten lassen will, der dem unsrigen, welcher denn absichtlich hervorgezogen wird, nur das Wasser reichte, und zuletzt, wenn wir mit kindischer Grundlosigkeit auf dem bestehn, was wir wollen, blos um deswillen, weil wir es wollten! Das Ungeziemende,[250] das Schädliche von dieser Uebertreibung und Verwöhnung ist schon früherhin berührt, und wird in dem besondern Theil bei den einzelnen Verhältnissen der Menschen gegen einander noch oft bemerkt werden.

Feigheit ist der allgemeine Abscheu vor Gefahren, eine Flucht vor jeder Gefahr. Sie ist ein Gefühl der Schwäche, ein Mißtraun in die Kräfte, und wächst mit dem Menschen immer mehr heran, wird immer mehr habituell, je mehr die Kenntniß der Gefahren zunimmt, je weniger sie zu überwinden stehen. Da diese Ueberwindung nun, je weniger sie geübt wird, einen desto größern Kampf kostet, so beredet sich der Feigherzige denn auch, um mit seinem Selbstgefühl nicht in Widerspruch zu kommen, da eine größere Gefahr auffinden zu wollen, wo es wirklich der Fall nicht ist, und seine ganze Unkunde der Gefahr, sein überwiegender Hang zur Gemächlichkeit hat einen sehr üblen Eindruck auf seinen ganzen Character. Da nämlich der feige Mensch der Gefahr nicht in das Auge zu sehen wagt, so arbeitet er sich auf Schleifwegen zu seinen Zwecken hin, liebt das Dunkel seiner Handlungsweise, und indem nun diese Feigheit mit den ihn beherrschenden Leidenschaften des Stolzes, der Ehrsucht u.s.w. oft in Widerspruch geräth, und jenen doch fröhnen muß, so schützt sie sich bald durch ein Panzerwerk unedler Mittel, daher Betrug, Hinterlist, Falschheit, Verrath, Untreue, Gleißnerei, Verstellung aller Art, Mittel, welche der nicht feige Mensch kaum einmal Gelegenheit hat, kennen zu lernen, indem auf dem offnen Wege, den er geht, er ihre Wirksamkeit gar nicht beachtet. Wir können geradezu[251] behaupten, daß Feigheit meist der Urquell alles Schlechten ist, was wir an dem handelnden Menschen sehn. Er will erringen und erstreben, und doch mit keiner Gefahr zu thun haben, seine werthe Person soll dabei immer sicher gestellt sein. Zu welchen weitern Motiven muß das nicht verleiten! Aus der Feigheit folgt auch das Widersprechende, so wir bei vielen Menschen finden; denn sie sind nie einig mit sich selbst, nie fest, nie selbstständig, die geringste bedrohende Gefahr leitet den offnen Willen auf jene Hinterhalte, in welchen die Persönlichkeit geschützt ist. Man kann zu dem Feigen nie Vertraun fassen, nie Opfer von ihm erwarten wollen, denn er sieht überall Gespenster, ist immer nur für sich besorgt, und hängt sich an jeden an, um jeden wieder zu verlassen, wenn es gilt, zu handeln. – Wenn du einen Menschen siehst, bei welchem Feigheit über sein ganzes Wesen sich verbreitet, so kannst du sicher darauf rechnen, daß es mit seiner Moralität schlecht steht; denn ein gutes Selbstbewußtsein muß als solches Ruhe, Kraft, Vertrauen, Furchtlosigkeit geben; nur das Gefühl des Unwerthes, oder der unlautern Absicht, kann Furcht erwecken. Daher ist Feigheit oft die Ursach der Immoralität, oft die Folge derselben, und späterhin im Wechselgewirr des Lebens der Character der Person. – Der Feigheit zu entfliehen, das kann man in die wenigen Worte fassen: handle wahr und suche die Wahrheit zu enthüllen! Durch jenes wirst du von