Meine Lebenschicksale

[224] Es drängten sich gleich im Anfang der Eröffnung meiner Erziehungsanstalten Jünglinge an meine Seite, die, in diesem Zeitpunkte von meinen Zwecken und von meinen Bestrebungen wirklich eingenommen, nicht nur den besten Willen zeigten, mir in allem, worin sie konnten, zu dienen, sondern nach meinem Urtheil auch im Wesen meiner Zwecke mit mir gleich dachten, und wie ich es wenigstens von einigen glauben konnte, genugsame Bildung in alle dem, was zur Ausführung unsrer Pläne nothwendig war und mir mangelte, besaßen.

Diese Täuschung verdoppelte sich dann noch durch einen Umstand, der in seinen Folgen eben so verderblich auf mich wirkte. Ich bekam schnell viele, sehr viele Zöglinge und unglücklicherweise noch hundertmal mehr Lobredner. Dieses Lob und dieses Scheingedeihen kommt mir jetzt beinahe wie eine Zaubererscheinung vor. Wir lebten im Anfange in einem Taumel von Genuß, Freude, Ehre und Hoffnung, wie in einem Paradiese, und ahneten die Schlange nicht, die in allen Paradiesen der Erde dem eiteln, schwachen, verführbaren Menschengeschlecht Fallstricke legt und seinen Untergang bereitet. Das Scheinglück, das ich hatte, diente nur dazu, mich dahin zu bringen, die Einseitigkeit und Schwächen meiner Anlagen, die meine frühern, im benannten Schwanengesange schon berührten Unglücksfälle verursachten, nicht mit dem Ernst und der Demuth, die sie mir hätten einflößen sollen, zu Herzen zu nehmen. Es diente nur dazu, meine Traumsucht und Unvorsichtigkeit immer mehr in mir selbst zu verstärken und in meinem angehenden Alter abermal den Grund zum Mißlingen meiner Bestrebungen mit eben dem Leichtsinn und mit eben der Gedankenlosigkeit selbst zu legen, durch die ich mein und der Meinigen Unglück in meinen jüngern Jahren veranlaßt, und ich muß beinahe sagen, mit Haaren herbeigezogen habe.

Mein Haus, das den höchsten Grad der Regierungskraft und die solideste Begründung aller seiner Mittel erheischte, hatte bey der Richtung, die es jetzt so schnell nahm, keine Spur eines festen Bodens. Die Unbehaglichkeit, in die ich mich bey meiner Regierungsunfähigkeit versetzte, wurde noch dadurch verstärkt, daß ich meinen ersten Gehülfen in wissenschaftlicher und pädagogischer[224] Hinsicht Kenntnisse und Fertigkeiten und eine Festigkeit in der Anhänglichkeit an die Zwecke meiner Bestrebungen, in so fern sie die meinigen und an das Meinige gekettet waren, in einem Grad beymaß, der mit meiner Überschätzung jedes Guten und jedes Menschen, den ich liebte und den meine Idee zu ergreifen schien, vollkommen gleich war.

Mein Buch »Wie Gertrud ihre Kinder lehrt« und die ins Unglaubliche übertriebenen Urtheile, die ich über meine ersten Gehülfen in dieser Schrift aussprach, ist hiefür ein unwidersprechlicher Beweis. Sie drückt meine Irrthümer und übertriebenen Hoffnungen in Rücksicht auf das damalige Personale meines Hauses mit einer Bestimmtheit aus, die es überflüssig macht, weiter auch nur ein Wort davon zu sprechen. Mein ganzes Haus war in den nämlichen Taumel versunken. Die in dieser Epoche herausgekommenen Elementarbücher sind ein auffallender Beweis, wie sehr nicht nur ich selbst, sondern mein ganzes Haus in Rücksicht auf die Kenntnisse und Kräfte, die wir uns in unsrer Stellung zutrauten, gleich blind waren, und in welchem Grad unser fortdauerndes Scheinglück unsre diesfällige Täuschung von Jahr zu Jahr in uns selber steigerte.

Es wäre unbegreiflich, wie die Wirkung dieses Scheinglücks bei dem Zustand unsrer Schwächen und Irrthümer in dem Grad hätte Statt finden und uns in den Verirrungen so weit hätte gehen machen können, wenn der Volksunterricht in seinen Anfangspunkten um uns her nicht in allen seinen Fächern im höchsten Grad schlecht und selber hinter den Schwächen und Irrthümern, in denen wir uns befangen fanden, zurückgestanden wäre. Dadurch erklärt sich allein, daß die unbedeutenden, einseitigen und isolirten Verbesserungen, die wir in denselben anzubringen vermochten, den Grad der Aufmerksamkeit und Achtung haben erzeugen können, der uns in diesem Zeitpunkt so allgemein zu Theil ward.

Doch, wir waren, aber zu unserm Unglück, eine Modeerscheinung, und die Modeerscheinungen werden gewöhnlich erst dann geprüft und richtig beurtheilt, wenn sie nicht mehr Mode sind. Der Aushängeschild, durch den wir unsere Lobreden so lange Zeit um uns her zu erhalten vermochten, war durchaus kein Produkt meiner Eigenheit und meiner Persönlichkeit, an welches sich das Thun und Streben allgemein ernst und fest anzuschließen schien, aber in der Wahrheit sich nicht anschloß und nicht anschließen konnte.[225]

Selber die damals herausgegebenen Elementarbücher waren eigentlich nicht von mir und zum Theil mit meiner Eigenheit heterogen. Das Buch der Mütter trägt noch am meisten das Gepräge meiner damaligen Erziehungsansichten und zwar mehr in seiner Vorrede als in seiner Ausführung.

Ich fand mich in dieser Stellung seit dem ersten Augenblick meiner thätigen Einmischung in die Führung des Hauses im höchsten Grad unbehaglich, und mein ganzes Haus hatte mit mir allgemein das nämliche Schicksal. Alles, bis auf den niedersten Lehrling meiner Gehülfen, fühlte beinahe vom ersten Anfang an meine Unfähigkeit, das Haus zu regieren und in Übereinstimmung mit seinen Zwecken zu leiten. Aber sie waren in Rücksicht auf die Erkenntniß ihrer eigenen, diesfälligen Schwächen beinahe allgemein eben so blind, als sie sich in Rücksicht auf die meinigen bald sehr sehend bewiesen. Bald glaubte ein jeder von ihnen, er könnte mein Haus im ganzen Umfange seiner Ansprüche wenigstens besser regieren als ich, und der Gelust, dieses an meiner Statt oder wenigstens von mir unbeschränkt und nach eigenem Gutdünken thun zu können, griff in unsrer Mitte um so mehr Fuß, da wir nicht bloß von Ehre und Lob übersättigt waren, sondern uns auch noch das Geld gleichsam zum Dach hineinregnete. Unter diesen Umständen fürchtete sich auch der größte Schwächling in unserer Mitte vor den diesfälligen kühnsten Anmaßungen gar nicht. Es kam bald dahin, daß sich ein jeder, der mit mir am Tische saß, in den Kopf setzte, er dürfe auf das Fundament dieses allgemeinen Regierungsrechts in meinem Hause thun, was ihm für dasselbe das Beste schien; und ich für mich fühlte gar nicht, was dieser Grad von Wegwerfung meines väterlichen Ansehens bei dem Personale, das mich umgab, früher oder später nothwendig für Folgen haben mußte. Man drang mir indeß in diesem Zeitpunkt von allen Seiten die Kinder so viel als mit Gewalt auf, und machte mir im Anfang, damit ich sie nur annehme, beinahe keine Ansprüche ihrer Erziehung und ihres Unterrichts halber. Wir hatten in diesem Zeitpunkt 60 bis 80 Söhne oder nahe Verwandte der damaligen Regierungsglieder der helvetischen Republik, und die Ansprüche ihrer Eltern in Rücksicht auf ihren Unterricht waren so klein, daß ich bey allem Lob und Ehre, das mich umschwebte, außer einem französischen Lehrer, weder für eine todte noch für eine lebende Sprache einen Lehrer angestellt in meinem[226] Hause hatte; weder von Geschichte noch irgend einer andern Wissenschaft, außer der Geographie, war lange auch nur eine Rede, so wenig als von einem Musiklehrer, Tanzmeister, Fechtmeister etc.

Unter diesen Umständen hätte man denken sollen, ein jedes Kind würde eine solche Anstalt zur allgemeinen Zufriedenheit führen können. Und doch konnten wir es nicht, und in dieser Unbehaglichkeit, in der sich das Haus jetzt in Rücksicht auf mich und unter sich selber dießfalls befand, war es, daß die helvetische Regierung ihre Endschaft erreichte. Die Bernerische Regierung trat wieder an ihre Stelle; ich mußte den Sitz meiner Anstalt verlassen, und hatte unter der helvetischen Regierung in meiner gewohnten Gedankenlosigkeit keinen Schritt gethan, die mir von ihr zugesagten Vortheile für die Rechte und die Dauer meiner Stelle und meines Sitzes im Schlosse Burgdorf auf eine rechtskräftige Art sicher zu stellen, wie ich es hätte thun können, und die damalige Regierung es gern gethan hätte. Da die wieder eingetretene Bernerische Regierung mich fragen ließ: was für rechtförmliche Titel ich für die Art und Weise, wie ich in ihrem Schlosse sitze, aufzuweisen habe, hatte ich von allem dem, was ich unter diesen Umständen jetzt dringend bedurfte, gar nichts; worauf sie mir sagen ließ, ihr Herr Oberamtmann brauche meine Wohnung als Regierungssitz; mit dem wohlwollenden Beifügen, sie wolle mir aber ihr Kloster Buchsee zu einem anständigen und genugthuenden Aufenthalt für meine Anstalt auf ihre Kosten zurecht machen lassen. Sie that es auch auf der Stelle, und auf eine Weise, für die ich ihr unter den Umständen, in denen ich mich befand, aufrichtigen Dank schuldig bin.

Dieses Begegniß aber war jetzt eigentlich geeignet, meinen Gehülfen in der Verlegenheit, in welcher sie sich meiner Regierungsunfähigkeit halber in ihrem Verhältniß gegen mich befangen fühlten, einen ganz unerwarteten Ausweg zu zeigen. Die in einem hohen Grad bekannte Regierungsfähigkeit Hrn. von Fellenbergs, den ich damals als einen meiner ersten Freunde kannte und liebte, erregte in ihnen sogleich den Gedanken, er sey wie niemand in der Welt in der Lage, die Regierung meiner Unternehmung, der ich nicht vorzustehen im Stande sey, mit gesichertem Erfolge und unter den vorteilhaftesten Bedingnissen um so mehr zu übernehmen, da das meiner Anstalt angewiesene Local[227] sich beinahe an seiner Thüre befinde. Die Gesammtheit meiner Lehrer säumten auch keinen Augenblick, ohne mein Vorwissen ihm die Verlegenheit, in welcher sie sich wegen meiner gänzlichen Unfähigkeit, mein Hauswohl zu regieren, befanden, zu eröffnen, und ihm die Regierung desselben anzubieten. Das war auch sehr bald in Ordnung. Die Direction meiner Anstalt wurde zwar nicht ohne meine Einwilligung, aber zu meiner tiefsten Kränkung an ihn übergeben.

Aber der Traum von Glück, wohl regiert zu werden, verlor bei den ersten Personen, die diesen Regierungswechsel mit viel Gewandtheit betrieben, den Reiz ihres ursprünglichen Enthusiasmus gar bald. Meinen in und durch das Nichtregiertwerden an meiner Seite verwöhnten Umgebungen mißfiel jetzt das Regiertwerden sehr bald weit mehr, als ihnen das Nichtregiertsein unter meiner Regierungsunfähigkeit je mißfallen hatte. Es konnte nicht anders kommen. Die Organisation des Hauses und die Vereinigung des Personale meiner Lehrer mit und unter Herrn von Fellenberg war eine, in ihren Elementen eben so heterogene Zusammensetzung, als es diejenige des nämlichen Personale mit mir war. Es zeigten sich sogleich unter dieser Führung Schwierigkeiten, die man nicht ahnte, die aber sehr viel dazu beitrugen, daß die Lehrer meiner Anstalt den Wunsch einer neuen Abänderung ihrer Lage sehr bald entschieden und lebendig aussprachen. Es war indeß nicht daran zu denken, meine Anstalt von Hrn. von Fellenberg wieder unabhängend zu machen und in Buchsee durch mich regieren zu lassen. Sie mußte von da weg, um wieder an meine Seite gebracht werden zu können.

Bei den vielfachen Anerbietungen von Schlössern und Wohnungen, die mir, seitdem es bekannt war, daß ich Burgdorf verlassen müsse, unter sehr vorteilhaften und ehrenhaften Bedingnissen gemacht wurden, zeichnete sich die Stadt Iferten im Wunsche, daß ich mich in ihrer Mitte niederlassen möchte, vorzüglich aus, und ich theilte ihr in Antwort auf das Einladungsschreiben ihrer Municipalität die äußerst vorteilhaften Bedingnisse, welche von mehrern Städten hiesigen Kantons an mich gelangten und namentlich diejenigen von Peterlingen, mit, deren Municipalität mir die gänzliche Ausbauung ihres Schloßes völlig nach meinem Gutdünken, eine jährliche Pension von hundert Louisd'or, das Stadtbürgerrecht und noch mehrere andere Vortheile[228] anerbot, wenn ich meine Anstalt dahin verlegen werde. Die Municipalität von Iferten antwortete mir mit den bestimmten Worten: was jede andere Stadt mir diesfalls thun wolle, das könne und wolle sie auch thun, und ich glaubte ihrer Erklärung in ihrer ganzen Ausdehnung mit unbedingtem Vertrauen. Sie trat sogleich mit der Regierung des Schloßes halber, das ein Cantonaleigenthum war, in Unterhandlung, und diese verkaufte es ihr unter der ausdrücklichen Belästigung, mir den Besitz desselben für die Dauer meines Lebens zuzusichern, und es auf eine, meine Zwecke befriedigende Weise einzurichten und zu unterhalten.

Im gleichen Zeitpunkt äußerten sich einige, von mir sehr geschätzte Glieder der Cantonsregierung, sie würden meinen Aufenthalt in Iferten, wegen der Nähe von Lausanne, demjenigen in Peterlingen vorziehen. Auf dieses hin trat ich mit der Stadtbehörde von Iferten meiner Wohnung halber in Unterhandlung. Diese sicherte mir aufs bestimmteste zu, mir ihr Schloß lebenslänglich zu überlassen und dasselbe auf eine, meinem Unternehmen genugthuende Weise einzurichten und zu unterhalten. Ich ging mit einigen meiner Gehülfen nach Iferten, und gründete eine neue Anstalt; meine ursprünglich in Burgdorf gebildete aber, mit den übrigen meiner Lehrer ließ ich unter Herrn von Fellenberg's Leitung in Münchenbuchsee. Kaum war ich ein halbes Jahr in Iferten, so äußerten die in Buchsee zurückgebliebenen Lehrer ihren entschiedenen Vorsatz, von Buchsee wegzuziehen und sich an meinem nunmehrigen Aufenthaltsorte mit mir aufs neue zu verbinden.

Der Anfang meiner Wiedervereinigung mit ihnen schien alles Gute, das man hoffen konnte, zu versprechen. Das günstige Urtheil über den Erfolg unsrer elementarischen Versuche hatte öffentlich und allgemein Fuß gegriffen. Besonders trug die von so Herrn Schmid unternommene Umgestaltung unserer hochgelobten, aber in ihrem Wesen ungeistigen tabellarischen Rechenkünste in eine psychologisch tiefer greifende, elementarische Zahl- und Formenlehre sehr viel bei, den guten Ruf dieser neuen Anstalt in ihrem ersten Ursprunge zu begünstigen, und wurde immer mehr von Männern, die in diesem Zeitpunkt eine bedeutende Stimme hatten, als ein sehr kraftvolles Geist- und Kunstbildungsmittel zur naturgemäßen Entfaltung der menschlichen Anlagen anerkannt. Die Übungen in diesem Fache waren aber auch das einzige, was wir in diesem Zeitpunkt in unserer Mitte[229] cum studio et amore elementarisch betrieben. Es war, wie wenn die ursprünglich so großsprecherisch und weitgreifend ausgeposaunte Idee der Elementarbildung in Rücksicht ihres Einflusses auf alle andere Fächer der Menschenbildung in uns völlig verloren gegangen wäre. Das Haus hatte sich in seinem unelementarischen und unpsychologischen Hinstreben zur einseitigen und routinemäßigen Erlernung einiger wenigen, unzusammenhängenden, wissenschaftlichen Unterrichtsgegenstände durch seinen Aufenthalt in Buchsee von der ursprünglichen Tendenz unsrer Vereinigung noch mehr entfernt, als dieses vorher der Fall seyn konnte. Viele und sehr vorzügliche Glieder unserer Vereinigung liebten zwar den Ruhm dieses, für die ächte elementarische Bildung so wesentlichen und wichtigen, Unterrichtsfaches und waren von der Realität seiner Wirkung überzeugt, hatten aber bei dem schulgerechten Einfluß ihrer Routineerziehung allen Sinn für die Übungen, durch deren Erlernung es allein möglich ist, die Kraft ihrer Resultate sich selber eigen zu machen, so viel als in sich selber gänzlich verloren. Andere, zum Theil wissenschaftlich ungebildete und weniger geistige Glieder unserer Vereinigung verhärteten sich, ohne von Schmid's Vorschritten Notiz zu nehmen, in den mechanischen Einübungen der Tabellen, von denen unsre ersten, diesfälligen Versuche ausgingen.

Mit der Heterogenität unsers diesfälligen Personale vereinigte sich die Heterogenität der Bedürfnisse und Ansprüche unsrer Zöglinge, deren Eltern, ohne genugsame Rücksicht weder auf solide Kenntnisse, noch auf die Eigenthümlichkeit unsres Versuchs, den ganzen Umfang unsrer Unterrichtsmittel elementarisch zu begründen, nunmehr allgemein forderten, daß ihre Kinder bei uns in den wissenschaftlichen Kenntnissen eben so frühe und eben so weit geführt werden, als dieses in Anstalten, die im Routinegang oberflächlicher Fundamente die elementarische Führung der Zöglinge nicht beachteten, der Fall war. Auf der einen Seite war unser Personale, wie es wirklich an meiner Seite dastand, nicht fähig, diesen neuen, plötzlich wie aus den Wolken herabfallenden Forderungen, die sich auf die verschiedenste und oft auf eine bizarre Weise aussprachen, ein Genüge zu leisten; auf der andern aber warfen einige unsrer Mitglieder, stolz auf den zwar nur einseitigen Erfolg des einzigen, elementarisch bearbeiteten Unterrichtsfaches, eine eigentlich ungebührliche Verachtung auf die[230] Routinemittel der wissenschaftlichen Bildung, deren Unnatur sie mehr und minder richtig erkannten und fühlten; indeß einige der wissenschaftlich gebildeten Glieder des Hauses die Anmaßungen des schulgerechten Reitens auf dem neuen Pferde unserer so geheißenen Elementarmethode mit eben dieser Verachtung von der Hand wiesen und behandelten.

Die Heterogenität der Glieder unsers Hauses, die sich schon in Burgdorf lebendig aussprach, und im Gefühl des Bedürfnisses einer festen Regierungskraft meine Unternehmung schon damals gleichsam in vögtliche Hände legte, war von einer Natur, daß sie das drückende Gefühl meiner Regierungsunfähigkeit nach unserer Rückkunft von Buchsee nach Iferten nicht nur wieder erneuern, sondern in einem weit grellern Licht rege machen mußte. Die Folge davon war unausweichlich, daß die Kraft, einerseits den zu befürchtenden bösen Folgen unserer Heterogenität, anderseits den sich widersprechenden Ansichten unsrer Glieder über die Natur der Elementarbildung und ihres Zusammenhangs mit der wissenschaftlichen Kultur unserer Zeit mit Erfolg entgegen zu wirken, in uns selbst erlahmte.

So wenig hatte sich das Gefühl meiner diesfälligen Ohnmacht durch die Versetzung meiner Anstalt von Buchsee nach Iferten im Innern meiner Lehrer gemindert. Aber das Übergewicht der Gründe, die sie vermochten, sich zur Führung des Instituts wieder mit mir zu vereinigen, hatte zur Folge, daß im Anfange fast niemand das Unbehagliche dieser sich wieder erneuerten Gefühle grell zum Vorschein kommen ließ; sondern jedermann seine Erscheinung mit Sorgfalt und sogar mit einiger Kunst zu verbergen suchte. Aber es weiß jedermann, daß die Mühe und die Kunst, die sich Menschen, welche, wie wir, zu einem wichtigen Zweck verbunden sind, geben, um die innerste Stimmung ihres Herzens gegen einander zu verbergen und die äußere Erscheinung derselben in sich selbst zu unterdrücken, geeignet ist, allen Gradsinn, alle Offenheit, alles Vertrauen, alle Anmuth, kurz alle innern Fundamente eines gesegneten Zusammenhangs unter sich zu untergraben, zu schwächen und allmälig sogar die völlige Auflösung des Wesens ihrer Vereinigungen herbeizuführen.

Je größer, wichtiger und heiliger die Zwecke solcher Verbindungen sind, desto größer, trauriger und bedenklicher sind dann auch die unausweichlichen Folgen einer solchen innerlich belebten[231] und äußerlich verborgenen Mißstimmung der Glieder einer solchen Vereinigung. Zu dieser, an sich selbst höchst schwierigen, unnatürlichen Lage, deren Ursachen in uns selbst lagen, gesellte sich ein neuer, beinahe in einem noch höhern Grad unnatürlicher Umstand, nämlich derjenige der Versetzung eines Versuchs einer elementarischen Erziehung von deutschem auf französischen Boden. Im Anfang unsers Hieherkommens waren unsre Zöglinge fast insgesammt nur Deutsche; jetzt aber kam sehr bald eine fast eben so große Anzahl französischer Zöglinge hinzu. Die meisten Deutschen wurden jetzt ohne bedeutende Rücksicht auf elementarische oder unelementarische Erziehung uns übergeben, um in einem deutschen Hause französisch zu lernen, und das war eigentlich das, was wir am wenigsten gut konnten. Eben so thaten es die meisten der französischen Eltern, die uns ihre Kinder übergaben, ohne Rücksicht auf elementarische oder unelementarische Erziehung, um sie in unserm deutschen Hause deutsch lernen zu lassen: und wir standen in der Mitte dieser beiden Ansprüche gleich unfähig, sie genugthuend zu befriedigen, da. Indeß waren diejenigen Personen, die uns von beiden Seiten ihre Kinder anvertrauten, so wenig bei sich selbst klar, was sie eigentlich in der Wahrheit bei uns suchten und wollten, als wir auch über den Grad unsrer Unfähigkeit, sowohl die einen als die andern in dem, was sie eigentlich von uns wünschten, zu befriedigen, in uns selbst heiter dachten. Aber da es nun einmal auf deutschem und französischem Boden Mode war, uns Kinder von allen Seiten zuzuschicken, so ging es eine beträchtliche Zeit in Rücksicht auf Geldressourcen und ehrenhaftes Lobgeschwätz forthin seinen alten Schein-, und Trug- und Glanzweg.

Dieser unter den obwaltenden, innern Gebrechen und Schwächen des Hauses unnatürliche und schnelle Anwuchs desselben mit Zöglingen, verbunden mit einzelnen, sich widersprechenden und unsere Kräfte und Mittel übertreffenden, wissenschaftlichen Forderungen, die auf der einen Seite von dießfalls deutsch, und auf der andern von dießfalls französisch gemodelten Ansprüchen auf wissenschaftliche Bildung hervorgingen, theilte unser Haus in Rücksicht auf die Unterrichtsfächer der Sprache halber gleichsam in zwei von einander ganz getrennte Erziehungshäuser, welches den soliden Vorschritten unsrer Zwecke um so nachtheiliger war, da die Glieder unsrer Vereinigung schon im Anfange ihrer[232] Rückkunft von Buchsee bestimmt in zwei Theile getheilt waren, wovon die einen die Zahl- und Formlehre als eine Nebensache, aber freilich als eine brauchbare Nebensache der wissenschaftlichen Bildung, die sie schätzten, ansahen, indeß die andern, eben so unreif in ihren Ansichten, durch die Idee der Elementarbildung, so wie sie isolirt in unsrer Mitte dastand, die wissenschaftliche Bildung so viel als überflüssig in die Augen fallen zu machen suchten.

Je mehr wir in dieser träumerischen Verirrung unserer selbst nicht thaten, was wir sollten, glaubten wir in eben dem Grade zu können, was wir nicht konnten, und da wir bei sieben Lasten, die wir uns auflegten, noch nicht fühlten, wie sehr wir überladen waren, glaubten wir nicht nur, uns die achte auch noch aufladen zu dürfen, sondern uns noch dadurch das Tragen der sieben andern zu erleichtern, und errichteten in der nämlichen Epoche noch eine aus deutschen und französischen Zöglingen bestehende Töchteranstalt. So wirkten der unverdiente Ruhm und das Scheinglück, das auch bei unsrer Ankunft in Iferten uns anlächelte, dahin, unser Haus bald mit den heterogensten Elementen und einer Mischung von den widersprechendsten Eigenheiten und Originalbizarrerien zu füllen, deren natürliche Resultate uns sämmtlich im Innersten unsrer Gefühle und unsrer Ansprachen von einander trennten und gegen einander innerlich in die belebtesten Widersprüche unter uns selbst hinführten, mitten indem unsre Bestrebungen äußerlich noch allgemein in Edelmuth und Liebe zusammenhängend erschienen. Aber das Blendwerk der Maßregeln, den schon damals grellen Zustand unsrer diesfälligen Verirrungen zu verbergen, und den Zustand des Hauses als in Harmonie in sich selbst, und für die ursprünglichen Zwecke unserer Bestrebungen in Wahrheit, Liebe und Treue vereinigt in die Augen fallen zu machen, konnte nicht lange mehr dauern.

Unser Zustand war auf Sand gebaut. Der Geist unsrer ursprünglichen Vereinigung war in seinem Wesen schon damals von uns gewichen. Unsre besten Kräfte waren allgemein einseitig, beschränkt und sich im Wesen lebendig und sehr grell widersprechend. Mein einfacher, aber von Gelehrsamkeit und Kunstfertigkeit entblößter Natursinn gefiel zwar auf eine Art noch allgemein, aber er befriedigte auf keinem Punkt – und konnte es nicht. Ich war selber in Rücksicht auf den einzigen Punkt unsres Unterrichts, in welchem die Eigenheit meiner Ansichten und Grundsätze[233] durch die Kunstmittel der vereinfachten Zahl- und Formlehre unterstützt und elementarisch ausgeführt war, der ungewandteste und ungeschickteste aller Schüler. Ich konnte weder rechnen, noch zählen, noch messen. Das Gefühl des hohen Bedürfnisses der Vereinfachung von diesem allem lag nur wie eine innere, zwar sehr belebte Ahnung, aber auch durchaus ohne alle Spur irgend einer praktischen Kraft für die Bearbeitung dieser Elementarmittel in mir. Eben so sehr war ich in Rücksicht auf alle andern Unterrichts- und Bildungsfächer praktisch ungewandt und so viel als unbrauchbar. Jedes wissenschaftlich, wenn auch noch so wenig gebildete Mitglied glaubte, und zwar mit Recht, es verstehe sein Unterrichtsfach und ich keines. Mein geistiger und wissenschaftlicher Einfluß auf das Haus war jetzt ein gänzliches und vollkommen auffallendes Nichts. Er sprach keinen Menschen an, noch viel weniger befriedigte er irgend jemand. Er konnte es nicht, er war mit dem ganzen Thun meiner Umgebungen im Widerspruche und für dieselben so unpassend als ein Regentag zur Minderung der Masse des Wassers, wovon die Erde schon voll ist.

