Die Gewöhnungen, Verwöhnungen und Manieren

[74] haben wir näher zu beleuchten, ehe wir den Menschen sicher in die Welt hinausschicken können.

Der Gang eines Menschen, den wir kennen, und seine Körperhaltung, dessen Bewegungen, sind ihm eigenthümlich; er hat sich gewöhnt, so zu gehen; wir erkennen ihn schon von fern an seinem Gange. Gewöhnlich hat der Gang eines Menschen etwas Bedeutsames, etwas Characteristisches. Der Schleicher, der Heuchler, der Furchtsame hat einen ungewissen, behutsamen Gang; ein Fuß liegt immer zum Rückzug im Anschlag. Der Ungestüme, der Prahler, der Renomist hat einen lermenden, festen Schritt; der Hofmann hat einen winzigen, leisen Tritt, daß die schlummernde, gähnende Durchlauchtigkeit nicht gestört werde; der Geck, der eitle Narr trippelt und hüpft durch das Leben; der Träge schleppt die Füße hindurch; der Ungebildete, der Unbehülfliche stampft die Erde. Alle diese Gewöhnungen und Manieren des Ganges sind störend, characterisirend, auffallend; alles Auffallende aber zu vermeiden, müssen wir uns angelegen sein lassen.

Der Gang des Mannes sei fest und sicher, ohne [75] geräuschvoll zu sein, der Fuß werde etwas auswärts, die Zehenspitze etwas vorgebeugt aufgesetzt, denn das Auswärtssetzen unterstützt die Bewegungen des Körpers zu den Seiten, und sei mit der übrigen Haltung des Körpers in Ebenmaaß. Der Schritt sei etwas verkürzt; das zu weite Ausschreiten stört das Ebenmaaß der Körperhaltung, macht den Schritt ungefällig. Dieses zu weite Ausschreiten ist in dem engen Raum des Gesellschaftszimmers noch unschicklicher, und ganz unerträglich bei dem Schauspieler; und doch fehlen so viele darin. Oft soll die beengte Bühne einen großen Garten oder dergleichen vorstellen, und wir sehn den Schauspieler diesen Raum mit fünf Schritten durchmessen. Dieses verkürzte Zurückziehn des Schrittes, ohne daß es ein Trippeln werde, kann man den angenehmen Gesellschaftsschritt nennen, und es gehört dazu, was überhaupt nicht genug empfohlen werden kann: Ruhe in der Bewegung.

Bei dem Stillstand, dem Stillstehn, sind gar viele in der Stellung des Körpers geziert. Sie haben Gemälde, Statuen gesehen, wo die Stellung ihnen behagte, und sie ahmen dieselbe nach, ohne zu bedenken, daß dies alles für ihren Körperbau, Kleidung, Zeit und Ort nicht paßt; diese Ziererei ist daher auffallend, erzwungen. Unsere Stellung sei frei, ungezwungen, ohne nachlässig oder steif zu sein; sie sei so, daß wir leicht Herr jeder Bewegung des Körpers sind; darin besteht die Gesellschaftsstellung; in Gemälden, bei Statuen soll und muß die Stellung etwas Characteristisches andeuten; im gewöhnlichen Leben nur die Ruhe, daher muß sie hier so viel als möglich nichts sagend sein, ohne jedoch in [76] das Demüthige, Unterwerfende, in das Allzubescheidene zu fallen. Denn wer zu bescheiden ist, erringt im Leben nichts, weil es ein Kampf aller gegen alle ist, und immer bleiben wird. – Das Anlehnen bei der Stellung ist vielen gar angenehm; manche wollen dadurch eine schöne Stellung, wie sie solche in Darstellungen der Kunst gesehn, gewinnen; andere thun es, weil sie nicht wissen, wo sie die Hände lassen sollen, womit man in der That häufig in Verlegenheit kommt; noch andere thun es aus einer gewissen Trägheit; alle aber fehlen dabei gegen die Schicklichkeit, denn die Gesellschaftsstellung soll frei und ungezwungen, aus der innern Kraft hervorgehend, nicht nach den äußern Impulsen affectirt und manierirt sein.

Die Bewegungen des Körpers sollen nicht weit ausschweifend, zu lebhaft, zu schnell sein; Ruhe liegt in dem Begriff der Schönheit. Bei den Bewegungen des Körpers, mit welchen wir die Rede begleiten, muß die Bewegung eine untergeordnete Rolle spielen; reißt uns die Rede zu lebhaften, schnellen, weitausschweifenden Bewegungen hin, so sind wir eifrig, setzen die, der Gesellschaft schuldige Mäßigung aus den Augen. Diese Ruhe und Mäßigung in der Bewegung ist ein schweres Studium für den Opernsänger; gewöhnlich ist er schon mit seiner Bewegung lange zu Ende, wenn der Gedanke im Ton, den die Bewegung begleiten soll, immer noch forttrillert. Daher finden wir so wenige Sänger und Sängerinnen, welche zugleich gute Pantomimen geben. – Nur bei der Zeichnung der stärksten Gemüthserschütterung darf die Bewegung der Hände und [77] Arme über die Augenlinie hinausgehn, und die Hände sollen nicht leicht bis unter die Hüften herabsinken. Alles Aeußerste muß vermieden werden, eben so, wie der Maler sein Bild nicht im höchsten Grade des Affects darstellen wird; der Phantasie muß etwas hinzuzulegen übrig bleiben. – Die lebhaften Fingerbewegungen sind selten am rechten Ort, man überlasse sie den wilden Völkern und den Taubstummen.

Bei vielen jungen Leuten gehört es zu dem nachlässig guten Ton, mit den Händen in den Beinkleidertaschen, in dem Busenstreif, in den Haaren, zu spielen, sich in den Stuhl hinzuwerfen, daß er knackt, sich auf die Stuhllehne, wo Frauenzimmer sitzen, zu legen, und so die Unterhaltung zu führen; daß das alles aber Unschicklichkeiten sind, welche den Mann, der Anspruch auf wirklich guten Anstand machen will, nicht geziemen, muß dein eignes Gefühl dir sagen. So weiß auch mancher in größern Zirkeln nicht, wo er den Hut lassen, wo er mit der etwa ihm präsentirten Tasse hin soll, und die Bedienten treiben ihren Scherz mit dieser Verlegenheit des Provinzialen; hier ist dreiste Unbefangenheit an ihrer rechten Stelle, wie man denn überhaupt mit einer sichern Dreistigkeit an Höfen in der Regel einen bessern Erfolg zu erwarten hat, als mit demüthiger Ergebenheit gegen die Hofchargen geringern Ranges.

Um Leichtigkeit und gute Manier in der Bewegung und Haltung des Körpers zu gewinnen, um jede Spielung der Muskeln und Gelenke kennen zu lernen und davon Gebrauch zu machen, dazu ist an sich der Tanz [78] das beste Mittel. Was bei dem Tanz der Unterricht nicht bewirken kann, da lehrt die Freude des Genusses, das Erweiternde, Hinreißende der Musik die Ungebundenheit unserer Bewegungen uns kennen und üben; zu der natürlichen Anmuth gesellt sich die durch den Tanz gefundene glückliche, empfehlende Haltung, die geschmeidige Behendigkeit; und der angenehme, leicht und ungezwungen sich bewegende Weltmann steht vor uns. Doch, du edle Nationalfreude großer Völker, du reine Darstellung der Freude, der Schönheit, Anmuth und Kraft, wie bist du unter uns Deutschen mißgestaltet! Der Tanz der geringern Volksklassen ist ein Stampfen der Bretter in den Bierhäusern, der Tanz der vornehmen Welt ist eine Schule der Coquettierkunst, der feinsten Buhlerei, ein ungeregeltes Jagen im wildesten Schwindsuchtstact geworden! Nicht einmal einen Nationaltanz hat der Deutsche; denn Menuet und Allemande, diese Darstellung der Bewerbungen aus den ersten Ritterzeiten, sind in das abgeschmackte, alte Register geworfen, während doch der Spanier seinen Fadanjo, der Franzose seine Quadrille (nicht der deutsche Tanz: Quadrille), der Engländer seinen schottischen Tanz immer noch beibehält, und sich stolzer fühlt, wenn er ihn tanzt. Der Nationaltanz ist aber das Gepräge der Eigenthümlichkeit der Bewegung, und wir würden gewiß in Deutschland in den Gesellschaften nicht solche vielseitige, ungewisse, linkische Bewegungen wahrnehmen, wenn die alten Nationaltänze beibehalten wären. – Der Tanz soll ein mehr allgemeines gesellschaftliches Vergnügen, eine dem Körper wohlthuende Bewegung, [79] eine verschönerte Gliederhaltung und Biegung sein; doch in unsern buhlenden Ballgesellschaften scheut sich der junge verheirathete Mann, am Tanz Theil zu nehmen, weil ein junges Frauenzimmer ihm nur ungern die Hand zum Tanz giebt, und es einen abgedrungenen Ehrentanz nennt; andere wagen es, schon der Gesundheit wegen, nicht, so schnell die Füße zu werfen, und die Reihen mit durchzulaufen, und hält man sich die Ohren zu, so daß man die Musik nicht hört, dann glaubt man einen Haufen losgelassener Tollhäusler zu sehn; – jeder Nationaltanz aber hat, auch ohne Begleitung der Musik, etwas Characteristisches, ist eine eigenthümliche Volksdarstellung.26

Das Reiten, nämlich das kunstmäßige Reiten, und das Fechten, besonders das auf den Stich, sind auch gute Mittel, uns die leichte, sichere Haltung und die Biegungen des Körpers, wo die Kraft und das Beleben der Kraft durch die Anmuth versteckt wird, kennen zu lehren. Besonders aber gehört noch hieher, – so paradox es vielleicht manchem scheint, – das kunstmäßige Schwimmen. Nichts lehrt so sehr das Gleichgewicht des Körpers und eine ruhige Kraftbewegung finden. Der kunsterfahrene Schwimmer, oder auch nur der, welcher [80] bei dem kunsterfahrenen Schwimmer die sogenannten stillen Hülfen analysirt hat, wird uns beipflichten.27

Nicht zu tadeln ist auch das Declamiren auswendig gelernter Stücke, genaue Aufmerksamkeit auf die Stellungen, Haltungen und Bewegungen guter Schauspieler, und wir würden in dieser Hinsicht besonders die Theilnahme an einem Liebhabertheater empfehlen können, wenn nicht zu viele andere, nachtheilige Folgen damit verknüpft wären.

Der wesentlichste Theil unserer äußern Darstellung in der Welt ist das Gesicht und dessen Bewegungen. Es ist ein besonderer Staat im Staate, der die allgemeinste Aufmerksamkeit auf sich zieht, denn es ist der Spiegel unserer Seele, und besonders der augenblicklich vorhandenen Gemüthsbewegungen. Es ist für andere die Wetterfahne, nach der sie sehen, das Aushängeschild, welches einladet, bei uns einzukehren, oder aber die Warnungstafel, welche von uns entfernt. Daher studiere man sein Gesicht und dessen Bewegungen ja genau.

Aus seinem Spiegel das alles kennen lernen und in Gesellschaft mitbringen zu wollen, ist eine vergebene Mühe. Denn der Spiegel zeigt uns wohl unser Gesicht, wie es in diesem Augenblick ist, wo wir ihm gerade gegenüber [81] stehen, aber so ist es schon nicht mehr, wenn wir den Spiegel bei Seite legen, da ein ewiger Wogentanz der unzähligen größern und kleinern Züge darauf flutet, bald einer bemerkbar hervortritt, bald zurückspringt, eben so wie ein beständiger Gedanken- und Empfindungswechsel in uns ist, wovon die andern darum nicht gerade das innere Haus verlassen haben, wenn eines herrschend augenblicklich hervortritt. Man kann allerdings selbst viel dazu thun, seinen Gesichtszügen und Bewegungen für die Gesellschaft die ansprechende, gefallende Stellung zu geben; dazu gehört aber wir mögten es ein Unbeschreibbares – nennen! Wir müssen aus uns selbst heraustreten, und im Traum sehn können, unser »Ich« muß versinnlicht vor uns stehn, mit klarer Besonnenheit, immer die innere Bewegung hervorziehend, zu dem, was sie wirklich ist, müssen wir an dem Gesicht ordnen und ausputzen können, wie der Maler an dem Bilde, das er vor sich hat. –28

Wer sich nun vornimmt, in Gesellschaft ein ernsthaftes Gesicht zu zeigen, geräth gar leicht in die Uebertreibung, daß er statt ernst, finster aussieht, und abgeschmackt wird er, wenn er den Ernst sich aneignen will, ohne daß er ihm eigenthümlich ist; der Widerspruch, das [82] Affectirte leuchtet grell hervor, und macht den dem vernünftigen Manne bedaurungswürdig, der es vergißt, daß er ja ernsthaft sein wollte, und doch über eine Kleinigkeit laut zu lachen anfängt. Andere denken auch wohl, ein angenommenes Lächeln stehe wohl an; aber sie haben einen Hang zur Schwermuth auf dem Gesicht ausgeprägt, und ihr erzwungenes Lächeln ist Verzerrung, oder das nichtssagende, faule Fleischgesicht paßt nicht zu dieser Darstellung des Innern, und ihr Lächeln ist jenes widrige Grinsen, dem wir so oft begegnen. Die beständig lächelnden Menschen sind die gefährlichsten; man knöpfe die Tasche vor ihnen zu, und halte den Mund zu. Manche wollen auch als Schwermüthige in Gesellschaft erscheinen, denn der Blick der Schwermuth interessirt, weil er unser stilles Mitleid erregt; besonders haben Frauenzimmer und junge Phantasten, die mit ihrem Gefühl noch nicht in's Reine kommen können, diese Ziererei; – doch die Geigen fiedeln zum Tanz, oder die Punschbowle dampft, oder ein guter Braten verbreitet seinen Geruch, und die Schwermuth wird von dem Gesicht gestrichen; solche Menschen sind nun ganz erbärmlich und verdienen eine Züchtigung dafür, daß sie die gemischte Leidenschaft des Mitleidens in uns rege machen wollten. – Unüberlegt ist es, heute mit der Miene des Ernstes, morgen mit einem Lächeln auf dem Gesicht der Gesellschaft sich zu zeigen, entweder, je nachdem wir eines oder das andere wohlanstehender, oder für den Kreis, in den wir treten, mehr sich eignend, erachten. Wir beurkunden dadurch das Gezierte, oder, wenn wir für diesen Gesellschaftstag in der Rolle bleiben, [83] was noch schlimmer ist, das Unbeständige in unserm Wesen. Konsequenz aber ist die Grundlage eines sichern, achtungswerthen Gesellschaftswesens, und es sollte ohne deutlichen Begriff von der Konsequenz in seinem Verfahren eigentlich niemand Anspruch aus das Gesellschaftsleben machen wollen.

Man zählt den Ernst zu den vorzüglichsten Zierden des Characters der Deutschen, und bleiben wir diesem Character getreu; er erscheine, in dem Innern erzeugt, auf dem Gesicht wieder, aber er sei kein finsterer, abschreckender, herrischer Ernst; er sei der Ausdruck des Hochgefühls eigner, innerer Würde, guten Bewußtseins, der Ruhe des Gemüths; das Lächeln des Wohlwollens umschwebe ihn, und die Theilnahme an den kleinen Freuden und Leiden anderer blicke aus den Augen. Ein solches Gesicht ist Achtung erweckend, wohlthuend.

Die Augen sind fast beständig ein unverkennbarer Spiegel der Seele; daher täuscht die Maske, welche wir aus unsern Gesichtszügen machten, den feinen Kenner nicht. Alle unsere Mühe auf das Aeußere ist also verloren, wenn die Bildung, die Veredlung des Innern nicht gleichen Schritt mit dem Aeußern hält. Die innern Bewegungen, besonders der Scheelsucht, des Neides, des Geitzes, der Habsucht, der Rachsucht und der Begierde der Wollust zeigen sich in dem Auge, ohne daß sie verborgen werden könnten.