den angeführten Schleifwegen zurückgehalten, zu welchen Feigheit führt, und durch dieses lernst du die Gefahr deutlicher entwickeln, näher kennen, und vor dem Licht[252] der Wahrheit verschwindet fast jede Gefahr. Das führt dich zu dem Muth, der Fassung des Gemüths, die Gefahr mit Ueberlegung zu übernehmen, und diese Fassung macht dich selbstständig, diese Ueberlegung macht dich besonnen, sicher, giebt deinem Willen die beste Kraft; diese Kraft giebt dir wieder Ausdauer in der Gefahr, und dann bist du tapfer; vertraust du aber dieser Kraft zu sehr, so daß sie sichtbar mit dem Zweck nicht in Verhältniß steht, dann bist du tollkühn, und vor der Tollkühnheit kannst du dich nur einmal warnen lassen, denn gewöhnlich verschlingt sie ihr erzeugtes Kind, und that sie zufällig das nicht, so gehst du, wenn du ihr einmal in das Auge sahest, künftig schaudernd an ihr vorüber, eben so, wie der gerettete Selbstmörder nicht wieder nach dem Pistol greift. Also Muth ist die Basis, und wenn dir auch die Unerschrockenheit, die Stärke des innern Sinnes, nicht leicht durch etwas außer Fassung oder in Furcht gesetzt zu werden, ursprünglich mangelt, so kannst du doch durch stete Aufmerksamkeit auf dich selbst, durch Besonnenheit, durch Ueberlegung die Fassung bald wieder gewinnen, welche den Muth und durch ihn das ganze Leben beseelt, es erst zum wahren Leben, in welchem du dich selbst, deine Unabhängigkeit von dem Schicksal, von den Launen der Menschen fühlst, umgestaltet.

Mit dem Namen, Poltron, belegt man häufig jeden feigen Menschen; aber nur der ist Poltron, der, so lange die Gefahr fern ist, sich mit Muth und Tapferkeit brüstet, der alles niederzuwerfen droht, und wie ein Haase davon läuft, wenn urplötzlich ein Rebhuhn[253] auffliegt. Dergleichen Worthelden giebt es freilich viele, und überhaupt wirst du bemerken, daß der, welcher von seinem Muth, von seiner Tapferkeit spricht, damit nur einen Schein gewinnen will, daß man die Feigheit, welche ihn drückt, ja nicht bemerken solle, und daß er bei gegebener Gelegenheit, sich zu zeigen, alle Mittel hervorsucht, um auszuweichen. Der wahre Muth, die wahre Tapferkeit macht von sich selbst kein großes Rühmen, weil sie den Muth nicht sowohl als ein großes Gut, sondern als ein nothwendiges Uebel (denn ein Uebel ist immer jeder Kampf mit der Gefahr und die Anstrengung,) betrachtet, und darum sucht sie auch die Gefahr nicht auf. – Menschen, die eine gute Mischung von Phlegma haben, sind daher muthig und tapfer, der Hitzkopf kann wohl die Feigheit überwinden und Muth bewähren, aber selten Tapferkeit. Den wahren Kriegshelden erzeugt nicht eine Schlacht, sondern eine Reihe von Feldzügen, und die Geschichte giebt in ältern und neuern Zeiten der Beispiele viele, daß der zu früh gereichte Lorbeerkranz verwelkte, wenn der sieggewohnte junge Held Niederlagen erlitt; diese zu überstehen, dazu gehört Ausdauer, und Ausdauer ist das wahre Wesen der Tapferkeit. So waren Hannibal, Sertorius, Schwedens Carl XII. keine wahren Helden, denn sie scheiterten an dem Probierstein der Ausdauer,42 und nahmen[254] zu verwegnen Wagestücken ihre Zuflucht; Aristides, Marcell, Türenne, Friedrich der Zweite sind dagegen im vollsten Sinne des Wortes Helden, klug, muthig, ausdauernd, ohne Ruhmsucht, und wenn man die blinde Verachtung der Gefahr des gemeinen Mannes auch von dem Helden verlangt, so darf man nur hören, was jener atheniensische Feldherr Chares darüber sagt: »Athenienser,« spricht er, »Timotheus zeigt Euch sein Schild, das in der Schlacht, worin er Euch angeführt, ganz durchschossen worden: sehet hier das meinige! Es ist noch so, wie es aus der Hand des Künstlers kam, und ich würde erröthen, wenn ein einziger feindlicher Pfeil oder Wurfspieß es getroffen hätte!«