Ich muß die Kraft, die uns in diesem bösen Zustand noch allein zusammen zu halten fähig schien, von ihrem Ursprung aus ins Auge fassen. Schon in Burgdorf, im Anfange der keimenden, bösen Folgen unsrer unnatürlichen Vereinigung, kam von den Tyrolerbergen ein Knabe zu uns, der von allen Folgen der Verkünstelung unsrer Zeitkultur auch nicht eine Spur in sich selbst trug, aber innerlich von einer stillen Naturkraft begabt war, deren weitführende Tiefe in unsrer Mitte niemand ahnete. Auch ich selbst nicht. Aber unerklärliche Gefühle zogen mich vom Augenblick seiner Erscheinung in unserm Kreise an ihn hin, wie ich mich noch nie an irgend einen Zögling hingezogen fühlte. – Sein Leben war vom ersten Augenblick an stille, auffallende Thatkraft, in sich selbst geschlossen, nach katholischer Weise im höchsten Grad religiös, in der Religiosität einfach und kraftvoll, nach allem strebend, was er für sich zu können und zu wissen nothwendig erachtete. Er überflügelte in den Übungen der elementarischen Bildungsmittel der Geistes- und Kunstkraft bald alle seine Lehrer und ward in diesen Übungen bald Lehrer derer, die ihn vor weniger Zeit als das ungebildetste Kind, das je in unsre Anstalt getreten, ins Auge gefaßt. Dieser Sohn der Natur, der[234] noch heute der Zeitkunst nichts dankt und nach allem, was er geleistet, den äußerlichen Formen jeder wissenschaftlichen Kultur beinahe so fremd ist als in der Stunde, da er von den Bergen herab, mit seinem Ave Maria im Munde und mit dem Rosenkranz im Sack, aber mit Kraft im Kopfe, mit Ruhe im Herzen und mit freiem Muth in jedem Streben, in unsre Mitte trat, erregte durch sein ganzes Benehmen in unsrer Mitte ganz außerordentliche Erwartung und belebte auf meiner Seite die Anhänglichkeit, die mich beinahe in der ersten Stunde an ihn hinzog, in einem gleich hohen Grade. Indeß wurde der Gang der stillen, gemüthlichen Entfaltung seiner Kraft durch die Umstände unsers Hauses bald sehr getrübt.

Seine, den frühern Zustand unsers mechanischen Rechnen- und Maßverhältnisses weit übertreffende Zahl- und Formlehre ward im Anfang in unsrer Mitte allgemein mit Erstaunen, Lob und Liebe aufgenommen und benutzt. Aber von den ältern Lehrern, die zum Theil an der Bearbeitung der elementarischen Tabellen selber Theil genommen, suchten wenige oder so viel als keine, am persönlichen Eindringen in den Geist dieser Vorschritte, die Schmid in seiner Zahl- und Formlehre darlegte, Theil zu nehmen. Viele von ihnen lobten und benutzten diesfalls nur, was sie nicht selber lernten, und nicht selber konnten, hingegen einige kraftvolle und sehr gebildete Männer des Auslandes arbeiteten sich mit großem Eifer in die Erlernung und Einübung der Vorschritte in diesem elementarischen Fache ein. Auch die bessern unsrer Zöglinge selber fühlten die Vorzüge dieser Übungen vor denjenigen, die in den Tabellen der Elementarbücher sich finden und aus ihnen hervorgingen, sehr bald. Diese wurden allmälig von ihnen beiseit gelegt, und sie machten von der Zahl- und Formlehre Schmid's einen belebten und folgereichen Gebrauch, der nicht anders als dahin wirken konnte, den Werth unsrer alten Tabellen in unsrer Mitte in Schatten zu setzen.

Das mißfiel den alten Beförderern und so viel als Erfindern der gepriesenen Tabellen. Einige von ihnen lenkten also natürlich dahin, den Enthusiasmus unsrer Zöglinge für die Schmidischen Übungen, so viel sie konnten, zu mindern, und den Glauben an ihre alten Tabellen in Ehren zu halten oder wenigstens mit dem Glauben an die neuen Formen in ein anständiges Gleichgewicht zu bringen. Man that dafür, was man konnte. Man stellte die[235] Schmidischen Übungen als gute, neben den alten, ursprünglichen Fundamentalübungen brauchbare Übungen dar, die aber den ersten untergeordnet und von ihnen nicht abhängend betrieben werden dürfen. Da aber dieses nicht ging, erregte es sichtbaren Unmuth. Man fing an, den Vorschritten des Instituts nach den Schmidischen Ansichten wirkliche Hindernisse in den Weg zu legen und nicht nur das Weittreiben dieser Übungen als überflüssig und zu nichts führend, sondern sogar als schädliche Verkünstlungsmaßregeln zu erklären, die dem ursprünglich einfachen Geist der Pestalozzischen Methode nicht nur keine wahren Vortheile zu bringen geeignet seyen, sondern ihm im Gegentheil wesentliche, große Nachtheile zu bringen drohen.

Diese Gegenwirkung gegen Schmid war indeß umsonst. Er überflügelte durch seine Realkraft und unabläßliche Thätigkeit den Einfluß eines jeden Andern im Hause, und gewann auch in den äußern Verhältnissen desselben immer höhere Achtung und gegründetern Einfluß. Ich, durch die Wahrheit alles dessen, was ich vor Augen sah, für Schmid immer mehr eingenommen, und von den Segensfolgen, die das Übergewicht seines Einflusses auf meine Bestrebungen haben konnte, überzeugt, zeigte meine Vorliebe für ihn vielleicht etwas zu frühe und zu unvorsichtig und verbarg nicht, daß ich die Kraft dieses noch so jungen Zöglings als die erste Stütze meines Hauses ansehe und ihm in dieser Rücksicht einen überwiegenden Einfluß auf alles, was für mich durch ihn geschehen müsse, zu geben geneigt sey. Das mißfiel aber jetzt in einem sehr hohen Grad. Indeß wurde in diesem Zeitpunkt, mitten in der Verwirrung und im Widerstand, der gegen ihn Statt fand, von ihm in verschiedenen Rücksichten in meinem Hause beinahe das Unglaubliche geleistet. Viele, sehr viele Personen gingen in demselben in Rücksicht auf das, was er persönlich leistete, mitten im Widerwillen gegen den allgemeinen Zustand des Hauses, mit Bewunderung aus demselben heraus. Aber die Wirkung des Einflusses dieses jungen Menschen war zu ohnmächtig, um den Keimen des Verderbens und des Zwiespaltes in unsrer Mitte mit Erfolg entgegenzuwirken.

Je entscheidender sein Einfluß auf der einen Seite war und als vorzüglich wichtig angesehen wurde, desto entscheidender war auf der andern Seite die belebteste Entgegenwirkung gegen denselben im Hause. Die Rückkunft der Anstalt von Buchsee nach[236] Iferten war unter diesen Umständen nichts anderes, als die Rückkehr in eine, in ihrem Wesen schon untergrabene, bloße äußre Abwechslung des Locals unsrer Anstalt, die die Keime ihres innern Verderbens schon in der Ungleichheit und im Widerspruche der Neigungen, Gesinnungen, Kräfte und Ansprüche ihrer Glieder in sich selbst trug; obgleich diese Entzweiung sich noch nichts weniger als allgemein frei und grell aussprach. Viele Glieder waren indessen damals noch ernstlich für den Frieden des Hauses und die wahre Vereinigung unsrer Gesinnungen belebt, und auch diejenigen, die es weniger waren, zeigten in ihren Widersprüchen noch einen Grad von Mäßigung, die die spätern Folgen unsrer Mißstimmung und den hohen Grad des innern Verderbens, das auf uns wartete, noch nicht einmal ahnen ließ. Doch die Keime unsers Verderbens waren gelegt und hatten, wenn auch vielseitig noch unsichtbar, tief gewurzelt. Von der Reinheit, Einfachheit und Unschuld unsrer ersten Bestrebungen durch Zeitverführung und Scheinglück im Innersten unserer Gefühle abgelenkt, unter uns selbst in unsrem Innersten getrennt und durch die Heterogenität unsrer Eigenheiten so viel als zum voraus unfähig gemacht, jemals im Geist und in der Wahrheit für unsre Zwecke ein Herz und eine Seele zu werden, standen wir äußerlich vereinigt und zwar in Rücksicht auf die innere Wahrheit der Neigung zu dieser Vereinigung uns selbst täuschend, neben einander, und wandelten unglücklicherweise, und zwar jeder einzelne nach seiner Art, mit festen und zum Theil gewaltsamen Schritten auf einer Bahn, die uns, ohne daß wir uns dessen eigentlich bewußt waren, mit jedem Tag mehr von der Fähigkeit, jemals für unsre Zwecke in Einfachheit, Wahrheit und Unschuld wirklich einig zu werden, entfernten.

Schon im Anfange unserer Vereinigung in Burgdorf trat ein junger Geistlicher von einer überwiegenden Bildung, voll Feuer und Kraft und stillem, aber innerlich gewaltsamem Streben in unsere Mitte, beobachtete in sich selbst geschlossen den Gang unserer Bestrebungen, schien aber im ersten Zeitpunkt seines Daseyns nichts weniger als einen überwiegenden Einfluß auf die allgemeine und praktische Leitung unserer Angelegenheiten zu suchen; im Gegentheil, sein ganzes Benehmen zeigte anfänglich sehr klar, daß er durch freies, eigenes, selbstständiges Nachdenken den psychologischen Fundamenten der Grundsätze und des[237] Wesens der Idee der Elementarbildung ernster, allgemeiner und tiefer als irgend jemand in unserer Mitte nachforschte. Dadurch kam er auch sehr bald dahin, durch sich selbst ein eigenes System von der Idee der Elementarbildung in sich selbst zu bilden, das zwar freilich sich durchaus durch keine Grundlage praktischer Erfahrungen genugsam zu innerer Reife und äußerer Anwendbarkeit gestaltete, aber ihn selbst träumerisch von der Unfehlbarkeit und Ausführbarkeit desselben so weit begeisterte, daß er so viel als auf einmal und plötzlich anfing, mit großer Lebhaftigkeit, frei und gewaltsam in den ganzen Umfang unsers Thuns einwirken zu wollen, und sich allmälig einen allgemeinen überwiegenden Einfluß auf denselben und hiefür einen hohen Grad meines Zutrauens zu ihm zu verschaffen wußte.

Er setzte vom ersten Augenblick seiner gewaltsamen Einmischung an diesem Endzweck gleichsam alles an alles. Das ging so weit, daß er sich seine Freiheit und seine Zeit für diesen Zweck selber auch nicht durch seine Pflichtstunden rauben und schmälern ließ. Sein excentrisches Wesen belebte in ihm die entscheidende Neigung, den Schwächen, Fehlern und Lücken meines Hauses durch wissenschaftliche Erläuterungen der Begriffe, die unsern Bestrebungen zum Grunde lagen, entgegen zu wirken. Er glaubte zuverläßig, mit dem Zauberschlag heiterer Begriffe, aber oft auch nur vielbedeutender Wörter, den Wachsthum unsers Verderbens, dessen Größe er tief fühlte, still zu stellen und durch wörtliche Erheiterung beherrschen zu können, was er durch das Übergewicht seines Einflusses weder geistig genugsam zu leiten, noch praktisch befriedigend zu bedienen, am allerwenigsten aber durch thatsächliche Übungen schöpferisch hervor zu brin gen vermochte.

Sein, sich der Herrschsucht allmälig nähernder Einfluß vermehrte die bösen Folgen, die von der Unnatur der Grundlagen unsers Zusammenlebens ausgingen, in einem hohen und immer steigenden Grade, und wurden dann noch durch den Geist eines Zeitpunkts verstärkt und erhöht, in dem die Neigung, Modeansichten und Modemeinungen, die einen Grad von einseitiger Wahrheit hatten, als absolute, in alle Fälle passende und unter allen Umständen anwendbare Wahrheiten anzusehen, ob sie gleich nur unter bestimmten und beschränkten Umständen und Verhältnissen als solche anerkannt werden können und sollen,[238] auch in unserm Hause eingerissen war. Das war für uns um so verderblicher, da die absoluten Ansprüche, die Niederer für seine Ansichten machte, von Ideen ausgingen, die er noch nicht in ihrem ganzen Umfang und Zusammenhang in sich selbst zu einem klaren und bestimmten Bewußtseyn gebracht, indem er sich in einer metaphysischen Darstellung seiner Begriffe versteigerte, für die er weder einen soliden Hintergrund von Anschauungserkenntnissen in sich selbst trug, noch fähig war, dieselben auf irgend eine Art in einfachen, klaren und deutlichen Worten auszudrücken und sie irgend jemand auf diese Weise genugsam verständlich zu machen.

Das Meiste, was er suchte, wollte und worauf er antrug, stand in unsrer Mitte wie eine Lufterscheinung und knüpfte sich durchaus an keine Realität der Fundamente unsers wirklichen Lebens bei einander an. Er war so viel als allgemein ungewandt und beinahe unfähig, zur Ausführung einer seiner hochtönenden Ideen auch nur die entfernteste praktische Handbietung zu leisten. Er wußte es selbst, und forderte oft mit einiger Zudringlichkeit, daß das, was er in seinem Kopfe auf eine idealische Weise zusammenstellte, andere nicht nur ebenso in ihrem Kopfe, auch also ihn befriedigend zusammenstellen, sondern sogar mit ihren Händen, und zwar ohne viel Ansprache auf seine Mitwirkung ihn befriedigend ausführen sollten. Ich muß zur Erheiterung der Größe des Unglücks, das daraus über uns verhängt wurde, noch beifügen: Die Neigung zu diesem Absolutismus im Absprechen über Tageswahrheiten und Tageserscheinungen war im Zeitpunkt des belebtesten Freiheitsschwindels, in den unsere Bestrebungen hinein fielen, vielleicht seit Jahrhunderten nie im gleichen Grad allgemein an der Tagesordnung, und wirkte um so mehr verderblich auf die Zwecke unserer Vereinigung, da der Geist der Anmaßungen und Ansprüche unter diesen Umständen sich auch in die Herzen jüngerer Leute, die sich bei uns der Erziehung widmeten, einschlich und durch den Mangel von Zartheit im Benehmen einiger ältern Glieder des Hauses sehr belebt wurde. Dadurch wurde natürlich die Erkältung der Mitglieder unserer Vereinigung, die wirklich schon tief eingewurzelt war, allgemein noch merklich verstärkt. Beide, sich allmälig immer mehr gegenseitig erkältende Theile meinten gleich recht zu haben.

Schmid rückte indessen in der stillen Ruhe, in welcher er sich[239] Jahre lang thätig ausbildete, seinem Jünglingsalter entgegen; und dieses, von seiner ersten Erscheinung an als außerordentlich anerkannte Naturkind mußte in seiner, durch vielseitige Erfahrungen des wirklich praktischen Lebens allein entfalteten Kraft im Denken und Handeln die Unnatur der Schwachheitsverkünstelung unsrer Vereinigung und alles unsers Thuns und Lassens bald sehr tief fühlen, und säumte auch, sobald er durch den entschiedenen Einfluß seiner überwiegenden Kraft den Anfang eines anerkannten Rechts dazu sich verschafft hatte, nicht, sich mit tyrolerischer Offenherzigkeit gegen die Anmaßungen der einseitig beschränkten Tabellenphantasten, eben wie gegen diejenigen der beschränkten und eben so einseitigen als oberflächlichen Lobreden unsrer wissenschaftlichen Unterrichtsweise, hauptsächlich aber gegen die sich allmählig immer mehr einschleichende Anstrengungslosigkeit, Zerstreuungssucht, Unordnung, Insubordination und die damit verbundene Vernachläßigung positiver Pflichten zu erklären, und forderte sammt und sonders ohne allen Rückhalt von den Gliedern unsrer Vereinigung vom Morgen bis am Abend Ausübung alles dessen, was jedes Glied einer Haushaltung, die in einem guten Zustand bestehen will, immer als seine Pflicht erkennen muß. Er verwarf dabei eben so laut und eben so bestimmt jede Anmaßung von der Höhe und Wichtigkeit unsrer Grundsätze und Bestrebungen, die sich nicht thatsächlich in unsrer Mitte bewährte, als eitles Geschwätzwerk, und fragte bei allen diesfälligen Äußerungen, von wem sie auch immer herkamen, nur: Wie macht man denn das? Wie übt man's aus? und wo diesfalls keine Antwort erfolgte, die ihn befriedigte, wollte er nichts weiter davon hören.

Dieses Benehmen mißfiel denn aber bald und allgemein in einem sehr hohen Grade. Der jetzt so kühn sprechende Schmid war nur vor ein paar Jahren unwissend und ungebildet, wie noch kein anderer Zögling, von den Bergen herabgekommen, und sagte jetzt dem anmaßlichsten Pädagogenverein, den je die Erde gesehen, solche Wahrheiten ins Angesicht. Er fand unter uns allen kaum einen einzigen Menschen, der, was er tyrolerisch frei sagte, auch tyrolerisch unbefangen und gutmüthig aufnahm. Es empörte sich alles über sein Benehmen. Auch diejenigen unsrer Lehrer, die ihn vorher sehr schätzten und dabei auf der einen Seite das außerordentliche Wachsthum, auf der andern aber die übertriebenen[240] Anmaßungen unsers Hauses sowohl, als die vielseitig einschleichenden Fehler und Nachläßigkeiten desselben mit ihm erkannten und mißbilligten, auch diese empörte Schmid mit seinem diesfälligen Benehmen. Man legte es ihm allgemein als eine, ihm und seiner Stellung unpassende Anmaßung und unleidlichen Stolz aus; man empörte sich darüber bald in dem Grade, daß der Mehrtheil der Mitglieder unsers Hauses bei jeder seiner Äußerungen nicht mehr fragte: Hat er Recht oder Unrecht? sondern dieselbe sogleich als ungebührliche Anmaßung mit Empfindlichkeit von der Hand wies.

Das war insonderheit der Fall, wenn er den Verlegenheiten, in die mich meine Unbehülflichkeit im Regieren in meinen Umgebungen alle Augenblicke stürzte, zu Hülfe kommen, und dem Rechtsverhältniß, in welchem ich in meinem Hause stehen sollte, das Wort reden wollte. Das Gefühl dieses Rechtsverhältnisses und die Achtung für das hausväterliche Ansehen war in den Gefühlen Schmid's in einem so hohen Grade belebt, daß es ihn förmlich empörte, so oft er jemand in meinem Hause mir diesfalls mangeln sah; und wiewohl dieses jetzt noch gar nicht in dem, allen Glauben übersteigenden, Grade der unbedingten Wegwerfung jedes Schattens von Aufmerksamkeit auf meine rechtliche Stellung im Hause der Fall war, so waren die, diesen Zustand jetzt schon vorbereitenden Umstände, Gemüthsstimmungen und andere Erscheinungen sehr sichtbar, und fanden bei der im Hause vom Anfang an etwas unzart belebten Überzeugung von meiner gänzlichen Regierungsunfähigkeit und dem mit dieser Überzeugung enge verbundenen Gelust, auch einen größern oder kleinern Antheil an der Regierung des Hauses zu erhalten, größere Nahrung.

Diese an sich unnatürlichen Gelüste zum Regieren wurden in diesem Zeitpunkte in unserer Mitte einerseits durch den noch nach unserer Rückkunft in Iferten allgemein sich immer vermehrenden Ruf unserer Unterrichtsmittel und das unsinnige Taumelglück, das in diesem Zeitpunkte bald jedem Thoren zuströmte, der den Wortschild einer, in der Realität noch gar nicht existirenden Elementar-Methode aushängte, andrerseits durch die Frechheit unsers Benehmens gegen alle Welt und gegen alles, was in der Erziehung geschah, und nicht in unser Modell passen wollte, belebt. Diese erhöhte sich in den ersten Gliedern unsers Hauses auf eine allen Glauben übersteigende Weise. Und wer will sich verwundern,[241] daß dieses Beispiel auch auf die niedersten Glieder desselben hinabwirkte, und sie mit seinem Schwindel ergreifend zu ähnlichen Anmaßungen und Derbheiten fortriß? Die Sache ist traurig; aber sie ist wahr. Wir armen Nestvögel maßten uns beim Brüten unsrer unausgeschloffenen Eier Hochflüge an, die die stärksten Vögel nur mit gereiften und ausgewachsenen Jungen versuchen. Wir kündigten öffentlich Dinge an, wozu wir weder Kraft noch Mittel, sie zu vollbringen, in unsern Händen hatten. Ich mag von hundert und hundert dieser Großsprechereien nicht reden.

Ich berühre nur eins dieser Wagestücke, das bei einem andern Benehmen segensreich hätte werden können, dessen schnelles Verschwinden aber durch unsere Fehler unausweichlich geworden. Ich meine nämlich die Errichtung einer neuen, allgemeinen, schweizerischen Erziehungsgesellschaft, durch die und in der wir den hohen Werth unsrer pädagogischen Bestrebungen und unsrer neuen, elementarischen Methode nach allen Welttheilen hin ausposaunten, mitten indem wir das serbende Pflänzchen unsrer Erziehungsanstalt in seinem ersten Entkeimen mit immer steigender Nachlässigkeit von allem dem entblößt ließen, was unumgänglich erforderlich gewesen wäre, um dasselbe auch nur einem erträglichen Schein der Möglichkeit seiner Reifung nahe zu bringen. Auch verschwand unsere Erziehungsgesellschaft nach kurzen Jahren eben so im Traum, wie sie im Traum entstanden.

Unter diesen Umständen konnte es wohl nicht anders kommen, der schwache Zustand unsers Hauses und die Unsolidität unsers Thuns mußte hie und da Männern, die sich erziehungshalber nicht von jedem Schein blenden ließen, in seiner Wahrheit, in die Augen fallen. Es mußte sich eine Opposition, sowohl gegen unser Thun, als gegen unsern Ruhm, erheben. Viele Journale fingen an, mit entschiedener Entschlossenheit gegen unsere Anmaßungen zu sprechen, und auch in unserm Vaterlande fanden erprobte Schulmeister vielseitig, unser Thun sei durchaus nicht das, was wir davon halten und davon vorgeben; selber das wirklich Vorzügliche, das einzelne Theile unsrer Bestrebungen haben, sei in dem Zustand, in dem es sich in unsern Händen befinde, keiner Nachahmung fähig, und noch viel weniger zu einer öffentlichen und allgemeinen Einführung reif. Aber anstatt in uns selbst gehend zur Bescheidenheit zurückzukehren und diesen öffentlichen[242] Stimmen wenigstens eine anständige Aufmerksamkeit zu schenken, setzten wir uns diesen Oppositionen mit einer Derbheit entgegen, die nicht anders als die Verstärkung ihres Eindrucks auf das Publikum zur Folge haben konnte, und offenbar geeignet war, den Hochflug unsrer Anmaßungen stille zu stellen und den träumerischen Bestrebungen einen ganz andern Gang vorzubereiten, als sie wähnte. Dieses aber mißfiel den Enthusiasten unsers Thuns um so mehr, da wir in unserm Vaterlande selber Personen, die in ihrem pädagogischen Verdienste nach unserm Urtheil hinter uns zurückstanden, in ihren Bestrebungen glücklicher und selber Begünstigungen und Privilegien erhalten sahen, denen wir in diesem Zustand nicht gerne einen Vorsprung vor uns gönnten.

Ich selbst fing mitten in der Theilnahme an diesen, mir jetzt unbegreiflichen Kühnheiten dennoch an, zu fühlen, daß wir auf Wegen wandeln, die fehlen könnten, und daß vieles in unserer Mitte in der Wahrheit nicht so sei, wie es sein sollte, und wie wir suchten, es der Welt in die Augen fallen zu machen. Ich verhehlte auch bei einer mir schicklich scheinenden Gelegenheit meine diesfälligen Besorgnisse meinem Hause nicht, und ließ sogar einige Klagen über den Mangel der Sorgfalt, die wir unsern Zöglingen schuldig seien, einfließen; aber sie wurden vielseitig sehr übel aufgenommen. Man warf mir vor, die Anstalt sei in einem so blühenden Zustande als möglich, und es sei unbilliger und liebloser Undank, daß ich es wage, ihnen, die mir zu dem Ruhm, der Ehre und dem Glücke, das ich genieße, so treu geholfen, noch Vorwürfe zu machen, die den Feinden unsers Thuns, welche wir gemeinsam mit allen Kräften bekämpfen sollten, Beifall zu geben scheinen und sie so in ihrem Thun gegen uns unterstützen könnten. Die bedeutendsten Glieder unsers Hauses drangen jetzt sehr lebhaft darauf, man müsse das Institut auf eine feierliche Art prüfen lassen, mit dem Hinzusetzen, die Vorzüge unsrer Methode seien geeignet, jede ihrethalben Statt findende Prüfung auszuhalten; es sei jetzt unumgänglich nöthig, die Feinde unsrer Bestrebungen mit einem Haupt schlage zu entwaffnen. Die Meinung, daß wir diesfalls ungesäumt mit einer Bittschrift bei der damaligen Schweizerischen Regierung einkommen sollen, war in unsrer Mitte so viel als allgemein. Ich ahnte nichts Gutes davon, und es ist mir jetzt unbegreiflich, wie ich mich zur Theilnahme an diesem[243] Mißschritt habe verleiten lassen können, dessen Mißlingen, das in seinen Folgen so wichtig war, ich so leicht hätte verhüten können.

Schmid allein mißbilligte diesen gewagten Schritt laut und sagte ausdrücklich, es graue ihm bei dem Zustande, in dem sich unser Haus befinde, im höchsten Grad vor demselben. Er hatte ganz recht und sagte bestimmt, unser Thun und selber seine elementarisch bearbeitete Zahl- und Formlehre seien in ihrer praktischen Ausübung bei weitem noch nicht dahin gereift, eine erleuchtete, tiefgreifende und allseitige Prüfung unsrer Bestrebungen, wenn sie von uns gefordert würde, auch nur mit Ehren zu bestehen, geschweige denn, das Vaterland zu dieser Prüfung gleichsam herauszufordern.

Das war aber so sehr gegen den unzeitig und leidenschaftlich belebten Zeitgelust unsers Hauses, daß nicht daran zu denken war, Schmid's diesfällige Ansicht geltend zu machen. Man wagte das Spiel, und es ging, wie es mußte, verloren. Es mangelte indessen auch gar nicht an bedeutenden Gründen für diesen Schritt. Das Haus blühte im Blendwerk seiner äußern Erscheinung auf eine in einem hohen Grad seltene Weise. Es zählte über 150 Zöglinge und mehr als 50 erwachsene Personen, theils Lehrer, theils Candidaten für das Lehramt, die unsere Unterrichtsweise studiren sollten. Ich schäme mich fast, das Wort auszusprechen, das Haus schien bei der Oberflächlichkeit, mit der man seinen Zustand ins Auge faßte, sich wirklich in vielen Köpfen zum Mittelpunkt der europäisch-pädagogischen Kultur empor zu heben; mehrere Regierungen außer dem Vaterlande zeigten zugleich ein ganz außerordentliches Interesse für unsere Bestrebungen, und thaten schon damals vielseitig Schritte, sie, beides, zu benutzen und zu begünstigen. Spanien, Preußen, Würtemberg, Holland und Baden zeichneten sich schon in diesem Zeitpunkte mit warmem Interesse dafür aus; und selber in unserem Hause sprachen Stimmen für uns und unser Thun, deren Urtheil in der damaligen Zeit mit großer Achtung angehört und mit großem Zutrauen aufgenommen wurde. Unter ihnen zeichneten sich vorzüglich Baron von Türk, Hofrath Mieg und der ehemalige Director der Kantonsschule in Aarau, Hr. Hofmann, aus; diese sprachen sich unbedingt und laut für den wesentlichen Werth unserer Bestrebungen aus. So bedeutend und unterstützt waren von dieser Seite die Beweggründe,[244] den Folgen der jetzt auch leidenschaftlich, oberflächlich und zum Theil ungerecht gewordenen Oppositionen gegen unsere Bestrebungen durch freie, offene und unparteiische Untersuchung unserer Anstalt Schranken zu setzen.