Manche Menschen sehn uns mit kleinen, zusammengezogenen Augen an. Dieser Blick gefällt nicht, denn er ist indignirend, demüthigend, man kann nicht gleich Vertraun zu dem Manne fassen, und doch wird er so [84] häufig von Schwachköpfen als ein lächerliches Zeichen ihres Hervorragens vor uns affectirt, wogegen derjenige, den schwache Augen zu diesem Zusammenziehn zwingen, gern jedem vorweg sagen mögte: nehmt es nicht übel, daß ich so unschicklich euch ansehe; meine Augen wollen es nicht anders!

Hüte dich ja vor der Modesucht des Gebrauchs der Lorgnetten, der Brillen. Jede Bewaffnung des Auges schwächt, spät oder früh, es immer mehr, und die jungen Gecken, welche übrigens recht gut sehen können, verhunzen die Natur, und machen sich lächerlich, wenn sie durch diese Brillen den Schein gewinnen wollen, als hätten sie durch fleißiges Studieren die Augen zu früh geschwächt; noch abgeschmackter sind sie, wenn sie damit in Gesellschaften oder auf Spaziergängen erscheinen, oder wohl gar damit reiten, essen u.s.w., und sie werden ungeschliffen, wenn sie mit der Lorgnette diesen oder jenen fixiren, denn es macht verlegen, da es die Aufmerksamkeit anderer auf ihn zieht. Wer mit der Brille im Gesicht mit dir sich an den Spieltisch setzt, mit dem gehe ja behutsam um; du kannst seine Augenbewegungen, besonders bei Licht, nicht beobachten und er kann leicht ein falscher Spieler sein. Der, welcher ein allzu schwaches Auge hat, das bei dem Spiel der Bewaffnung bedarf, sollte eigentlich gar nicht spielen; bei der Bewaffnung des Auges ist also stets die Vermuthung gegen ihn.

Manche Leute schneiden Gesichter (grimassiren); sie bringen es sogar weit darin, wie z.B. Yarrick, der zu gleicher Zeit mit der einen Seite des Gesichts lachen und [85] mit der andern weinen konnte, und einstmals stieg er mit sieben verschiedenen Gesichtern in einen Lohnwagen, so daß der Lohnkutscher glaubte, sieben Personen zu führen; allein es ist dies eine, dem Manne im bürgerlichen Leben unwürdige Uebung zu einer Gesellschaftsgabe mehr; das Zucken der Gesichtsmuskeln wird auch leicht unwillkührlich, und man kann das unanständige Gesichterschneiden selbst bei den wichtigsten Ereignissen nicht mehr lassen.29

Eine gute Sprache, mit allen Unterabtheilungen dieses allgemeinen Begriffs ist sehr zu beachten; der Mensch hat nichts mehr in der Gewalt, als seine Sprache, nichts empfiehlt mehr, als sie, nichts zeigt den Mangel an Bildung mehr, als deren Vernachlässigung, in nichts findet man die Verbildung leichter, als in der gezierten, oder absichtlich vernachlässigten, mir dem übrigen Mann gar nicht passende Sprache.

Eine reine, volltönende Stimme kann jeder sich nicht ganz geben; man kann aber zu der Abrundung, zu der Bestimmtheit des Tones viel beitragen und der Natur nachhelfen durch die Uebung des Singens, wenn man auch übrigens davon unter Menschen keinen Gebrauch machen kann, oder will. Eine deutliche, bestimmte, articulirte Aussprache zu bekommen, und besonders sich zu erhalten, da man im Geschäftsleben, im Strom des Gesellschaftsbetriebes sich so leicht verwöhnt, [86] dazu gehört, daß man für sich öfters laut und langsam lieset, besonders Bücher aus den schönen Wissenschaften, ein Gedicht, ein Schauspiel aus dem bürgerlichen Leben u.s.w., daß man mit andern eher langsam, als zu geschwind spricht.

Das zu langsame Sprechen macht schleppend; eher aber verfällt man, bei dem Zufluß der Gedanken in den Fehler des zu geschwind Sprechens, und es beängstet den Hörer, wenn er mehr auf die Worte, als auf deren Sinn lauschen muß. Mit Pathos in der Gesellschaft zu sprechen, ist gesucht und abgeschmackt, denn es paßt nicht zu dem Gegenstand der Unterhaltung, wenigstens in der Regel nicht. Das laute Schreien dessen, der den guten Lungenflügeln Raum giebt, oder der sich hören lassen, oder andere übertäuben will, ist eben so widrig, als es unartig ist, ein vornehmes, wichtiges Leisesprechen anzunehmen, wodurch andere gezwungen werden sollen, ja still zu sein, um auch jedes Wort des Herrn zu vernehmen. – Das Flüstern in Gegenwart eines Dritten ist nun durchaus unanständig; es verweiset gewissermaßen den Dritten aus der Gesellschaft, wo die Unterhaltung doch allgemein sein soll; es setzt ihn mindestens in Verlegenheit, da jeder unwillkührlich glaubt, man sage etwas, das ihn betreffe, leise darum zu einander, da man nicht wage, es laut zu sagen. Besonders ist dieses Flüstern eine üble Gewohnheit der Frauenzimmer, entweder, weil sie ihre kleinen Geheimnisse und Bemerkungen nicht so lange der Nachbarin verschweigen können, bis sich eine schicklichere Gelegenheit dazu findet, oder, weil sie es für ein Mittel halten, dadurch [87] in der Gesellschaft sich bemerkt zu machen und sich einen Anschein der Wichtigkeit zu geben. Noch verlegner macht es, wenn zwei Personen so unartig sind, und sich einander Zeichen in der Gesellschaft geben, da dies eine vorherige Verabredung voraussetzt. Wo man ein solches unschickliches Betragen findet, thut man am besten, wenn man ungebunden bleibt, und den Verstoß gegen die Anstandssitten unbeachtet läßt. Empfindet man diese kleinen Ungezogenheiten peinlich, bemerkbar, wird man selbst störend.

Manchem stehn seine Sprachorgane entgegen, um geläufig sprechen zu können; aber auch Demosthenes, der große Redner, war früherhin ein Stammler; er nahm kleine Steinchen in den Mund, übte sich mir unendlicher Mühe, und wurde der große Mann, dessen Rede von der Bühne donnerte, und sich des Willens eines ganzen, großen Volkes bemächtigte. Man erinnere sich nur aus der neuesten Zeit, daß Ifland unter andern auch eine anstoßende, schwerfällige Aussprache zu bekämpfen hatte, und doch der große, entzückende Schauspieler wurde. Wir kommen also immer wieder darauf zurück: der Mensch kann alles, was er will, und der Stammler kann sich mit dem Naturfehler nicht entschuldigen.

In der deutschen Sprache giebt es so viele Mundarten, als es verschiedene Provinzen giebt, ein Uebelstand, den wir in allen Ländern finden, welche nach und nach aus verschiedenartigen Theilen zusammengesetzt wurden, und wohl gar auch dann noch einen Theil ihrer vormaligen Selbstständigkeit behielten; die Eigenthümlichkeit [88] der Aussprache eines alten Völkerstammes verliert sich am schwersten, weil sie in den niedern Volksclassen, die von dem Boden ihrer Urväter nicht fortkommen, festsitzt. So giebt es in Italien ganz verschiede Aussprachen, wo dem Gebildeten denn die Regel gilt, lingua toscana in bocca romana; so ist in Spanien, trotz der langen Vereinigung der Kronen Castilien und Arragonien, trotz der Verachtung der Gavachos (Ausländer) in Sevilla eine ganz andere Aussprache als in Burgos; so versteht der Provencale den Normann nicht, und doch behaupten beide, französisch zu sprechen, und in Deutschtand versteht der Würtemberger den Pommer u.s.w. nicht; noch verworrener ist die Sprache in den niederländischen Provinzen, in dem Flammändischen, – eine Folge der verschiedenen Herrschaften von Spanien, Burgund, Frankreich, Oestreich und dem Nationalismus der Brabanter und Holländer. In andern Ländern kann der, welcher seine Mundart reinigen will, nach der Aussprache der Hauptstadt sich richten; das geht aber in Deutschland nicht an, weil dieses mehrere Hauptstädte hat, in denen die Aussprache durchaus nicht gleich ist. Einen Strich Niedersachsens rühmt man, daß er das beste Deutsch rede; allein wir können es nicht finden, und es hat nicht ein jeder Gelegenheit, dort in die Schule zu gehen. Wir müssen also bei der Aussprache unsere eigne Lehrmeister sein, und das geht auch bei der deutschen Sprache sehr leicht an. Sie verschluckt nämlich keinen Buchstaben, giebt keiner Sylbe einen andern Ton, und wenn man nun also keinen Buchstaben zu hart oder zu weich, keine Sylbe zu lang oder kurz ausspricht, [89] sondern alles rein, so, wie es da steht auf dem Papier, dann ist der richtigste Mittelweg gefunden. Leiten muß uns dabei mit das Aufmerken auf den Gesang und auf die Melodie des Versbau's, des Versfalles bei guten Gedichten, indem in beiden die Reinheit, das Nationale der Sprache sich verkündet. – Mancher kommt, nachdem er lange in Wien, Dresden oder Braunschweig war, in seine kleine Vaterstadt zurück, und will dadurch, daß er das harte »o« der Wiener, das stolpernde, »g« der Dresdner, das manierirte »s« und »sch« der Braunschweiger nachahmt, zeigen, daß er dort war; das ist aber dem vernünftigen Manne, der es hört, eine verächtliche Thorheit, und der Peter, den man in den Kinderschuhen Ball schlagen sah, blickt doch immer durch. Der Zweck der Sprache muß uns immer vor Augen sein. Allgemein verständlich, in gefälligem Ton die Gedanken auszudrücken, ist der Zweck der Sprache.

Grammatisch richtig zu sprechen, wird mit Recht von jedem gebildeten Manne gefordert. Jede Versäumniß darin wird bemerkt und als eine Unachtsamkeit auf uns selbst, oder als Unwissenheit ausgelegt. Wer durch ein früheres Leben unter weniger Gebildeten sich an das richtige Sprechen nicht von Jugend auf gewöhnen konnte, der konnte diesem Mangel durch deutsche Sprachlehren, durch aufmerksames Lesen der Schriftsteller nachhelfen. – Manchen Leuten soll es ein Air noble geben, sich um die Kleinigkeiten, wie sie bei ihren großen Armseligkeiten es nennen, des »mir« und »mich,« des »sie« und »ihnen« nicht zu bekümmern, und das den Schulfüchsen zu überlassen; allein, wollen wir denn diesen unheilbaren Narren nachahmen, [90] und rächt sich diese absichtliche, vornehme Versäumniß nicht dann bei ihnen, wenn sie schreiben müssen? – Die mehresten Frauenzimmer begehn diese Verstoße gegen die Sprachlehre; indeß bei ihnen kann man aus vielen Gründen in der Regel nicht die Genauigkeit verlangen, welche bei dem Manne nothwendig vorausgesetzt wird.

Auf die Reinheit unserer Sprache müssen wir auch wachen. Besonders ist es dem Gelehrten, und ganz insonderheit dem Rechtsgelehrten eigen, lateinische Worte in seine deutsche Gesellschaftssprache zu mischen, eben so wie diese Gesellschaftssprache in vielen Kreisen wieder mit französischen Brocken ausgeschmückt wird, und ein Theil der vornehmen Welt hält es für nothwendig, zu sagen: »die Parthie ist fatiguant bis zum Ermüden, Eau de cologne-Wasser, er geht mit einem Chapeau-bas-Hut von Biber-Castor, ohne ein Sonnen-Parasol mitzunehmen, wir wollen in die Boutique des Colporteur's gehen,« u. dergl. Abgeschmacktheiten mehr. Unsere deutsche Sprache ist aber so reich an Worten, daß sie fast jeden Begriff klar ausdrücken kann, und man beleidigt sie, man thut dadurch dar, daß man sie nicht ganz kennt, oder sich nicht die Mühe geben will, sie ganz kennen zu lernen, wenn man beständig fremde Worte einmischt; es ist ein Mangel an Aufmerksamkeit auf unsern Vortrag. Eine zu übertriebene Reinigungssucht in der Sprache, besonders aber im Gesellschaftston, finden wir indeß auch wieder abgeschmackt, denn sie macht unsern Vortrag gesucht, gedehnt, schwerfällig, sogar dunkel; unser Vortrag wird auffallend, weil er [91] nicht zu dem üblichen Gesellschaftston paßt. Zwar verderben wir bei dieser Behauptung es mit den Sprachreinigern, welche besonders in der neuesten Zeit des deutschen Volkssinnes sich mit bedienen, um auch jedes fremde Wort aus Deutschland zu verbannen; allein warum sollen wir Worte, die schon seit langen Jahren zu uns herüber gekommen sind, welche ein jeder versteht, nicht aufnehmen? Die Sprache wird durch die von ihnen verlangte strenge Reinheit wieder ärmer gemacht, der wirklichen Stammworte werden am Ende wenige bleiben, und eine reiche Sprache ziert das Volk.30

Das Erlernen einer oder mehrerer fremder, lebenden Sprachen, ist dem Deutschen nothwendig, der gebildet sein, der in der Welt fortkommen will. Wir sind von vielen Völkern, die mit fremden Zungen reden, umgeben, und der Verkehr mit ihnen kann einen jeden von uns in Verlegenheit setzen, wenn er ihre Sprache nicht kennt. Das Polnische, Russische zu erlernen, ist mehrentheils eine unbelohnende Mühe; denn der gebildete Pole und Russe spricht deutsch, und das Lesen ihrer Schriftsteller entschädigt nicht. Die englische Sprache zu erlernen, ist dem deutschen Kaufmann in größern Orten und Handelsplätzen von wesentlichem Vortheil wegen des Handelsverkehrs, und der Freund der Literatur, der Wissenschaften, findet in den englischen Schriftstellern [92] einen unerschöpflichen Quell des Schönen, des Guten, des Belehrenden. Der französischen Sprache mächtig zu sein, wird bei dem gebildeten Deutschen fast vorausgesetzt. Sie ist nun einmal die Hofsprache geworden, und vom Hofe geht der Ton aus. Sie wird sich auch lange noch in diesem Besitz, besonders im südlichen Deutschland erhalten, nicht allein wegen des nähern Verkehrs dort mit Frankreich selbst, sondern auch, weil sie – was kein Lob für die Sprache selbst ist, – dadurch zu einer angenehmen Gesellschaftssprache wird, daß ihre Wortarmuth zu unterhaltenden Wortspielen, Zweideutigkeiten, leisen Andeutungen, die man oft lieber hat, als den klaren Begriff, und überhaupt zu den Tändelein gesellschaftlicher Unterhaltung die Worte leiht. Zudem sind die französischen Colonien in Deutsch land so ausgebreitet, und bewahren ihre Muttersprache, wenn auch nicht so rein, doch noch so fest, daß man oft in Bürgerfamilien kommt, wo im Hause nicht ein Wort deutsch geredet wird.

Bist du nun aber fremder Sprachen mächtig, so hüte dich so viel als möglich, dieses in deutschen Gesellschaften zu zeigen; laß es sogar den Deutschgebornen, welche eine allgemeine Unterhaltung in fremder Sprache führen, empfinden, daß es eine lächerliche Thorheit ist, zeigen zu wollen, daß sie mehr verstehn, als deutsch zu reden. Mit einem Einzelnen, oder Mehrern hin und wieder in der Gesellschaft mit fremde Zungen zu reden, das ist aus gleichem Grunde eben so unschicklich, als das Flüstern es war. Viele Menschen, anstatt einen Trauerflor darüber zu hüllen, wollen jetzt mit aller Gewalt [93] zeigen, daß sie, während die Franzosen Deutschland heimsuchten, vollständig französisch gelernt haben. Aber wenn sie doch schwiegen! Sie thäten weit klüger, denn die Sprache, welche wir von dem fremden Soldatenstande erlernen, ist nie die wahre, die wichtige Sprache, die Büchersprache; noch weniger ist sie dieses bei den neuern französischen Armeen, wo selbst die Officiere ersten Ranges aus der Sentina des Pöbels aufwuchsen, und nicht Zeit, nicht Gelegenheit in den Lägern hatten, die wahre französische Sprache des gebildeten Mannes aus dem Jahrhundert des vierzehnten Ludwig kennen zu lernen, sich eigen zu machen. Die Deutschen also, welche diese Sprache nachäffen, lernen wohl trefflich fluchen und schimpfen, sich mit den Hallendamen unterhalten und in den Kasernen ein Wort mitsprechen; aber in den großen Häusern, überhaupt in den Häusern der gebildeten Welt rümpft man die Nase, wenn sie ihre Sprachkenntniß auskramen.