Hypochondrie wollen wir nennen eine oft wiederkehrende, oder mehr dauernde üble Laune, welche das ganze Gemüth angreift. Viele Menschen sind mit der Hypochondrie geplagt, sie sehen die Erscheinung als eine Krankheit an, der sie gern entfliehen mögten, und wollen den Grund entweder im Temperament, oder im Blut und im Unterleibe, oder in der äußern Lage finden. Im Temperament kann dieser Grund aber nicht, wenigstens nicht unmittelbar zu suchen sein, denn wenn das Temperament des Schwerblütigen dem Frohsinn auch seine leichte Veränderlichkeit benimmt, so bewirkt es doch darum noch nicht unmittelbar Traurigkeit. Kränklichkeit des Körpers kann nun allerdings wohl eine Nervenspannung oder Lähmung geben, welche bald den Frohsinn stören, bald ihn gar nicht aufkommen lassen; allein ihre rückwirkende Kraft kann nicht so weit gehn, dem Gemüth einen positiven Zustand, den der üblen Laune[255] aufzudringen. Eine äußere, gedrückte Lage kann auch wohl den nächsten Einfluß auf das Gemüth haben, daß sie kleinmüthig macht, aber aus Kleinmuth ist Hypochondrie noch nicht die nothwendige Folge. – Wir wollen den Hypochondristen ganz unverhohlen sagen, was ihre Krankheit ist, und worin der Grund derselben liegt. Nach unsrer Ueberzeugung giebt es für den vernünftigen, den mehr vollendeten Mann gar keine Hypochondrie, gar keine Krankheit, welche als solche zu benennen wär. Wer uns klagt, er sei hypochondrisch, der sagt uns eben so viel, als: ich habe nicht Lust, über die Schwerheit meines Körpers, über dessen Trägheit der feinere Stoff meines Innern unwillig ist, Herr zu werden, oder, ich habe noch nicht gelernt, die Aufmerksamkeit auf mich selbst festzuhalten, und darum beleidige ich so oft die Menschen und mich selbst, oder, wenn mir etwas nicht nach Wunsch geht, so ärgere ich mich über, die Welt und über mich selbst, und finde in dieser thatenlosen Unzufriedenheit gewissermaßen Entschädigung, statt daß ich meine Kraft, meine Besonnenheit heraufrufen sollte, oder ich habe einen so gewaltigen Stolz, daß er gar leicht beleidigt wird, und wenn er das ist, so findet er seine Speise darin, alles befeinden zu können, oder, ich habe so viel Langeweile, daß ich bei der guten Portion Trägheit, welche mit einer Art von Willen im Kampf liegt, nicht weiß, wie ich ihr entfliehen soll, oder endlich, da ich sehe, daß meine Hoffnungen nicht erfüllt sind, so mag ich auch zu neuen Hoffnungen gar nicht mehr greifen, und es ist ein solches Gewühl von widerstreitenden Reitzen, Neigungen[256] und Kräften in mir, daß ich es unerträglich finde, beständig über sie Herr werden zu sollen; mag das Ding nun gehen, wie es will! – Das alles sind die Ursachen der Hypochondrie, und die gute Mutter Natur wird, wie so oft, so auch hier, angeklagt, wo wir über uns selbst den Stab zu brechen hätten.