Es ist sich also gar nicht zu verwundern, daß der Wunsch einer öffentlichen Prüfung unserer Anstalt bei den Gliedern derselben so viel als allgemein Beifall fand. Die Regierungs-Commission kam, man kann nicht eigentlich sagen, mit einem entschiedenen Vorurtheil gegen uns, aber auch nichts weniger als mit einem solchen für uns, und wir waren so verblendet, daß wir auch von ferne nicht ahneten, ihr Urtheil könne uns in einem hohen Grade fehlen. Aber diese Herren waren wenige Stunden an unserer Seite, so machte besonders der Mangel an sorgfältiger Behandlung der gemeinen, alltäglich bekannten und auch in den niedersten Schulen oft mit großer Sorgfalt behandelten Unterrichtsgegenstände einen so widrigen und abschreckenden Eindruck auf sie, daß sie den Glauben und den Muth, tiefer in die Untersuchung des Gegenstandes einzudringen, sogleich verloren und nicht dahin kamen, den mitten in diesen Umständen sehr belebten Realkeimen einiger wichtigen und tiefgreifenden Resultate unsers Thuns diejenige Aufmerksamkeit zu schenken, die diese, trotz ihres momentanen Serbens, dennoch verdienten. Ihr, der Regierung abgestatteter und öffentlich bekannt gemachter Bericht setzte unser Thun in einem hohen Grade in Schatten und selber tiefer herab, als es wirklich herabgesetzt zu werden verdiente. Außer über das, was Schmid in seinem Fache leistete, ward von den Herren Commissarien von nichts mit einiger Achtung oder gar mit einem Schein von Lob geredet. Das war freilich auch nicht ein Beweis der tiefsten Erforschung unser Gegenstandes. Sie fanden aber das Haus auch unter den ungünstigsten Umständen und in einer sehr bösen Stunde. Viele Mitglieder desselben, die Schmid's Bestrebungen in diesem Bericht allein mit einer Art von Achtung behandelt sahen, schrieben dieses Mißlingen ihrer Erwartungen seiner Zudringlichkeit und seiner Kunst, sich vor andern vorzüglich geltend zu machen, zu. Mein Haus glaubte indeß in eben dem Grade, daß uns Unrecht geschehen, als die Herren Commissarien, daß sie mit Sachkenntniß und Unparteilichkeit über unsern Gegenstand geurtheilt haben.

Die Folgen, die die Publication dieser Prüfung hatte, konnten[245] nicht fehlen. Einige unserer entschiedenen Feinde benutzten dieselbe sogleich, um uns eben so ungebührlich zu demüthigen, als wir ungebührlich anmaßlich waren. Sehr bald nach der Publication dieses Berichts erschien in den Göttingschen Gelehrten Anzeigen eine Recension desselben, in welcher unsere Bestrebungen nicht nur in einem äußerst wegwerfenden Tone als ein leeres Produkt eitler Anmaßungen und keiner öffentlichen Aufmerksamkeit würdig dargestellt, sondern sogar auch unsere Personen politisch verdächtigt, unser Haus als ein Schlupfwinkel der Revolution bezeichnet, und dadurch dem Unwillen vieler edler und guter Menschen, die uns bisher ihre Aufmerksamkeit und ihr Zutrauen schenkten, Preis gegeben wurde.

Dieser Bericht ward also ein weit und breit benutztes Looszeichen zu vielem Andern, das jetzt gegen uns losbrach. und was wir noch weiter in verschiedenen Rücksichten und von mehrern Seiten her zu erwarten hatten. Unter andern erschienen auch in der Bürklischen Zürich-Zeitung Fragen, die die Aufmerksamkeit auf unsere Schwächen und auf unsere Anmaßungen im Vaterlande und besonders in den niedern Volksklassen desselben zu unserm großen Nachtheil rege zu machen sehr geeignet waren, und ihren Zweck auch leicht erreichten. Der unter diesen Umständen natürlich und leicht vorauszusehende Anfang einer Reaction brach auch in eben dem Grade derb und zum Theil ungerecht gegen uns hervor, als vorher Lob und Ehre uns unverdient und beinahe ohne Widerspruch allgemein zuströmte, und diese Reaction wurde für uns und unsere Bestrebungen in dem Grade verderblicher, als wir, anstatt in diesem kritischen Augenblicke mit gemeinsamer und entschiedener Kraft den schon vor diesem Sturme tief untergrabenen Fundamenten unsers Zusammenlebens wieder festen Boden zu verschaffen, und uns vom Morgen bis zum Abend anzustrengen, um den Lücken, Fehlern und Mängeln, die in unsern Bestrebungen sich wirklich vorfanden, mit Bescheidenheit und Ehre, wie es sich gebührt, abzuhelfen, uns von nun an mit der halben Welt in einen selbstsüchtigen Kampf einließen, den wir weder in wissenschaftlicher, noch in ökonomischer, noch in pädagogischer Rücksicht mit Erfolg und Ehre zu bestehen im Stande waren.

Wahrlich, ich möchte das Andenken dieses Kampfes gerne von der Erde verschwinden machen, und berühre ihn nur darum und[246] in so weit, als er durch das leidenschaftliche Interesse, mit dem er uns verschlang, der Erneuerung unsrer selbst in der pflichtvollen Besorgung unsers Unternehmens unübersteigliche Hindernisse in den Weg legte, und die Einführung einer gehörigen Organisation des diesfälligen Pflichtlebens uns gleichsam mit jedem Tage schwieriger machte, und dabei zugleich die Reize, die den Fundamenten eines solchen Lebens entgegenstehen, eben so sehr erhöhte.

Der durch diese Umstände herbeigeführte Zustand unsers Hauses erzeugte in unsrer Mitte ein immer größeres Wachsthum der Quellen und Ursachen eines noch tiefern, und die spätere gänzliche Auflösung unsers Hauses endlich nothwendig herbeiführenden innern Versinkens desselben, und war um so bedenklicher, als er am wenigsten von uns selber anerkannt, und also so viel als unsichtbar auf uns einwirkte. Unser übertriebener Glaube an uns selbst und an den Werth unsers Seyns und unsers Thuns brannte in diesem Zeitpunkte wie ein Feuer, das eingeengt, keine Wege zum Ausbruche findet, die es lodernd sucht, nur desto gewaltsamer in uns, da uns bei allen unsern Fehlern jetzt doch wirklich unrecht geschah, indem diejenigen Theile unserer elementarischen Versuche, die ihre, die Menschennatur belebende Kraft dennoch fortdauernd in unserer Mitte erhielten, gar nicht mit der Aufmerksamkeit, die sie verdienten, beachtet, sondern ihrethalben, wie das Sprichwort sagt, das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wurde. Aber wir müssen von unserer Seite auch sagen, wir trugen um das Kind im Bade weniger Sorge, als uns das Ausschütten des Bades an sich selber zu Herzen ging.

Die Lage Schmid's wurde unter diesen Umständen immer unbehaglicher und schwieriger. Der Rapport der Commission hatte die früher schon gegen ihn in hohem Grade obgewaltete Mißstimmung noch sehr erhöht. Er aber blieb immer sich selbst gleich. Er äußerte sich über das, was in unserm Hause Noth that, mit einer Freiheit, die man als immer steigende Zudringlichkeit nahm; er drang immer ernster darauf, daß man die praktisch gute Besorgung der Zöglinge im ganzen Umfange ihrer Ansprüche als die Hauptsache unsrer Pflichtstellung anerkenne und dem, was hiefür nothwendig ist, ein volles Genüge leiste. Er behauptete sogar, daß dieses um so dringender nothwendig, da es wahr sei, daß der Commissionalbericht das Wesen der elementarischen[247] Idee, deren praktische Begründung wir zu suchen haben, durchaus nicht in ihrer Wahrheit erkannt und uns von dieser Seite wirklich unrecht gethan habe. Er hatte auch ganz recht, ferner zu behaupten, daß dieses Unrecht uns doppelt verpflichte, vieles, das dieser Bericht an uns tadelte, jetzt mit doppeltem Eifer zu verbessern. Zu diesem Endzweck drang er von diesem Zeitpunkte an auf die Nothwendigkeit einer Organisation unsers Hauses, die eine Reduktion desselben auf einen kleinern Maßstab, und die Verminderung der Zöglinge zu einer nothwendigen Folge gehabt haben würde. Das war vielseitig als ein Staatsverbrechen gegen die damaligen Ansprüche der Pestalozzischen Methode angesehen, und man wollte den eroberten Glanz nicht einer Organisation aufopfern, die man als einen förmlichen Rückschritt in dem, was in der Methode schon wirklich geleistet und wirklich erobert sei, ansah und in die Augen fallen machen wollte. Von unverdientem Ruhme und unverdienter Ehre beinahe kindisch geblendet, fand man seine diesfällige Ansicht und überhaupt sein ganzes jetziges Benehmen immer mehr der Ehre und den Vorschritten unserer gemeinsamen Bestrebungen entgegen, und schrieb es täglich mehr einer bösen Selbstsucht und einer zügellosen Neigung zu, alles, was um ihn her sei, in Schatten zu setzen und sich allein geltend zu machen. Man verdächtigte ihn, so viel man konnte, diesfalls bei mir. Aber es machte keinen andern Eindruck auf mich, als daß es mich innig betrübte. Ich kannte ihn und war von der Wahrheit und Reinheit seiner Anhänglichkeit und Liebe zu mir, so wie seiner Überzeugung von der Realität meiner Bestrebungen sicher.

Er hatte mir früher die entschiedensten Proben davon gegeben und handelte fortdauernd sich selbst gleich. Schon in der Zwischenzeit zwischen unserm Aufenthalt in Burgdorf und Iferten sollte seine, bedeutenden und einflußreichen Personen bekannt gewordene pädagogische Kraft und psychologische Tiefe gegen mich auf eine Weise mißbraucht werden, die meiner Anstalt, in so fern sie das Meinige war, zum höchsten Nachtheil hätte gereichen können. Aber er widerstand mit gleich kindlicher Treue und männlicher Kraft diesen Versuchungen. Eben so verwarf er auch in Iferten alle Lockungen zu Verbindungen, die ihn durch Schwächung der treuen Anhänglichkeit und festen und allseitigen Sorgfalt für mein Interesse, mein Recht und meine Ehre persönlich in[248] meinen Umgebungen in dem Grade höher gehoben hätten, als er sich durch seine Standhaftigkeit für mich in denselben ein mühseliges, verhöhntes und höchst unglückliches Leben zugezogen.

Wichtiger und bedeutender als diese Standhaftigkeit ist dann noch, daß er den festen, unerschütterlichen Charakter, den er in seinem Benehmen, wo es um Wahrheit und Recht zu thun war, gegen jedermann zeigte, auch gegen mich in keinem Fall verläugnete. Er fühlte sich aus Liebe zu mir gar nie weder im Dienst der Verirrungen meines Hauses, noch der Meinigen, und glaubte im Gegentheil durch seinen Widerstand gegen dieselben seine Liebe zu mir wahrhaft und seiner und meiner würdig zu bewähren. Diese Gleichheit seiner selbst und seines vielleicht nur zu strengen Charakters gegen Oberflächlichkeit, Schwäche und ungegründete Anmaßungen, in so fern sie seiner Überzeugung von Wahrheit und Recht entgegenstanden, bewies er gegen mich, wie gegen irgend jemand anders; und ich muß es frei gestehen, ich litt beim Mangel einer diesfälligen leichten Nachgiebigkeit wahrlich oft selbst sehr; aber ich muß diesem nothwendig beifügen: daß ihm dieser Mangel an leichter schonender Nachgiebigkeit in den empörenden Verhältnissen, in denen er war, sehr verzeihlich und das Gegentheil ihm unter denselben nicht wohl zugemuthet werden durfte. Aber man that dieses in diesem Zeitpunkte in einem höchst grellen Grade. Er trug es still und standhaft, aber er blieb dabei sich immer selbst gleich und wich in seinen Ansichten, Urtheilen und Forderungen kein Haar.

Ein Umstand, der ihn und Niederer allein angeht, bewirkte seine Entfernung aus meinem Hause. Er verließ uns im Sommer 1810. Es zerschnitt mein Herz, ihn von mir sich trennen zu sehen, denn ich liebte ihn wie meine Seele. Aber ich konnte nicht helfen. Unglücklicher Weise für mich, verließen fast in der nämlichen Zeit die bedeutendsten, thätigsten und gebildetsten Mitglieder unsrer Vereinigung, die Herrn von Türk, Mieg, Hofmann und von Muralt, mein Haus, und die bedeutenderen von den übriggebliebenen Gliedern meiner pädagogischen Unternehmung sahen Schmids Abreise als ein großes Glück an. Sie sprachen ihre Freude über dieses mich betrübende Begegniß sogar laut und ohne allen Rückhalt aus.

Indessen äußerte Schmid sich bald darauf öffentlich mit jugendlichem[249] Feuer und ohne alle Verhehlung gegen den bösen Zustand unsers Hauses. Das empörte die bei mir zurückgebliebenen Glieder unsrer pädagogischen Vereinigung beinahe sämmtlich. Sie schrieben es allgemein und laut einem schändlichen und strafbaren Undank gegen mich und gegen das Haus, dem er, wie sie sagten, alles zu danken habe, was er sei, zu. Er hatte das, was er war, nicht meinem Hause zu danken; auch ist es nicht Undank und Lieblosigkeit gegen mich, und eben so wenig Verachtung und Gleichgültigkeit gegen meine Lebensbestrebungen, was ihn bewog, seine Ansichten über das Zeiterziehungswesen zu schreiben und mitunter auch sein ernstes und nicht unbedeutendes, sondern für uns wahrlich sehr lehrreiches Urtheil über den Zustand unsers Hauses unverhohlen auszusprechen. Ich war schon damals vollkommen überzeugt, und bin es bis auf den heutigen Tag geblieben, daß er bei seinem Charakter nicht anders konnte als dieses thun, und daß er, indem er es that, ernst und aufrichtig geglaubt, seine dauernde Sorgfalt und Mitwirkung für alles das, was er darin als solid, wichtig und der Erhaltung und Weiterführung würdig achtete, freilich nicht in einer sehr gefälligen Modeform der Zeit, aber aufrichtig und wahr bewährt zu haben.

Das Haus war in allen seinen häuslichen und bürgerlichen Fundamenten jetzt auf eine Weise untergraben, daß, ohne den ersten Ursachen dieses bösen Zustands in ihren Quellen zu steuern, keine Möglichkeit mehr vorhanden war, den ursprünglichen Zwecken und Pflichten unsrer Vereinigung mit irgend einem Grade von Gemeinkraft, der den Erfolg hätte sichern können, entgegen zu streben. Die ersten Ursachen unserer jetzt schon so tief gewurzelten diesfälligen Kraftlosigkeit wurden durch die Entfernung Schmids und obgenannter vorzüglichen Mitglieder unserer Vereinigung ohne Maß und Ziel verstärkt. Ihre Quellen brachen von diesem Augenblicke an in vollen Strömen hervor; alle Dämme, die dieselben bis jetzt noch in einigen Schranken hielten, waren dadurch zerrissen. Die letzte Spur irgend einer Sorgfalt für mein väterliches Ansehen, für dessen Erhaltung Schmid und mehrere der abgetretenen Glieder mit thätiger Kraft wachten, war jetzt vollends dahin, und eben so die Spuren der ernsten Aufmerksamkeit auf die Solidität meiner häuslichen und bürgerlichen Existenz.

Die Leitung meines Hauses war von nun an im Geist und in[250] der Wahrheit vollkommen in Niederers Hand, und fiel in Rücksicht auf alles, was ich als Vater, Chef, Eigenthümer und ursprünglicher Begründer des Eigenthümlichen der Zwecke und Mittel unserer Vereinigung hätte sein und bleiben sollen, gänzlich aus der meinigen. Ich war mir indessen mitten in der Betrübniß über den Verlust benannter Männer meiner gänzlichen Regierungsunfähigkeit, so wie meines allgemeinen Zurückstehens in allen literarischen und pädagogischen Kenntnissen und Fertigkeiten, deren mein Haus jetzt so dringend bedurfte, bewußt, und zugleich noch von dem ersten Eindruck, den Niederers Ansicht über meine Erziehungsgrundsätze und Zwecke hatte und öffentlich äußerte, sehr eingenommen, aber schwach genug, diese einzig mir noch übrig gebliebenen Kräfte für mein Haus weit höher und genugthuender zu schätzen, als sie wirklich waren, und mit einer kindischen, einseitigen und übertriebenen Dankbarkeit ohne meine Einwirkung einen so freien und ungeleiteten Spielraum nicht nur zu gestatten, sondern selber noch zu befördern. Niederer und Krüsi und bald Jedermann, der in meinem Hause war und hinein kam, sahen sich weit mehr, als ich, als verdienstvolle Schöpfer alles dessen, was aus der Anstalt geworden und was sie geleistet; und die Art, wie ich mich dabei benahm und von ihnen bittend, dankend und jammernd zu erzielen suchte, was ich vermöge meiner Stellung mit Ernst, Kraft und Recht hätte fordern und befehlen sollen, führte natürlicher Weise und so viel als nothwendig dahin, daß alle Glieder meines Hauses, die von nun an schrankenlos gegen mich fehlten, in eine Täuschung gegen sich selbst und gegen die Stellung, in der sie waren, hineinfielen, daß ich ihre Handlungsweise noch selber zu entschuldigen genöthigt bin. In diesen Verirrungen konnten die in diesem Zeitpunkte uns noch in vollem Maße zufließenden Ressourcen von Geld, Ehre und Kredit nur dahin wirken, unsern unausweichlichen künftigen Ruin mit schnellen Schritten herbeizuführen.

Wir ahneten aber die unausweichlichen Folgen der Entfernung dieser Herren nichts weniger als in ihrem ganzen Umfange, wir glaubten sogar, die Lücke, die durch dieses Begegniß in unsrer Mitte verursacht wurde, werde durch die Ankunft Hrn. Jullien's wenigstens so viel als ersetzt. Aber so wichtige Vortheile seine Erscheinung und sein Dasein uns in diesem Zeitpunkte auch brachte, so war sie doch nichts weniger als ein Ersatz dieser Herren. Indessen[251] war seine Ankunft für die Augenblicksbelebung und Augenblickserhaltung unsers Hauses sehr wichtig. Er wurde von den psychologischen Fundamenten einiger unsrer Anstrengungen, besonders aber von den auffallenden Folgen, die einige unsrer elementarischen Bildungsübungen auf unsere Zöglinge hatten, mit einer seltenen Begeisterung ergriffen, und that für die Beförderung unsrer Zwecke mit großer Anstrengung, was er konnte. Es hatte Folgen. Ich schien in diesem Augenblicke in Frankreich für das Wesentliche und Eigenthümliche meiner Lebensbestrebung in dem Grade Beifall, Freunde und Zöglinge zu finden, als die Zahl derselben in Deutschland anfing abzunehmen. Soll ich es für ein Glück oder für ein Unglück achten? Ich muß sagen, es führte wesentlich dahin, uns in unsrer Täuschung über uns selbst nicht nur zu erhalten; sondern noch wesentlich darin zu stärken und zu beleben, und unsere Köpfe selber wieder mit den großen Weltfolgen, die unsere Bestrebungen ihrer Natur noch haben werden, träumerisch zu füllen, die Thätigkeit für unsere Zwecke in uns selbst leidenschaftlich zu reizen. Die literarischen Erheiterungen über einen Gegenstand, der uns in uns selber nichts weniger als heiter war, wurden in diesem Zeitpunkte in unsrer Mitte auf eine Weise betrieben, daß ich sagen muß, die geforderte Aufmerksamkeit auf sie war geeignet, die Kräfte unsers Hauses dafür nicht nur anzusprechen und zu beschäftigen, sondern wahrlich dafür zu verschlingen. Hingegen wurde die gute, praktische Besorgung alles Gemeinen und Alltäglichen, das in der Erziehung und im Unterricht noth thut, je länger je mehr in einem Grade vernachlässigt, der allen Glauben übersteigt. Der Besuch, den ich in diesem Zeitpunkte vom Staatsminister von B. erhielt, ist ein solcher Beweis von dieser Wahrheit, daß ich mich desselben auch auf den heutigen Tag noch nicht anders als mit tiefer Beschämung erinnere.

Dieser edle und in vielen Rücksichten so ausgezeichnete Mann kam mit großer Vorliebe für mich und in Rücksicht auf seine Erwartungen von unserm Thun nichts weniger als hoffnungslos in unsere Mitte. Am Abend, da er mit seiner Gemahlin ankam, und sich mit großer Herzlichkeit über die Theilnahme, die er an meinen Lebensbestrebungen nehme, und über die Freude, uns und unsere Anstalt einmal zu sehen, äußerte, ward in einer allgemeinen Versammlung des Hauses eine Abhandlung vorgelesen, die im[252] Geist einer höchst anmaßlichen Stimmung verfaßt war und in welcher unsre Bestrebungen und unsere Personen selber mit merklicher Undelikatesse gelobt wurden. B. schüttelte während der Vorlesung ein paar Mal den Kopf, sagte aber bei der obgewalteten Umfrage über diese kein Wort, sondern äußerte sich beim Weggehen bei mir darüber dahin: Ich will dann morgen doch gern sehen, in welchem Grade sich das alles in Ihren Kindern wirklich so bewähre.

Er kam auch am Morgen in dem Augenblicke, in dem nach dem ihm angezeigten Stundenverzeichniß der Unterricht hätte angehen sollen, mit seiner Gemahlin wieder. Aber die Schulzimmer waren noch leer. Er und seine Gemahlin mußten beträchtlich lange warten, ehe der Unterricht in irgend einer Klasse anfing. Endlich gelang es; er hielt sich in jeder derselben eine Weile, aber sichtbar sehr unbefriedigt und auffallend stillschweigend auf. Die Herzlichkeit, Anmuth und freundliche Näherung, die seine Gemahlin und er gestern gegen mich zeigten, waren verschwunden; er war nicht nur ernst und still, der Unwille, und selber die Empörung über alles, was er gesehen, war auf seinem Gesichte auffallend, und ich weiß zuverläßig, daß er, ehe er von Iferten abreiste, sich bestimmt dahin äußerte: Wenn diese Anstalt sich noch ein Jahr halte, so sehe er es für das größte Wunder an, mit Hinzusetzung: es mangeln in dem Unterricht, den er hier gesehen, Sachen, über deren Vernachläßigung man sich auch in den niedersten Dorfschulen schämen müßte. –

Es war beinahe das nämliche, was die Herren Commissarien über diesen Gegenstand auch gesagt hatten. Wir hatten uns aber auch seit ihrem Besuche und seit der Entfernung benannter Gehülfen hierin auf keine Weise gebessert, sondern vielmehr verschlimmert. Das war auch in ökonomischer Hinsicht eben so der Fall. Seit diesem Zeitpunkte wußte bald kein Mensch mehr, wer Koch oder Kellner im Hause war. Wer immer darin undelicat, anmaßlich und kühn war, benutzte diesen Zustand, so viel er konnte, und jeder konnte diesfalls beinahe, so viel er immer nur wollte. In der letzten Zeit, in der sich die benannten abgetretenen Herrn noch bei mir befanden, waren die Ressourcen meiner Anstalt noch im höchsten Flor. Aber von nun an hatte der sansculottische Strom, der meinen Ruin schnell herbeiführen mußte, keinen Damm und keine Grenzen mehr.[253]

In dieser Lage der Dinge stürzte ich mich von einem Unglück ins andere. Kaum war ich aus einer Verwickelung heraus, so zeigte sich eine andere. Es konnte nicht anders kommen. Der Commissionalbericht, der bei vielem Wahren, das er sagte, uns dennoch Unrecht that, die Folgerungen, die die Göttingischen Gelehrten Anzeigen daraus zogen, um uns politisch zu verdächtigen, die Bürkli'sche Zeitung, die als damaliges Schweizerisches Volksblatt große Wirkung hatte und unsere pädagogischen, wissenschaftlichen und religiösen Bestrebungen zwar nicht als gefährlich, aber als sehr lächerlich darstellte, machten unser ganzes Haus, das im Wesen seiner Bestrebungen in fundamentlosen Lüften schwebte, für seine Existenz zittern, und der Umfang dieses also gefährdeten Zustandes des Hauses wirkte auf den reizbaren und in seinen Maßregeln gewaltsamen Niederer dahin, ihn zu verleiten, den fürchterlichen Sturm des Augenblicks mit aller seiner Kraft zu beschwören und eine öffentliche Fehde gegen die wider uns ausgebrochene Reaktion zu eröffnen. Um aber diese Fehde zu bestehen, mußten alle Zeit und alle Kräfte des Hauses auf diesen Punkt verwendet und also auch natürlich dem kleinen Überrest der guten Besorgung alles dessen, was dasselbe allein wahrhaft hätte retten können, entzogen werden; und indem mich Niederer durch die Darstellungsweise der Idee der Elementarbildung in Rücksicht auf meine Lebensbestrebungen in mir selber verwirrte und mich in Kulturansichten des Menschengeschlechts hineinführte, in denen ich gar nicht zu Hause war, kam ich in blinder Begeisterung über Ansichten, zu deren wahren Verdauung ich gar nicht fähig war, dahin, ihm in dieser Fehde sogar öffentlich an der Seite zu stehen. Und anstatt wie ehemals und ursprünglich mit ungetheiltem Herzen an der Vereinfachung der allgemeinsten, ersten Unterrichts- und Bildungsmittel des Volks, wie es unter den gegenwärtigen Umständen doppelt nothwendig war, unabläßlich zu arbeiten, füllte ich mir den Kopf von den Armseligkeiten der vorübergehenden Fehde und nahm an allen Tageserscheinungen derselben gegen meine Natur und gegen meine Pflicht selber in einigen Augenblicken als untergeordneter polemischer Klopffechter Antheil. Wir verwendeten in diesem Zeitpunkte alle Aufmerksamkeit, alle unsere Kräfte und unser Geld auf die Bedürfnisse dieses Kriegszustands, und verminderten dadurch natürlich mit jedem Tage mehr die Aufmerksamkeit[254] auf die innern Kräfte und Mittel unsrer Bestrebungen, um derentwillen wir uns mit der halben Welt in eine armselige Fehde hineinließen, und dilapidirten durch diese Richtung sehr große Geldsummen.

Ein Hauptstück unsrer diesfälligen Thorheit war die Errichtung einer Buchdruckerei, die denn noch mit einer Buchhandlung verbunden war, die eigentlich mehr eine Buchvergeudung und Buchverschenkung als eine Buchhandlung betitelt zu werden verdient. – Alles war jetzt im Dienst dieser Fehde, und ich darf bestimmt sagen, in vielen Rücksichten mit sanscülottischem Frevel dafür mißbraucht. Es formirte sich unter diesen Umständen sogar zum Behufe dieser Buchhändlervergeudungen ein literarisches Bureau in meinem Hause, das ohne Anerkennung, ohne Chef, ohne Fonds, ohne Autorität und ohne gesetzlich rechtliche Stellung verkaufte und handelte, ohne mit mir darüber auch nur Rücksprache genommen zu haben, und sich endlich mit dem Bankerott des Buchdruckers und seiner stillen Entfernung, ohne jemand für irgend einen Kreuzer Rechnung zu geben, so geheimnißvoll auflöste, als es sich formirt hatte. Man denke sich, wo alles dieses mich hingeführt hat und hinführen mußte. Die Geschichte der menschlichen Berufsgeschäfte hat vielleicht noch kein Beispiel des Mißbrauchs der gutmüthigen Schwachheit irgend eines Menschen aufzuweisen, das demjenigen, in dem ich mich in diesem Zeitpunkte befand, gleich ist. Ich war an meinem Unglück selbst Schuld. Ich erkannte meine Schuld, aber ich war unvermögend, mir zu helfen. Mein Seelenzustand in dieser Lage versank noch tiefer als selber meine Wirthschaft. Wäre ich bei gesunder Kraft ein Mann gewesen, ich wäre körperlich unterlegen und sicher todt; aber ich war ein Kind, und ließ ohne männlichen Widerstand mit mir, mit dem Meinigen und den Meinigen machen, was man immer wollte. Ich glaubte dabei immer noch mit festem Vertrauen, in Freundes Händen zu sein, und an der Seite von Männern zu leben, die großer Dinge fähig und will's Gott noch Auswege aus allem diesem Chaos herausfinden werden.

Kaum waren seit dem Austritte obgenannter Herren drei Jahre verflossen, als die Folgen der eben berührten Dilapidation aller unserer Ressourcen mein Haus dahin brachten, daß, wer immer wahres Interesse für mich hatte, meiner Frau, bei Anlaß eines ihr zugefallenen Erbes, anrieth, dasselbe und alles, was immer[255] noch von ihrem früher geerbten Eigenthum in freier Hand sei, meiner Verwaltung zu entziehen und für die Sicherheit unseres Sohnssohns in vögtliche Hände zu legen. Ich sah diese Nothwendigkeit auch selbst ein und gab, beides, über mein Unglück und über meine Fehler tief gekränkt, diese Bevogtung freiwillig zu. Das, was noch in Iferten zur Führung meines Instituts in meiner Hand lag, ließ man mir in derselben. Bei meiner unüberlegten Gedankenlosigkeit glaubte ich damit noch immer genug in meiner Hand zu haben, um meinen Lebenszwecken, wenn auch beschränkt, langsam und gehemmt, dennoch mit einigem Erfolg entgegen streben zu können, und suchte auf das Unterpfand des ganzen Mobiliarvermögens, das mir noch in freier Hand gelassen wurde, Geld zu entlehnen. Ich fand aber, ich muß sagen, aus Liebe und Sorgfalt für mich kein Geld; und Geld war dringend nothwendig. Die Anstalt stand auf dem Punkt, sich durch einen Bankerott plötzlich aufzulösen; um dieses Äußerste wenigstens für den Augenblick zu verhüten, ließ meine Frau mich, selber in dem Zeitpunkt, in dem sie alle Maßregeln traf, ihr übriggebliebenes Vermögen in vögtliche Hände zu legen, dennoch auf unser Gut eine beträchtliche Summe Geldes aufnehmen, die aber unter diesen Umständen nicht anders konnte, als sehr bald auch im Rauch aufgehen!