Viele Menschen haben nun den Fehler, daß sie sich selbst gern sprechen hören und das große Wort führen. Es kann dieses leicht zur Gewohnheit bei denen werden, welche mehrentheils nur in Kreisen sind, wo man vermöge ihres Amtes oder Ranges mehrere Rücksicht auf sie nimmt. Ist nun die Umgebung einmal anderer Art, so wollen sie das fortsetzen und stören dadurch entweder den Egoismus anderer, die vergeblich zu Worte zu kommen suchten, oder sie werden unzufrieden, niedergeschlagen, empfindlich, wenn ihr verwöhnter Egoismus rüstigere Zungen findet, die sie zum Schweigen bringen. Sprich daher lieber zu wenig als zu viel, und [94] das auch in deinem gewöhnlichen Kreise; in der Gesellschaft hat jeder gleiche Rechte, zu hören und gehört zu werden. – Das Unterbrechen der Rede eines andern ist unschicklich, es stört, es beleidigt ihn, so mühsam es uns freilich oft fällt, einen langen Sermon anhören zu müssen, und so peinigend es uns ist, das in unserer Gedankenfolge nicht zu vergessen, was wir erwiedern wollen. – Springe auch in der Unterhaltung nicht auf einen andern Gegenstand über, ehe der erste nicht auf das Reine gebracht ist; du erscheinst dadurch als oberflächlich, oder als wohlweise, indem du keine Belehrung von andern mehr anzunehmen brauchtest. – Daraus, daß man sich selbst gern reden hört, folgt auch die Gewohnheit, daß wir die Gesellschaft mit Dingen unterhalten, die von unserm Egoismus ausgehen, kein allgemeines Interesse haben, was doch die gesellschaftliche Unterhaltung erfordert. Besonders sprechen Rechtsgelehrte und Advokaten gar gern von ihrem Wortgezänk, ihren Klaubereien und Kniffen; – man will aber dergleichen widrige Gegenstände ja nicht hören; sie beleidigen! – Eben so folgt daraus das Widersprechen, das Absprechen als üble Gewöhnung. Es beleidigt manche Menschen nichts empfindlicher, und bringt ihnen nichts leichter eine üble Meinung von uns bei, als wenn wir ihnen unbedingt das bestreiten, was sie als eine wohlgeprüfte Sache für bewährt vortragen, oder wenn wir ihre Urtheile nicht für gültig erklären, ihnen mit Gewalt die unsrigen aufdringen wollen. Jeder Mensch will seine eigne Meinung haben, bildet sich etwas darauf ein, befindet sich wohl dabei; man lasse ihn nicht nur dabei, [95] man trete sogar in seinen Ideenkreis ein, man billige, so weit es thunlich ist, und man gewinnt viel bei der Gesellschaft. Du mußt überhaupt, ohne jedoch dabei dein Selbst zu verlieren, in der Gesellschaft dich mehr dem Dritten aneignen, als daß du suchst, ihn dir aneignen zu wollen; dies ist – ein unschuldiger Schleichweg, wodurch du unbemerkt Herr seines Willens, seiner Meinung wirst.

Wenn wir sagten, man müsse lieber zu wenig, als zu viel reden, so muß man deshalb nicht wortkarg sein. Man traut einem solchen Menschen entweder nicht, weil man ihn für einen stummen Beobachter hält, oder er gewinnt den Schein der Dummheit, daß er nichts zu sagen weiß, oder der Faulheit, daß er nicht Lust hat, etwas zu sagen, oder des Hochmuths, daß er es der Mühe nicht werth hält, unter diesen Leuten seine Weisheit auszuspenden – er ist ein überlästiges, störendes Mitglied, das jeder entfernt wünscht.

Die Kunst, die richtige Gesellschaftssprache zu finden, sie so zu führen, daß sie der Gesellschaft gefalle, und diese für uns gewinne, ist daher keine kleine Kunst. Es ist nicht leicht, über nichts etwas, über etwas Unbedeutendes viel sagen, seine Meinung verschweigen, geduldig zuhören zu müssen. Setze dich immer in die Lage, du wärest dein Zuhörer. Sprich daher immer deutlich und vernehmlich, nicht überlaut, nicht zu nahe an den Hörer hingeneigt, sprich nur von Dingen mit, welche eben der Gegenstand der Unterhaltung sind, bringe kein neues Kapitel auf das Tapet, laß dich lieber belehren, als daß du belehrst, sprich nicht zu lange und nicht in zu langen [96] Perioden, laß keinen Zwischensatz aus, laß deinen Vortrag leicht faßlich sein, halte es nicht unter deiner Würde, von den Dingen des gemeinen Lebens dich zu unterrichten, denn sie sind meist der Gegenstand der Unterhaltung; halte es nicht für weibisch, wenn du dich um die Stadtgespräche bekümmerst, denn du kannst sehr leicht einen Verstoß machen, wenn du sie nicht kennst; gehe mit dem Geist der Zeit mit, damit du nicht von Sachen sprichst, die andere schon wieder vergessen haben; behaupte nichts, was du nicht beweisen kannst; laß dich in keinen Streit über Politik ein, denn sie ist bei manchen Menschen ein sehr kitzlicher Punct, und doch unbeweisbar; beweise nicht mit Händen und Füßen und einer guten Lunge, und so magst du für's erste hingehn in die Gesellschaft. Das Uebrige, was dazu gehört, ein guter Gesellschafter in Rede und Manier zu sein, davon werden wir erst weiterhin zu reden, schicklichere Gelegenheit haben. Doch, eine Hauptregel wollen wir dir jetzt noch mit auf den Weg geben. Es liegt nemlich eine große Kunst darin, das Sprechen von dem Schweigen wohl zu unterscheiden. Der überreiche Schwätzer wird bespöttelt, wenn er auch in der Regel ein guter Mensch ist; der ganz Verschlossene wird gescheut und gefürchtet; am besten befindet sich der besonnene Sprecher, der, ohne Horcher sein zu wollen, ohne Anmaßung, ohne vorlaut zu sein, nur nach und nach in die gesellschaftliche Unterhaltung eingreift.

Unter Abwesenden vertritt das Schreiben die Stelle der Rede. So deutlich und vernehmlich deine Aussprache sein soll, eben so deutlich und lesbar muß [97] auch deine Handschrift sein. Nicht ein jeder kann schön schreiben; diese Versäumniß liegt an dem ersten Unterricht, und besonders daran, wenn man bei verschiedenen Schreiblehrern das Schreiben erlernte; denn dadurch wird der Grundstrich verschieden, ungewiß; man bekommt keine feste Hand. Es ist, unserer Meinung nach, daher nicht übel, wenn in Schreibschulen die in Kupfer abgedruckten Vorschriften, unter Aussicht der Lehrer allgemein eingeführt werden. Das Steife, was die Handschrift anfänglich bekam, verliert sich doch allmählig. Aber jeder, der schreibt, kann reinlich und deutlich schreiben, wenn er will, und er muß es wollen, denn es ist eine grobe Unartigkeit gegen andere, sie mit einer unleserlichen Hand zu belästigen. Ein deutlich geschriebener Antrag ist schon die halbe Empfehlung der Sache, unserer selbst. Zudem ist in dem Geschäftsleben, oft auch im höhern Range des Geschäftslebens eine schlechte Handschrift ein großer Anstoß; eine gute hingegen eine Profession, welche nie ganz verläßt. Du kannst viel Sprachkenntniß, geschichtliche und statistische Kenntnisse haben, du kannst alles besitzen, was zu dem Diplomatiker gehört, aber wirst du in das Kabinet eines Fürsten eintreten können, wird ein Minister als Geheimschreiber dich annehmen, wenn du eine undeutliche Hand schreibst?31

[98] Manche Menschen haben davon gehört, daß die Gelehrten schlecht schreiben, und daher denken sie, müssen sie auch schlecht schreiben, wenn sie für Gelehrte gelten wollen; noch andere sind so aufgeblasen und unverschämt, daß sie sich die Mühe nicht geben, deutlich zu schreiben, weil sie meinen, der Subaltern müsse es doch lesen können; – aber es ist dies unmenschlich, dem schweren Arbeiter seine Arbeit noch schwerer zu machen. – In seiner Unterschrift einen bestimmten Namenszug zu haben, ist gut, denn er kann dann nicht so leicht nachgemacht werden; die vielen Schnörkel darin deuten aber auf eine kindische Spielerei mit dem Ernsthaften, und die Unleserlichkeit des Namens, der gerade am deutlichsten ausgeschrieben sein muß, deutet auf vermessene Aufgeblasenheit; oft tritt denn der Fall ein, daß der Name eines Gouvernementscheffs von dem Invaliden, dem ein Gnadenthaler zugesichert wurde, durch die Schenke zu dem Kantor und Pastor wandert, und niemand kann ihn entziffern, während der Cheff voraussetzte, es bedürfe nur einer Chiffer, denn sein Name sei, von einem Ende des Reiches zu dem andern, bekannt. Aus der Handschrift eines Menschen seinen Character entziffern zu wollen, ist daher nicht so thorhaft, als es vielen erscheint. Man spreche nicht kurz darüber ab, sondern befleißige sich, so zu schreiben, daß die Meinung des Deuters gut ausfallen muß; unsere Handschrift ist das Gemälde, das wir dem Entfernten von uns schicken.

Orthographisch richtig zu schreiben, wird eben so gut von dem, der auf Bildung Anspruch machen will [99] gefordert. Es ist dieses auch an sich in der deutsche Sprache leichter, da sie keinen Buchstaben verschluckt, keine Sylbe gedreht ausgesprochen wissen will. Und doch haben die Deutschen durch ihre verschiedenen Behauptungen, z.B. über das »f« statt »ph«, durch das Weglassen des »h« Verwirrung in die Einfachheit gebracht. Richte dich daher nur nach einer, für bewährt erachteten Sprachlehre, wenn du nicht unsicher, ungewiß werden willst, und ist in den mehresten, als dauernde Denkmähler zu betrachtenden Werken, z.B. im allgemeinen preußischen Landrecht, die Adelungsche Orthographie angenommen. Sie hat das Ehrenwerthe des Alten von der Spielerei des Neuen wohl zu schichten gewußt, und ist nicht ohne besondere Prüfung als dauernd-geltend angenommen worden.

Die Schreibart ist nach den Gegenständen sehr verschieden; sie sei aber immer klar, deutlich, nicht weitschweifig; in der Schreibart kann schon eher ein kleiner Zwischensatz ausgelassen werden, da der Leser bei der Ruhe des Lesens ihn selbst findet. Unser Styl sei nicht dunkel, mystisch, ein Fehler, worin verwirrte, übervolle Köpfe leicht verfallen, und eine noch schlechtere Abart davon ist die laconische Kürze des faulen Schreibers, der nicht gern die Feder ansetzt, oder des Tiefdenkers, der sich in seinen Gedanken so rasch verwirrt, daß die Feder ihm nicht folgen kann. Zu schreibselig sein, ist aber gewöhnlich eben so viel gesagt, als ein seichter Kopf sein. Durch diese Bemerkung laß dich aber ja nicht davon abhalten, einen fleißigen Briefwechsel mit deinen entfernten Freunden und deinen Verwandten [100] auch ohne bestimmte Veranlassung zu unterhalten; letzterer erhält die Familienverbindung, auf deren Werth wir noch oft zurück zu kommen, Gelegenheit haben werden, und ersterer ist ein freudiger Genuß für dich selbst, eine Veranlassung zu der Beobachtung deiner selbst, zu der Rückkehr in dein Inneres; er gewährt oft denselben Vortheil, als ein Tagebuch, er unterhält die freundschaftlichen Verbindungen, mahnt durch die Vergangenheit, wenn du, von der Gegenwart berauscht, zu hoch fliegen willst, und dem entfernten Freunde bereitest du durch deine Briefe eine große Freude. – In allem, was du schreibst, sei aber sehr behutsam; ein unbedachtsames Wort in der Rede wurde wohl überhört, kann gedeutet werden, verwischt sich; was du aber schriebest, bleibt stehen, und kann auch bei einem Dritten als Waffe gegen dich gebraucht werden. – Im Aufbewahren deiner Papiere sei daher auch genau, pedantisch genau, und Schriften, wovon du überzeugt bist, daß du keinen Gebrauch mehr davon machen kannst, vernichte sogleich. – Die von andern dir anvertrauten Papiere verwahre als ein heiliges Pfand; sie zu eröffnen, heißt das Vertraun mißbrauchen, und der Schandfleck gemißbrauchten Vertrauns ist nie zu verwischen; ein solcher Mensch wird aus der Gesellschaft gestoßen, denn er ist gefährlicher als der Dieb. Hüte dich besonders, Papiere von Wichtigkeit Frauenzimmern anzuvertraun; denn sie legen überhaupt keinen Werth auf schriftliche Urkunden, und waren jene Papiere verschlossen, so reitzt die unbesiegliche, weibliche Neubegier, sie zu öffnen.

Das Lachen im Allgemeinen ist ein Ausbruch[101] freudiger Bewegung, und eben darum gefällig, weil es unsere freudige Theilnahme an dem Lacher erweckt. Aber auch die Freude hat ihr Maaß und Ziel; das übermäßige laute Lachen ist daher unanständig und beleidigt unser Ohr und unser Auge, da der übermäßige Lacher gewöhnlich nicht das liebenswürdigste Gesicht zeigt. Viele Menschen können das Lachen bei den kleinsten Veranlassungen nicht lassen; glückliche Temperamente! Aber sie müssen es lernen, sich mäßigen zu können, denn sie werden dadurch oft in Gesellschaften, wo ernsthafte Gegenstände verhandelt werden, sehr störend, und sie laufen Gefahr, für Leute gehalten zu werden, mit denen kein ernsthaftes Wort zu reden, also auch keine ernsthafte Sache zu verhandeln ist, eine Meinung, die oft sehr täuscht, ihnen selbst aber schädlich wird. Andere nehmen sich nicht in Acht und lachen laut in einer Gesellschaft, wo es Trauernde giebt, denen man Schonung und Achtung für ihren Schmerz schuldig ist und beweisen will; da ist das Lachen dem Trauernden sehr widrig, indem es in einem zu starken Widerspruch mit seinem Gemüthszustande steht und mit ihm werden zugleich die übrigen theilnehmenden Gesellschafter beleidigt. Noch unschicklicher ist das Lachen einer besondern Parthie der Gesellschaft unter einander, ohne kund zu geben, warum sie lachen; jeder Dritte glaubt sich dadurch betroffen zu finden. Besonders ist in dieser Hinsicht das so häufige, kleinstädtische sogenannte Kichern der jungen Frauenzimmer unter einander zu rügen. – Nie muß man über eine Person, welche in der Gesellschaft ist, lachen, sogar dann nicht, wenn sie die Absicht hat, sich [102] lächerlich machen zu wollen; der verfehlte Zweck sei die kleinste Strafe ihrer Entwürdigung. Ueber das, was jemand sagt, darf man nur dann lachen, wenn er die Absicht hatte, etwas Belachenswerthes sagen zu wollen, und selbst wenn es in unsern Augen auch nicht so ist, so erzeigen wir ihm doch durch unser Lächeln eine große Gefälligkeit. – Das beifällige Lächeln empfiehlt uns bei andern oft mehr noch, als die in Worten sich aussprechenden Beifallsbezeugungen selbst, aber es erscheint als erzwungen, wenn es zu oft wiederholt wird; wir müssen daher sehr sparsam damit umgehn. Man will auch nicht über alles, was gesagt oder gethan wird, sondern nur über das vorzüglichere, ein beifälliges Lächeln von uns haben, wir erscheinen sonst als beschränkt, neu, unkundig oder gleißnerisch. – Lache nicht, am wenigsten zuerst, über das, was du selbst sagtest; diese üble Gewohnheit haben sehr häufig die kleinstädtischen Egoisten an sich. Eben so wenig muß man mit lachendem Munde etwas erzählen; laß die Zuhörer das Lächerliche heraussuchen, und der Contrast, wenn du ernsthaft dabei bleibst, ist um so angenehmer; daher macht der hochkomische Schauspieler einen günstigern Eindruck, wenn er den spaßhaften Ernst sich zu erhalten weiß. – Das höhnische Lächeln ist die empörendste Ausartung; es zeigt von einem gallsüchtigen Character, und man vergiebt dir eher etwas weit schlimmeres, als man dir ein moquantes Belächeln verzeiht. Sei daher mit deinem Lachen und Lächeln immer sparsam und auf deiner Hut, da man beides dir sehr falsch auslegen kann.