Mit dem Hypochonder ist ein schlimmes Umgehn, denn man weiß nie, wie man mit ihm daran ist; ein gutes Theil von Unwillen, Unzufriedenheit und Menschenfeindlichkeit hat er stets in Bereitschaft, und er ist nie ein gleichmäßiger Mensch. Kommt ihm nun einmal eine gute Laune, so will er durch Uebertreibung sie festhalten, andere dahin mit fortreißen, wohin er selbst gewaltsam sich zu reißen sucht, und dadurch fällt er um so leichter und schmerzerfüllter in den Zustand zurück, dem er sich entwinden wollte. – Man thut sehr unrecht, wenn man diese Art Menschen beklagt, bemitleidet; man setzt sie dadurch noch mehr darin fest, daß ihr Uebel ein solches sei, woran sie unverschuldet leiden; sie klagen so schon von selbst gern, und stimmt man nun noch obenein in ihre Klage, so haben sie ein Privilegium errungen, ungezogen zu sein, geben sich also noch weniger Mühe, ihrer Laune Gewalt anzuthun. Der Hypochondrie eines Menschen unbedingt Widerstand entgegen zu setzen, taugt auch nicht, denn sie ist eine Krankheit der Schwäche, die keine Reibung vertragen kann, sich davor zurückzieht, und um so mehr im Stillen wüthet. Das beste Mittel ist, ihre Aeußerungen gar nicht zu beachten; dann findet sich der Einklang in den gesellschaftlichen Ton oft von selbst wieder. –[257] Unangenehm bleibt es aber immer einem jeden, mit einem kranken Menschen in Umgang sein zu müssen. – Ein hypochondrischer Mensch wünscht sich zu heilen, und außerdem, daß er mit Kraft daran arbeiten muß, Heer seines Willens zu werden, sich selbst kennen zu lernen und Selbstständigkeit zu gewinnen, so hat er zunächst besonders zwei, die Krankheit, oder vielmehr Verwöhnung befördernde Fehler zu vermeiden. Er muß nemlich das Alleinsein fliehen, denn in der hypochondrischen Laune liegt schon die Unlust, sich allein nützlich beschäftigen zu können und zu wollen, und dann wird das Alleinsein zu schwarzer Träumerei; jeder Menschenverkehr dagegen treibt, setzt in Bewegung, und die unterdrückten Kräfte des Geistes bekommen wieder Regsamkeit; man gewinnt allmählig Appetit, mitzuessen, wenn man andere mit Lust essen sieht, man nimmt Theil an den kleinen Freuden des Lebens. Eben so hat er sich zu hüten vor dem ängstlichen Aufmerken auf den Gang seiner üblen Laune. Wird die Freude anatomirt, so gewährt sie keinen Genuß mehr, und will er die Lust, den Frohsinn, wenn er aufblickt, gewaltsam festhalten, so zerdrückt er das flatterhafte Wesen, dessen Erscheinen ihm lieb sein muß, und das davon eilt, wenn man frägt, woher es kam. – Die erzwungene Freudenlust ist eine Anspannung, welche, anstatt zu stärken, Ermattung zurückläßt. Solche Menschen wollen das Dach auf das Haus setzen, ehe das Mauerwerk feststand.

Trübsinn und Schwermuth haben geradezu in dem melancholischen Temperament ihren ersten Ursprung. Der Schwerblütige wird nicht leicht von einer Empfindung[258] ergriffen, aber drang eine bei ihm ein, so drang sie tief ein, wird dauernd, er brütet darüber. Nun aber können nur große, gewaltige, traurige Empfindungen tief eindringen, oder vielmehr ihr Eindringen wird nur unangenehm sichtbar, – denn z.B. das tiefe Eindringen der Wohlthat äußert sich auf die angenehme Weise der Dankbarkeit – und daher spricht man nur von den Einwirkungen trauriger Empfindungen auf ein zu dauerndem Nachdenken geneigtes Temperament. Je mehr nun der Schwerblütige dem Eindruck, der auf ihn wirkte, nachhängt, darüber brütet, desto mehr isolirt er sich von allem andern, desto mehr macht dieses falsch verstandene Wesen seine übrigen Lebenskräfte starr, desto mehr gefällt er sich zuletzt in dieser Beengung und alleinigen Beschäftigung mit sich selbst; er sucht sie immer wieder auf, er fliehet die Menschen, ohne sie zu hassen – diese einzige Empfindung ist bei ihm Character geworden, um den sein ganzes Gedankensystem sich dreht. – Ist er erst so weit in seinem Brüten versunken, so kann nur eine sehr gewaltige Erschütterung ihn aufwecken, ihm eine andere Richtung geben, indem schon