Ich habe mich oben über die Errichtung der Töchteranstalt mit aller Bestimmtheit dahin ausgedrückt, wir haben uns, da wir uns schon mit sieben Lasten beladen fühlten, dadurch, daß wir uns noch die achte auf die Schultern luden, das Tragen der sieben erstem zu erleichtern gesucht. Die Thorheit war groß und die Folgen auch. Sie mußten es sein. Sie konnten nicht anders. Die höchste, reinste, edelste Natur wird in sich selbst gelähmt und unwirksam gemacht und gleichsam getödtet, wo die Unnatur und die Gewalt ihrer Selbstsucht im Äußern ihrer Umgebungen allherrschend und allwirkend dasteht. Das war bei der ersten Einrichtung meiner Töchteranstalt bestimmt der Fall. Meine Frau Tochter, Frau Kuster, hatte ein Mutterherz ohne ihres gleichen und war von Seite der Liebe, Sorgfalt, Treue, Anmuth, Thätigkeit und Aufopferung zur Erzieherinn, im ächten Sinn des Worts, wie geschaffen; aber bei dem engen Zusammenhange des Knabeninstituts, seiner Mittel und seines Personale mit der, eine neue unabhängende Schöpfung und Organisation[256] höchst bedürftigen Töchteranstalt war an keine, das edle reine Herz der guten Kuster befriedigende Erziehung, es war an keine, die Ansprüche der großen Idee befriedigende Elementarbildung zu denken.

Meine gute Frau Tochter war in Umgebungen geworfen und von Umgebungen abhänglich gemacht, die mit ihrem kindlichen Muttersinn nicht stärker hätten abstechen können, als dieses wirklich der Fall war. Ihre innere Kraft ward dabei durch den Mangel nothwendiger Handbietung und Hülfsmittel schon an sich gelähmt, und dann noch durch den Widerspruch und Widerstand unedler, leidenschaftlicher Umgebungen der Segensfolgen beraubt, die ihr unter bessern Umständen zu Theil geworden wären. Sie litt in ihrer Lage im Stillen sehr. Zu diesen Schwierigkeiten, die dem Wesen besonders einer weiblichen, wahrhaft reinen und edlen Erziehung im Wege standen, gesellten sich jetzt noch in unsern Umgebungen allgemein neuerwachte, und in unsrer Mitte selbst künstlich belebte Ansprüche auf eine größere Aufmerksamkeit auf den Weltton, den die weibliche Erziehung in gegenwärtiger Zeit unumgänglich fordere. Und ich, der ich damals bestimmt in einem Seelenzustand war, daß ich mich von den Augenblickseindrücken der Gegenwart wie eine Wetterfahne sehr leicht nach der Seite drehen ließ, gegen die jedesmal der Wind wehte, ward sehr leicht dahin gebracht, den Talenten, die Jgfr. Kasthofer in Rücksicht auf die Befriedigung der Ansprüche eines bessern Welttons besitze, einen für die Realbedürfnisse des Hauses viel zu hohen Werth zu geben, so wie zugleich den künstlichen Einflüsterungen über den Grad der praktischen Fertigkeiten in den Ausübungsmitteln der Idee der Elementarbildung, von denen ich selber keinen deutlichen Begriff in mir selbst trug, ohne alle Prüfungsfähigkeit blinden Glauben beizumessen.

Ich kann es gegenwärtig beinahe nicht begreifen, wie es möglich gewesen, in dem Grade an leere Worte über ihre Überzeugung vom Werth der Idee der Elementarbildung und an ihre tiefe Kenntniß der damals so geheißenen Methode wie ans Evangelium zu glauben. Und doch war es der Fall. Unter diesen Umständen und bei diesen Verirrungen führte mich selber das Mitleiden über die wirkliche Lage meiner lieben Frau Tochter auf den Gedanken, die Übertragung dieser Anstalt an Jgfr. Kasthofer wäre für sie eine Art von Erlösung aus dem Drange, in dem sie sich in derselben[257] befand, und glaubte auf der andern Seite auch mit Zuversicht, Jgfr. Kasthofer sei durch ihre Verhältnisse in Bern und im Aargau und durch die Achtung, die sie an beiden Orten, wie ich nicht zweifelte, besitze, wenn ich ihr zum Anfange das Etablissements in ökonomischer Hinsicht mit dem höchsten väterlichen Vertrauen an die Hand gehe, wirklich in der Lage, das Etablissement schnell in eine bedeutende Aufnahme zu bringen, und zweifelte keinen Augenblick an ihrer herzlichen Bereitwilligkeit, mir mein väterliches Vertrauen mit kindlicher Dankbarkeit und liebreicher Aufmerksamkeit bis an mein Grab zu vergelten und auch auf die Äußerung des in meiner Hand zu bleibenden Knabeninstituts zu erwiedern. Ich ahnte nichts weniger, als daß ich durch vielseitige Einflüsterungen zu diesen Ansichten, deren Folgen das Unglück meiner letzten Lebensjahre auf ihre oberste Höhe gebracht, mit vieler Kunst vorbereitet und eingewiegt worden sei.

Jgfr. Kasthofer, die die Wichtigkeit einer, das Eigenthum meiner Anstalt in ihre Hand legenden Übergabe und die Delicatesse der Annahme derselben in diesem Zeitpunkt sehr wohl fühlte, fand, um auch den entferntesten Verdacht, als ob sie meine Schwäche in einer Angelegenheit von diesem Belang mißbrauchen wolle, von sich auf die nachdrücklichste Weise abzulenken, für gut, unsern gemeinsamen Freund, Hrn. Hofrath Mieg, mit uns zu ersuchen, diesen Abtretungsact mit aller möglichen Sorgfalt für mich und meine Rechte auszufertigen; und wie sehr Herr Mieg dieses mit großer Sorgfalt zu Gunsten der Jgfr. Kasthofer eben wie für mich gethan habe, erhellet sehr klar aus dem Traktate selbst. Herr Schmid hat denselben in seiner Schrift »Wahrheit und Irrthum« wörtlich abdrucken lassen und dem Publikum zugleich die Bedeutung und die Folgen, die Jgfr. Kasthofer als Frau Niederer diesem Instrumente zu geben sich später bemühte, unumwunden dargelegt.

Indessen war es jetzt geschehen, und zwar durchaus nicht mit großer Erbauung weder von Seite meiner Frau noch von Seite meiner Frau Tochter. Meine Frau war in Rücksicht auf Jgfr. Kasthofer durchaus nicht mit mir gleicher Meinung. So groß das Zutrauen auf sie bei mir war, so groß war das Mißtrauen gegen sie bei meiner Frau sowohl als bei meiner Frau Tochter. Sie hielten mich beide in Rücksicht auf Jgfr. Kasthofer für mehr als nur halbblind, und die Folgen dieser Blindheit mußten ihnen, besonders[258] aber der Frau Kuster, um so mehr zu Herzen gehen, da schon lange vor der Übergabe der Anstalt meine diesfällige Schwäche selber von Leuten, die ihr untergeben waren, dahin mißbraucht wurde, unter ihren Augen ein Geschwatzwerk nach dem andern über die schlechte Ordnung, die in ihrem Hause herrsche, mit dem Hinzusatze zu verbreiten, wie das alles anders wäre, wenn Jgfr. Kasthofer an der Spitze der Anstalt sein würde. Herr Hofrath Mieg war ein inniger Freund meiner Frau, und ihren diesfalls entgegengesetzten Ansichten über Jgfr. Kasthofer nicht fremd, noch vielweniger mit denselben im Widerspruche; aber er fand das Ganze unsers Etablissements in einem solchen Zustande, daß er beinahe hoffnungslos für dasselbe war, und glaubte, vermittelst der Übergabe meines Töchterinstitutes durch einen rechtsgültigen und sorgfältig abgeschlossenen Accord wenigstens einen Theil des darinliegenden Kapitals mir auf alle Fälle zu sichern und zinsbar zu machen. Wahrlich, es hätte damals weder ihm noch jemand anders in den Sinn kommen können, daß irgend ein rechtlicher oder auch nur ein Ehre im Leib habender Mensch, am allerwenigsten Jgfr. Kasthofer selber, diesen Accord als sie unverpflichtend ins Auge fassen würde. Aber sein Original verschwand aus meinem Bureau, und schon das hätte mich aufmerksam machen sollen.

Aber ich kannte die Welt noch nie und in diesem Augenblicke am allerwenigsten. Und nun heirathete auf einmal Herr Niederer (was kein Mensch, der ihn und seine Verhältnisse näher kannte, hätte ahnen dürfen) Jgfr. Kasthofer, und fand dadurch neue, tief in meine Wirthschaft eingreifende Mittel zum Mißbrauch der Allgewalt in der Regierung meines Hauses, die ich unglücklicherweise vorher schon in seine Hand gelegt. Diese Allgewalt war bei meinem Charakter und bei den Umständen, in denen ich lebte, von einer Natur, daß ich unter ihrer Last mich völlig selber verlor und so viel als gänzlich zernichtet unter den Meinigen und in dem Meinigen dastand. Ich hätte, wenn ich bei mir selber gewesen wäre, die Folgen, die diese Heirath auf meine Anstalt und den ganzen Umfang meiner Lebensbestrebungen, in so fern sie in meiner Hand lagen, haben mußte, voraus sehen sollen. Ich hatte das Sprichwort: Das Hemde liegt jedem Menschen näher als sein Kleid – in meinem Leben tausendmal gehört und seine Wahrheit schon in meiner Jugend in höchst grellen Beispielen gesehen. Ich[259] hätte also wissen sollen, daß ich die Hülfe und Rettung für mein eigenes Haus nicht von einer Haushaltung erwarten dürfe, der ich die Mittel, meine Haushaltung zu ihrem eigenen Aufkommen, mit Beeinträchtigung des meinigen zu benutzen, wie ein Kind in die Hand gelegt habe.

In meiner eingestandenen Blindheit über meine Lage und über meine Verhältnisse hoffte ich dennoch in diesem Zeitpunkte zuversichtlich, durch die Hülfe, die ich der Niederer'schen Haushaltung durch diesen Traktat und durch alles, was ich ihr sonst that, zu ihrem Aufkommen in die Hand legte, auch das Wiederaufkommen und die Rettung meiner Anstalt zu befördern und vorzubereiten. Aber diese Hoffnung führte mich um so mehr noch irre, da der täuschende Schimmer einiger, auch jetzt noch fortdauernden, äußerlichen Glückszufälle uns und die Welt von der wahren und ernsten Anerkennung des Grades des Verderbens, das dem Wesentlichen unsrer Bestrebungen am Herzen nagte, noch immer ab und dahinlenkte, anstatt diese Hülfsmittel, die uns die Vorsehung noch immer zufließen ließ, mit Sorgfalt zur stillen, ernsten und soliden Begründung des guten Zustandes im Innern unsrer Anstalt zu benutzen, uns immer nur mit dem Scheinglanz des äußerlichen Einflusses unsers Systems auf die Welt die Köpfe voll machten und uns unsere Zeit, Kräfte und Mittel dafür rauben ließen. Diese von uns so übel benutzten Mittel waren wirklich auch jetzt nichts weniger als klein. Wir hatten an den meisten Höfen Europa's noch immer Männer, die in ihrem Zutrauen an unsre Bestrebungen noch nicht schwankten. Der edle Russische Staatsrath Transehe lebte mit seiner Gemahlin und seinen Kindern als mein inniger Freund an meiner Seite. Die Aufmerksamkeit des Russischen Kaisers auf unser Thun war allgemein bekannt, und ein Zufall machte dieses Verhältniss in meinen Umgebungen auf eine Art auffallend, von der ich mir die größten Folgen auf die äußere Wiederherstellung meiner Anstalt in ihrem ganzen Umfange versprechen zu dürfen glaubte.

Beim Durchzug der vereinigten Armeen gegen Frankreich durch die Schweiz forderte die Spitalverwaltung der Österreichischen Armee von mir, meine Wohnung, die für ein Spital ganz bequem sei, zu räumen, damit sie es zu ihrem Gebrauche einrichten könne. Die Anzahl meiner Zöglinge war noch sehr groß, viele von ihnen aus sehr entfernten Ländern, und ich hätte in der[260] Stadt durchaus kein Local gefunden, das tauglich gewesen wäre, meine Anstalt darein zu versetzen. Bekannt mit der Gnade des Russischen Kaisers und auf die Weisheit und Gerechtigkeit des Oestreichischen Hofs zählend, fürchtete ich mich gar nicht. Ich erklärte der Militärbehörde, die mir diese Zumuthung machte, ich werde an beide höchsten Höfe selbst schreiben, und sobald sie oder ich Kunde von der Resolution, die dieser Angelegenheit halber von da aus genommen worden, erhalten, derselben ungesäumt auf die genaueste Weise entsprechen.

Die Stadt Iferten, von der Gefahr der Ansteckung des Nervenfiebers, das damals bei der Armee herrschte, beunruhigt, fürchtete, mein Privatschreiben möchte in dieser Angelegenheit nicht von genugsamem Gewicht und viel zu unbedeutend sein, um von demselben einen, ihren Wünschen und Bedürfnissen genugthenden Erfolg zu erwarten, und da Se. Majestät, der Russische Kaiser, damals in Basel war, entschloß sich die Stadt, eine Deputation an ihn abzusenden, und bat mich, diese Deputation dahin zu begleiten, und die Gefahren, in denen wir uns beide gemeinsam befanden, durch die dringendsten Vorstellungen bei Sr. Majestät, wenn es immer möglich sei, abwenden zu suchen.

Wir beschleunigten unsre Reise, so viel wir konnten, weil wir wußten, daß der Kaiser in wenig Tagen Basel verlassen würde, und waren so glücklich, ihn ein paar Stunden vor seiner Abreise noch anzutreffen. Ich hatte ein Empfehlungsschreiben von der Großfürstin Constantin an den Russischen Staatsminister, Graf von Nesselrode zu Handen des Kaisers. Ich übergab es, und ward im gleichen Augenblick mitten durch die Menge von Personen, die Se. Majestät vor Ihrer Abreise noch zu sprechen suchten, vorgelassen, und von Ihr mit einer Huld und Anmuth empfangen, die ewig in meinem Herzen unauslöschlich sein wird. Des Kaisers erstes Wort war: »Ich weiß, warum Sie da sind; ich habe den Brief gelesen; seien Sie ruhig; Sie haben mir nichts weiter vorzutragen; Ihre Angelegenheit ist in Ordnung, Sie werden in Ihrem Hause ungestört sein.« – Sogleich fing er an von meinem Thun und von meinen Bestrebungen zu reden, und zeigte einen Grad von Aufmerksamkeit auf meine Erziehungsansichten, die die edelsten Monarchen nur den ersten Angelegenheiten ihres Reichs zu zeigen gewohnt sind. Ich glaubte, Se. Majestät in diesem Augenblicke nicht lange belästigen zu dürfen, und wollte mich[261] zweimal entfernen. Der Kaiser erwiederte zweimal: »Bleiben Sie noch, ich rede gerne mit Ihnen, ich habe lange gewünscht, Sie einmal zu sehen.«

Nun war die Sache in Ordnung. Wir gingen mit Jubel nach Iferten zurück. Aber da die Armee unter Oesterreichischem Commando stand, so ging die officielle Behandlung dieser Angelegenheit durch Se. Durchlaucht, den Fürsten von Metternich, der mir hierin mit hohem Wohlwollen begegnete, an den commandirenden Obergeneral, Se. Durchlaucht den Fürsten von Schwarzenberg. Dieser edle Fürst sandte vom Generalquartier der Armee einen Offizier von Rang eigens nach Iferten, um am Orte selbst genaue Information zu nehmen, wer es auf sich genommen, meine Wohnung zu einem Spital für die Armee anzusprechen. Man kam von allen Seiten an mich, ich solle doch über niemand klagen. Ich äußerte an den beauftragten Offizier, diese Herren haben sämmtlich nur ihre Pflicht gethan; indessen sei es aber freilich auch an mir gewesen, die mir und der Stadt drohende Gefahr so viel als möglich abwenden zu machen, ich sei darin über alle Erwartung glücklich gewesen, ich habe gar nichts weiter zu thun, als zu danken. Der beauftragte Offizier ging noch weiter. Er fragte mich, ob ich glaube, man könne das Spital ohne Nachtheil für mein Etablissement in das Bad, das eine halbe Viertelstunde von Iferten weg liegt, verlegen. Und da ich antwortete, der Schrecken über das Nervenfieber sei allgemein so groß, daß bei der unausweichlichen Communication zwischen der Stadt und dem Bade, die in diesem Falle Statt finden müßte, gewiß sehr viele Eltern ihre Kinder abrufen würden, nahm er von dieser Antwort Notiz, und nach wenigen Tagen kam vom Hauptquartier aus die Antwort, daß man das Spital nicht nach dem Bade, sondern an einen, von Iferten entfernten Ort verlegen müsse. Dieser Grad der Aufmerksamkeit sowohl Sr. Majestät des Russischen Kaisers als des, die Oesterreichische Armee commandierenden Fürsten war aber auch ganz außerordentlich, und die Freude der Stadt, sich also durch das Interesse, das mein Unternehmen damals erregte, von der schrecklich gefürchteten Gefahr der Ansteckung des Nervenfiebers befreit zu sehen, in eben dem Grade groß.

Auch hätte in diesem Zeitpunkte kein Mensch in der Welt es möglich glauben können, daß die Stadtverwaltung, weder durch[262] mein Unglück noch durch irgend etwas dahin gebracht werden könnte, in Angelegenheiten meines Aufenthalts in ihrem Schlosse einen Ton zu nehmen, wie der ist, den die Stadt in der Correspondenz, die im Jahr 1821 zwischen ihr und mir statt fand, und documentirlich in meiner Hand liegt, gegen mich genommen hat. Aber die Welt jubelt allenthalben mit den Glücklichen, und zertritt auch allenthalben den Unglücklichen. Indeß schienen in diesem Zeitpunkte die Ursachen, welche die Hoffnungen auf die Möglichkeit einer soliden Rettung und Erhaltung meines Hauses von neuem rege machten und belebten, einen immer wachsenden Grad ihrer Solidität erreichen zu wollen. Wenige Monate nach diesem für mich so wohlwollenden Begegniß sandte mir der Russische Kaiser, nebst der Versicherung seiner fortdauernden Huld und Aufmerksamkeit auf meine Bestrebungen, den St. Wladimir-Orden.

Dieses und noch mehr, das in diesem Zeitpunkte von dieser Art geschah, belebte auch in meinen Umgebungen den Wunsch allgemein, das Institut, dessen wirthschaftliche Auflösung jedermann befürchtete, wenn es möglich sei, vor diesem Unglück zu retten. Jedermann sah, daß die Gefahr gar nicht vom Mangel an Ressourcen, sondern vom Mangel einer sorgfältigen Besorgung und eines treuen Gebrauchs derselben herrühre, und eine Zahl der geachtetesten Männer der Stadt traten als eine Administrationscommission meines Hauses zusammen, besonders um den mir in diesem Augenblick sehr gesunkenen Credit durch ihre Einwirkung und die Achtung, die sie persönlich genossen und verdienten, wieder herzustellen.

Die Hoffnungen der Möglichkeit unserer Rettung wurden in der nämlichen Epoche auch noch dadurch verstärkt, daß ein Herr Synge aus England, der uns zufälligerweise besuchte und nur ein paar Stunden hier verweilen wollte, nachdem er die anhaltende Aufmerksamkeit und die geistige Belebung unsrer Zöglinge in einigen elementarischen Übungen gesehn, davon so ergriffen ward, daß er seiner Reisegesellschaft auf der Stelle erklärte, er reise nicht weiter mit ihnen, die Sache scheine ihm von der Wichtigkeit, daß er sie nothwendig näher kennen und so viel als möglich sich selber eigen machen müsse. Seine Äußerungen über die Theilnahme, die er am Fortgang unsrer Unternehmung zeigte, und die Kenntniß von den Verhältnissen und Kräften, die ihm zu[263] Gebote standen, erhöhten natürlich unsern Muth und unsre Hoffnungen, die sehr viel weiter gingen als nur auf die bloße Rettung aus unsrer gegenwärtigen Lage.

Indeß hatte das Haus einmal den Unterschied dessen erkennen gelernt, was es beim Dasein meines Freundes Schmid noch gewesen und was es während seiner Abwesenheit geworden. Alle Übel desselben hatten sich vom Tage seiner Entfernung an, ich möchte sagen in jeder Stunde eine Reihe Jahre lang immer mit Riesenschritten vermehrt. Das Bedürfniß seiner Rückberufung ward allgemein gefühlt. Es mußte gefühlt werden. Die Schande unsrer Unbehülflichkeit war vorher noch vielseitig durch den einseitigen Ruhm unserer Zahl- und Formlehre bedeckt. Aber jetzt hatte auch diese ihre vorzüglichste Stütze verloren. Die Realkraft, von der dieser Ruhm ausging, war aus unsrer Mitte gewichen, und wir standen wirklich in Rücksicht auf die elementarische Behandlung aller unsrer Fächer von der einzig sich von dieser Seite stark auszeichnenden Kraft entblößt da. Dadurch gewannen die vielseitigen Belebungsmittel unsrer Schwachheitsanmaßungen einen, in unsrer Mitte immer weiter greifenden Einfluß. Ihr Verderben schritt jetzt in seinem Wesen so viel als ohne Widerstand, wie wir gesehen, Jahre lang vorwärts. Die Folgen aber waren von einer solchen Natur, daß es nicht anders möglich war. Die Augen mußten endlich jedermann über die Nothwendigkeit der Zurückberufung Schmid's aufgehen. Alles wünschte sich dieselbe, und Niederer war der, der sie am tiefsten fühlte und dieselbe Jahre lang durch eine Correspondenz mit ihm betrieb, die die hohe Achtung für ihn und den Werth, den er auf seine Rückkunft und Widervereinigung mit mir setzte, im höchsten Enthusiasmus ausdrückt. Diese Briefe sind zwar in Schmid's »Wahrheit und Irrthum« wörtlich abgedruckt; aber ich führe, um ihren Geist in ein wahres Licht zu setzen, dennoch einige Stellen daraus an.

Er schrieb ihm unterm 21. December 1813.: »Sie sind männlich kraftvoll, und darum achtungswerth. Doch das giebt die Natur. Aber Sie sind mehr. Sie sind wahr. Sie wollen das Gute mit festem Sinne. Das giebt der Mensch sich selbst, und das ist's, was Sie ehrwürdig macht. Wie viel mehr muß Pestalozzi Sie lieben, da Sie auch als liebendes Kind sich ihm zeigen.

Mein Herz ist voll, ich muß das Ihnen sagen, weil, was Sie[264] leisten werden, eine der schönsten Hoffnungen meines Lebens ausmacht. Wie ich Sie in der schönsten Stunde vertrauten Gesprächs fand, schwebten Sie mir früher vor. So trug ich Sie als Ideal in meiner Seele. Nein, Bande wie die, welche Sie an Pestalozzi und an seinen göttlichen Gedanken für das Glück und die Bildung der Menschheit binden, können nicht gelöst werden. Die Natur müßte darüber trauern und die Menschheit ihr Angesicht verhüllen!«

In einer andern Stelle sagt er ihm: »Milde, sanft, wie ein fruchtbarer, belebender Genius über uns schwebt, war mir in Ihrer Nähe.« (Schmid besuchte uns in diesem Zeitpunkte von Bregenz aus.) In eben diesem Briefe schreibt er ihm: »Sie haben das Menschenherz, und Ihre Mittel haben den Verstand für sich. Wer das hat, hat alles.« In einem zweiten Brief schreibt er ihm: »Ich setze mit Pestalozzi Leib und Gut daran, Dich hieher zu bringen.« Den 10. Februar 1815 hinwieder: »Die Sache (Schmids Rückkunft) ist so wichtig, daß ich Dir es auf die Seele legen möchte, auch wenn Du sichere Aussichten hast, Deinen Plan in Ostreich auszuführen, ihn ein paar Jahre noch aufzuschieben, und diese der Anstalt zu widmen.« Item: »Also frisch auf und Hand mit mir ans Werk gelegt! Allein kann ich nichts. Du weißt, was mir fehlt, aber mit Dir und ein paar andern ausgezeichneten und edeln Menschen zweifle ich nicht an der Verwirklichung eines pädagogischen Himmels auf Erden.« Niederer's diesfälliges Wort: »Allein kann ich nichts« erklärt sich aus einer andern Stelle eines frühern Briefs, die so lautet: »Ohne die Macht der intellektuellen und Kunstmittel vermag ich nicht auf die Welt zu wirken.« Sein Urtheil über das Bedürfnis und die entscheidende Wichtigkeit, Schmid hieher zu bringen, war so lebendig in ihm, daß er sich in seinem letzten diesfälligen Briefe sogar also ausdrückt: »Zwei Briefe schrieb ich Dir, lieber Schmid, einen den 24. Jenner und den zweiten vorige Woche. Heute folgt ein dritter, um Dich bestimmt anzufragen, ob Du Dich nicht entschließen könntest, ohne weitere Erwartung der Antwort der Behörden auf Deinen Plan (Du könntest etwa vorwenden, Dich noch ein paar Jahre vorbereiten zu wollen) alsobald Dich an Pestalozzi anzuschließen.« –

Vieles zu dieser Änderung unsrer Ansichten über meinen Freund trugen auch die Schicksale Schmid's in den Jahren seiner Entfernung von uns bei. Ich fasse sie in einem speziellen Gesichtspunkt[265] einen Augenblick ins Auge. Es ist merkwürdig, in welchem Grade er von dem Augenblick an, da er mein Haus verließ, bis auf denjenigen, in welchen er wieder in dasselbe eintrat, allenthalben, wo er hinkam, Liebe, Vertrauen, Ehre und Achtung fand; und eben so, wie seine hohe Brauchbarkeit in seinem Lande von den höchsten Behörden sowohl unter der östreichischen als unter der bayerschen Regierung erkannt wurde, und in welchem Grade und Umfang sein Charakter allgemein als der jovialste, gemüthlichste und zugleich zuverlässigste, kraftvollste und rechtlichste anerkannt wurde. Indeß war es Schmid nichts weniger als leicht, die Verhältnisse, in denen er damals stand, und die ihm große Aussichten vorzubereiten schienen, zu verlassen. Aber sein Herz, seine Liebe zu mir überwand die starken Gründe, die ihn zur Nichtannahme dieses Rufes hätten bewegen können.

Er kam wieder. Aber er kam, wie er vorher war, ein Stein des Anstoßes für viele, er kam als ein Stein des Anstoßes für alle, die in irgend einer Schwäche und Oberflächlichkeit sich in Höhen träumten, in denen sie nicht wirklich lebten. Er kam als ein Stein des Anstoßes für jeden, der nur von ferne irgend eine Handbietung zu etwas, das gegen seine Überzeugung war, von ihm erwartete und für dessen Erzielung sich auf irgend eine Art ungebührliche Maßregeln und Zumuthungen erlaubte. Er glaubte vor allem aus dem drohenden ökonomischen Zustand, in dem sich mein Haus befand, abhelfen zu müssen, und wollte das Übel schnell und zwar in seinen tiefsten und stärksten Wurzeln angreifen; das aber war nicht möglich, ohne einem großen Theile des Hauses in ihren Genießungen und Ansprüchen Abbruch zu thun und sie darin zu kränken. Er sah es wohl, aber ging mit Ruhe und Festigkeit seinen Weg standhaft fort. Er konnte nicht anders. Er konnte und durfte das Haus in ökonomischer Rücksicht nicht im ganzen Umfange seiner Ressourcen als Gemeinhaus aller derer, die darin waren, er mußte es in dieser Rücksicht als mein Haus ansehen und fand es als solches seinem unausweichlichen Einsturz nahe, und ergriff auf der Stelle solche Maßregeln, wie man ergreifen muß, wenn es um weniger nichts als um Leben und Tod, um sein oder um nicht mehr sein zu thun ist. Die Umstände aber waren diesfalls so übel, daß er selber nicht recht wußte, ob und wie weit er in dieser Rücksicht zu seinem Ziel kommen werde oder nicht. Er nahm[266] sich aber auch für einmal nichts weiter vor, als mich aus dem Zustand der mich bürgerlich entehrenden Verschuldung heraus zu ziehen und im äußersten Fall, wenn dieses geschehe, mich in Ruhe und Frieden auf mein Gut zurückzuführen.