Die Menschen lachen nach allen Vokalen. Im [103] »a« lacht der fröhliche, heitere, der ausgelassene Mensch; im »e« lacht der hämische, der erzwungene Lacher; im »i« der gekitzelte Epicuräer, der sinnliche Wollüstling, der Schadenfroh; im »o« das unbehülfliche Bauerphlegma, und die sanfte Leibeserschütterung des Domherrnbauchs, im »u« endlich lacht der Verrückte, der Wahnsinnige; es ist das furchtbar-grausenerweckende Lachen des schmerzhaftesten Gemüthskrampfes. Es ist so herzzerschneidend für den Hörer, daß jener große Dichter seinen Helden über sich selbst mit den Worten aufschrecken läßt: »wer lachte da?«

Der Gruß ist eine Höflichkeitsbezeugung, wenn wir einander begegnen, oder in Gesellschaft treten. In Deutschland besteht er in Entblößung des Hauptes, in der Umarmung, im Kuß, in der Beugung des Kopfes und des Körpers, im Darreichen der Hand und andern leichtern Bewegungen.

Versäume bei dem Gruß nicht den ungezwungenen, leichten Anstand; er ist der erste Empfehlungsbrief, wenn du in Gesellschaft trittst. So drollig aber der Landjunker mit seinem Kratzfuß, den die gnädige Mamma ihn lehrte, sich einführt, eben so tadelt man es an dir, wenn dein Gruß zu nachlässig ist; er zeigt von einer Geringschätzung der Gesellschaft, die man nicht gern haben will; – gieb daher lieber etwas zu viel als zu wenig. – Wenn zwei Personen einander begegnen, verlangt der Vornehmere, daß er zuerst gegrüßt werde; wen du nicht kennst, den grüßest du gar nicht, außer, wenn du mit jemandem gehst, der grüßt; sieh dich nie nach dem um, den du gegrüßt hast; wer da sitzt, fährt, oder am Fenster [104] steht, wird allemal zuerst gegrüßt; wo Respectspersonen wohnen, blicke nach dem Fenster hin, und findest du sie, so grüße auch; – diese kleine Aufmerksamkeit gefällt; auf Spaziergängen, wo man einander öfter begegnet, wird nur einmal gegrüßt, und wenn es schon ziemlich dunkel ist, gar nicht, denn der im Dunkel geht, will vielleicht unerkannt sein; wird dir nicht gedankt, so laß dich das nicht verdrießen, denn man sah dich vielleicht nicht; in große, besonders Abendgesellschaften, nimm den schlechtesten Hut mit, denn der gute wird dir leicht von den Bedienten genommen, oder von einem Gesellschafter umgetauscht; sei nicht wegwerfend, aber auch nicht stolz in deinem Gruß, als wäre er ein Gnadenzeichen; laß ihn daher möglichst gleichmäßig sein, denn der Geringere wird aufmerksam auf den Unterschied, den du machst; nimm es dem Juden nicht übel, wenn er bei deinem tiefern Gruß den Hut kaum lüftet, denn er erscheint auch in dem Tempel mit bedecktem Haupt. – Wenn du Zudringliche, und Menschen, mit denen du keinen nähern Umgang haben magst, von dir entfernt halten willst, so grüße sie immer so höflich, als wären sie dir noch beinahe ganz fremd, oder ständen sie einen Grad über dir; nicke im Schauspielhause, Konzertsaal, und noch weniger im Gotteshause einem Bekannten, der entfernt von dir steht oder sitzt, niemals grüßend zu, denn dies zieht die Augen anderer dorthin, und das beängstigt den Begrüßten für den Augenblick; begegnen dir deine Diener auf der Straße und grüßen dich, so danke ihnen auf die gewöhnliche Art, denn der Dritte weiß nicht, daß sie deine Diener sind; trittst du später [105] in die Gesellschaft, als deine Frau, so grüße auch sie, denn es ist ein schuldiges Zeichen der Achtung; Frauenzimmer haben nicht so freundlich zu grüßen, denn der eitle Geck nimmt das für einen Einladungsbrief an; den Kuß der Männer unter einander suche so viel als möglich noch mehr abzubringen: der John Bull in London würde ihn dir mit dem Steinigen strafen; umarmt dich aber einer, der es damit gut meint, so entziehe dich dem Kuß nicht, wenn er auch feucht ist; der Handkuß ist sclavische Unterwerfung; nur den Matronen, welche in besonderm Respectsverhältniß mir dir stehn, und der Wirthin, wo du in Gesellschaft geladen bist, werde diese Ehre zu Theil; die rechte Hand und deren Druck als Zeichen des Wohlmeinens und deutscher Treue werde nur den innig-Vertrauten gereicht.

Die Ordnungsliebe ist eine Gewöhnung, eben so wie Unordnung eine Verwöhnung ist. Wenn jemand den Ruf hat, er sei ein sehr ordentlicher Mensch, so faßt der erfahrne Weltmann blindlings Vertraun zu ihm, und kann und darf aus der Ordnungsliebe alles das folgern, was zu einem guten, practischen Geschäftsmann taugt. Man muß sich schon früh zur Ordnung gewöhnen und sie ununterbrochen fortsetzen; eine einmal eingeschlichene Unordnung nimmt immer mehr in sich selbst zu, und die Mühe, sie wieder herzustellen, wird daher immer größer. Die Ordnung beschränke sich auch nicht auf einzelne Theile deiner Haushaltung mit dir selbst; sie muß sich vielmehr über alle Geschäfts- und Lebensverhältnisse verbreiten. Man sieht mitunter Menschen, die gerade da ordentlich sind, wo es nicht so[106] nöthig wäre, und welche darüber die Hauptsachen versäumen; so wie es denn überhaupt oft schwerer fällt, als man denkt, das Wesentliche von dem Minderwesentlichen zu unterscheiden. Sie sind streng ordentlich in dem Aufstellen ihrer Bücher, und ihre Actenstücke und Papiere liegen bunt durcheinander, in ihrem Garten ist kein Unkraut zu finden und ihr Zimmer ist unsauber, sie wissen auf die Viertelmetze, wie viel Hafer vom Kornboden in den Pferdestall kommt, und führen keine Rechnung über Einnahme und Ausgabe! – Die mehresten Familien kommen nicht sowohl durch Verschwendung, als durch Mangel an Ordnung zurück, oder wenigstens nicht vorwärts. Dem Geschäftsmann ist nichts nachtheiliger, als Unordentlichkeit in seinen Papieren. Wenn er sich damit entschuldigen will, daß er sagt, ob auch alles in seinem Zimmer unordentlich unter einander zu liegen scheine, so wisse er doch alles zu finden, denn er beobachte eine unordentliche Ordnung, – so ist das gar nichts gesagt! Daraus entsteht dann gewöhnlich, daß man etwas suchen muß, man sucht und sucht, es muß schnell sein, die Papiere werden noch mehr unter einander geworfen, man wird unzufrieden, ungeduldig, das Verlangte nicht gleich finden zu können, man wirft den Plunder hin, darüber bleibt die ganze Sache liegen, und Papiere häufen sich immer auf Papiere, der Geschäftsgang stockt um einer Kleinigkeit willen, wir verschieben Sachen, weil wir erst suchen müssen, und wir verschwenden viele Zeit, um erst alles das bei der Hand zu haben, was bei der Hand sein muß. – Gesetzt aber auch, du habest in deinem Kopf eine gewisse Ordnung [107] von den zerstreut umher liegenden Sachen; wie sollen es andere finden können, wenn du entfernt bist, oder wie soll es werden, wenn du schnell stirbst? Welcher Nachtheil kann dadurch deinen Hinterlassenen nicht erwachsen? Man mißt auch wohl den Uebelstand, daß man etwas nicht sogleich finden kann, der neckenden Laune des Zufalls bei, und ruft aus: was man sucht, ist doch allemal das letzte! – das ist aber sehr natürlich, denn wenn man es gefunden hat, hört man auf zu suchen. – Um in diesem Theil deines Betriebes Ordnung zu bekommen und zu erhalten, so gewöhne dich daran, jeder Sache sogleich ihren bestimmten Platz anzuweisen, alles, was du von einer Stelle fortgenommen hast, sogleich, als du dessen nicht mehr bedarfst, wieder an seine Stelle hinzulegen; laß es ja nicht an der unrechten Stelle um deswillen liegen, weil du glaubst, es bald wieder zu gebrauchen, und verlaß das Zimmer, auch nur auf eine Stunde, nicht eher, als bis du alles wieder in die alte Ordnung gebracht hast; durch diese kleine Zeitaufopferung ersparst du dir nachher die unangenehme Mühe des Nachräumens; alle unangenehme Mühen verzögert man aber gern, und so werden die Sachen immer unordentlicher, die Mühe immer schwerer und drückender. Die Erfüllung wird verschoben, und das, wogegen zu warnen war, ist bereits eingetreten. – Thue in dieser Hinsicht auch so viel als möglich alles selbst, rechne nicht darauf, daß du Leute hast, die dir nachräumen müssen, denn ihre Anordnung ist nicht die deinige, und so kommt es denn, daß du unzufrieden [108] etwas suchen mußt, weil es von ihnen an eine falsche Stelle gelegt war.

Große Ordnung in deinem Aeußern wird von dir gefordert; Unordentlichkeit darin ist die Schwester der Unreinlichkeit. Wenn du dich ankleidest und findest ein kleines Loch in einem Kleidungsstück oder in der Wäsche, denke nicht, es wird wohl heute noch einmal gehn, und suche es nicht zu verbergen; um so schlimmer für dich, wenn du zu verbergen suchtest, was doch entdeckt wird, und überdem ist morgen das Loch schon größer gerissen. Man kann nicht sparsamer sein, als wenn man dem kleinen Schaden gleich abzuhelfen sucht; denn morgen ist die Abhelfung des Schadens schon größer, und übermorgen vielleicht unmöglich.

Ordnung in der innern Wirthschaft erhält die Wirthschaft, und ist die halbe Sparsamkeit. Wie viel Sachen gehn dadurch verloren und verschwinden unter den Händen der Dienstboten, wenn nicht alles seinen bestimmten Platz hat, nicht alles an diesen bestimmten Platz sogleich wieder gestellt wird! Ist letzteres der Fall, so kann man mit einem Blick alles übersehen, man vermißt das Fehlende sogleich, man findet sogleich, wenn etwas unreinlich oder schadhaft hingestellt worden, der Betrieb des Hauswesens geht schneller um, und es bleibt alles in dem ruhigen Gange und läuft nicht alles mit den Köpfen gegen einander, wenn etwas Unerwartetes vorfällt. Nichts ist daher dem Fremden, der unerwartet kam, für den noch ein Couvert angelegt werden, oder ein Nachtlager bereitet werden soll, ängstlicher, und beurkundet ihm die Unordnung der Wirthschaft so sehr, als [109] wenn er wahrnimmt, daß um seinetwillen noch ein Treppauf-, Treppabjagen ist.

Bei dieser Ordnungsliebe in der Wirthschaft, wel che besonders den Frauen nicht genug zu empfehlen ist, hat man beständig eine allgemeine Uebersicht des Seinigen; man weiß, wo es fehlt, man weiß, wo noch Reichhaltigkeit da ist; hierdurch findet sich die gute Eintheilung, und man erspart viel, wenn man einem kleinen Mangel sogleich abhilft, ehe er ein großer Schaden wird.

Dein ganzes Hauswesen, im weitesten Sinne, sei jeden Abend so bestellt, als wenn du morgen früh strenge Rechnung davon ablegen müßtest. Geh nicht eher zu Bette, als bis in dieser Hinsicht alles gethan ist; mit Freudigkeit trittst du dann in den neuen Tag wieder hinein, wenn du nichts von dem vorigen Tage mehr aufzuräumen hast: von Tage zu Tage wird diese Mühe angenehmer und leichter, und du sparst durch diese Ordnung in allem bald viel an Zeit und Kosten, man rühmt dich als einen guten Haushalter, und du kannst freier in allen Lebensverhältnissen wirken, wenn die Ungewißheit, das Störende häuslicher Unordnung dich nicht abzieht. Nichts aber ist nach vielfältigen Erfahrungen störender, vernichtender, als häusliche Unordnung. Hier eine Regelmäßigkeit zu behaupten, das kann nicht oft genug wiederholt werden, und in der Konsequenz des Ehemannes muß es liegen, daß er hierbei von den Schwachheiten und Eitelkeiten der Frau sich nicht irre führen läßt.

Kleine Unordnungen im Hause können von andern[110] nicht so leicht bemerkt werden, und man vertuscht sie wohl, weil eine gewisse Trägheit erst bekämpft werden muß, um ihnen abzuhelfen; allein aus kleinen Unordnungen entstehen große, denen schon schwerer abzuhelfen ist, und die Trägheit, welche dem größten Theil der Menschen angeboren ist, liegt in beständigem Streit mit dem Willen; sie muß, besonders was die Ordnung betrifft, nicht täglich allein, sondern sogar stündlich bekämpft, niedergedrückt werden.

Mögen deine Hausgenossen von dir sagen, du seist pedantisch ordentlich ein Kleinigkeitskrämer! Laß dich dadurch in deinem Thun nicht stören; es ist bei jedem Dritten ein Lob für dich, und sie selbst legen dadurch das Bekenntniß von sich ab, daß sie ihrer Trägheit gern den Zügel schießen ließen, wenn du nicht wärest. Hast du aber Besuch, bewirthest du gute Freunde und Bekannte, so mache deine Ordnungsliebe nicht störend für die Gesellschaft, mache es nicht bemerkbar, wenn jemand einen Stuhl nicht da wieder hinsetzt, wo du gewohnt bist, ihn zu sehen u. dergl. Dieses auffallende Aufmerken macht den Dritten verlegen, hemmt die Freiheit der gesellschaftlichen Laune, und am Abend ist ja noch Zeit genug, alles wieder in deine gewohnte Ordnung zu bringen.

Nächst der Ordnung steht sogleich die Pünctlichkeit. Sie ist eine Pünctlichkeit in der Zeit, und eine Pünctlichkeit im Wort.

So wie du pünctlich zu bestimmter Stunde das Nachtlager verlassen mußt, um Ordnung in den Beschäftigungen des Tages vorzubereiten, eben so mußt du [111] dich durch nichts abhalten lassen, auf die Minute da zu erscheinen, wo du im Geschäftsleben erscheinen mußt. Bist du ein Vorgesetzter, so gewöhnt das die Untergebenen an gleiche Regelmäßigkeit, und dadurch gewinnt der Geschäftsbetrieb; hast du eine untergeordnete Rolle, so empfiehlt deine Pünctlichkeit dich bei der vorgesetzten Behörde. Bereite deine häusliche Einrichtung daher so, daß du in voller Ordnung dein Haus schon etwas früher erlassen zu können, da stehest; daher verschiebe nichts auf den letzten Augenblick, habe immer noch etwas Zeit übrig, so wie der Sparsame, der gute Wirth, selbst bei der beschränktesten Lage immer einen Nothpfennig hat; denn unvorhergesehene Aufenthalte können eintreten; und kannst du einmal nicht pünctlich erscheinen, so mache es gehörigen Orts bemerkbar, selbst wenn du keine absolute Verbindlichkeit dazu hast, daß die Versäumniß nicht an dir lag. Diese Achtung der Vorgesetzten empfiehlt, und eine monatlange Pünctlichkeit macht eine einzige Versäumniß, welche nicht entschuldigt wurde, nicht verziehen. – Die strengste Pünctlichkeit im Erscheinen ist besonders ein wesentliches Erforderniß im Soldatenstande, und wenn es dir als unnütz erscheint, daß die Vorgesetzten sie auch in Friedenszeiten unausgesetzt verlangen, so irrst du dich, denn sie muß in diesen Zeiten eine Gewöhnung an den Kriegszustand werden; ganze Schlachten gingen verloren, weil ein einziger Fähndrich nicht pünctlich die Ronde gemacht hatte.