ursprünglich nicht leicht etwas einen starken Eindruck auf ihn machte, und hier sogar ein permanent gewordener Eindruck überwältigt werden muß; so haben die Greuel des Krieges, welche über einen Ort herstürzten, eine große Feuersbrunst, ein Erdbeben, schon manchen Tiefsinn, den man für unheilbar hielt, weggenommen. Kennst du dein schwerblütiges Temperament, und es haben traurige Ereignisse einen tiefen Eindruck auf dich gemacht, so hänge der ersten Wollust des Schmerzes nicht nach;[259] ermanne dich mit aller Kraft, jetzt gleich, da es noch Zeit ist, da du selbst dich noch kennst; späterhin bist du nicht mehr Herr deiner selbst, denn diese einzige Empfindung bemeistert sich aller deiner Kräfte. – Der Trübsinnige, der Schwermüthige hat für uns etwas Anziehendes; das kommt daher, weil die Empfindung, über der er brütet, ihn mit sich selbst so beschäftigt, daß wir im Weltleben keine Gefahr von ihm zu befürchten haben, ihn also nicht feindlich betrachten, und wenn wir seine stille Trauer sehn, so können wir ihm auch unser Mitleid nicht versagen; Mitleid ist aber eine gemischte, mehr angenehme Empfindung. – Daher wollen denn nun auch manche Menschen dadurch die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, daß sie Schwermuth affectiren, und sehr häufig ist dieses Frauenzimmern eigen, die doch an sich schon eine leichtere Mischung des Blutes haben, und weniger geneigt sind, in einer Empfindung dauernd sich zu vertiefen. Diese Affectation ist aber an sich schon die Nachahmung des Uebelstandes an einem Menschen, und die Nachäffung wird um so absurder, da sie dem Beobachter sich bald verräth, indem sie mit dem übrigen Thun nicht harmonirt; denn der wirklich Schwermüthige hat Einheit in seinem ganzen Wesen, eine einzige Empfindung breitet sich darüber aus. Unglückliche Liebe, ewige Dauer der Liebe ist das weite Feld der erkünstelten Schwermuth; da sieht man denn aber die trüben, niedergeschlagenen Augen der Mädchen zur Freude sich erheben, wenn die Tanzmusik rauscht, da verstummen die Seufzer der Strohwittwen, deren Männer im Felde der Ehre sind, wenn eine lustige[260] Landparthie sich ordnet, da wird der Trauerschleier, welcher dem Seeligen ein Epitaphium sein soll, zurückgelegt, wenn man die junge Wittwe ohne denselben überaus liebenswürdig findet, da spielt der junge Mann nicht mehr mit seinem bedeutungsvollen Haarring, wenn ein Kreis junger Mädchen ihm die Wahl läßt. – Wirkliche Schwermuth ist um so schwerer zu heilen, da sie sich nicht mittheilt, und keine Theilnahme anderer verlangt, sich ihr vielmehr entzieht; in der Einsamkeit, in dem Stillleben findet sie einen Genuß.

Die Materie von dem innern Menschen und seinem Verhältniß gegen die Außenwelt erschöpfen zu wollen, dazu würde ein Menschenleben nicht ausreichen.43 Eben so wie die Sprache nur vier und zwanzig Buchstaben hat, und doch eine unendliche Zahl von Worten daraus zusammengesetzt werden können, eben so, wie die wesentlichen Bestandtheile des menschlichen Gesichts nur aus Stirn, Nase, Augen, Mund und Kinn bestehen, und doch unter den Millionen Menschen zwei nicht ein ganz gleiches Gesicht haben, eben so, wie zwei Menschen nicht denselben Wortton haben, eben so giebt es keine zwei Menschen, die im Innern ganz gleich sind, die auf ganz gleiche Art Eindrücke empfangen[261] und wieder geben. Erziehung, Naturell, Lage, Gewöhnungen, Neigungen, Affecte und Leidenschaften, Körperbeschaffenheit und Glücksumstände, geben einem jeden eine Individualität, so daß es unmöglich ist, eine allgemeine Regel des Umgangs mit sich selbst und mit andern geben zu wollen. Die einzelnen Bemerkungen können nur mitgetheilt werden, und durch reife Selbstprüfung muß ein jeder daraus entnehmen, was ihm selbst nützlich ist, und was er zu Beurtheilung und Handhabung anderer Mitglieder seiner Raçe gebrauchen kann.44