Aber es brauchte unter den obwaltenden Umständen, um auch nur dieses zu erzielen, Kräfte, Maßregeln und Entschlüsse, die kaum jemand zu ahnen vermochte. Er mußte gegen die eingerissenen Übel des Hauses gleichsam Sturm laufen. Er that es. Er verringerte das Lehrerpersonale, das beinahe noch so stark war als bei seinem Austritte, indessen die Zahl der Zöglinge schon um die Hälfte herunter gesunken, und setzte ferner noch den höchst übertriebenen Sold derselben um die Hälfte herab. Er vermehrte zugleich die Zahl der Unterrichtsstunden, die jeder zu geben hatte. Um hier einen Begriff von der ökonomischen Dilapidation zu geben, die im Hause herrschte, als Niederer und ich meinen Freund Schmid an die Spitze desselben stellten, sage ich nur so viel: die Anstalt zählte damals 78 Zöglinge, worunter 16 Halbpensionnäres. Wir hatten 22 angestellte Lehrer, denen das Haus Wohnung, Kost und Lichter geben und die Wäsche zahlen mußte und die überdies einen jährlichen Sold bezogen, der sich über zehntausend Schweizerfranken belief; nebenbei ertheilten noch mehr als ein halbes Duzend Privatlehrer den Zöglingen Unterricht.

In Rücksicht auf Hrn. K.., der unter diesen Umständen, mit Frau und Kindern in Iferten wohnend, mit meinem Hause verbunden war, fiel die Unmöglichkeit, fortdauernd mit mir im gleichen Verhältniß zu stehen, so in die Augen, daß er selber schon vor Schmids Rückkunft einen Platz, der seinen Bedürfnissen ein Genüge zu leisten geeignet wäre, suchte. Er fand das nicht leicht, und nach Schmid's Zurückkunft fand er, da die Spannung zwischen letzterm und Niederer anfing etwas lebendig zu werden, für's Beste, an meiner Seite, eben wie Niederer es auch hatte, auf eigene Rechnung in Iferten selber eine Knabenerziehungsanstalt zu errichten; und ich auch in diesem Fall gedankenlos über die leicht vorauszusehenden Folgen, die die Errichtung auch dieser Anstalt in kurzem auf mein eigenes Etablissement haben mußte, gab diesen Schritt, den ich gar leicht hätte verhüten können, nicht nur zu, sondern half ihm so weit dazu, daß er seine Anstalt zuerst selber auch mit einigen meiner Zöglinge besetzen konnte. Kurz,[267] ich ließ mir nicht nur alles, was meiner Lage den Untergang bereiten konnte, über den Kopf wachsen, ich sorgte noch selber dafür, daß es geschehe; indem ich durch die Art der Handbietung, die ich Fremden zur Aufbauung ihrer Häuser gab, immer mehr mein eigenes untergraben ließ.

Schmid konnte den Folgen meiner diesfälligen Fehler durchaus nicht in ihrem ganzen Umfang Einhalt thun; doch er machte, ohne das, was er in Rücksicht auf die Verminderung des Lehrerpersonale, seiner Besoldung etc. etc. gethan, jetzt auch noch dem Scandal meiner Buchdruckerey, meiner Buchhandlung und des literarischen Bureau's ein Ende; auch setzte er dem Zuströmen von ungebildeten und zudringlichen Menschen, davon ihrer viele, wenn sie nirgends ein Unterkommen fanden, in meinem Hause eine Gastherberge suchten und immer leicht fanden, ein Ziel. Dieses Zuströmen unberufener und zum Theil unbrauchbarer Fremdlinge war auch noch in diesem Zeitpunkte so groß, daß es im Polizeibureau einer nahe gelegenen Hauptstadt zum Sprüchwort wurde: »Es erscheinen unter ihren Thoren von keinem Handwerk so viele wandernde Bursche, als solche, die nach Iferten reisen, um die Pestalozzische Methode zu studiren.« Die ökonomische Commission half Hrn. Schmid hierin, und machte den Ökonom und die Haushälterin, die sie mir selber gegeben, auf die Erheiterungen, die Schmid ihnen darin gab, als Leute, die in meiner Lage nicht für mich paßten, das Haus verlassen, und fand die Maßregeln Schmid's zur Rettung meines Hauses so eingreifend und wirksam, daß sie ihren weitern eigenen Einfluß auf die Wirthschaft meines Hauses gänzlich aufgab und mich unter seinen Händen mit Vertrauen mir selber überließ.

Schmid griff indessen in seinen diesfälligen Maßregeln nach allen Richtungen hin. So wie er alles aufbot, dem fressenden Krebs der Wirthschaft meiner Anstalt im weitern Umgreifen seines Gifts Schranken zu setzen und ihm, beides durch gütliche Mittel und durch Festhaltung rechtlicher Schranken, Einhalt zu thun; so that er von einer andern Seite ebenfalls, was er konnte, um durch Erneuerung der in meinem Hause ganz außer Übung gekommenen Pflichterfüllung, die gesegnetesten und reinsten Quellen meiner ökonomischen Ressourcen herzustellen, und zu diesem Endzwecke die Thätigkeit und Kraft aller Lehrer für dieses dringende Bedürfniß unsers Hauses wieder zu beleben.[268]

Er fing auch an, die beste Hoffnung zu haben, mich dadurch in wenig Jahren in einen Zustand zu setzen, entweder frei und selbständig in meinem hiesigen Wirkungskreis bleiben oder wenigstens unverschuldet auf mein Gut zurückkehren zu können, welches letztere schon im ersten Augenblicke der Rückkunft Schmid's mein einziger und inniger Wunsch war. Ach! ich war damals des weitern Bleibens in meinem Hause so müde, daß ich mein Entrinnen aus demselben als das höchste Glück, das mir begegnen könne, ansah. Aber Schmid machte mir klar, daß dieses bei dem Grade meiner Verschuldung gegenwärtig ganz unmöglich sey. Ich mußte bleiben.

Unsere Hoffnungen, die Glieder unsers Hauses auf eine, sie allgemein befriedigende Weise bei einander erhalten zu können, schienen sich seit Schmid's Rückkunft von verschiedenen Seiten wieder neu zu beleben; aber der Anschein unsrer Näherung hatte im Innern unsrer Gesinnungen keine Realwahrheit mehr zum Grunde. Es herrschte hie und da bei den Schonungen, die man sich in diesem Zeitpunkte gegenseitig zeigte, eine Reservatio mentalis, die aber unter gewissen Umständen und bei gewissen Gelegenheiten so wenig bedeckt wurde, und im Gegentheil so plump zum Vorschein kam, daß man ihren Trug nicht nur beim Sonnen-, sondern selbst beim Mondschein sehen und mit Händen greifen konnte. Es mußte so kommen. So nothwendig die Maßregeln Schmid's zu unsrer Rettung waren, so waren sie doch auch geeignet, den letzten Schatten der Selbstsucht eines jeden Mitgliedes meines Hauses in seinem Innersten zu beleben, und Ärgerniß und Mißmuth im Innern desselben zu nähren.

Schmid versuchte, die Ansichten meines rechtlichen Verhältnisses in meinem Hause gegen Mitglieder wieder geltend zu machen, die so viele Jahre lang durch meine diesfällige Schwäche in den Irrthümern ihrer Ansprüche verhärtet waren. Das war natürlich einigen derselben in meinem Hause, in deren Wagschalen mein Recht und mein Wille schon lange kein Gewicht mehr hatten, ans Herz gegriffen, und geeignet, dahin zu wirken, dem Zustand der Selbstüberwindung, mit der das Mißfallen über sein Benehmen einige Zeit getragen wurde, mit Beförderung ein Ende zu machen. Er wurde indessen seit seiner Zurückkunft in seinen, jetzt einen gesegneten Erfolg zu nehmen scheinenden, Bestrebungen von meiner seligen Gattin mit großer, lebendiger Theilnahme[269] unterstützt. Eines der ersten Worte, das sie zu ihm beim Eintritt in mein Haus sagte, war: »Schmid, kommen Sie für meinen lieben Mann oder für Hrn. Niederer in unsre Mitte zurück?« Er antwortete ihr mit Bestimmtheit: »Ich bin für niemand als für meinen Freund Pestalozzi zurückgekommen.« – Sie kannte Schmid's Kraft und glaubte seinem Worte, beruhigte sich über unsern Zustand und nahm von nun an an allen seinen Maßregeln mit erneuertem Frohsinn zutrauensvollen, warmen und thätigen Antheil, der entscheidende Folgen auf die solide Wiederherstellung unsers Hauses hoffen ließ.

Aber unglücklicherweise starb sie acht Monate nach Schmid's Zurückkunft, und von diesem Augenblicke an zeigten sich die ersten Glieder unsers pädagogischen Vereins in offener Fehde gegen den Mann, der im ernsten Sinne des Worts mein Haus als das meinige behandelte und dem Eigenen meiner Zwecke, meiner Bedürfnisse und meines Willens ein reales Übergewicht über das Eigene des Willens, der Zwecke und der Ansprüche jedes von mir angestellten Mitglieds desselben zu geben versuchte. Hohe und übertriebene Lobreden über Schmid, die noch vor wenigen Wochen aus dem Munde und aus der Feder Hrn. Niederer's flossen, wurden wenige Tage nach ihrem Hinscheiden in Worte des Hasses und der leidenschaftlichsten Verfolgungssucht umgewandelt. Er, den Niederer nur noch vor sehr kurzer Zeit als sein Ideal der Erziehungskunst erklärte, mit dem er nach seinen eigenen schriftlichen Ausdrücken einen »pädagogischen Himmel in Iferten verwirklichen« wollte, war jetzt in mündlichen und schriftlichen Äußerungen als ein Mann dargestellt, der zwar als ein guter Küchen- und Kellermeister brauchbar sei, dem aber kein, die wesentlichen Bedürfnisse einer guten Erziehung kennender Mann auch nur ein Bettelkind hiefür übergeben würde.

Sein diesfälliges Benehmen hatte natürlich auf einen großen Theil der Glieder meines Hauses, die meine Schwäche bis auf Schmid's Zurückkunft im Frevel eines sansculottischen Benehmens gegen mein Recht, meine Ehre und mein Interesse so viel als ungehemmt und ungestört mißbrauchen konnten, einen entscheidenden Einfluß. Meine, in der Realität ihrer Verhältnisse untergebenen, besoldeten und in Pflicht stehenden Gehülfen und Lehrer forderten nach diesem Begegniß collectiv und eigentlich[270] revolutionär von meiner Schwäche die augenblickliche Entfernung Schmid's von meiner Seite in einem Ton, in dem wohlerzogene Leute nur mit einem in ihrem Dienste stehenden Knecht sich zu reden erlauben, und begleiteten diese Forderung sogar noch auf die ungebührlichste Weise mit Drohungen. Einer der eifrigsten und thätigsten Beförderer dieser Maßregeln schrieb mir in diesem Zeitpunkt, wenn ich mich nicht ungesäumt entschließe, dem entscheidenden Willen meines Hauses nachzugeben, so werde er sowohl als meine übrigen Lehrer alles daran setzen, Schmid in ganz Deutschland auf eine Weise zu verschreien, daß ich die Folgen meiner Hartnäckigkeit ganz gewiß bereuen werde, aber es dann nur mir selbst zuzuschreiben habe.

Ich nahm natürlich keine Rücksicht auf ein solches Benehmen; aber die Herren hielten ihr Wort. Sie thaten mehr. Sie brachten durch ihre Festigkeit im Unrecht eine Reihe von Jahren Jammer und Leiden über mein Haus, die eben sowohl geeignet waren, in jedem gefühlvollen Menschenherzen Mitleid zu erzeugen, als es im höchsten Grade zu empören. Die Auftritte des Hasses gegen Schmid und mein Haus wurden immer allgemeiner, und nachdem sie sich ein paar Jahre lang gleichsam in sich selbst erschöpft, fanden sie plötzlich in einem Umstande, der in diesem Zeitpunkte eintraf, neue und außerordentliche Reize und Mittel, sich ihrem leidenschaftlichen Endzwecke, Schmid von mir zu entfernen, mit großen Hoffnungen eines entscheidenden Erfolgs zu überlassen.

Es erschien wie aus den Wolken ein Mann in unsrer Mitte, mit außerordentlichen und seltenen Kräften und Mitteln ausgerüstet, und zugleich mit vorzüglich gebildeten und in verschiedenen Rücksichten sehr interessanten und merkwürdigen Männern, die sich dem Erziehungsfache widmeten, umgeben. Aber sie waren alle unbedingt von ihm beherrscht und hatten in ihrem Thun und Lassen keinen eigenen selbständigen Spielraum; dieser Mann bot mir beinahe das Unglaubliche an, dem Druck und dem Elend meiner Lage ein Ende zu machen, und das Haus, dessen Zwecke und innere Mittel, insonderheit mit Rücksicht auf den Einfluß, den Schmid's Zahl- und Formlehre auf die Solidität unsrer elementarischen Bestrebungen hatte, er bis in den Himmel erhob, im ganzen Umfange seiner Bedürfnisse auf einen festen Fuß zu setzen. Er bewies mir auch auf eine entschiedene Art, daß er die[271] Kräfte und Mittel zur Ausführung alles dessen, was er versprach, in seiner Hand habe. Ich glaubte ihm anfangs beinahe unbedingt, nahm die Hülfe, die er mir in seinen Lehrern anbot, mit Dankbarkeit und Liebe an. Einige von ihnen wurden meine Hausgenossen und gewannen sogleich einen Einfluß auf die Führung meiner Anstalt, von dem ich mir alles Gute versprechen zu dürfen glaubte. Auch Schmid glaubte sich der Dauer und der guten Folgen dieser Umstände bis auf einen gewissen Punkt sicher.

Aber die Gesammtheit meiner Gehülfen, deren Einseitigkeit, Schwächen und leidenschaftliche Stimmung wir kennen, sah den neuen Einfluß dieses Mannes auf mein Haus um so weniger mit gleichgültigen Augen an, da er wesentlich und vorzüglich aus der Achtung dieser Männer für Schmid's Talente, Grundsätze und pädagogische Ansichten hervorzugehn schien. Sie glaubten nichts anders, als unsre Näherung gegen diese fremden Männer sei eine, von Schmid wohl berechnete Maßregel, sie allmälig dem Haus entbehrlich und sich selber von ihrem weitern Daseyn unabhängig zu machen, und sahen zugleich, daß sie keine Gewalt wider diesen, wie sie vermutheten, geschmiedeten Plan in sich selbst haben. Sie suchten sämmtlich von nun an sich von den Folgen dieses ihre Anmaßungen, Hoffnungen und Bestrebungen störenden und gefährdeten Zustandes zu sichern, und so schnell als immer möglich eine von uns unabhängige, eigene Laufbahn zu finden; und ich, auf die Fortdauer der Hülfe von guten Lehrern, die wirklich schon in meinem Hause waren, unbesorgt und vertrauungsvoll rechnend, that eben nicht viel, um irgend einen von ihnen von diesem Entschluß abzubringen. Ich entließ mehrere von ihnen auf ihr erstes Ansuchen sogleich; aber kaum war dieses geschehen, so fühlte Schmid, dieser Mann, der mir so viele Hülfe für meine Anstalt anbot und einen Theil davon schon in meine Hand legte, indem er einige sehr gebildete Männer, die ihn begleiteten, meiner Disposition, sie als Lehrer zu gebrauchen, gänzlich überließ, fange an, sein gegebenes Wort durch Ansprüche zu beschränken, die, von eigenen Zwecken ausgehend, sich mit den wesentlichen Zwecken unsrer Lebensbestrebungen gar nicht vertrugen.

Durch die ersten Spuren dieser Gefahr aufmerksam gemacht, überzeugte er sich bald vollkommen, dieser Mann wolle durch die großen Mittel und Kräfte, die er in seiner Hand habe, den Glanz[272] und den Schimmer unsres Hauses zu unserm Dienst äufnen und fördern, suche aber den Geist und das Wesen der Führung desselben ganz und unabhängig von uns an sich zu bringen. Überzeugt von dieser Gefahr, fing Schmid an, gegen ihn auf seiner Hut zu sein. Er hatte schon lange Vorbereitungsmittel eingelenkt, es möglich zu machen, unsern Zwecken mit eigenen Kräften auf eine erleichternde Art entgegenwirken zu können. Jetzt fühlte er die Nothwendigkeit, hiefür mit der größten Beförderung diese Maßregeln zu ergreifen, in dem Grade, als er sich von der Gefahr überzeugte, mit unsrer Anstalt in die Hand einer Wohlthätigkeit zu gerathen, deren Quellen er nunmehr mit Entschiedenheit mißtraute.

Glücklicherweise reifte in diesem, für die Selbständigkeit unsrer Zwecke und unsrer Anstalt so entscheidend gefährlichen Augenblicke der Gedanke in ihm, es könnte möglich sein, durch eine, auf Subscription zu eröffnende Ausgabe meiner sämmtlichen Schriften Mittel zu finden, die Selbständigkeit unsres Hauses von fremder Hülfe unabhängig zu machen und auf eine Weise zu begründen, wie sie bis jetzt noch nie begründet war. So wie dieser Gedanke in ihm gereift war, säumte er keinen Augenblick, plötzlich nach Stuttgart abzureisen, um mit Hrn. v. Cotta zur Beförderung dieses Endzweckes die nöthigen Einrichtungen zu treffen. Er war auch darin, Gott Lob, über alle Erwartung glücklich, kam sehr schnell wieder zurück, und fand die Besorgnisse, um deren willen er diesen Schritt gethan, nicht nur in einem hohen Grade bestätigt, sondern die Maßregeln, die dafür genommen wurden, auf eine sehr grelle Art ausgeführt. Der Mann, dessen Wohlthätigkeit Schmid jetzt zu fürchten angefangen, benahm sich indessen noch bis zum Augenblicke seiner Abreise nach Stuttgart im höchsten Grade freundschaftlich gegen ihn und versprach ihm alle Hülfe und Handbietung für unser Haus in seiner Abwesenheit. Schmid war aber kaum fort, so näherte er sich seinen entschiedensten Feinden als Leuten, die gegenwärtig mit ihm ein gleiches Interesse haben, ihn von mir zu entfernen; zugleich näherte er sich auch mir, mit dem er in Rücksicht auf seine Verhältnisse, Kräfte und Aussichten, mit denen er uns Hoffnung machte, vorher nie ein Wort geredet hatte, sondern darüber nur mit Schmid unterhandelte, und fing damit an, mir einzuflüstern, wie gefährlich es für mich werden könne, daß Schmid sich anmaße,[273] ökonomische Verpflichtungen in meinem Namen zu unterzeichnen, und wie nothwendig es sey, ihm meine Vollmacht zu entziehn.

Die Sache beunruhigte mich. Er lag mir täglich in den Ohren und ging immer weiter; bald kam deutlich heraus, es sey ihm um nichts geringeres zu thun, als Schmid gänzlich von mir zu entfernen. Da ich das sah, hatte ich genug. Ich erwartete Schmid. Er kam schnell und brachte der Ausgabe meiner sämmtlichen Schriften halber einen Contract mit Hrn. v. Cotta, der alle Hoffnungen, die ich diesfalls haben konnte, so weit übertraf, daß ich Gott nicht genug dafür danken konnte, Schmid diese Vollmacht mit unbedingtem Zutrauen auf seinen moralischen Charakter gegeben zu haben. Eigentlich wußte ich bis zu seiner Rückkunft gar nicht einmal genau, worum es sich in Rücksicht auf die Verbindung, die dieser Herr mit mir und meiner Anstalt suchte, handelte. Schmid aber gab mir nunmehr hierüber vollkommenes Licht, und damit war jeder Gedanke, uns im geringsten mit ihm zu verbinden, vollends aufgegeben. Er entzog mir am nämlichen Tage seine Lehrer und seine Hülfe. Das wirkte um so drückender auf meine Lage, da ich von seinem frühern Benehmen geblendet, alle Maßregeln vernachlässigte, die ich unter den gegenwärtigen Umständen für die momentane Erhaltung meiner angestellten Lehrer mehr als je nothwendig gehabt hätte. Die feindselige Opposition, die schon lange die Entfernung Schmid's von mir als ihr Heil und als das Ziel, nach dem sie mit vereinigten Kräften hinstrebte, ansah, fand sich jetzt für diesen Endzweck von neuem im höchsten Grade belebt. Die Umstände konnten für sie auch nicht günstiger sein. Mein damals wieder bis beinahe auf hundert Zöglinge angewachsenes Erziehungshaus befand sich in diesem Augenblicke plötzlich so viel als ohne Lehrer. Die Auflösung desselben schien ohne neue Hülfe unausweichlich, und Schmid's Opposition arbeitete von nun an mit dem mir ehemals wohlthätig handelnden Manne thätig und kraftvoll auf diesen Zweck hin.

Wenige Monate, nachdem mir dieser Mann seine Hülfe entzog, entzog mir sie auch Niederer. Die Annalen der Welt haben kein Beispiel, daß ein Geistlicher ein bürgerliches Verhältniß seinem alten Freunde auf diese Art aufgekündigt. Es war Pfingsten (1817), und er sollte nach vollendetem Confirmationsunterricht einige meiner Zöglinge zum ersten Genuß des heiligen[274] Abendmahls einweihen und entweihte diese religiöse Handlung auf folgende Weise. Es war auf meine Veranstaltung in meinem Haussaale feierlicher Gottesdienst. Alles, was mit uns in einer nähern Bekanntschaft stand, wohnte dieser Handlung, zu deren Feierlichkeit ich mein Möglichstes beitrug, bei, und Niederer benutzte dieselbe, ohne mir vorher auch nur einen Wink von seinem diesfälligen Vorhaben gegeben zu haben, dahin, sich in offener kirchlicher Versammlung mit beleidigenden Ausdrücken aller weitern Verhältnisse mit mir und meiner Erziehungsanstalt gleichsam kirchlich und priesterlich auf offener Kanzel loszusagen.

Das empörte mich natürlich, und zwar um so mehr, da der ehemals so wohlthätig gegen mich handelnde Mann mit seinen Lehrern auch zugegen und die öffentliche Lossagung Hrn. Niederer's, wie ich nicht anders denken konnte, mit ihm gemeinsam und zu gleichen Zwecken verabredet war. Es geschah dabei noch in meinem Hause, ich fühlte mich als Hausvater und als Herr in demselben, und Niederer stand auch in dieser Confirmationshandlung, in so weit als mein bezahlter Lehrer in meinem Hause auf der Kanzel. Unter diesen Umständen glaubte ich mich berechtigt, aufstehen zu dürfen. Ich unterbrach ihn in seiner Rede und sagte ihm, nebst mehrerm, daß er da sei, meine Zöglinge zu confirmieren und uns mit dieser Handlung christlich zu erbauen und nicht bekannte feindselige Verhältnisse, die zwischen meinem und seinem Hause Statt finden, auf offener Kanzel zu berühren. Ich glaube auch in dem, was ich diesfalls that und sagte, in dem Grade recht gehabt und wohl gethan zu haben, als er, nach meinem Urtheil, in seinem diesfälligen Benehmen unrecht gehabt und übel gethan.

Durch den Zusammenfluß dieser Umstände fand ich mich in meinem Hause dahin gebracht, daß ich außer Schmid und einigen, zum Theil noch sehr jungen Menschen, die ich mit wohlthätigen Gesinnungen und großen Aufopferungen mir selbst bildete, keine Seele und keinen Schatten von Hülfe und Beistand an meiner Seite mehr hatte, und um meine Anstalt nicht auf der Stelle auseinander gehen zu sehen, genöthigt war, einen Herren L.., über dessen unbefriedigendes Verhältniß zum Umfange meiner Bedürfnisse kein Zweifel mehr übrig ist, unter Bedingnissen anzustellen, unter denen sich beinahe kein Christ in Algier beim bösen Bey[275] aus der Sclaverey loskaufen würde. Ich mußte ihm nicht nur eine, meine Kräfte übersteigende Besoldung versprechen, sondern dabei noch seine Frau, mehrere Kinder und eine Magd mit allem Nöthigen unterhalten und über das alles mehrere tausend Franken zusichern, im Fall man ihm das Versprochene nicht in seinem ganzen Umfange halten könne oder halten werde. Die Gefahr der Auflösung des Ganzen war dadurch und durch viele andere Aufopferungen für den Augenblick beseitigt, und Herr L. ließ sich von dieser Stunde an Studiendirector meiner Anstalt betiteln. Die jungen Leute, deren Studien er jetzt freilich als Oberlehrer dirigiren sollte, waren durch die Folgen der in ein verwirrtes und sich widersprechendes Landgeschrei ausgearteten Lobreden einer neu erfundenen Methode, die aber nirgend da war, schon in einen Taumel von Anmaßungen und Unverschämtheiten hineingezogen, die mit den Anmaßungen und dem Charakter des Herrn Studiendirectors in vollkommenem Einklange standen, und auch nicht säumten, sich unter seiner Fahne in aller Fülle ihres Unwerthes und ihrer Gefährlichkeit an den Tag zu legen.

Meine, in dieser Rücksicht schon tief irregeführten, nunmehr als Unterlehrer angestellten Zöglinge, uneingedenk des wesentlich Guten, das ich an ihnen allen und besonders an denen, die, ehe ich mich ihrer annahm, in der höchsten Armuth lebten, gethan, standen jetzt plötzlich in meinem Hause wie insurgirende englische Fabrikarbeiter zusammen, hörten auf, allgemein ihre Pflichten zu erfüllen und erklärten sich collectiv und in Masse, durchaus keine Unterrichtsstunden mehr zu geben, sondern in vollem Insurektionsmüssiggang zu bleiben, bis einem jeden von ihnen sein bisheriger Sold von Schmid in meinem Namen verdoppelt und die Versicherung davon schriftlich in die Hand gelegt sein werde. Diese merkwürdige revolutionäre Zeiterscheinung in einer Schulstube fand am 24. Julius 1817 statt. Ach, die armen irregeführten Kinder hatten die Welt, und was darin gehen und nicht gehen mag, nur in meinem Hause gesehen, und glaubten, was sie in demselben Unverschämtes oft und viel durchgesetzt sahen, gehe in der ganzen Welt auch so durch. Aber die meisten von ihnen haben, wie ich gewiß weiß, seither schon Erfahrungen gemacht, daß dieses bei weitem nicht also sei. Es ist indeß unglaublich, in welche Kindereien sie durch die, von Alters her in der Oberdirection eingewurzelten und durchgesetzten Insubordinationsanmaßungen, Intrigen[276] und Frechheiten meines Hauses, die ihnen schon seit lange täglich vor Augen standen, hingeführt wurden. Sie brachten an eben diesem 24. Julius noch an, es sei nothwendig, daß sie als angestellte und anerkannte Lehrer der neuen Methode im Hause in dem Ansehen gehalten werden, das ihrer nunmehrigen Stellung gebühre, und zur Erreichung dieses Zweckes zu fordern berechtigt seien, den schwarzen Kaffee, den ich bisher nach dem Mittagessen mit einigen Gliedern meiner Haushaltung in meinem Besuchzimmer zu trinken gewohnt war, neben mir und diesen Personen mitgenießen zu dürfen.