Eben so pünctlich, als du im Erscheinen bist, sei auch besonders im Fortgehn, denn die unnütze Zeit, welche du nach beendetem Geschäft noch so leicht zu verschwenden [112] Gelegenheit nimmst, ist der Pünctlichkeit in deiner übrigen Lebensordnung geraubt. Der vernünftige Mann muß das von dir billigen, da er hieraus wahrnimmt, daß du Pünctlichkeit zu allgemeiner Lebensregel dir hast werden lassen.

So unangenehm es dir selbst ist, wenn du auf jemanden warten mußt, eben so unangenehm fällt es ihnen, wenn du auf dich warten lässest. Lieber verstatte dir also eine kleine Unordnung im Hause, als daß du außer dem Hause jemanden auf dich warten lässest. – Manche Menschen haben es sich angewöhnt, oder halten es für vornehm, oder es soll als ein Beweis großer Beschäftigung von ihnen gelten, wenn sie erst spät in einer Gesellschaft erscheinen. Das hat freilich für sie selbst etwas Angenehmes, denn der Gesellschaftston ist unterdeß schon gefunden; allein es ist beleidigend für den Wirth, dem du so kärglich die ihm verstatteten Stunden zumissest, beleidigend für die Gesellschaft, daß du, ihre Unterhaltung verhöhnend, nur etwa dann den Kreis mit deiner Gegenwart beglückst, wenn so etwa die Tafelstunde schlägt, und du störst dadurch vielleicht eine Parthie, mit der man auf dich gerechnet hatte. Oft kommt es denn auch wohl, daß du etwas vorzutragen, zu erzählen anfängst, und ein anderer ist schadenfroh genug, dich mit den Worten zu unterbrechen: das Kapitel haben wir schon abgehandelt, ehe Sie uns mit Ihrer Gegenwart beglückten! – – Auch die Gesellschaft ist ein wichtiger Dienst, dessen Pünctlichkeit nicht verabsäumt werden darf. Manche Gesellschafter freilich kommen regelmäßig zu spät in Gesellschaften. Als Wirth muß [113] man das nicht bemerken, und mit Parthien auf diese Männer, die gewöhnlich Sonderlinge sind, nicht rechnen. Sonderlinge kann man sie um deswillen nennen, weil sie da imponiren wollen, wo die Gelegenheit nicht die richtige ist.

Eine noch größere Verpflichtung liegt dem Manne ab, pünctlich im Wort zu sein. Auch bei der größten Kleinigkeit muß man das Wort halten, welches man einmal gegeben hat, und zwar nicht etwa das Worthalten verschieben, denn dadurch ist es schon gebrochen; und sollte die Kleinigkeit auch große Aufopferungen kosten, zu der bestimmten Stunde muß das Wort gehalten werden. Diese strengste Pünctlichkeit auch in Kleinigkeiten gewinnt das größte Vertraun, und welchen wohlthätigen Einfluß das Vertraun der Menschen über unser ganzes Sein verbreitet, das bemerken wir täglich, stündlich. Aus Gutmüthigkeit, um gefällig zu sein, in einem Augenblick, wo ein besonders guter Humor uns hinreißt, versprechen wir aber oft etwas, das uns nachher zu erfüllen schwer wird, und was nicht die Kleinigkeit ist, für die wir es ansahen. Dieses gebe uns die Warnung, nie auch das Geringste nicht zu versprechen, wovon wir nicht überzeugt sind, daß wir es halten können. Der Name: ein Mann von Wort, ist ein größerer, besserer Adelsbrief, als die Pergamentrollen vieler Edelleute, die nicht von Wort sind. Es ist eine goldne Regel: gieb nie dein Wort, wo du nicht die Erfüllung desselben schon in der Tasche hast!

Wen dir jemand etwas verspricht, wovon du überzeugt bist, daß er es nicht halten kann, so nimm das[114] Versprechen nicht an, weise es schonend zurück, um ihn nachher bei der Unmöglichkeit der Erfüllung nicht in Verlegenheit zu setzen; überzeugst du dich aber davon, daß er schon bei dem Versprechen die Absicht hatte, nicht erfüllen zu wollen, so ist es deine Pflicht, ihn sogleich öffentlich an den Pranger zu stellen, denn er täuschte dein gutmüthiges Vertraun auf Menschen, und du kannst dadurch andere, eben so gutmüthige Thoren, vor seinem Unwerth warnen, da es noch Zeit ist.

Man sagt wohl: aufgeschoben ist nicht aufgehoben, aber man muß, wenn nicht ganz besondere Gründe eintreten, nichts verschieben, vorzüglich aber keine Arbeit, welche zu thun, immer noch uns obliegt. Unangenehme, schwere Arbeiten verschiebt man wohl gern, aber sie werden immer unangenehmer, wir denken sie uns immer schwerer, je länger wir sie verschieben, es kommen andere Arbeiten dazwischen, sie bleiben immer länger liegen, dadurch entsteht denn Unordnung, Versäumniß, Verantwortung. Bei den mehresten Menschen, von denen es heißt, sie haben sich fest gearbeitet, sie könne sich nicht durcharbeiten, ist dieses Verschieben die wahre Schuld. Gehn wir frisch an das Werk, so sind die Eindrücke, mit denen wir die Arbeit als Arbeit betrachteten, schneller und glücklicher wieder gegeben; der Unmuth, mit dem wir an eine lange verschobene Arbeit gehn, ist nicht da, und wenn man sich daran gewöhnt hat, einer Mühe nach der andern, wie sie kommen, sich zu unterwinden, so kann der Fall der Verantwortlichkeit bei dem fleißigen Manne nicht leicht eintreten, eben so wenig wieder, daß er sich aus den Geschäften nicht herausarbeiten [115] kann, weil er noch zeitig genug es wahrnimmt, wenn er zu viel übernahm. Es ist doch nichts angenehmer, als sein Geschäftszimmer mit der Ueberzeugung zu verlassen, daß uns nun nichts mehr auf dem Nacken drückt. Wir gehen freudiger in Gesellschaft, nehmen mehreren Theil an allem, und kehren freudiger zu dem Berufsleben zurück. Man lasse daher auch keine Arbeit halb liegen, um an eine andere, die vielleicht gefälliger ist, zu gehn. Die halb liegen gelassene Arbeit ist dadurch schon halb verlassen; sie nachher fortzusetzen, ist doppelte Mühe, und selten gewinnt sie die Einheit, das lichtvoll-Leichte, was sie gehabt haben würde, wenn wir ununterbrochen dabei geblieben wären. Geschäftsmännern kann man es nicht oft genug wiederholen, daß das Abbrechen von einer Arbeit zuletzt – einen Faulenzer giebt! Eben so, wie man sich scheut, eine Arbeit vorzunehmen, welche man lange hatte liegen lassen, eben so scheut man sich, die bereits angefangene Arbeit wieder vorzunehmen, weil man von neuem sich hineinstudieren muß in die Ideen.

Auch im gewöhnlichen Leben verschiebe nichts. Es ist dieses Verschieben ein halbgebrochenes, dir selbst oder andern gegebenes Versprechen, und in dem Strom des Fortgehns der Lebenshändel kann aus dem kleinen Verschieben leicht ein nicht mehr nachzuholender Schaden entstehn. Der gegenwärtige Augenblick ist immer der glücklichste. – Viele Menschen verschieben gar gern das Briefschreiben, besonders das Antworten auf die ihnen geschriebenen Briefe. Außerdem, daß letzteres eine Unachtsamkeit, eine Unartigkeit von unserer Seite zeigt, [116] können wir durch dieses Verschieben auch viel versäumen, mindestens aber gewinnen wir dadurch den Anschein der Trägheit. Noch andere setzen gewöhnlich unter ihre Briefe, und wenn sie auch bogenlang sind, die Entschuldigung: »in Eil!« Sie wollen dadurch gewöhnlich eine große Geschäftigkeit affectiren, oder sich im voraus entschuldigen, wenn sie nicht auf Styl, Rechtschreibung und Deutlichkeit der Buchstaben Acht hatten, und bedenken dabei nicht, daß der ordentliche Mann, der seine Zeit einzutheilen weiß, zu nichts Eil haben muß, geschweige zu Abmachung eines Handels im Brief.

Man rühmt es an dem Menschen, wenn er verschwiegen ist, man vertraut ihm nichts an, wenn er plauderhaft ist, er ist unerträglich, wenn er ein Schwätzer, schwatzhaft ist. Verschwiegenheit wurde schon von den Alten so hochgeschätzt, daß z.B. Pythagoras sie zu einem besondern Studium machte, wovon das Schweigen an sich die Vorläuferin war, und dieser strenge Lehrer der Weltweisheit hatte sehr recht darin. Das zu verschweigen, was uns andere ausdrücklich unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut haben, wird unbedingt gefordert; es ist ein fremdes Gut, worüber wir nicht verfügen dürfen. Oft sind wohl andere so unverschämt, uns darum anzutreten, daß wir das uns anvertraute Geheimniß anderer auch ihnen mittheilen mögten, und wer sich dann mit unsrer nackten Antwort: es ist mir anvertraut! nicht begnügen will, gegen den haben wir ein Recht, derber zu reden; der vernünftige Mann billigt das von uns. Aber mehr Aufmerksamkeit von unserer Seite erfordert es noch, das zu verschweigen, [117] was uns nicht gerade ausdrücklich unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut wurde, wovon man aber in freundschaftlichem Vertraun voraussetzte, daß wir nicht weiter davon reden würden. Einen Mann, der diese Kunst versteht, dergleichen Dinge nicht weiter unter das Volk zu bringen, nennt man weltklug, und man schließt sich näher an ihn an. Um in dieser Uebung Fortschritte zu machen, müssen wir uns immer in die Stelle eines solchen, von dessen Handlungen, Erzählungen, Urtheilen, Meinungen, wir gegen einen Dritten zu reden im Begriff sind, setzen; wir müssen bei uns überlegen, ob er selbst gegen den Dritten wohl davon eben so reden würde, wie er gegen uns redete, und finden wir den geringsten Anstand, so müssen wir lieber schweigen. Eben so müssen wir auch über die geringsten Kleinigkeiten, welche das Geschäftsleben und dessen Gang betreffen, ein genaues Stillschweige beobachten; die Vorgesetzten vernehmen es mit großem Mißfallen wieder, wenn wir davon redeten und wir kennen den Mißbrauch nicht, welchen ein schlauer Zuhörer davon machen kann. Ueber die größten Kleinigkeiten zu schweigen, ist eine große Geschicklichkeit. Diese Regel ist besonders den angehenden, jungen Geschäftsmännern zu empfehlen, die gern, um zu zeigen, daß sie auch ein Rad in dem großen Uhrwerk sind, aus der Schule schwatzen. – Spricht ein Dritter von einer Sache, die wir besser kennen müssen, entgegengesetzt, so sollen wir schweigen und ihn reden lassen, wenn wir nicht eine ganz besondere Veranlassung dazu haben, ihm zu widerlegen; häufig ist es, da absichtlich das Entgegengesetzte um deswillen gesagt wurde, [118] um uns zum reden zu bestimmen, – denn der Mensch belehrt gern, und sehr oft zur Unzeit! – Unsere Verschwiegenheit muß nie gesucht sein; man will sich damit den Anstrich des Ueberwichtigen geben, und wird dadurch der Gesellschaft entfremdet; leicht müssen wir über das hinweg hüpfen, was wir verschweigen wollen, und der gebildete Gesellschafter bemerkt unsere Andeutung, schont und achtet sie; wir selbst aber, wenn wir einen Begriff von Anstand haben, wissen sehr wohl, was wir nothwendig zu verschweigen haben. Das eigne Gefühl und die Lebensklugheit, welche die beste Führerin durch das Leben ist, lehrt es uns.

Manchem ist das Ausfragen, das Aushorchen sehr zur Gewohnheit geworden. Meist wird es sehr plump angefangen, da es, aus gemeiner Neugierde entsprossen, nur Gegenstände betrifft, die flach da liegen, und wo die neugierigen Fragen nicht leicht bemäntelt wer den können. Kann man einem solchen Frager nicht ausweichen, so thut man am besten, ihm einmal mit einer recht derben Lüge zu antworten, wobei er einsehn muß, daß diese Lüge die Bitte enthalte, er möge doch schweigen. Aber weit mehr noch haben wir uns vor den schlauen Horchern zu hüten, die vielleicht ein Gespräch von dem Stande des Syrius mit uns anfangen, und es so geschickt fortzuführen wissen, daß sie doch zuletzt von uns erfahren, wie viel der und der auf die Domainenpacht mehr geboten habe, welcher Rath das Erkenntniß in der und der Sache zu machen habe, u.s.w. Eine Grundregel muß es uns daher sein, gesellschaftliche Unterhaltung von der Geschäftsunterhaltung [119] scharf zu unterscheiden, und gleich zu schweigen oder abzubrechen, sobald der Wechsel der Rede auf das Geschäftsleben überschweift. –

Es giebt Menschen, welche die von andern ihnen anvertrauten Geheimnisse sehr gut verschweigen, auch über das Geschäftsleben nicht ein Wort reden, wo es nicht hin gehört, und doch von sich selbst nicht schweigen können; die ihre kleinen Mängel, Schwächen und Thorheiten selbst verkünden, und die Posaunen des Uebelstandes in ihrem Hauswesen sind. Diese gutmüthige Offenherzigkeit sollte eigentlich Vertraun zu solchen Leuten erwecken, denn sie sind ohne Falsch, sie geben sich wie sie sind, aber sie schaden sich selbst bei andern dadurch sehr, denn der Dritte, da nun einmal die Welt argwöhnisch ist, glaubt ja nicht, daß das alles sei, was jener Offenherzige, meist ungefragt, von sich bekonnt; er ist fest überzeugt, daß noch weit etwas Schlimmeres dahinter stecken müsse, da man schon diese Schwachheiten als Kleinigkeiten ansehe und zur Schau trage, und den Lästerzungen wird Raum gegeben, sich über uns und unser Hauswesen herzumachen, was denn uns selbst nicht gleichgültig sei kann, und unsern Hausgenossen oft sehr empfindlich ist; denn selbst die musterhaft ordentlich Hausfrau mag es nicht dulden, wenn andere, ohne daß sie den Rechtfertigungs-Commentar dazu liefern konnte, einen Blick in ihre Wirthschaft thaten.