Das Leben ist ein Streben nach Vollendung, der wir uns wohl nähern, die wir aber nicht erreichen können. Wir würden aus dem Gesichtskreis, in welchen die menschliche Natur beschränkt ist, heraustreten, wir würden nicht mehr Menschen, sondern Götter sein, nicht mehr Wesen unserer Raçe, wenn wir eine allgemeine Vollendung erreichen könnten. Das Bruchstück, das Fragment, welches der Mensch zu dem großen Ganzen ist, kann diese allgemeine Vollendung nur ahnden, nicht umfassen, noch weniger erreichen. Aber auch ein Fragment kann für sich selbst ein vollendetes Ganze, eine Vollendung in der Vollendung sein, und von diesem Gesichtspunct muß man ausgehn als Mensch. Man[262] muß nach nichts Unerreichbarem, nur nach dem streben, was in der menschlichen Natur sein Ziel hat, man muß aus diesem Gesichtspunct auch die andern Fragmente um sich her betrachten, und man lebt dann gut und glücklich. Die unermeßlichen, immer neu sich gebährenden Wünsche, das Mißverhältniß der möglichen Kraft zu dem Ziel, die Ungeduld und der Mangel an Ausdauer erzeugen so viele halbe Menschen. Was sie an andern sehen, wollen sie haben, was sie wünschen, glauben sie erreichen zu können, von einem schweifen sie zu dem andern, mit jedem Tage fast fangen sie eine neue Lebensperiode an, sie haben von allem zuletzt etwas, nichts ganz, und sind und bleiben unbestimmte und ungewisse Wesen, sowohl für sich als für andere. – Beschränke deinen Gesichtskreis; überzeuge dich davon, daß der Mensch, der einzelne Mensch, nur wenig sein kann, aber dieses Wenige muß er ganz sein können. Laß andere nach anderm ringen; stecke du dir ein Ziel vor, aber dieses Ziel habe bestimmt, unwandelbar in allen Lebensverhältnissen vor Augen; alles, was dir aufstößt, cultivire nur so weit, als es dir dazu dienen kann, jenem Ziel näher zu kommen, und es verbreitet sich Einheit und Ruhe über dein ganzes Wesen, du gehst besser und ungestörter neben andern her, weil sie dein Ziel kennen und zu schätzen wissen, weil sie danach deinen Werth, deine Handlungsweise berechnen dürfen, und ihnen die Gefahr schwindet, in ihrem eignen Ringen und Streben von dir gestört zu werden; – du wirst ein ganzer Mensch, der Vertraun zu sich selbst haben kann, und dem auch andere vertraun. Einheit ist die große Basis[263] von dem Atom bis zum Weltsystem; der Wurm kann nicht Mensch sein wollen, der Mensch kann nicht Schöpfer sein wollen, der Planet kann nicht Fixstern sein wollen, und alle die nie gezählten Einheiten vereinigen sich, und finden sich selbst und ihren Beruf wieder in der großen Einheit: dem Weltgeist!


Welches ist aber in der Beschränktheit der menschlichen Natur ein gutes Ziel, nach dem du streben sollst? Das höchste physische Gut, nämlich das Wohlleben, und das höchste moralische Gut, die Tugend, können nicht mit einander verbunden werden, so, daß sie eine Einheit machen, und doch ist der Mensch aus zwei Naturen zusammengesetzt, aus der physischen und aus der moralischen, welche beide ihre Rechte haben und fordern. Das Ziel des Strebens des vernünftigen Mannes sei daher, das höchste physische Gut, das Wohlleben, mit dem höchsten moralischen Gut, der Tugend, so nahe als möglich zusammen zu bringen, das heißt, den Genuß einer gesitteten Glückseligkeit sich zu verschaffen, und da der Mensch in nothwendig-unentbehrlicher Verbindung mit andern Menschen steht, so liegt in der gesitteten Glückseligkeit auch Humanität, oder Vereinigung des Wohllebens und der Tugend im Umgange. – Wer Tugend, Wohlleben, Humanität mit einander ganz verschmelzen könnte zur Einheit, würde einen Gott sich fühlen, und Götterfreuden um sich her verbreiten; wer sie einander so nahe als möglich zu bringen vermag, wer die Elemente und die Proportion ihrer Verbindung aufsuchte,[264] und dadurch lernte, die einander abstoßenden Kräfte so viel als möglich zu schwächen und in Gleichgewicht zu bringen, der hat das Ziel menschlicher Vollendung erreicht.

Quelle:
Nicolai, Carl: Über Selbstkunde, Menschenkenntniß und den Umgang mit den Menschen. Quedlinburg, Leipzig 21818, S. 188-265.
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