Doch was will ich über diese jungen Leute, die so viele verführerische Beispiele vor sich hatten, klagen. Das ganze Haus sah, mit welcher Ängstlichkeit ich alles that und gleichsam im Staube vor Niederer hinkroch, um ihn zur Wiedervereinigung mit Schmid zu bewegen, sah, wie ich ihn hundert und hundertmal aufsuchte und beinahe meine Liebe und meinen Verstand erschöpfte, um ihn zu sich selber zu bringen. Es war aber alles umsonst. So wie Niederer nur den geringsten Zusammenhang mit den Ansichten über Schmid in irgend einer unserer Unterredungen wahrnahm, verlor er seinen Verstand. Meine Zeit, meine Ruhe und meine Gesundheit ging verloren. An die Erfüllung der Pflichten, die mir in meiner Stellung oblagen, war nicht mehr zu denken. Dieses ging so weit, daß Schmid genöthigt war, mir vorzustellen, ich sinke durch dieses tägliche leere Stroh Dreschen zur völligen Unbrauchbarkeit in meinem Hause herab und unterliege körperlich demselben. Nachdem er mich Jahre lang diese Narrenbemühung treiben ließ, beschwor er mich endlich, diesen Zustand durch Ausweichung der persönlichen Berührung wenigstens zu mildern. Er hinderte mich aber nicht, das mündlich Unmögliche schriftlich noch zu versuchen. Die abgedruckte Correspondenz in »Wahrheit und Irrthum« liefert diesfalls Belege, die jedes weitere Wort hierüber überflüssig machen. Ich führe hier einige Stellen aus einem der wesentlichsten Briefe, den ich in diesem Zeitpunkte an Niederer schrieb, hier wörtlich an. Es heißt darin:

»Ich habe gehofft, Du lenkest einmal in Deiner Antwort an mich zu den Schritten der Versöhnung ohne Rücksicht auf alles Unglück, alle Elendigkeiten und alles Unrecht, das hinter uns ist, als ein Mann ein, der dem Ziel, das wir suchen sollen, mit Einfachheit,[277] Gradsinn und Selbstüberwindung entgegen geht; aber auch in diesem Brief ist Rechthaberei Dir wichtiger als unser Ziel, und ich muß wieder in Beantwortungen eintreten, die mehr geeignet sind, uns von unserm Ziel zu entfernen, als uns demselben zu nähern.«

»Du sagst: ›Sie thun mir wahrlich Unrecht, daß Sie glauben, ich soll mit einem Mann gemeinschaftliche Sache in Ihrer hohen, heiligen Bildungsangelegenheit machen, der Sie in diese und viel schädlichere Widersprüche unauflöslich verstrickte, und der mich dadurch um das theuerste, köstlichste Kleinod meines Herzens und Lebens, um ein kindliches Verhältniß zu Ihnen, um das unbedingte sich hingebende Vertrauen an Ihre Person und an Ihr Wort gebracht hat‹. Antwort: Lieber Niederer! Nimm es mir nicht übel, es thut mir unaussprechlich weh, Dich in Deinen geäußerten Ansichten mit Dir selbst eben wie mit mir in Widerspruch, und Deine diesfällige Verirrungen so weit treiben zu sehn, daß ich Dir unbedingt sagen muß: Du siehst den Splitter in Deines Bruders Aug', den Balken aber in Deinem Aug' achtest Du nicht. Nicht Schmid, sondern unsere eigenen Schwächen und Leidenschaften haben uns getrennt, und das lange, ehe er wieder kam. Oder ist es nicht wahr, kam Schmid nicht einzig und allein um dieser Widersprüche willen, die zwischen uns statt hatten, wieder hieher? War die Anstalt nicht um dieser Widersprüche willen, schon seit Jahren so viel als auf den Kopf gestellt? Es ist doch nicht möglich, daß Du nicht nur die völlige Erkaltung, sondern selber die schrecklichen Scenen, die zwischen mir und Dir in seiner Abwesenheit vorgefallen, alle vergessen habest, und daß Du nicht mehr wissest, daß sie seit seiner Ankunft bis auf einen gewissen Zeitpunkt sich gemildert haben, und dann plötzlich wieder gewaltsam hervorbrachen. Wie kannst Du dann sagen, daß er es sey, der Dich um Dein kindliches Verhältniß zu mir und um Dein unbedingtes Vertrauen auf mein Wort gebracht. Das ist nicht wahr. Dein kindlicher Sinn gegen mich und Dein unbedingtes Vertrauen zu mir war schon längst dahin, ehe Du ihn hieher ruftest. Lieber Niederer! Dein Urtheil über Schmid ist seit Jahren nicht mehr das Urtheil Deines Geistes, sondern das Urtheil Deines Fleisches und Deines Blutes. In jedem Schritt, den Du seinethalben seit so langem gethan und geredet hast, sehe ich Deine Weisheit, Deine Tugend und Deine[278] Rechtlichkeit beinahe ganz verschwunden und ich höre Dich, wenn von Schmid die Rede ist, mit wahrem Entsetzen das Wort: ›Religion und Gewissen‹ ganz ohne Überlegung, ohne Ruhe und ohne Kraft in den Mund nehmen. Du sagst ferner: ›ich werde noch selbst erleben, daß Du nicht der unversöhnliche Mensch seist, für den ich dich halte.‹ Antwort: Lieber Niederer! Du kennst Dich selbst nicht, und schreibst die Härte Deines Charakters, die mitunter gewiß auch in etwas aus Deinem Fleisch und Blut hervor geht, immer nur ganz Deiner hohen und reinen Liebe zur Wahrheit und Deiner gänzlichen Hingebung zum heiligen Dienst alles göttlichen und menschlichen Rechts zu. Aber ist das Benehmen Deines Lebens gegen mich denn ganz mit diesem Selbstzeugniß über Deine diesfällige gänzliche Hingebung an Wahrheit und Recht auch so übereinstimmend, daß ich es unbedingt unterschreiben und als unbefangen und unparteiisch anerkennen muß?«

»Du sagst ferner: ›Die Menschen, die von Mißtrauen ausgehn und es zur Grundlage ihrer Handlungen machen, können nicht mit denen haushalten, die das Vertrauen als Grundlage aller Menschenbildung aufstellen, und die in diesem Vertrauen und um desselben willen mannigfaltig zerrissen und zerfleischt wurden.‹ Lieber Niederer! Es war mein Lebensunglück, daß ich in meinem Vertrauen immer zu weit ging und meine Umgebungen immer dahin brachte, daß ein jeder bestimmt in demjenigen Vertrauen von mir forderte, worin er es am wenigsten verdiente. Ich weiß, in welchem Grad ich darüber Unrecht gelitten und wie ich bestimmt alles Vertrauen gegen mich verloren, weil bald ein jeder fühlte, daß er mich bei dem Vertrauen, das ich zu ihm habe, betrügen könne, wie er wolle. Wenn aber je vom Zerfleischen durch Mißbrauch des Vertrauens die Rede ist, so wird die Nachwelt urtheilen, ob ich nicht mehr als irgend jemand in meinen Umgebungen durch den Mißbrauch des Vertrauens zerfleischt wurde, und ob das Zerfleischen des Herzens natürlicher Weise von dem ausgehe, der um Versöhnung bittet, oder von dem, der sie abschlägt; und noch erlaube mir in Rücksicht auf das Mißtrauen, das ich an Schmid lobe und Du an ihm tadelst, dieses zu bemerken: Unser Haus war, als er darin eintrat, so voll Stoff, Mißtrauen zu erregen, und Mißtrauen war, um dasselbe zu retten, die Conditio sine qua non. Er hätte ein Gott sein müssen, um ohne Mißtrauen auch nur auf die[279] Spur zu kommen, wie es möglich sein könne, den Übeln, die dem Haus ans Herz gegriffen, abzuhelfen.«

»Du sagst ferner: ›Lassen Sie Ihr Herz erweichen!‹ Ich antworte: Freund, was hast Du seit Jahren gethan, mein Herz zu erweichen? Wer hat je mein Herz zu erweichen gesucht und es unerweichlich gefunden? Freund, ich muß Dir hierüber im Gegentheil sagen: Wenn es je möglich gewesen wäre, mein nur zu weiches Herz zu verhärten, so wäre dieses durch Dein Jahre langes Benehmen gegen Schmid und mich geschehen. Gott Lob aber ist das nicht geschehen.«

»Du sagst endlich: ›Eine geistig würdigere Laufbahn lag nie in eines Menschen Hand, als in Schmid. Sie zu ergreifen, ist der einzig mögliche Beweis der Friedfertigkeit und Versöhnlichkeit, so wie sie früher zu finden, der einzige Beweis von Tugend, Tüchtigkeit und wahrem Genie für ihn war.‹ Lieber Niederer, es war nichts in seiner Hand, in Eurer Mitte vertrauensvollen Einfluß zu finden. Die Geschichte der zwei letzten Jahre beweist auf jedem ihrer Blätter, daß er, wenn er auch ein Engel gewesen wäre, bei der allgemeinen Denkungs- und Handlungsweise, die gegen ihn und mich statt fand, ohne den Widerstand, den er geleistet, in meinem Hause nichts Gutes hätte schaffen können. Lieber Niederer! Man hat unstreitig diese ganze Zeit über gegen mich gehandelt, wie wenn nicht nur die Rettung meiner Anstalt, sondern das Heil des ganzen Menschengeschlechts davon abhange, daß man ihn todt oder lebendig aus meinem Hause und von meiner Seite wegbringe. Wahrlich, wahrlich, man hat diese Zeit über, über ihn, seine gänzliche Nichtswürdigkeit und seinen Mordeinfluß auf meine Seele, auf meinen Geist und mein Herz auf eine Weise abgesprochen, als wenn der liebe Gott selber mir und meiner Anstalt nicht mehr gnädig sein könne, so lange er darin sei; und, lieber Niederer! Du kannst nicht ganz in Abrede ziehen daß Du nicht bei den Bannstrahlen, die diese Zeit über gegen ihn losgingen, ein wenig den heiligen Vater machtest und unglücklicher Weise für mich und mein Haus in denselben sehr viele Gläubige gefunden, die aus Glauben wahrlich unchristlich handelten.«

»Lieber Niederer! Wird Dir aus allem Gesagten noch nicht klar, daß der Stein des Anstoßes, der einer reinen und wahren Versöhnung zwischen Dir und meinem Hause im Wege steht, einzig und[280] allein Deine einseitige, leidenschaftliche und gewaltthätige Ansicht von Schmid ist? Lieber Niederer! Ich bitte Dich, sieh den ganzen Lauf seines letzten Daseins in meinem Hause mit unbefangenen Augen an, und wenn Du es darfst, so sprich es denn aus, Du habest seinethalben immer in christlicher Unbefangenheit gefühlt, gedacht und gehandelt! Sprich es denn aus, wenn Du darfst, Du habest ihn einzig nur um Deiner Religion und um Deines Gewissens willen so tief herabgewürdigt, und für so verwerflich erklärt, als Du es gethan!«

»Niederer! Es geht ein Gottes-Gericht hoch über alles Thun unserer Leidenschaften einher. Wir sind alle Sünder, und es steht uns allen wohl an, über uns selbst strenger als über unsern Nächsten und Nebenmenschen zu richten. Niederer! Sieh mich an und sage, ob Du in Rücksicht auf Schmid auf einem bessern Wege wandelst, als ich in Rücksicht auf Dich, und die, so mit Dir ihre Hand streitend gegen mich und gegen mein Haus aufheben. Siehe, Niederer, da, als es schien, ich würde im Elend, das wahrlich menschlich von Menschen über mich verhängt worden, vergehen, gab ich öffentlich am meisten mir selbst Schuld, klagte niemand darüber so sehr an, als mich selbst, und sah nur in der Versöhnung mit Menschen, die mir vorzüglich unrecht und weh thaten, meine einzige mögliche Rettung. Ich bat diese Menschen, wie ein Sünder Gerechte, um Barmherzigkeit und Versöhnung. Ich fand keine, als unter der Bedingung, Schmid als Opfer dieser Versöhnung preis zu geben. Das konnte, wollte und durfte ich nicht; aber diese Lage brachte mich auch der Verzweiflung nahe. Da rettete mich Gott mitten in den verheerenden Folgen der Unversöhnlichkeit meiner Umgebungen.«

»Niederer! Ich möchte, daß alle zur Erneuerung unsrer Leidenschaften hinführende Ansichten und Gedanken in die Tiefe des Meeres vergraben wären, wo in Ewigkeit von der Auferstehung ihrer Schatten keine Rede mehr sein könnte. Niederer! Lasset uns beiderseits bedenken, die Versöhnung, die wir suchen, geht wahrlich nicht aus der Beschönigung der Fehler unserer Vorzeit, sie geht einzig und allein aus der Erneuerung unsrer Selbst zu einem bessern Leben hervor. Wir können und müssen sie nicht in dem Mist der übel vergangenen Tage, wir müssen sie in der Reinheit und Wahrheit der Besserung unsrer gegenwärtigen und künftigen Tage, wir müssen sie in der Reinheit und Wahrheit der Besserung[281] allein wahrhaft vorhergehenden Liebe zu erzielen suchen. Niederer! Mit diesen Ansichten und Gefühlen spreche ich jetzt noch einmal mein diesfälliges letztes Wort gegen Dich aus, aber laß es in Gottes Namen denn auch mein letztes sein. Niederer! Gott hat mich gerettet, und mir ist am Rand meines Grabes gegen meine Hoffnung und auch gegen Euern Glauben, gegen Euren Willen und gegen Eure diesfalls gebrauchte Gewalt, Heil wiederfahren.«

»Ich bin gerettet, aber ich liebe Euch. Ich möchte auch mit Euch, ich möchte auch durch Euch, ich möchte auch für Euch gerettet sein. Ich möchte in meiner Rettung zwar behalten, was mein ist, aber ich möchte Euch auch geben, was Euer ist. Ich suche in dem, was Euer ist, Kraft und Segen für das, was mein ist, und möchte, daß Ihr in dem, was mein ist, Kraft und Segen für das suchtet und fändet, was Euer ist. Müssen wir uns bekennen, daß wir einer wahren Versöhnung nicht werth und fähig seien, so wollen wir auch nicht ein Gaukelspiel mit dem treiben, was nur göttlich und erhaben anzubieten und anzunehmen unsrer würdig und unsre Pflicht ist. Aber weh uns, wenn wir einander dieser Unwürdigkeit und dieser Unfähigkeit gegen einander mit Unrecht anklagen, und so handeln, als ob wir die Fortdauer dieser Unfähigkeit und Unwürdigkeit selbst wünschten und zu befördern trachteten. Lieber Niederer! Geh uns vor im Glauben und in der Liebe! Stehe heute als Held der hohen Kraft der Selbstüberwindung an unsrer Seite! Verzeih', vergiß und glaube! Ich habe vergessen, ich habe verziehen und glaube, und Schmid sucht Vereinigung mit Dir in Wahrheit und Treue, um meinet- und um unsrer gemeinschaftlichen Sache willen. Was hindert uns nun, daß wir einen gemeinsamen Schritt zur Wiederversöhnung thun? Ich will es aussprechen, was uns hindert: Du hast allen Glauben an mich und an mein Wort verloren; aber Du thust mir Unrecht, und wenn Du in diesem entscheidenden Augenblick in der Härte Deines Unglaubens gegen mich verharrest, so wirst Du es ganz gewiß in kurzem mit bittern Thränen beweinen. Niederer! Komm doch von diesem mich kränkenden Wahnsinn zurück! Rufe doch den letzten Tropfen des Glaubens, der einst groß gegen mich war, in Deine Seele zurück, und erhebe Dich in diesem erneuerten Glauben an mich zu dem Vorsatz: die Stiftung und die Anstalt, die jetzt unsern gemeinschaftlichen Zwecken so feierlich geweiht ist, als den Mittelpunkt[282] unsers gemeinsamen Bestrebens anzusehen, und ihr in aller Wahrheit und in allen Rechten aufzuhelfen, nach Deinem besten Vermögen. Dadurch allein kannst Du es möglich machen, daß ich (wie Du sagst, daß Du es wünschest) als der Mittelpunkt aller hiesigen Anstalten, als der gesegnete Vater aller meiner Kinder dastehen und kraftvoll bis an mein Grab zur Beförderung unsrer gemeinsamen Zwecke einwirken kann. Aber kraftlos, thatenlos, treulos, überwindungslos, ich möchte sagen, gottlos und zum Schein vereinigen, das wollen wir nicht.« –

So weit mein Auszug aus diesem Briefe. Ich handelte aber auch nach demselben immer gleich schwach und immer gleich inconsequent in meinen Verhältnissen. Darin allein handelte ich fest und consequent, daß ich mir Schmid nicht von meiner Seite reißen ließ.

Je tiefer indeß die Kraft, mir selber in meiner Lage zu helfen, in mir verschwand, desto mehr suchte ich forthin, den Widerstand gegen diese Kraft, den ich nicht mehr zu meistern vermochte, durch unpassendes Nachgeben und unwirksame Aufopferungen zu besiegen. In diesem Geiste und gedrängt von dem Gedanken des bösen Einflusses, den Niederer's schonungslose und harte Handlungsweise gegen mich und mein Haus in diesem Zeitpunkt hatte, ergriff ich ein eben so unpassendes Mittel, der Spannung, die zwischen Niederer und meinem Hause jetzt öffentlich obwaltete, durch eine, in meiner Lage wahrhaft großmüthige, väterliche Handlung, den giftigen Stachel zu benehmen, und sandte Hrn. Niederer, an dessen Frau Gemahlin ich im Gefolge der Verpflichtungen, die ihr die Übernahme meines ihr übergebenen Töchterinstituts auflegten, beträchtliche Summen zu fordern habe, eine diesfällige Generalquittung zu. Die Art, wie diese Handlung aufgenommen wurde, und die herzzerschneidenden Folgen, die sie bis auf den gegenwärtigen Augenblick auf mich hatten, sind in Schmid's Schrift »Wahrheit und Irrthum« bis auf den Zeitpunkt ihrer Erscheinung documentirlich dargelegt. Der Kürze halber verweise ich nur auf dieselbe.

Diese Handlung war eine Folge der großen Gemüthsschwäche, in der ich mich damals befand, oder vielmehr eine Folge der äußersten Verzweiflung, jemals auch nur das geringste von dem zu erhalten, was mir unzweideutig und unwidersprechlich gebührte. Diese Verzweiflung war jetzt noch durch den Insurrectionszustand,[283] in welchem sich das Haus befand, auf den höchsten Gipfel und so weit gebracht, daß ich bei der schnöden Rücksendung meiner Quittung und dem sie begleitenden Briefe des Hrn. Niederer plötzlich in eine innere Wuth gerieth, die mit einem Ausbruche von eigentlicher Raserei begleitet war und wodurch ich Gefahr lief, meinen Verstand vollends zu verlieren und in vollkommene Sinnlosigkeit zu verfallen. Schmid rettete mich auch in diesem Unglück mit der nämlichen Ruhe, Kraft und Liebe, die er in allen meinen Angelegenheiten zeigte. Sogleich am Morgen, nachdem am Abend vorher mein zerrütteter Seelenzustand sich in schrecklichen Äußerungen zeigte, brachte er mich auf den Jura, dessen kühlende Höhen auf meinen gefährdeten Nervenzustand unbegreiflich schnell so weit eine heilsame Wirkung auf mich hatten, daß die Gefahr einer gänzlichen Geisteszerrüttung und Sinnlosigkeit so viel als plötzlich verschwand, hingegen aber der Zustand der Geistesschwäche oder vielmehr Geistesabwesenheit, verbunden mit einem sehr hohen Grad von Ängstlichkeit und Muthlosigkeit, diesen gewohnten Nachwehen eines sich zu mindern anfangenden Verzweiflungszustandes, anhaltend fortdauerte.

Aber in welcher Lage war jetzt Schmid! Er sollte einerseits mich auf dem Berge beruhigt erhalten und vor den Folgen des Anfalls einer gänzlichen Sinnlosigkeit bewahren, und auf der andern Seite im Schlosse den gespannten Zustand, der zwischen hundert meistens verwöhnten und anmaßlichen Zöglingen und einem Lehrerpersonale, das mehr zum Verwöhnen als zum Regieren derselben geeignet war, beschwichtigen, oder wenigstens grellen Auftritten der Zerwürfnisse, die alle Augenblicke, wenn er abwesend war, auszubrechen drohten, vorbeugen. Die Aufgabe war groß. Ich fühlte mich auf dem Berge wie erlöst und in meiner Erlösung unaussprechlich glücklich. Aber ich wollte nicht mehr in mein Haus zurück; ich wollte sogar Wochen lang nichts mehr von ihm wissen und nichts mehr von ihm reden hören. Es war in meinen gespannten Gefühlen eine Hölle, aus der ich glücklich entronnen.

Schmid kam fast alle Abende, wenn er sein Tagewerk in Iferten vollendet, zu mir hinauf, blieb bei mir über Nacht, erheiterte mich, so gut er konnte, und kehrte dann am Morgen frühe wieder ins Haus, das ich nicht mehr sehen und von dem ich nichts mehr[284] hören wollte, zurück. So lang' er da war, ging es immer so ziemlich stille, aber wenn er sich nur einen halben Tag entfernte, so äußerten sich grelle Erscheinungen des bösen Gemüthszustandes, der darin herrschte, und der bald die Zöglinge, bald die Lehrer zu Gewalttätigkeiten im Durchsetzen ihres oft beiderseitig gleich großen Unrechts hinführte. Einmal brachte ich es dahin, daß er sich mehr als einen Tag bei mir aufhielt; als er wieder heim kam, fand er mehr als dreißig Zöglinge eingesperrt und die Lehrer in einem Zustande, den er nicht anders als auch einsperrenswürdig ins Auge fassen mußte. Zugleich waren Fremde hier, die einen Zögling mitbrachten und die Lehrstunden gern gesehen hätten. Aber es war an keine zu denken. Doch Schmid machte auch diesen Vorfall ohne einen öffentlichen Scandal vorübergehen.

Fellenberg erhielt indessen durch Hrn. Jullien Kunde vom Zustande meines Hauses und auch von dem meinigen, und lud mich durch ihn auf eine sehr freundschaftliche Weise nach Bern ein. Ich nahm die Einladung an, kam nach Bern und fand daselbst sowohl Hrn. Jullien als Hrn. Fellenberg. Beide stellten mir als eine, durch den Zustand, in dem ich mich befinde, dringend gewordene Nothwendigkeit vor, die Direction meiner Anstalt in die Hände Fellenbergs abzugeben. Welchen Eindruck diese Vorstellungen, wie sie geschahen, auch immer auf mich machten, so getrauete ich mir in dem Zustande, in welchem ich mich befand, dennoch nicht, diesen Schritt ohne nähere Prüfung und Überlegung zu thun, und entschloß mich zu diesem Endzwecke, von Hrn. v. Fellenberg weg wieder nach Hause zu gehen. Fellenberg und Jullien aber forderten von mir, daß ich ihnen verspreche, von diesem Vorhaben für einmal durchaus noch niemand Kunde zu geben. Ich versprach es, kehrte wieder nach Iferten zurück und hielt auch mein ihnen diesfalls gegebenes Wort.

Indessen suchte Jullien selbst, Schmid mit dieser Idee vorläufig allmälig bekannt zu machen. Dieser ging selbst nach Hofwyl und verabredete mit Hrn. Fellenberg, er solle mich für einmal zu sich einladen, um auf einem nahen, bei Hofwyl gelegenen, ihm gehörigen Gut meine Gesundheit gänzlich wieder herzustellen, und in dieser Zeit werde es sich dann zeigen, was für einen Eindruck eine allfällige Ausführung dieses Projects auf mich machen werde. Ich ging auch sogleich dahin ab, fand aber nach einigen Wochen auf eine mich vollends überzeugende Art,[285] daß die Folgen einer solchen Abtretung meiner Anstalt mit den Gefühlen meines Herzens und mit den Endzwecken meines Lebens sehr stark in Widerspruch kommen würden und durchaus nicht geeignet seien, mir zum voraus Sicherheit für meine diesfällige Befriedigung zu verschaffen. Ich kehrte wieder nach Iferten zurück; versprach aber in meiner, ächter Besonnenheit noch ganz mangelnden Schwäche Hrn. Fellenberg, noch einmal nach Hofwyl zu kommen. Ich that es, aber mit dem bestimmten Entschluß, nur Abschied von ihm zu nehmen und mit entschiedener Abweisung des vorgehabten Projects nach Iferten zurückkehren. Aber er wollte bei meiner Rückkunft zu ihm gar nichts vom Aufgeben dieses Vorsatzes hören, und setzte alles in Bewegung, die Unterhandlung über diesen Gegenstand noch einmal mit mir anzuknüpfen. Ich befand mich auch noch in einem Zustande, daß ihm dieses sehr leicht war. Ich kannte die großen Mittel und Kräfte, die er für die Möglichkeit der Erneuerung und Aufrichtung meiner Anstalt in sich selbst, in seinen Umgebungen und Verhältnissen hatte, nicht nur vollkommen, sondern faßte sie auch bald als in gewissen Rücksichten sehr vortheilhaft für mich ins Auge.

Er that natürlicherweise alles, diese Ansicht, sobald er sie in mir angeregt, zu stärken und zu steigern. Er suchte auch zugleich, mich über die Folgen, die die Nichtannahme dieses Vorschlags für mich und meine Anstalt haben werde, in einem hohen Grade ängstlich zu machen. Das war ihm auch bei dem Seelenzustand, in dem ich mich befand, sehr leicht. Er brachte meine Schwäche nach einem kurzen Widerstand dahin, daß ich ein Verkommniß unterzeichnete, dessen Rechtlichkeit und Unrechtlichkeit, dessen Vortheile und Nachtheile ich damals weder ruhig zu prüfen, noch richtig zu beurtheilen im Stande war. Wie weit diese Unterzeichnung von mir als an Kindesstatt geschehen, erhellt auch noch daraus, daß ich es gar nicht bedenklich fand, zuzugeben, dieses Verkommniß solle, ohne eine Abschrift davon in meine Hände zu erhalten, bis weitere Einrichtungen zur Ausführung seines Inhalts getroffen seien, durchaus nicht bekannt gemacht, sondern bloß unter Siegel gelegt, in Hrn. Fellenbergs Hand bleiben.

Indeß war ich doch so weit noch bei mir selber, daß, nachdem alles geschehen, ich mich des Gedankens nicht erwehren konnte,[286] ich habe vielleicht durch diese Unterzeichnung an mir selber und an den mir so lange heiligen Zwecken meines Lebens und eben so sehr an Schmid, an dem mein Herz in meinem verwirrten wie in meinem gesunden Zustande gleich innig hing, eine Untreue begangen, deren Folgen in allen Rücksichten unabsehbar werden konnten. Ich nahm auch mit schwerem Herzen in Hofwyl Abschied, und ging im Begleit eines Mannes, der zu den Zwecken Hrn. von Fellenberg's sehr wohl gewählt war, nach Iferten zurück. Schmid ahnete bei der Erscheinung dieses Herren in Iferten sogleich, warum er da sei, und machte mich auch sehr bald die Sünden, die ich hinter seinem Rücken, beides, gegen mich selbst und gegen ihn gethan, so weit ich sie kannte, ausführlich beichten. Sogleich darauf reiste er selbst nach Hofwyl zu Hrn. von Fellenberg und kam schnell dahin, die Folgen dieses von mir selbst gegen mich geschehenen Schrittes still zu stellen, und ich muß sagen, eigentlich mich wieder mir selbst zu geben. Ich erkenne auch alles, was ich noch bis auf den heutigen Tag Eigenthümliches für meine Zwecke zu thun vermag, als eine Folge dieses entschlossenen Schrittes meines Freundes. Er machte mich, sobald er zurückkam, schnell fühlen, daß die Hauptsache meiner Lebensbestrebungen weit mehr in der Weiterbearbeitung, Erhaltung und tiefern Begründung der Idee der Elementarbildung, als in der Benutzung ihrer unreifen Mittel und Maßregeln zu einer einzelnen Armenanstalt zu suchen sei.

Bei alle dem und bei meiner vollkommenen Überzeugung von der Nothwendigkeit meines Rückschrittes von diesem Verkommnis, verkenne ich dennoch die großen, menschenfreundlichen und wohlthätigen Zwecke, die Herr von Fellenberg bei diesem Antrag hatte, auf keine Weise, und bin überzeugt, er suchte das Eigenthümliche, das ich wünschte, mit aller Kraft, die in seiner Hand war, der Menschheit zu erhalten, und fühlte sich in einer unendlich bessern Lage und kraftvollern Stellung, als es mir nach seiner Ansicht je möglich werden konnte, in eine solche zu gelangen. Schmid fuhr indessen fort, meinem Hause, wie es wirklich war, unter allen Schwierigkeiten wieder aufzuhelfen, und ich fügte mich wieder in das Joch, an seiner Seite, wo nicht das Meinige zu thun, doch mich wieder im Schlosse, das ich noch vor wenig Wochen nicht mehr betreten wollte, einzuhausen. Er gewann in demselben wieder festen Fuß. Die Großsprechereien und[287] Gewalttätigkeiten des Studiendirektors minderten seinen Einfluß beinahe von Woche zu Woche, und die Führung meines Hauses fiel mit eben der Schnelligkeit wieder in seine Hand. Die Last und die Schwierigkeiten seiner Stellung waren aber noch immer groß. Er hatte auf der einen Seite mit meiner Traumsucht und mit meiner Ängstlichkeit und Mutlosigkeit, davon die eine alles möglich glaubte und alles hoffte, die andere aber alles fürchtete und sich ob allem ängstigte, auf der andern Seite mit dem Hause, dessen inneres Verderben sich unter seiner Führung zwar allmälig zu mindern schien, aber doch fortdauernd seinen Spuck forttrieb, zu kämpfen.