Auch giebt es wieder Menschen, welche ein Geheimniß drückt; sie sehn es ein, sie müßten es eigentlich verschweigen, aber es ist ihnen platterdings unmöglich; [120] sie können die Zeit nicht erwarten, wo sie es wieder von sich gegeben haben. Sie gehören zu den schwachgebornen Naturen, welchen es unmöglich wird, Manneskraft zu gewinnen; es sind die Siebenmonatskinder in der moralischen Welt. Solche Art Menschen thun am besten, wenn ihnen jemand etwas anvertrauen will, es sogleich abzulehnen, und aufrichtig zu bekennen, daß es ihnen nun einmal unmöglich sei, zu schweigen. Mit diesen, eigentlich drolligen Menschen, deren man viele findet, ist ein sonderbares Umgehn. Sie sind naiv, aber nicht consequent! Darin liegt das Ganze! –

Manche Menschen ringen darnach, sich zu dem Archiv zu machen, in welchem andere ihre Geheimnisse niederlegen; allerdings ehrt und erfreut uns auch das Vertraun, welches andere dadurch in uns setzen, aber wir müssen klüglich dahin sehen, so wenig als möglich uns mit Geheimnissen anderer zu beladen, denn wir laden dadurch die Last und die Verantwortlichkeit auf uns, welche der Verwahrer fremder Sachen hat. Ein Dritter macht uns vielleicht auch späterhin den Vorwurf, daß wir gegen ihn von der Sache hätten reden oder ihm einen Wink geben müssen, wir kommen wohl in den unschuldigen Verdacht, daß wir plauderten wenn der Verwahrer selbst es that; es streitet wohl gar mit unserer Bürgerpflicht länger zu schweigen, dieses Schweigen allein schon kann uns verdächtig, strafbar machen, wenn das Geheimniß, das wir unbefangen aufnahmen, schwarz in der Wahrheit sich entfaltet; mit einem Wort, es gehören die Geheimnisse anderer zu dem Einmischen [121] in fremde Händel, das uns gewöhnlich sehr übel belohnt wird.

Frauenzimmer sind in der Regel, in dem, was sie selbst betrifft, äußerst verschwiegen, da sie gern immer mehr darstellen wollen, als sie wirklich sind und also gern die Kompagnie lieben; auch in demjenigen, was ihnen ausdrücklich unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut worden, rechnen sie es sich als einen großen Triumph ihres Geschlechts an, streng verschwiegen zu sein; dagegen beobachten sie jenes kluge Schweigen über Dinge, die man wohl nicht gern verbreitet wissen mögte, bei welchen man aber auch nicht ausdrücklich ihnen die Zunge verbieten mag, ganz und gar nicht, und wenn eine üble Nachricht über jemand in das Publicum kommt, so sind in der Regel die Zungen der Frauen dabei beschäftigt gewesen.

Die schwatzhaften Menschen können uns leicht unerträglich werden. Sie haben sich daran gewöhnt, wie es scheint, täglich eine bestimmte Anzahl von Stunden der Zunge eine Bewegung zu machen; sie überfallen uns mit funfzig Fragen, ohne auf eine einzige die Antwort abzuwarten, oder sie beantworten sich solche auch wohl selbst, sie erzählen uns Dinge hinter einander am Schnürchen her, die wir gar nicht wissen mögen, kein Cicerone, kein Nomenclator ist in den Kleinigkeiten der Stadtkunde so bewandert, als sie, sie sind die Gefälligkeit selbst, sobald es ihnen weiter nichts kostet, als Zeit, und diese Menschen sind an sich zwar unschädlich; man muß sich aber wohl hüten, ihre fehlerhafte Gewöhnung, welche in Gesellschaft im allgemeinen oft so gar [122] den Anstrich des Angenehmen gewinnt, Raum zu geben, denn wo es darauf ankommt, einen Mann auszusuchen, der zu einem ernsthaften, Anstrengung erfordernden, anhaltenden, repräsentirenden Geschäft taugt, wird der Schwätzer nie zur Wahl gelassen werden.

Mehrere Schriftsteller behaupten, daß die Völker, welche unter einem anhaltenden politischen Druck stehen, die verschlossensten sind. Die Engländer sind ein Beweis des Gegentheils; denn bei großer politische Freiheit ist der Britte fast durchgängig stumm, und zwar nicht aus Trägheit, denn diese handelnde Nation hat das Seltne, daß sei dabei auch die geistreichste ist, und der schwere politische Druck, der schon seit 1789 auf Frankreich lastet, hat diesem Volk seine Schwatzhaftigkeit noch nicht nehmen können. Klima und Art der Nahrungsmittel mögen auf diese Nationalgewöhnung wohl mehr Einfluß haben. – Aus der Schwatzhaftigkeit entsteht Oberflächlichkeit, kindische Spielerei; aus dem characteristischen Schweigen Bizarrerie, Menschenfeindlichkeit. –

Mit manchen Menschen ist es unangenehm, umgehn zu müssen, oder in Geschäftsverbindungen zu stehn, welche uns nöthigen, oft mit ihnen unmittelbar zu thun zu haben, denn die Fliege an der Wand stört sie, wenn ein Hund bellt, fahren sie zusammen, wenn jemand die Tür zuwirft, mögten sie vergehen, wenn die Arbeit nicht recht fordern will, werden sie ungeduldig, wenn sie dabei gestört werden, oder neue Arbeit hinzukommt, stampfen sie mit den Füßen, und dergleichen alberne Ungezogenheiten mehr! Gewöhnlich entschuldigen sie dieses krickliche Wesen mir zu reizbaren Nerven oder Nervenschwäche. [123] Selbst wenn es aber auch das wäre, so kann man doch die Nerven sogar gewöhnen und verwöhnen. In der Regel aber sind solche Menschen verwöhnten Kindern gleich; sie haben sich in dem Hause, wo sie lange schon den eigensinnigen Tyrannen spielten, es angewöhnt, daß nichts in der gemächlichen Ruhe, welche ihr jedesmaliger Zustand fordert, sie stören soll, und diese Verwöhnung, welche die Umgebungen im Hause, wiewohl ungern, dulden müssen, tragen sie auf das Gesellschaftsleben über. Gelten sie nun hier etwas mehr, als andere, so können sie diesen das an sich schon mühselige Geschäft durch die Aufmerksamkeit, welche ihre geringe Person verlangt, durch die Ungebührlichkeiten, welche sie sich erlauben, recht erschweren. Sie haben verlernt, Herr über sich selbst zu sein; aber man bringe sie auf eine Zeitlang in der Welt in untergeordnete Verhältnisse, und sie werden, trotz der behaupteten Nervenschwäche, mindestens in der Welt, wieder erträglich. An einem Herrn vom Hofe, an dem Geheimschreiber eines Ministers, an dem Legationsrath, und bei allen denen, welche ihr Geschäft in großen Weltverkehr bringt, welche, wie z.B. der Handelsstand, von den Men schen unmittelbar ihren Erwerb ziehen, wird man jene üble Verwöhnung nicht wahrnehmen. – Hast du mit einem solchen Menschen aber zu thun, mußt du mit ihm zu thun haben, so gieb dem Krickler nicht zu viel nach; mag er darüber auch anfangs noch mehr krickeln, das thut nichts; allmählich gewöhnt er sich besser, denn er bekommt eine gewisse Furcht vor dir. Sein Haus aber vermeide so viel als möglich, denn in seinem Hause gewöhnt [124] er sich nicht so leicht daran, den kleinen Despoten abzulegen, und dieses wahrnehmen zu müssen, ist jedesmal drückend und unangenehm.

Billig rechnen wir auch die Laune, und alles, was von ihr ausfließt, zu den Gewöhnungen und Verwöhnungen, denn sie ist durchaus nicht ein Werk des Zufalls, wie diejenigen behaupten, die nicht Lust haben, an das große Geschäft zu gehen, die Laune unter die Herrschaft des Willens zu bringen.

Man entschuldige sich nicht damit, daß schweres Blut Kränklichkeit, Widerwärtigkeiten, eine üble Laune unvermeidbar machen; alle Weltweisen versichern euch, daß ihr noch nicht den ersten Schritt zu dem Zweck der wahren Lebensweisheit, Ruhe des Gemüths und Anmuth des Genusses, gethan habt, wenn ihr die Laune nicht zu einem freundlichen Diener und Begleiter auf dem Lebenswege euch erzoget. Daher sehen wir denn auch den wahrhaft großen Mann in allen Lagen sich gleich bleiben, oder wenigstens bald sein Selbst wiederfinden, und wir rechnen ihm das als eine gute Gabe Gottes an, was eine von ihm selbst ausgehende Errungenschaft ist. Man spricht viel über Laune, und man hat oft Recht, darüber zu klagen; aber oft sind auch die nächsten Umgebungen die Veranlassung, eine üble Laune zu erwecken.

Einen großen Antheil an unserer augenblicklichen Laune, wenn wir ihr den Zügel lassen wollen, besonders an der üblen Laune aller Art, hat der Magen. Er hängt unter dem Aether des Geistes, wie ein schwarzer, dampfender Kessel, der seine Dünste hinauftreibt, [125] und diesen reinen Aether länger und stärker trübt, je gröberer Stoff, den er zu verarbeiten hat, gröbere Dämpfe erzeugt. Daher sind viele Menschen nach der Mahlzeit, zumal wenn sie gleich darauf ein Schläfchen machten, während dessen die Dämpfe auf dem Spiegel des Geistes sich sammelten, nicht heiter, nicht ansprechend, unlustig zu dem Geschäft, sogar zu dem Vergnügen, und unbehaglicher noch sind sie um diese Zeit sich selbst und andern, wenn sie an sich schon mit dem Magen in beständigem Streit liegen. Gleich gewinnen sie eine üble Laune, welche, wenn sie nicht durch festen Willen, einen unerwarteten, starken Eindruck gestört wird, immer herrscht, immer fortschreitet, selbst die unschuldigste Freude trübe färbt, und gewöhnlich geht man denn, sich selbst zur Last, an dern aber unausstehlich, mit dieser Laune zu Bette; die kleinste Strafe davon ist, daß man am folgenden Morgen sich über sich selbst ärgert. Laß es dir daher, da der größte Theil der Menschen nach dem Mittagsessen einen Reiß zum Unwillen, eine Neigung zu ungestörter Trägheit hat, eine Klugheitsregel sein, um diese Zeit sie nicht zu behelligen, besonders nichts von ihnen zu begehren, was du nicht nothwendig gerade jetzt begehren mußt. – Aber, frägt der von dem Magendunst beherrschte Mensch, warum muß ich denn diese Unbehaglichkeit, welche sich über mein ganzes Wesen verbreitet, empfinden, wenn ich zuweilen schwere Kost genossen habe; warum ist diese Wahrnehmung nicht bei der geringern Klasse? – Die Antwort ist leicht. Nicht allein, daß die geringere Klasse an schwerere Kost gewöhnt ist, so hat sie auch nicht die Regsamkeit des Geistes, des Gemüths; mit[126] mehrerem Stumpfsinn begabt, stellt sich jenes aus dem Magen kommende Erzeugniß nicht äußerlich bemerkbar dar; nur die Leidenschaft bricht bei dem gemeinen Mann, aber auch heftiger, aus; bei dem feiner lebenden Mann wird die Folge der Unverdaulichkeit ein Spleen genannt, und oft den Umgebungen sehr unerträglich.

Die Krankheit selbst setzt oft eine fremde Gewalt über unsern Willen, und in solchem Zustande sind wir nicht wir selbst, und ringen vergebens, Herr unserer Laune zu werden. Das müssen die, welche um den Kranken sind, ruhig ertragen und nicht ungeduldig werden, oder den Zwang, den sie sich anthun, bemerkbar machen. Der Gesunde beurtheilt gar zu leicht den Kranken nach sich, und sehr bald wird der Kranke noch kränker, wenn er bemerken muß, daß seine Laune schwer falle, und sein bester Wille, sie abzuschütteln, vergebens mit der Krankheit ringt. Doch der nur Kränkelnde kann durch ernsten Willen, durch Zuredungen, die er sich selbst macht, durch leichte, angenehme Beschäftigung durch den Zwang, den er sich anfänglich anthut, mit dem Fröhlichen fröhlich zu sein, vieles dazu beitragen dem Einfluß des Körpers auf die Laune zu gebieten.

Ein großer Theil der Menschen aber ist launisch, wetterwendisch. Nicht allein, daß sie nicht einen Tag hindurch sind, wie den andern; nein, in jeder Stunde beinahe sind sie anders; – wir wissen nie, wie wir mit ihnen daran sind. Dieser Vorwurf trifft häufig das weibliche Geschlecht, und besonders diejenigen unter ihnen, welche wegen Schönheit, äußern Ranges, oder Verwöhnung schwacher Eltern oder Ehegatten glauben, [127] ihre kindische Willkührlichkeit mit in Gesellschaft bringen zu dürfen. Beleidigte Eitelkeit, und wie leicht ist diese bei solchen Wesen nicht zu beleidigen! ist in der Regel die Ursach, welche ihre heitere Laune oft so schnell mißgestaltet. Nun gebe man dieser Eitelkeit wieder Befriedigung, so sind sie eben so schnell wieder die liebenswürdigsten Geschöpfe von der Welt! – Oft bringen sie denn auch die grollende Laune mit in Gesellschaft, wenn sie noch nicht gelernt hatten, einen Wunsch, ein Vergnügen sich zu entsagen. Eben diese Worte mögen sich denn auch die eitlen, die verwöhnten Männer gesagt sein lassen, bei denen diese Ursach des Wechsels der Laune noch schneller bemerkt wird, und sie dem vernünftigen Manne in ihrer ganzen Erbärmlichkeit darstellt. Mit einem launischen, wetterwendischen Menschen hat niemand gern Umgang, denn er läßt befürchten, daß er jede Gesellschaft stört, und man weiß nicht, ob er in der nächsten Stunde gern daran Theil nehmen wird, wozu er in dieser Stunde sich bestimmte; er wird wie ein Kind betrachtet, das man nur ungern lange in der Gesellschaft der Erwachsenen duldet.

Auf die üble, dauernde Laune des Menschen hat allerdings seine äußere Lage einen großen Einfluß. – Wir trennten uns von dem Universitätsfreunde, dessen heitere Laune in allen kleinen Bedrängnissen des Jugendlebens immer dieselbe, glückliche, mit fortreißende Götterlaune war; wir schieden von einem Kriegesgefährten der bei dem Beginnen der Schlacht und im Lazareth eben so scherzte, als auf dem Wallsaal des Winterquartiers, und nach Jahren sehen wir die Verbürgerten im [128] Geschäftsleben, im Familienleben wieder; welche ganz andere Menschen sind sie geworden! Da drücken Nahrungssorgen, da spielt der Ehrgeitz seine Rolle, da ist Zwietracht in der Ehe, oder Eifersucht quält; an die Heiterkeit, an den Frohsinn, der in den Tagen der Vergangenheit sie belebte, denken sie, als an einen glücklichen Traum, zurück, und es hält schwer, ihnen nur noch ein fröhliches Lächeln abzugewinnen. Sie sind ein sprechender Beweis davon, daß gute Laune nicht einzig und allein ein Geschenk der Natur ist, welches mit einem glücklichen Temperament verbunden war, denn dessen Organisation an sich verändert sich mit den Jahren nicht. So gut es daher möglich, so oft es der Fall ist, daß der Mensch eine ihm eigenthümlich gewordene gute Laune verliert, eben so gut muß es ihm möglich sein, eine gute Laune zu gewinnen. Unter dieser guten Laune verstehn wir aber nicht jene Gesellschaftsgabe, wodurch wir Reitz in die Schwerfälligkeit des Gesellschaftstons dann bringen können, wenn es uns beliebt, jene Ausgelassenheit, welche sich über alle Verhältnisse, über allen Anstand hinwegsetzt, und durch Bajazzostreiche vergnügen will, jenes beständige Lachen, jene leichtsinnige Kurzweil mit den ernsthaftesten Sachen. All' dergleichen fällt in das Burleske, und wird behohnlächelt. Zu einer guten Laune, wenn sie uns wohlthätig und andern angenehm sein soll, gehört ganz etwas anderes. Sie ist ein Erzeugniß der Grazie, der Heiterkeit des Gemüths, und diese Heiterkeit können wir nicht anders dauernd gewinnen, als wenn wir mit uns selbst einig sind; die Aufmerksamkeit auf uns selbst nie vergessen, [129] und die Waffen kennen und in unserer Gewalt haben, wodurch wir alle störende Gemüthsbewegungen, von welchen weiterhin noch näher die Rede sein wird, am schnellsten und sichersten bekämpfen können. Ein gutes Bewußtsein und die beruhigende Ueberzeugung der Pflichterfüllung heben diese Heiterkeit des Gemüths immer mehr hervor, und wenn der Körper, dieser alte Feind des Willens, sein Recht behaupten, mit seiner Trägheit, Unbehaglichkeit, Schwerfälligkeit uns stören will, so müssen wir es als ein angenehm Spiel betrachten, ihn zu bekriegen; der Sieg kann bei festem Ernst uns nicht entgehn, vorausgesetzt, daß die Aufmerksamkeit auf uns selbst uns nie verläßt. Zieht nun der schwarze Schwarm der Sorgen heran, so müssen wie sie bei Lichte besehen, und da werden wir denn finden, daß die mehresten nur in der Einbildung beruhen. Aber auch das unwiderlegbar-Widerwärtige ist zu mildern, denn fast alles hat seine lächerliche Seite; diese müssen wir ihm abzugewinnen suchen, und will auch hier aller gute Wille nicht ausreichen, so tröste und die Ueberzeugung des Unvermeidbaren. Wir müssen und der Welt und ihre kleinen Krämerei nicht entziehen, wir müssen Theil daran zu nehmen suchen; alles ringt nach Frohsinn, wir werden durch den Strudel mit fortgerissen, und was uns erst Zwang war, wird Eigenthümlichkeit. »Werdet wie die Kinder,« sagt unser großer Lehrer, und in der That, unser Frohsinn gewinnt ungemein, wenn wir in die kleinen Spiele der Menge uns einzustimmen verstehn, und nicht mit dem finstern Ernst des Schulmeisters von dem erhöheten Sitze herabschaun. Diese gute Laune, welche[130] uns selbst sich dadurch bekundet, daß wir mit Leichtigkeit über uns selbst das vermögen, was wir wollen, daß das Leben in einem rosenfarbenen Lichte sich uns zeigt, daß wir fröhlich mit dem Fröhlichen sind, gern vom Geschäft zu der Muße, gern von den Genüssen der Muße zu dem Geschäft gehen, ist jedem Dritten angenehm; jeder schließt sich gern an uns an, da er hoffen darf, in seinem eignen Genuß nicht durch Gesellschaftsfehler von unsere Seite gestört zu werden, da wir das mitbringen und auf dem Gesicht tragen, was auch andern Genuß gewähren kann. Da diese Laune eine Folge der Seelenruhe, der Harmonie unsers ganzen Seins ist, so muß sie also auch gleichmäßig sein, mindestens kann sie nur durch große Ereignisse gestört werden, und auch dann nur auf kurze Zeit, bis wir schnell die Hülfstruppen wieder gesammelt haben. Diese Gleichmäßigkeit setzt uns in dem Vertraun unsrer Mitmenschen fest, denn sie wissen dadurch, was sie an uns haben, daß wir Herrn unsers Willens sind, und nicht characterlos handeln werden.