Standhaft, unermüdet und, ich möchte bald sagen, in seinen Mitteln unerschöpflich, schien er wirklich dahin zu kommen, mein Haus unter allen Schwierigkeiten für unsre Zwecke allmälig einem bessern Zustand entgegenzurücken. Einige von den Lehrern, die noch vor weniger Zeit nur unter dem Bedingniß einer unnatürlichen Solderhöhung sich hatten bereden lassen, ihre Stunden forthin zu geben, schieden mit guter Art und mit etwelcher Handbietung zu dem, was sie selber wünschten, von unsrer Seite. Andere von ihnen blieben unter gemäßigtern Bedingnissen. Einige neue Lehrer wurden gesucht und angestellt; aber der Geist unsrer frühern Bestrebungen lebte allgemein nicht in unsrer Mitte; in unserm Studiendirector war er ganz ausgelöscht, oder vielmehr nie einen Augenblick brennend. Tausend Erfahrungen bestätigten uns fortdauernd, daß die Lehrer, die wir bisher angestellt, im Wesen der Elementarbildung in unsrer Mitte durchaus nicht zu der Reife gelangt, in deren wir ihrer jetzt bedurften, und wir sahen auch an denen, die wir neu anstellten, daß sie nichts weniger als schnell und befriedigend dahin reifen werden. Schmid war mit mir vollkommen überzeugt, daß, wenn wir je hoffen dürfen, zu diesem Ziel zu gelangen, es nur dadurch geschehen könne, daß wir durch ein neues Etablissement das Personale selbst bilden, dessen wir dazu bedürfen.

Da ich mich aber in dem Verkommniß, das mir Herr von Fellenberg vorgeschlagen, geäußert, den Subscriptionsertrag auf meine Werke zu einem unveräußerlichen Fonds für die Fortdauer meiner Lebensbestrebungen bestimmen zu wollen, so besorgte mein Freund Schmid, die Abänderung der Bestimmung dieses Ertrags möchte in ihren Ursachen mißdeutet und in dieser[288] Mißdeutung seinem Einfluß zugeschrieben werden, und wollte es deshalb, ob er gleich diesen Vorsatz für einen, die Beförderung meiner wesentlichen Zwecke in einem hohen Grade gefährdeten Mißgriff ansah, dennoch nicht auf sich nehmen, mir den Vorsatz der Stiftung eines solchen Fonds unter den gegenwärtigen Umständen abzurathen, und ich selber, der in der Beurtheilung aller Geldbedürfnisse immer gedankenlos war und den Einfluß des Stiftungsplans für die Ewigkeit der gegenwärtigen Begründungsbedürfnissen dessen, was durch diesen Fonds mir erhalten werden sollte, nicht in dem Grade nothwendig ansah, als es wirklich der Fall war, zeigte auch gar keine Neigung, sondern vielmehr eine wirkliche Abneigung, die damals projectirte Bestimmung dieses Fonds abzuändern.

Aber die Folgen, die dieser Mißgriff hatte, wurden bei den Ansprüchen, die eine solide Erneuerung der wesentlichen Fundamente unsers ursprünglichen Beisammenseins erforderte, sehr bald klar. Schmid, der diese Bedürfnisse alle voraussah, wollte die projectirte Armenanstalt nur klein machen und nicht sowohl eine Armenanstalt, als vielmehr eine Bildungsanstalt für Lehrer und Lehrerinnen, die im Stande gewesen wären, die elementarischen Grundsätze der Erziehung und des Unterrichts praktisch in der Anstalt vollendet auszuführen und dadurch die Idee der Elementarbildung in der Anstalt selber zu einer Vollendung zu erheben, aus welcher die Anwendungsmittel derselben auf wissenschaftliche Kenntnisse und Kunstfertigkeiten gleichsam von selbst herausgefallen wären. Aber wir hatten hiefür weder die ersten Anfangsmittel in ihrer reinen und bedeutenden Kraft, noch die Kenntnisse, noch den Willen, die zu einer soliden Ausführung dieser Maßregeln nothwendig gewesen wären. Im andern Fall hätten wir, wenn in diesem Zeitpunkt genügsame Geldsummen in unsrer Hand gewesen wären, unter diesen Umständen gar leicht Mittel gefunden, uns Männer an die Hand zu bringen, die fähig gewesen wären, auch wissenschaftliche Fächer auf elementarische Grundsätze zu bauen und aus denselben schöpferisch hervorgehen zu machen.

Ich hatte mich indessen auch früher in dieser Rücksicht ausgesprochen, daß ich die von der Subscription einzugehenden Gelder vorzüglich dazu anwenden werde, um die Idee der Elementarbildung, so viel mir möglich, immer tiefer zu erforschen und[289] ihre wesentlichen Bildungsmittel auf einige wissenschaftliche Fächer auszudehnen. Aber ich verrechnete mich wie gewohnt in dem, was es Geldeshalber hiefür forderte. Die genugthuende Ausführung auch dieses Zwecks war unter den gegenwärtigen Umständen nicht möglich und mußte also aufgegeben werden. So groß, wie gesagt, der Mißgriff war, mich bei meinem Leben und besonders in diesem Zeitpunkte im freien Gebrauche meiner Ressourcen durch den träumerischen Plan einer Stiftung für die Erhaltung von etwas, das noch nicht da war, und sogleich die Mittel zu seiner Erschaffung mehr und näher bedurfte, als diejenigen zu seiner Erhaltung oder gar zu seiner Ewigerhaltung, hemmen zu lassen, so fühlte ich dennoch das Bedürfniß dessen, was in diesem Zeitpunkte zur tiefen und sichern Begründung meiner wesentlichsten Lebenszwecke unumgänglich dringend und nothwendig gewesen wäre, sehr tief, und that alles, was mir unter diesen Umständen zur Erzielung derselben noch möglich gewesen, indem ich in dieser Epoche (1818) eine Armenanstalt errichtete, aus der aber unter diesen Umständen und den damit verbundenen Folgen des Benehmens meiner ehemaligen Freunde und Gehülfen nichts mehr Gutes und Folgereiches hat entstehen können, als dasjenige, was wirklich daraus entstanden und erzielt worden ist.

Die in ihren Folgen so unglücklich weitführende Spannung zwischen den ehemaligen Mitarbeitern an meinen Bestrebungen und meinem Hause war meinem Herzen so zuwider, daß mir beinahe kein Opfer zu groß gewesen wäre, wodurch ich derselben ein Ende hätte machen können. Wie es immer geht, wenn man etwas sehnlich wünscht, so glaubt man es immer gar viel länger und leichter erreichbar, als es wirklich ist. Also glaubte ich auch jetzt noch, ungeachtet des fehlgeschlagenen Versuchs mit der Generalquittung an Frau Niederer, die mir so sehr ans Herz ging und in frischem Andenken hätte sein sollen, es wäre dennoch möglich zu erreichen. Ich suchte die Errichtung einer Armenanstalt und die damit verbundene Ankündigung des Stiftungsprojects dahin zu benutzen, diese meine ehemaligen Freunde zu allmäliger Erneuerung ihrer alten Verhältnisse zu mir und zum gemeinsamen Interesse für die ursprünglichen Endzwecke meiner Lebensbestrebungen und unsrer Vereinigung zurückzuführen und lud in der am 12. Jenner 1818 gehaltenen Stiftungsrede die Herrn[290] Niederer und Krüsi ein, sich als meine alten Freunde und Mitarbeiter auch [als] Mitstifter dieser neuen Anstalt anzusehen und auf eine, ihrer Lage und ihren Verhältnissen angemessene Weise an derselben Theil zu nehmen. Die höhnende Antwort auf diese Einladung ist von diesen Herrn öffentlich durch den Druck bekannt gemacht worden. Sie gaben diese projectirte Anstalt schon zum voraus der Verachtung des Publikums im höchsten Grade preis, indem sie bestimmt und unumwunden aussprachen, ich setze Hrn. Niederer und Hrn. Krüsi aufs tiefste herab, indem ich sie zur Theilnahme an meiner Stiftung einlade. – Sie blieben dem Geist dieser ersten höhnenden Äußerungen nicht nur treu, im Gegentheil, derselbe erhielt durch das von ihnen nicht erwartete Gelingen der nun angefangenen Armenanstalt neuen giftigen Reiz und machte ihre böswillige Thätigkeit gegen mein Haus in einem unglaublichen Grade rege.

Ich bin indeß überzeugt und nehme es gern an, Niederer's diesfällige Maßregeln gegen unser Haus seien im Anfange aus Selbsttäuschung hervorgegangen, er habe in diesem Augenblicke wirklich und aufrichtig geglaubt, durch diesen Widerstand gegen uns dem Wesen unsrer Zwecke, der Wahrheit, dem Recht und der heiligen Sache unsrer Vereinigung zu dienen. So dürfen wir uns doch nicht verhehlen, daß der Besitz des Mädcheninstitutes, das ich mit väterlicher Liebe und Sorgfalt Frau Niederer übergeben, und die Anstalt, die Hr. Krüsi, ohne allen Fonds, mit Ankauf eines Hauses und mit gar nicht unkostbaren Einrichtungen begann, einige menschliche Reize zur Abschwächung dieses Edelmuths gegen mich und meine Zwecke, in deren Täuschungen man sich einzuwiegen gefiel, mit sich zu führen geeignet waren.

Ich wiederhole: ich bin überzeugt, Niederer hatte es damals als eine unzweideutige Wahrheit angesehn, daß er das, was die Idee der Elementarbildung betrifft, die jetzt der Mittelpunkt unsrer Bestrebungen war, unendlich besser verstehe als wir, und daß er das, was wir nicht verstehen und schlecht machen, wirklich verstehe und besser als wir auszuführen im Stande wäre, wenn Schmid aus unsrer Mitte entfernt und er die Regierung des Hauses, ohne von ihm gehemmt zu werden, neben mir in freier Hand hätte. Aber die menschliche Täuschung führt unser schwaches Geschlecht, wo sie immer starke sinnliche Gelüste und große Reize zu Leidenschaften in ihrem Hintergrunde hat, allenthalben[291] unendlich weit. Wir wissen es alle, sie macht den Menschen in dieser Lage beinahe allgemein über sich selber sehr leicht blind, und so gern ich meinen alten Freund dieser Selbsttäuschung halber entschuldige, so darf ich mir den Eifer, der ihn und die mit ihm verbundenen Männer gegen uns belebte, durchaus nicht außer dem Zusammenhang und außer den Verbindungen ins Auge fassen, die eben nicht geeignet waren, die Wahrheit und den Edelmuth dieses Widerstandes für die Dauer ungeschwächt und ungetrübt zu erhalten und zu beleben. Ich darf mir nicht verhehlen, die Concurrenz meiner neuen vereinigten Knaben- und Mädchenerziehungsanstalt, von guten äußern Aspekten unterstützt, konnte den, auch noch ziemlich in ihren Anfängen noch gar nicht glänzend dastehenden Instituten Hrn. Niederere und Hrn. Krüsi's in ökonomischer Hinsicht in die Länge nichts weniger als angenehm und auch nur gleichgültig in die Augen fallen.

Die Ahnung, daß, wenn meine diesfällige Wage steigen sollte, die ihrige bei der Stellung, die sie nun einmal gegen mich genommen hatten, in eben dem Grade sinken dürfte, mußte sich in ihnen natürlich mit einiger Lebhaftigkeit entfalten, und war ganz gewiß geeignet, in ihnen wesentliche Besorgnisse zu erregen und die Täuschung von den überwiegenden Kräften, Vorzügen und Mitteln, die sie über uns zu haben glaubten, und zugleich den Glauben an unsre gänzliche Unfähigkeit, mit einem für uns vortheilhaften Erfolge mit ihnen concurriren zu dürfen, in ihnen zu schwächen. Daraus mußte sich denn auch natürlich in ihnen eine Art von Ängstlichkeit über das Verhältniß ihrer Institute gegen die meinigen entspinnen, die sie dann stufenweise dahin führte, ihren Widerstand gegen das Aufkommen der meinigen in sich selbst nicht nur mit gewohnten menschlichen Alltagsgründen bei sich selber zu entschuldigen, sondern auch allmählig als ein Recht der Selbsthülfe, die sie demjenigen, was sie als das ihrige ansahen, schuldig seien, ins Auge zu fassen.

Auf diesem Wege ist es, daß sie endlich dahin kamen, ihren Widerstand gegen mich und das meinige, beides, nach ihrer Möglichkeit und nach ihrer Nothdurft immer höher zu steigern, und endlich in dieser Steigerung alles Ziel und Maß zu verbannen und alle Schonung gegen alles, was meinem Herzen bisher heilig und theuer war, in sich selber so weit auszulöschen, daß sie zuletzt auch allen äußern Schein von Delicatesse und sogar die armseligsten,[292] aber allgemeinen Formen des Usage du monde diesfalls gegen uns ganz außer Acht ließen. Man bearbeitete seit dem Tode meiner Frau von dieser Seite aus meine nähern und fernern Umgebungen mit fortgesetzten Verschreiungen gegen mein Haus. Sie wirkten eine Weile wie ein Gift, das gegen uns im Finstern schlich, von dem wir aber, im Bewußtseyn unsers Rechtes und im allzugroßen Vertrauen auf unsere Kräfte, eine Reihe von Jahren kaum Notiz nahmen und nichts dagegen thaten.

Ihre Maßregeln gegen uns gingen indeß immer weiter. Man that, was man immer konnte, die Eltern unserer Zöglinge dahin zu vermögen, ihre Kinder aus unserm Hause wegzunehmen und in ihre Institute zu versetzen, und sandte hie und da Verschreiungspamphlets gegen unsre Anstalt in die Häuser von einigen derselben. Eines dieser Cahiers habe ich wirklich copialiter in Händen. Es ist schon vom 23. August 1816 datirt, und ursprünglich als Brief an einen meiner achtungswürdigsten Freunde Deutschlands gerichtet, später aber ins Französische übersetzt als das erste und noch mäßigste Verschreiungspamphlet gegen mein Haus in Circulation gebracht. Diese Maßregeln wurden von Jahr zu Jahr mit großer Kunst und Thätigkeit immer schonungsloser weiter getrieben, zugleich auch immer mehr mit dem Deckmantel der reinsten Wahrheitsliebe und Religiosität verschleiert; was natürlich dahin wirkte, daß sie mich und mein Haus eben so von Jahr zu Jahr immer mehr als den wesentlichsten Ansprüchen der Wahrheitsliebe und der Religiosität frevelhaft und gewaltsam entgegenwirkend verschrieen.

Am grellsten drückten sie sich diese ganze Zeit über gegen Schmid aus, der von jeher und zwar aus Gründen, die jetzt klar am Tage sind, die Zielscheibe und der Mittelpunkt ihres leidenschaftlichen Hasses und aller Maßregeln, die sie sich gegen unser Haus erlaubten, war. Je mehr sich ihr leidenschaftlicher Haß in ihnen steigerte, auf eine desto frömmere und andächtigere Weise drückten sie sich über die Ursachen und Beweggründe ihrer diesfälligen Handlungsweise aus, und fanden leider in meinen Umgebungen selber bei einigen wahrhaft gutmüthigen Menschen einen, mir und meinen Verhältnissen höchst nachtheiligen Glauben, den sie wahrlich mit einer nicht bloß männlichen, sondern auch weiblichen und selber priesterlichen Gewandtheit, Thätigkeit und Kunst benutzten. Sie brachten es auch dadurch bei einem[293] jungen, in verschiedenen Rücksichten interessanten Menschen, den ich sehr lieb hatte und der auch mich wahrhaft liebte, dahin, daß er in Niederer den wirklichen heiligen Johannes und in Schmid den leibhaften Antichrist zu sehn glaubte und in dieser Ansicht sich selbst bis zum völligen Wahnsinn verlor. Er fiel in diesem Zustande auf seinem Zimmer vor mir zu Füßen, bat mich um Gottes willen und beschwor mich bei allem, was meinem Herzen heilig sein mochte, diesen Feind alles Göttlichen und Heiligen von mir zu entfernen und mich und mein Haus ganz in die Arme des heiligen Johannes zu werfen. Da ich dieses natürlich nicht thun wollte und nicht versprechen konnte, sah er mich in seinem Wahnsinne selber als einen gefährlichen Gehülfen des Antichrists und als einen eigentlichen Satansknecht an, und floh mich seit diesem Auftritte, wo er mich nur von ferne erblickte, brütete aber von nun an den Gedanken, dem Kaiser von Rußland das schreckliche Unglück, das das Christenthum und die Menschheit durch die Erscheinung des leibhaftigen Antichrists in meinem Hause bedrohe, anzuzeigen und bei ihm hülfreiche Maßregeln gegen dasselbe zu erflehn. Se. Majestät war in diesem Zeitpunkte eben in Aachen, und der arme, verirrte, junge Mensch that jetzt in Iferten alles, um Geld und Vorschub zu einer Reise dahin zu erhalten, und bekam es auch wirklich. Es gelang ihm sogar, in den Umgebungen des Kaisers angehört zu werden; aber sein Zustand ward augenblicklich erkannt, und er wurde in Gefolg desselben behandelt. Er glaubte, den Kaiser gesehn zu haben und von ihm in seiner Bitte erhört worden zu seyn, reiste von da nach H****, wo er Universitätsfreunde hatte, und seine Eltern, die von seinem Zustande Nachricht erhielten, schrieben an mich und an mehrere seiner Freunde, daß man Anstalten treffe, ihn ungesäumt und mit Sorgfalt nach Hause zu bringen; welches auch geschah.

Die Umtriebe gegen mich und mein Haus, die auch das Unglück dieses jungen Menschen veranlaßten, dauerten indeß in meinen Umgebungen immer fort. Besonders wurden nach diesem Zeitpunkte Maßregeln gegen meine neue Armenanstalt, auf die ich mitten unter allen meinen unglücklichen Verhältnissen die größten Hoffnungen bauete, ergriffen, die dahin zweckten, die Kinder, die wir als Arme darin aufnahmen, und um ihrer selbst und um ihrer Bestimmung willen als solche zu erziehn versprachen und verpflichtet waren, mit ihrem Zustande unzufrieden,[294] ihre Eltern und Bekannte für sie in allen Rücksichten besorgt und durch unstatthafte, unrichtige Berichte über ihren Zustand unruhig zu machen. Das erhob natürlich die Schwierigkeiten meiner Anstalt und eben so die Fehler, die in derselben wirklich Statt fanden, zu einem Grade, der, indem er den ganzen Umfang meines Thuns bis zum Ekel anschwärzte und entwürdigte, das Thun meiner jetzt öffentlich feindlichen Gegenpartei dem Publikum in einem, in eben dem Grade vorteilhaften Licht in die Augen fallen zu machen geeignet war.

Schmid und ich ließen uns durch alles dieses unsern Muth und unser Vertrauen auf unser Thun nicht rauben, sondern gingen lange, mitten unter allen, sich täglich mehr häufenden Mühseligkeiten, den Weg zu unserm Ziele entschlossen und standhaft fort, und suchten durch die Ressourcen und den Kredit, den uns der Subscriptionsplan verschaffte, in hoffnungs- und zutrauensvoller Besorgung dieser Anstalt eine Bahn, unsern Zwecken, so viel als uns immer möglich war, mit aller Thätigkeit und Ausharrung entgegenzustreben. Einige partielle Resultate unsrer Bestrebungen in dieser neuen Anstalt erregten, mitten unter vielen ihr sehr ungünstigen Umständen, dennoch vielseitig sehr große Erwartungen. Das half indeß dem soliden Fortgange unsrer Angelegenheit im Ganzen so viel als nichts. Dieser forderte wesentlich, wo nicht ein unbedingtes, doch ein in einem beträchtlichen Umfange gesichertes Zutrauen, und zwar nicht bloß in Rücksicht auf meine Zwecke, sondern auch [in] Rücksicht auf meine Kräfte und Mittel. Dieses aber war jetzt in einem hohen Grade untergraben und gefährdet.

Unter hundert Eltern, denen man von ihren Kindern einflüstert, es geschehe ihnen unrecht, glauben immer bei weitem die mehrern von ihnen zum voraus, es könnte wahr seyn, werden ängstlich und fragen durch Umwege bei ihren Kindern selbst nach, ob es wirklich so sey. Und Kinder sind Kinder. Sie lassen sich nicht zweimal sagen, sie könnten und sollten es besser haben, man könnte und sollte mehr an ihnen thun und sie besser behandeln, als es geschehe. Wie der Boden eines Ackers durch wohl besorgtes Pflügen und Düngen geeignet wird, jedem Samenkorne Nahrung und Kraft zu einem gedeihlichen Wachsthum zu geben, so ward der Boden meines Hauses und besonders meiner neuen Anstalt durch die Handlungsweise meiner alten Freunde geeignet[295] und vorbereitet, jedem Saamenkorne des Undanks und der Untreue im höchsten Grade Nahrung und Kraft zu seinem Wachsthume zu geben. Die Folge davon war unausweichlich. Auch diese letzte Hoffnung meines Lebens, auch diese letzte Frucht meiner Anstrengung gefahrete, den bösen Folgen des Undanks und der Untreue zu unterliegen.

Doch, sie unterlag ihnen wenigstens im diesem Zeitpunkte noch nicht. Sie ist zwar nicht zur Reifung gelangt, und es ist entschieden, sie konnte ihrer Reifung auf keine Weise kraftvoll entgegen schreiten, aber ihre Blüthe schien doch wenigstens noch nicht sicher zu verwelken; wir schritten in dem stark gefährdeten Ganzen dennoch in einzelnen Bestrebungen befriedigend vorwärts. Der Drang meines Herzens für die Fortsetzung und Erhaltung dieses neu begonnenen Versuchs war so groß, daß ich keine Hindernisse und keine Schwierigkeiten, die ihnen in den Weg gelegt wurden, für unüberwindlich ansah. Wenn diese mich auch auf das Äußerste drängten und kränkten, so hielt ich es dennoch für meine Pflicht, alles zu wagen, und alles in Bewegung zu setzen, wodurch ich glaubte, es möglich machen zu können, um meine, nach meinem Urtheil unfehlbare und weit vorgerückte Lebensbestrebungen, auch nach meinem Tode, zu erhalten und zu sichern.

So groß die Mißgriffe waren, die mein Herz ohne Überlegung in der Begründung und Ausdehnung dieser Anstalt machte, so schien mir wenigstens die partielle Erzielung meiner Zwecke dennoch auch jetzt noch nichts weniger als unmöglich. An sich war sie es wirklich nicht, und mein Herz war dabei fest entschlossen, durch Aufopferung und Hingebung selbst das unmöglich Scheinende möglich zu machen. Ein großer Theil meiner Lehrer fing an, sich in seiner Theilnahme an dem Gelingen meiner Bestrebungen wirklich zu stärken, und so wie dieses im Innern meines Hauses der Fall war, so gab es mitten in der Dunkelheit der Nacht, die ob dem endlichen Schicksal des Ganzen meiner Bestrebungen schwebte, auch im Äußern meiner Verhältnisse Lichtmomente, in denen ich mich einer warmen und thätigen Theilnahme edler Menschen- und Erziehungsfreunde auf eine Weise zu erfreuen hatte, die meine Hoffnungen mir, in mir selber rechtfertigte.

Meine diesfällige Zuversicht stieg in diesem Zeitpunkte in dem[296] Grade, daß ich am Ende des Jahres 1820 gar kein Bedenken trug, meinen Enkel im festen Glauben an die endliche sichere Erzielung meiner diesfälligen Lebensbestrebungen zur thätigen Theilnahme an denselben zu bewegen und mir mit dem ihm von meiner lieben Frau rechtlich zugesicherten Eigenthum, alle vernünftig thunliche Handbietung zu leisten. Und nachdem dieser mit kindlichem Vertrauen hiefür eingewilligt und seine ernste und warme Theilnahme daran versprochen, that ich bei der hiesigen löblichen Municipalität Schritte, um mir den Besitz meines Locals mit den Vortheilen, mit denen es mir im Anfang übergeben und noch vor weniger Zeit fünf Jahre über mein Grab hinaus von ihr zugesichert wurde, von neuem bis etwa 15 oder 20 Jahre zu verlängern; auf der einen Seite fest entschlossen, das Resultat des Subscriptionsertrags und aller Handbietungen, die ich für meine Zwecke weiter finden möchte, im hiesigen Local, folglich in einem hohen Grade zum Vortheil der Stadt Iferten zu verwenden, und auf der andern Seite eben so überzeugt, daß, wenn der Plan, den ich zu verfolgen suchte, auch nur einigermaßen in seinem Umfange realisirt werden sollte, so sey es dringendes Bedürfniß, das Schloßgebäude Kommlichkeits- und Anstandshalber in einen Zustand zu versetzen, daß die Zöglinge auch diesfalls alle die Vortheile genießen, die in jeder würdig geführten Erziehungsanstalt üblich sind und gegenwärtig immer mehr und in einer immer größern Ausdehnung gefordert werden. Ich schlug zu diesem Endzweck der hiesigen Stadtbehörde einen Plan vor, dessen Ausführung mich persönlich wohl auf 400 Louis'dor, die ich dazu beizutragen mich verpflichten wollte, gekommen wäre, mit dem weitern Anerbieten, das Schloß, das laut einem frühern Verkommniß Bauenshalber bis 5 Jahre nach meinem Tode von der Stadt unterhalten werden sollte, dann von nun an diesfalls auf meine eigenen Kosten zu übernehmen.