Die Grundlage dieser guten Laune und deren Zweck ist also: Fröhlichkeit uns selbst zu geben, und andern mitzutheilen. Ihre Abarten und Ausschweifungen können aber leicht uns Unannehmlichkeiten zuziehn, so angenehm ihr leichtes Spiel uns und andern ist; daher ist es Zeit, hier von diesen Abarten zu reden.

Der Scherz ist die Würze der guten Laune; er ist das, wodurch die Laune selbst sich darthut. Er hüllt die größte Kleinigkeit sowohl, als auch das Wichtigere in ein gefallendes Gewand, er weiß allem etwas Fröhliches zu geben, und er gefällt um so mehr, je[131] weniger er gesucht ist, je mehr er überrascht, je schneller er vorüber fliegt, er ist die wahre Lust des gesellschaftlichen Lebens. Beständig und über alles scherzen zu wollen, ist aber gesucht, ermüdend, langweilig; der Scherz muß nur der Ton in dem Gemälde sein. Auch giebt es Dinge, über welche der kleinste Scherz mißfällt. Dazu gehören Religion, das Staatssystem, die Persönlichkeit hoher Vorgesetzten, das wirkliche, verschuldete oder unverschuldete Unglück anderer, und überhaupt alles, was in seiner eigenthümlichen, oder durch allgemeine Uebereinkunft ihm angeeigneten Würde ernst da steht. Bei allem Scherz aber sei auch der Anstand unser steter Begleiter, und wir dürfen nicht jenen ungebildeten jungen Wüstlingen, welche oft die Tonangeber sind, folgen, und welche glauben, daß der Scherz eine kleine Unanständigkeit, ein lockeres Wortspiel, oder eine sonst ungeziemende Andringlichkeit, oder Vertraulichkeit entschuldige; was der Ernst nicht entschuldigt, darf durch den Scherz nicht gangbare Münze werden sollen. Eben so ist es mit dem Spaß. Er kann leichter noch beleidigend werden, als der Scherz, da er nicht die Allgemeinheit, das schnell Vorüberfliegende hat und den bestimmten Gegenstand bezielt. Mit einer Person in der Gesellschaft seinen Spaß zu treiben, ist oft sehr übel angebracht, denn viele Menschen verstehn entweder gar keinen Spaß, oder was uns als Spaß erscheint, ist ihnen schon völliger Ernst, besonders wenn sie nicht der Geistesgegenwart sind, uns erwiedern zu können. Daher kommt es so oft, daß der Spaß ein ernsthaftes Ende nimmt. Durch allerhand Späße die Aufmerksamkeit auf [132] einen zu richten, der sich nicht vertheidigen kann, oder glaubt, sich nicht vertheidigen zu dürfen, ist sehr übel angebracht. Man kränkt dadurch jenen, man erbittert ihn wohl sogar, andere schenken ihm ihr Mitleiden und tadeln mit Recht den Spaßmacher.

Der Witz, wenn er ein Ausfluß unserer fröhlichen Laune, unseres heiter aufgeregten Geistes ist, wenn er uns selbst überrascht und ungerufen kommt, gefällt sehr. Aber eben so ekelt er auch an, wenn er gesucht wird, wenn man nach den Aehnlichkeiten der Dinge hascht; darum muß man ihn nicht zum Studium, um seine Gesellschaftsgaben zu vermehren, machen. Ist er uns nicht angeboren, so mögen wir ja dieses Feld unbeackert liegen lassen. Wirklich witzige Köpfe aber, so ausnehmend sie gefallen, haben eben um deswillen sich wohl in Acht zu nehmen, daß sie der Zunge Fesseln anlegen. Sie wissen es, daß sie dadurch gefallen, und der witzige Einfall muß heraus, wenn sie auch sich davon überzeugt hielten, daß sie jemanden dadurch beleidigen. Doch diese Beleidigung ist um so empfindlicher, da sie in dem Augenblick auf gleich Art nicht erwiedert und gerächt werden kann, und der Beleidigte sucht andere Wege auf, daß der Witzling ihm für die Zukunft unschädlich werde. Der Witz sowohl, als die Satyre, welche Personen bezielen, sind leichter aufzufinden, und unsern Zuhörern eindringlicher, gefallender, als besonders die Satyre, welche allgemeine Gebrechen rügt; daher fallen die Pfeile des Witzes und der Satyre denn auch mehr über die Personen her. Nicht allein, daß der Beleidigte, durch die Ausfälle der scharfen Zunge Angegriffene sich zu rächen [133] suchen wird, sondern der Witzling, der Satyriker wird auch jedem andern furchtbar. Man setzt bei ihm voraus, daß er hämisch sei, man fürchtet von ihm auch, in der Eigenthümlichkeit aufgefunden und angegriffen zu werden; darin läßt sich aber niemand gern auffinden, man sucht ihn also unschädlich schon im voraus zu machen, und das Geringste, was man gegen ihn thut, ist, daß man ihm aus dem Wege geht. Sei daher mit deinen witzigen Einfällen und Ausfällen sparsam; die Unterhaltung, welche du dadurch andern gewährst, die Nahrung, welche du ihrem Geist, und öfter noch ihrer boshaften Schadenfreude mittheilst, das Vergnügen, welches du dir selbst dadurch bereitest, daß du, wenigstens für den Augenblick, und auch nur mir der Zunge, Herr über andere bist, wiegt den Schaden nicht auf, den du durch einen einzigen, zur Unzeit angebrachten witzigen Einfall, dir zuziehn kannst. Der Schaden der Satyre liegt noch näher; du erscheinst dadurch als ein Mensch der sich über andere erheben will, als ein unberufener Sittenprediger, und die will man nicht gern hören. Es ist auch übrigens gar kein besonderes Talent, die kleinen Gebrechen anderer aufzufinden, sie in ein drolliges Gewand zu hüllen und so zur Schau zu stellen. Hüte dich aber selbst; man sucht schon deine Fehler auf, und wird bald über dich herfallen; laß du jeden in Ruhe, ihn ungestört seinen Gang gehen, so läßt er dich wieder in Ruhe.

Der Mensch erträgt lieber eine weit härtere Beleidigung von dir, als wenn du ihn lächerlich machtest, und diesen Zweck erreichte deine kleine Bosheit und der [134] Mitgenuß der Schadenfreude anderer bei dem Witz über die Person, bei der Satyre; willst du also absichtlich die Zahl deiner Feinde mehren? – Wenn du meinst, er kann mir nichts helfen, – so kann er dir doch wohl schaden, denn auch er hat seinen Anhang. – Der Witz, der im Gespräch gefällt, ist oft nicht mehr Witz, wenn er in die Feder fließt; er wird da von dem Lesenden näher geprüft und steht nackt da, weil er nur im Vorüberfliegen, nicht näher geprüft, gefallen konnte; hüte dich also sehr vor dem Fehler so vieler, auch in deiner Schreibart witzig sein zu wollen.

Menschen, die einen höhern Grad von Geistesbildung besitzen, finden leicht ein besonderes Vergnügen an den Spielen des Witzes und der Satyre, und da sie die Gefahr kennen, welcher sie dadurch in der Welt ausgesetzt sind, so bilden sie unter einander Klubb's, in welchen man von der flachen Alltäglichkeit des Umgangs sich dadurch erholt, daß man die Schatzkammer der Bemerkungen und Erfahrungen öffnet, daß man der Zunge freien Lauf läßt. Man nimmt einander nichts übel, da die Waffen, sich zu vertheidigen, gleich sind, der Witz strömt, und die Satyre wird entfesselt. Solche engere Kreise sind allerdings sehr angenehm und an sich selbst unschädlich, übend, belehrend; man thut aber wohl, wenn man dergleichen Verbindungen und ihren Zweck nicht laut werden läßt, denn der gewöhnliche Mensch kann sich nicht davon überzeugen, daß in solcher Gesellschaft nicht gelästert werde, daß nicht auch seine liebwerthe Person an die Reihe komme, und er geht daher den Mitgliedern eines solchen Bundes gern aus dem Wege. Noch übler [135] aber ist es, wenn mehrere Mitglieder eines solchen Vereins die kurzen Andeutungen, die dort schon verständlich genug sind, in andere, der Sache unkundige Gesellschaften mitbringen; sie werden dadurch dem Ganzen unverständlich, man sucht darunter mehr, als die Sache werth ist, sie laden den Verdacht auf sich, unberufene Censoren, oder wohl gar Mystiker zu sein, mit denen jeder Dritte nicht gern viel zu thun hat.

Die angenehmsten Menschen in der Gesellschaft sind die drolligen Menschen. Sie machen keine Ansprüche für sich, ihre Laune schweift komisch genug über alles hin, sie fallen auf, ohne zu mißfallen, ihr ganzes Wesen, ihre Manieren haben den Anstrich des Arglosen, des Naiven, und da man sie für ganz unschuldig und unschädlich hält, dürfen sie sich manches erlauben, was ein anderer sich nicht erlauben mögte; sie gehören bald zu der Familie. Wer eine solche Laune zum Drolligen hat, wozu aber auch das anspruchslose Aeußere harmoniren muß, und eine gewisse Unabhängigkeit, mag sie immerhin cultiviren; er geht angenehm durch das Leben, die Menschen haben ihn gern. Wohl muß er sich aber davor hüten, sein drolliges Wesen mit zu ernsthaftem Geschäft zu bringen, und noch mehr davor, daß er nicht der privilegirte Spaßmacher oder wohl gar die anerkannte Zielscheibe der Gesellschaft werde. Es giebt nämlich leider viele Gesellschaften und Gesellschafter, welche eintönig sind, wenn eine Zielscheibe fehlt, und der anspruchslose Drollige, von dem alles in das Lachen fällt, was er thut, oder von sich und anderen erzählt, eignet sich gar leicht in den Augen anderer zu dieser Zielscheibe, und [136] bemerkt es oft zu spät, daß er es wirklich schon wurde; dann muß er freilich für den Augenblick in dem Ton bleiben, um nicht zu stören, er wird aber bald Gelegenheit finden, andern bemerkbar zu machen: bis hieher und nicht weiter! – Traue aber auch dem bekannten, drolligen Menschen nicht unbedingt, ehe du ihn nicht näher kennst, denn eben, weil man nicht besonders auf ihn Acht hat, kann er sich leichter, als jeder andere, einschleichen, und es wandeln viele Wölfe in Schaafskleidern unter den Drolligen umher.

Der Spott ist eine der übelsten Verwöhnungen, welche aus der guten Laune entstehen kann. Der Spötter würdigt allemal einen ernsthaften, andern wichtigen Gegenstand dadurch herab, daß er ihn wegwerfend betrachtet, oder in ein belachenswerthes Verhältniß stellt. Mag er nun doch auch andere Ansichten von der Sache haben, mag sie ihm nicht so wichtig, so bedeutend scheinen, warum braucht er das durch den Spott bemerkbar zu machen? Er nimmt jenen dadurch doch nicht ihren Glauben, sich selbst aber zieht er Haß zu, denn er wagte es, andere von ihren Wichtigkeiten herabziehn zu wollen. Spott über Personen selbst ist jedesmal tadelnswerth, denn durch den Spott wird auch der verdiente Tadel nicht gehoben, mindestens ist es sehr hart, wenn andere Wege offen stehn, durch die Erniedrigung des demüthigenden Spottes bessern zu wollen; oft wird der gute Zweck dadurch auch ganz verfehlt, indem die Strafe zu hart niederschlug, das Emporrichten also um so schwerer wird. Spott über Abwesende ist schlecht, denn der Bespottete kann sich nicht vertheidigen oder rechtfertigen;[137] Spott über Anwesende ist beleidigend für den Wirth und den Bespotteten, denn der Spott ist schon ein so hoher Grad der übel angebrachten Laune, daß der Bespottete, um dem Spötter gebührend zu begegnen, zu Waffen seine Zuflucht nehmen müßte, welche in gebildeter Gesellschaft zu gebrauchen, unerlaubt sind; er erzwingt daher ein Schweigen und räumt jenem, aber auch nur auf eine kurze Zeit, das Feld, denn alles wendet sich erst von dem Spötter, dann gegen ihn. Der Witzling, der Satyriker, findet noch wohl sein Publicum, aber niemals der Spötter; – ein deutlicher Beweis davon, wie allgemein gehässig der Spott ist. Der Witz und die Satyre haben noch das Gewand der muntern Laune, der mit fortreißenden Herrschaft des dominirenden Kopfes; der Spott aber legt sein hämisches, gefühlloses, selbstsüchtiges, wohlweises Wesen klar zu Tage.

Einer besondern Erwähnung verdienen hier die Religionsspötter. Es ist nichts leichter, als Meinungen anzugreifen und zu tadeln, eben weil es Meinungen sind, wo der Gegenbeweis uns nicht bündig geführt werden kann, und es ist nichts sicherer, wenn man darauf ausgeht, das letzte Wort behaupten zu wollen, als über Religion zu spotten, weil sie selbst sich nicht verteidigt, und von ihren wahren Verehrern nicht leicht einer zum lebhaften Vertheidiger in Gesellschaft sich aufwirft, theils da sie überhaupt kein Gegenstand des gewöhnlichen Gesellschaftsgesprächs ist, theils, da die Vertheidigungsgründe, welche aus dem Herzen und aus einer unnennbaren Ueberzeugung kommen, leicht durch Trugschlüsse und Seitenblicke des Spötters niedergeschlagen, [138] und auf eine, der hohen Sache unwürdige Art entstellt werden können, und endlich, weil eine gewisse bange, heilige Scheu jeden zurück hält, das, was Sache seines innersten Gemüths und Herzens ist, dem Spötter als Widerlegung vortragen zu sollen. Daher können denn dergleichen Spötter freilich ungestört in Gesellschaft ihr Wesen treiben; sie irren aber sehr, wenn sie glauben, dadurch als aufgeklärtere Menschen sich geltend gemacht zu haben, wenn alles um sie her schweigt. Der Schweigende denkt desto mehr, und hält sie mindestens, wenn er noch sehr schonend urtheilt, für unbesonnen; der wirklich Fromme, der Andächtige aber macht ein Kreuz im Stillen vor ihnen, und würde einen Mord ihnen eher verzeihen, als diese Spötterei, und der wirklich aufgeklärte Mann wendet sich auch im ganzen bürgerlichen Leben von ihnen, und kann kein Vertraun zu ihnen fassen, da er sich überzeugt halten muß, daß es mit ihrer Moral, mit ihrer Tugend eben so leicht aussieht, als mit ihrer Religion. – Ueber Region überhaupt spotten zu wollen, heißt so viel, als den Menschen zu sagen: stoßt mich aus eurer Gesellschaft aus, denn ich bin der nichtswürdigste Bube, den die Erde trägt. Religion ist die Grundsäule aller Tugend, aller Moral, das einzig sichere Band der Verbindung der Staaten, des Vertrauens auf Menschen und Menschenwerth, sie ist jedem Menschen, den nicht eine Tygerin an ihren Brüsten nährte, Bedürfniß; nicht menschlich angreifbar ist der, welcher Religion überhaupt bestreitet und ihrer nicht zu bedürfen glaubt; er gehört nicht zu einer Gesellschaft, welche auf Religion gegründet ist, durch sie allein einen Selbstwerth [139] bekommen mogte, und wird billig ausgestoßen. – Viele sagen, besonders seit die Umwälzungen in Frankreich auch den Glauben trafen, sie hätten eine natürlich Religion und bedürften einer besondern Glaubenslehre nicht. Diese sind nicht viel besser, als die Atheisten selbst, denn ihre Moralprinzipe drehen sich um den Egoismus und ändern sich, je nachdem dieser es für gut findet; sie sind schwankend und ungewiß und müssen es sein, da ihre Moral ohne Religion keinen sichern Anlehnungspunct hat. Es muß schon ein großer Grad von Geistesbildung, eine große Festigkeit in allen Tugenden, eine große Veredlung der Gefühle dazu gehören, mit dieser natürlichen Religion für sich selbst auskommen zu wollen; glaubt man das zu können, wohl, so bleibe man dabei, aber man spotte nicht über die Religionssatzungen, welche andere annehmen, deren sie bedürfen. Es ist unedel, strafwürdig, dem Menschen seine höchste Beruhigung, seinen letzten Trost nehmen zu wollen. Dir Vernunft-Religion kann, darf und wird nicht allgemein ausreichen; die Allgemeinheit der Menschen muß ein Idol haben. Wenn man nun alle Zweifel bekämpft hat, sich ruhig und glücklich fühlt in seinem Glauben, so drängt ein solcher unberufener Religionsspötter sich uns auf, und seine Worte, in unsere beruhigte Brust als Saamenkorn geworfen, fassen unbemerkbar Wurzel, und der Zweifel wuchert wieder auf. Ist es daher nicht unmenschlich von jenem Spötter, uns den Frieden unsers Herzens geraubt zu haben? – Eine andere Klasse von Religionsspöttern bekennt sich zu einem bestimmten Glauben, sie beobachten mindestens äußerlich die Form, aber [140] um so mehr Recht glauben sie zu haben, über diejenigen herfallen zu dürfen mit ihrem Spott, welche zu einem andern Glauben sich bekennen. Dieser Spott ist beinahe eben so unedel und strafwürdig, als der über die Religion überhaupt, denn er greift eben so empfindlich den Menschen in dem an, was ihm das Heiligste ist und sein muß, er stört eben so gut die Beruhigung, welche jenem sein Glaube giebt, und diese Art von Spott beweiset einen Mangel an Bildung, denn es führen viele Wege nach Rom, und wenn wir unsern Glauben für gut anerkennen, so folgt daraus noch nicht, daß er der allein seeligmachende sei. Der Spötter über die Religion überhaupt wird zurückgestoßen, aufgegeben; der Spötter über ein Glaubensbekenntniß, welches nicht das seinige ist, wird aber sogar verfolgt; das Göttliche wird als Vorwand genommen, der Verfolgung und den niedern Leidenschaften der Menschen ein Privilegium zu geben. Oft bereuet es denn der Spötter zu spät, daß er unberufen die Glaubenssatzungen eines andern angriff.

Wir warnen dich daher vor allem Spötteln über Religion und deren Gebräuche; es ist dies besonders der Jugend und dem falsch aufgeklärten Kopfe eigen. Jeder vernünftige Mann hält dich noch für unreif, für unerfahren in der Welt, und faßt daher auch im bürgerlichen Leben kein Vertraun zu dir. Schlimm genug für dich selbst, wenn du ein Freigeist bist, noch schlimmer, wenn du es äußerst. Auch für deine eigne Lebenspolitik rechnest du falsch, wenn du nicht schweigen kannst, nicht jeden in seinem Religionswesen lässest, wenn der [141] Unterschied des Glaubens bei dir einen Unterschied in der Behandlung des Menschen macht. Die Strafe deiner Unklugheit bleibt auch selten aus, denn z.B. der eifrige Katholik verfolgt dich im bürgerlichen Leben darum, daß du seine hohen Feste, seine bildlichen Darstellungen des Unnennbaren bespötteltest, und er kann diese Verfolgung bei seinem Gewissen verantworten. Schweigen, Achtung vor den Gebräuchen, Ruhe, wenn du in den Versammlungshäusern bist, beurkundet den gebildeten Mann, und gewinnt dir Liebe. – In neuern Zeiten sind die Christen mit den Juden in mehrere bürgerliche Verhältnisse getreten, letztere haben mehr bürgerlich Rechte gewonnen, der Geschäftsbetrieb zwischen Juden und Christen ist daher größer geworden. Streng aber hält der Jude noch an seinen uralten Religionsgebräuchen, und um so strenger, da sie das einzige Bindungsmittel dieses länderlosen Volkes sind, welches, durch die ganze Welt zerstreut, kein weltliches Oberhaupt hat. Zwar mögten wir wohl vieles von diesen veralteten, durch die Nothwendigkeit den physisch und moralisch verderbt gewesenen Söhnen Abrahams im Morgenlande gegebenen Formen und Religionsgebräuchen angreifen können, da der Zweck für jetzige Zeit unerfindlich ist; aber wir haben kein Recht dazu, und du bist ein unbefugter, dir selbst schadender Krittler, wenn du es thust; du bist einfältig und thörigt, wenn du den Hohn und Haß, welcher aus den frühern Christenverfolgungen entstand, noch jetzt auf diese Stämme übertragen willst. Auch der geringste Jude ist Mensch, wie du, es ist unmoralisch, um seines Glaubens willen, ihn herabsetzen zu wollen, es ist unpolitisch, [142] denn auch der Jude weiß zu verfolgen, wenn sein Glaube in seiner Person angegriffen wird, und da diesen Leuten das Band des Vaterlandes fehlt, so haben sie eine Kette der Beredung unter sich, so daß der größere, reichere, mit dir in irgend einer Beziehung stehende Jude wohl erfährt, was seinem ärmern Glaubensgenossen geschah, und zu seiner Zeit den gehörigen Gebrauch davon machen wird.

Dem Mann im Amt sowohl als dem Jüngling von Stande, der reichen Edelfrau sowohl als dem jungen Mädchen steht es wohl an, den Gottesdienst fleißig zu besuchen, und der Glaubensform sich nicht zu entziehen. In den Häusern des Herrn sind der Reiche und der Arme, der Hohe und der Niedere, der Aufgeklärte und der fromme Gläubige alle gleich, auch die einfachste, übel geordnete Kanzelrede hat etwas Erbauendes, etwas Belehrendes für dich, das Beispiel des Höheren ist ein gutes Beispiel für den Geringern, und der Geringere bekommt Achtung, Vertraun und Liebe zu dir, wenn du, wie er, zu der Verehrung des höchsten Wesens in den Versammlungen dich einfindest. – Früh auch gewöhne dich daran, nie ein lästerliches Wort, Betheurung, Verwünschung im Munde zu führen; es wird dies bald eine schwerabzustellende, tadelnswerthe Gewohnheit, welche dich als einen Menschen darstellt, der nicht die gehörige Achtsamkeit auf seine feinere Bildung wendet, und der Frömmler nimmt an diesen Worten ein Aergerniß.

Von dieser Abschweifung über die Religionsspötter kommen wir auf das Thema zurück.

Jene gute Laune, von der wir anfänglich als von[143] einem uns selbst gebildeten Kunstproduct redeten, welche nicht blos die Gabe der zufälligen Mischung der feineren Säfte, des sanguinisch-phlegmatischen Temperaments ist, – ohne jedoch den großen Einfluß der Temperamentsanlage auf Beförderung oder Störung dieser Laune in Abrede stellen zu wollen – verschafft uns auch durch Ueberlegung und Gewöhnung den nicht mit Golde zu bezahlenden leichten Sinn, welcher von Leichtsinn wohl zu unterscheiden ist. Während der stolz-bedächtig-schwere Narr mit seinem Storchschritt durch das Leben schreitet, geht der leichte Sinn hüpfend durch, spielt mit den Widerwärtigkeiten, beruhigt sich zuletzt mit dem Fatalismus, beäugelt und beriecht jede Blume am Wege, fährt nicht zusammen, wenn am Ende des Gesichtskreises ein schwarzes Wölkchen sich zeigt, das wohl ein Gewitter werden könnte, giebt jedem, der eines Weges mit ihm geht, die Hand und plaudert mit ihm, ärgert sich nicht, wenn andre bei ihm zu Pferde vorüberjagen, daß er nicht auch ein Pferd hat, und hebt sie freundlich auf, wenn er sie bald darauf findet, wo sie gestürzt waren, und sich einen Fuß zerbrachen, ohne daran zu denken, daß sie im Vorbeijagen ihn mit Koth besprützten. Soll dieser glückliche leichte Sinn dich durch das Leben begleiten, so sieh mehr unter dich als über dich, blicke mehr zurück, als mit einem Fernglas vorwärts, ringe nicht, sondern genieße, vertraue auf Gott und auf dich selbst mehr, als auf die Menschen, sieh das Weichbild deines Städtleins nicht für die Gränze der Welt, das Urtheil der Kaffee-Klubbs über dich nicht als ein Urtheil an; stört oder betrübt dich etwas, so ergehe [144] dich in dem Garten der Natur, arbeite, um lachen zu können, und lache, um arbeiten zu können; streiche das Wort »schwer« aus deinem Wörterbuch aus, gewöhne dich an nichts, um nichts entbehren zu müssen, und schließe an jedem Abend deine Rechnung mit Gott, mit dir und mit den Menschen schnell und kurz ab, als würdest du nie wieder erwachen; bist du krank, so tröste dich damit, daß ohne Krankheit die Gesundheit kein Gut wäre; hast du kein Geld, so bedenke, daß viele Völkerschaften nicht einen Heller haben, und daß du um so ruhiger schlafen kannst; will der Tod anklopfen, so sage zu ihm: ich danke dir, daß du mich hast so lange genießen lassen, und wenn du es sonst vermagst, so geh noch einmal an mir vorüber. – Es giebt aber Dinge, über welche auch der leichte Sinn sich nicht hinwegsetzen darf, Dinge, die in allen Umständen und Verhältnissen ernsthafte Dinge sind, und ernsthaft behandelt werden müssen; z.B. wahre Ehre oder Schande, guter Ruf, selbstverschuldete Armuth, Sicherstellung der Mittel für fernern, anständigen Lebensgenuß, Erhaltung des Besitzes, der Errungenschaft, Geld zu morgen früh und ein Nothpfennig für den Zufall, Achtung für den, dem Achtung gebührt, Schicklichkeitstact u.s.w. Wer auch diese Dinge nicht glaubt berücksichtigen zu müssen, ist leichtsinnig, und der Leichtsinnige wird nicht bemitleidet, wenn er fällt, selten findet sich jemand, dem es Ernst ist, ihn wieder aufrichten zu wollen, und das Zutraun, welches der leichte Sinn sich erhält, wird ihm nicht gewährt.

Von den dauernden Zuständen der finstern Laune,[145] der Schwermuth, dem Trübsinn u.s.w. werden wir späterhin schicklicher reden, und schließen wir diese Abhandlung über die Laune, deren Abarten und Ausschweifungen wieder mit dem Satz: der Mensch kann sich zu dem machen, zu dem er sich machen will. Bei den großen Vortheilen, welche eine feststehende gute Laune gewährt, bleibe also nicht auf dem halben Wege stehn, und schreibe das Schwankende, Wechselnde, Ausschweifende deiner Laune dem Temperament, oder den Umständen nicht zu; es ist die Herrschaft der Trägheit, der Schwachheit über deinen Willen, welche dich rückfällig macht, und dich, der du ein selbstständiges Wesen sein solltest, der Willkühr des Zufalls, dem ersten, besten Eindruck preis giebt.

Eine der übelsten Verwöhnungen, welche so ganz dazu geeignet ist, den Menschen zu peinigen, und an alle Lebensfreuden sich zu hängen, ihn in allem zu hemmen, ist die Furcht. Diese von sich abzuschütteln, muß ein jeder ringen, und er vermag es. Niemand sage, ich kann mir die Furcht nicht abgewöhnen, sie ist mir angeboren; wir erwiedern ihm unbedingt, daß eine angeborne Furcht nicht existirt. Zwar giebt es eine allgemeine Furchtsamkeit, welche sich über das ganze Wesen verbreitet und in alle Handlungen mischt; sie ist ein Erzeugniß des Gefühls der Schwäche, ein Mißtraun in sich selbst, in seine Kräfte, aber auch sie ist nicht angeboren, nicht unvertilgbar.

Wir können füglich alles, was zu der Furcht zu zählen ist, in die Furcht vor Menschen, in die Furcht vor Gefahren, in die Furcht vor Thieren, in die [146] Furcht vor uns selbst, und in die Furcht vor dem Tode, abtheilen.

Eine gewisse Furcht vor den Menschen zu haben, ist im allgemeinen gut, wenn wir in die Welt hinaustreten. Sie giebt uns Behutsamkeit und schützt vor dem übel angebrachten blinden Vertraun auf jeden Menschen. Es ist hart, es sagen zu müssen, aber es ist wahr, man muß jedem Menschen eher mißtrauen, als auf ihn vertrauen; selbst das Urtheil anderer über ihn darf uns nicht unbedingt zum Vertraun bestimmen, wir müssen selbst prüfen. Bei dem Egoismus, welcher die Handlungsweise fast aller Menschen bestimmt, betrachten sie uns als Mittel zu ihren Zwecken, und zwar nur so lange, als sie uns gebrauchen können, wenn wir ihnen blind vertraun; fürchte daher im Allgemeinen jeden Menschen, du kommst weiter damit, und die späterhin ohnfehlbar dich antretende Täuschung deines Vertrauens auf Menschen ist schmerzlicher, und hat üblere Folgen für dich, als wenn du von Anfang an mit einer Furcht vor ihnen unter ihnen auftratest. Diese allgemeine Furcht darf aber über die Gränzen der Behutsamkeit nicht hinausgehen, sie darf nicht in steten Argwohn gegen einen jeden, nicht in üble Deutung des unschuldigsten Dinges ausarten. Dadurch verbittert man sich den geselligen Umgang sehr, ist sich selbst bei den leichten, schwärmenden Freuden der Gesellschaft zur Last, und wird bald von andern geflohen. Unterscheide daher den Gesellschaftsmenschen von dem wirklichen Men schen, den du im bürgerlichen Lebensverhältniß zu behandeln hast; gegen erstern laß deine allgemeine Furcht etwas [147] mehr zurückweichen. – Noch weniger darf die Fur