Die Municipalität setzte sogleich eine Commission nieder, mit meinem hiefür Bevollmächtigten, Herrn Schmid, zu unterhandeln, und ich hielt mich von dem Erfolg dieser Unterhandlung so gewiß, daß ich zur Herbeischaffung der diesfälligen Gelderfordernisse mit meinem Sohnssohn alle nöthigen Einrichtungen traf, als am Tage (3. März 1821), an welchem der förmliche Abschluß der bisher getroffenen Verabreden Statt finden sollte, die Hrn. Niederer, Krüsi und Näf der Municipalität gegen mich und mein[297] Haus eine Adresse einreichten, deren traurige Folgen ich nothwendig als den endlichen Todesstreich aller Hoffnungen für die Endzwecke, die ich in Iferten anzubahnen und seit einer so langen Reihe von Jahren mit so viel Standhaftigkeit und Aufopferung durchzusetzen suchte, ansehen muß. Diese Adresse lautet wörtlich also:

»Les soussignés viennent d'apprendre par le bruit public, que l'honorable Municipalité de cette ville est disposée d'assurer de nouveau pour quinze ans le château d'Yverdun avec ses dépendances au nommé Joseph Schmid, qui en prétend la jouissance sous le nom de Monsieur Pestalozzi.«

»Les dispositions hostiles, dans lesquelles cet individu n'a pas cessé de se montrer depuis nombre d'années contre nos établissements, comme contre nos personnes, et l'abus qu'il a fait de la confiance sans bornes du respectable viellard, dont il s'est emparé, nous forcent de vous prásenter nos observations respectueuses contre un tel arrangement.«

»Dès le moment où Mr. Pestalozzi a mis le personnage en question à la tête de son Institut, il a rencontré en lui un instrument actif des foiblesses et des erreurs qui ternissent l'éclat de son mérite et tachent la gloire de sa vieillesse.«

»Nous disons plus, Schmid a envénimé les sentimens d'un homme essentiellement bon, noble et généreux.«

»Faut-il, pour preuve de ces assertions, d'autres temoins que vous-mêmes, Mr. le Syndic et Mrs. les Conseillers?«

»La plupart des faits qui les constatent, vous sont connus.«

»Depuis notre séparation d'avec Mr. Pestalozzi on nous a dénoncé dans des écrits qui se sont succédés depuis 4 à 5 ans, comme des hommes ridicules, des ingrats, des incapables et des égo?stes relativement à la cause et à la personne de Mr. Pestalozzi. On a calomnié nos intentions, dénaturé les faits, bâti un système de mensonges sur nos principes et notre conduite, pendant notre liaison avec lui, et altéré les raisons qui nous ont engagés à quitter l'Institut.«

»Nos réclamations ont été huées, les égards moraux et tous les principes si vantés de Mr. Pestalozzi foulés aux pieds, par rapport à nous.«

»Mr. Pestalozzi vient encore tout récemment de publier dans la préface du 5e volume de ses ouvrages: que nous avons égarré le[298] public sur ses opinions, ses vues pédagogiques et sur son Institut, et il nous menace des mesures prises contre nous au-delà de son tombeau.«

»Mr. le Syndic et Mr. les Conseillers! Une série d'actions a mis le caractère de Joseph Schmid au grand jour. On sait ce dont il est capable, et quel est l'usage qu'il fait de ses moyens; l'opinion publique l'a jugé en Allemagne, en Suisse, partout où il est connu. Mais le comble de l'effronterie est sa conduite envers l'honorable Magistrat de cette ville, et la manière dont il cherche à engager ce dernier et s'en servir pour se couvrir contre l'opinion, et pour continuer des menées contre nous, pour ainsi dire sous la protection de l'autorité publique d'Yverdun.«

»Mais si Schmid remporte la jouissance du château, après la mort de Mr. Pestalozzi, pour récompense d'en avoir usé de la sorte, si le terme de cette jouissance est même de nouveau prolongé, notre position vis-à-vis de lui sera tout-à-fait changée et elle changera nécessairement notre conduite à cet égard.«

»Alors nous ne pourrons plus mettre comme jusqu'à présent notre confiance dans la force et la sagesse protectrices du Magistrat de la ville que nous habitons. Nous ne pourrons plus vivre ici en paix, ni nous occuper tranquillement de la consolidation et des progrès de nos établissements que nous avons fondés sous tant de risques, parmi tant d'obstacles, calomniés, persecutés, même d'un côté ou nous aurions dû trouver notre point d'appui et nos premiers secours. Alors nous ne pourrons plus reconnaître en Yverdun l'endroit respectable destiné à être et à devenir de plus en plus le centre du developpement d'un grand et vaste système d'éducation, dont la base et la substance et la première condition sont la morale, la dignité de la nature humaine et la pureté des intentions de ses organes.«

Ohne über den Innhalt dieser Schrift ein Wort zu verlieren, ist offenbar, daß sie die Municipalität ihren Eingebern als eine zudringliche und unanständige Einmischung sämmtlich landsfremder Stadteinwohner mit förmlicher Mißbilligung hätte zurückgeben, oder sie ihres Inhalts halber an eine zu ihrer Untersuchung und Beurtheilung pflichtige und competente Behörde abgeben sollen. Sie that aber weder dieses noch jenes, sondern brach an eben dem Tage, an welchem ihr diese Adresse eingereicht wurde, alle weitere Unterhandlungen des Schlosses halber mit mir ab [299] und erklärte sogar alles diesfalls Verabredete und bereits Geschehene als null und nichtig. Der Schritt war jetzt geschehen, und die Herren, die ihn gewagt, glaubten durch das Ansehen und Zutrauen, daß sie hier genossen, und durch die vielseitigen Verbindungen und Verhältnisse, in denen sie hier standen, der Erzielung ihres Zwecks sicher zu sein, und ihrer Handlung halber gegen den guten, allein stehenden Pestalozzi und sein Haus ganz unbesorgt schlafen zu dürfen.

Indeß wäre in jedem, die Erziehung und den Unterricht in allen ihren Branchen fest unter Aufsicht haltenden Staate diesem, die Ehre und das Gut eines, vom Staate selbst berufenen und von ihm begünstigten Mannes auf einem so grell unrechtlichen gefährdenden Schritt durch fiskalische Behandlung plötzlich ein Ziel gesetzt worden. Wir hätten vielleicht die Sache als Injurienanklage auf rechtlichem Wege dahin lenken können, aber wir waren hier, sowohl in den neu organisirten Formen der Gesetzgebung als besonders in unsern Verhältnissen zu den im Lande bestehenden Aufsichtsbehörden über die Erziehung und ihre Anstalten fremd, und im Bewußtseyn unsrer Unschuld mit altschweizerischem Zutrauen auf unser Recht unbekümmert und unvorsichtig. Nebenbei muß ich bemerken: die Organisation der Gesetzgebung hat besonders in den Kantonen, in denen die mehrsten Erziehungsanstalten sind, in Rücksicht auf die Aufsicht über dieselben ihre großen Lücken. Diese Anstalten werden an vielen dieser Orte als eine Privatindustrie so viel als sich selbst und folglich allen Reibungen der Privatselbstsucht der entgegengesetzten Ansprüche dieser Verhältnisse überlassen. Das gab der collectiv vereinigten Selbstsucht unsrer Opposition, schon viele Jahre vor der Eingabe dieser Klagen, einen Spielraum gegen uns, den sie bei einer festorganisirten Regierungsaufsicht über die Privatindustrie durchaus nicht hätte finden können. Und ich schreibe es, nebst anderm, auch diesem Umstände zu, daß sie es haben wagen dürfen, diese, in ihren bösen Folgen so unendlich weitgreifende Addresse, der Municipalität von Iferten einzugeben.

Indeß hätte der Schritt, der jetzt geschehen, noch in seinen Folgen stille gestellt werden können. Fehlen ist menschlich, aber in seinen Fehlern verharren, ist etwas mehr. Ich hoffte auf die Möglichkeit eines solchen Rückschrittes. Aber diese Herren kannten den diesfälligen Boden ihrer Stellung und wußten, was mitten[300] in ihrem Unrecht für sie rechtsförmlich zu wagen möglich sei. Sie handelten seit dem Augenblick der Eingabe ihrer Schrift mit einer Kühnheit und mit einem derben Trotze, davon wir uns durchaus keine Möglichkeiten träumten, die aber meinen Freund, der die einzige Zielscheibe aller gegen mich und mein Haus geschehenen feindlichen Maßregeln war, unumgänglich nöthigte, zu versuchen, seine so weit gekränkte Ehre auf rechtlichem Wege zu suchen. So wie ich seit dem Anfange der Feindseligkeiten gegen mein Haus schon Jahre lang die Wiederherstellung des Friedens und Versöhnung zwischen uns suchte, that ich auch gegenwärtig alles mögliche, Hrn. Schmid zu bewegen, mit der rechtlichen Klage, zu der er sich genöthigt sah, zu zögern, in der Hoffnung, diese Herren würden die großen Folgen, die ihr, nach meiner freundlichen Ansicht in der Übereilung geschehener Mißgriff unumgänglich haben müsse, von selbst erkennen und genugsame Gründe zu einem Rückschritt in demselben in sich selbst finden. Auch wartete Schmid mit der Eingabe seiner Klage an die richterliche Behörde mehr als drei Monate.

In dieser Zeit aber stieg der Selbstbetrug und das Selbstvertrauen dieser Herren rücksichtlich ihrer eingegebenen Addresse auf die oberste Höhe. Sie glaubten sich im Hochflug ihres Unrechts gegen uns in Iferten allmächtig, und benahmen sich in ihren diesfälligen Äußerungen gegen uns fortdauernd um kein Haar anders, als sie sich in ihrer Addresse darüber aussprachen. Sie spotteten laut über Schmid's Äußerung, er wolle sie dafür rechtlich belangen, mit bestimmten Zusatz: er werde das wohl gut sein lassen müssen, indem sie alles und noch mehr als das, was sie über uns gesagt, rechtlich beweisen können und richtig beweisen werden. Diese Äußerungen aber waren freilich nichts weniger als Äußerungen ihres Glaubens an das, was sie sagten, sondern Worte, die ihnen Menschen zu Ohren trugen und in den Mund legten, von denen wenigstens zum Theil das Sprüchwort gelten möchte: »Recht verkehren thut mich nähren.« Solche Leute verstehen ganz wohl, wie man, wenn man genug Geld daran setzen will, auch die gerechteste und klarste Rechtssache Jahre lang in die Länge ziehen, den Kläger ermüden und unter gewissen Umständen durch fortgesetzte Rechtskniffe sogar an den Bettelstab bringen könne, ehe er auch nur zu einer bestimmten Untersuchung der eigentlichen[301] Rechtsfrage, um deren Erörterung es zu thun ist, zu gelangen vermöge.

Nebenbei wußten diese Herren aus langer Erfahrung, wie furchtsam ich sei, wie sehr ich allen Streit hasse, und wie oft ich mir lieber den letzten Pfennig aus dem Sack nehmen lasse, als vor den Rechten zu erscheinen. Sie dachten nicht, daß auch diese meine Schwäche ihre Gränzen habe und daß ich, wenn ich auf's äußerste getrieben bin, gegen meine Natur zu einem Muth und zu einer Entschlossenheit gelange, zu denen oft auch berühmte und gefürchtete Renomisten nicht in dem Grade gelangen.

Schmid griff endlich, einstimmig mit mir, die drei verbundenen Herren ihrer Klage halber vor dem Recht an, und ich stand von nun an mit Pflicht und Ehre zu ihm, wo es noth that und recht war. Von dem Augenblick an, da sie ihre Klagen vor dem Recht verantworten sollten, änderte sich ihre Sprache ganz. Das stolze Wort, daß sie dieselben mehr als genug beweisen können, gieng nicht mehr über ihre Lippen. Schon vor dem Anfange des eigentlichen Rechtsganges, da nach den hiesigen Gesetzen vor demselben der Versuch einer gütlichen Ausgleichung vor dem Friedensgericht statt haben mußte, ließ Schmid diese Herren vor genannte Behörde citiren. Sie gaben ihm aber daselbst zur Antwort, daß sie ihm vor dieser Auctorität weder Rede noch Antwort zu geben schuldig seien. Er citirte sie endlich, am 20. Juni, ihrer an die Municipalität eingegebenen Schrift halben, vor Gericht.

Was thaten sie? Sie erschienen nicht. Er mußte sie das zweite mal citiren. Sie erschienen wieder nicht. Er citirte sie zum drittenmale, und da sie in diesem Fall Gefahr liefen, in Contumaz verurtheilt zu werden, ließen sie ihm endlich auf gerichtlichem Wege sagen, die freundlichen Ausgleichungsversuche, die Schmid ihnen während dieser Zeit anbot, haben sie daran gehindert, ihren Beweis zu liefern. Wahr ist, daß ihnen diese Ausgleichungsversuche in so viel Monaten sehr wenige Stunden kosteten. Sie mußten aber, um dießmal nicht aus dem Recht zu fallen, dennoch erscheinen, um endlich Schmids Klage einmal abzuholen und in Empfang zu nehmen. Gesetzlich sollten sie jetzt innerhalb 14 Tagen die Klage beantworten und ihren Beweis leisten. Sie ließen aber Schmid auf gerichtlichem Wege anzeigen, daß sie ihre Rechtfertigung noch nicht vor Gericht bringen, folglich auch nicht erscheinen können, indem ihnen hiefür eine Schrift mangle, die[302] ich schon im Jahre 1818 an die Municipalität eingereicht. Ich sandte ihnen diese Schrift auf der Stelle, aber auch mit voller Überzeugung, sie wissen gar wohl, daß sie ihnen zu dem Beweise, den sie leisten sollten, gar nicht diene. Sie wurden hierauf zur Erscheinung rechtlich angehalten. Sie erschienen und erklärten abermal, daß sie ihren Beweis noch nicht haben machen können. Schmid erwiederte ihnen zu Recht, er wolle ihnen zu ihrer Rechtfertigung jede nöthige Zeit einräumen, wenn sie sich gerichtlich verpflichten wollen, ihren Beweis auf dem festzusetzenden Termin ohne weitere Ausflucht wirklich zu liefern. Sie erklärten vor Gericht, daß sie in diese Bedingung durchaus nicht eingehen können und nicht eingehen wollen. Hierauf wurden sie gerichtlich verurtheilt, daß sie ihre Rechtfertigung liefern müssen. Sie appellierten gegen dieses Urtheil und verloren es auch vor dem Appellationsgericht, gewannen aber dadurch, was sie mit diesem Schritt allein suchten und allein suchen konnten, nämlich Aufschub bis zum Schlusse des Jahres 1821, und benutzten die Zeit dieses Aufschubs dahin, um das, was sie vor dem Recht nicht zu verantworten vermochten, durch die Bearbeitung der öffentlichen Meinung in der Allgemeinen Zeitung zu erzielen. Das geschah auf eine, meine Person, meine Anstalt, meine Lebenszwecke und alles, was meinem Herzen theuer und heilig sein kann, im höchsten Grade zertretende und entwürdigende Weise. Aber sie hielten die Folgen dieses Schrittes zu ihrem Vortheil so ganz entschieden, daß sie es wagten, in Rücksicht auf diesen vor Gericht in eben diesem Zeitpunkt nicht geleisteten Beweis, sich in dieser Zeitung im December 1821 auf folgende Weise auszudrücken:

»Nach dieser historischen Skizze (d.h. nach diesen in diese Zeitung eingerückten Verschreiungsartikeln unsers Hauses) dürfen wir glauben, das Publikum werde unsern Brief an die Stadtobrikeit nun auch von dieser Seite für vollkommen gegründet und seinen Inhalt für rechtskräftig halten.« Im Anfang des Jahres 1822 wurde diese Rechtshandlung vollkommen auf die nämliche ausweichende, nur Zeit und Verlängerung des Prozesses suchende Weise fortgesetzt, die ich, um nicht ekelhaft weitläufig zu seyn, nicht berühre. Am 3. Juli dieses Jahres gelang es endlich Schmid, auf seine Klage im Recht eine Antwort[303] zu erhalten, die also lautet: Mr. Schmid plaide pour faire déclarer calomnieuse une lettre qu'il dit que les défendeurs ont écrite à la Municipalité d'Yverdun. Il ne produit point cette lettre en original. Il n'a produit non plus point de copie authentique ou vidimée: il ne produit qu'un écrit qu'il paraît avoir ramassé dans le public et que les défendeurs n'y ont point placé. Cette copie n'étant pas conforme à la lettre, les défendeurs dont elle n'est pas l'oeuvre, estiment n'avoir pas à les occuper, ni à la défendre.

Wie weit sie sich aber der Unrechtlichkeit und sogar der Gefährlichkeit dieses Schrittes selber bewußt waren, beweist sich sonnenklar dadurch, daß sie diese rechtlich gegebene Antwort und Rechtfertigung gleich nach der Sitzung gerichtlich fallen ließen, indem sie dieselbe am gleichen Tage in rechtlicher Form zurücknahmen und die dadurch verursachten Unkosten bezahlten. Aber auch das war noch nicht genug. Sie trieben in Rücksicht auf die Rechtfertigung ihrer Klage, zu der sie verurtheilt waren, ihren Spott mit der armen Gerechtigkeit so weit, daß sie dann am 11. September 1822 diese, am 3. Juli als Rechtfertigungsacte eingegebene und wieder zurückgenommene Antwort, ohne eine Sylbe zu verändern, noch einmal als Rechtfertigungsacte ihrer Klagen gerichtlich producirten. Diese Handlung scheint die Achtung, die man jeder Gerichtsbehörde schuldig ist, in einem so hohen Grade zu verletzen, daß man sie gänzlich unmöglich halten sollte; aber unsere Gegenpartei glaubte diesen, im Rechten unerhörten Schritt vorzüglich darum wagen zu dürfen, weil das der Municipalität eingereichte Original ihrer Klagen in den Archiven der Stadt, ich möchte fast sagen frevelhaft, oder wenigstens auf eine, für uns verfängliche und unser Recht gefährdende Weise zernichtet wurde.

Natürlich fand ich mich durch diesen Gang des Prozesses und die damit verbundene Bearbeitung der öffentlichen Meinung gegen uns auf der einen Seite gleichsam außer allem Schutz der Gesetze und als rechtlos im Lande, und auf der andern Seite in Rücksicht auf die ökonomischen Ressourcen meiner Anstalt nicht nur aufs äußerste gefährdet, sondern wirklich unausweichlich zu Grunde gerichtet; denn es fällt auf, daß kein, für das Wohl seiner Kinder nur ein wenig besorgter Vater, der mich und mein Haus nicht persönlich kannte, mit gutem Gewissen mehr einen Zögling meiner Anstalt anvertrauen durfte. Man lese Niederer's Zeitungsartikel[304] um sich hievon zu überzeugen. Sie finden sich in den Beilagen zur Allgemeinen Zeitung, und zwar im Jahrgange 1821 sind es die No. 135, 172 und 183, und im Jahrgange 1822 sind es die No. 18, 21, 27, 33 und 79.

Unter diesen Umständen verfertigte Schmid seinerseits zur dringenden Entgegenbearbeitung der öffentlichen Meinung für uns die Broschüre: »Wahrheit und Irrthum«, und ich wandte mich im gleichen Zeitpunkte an den hohen Staatsrath des hiesigen Cantons, der sich gerührt von meiner Lage mit väterlicher Sorgfalt meiner annahm, und den Herrn Alt-Syndicus Carrard mit dem Auftrag nach Iferten sandte, von seinetwegen einen Versuch zur gütlichen Beilegung unserer Streitangelegenheiten zu machen und wenn es immer möglich sei zu bewirken. Dieser blieb, aber ganz gewiß ohne unsere Schuld, so sorgfältig und vorsichtig Herr Carrard sich hiefür bemühte, gänzlich ohne Erfolg.

Indeß hatte Schmid seine Broschüre vollendet und in Heidelberg zum Drucke befördert (welcher in der Folge bedeutend gewordene Umstand, lange ehe das Buch erschien, durch die Allgemeine Zeitung bekannt gemacht wurde). In der Überzeugung, Niederer werde durch den Inhalt dieser, mit großer Mäßigung geschriebenen Rechtfertigungsschrift ganz gewiß vollkommen einsehen lernen, welchen Gefahren er durch die weitere Fortsetzung unsers Prozesses gegen ihn sich selber aussetzen würde, benutzte Schmid das erste Exemplar, das er davon in Händen hatte, dahin, Niederer noch einmal zu einer gütlichen Beilegung dieses Streits zu bewegen, und hatte deßhalb mehrere persönliche Zusammenkünfte mit ihm, die aber um so weniger einen Erfolg haben konnten, da ein ganz unerwarteter Zufall Herrn Niederer, oder vielmehr seinen rechts- und streitkundigen Rathgebern Hoffnung machte, ihn durch einen, bisher im Lande noch nie erhörten Rechtskniff mit heiler Haut aus seinem schwierigen Handel herauszuziehen. Es wurde nämlich im Augenblick, der für den Prozeß dieser Herren entscheidend schwierig war, ein Gesetz publizirt, des Inhalts, daß jedermann, welcher irgend jemand in einer, im Kanton gedruckten Schrift beleidigend oder entehrend angegriffen, auf correktionellen Wege angeklagt, und ohne Untersuchung, ob er in seiner diesfälligen Äußerung Recht oder Unrecht gehabt, Wahrheit gesagt oder nicht gesagt habe, mit Geldbuße und Gefangenschaft strenge bestraft werden müsse.[305]

Sobald dieses Gesetz erschienen, fanden die Rechts- und Rechtskniffkundigen Rathgeber, dieses neue Gesetz sei für Herrn Schmid sehr glücklich eingetroffen und geeignet, mit Sicherheit auf correctionellem Wege gegen uns zu erzielen, was ihm auf dem Civilweg gänzlich unmöglich gewesen und ewig unmöglich sein werde. Auch ließen Herr und Frau Niederer den schönen Rechtsrath sich nicht zweimal geben; er verschaffte ihnen eine Herzenserleichterung und machte sie über diesen Gegenstand so gesprächig, daß die Stadt plötzlich von den lauten und öffentlichen Äußerungen voll wurde, »Herr und Frau Niederer können diesem bösen Menschen jetzt einmal das große Unrecht, das er ihnen durch seine Schrift gethan, vergelten, sie wollen ihn jetzt auf correktionellem Wege angreifen und er werde dafür sicher, wie er's verdiene, auf sechs Monate in ein Loch gesperrt werden.«

Sie wurden auch in diesem edelmüthigen Vorhaben sehr freundschaftlich und zutrauensvoll beholfen. Ohne daß vorher irgend ein auf correktionellem Wege gesetzlicher, üblicher, vorläufiger Untersuchungsschritt, ob Schmid's Schrift wirklich im Kanton gedruckt sei und folglich diesfalls auf correctionellem Wege eine Anklage gegen ihn gesetzlich und rechtlich Statt finden können, geschehen, erschien plötzlich in meinem Hause eine vom Herrn Friedensrichter bevollmächtigte Behörde, und untersuchte im Zimmer Herrn Schmid's meine und seine Bureau's, um zu sehen, ob Exemplare von dieser Schrift sich darin befinden, und da das wirklich der Fall war und ohne alle Gefährde für uns sein durfte, weil diese Schrift nicht in Iferten gedruckt war, so erklärte die Behörde Herrn Schmid dennoch sogleich, daß er wirklich in correctionellen Zustand versetzt und folglich mit Arrest belegt worden sei, bis er sich durch genugsame Bürgschaft demselben entziehen werde. Er ward auch von diesem Augenblicke an von einem Polizei-Diener nicht mehr außer Augen gelassen, bis er die Bürgschaft geleistet, welches aber, wie natürlich, auf der Stelle geschah.

Wenn es eine Sache des Hochverraths gewesen wäre, man hätte nicht gewaltthätiger, kränkender und rücksichtsloser auf gesetzliche Ordnung und gesetzliches Recht, und ich darf sagen inhumaner und allen Anstand und alle Achtung verletzender gegen Schmid, mich und mein Haus handeln können, als es in und mit diesem Schritt geschah. Da ich aber sah, wie das besonders[306] gegen meinen Freund Schmid gemeint war, und wohl wußte, wo die Unregelmäßigkeit dieser Handlungsweise eigentlich herkam und wo sie hinzielte, und dabei mir nicht verhehlen durfte, daß mein Freund seine Schrift mit meinem Vorwissen und mit meiner Einwilligung [hatte] drucken lassen, so hielt ich mich ohne weiteres verpflichtet, mich vor Gericht als Mitschuldiger in dieser Anklage, und folglich als mit im correctionellen Zustande befindend zu erklären. Ich ward auch vom öffentlichen Ankläger gerichtlich in dieser Qualität anerkannt und blieb im Gefolge dessen die ganzen zehn Monate, so lange nämlich die correctionelle Behandlung dieser Klage dauerte, mit ihm in diesem Zustand; ich setzte mich auch in jedem Fall, wo er dieses Geschäfts halber citirt wurde, vor dem offenen Gericht dieser Stadt auf das Schandbänkchen, auf welches die correctionell Angeklagten sich zu setzen gewohnt und verpflichtet sind. So weit trieb man das Spiel gegen uns, und so weit zeigte ich auch meine Verachtung gegen seine mir bekannten Ursachen und Urheber, und meine Furchtlosigkeit gegen alle ihre möglichen Folgen.

Bei dem ersten gerichtlichen Verhör über diesen Gegenstand produzirte der öffentliche Ankläger, ohne den Druckort der Schrift im Kanton als das Fundament seiner correctionellen Anklage zu erklären, einzelne, aus ihrem Zusammenhang herausgerissene und folglich jeder beliebigen Auslegung und Verdrehung fähige Stellen derselben, über die sich Herr und Frau Niederer beklagen, daß sie ihrer Ehre nachteilig seien, und schloß auf diese produzirten Anklagsstellen, daß Herr Schmid in Gefolge des Preßgesetzes, ohne Untersuchung, ob er in dem, was er gesagt, Recht oder Unrecht habe und ob wahr oder falsch geredet, zu einer sechsmonatlichen Einkerkerung, Erlegung einer Buße von mehrern hundert Franken und Bestreitung der Gerichtskosten verurtheilt werden solle; und ich weiß auf den heutigen Tag noch nicht, ob, wenn das Urtheil mit diesem Antrage in Übereinstimmung gefällt worden wäre, ich mit Schmid auch sechs Monate ins Gefängniß gesetzt und eben wie er mehrere hundert Franken zu bezahlen gehabt hätte, welches in der Stellung, in der ich vor Gericht versetzt und angenommen ward, sich inzwischen so viel als von sich selbst versteht.

Schmid, der sich durch den Schluß dieser Anklage nicht wegen eines Fehlers gegen das Preßgesetz, sondern wegen des Herrn[307] und Frau Niederer als beleidigend angegebenen Inhalts seines Buchs in einem so hohen Grad an Ehre und Gut gefährdet und in Rücksicht auf die Möglichkeit seiner Verantwortung sich mit mir außer dem Genuß aller gesetzlichen Rechts wohltaten und gleichsam hors de loi versetzt sah, fand natürlich mit mir, französische Richter seien durchaus nicht zu einem gerechten Urtheil über die Klagbarkeit und Gesetzwidrigkeit der isolirten Stellen dieses Buches fähig, wenn dasselbe ihnen nicht in einer, ihnen bekannten Sprache in die Hände gelegt werde. Er setzte also zu Recht, daß es in die französische Sprache übersetzt werden müsse. Der öffentliche Ankläger protestirte gegen dieses Begehren, und das Tribunal verweigerte Schmid die Erfüllung desselben; dieser sah sich nun gezwungen, mit dem uns beide so beschimpfenden und entehrenden Strafantrag des öffentlichen Anklägers noch belastet, die Appellation zu ergreifen.

Das Appellationsgericht in Lausanne ließ uns Gerechtigkeit widerfahren und bewilligte die gerichtliche Übersetzung des angeklagten Buches. Diese Übersetzung verzögerte natürlich die Beurtheilung dieses Geschäfts bis ins Frühjahr 1823. Aber auch während dieses Zeitpunktes machte ich noch einmal einen Versuch, die Regierung zu bewegen, dem weitern Unglück meiner Lage um jeden Preis, den sie schicklich und thunlich finden möchte, ein Ziel zu setzen. Sie nahm fortdauernd wohlwollend an meiner Lage Theil und sandte noch einmal Hrn. Alt-Syndicus Carrard für diesen Endzweck nach Iferten. Wir nahmen alles, was uns der Regierungscommissarius vorschlug, auf der Stelle unbedingt an. Unsre Gegenpartei aber begehrte Bedenkzeit und verfertigte während derselben einen, uns im höchsten Grade entehrenden und verfänglichen Vergleichsvorschlag, den Schmid im vollkommenen Bewußtseyn seines Rechts und im gänzlichen Zutrauen auf den endlichen Erfolg jeder Prüfung desselben, gegen den allgemeinen Rath seiner Freunde, mit einer Kühnheit, die jedermann unbegreiflich schien, unbedingt, wie er da war, annahm, freilich aber mit dem bestimmten Vorbehalt, daß diese Annahme bei der Regierung hinterlegt bleiben solle, bis das Rechnungsverhältniß auf die Weise, wie unsre Gegenparthei es selber vorgeschlagen habe, berichtigt sei.

So wie aber diese Kenntniß dieses, von Schmid geforderten[308] Vorbehalts hatte, begehrte sie den, von ihr selbst uns vorgeschlagenen Vergleich von der Regierung als von ihr nicht angenommen zurück. Die Regierung bewilligte ihr diesfälliges Begehren. Wenige Wochen nachher circulirte die übersetzte Broschüre unter den Richtern und kam dadurch in die Hände der bedeutendsten Männer der Stadt. Der Contrast, den dieselbe mit allem dem machte, was man allgemein vorher in dieser französischen Stadt über diese deutsche Schrift verbreitet hatte, war so groß, daß er auch in Niederere Kopf eine plötzliche Veränderung seiner bisherigen Handlungsweise in dieser Angelegenheit hervorbrachte. Er sandte uns den im 12ten Bande meiner Schriften abgedruckten Vergleichsvorschlag, welchen er zu unterzeichnen jeden Augenblick willig und bereit sey, zu. Drei Tage später aber nahm er auch diesen Vorschlag wieder zurück.

Der 23. April war bestimmt, Schmid's Broschüre gerichtlich zu beurtheilen. Diese Beurtheilung sollte gesetz- und übungsmäßig öffentlich Statt finden und ein großer Theil der Stadt wünschte, dieser Verhandlung beizuwohnen. Auch waren wir sicher, daß die dieser Schrift halber allenfalls noch Statt gefundenen, widrigen Eindrücke gegen uns dadurch ausgelöscht werden mußten. Diese sonst jedermann zugestandene und allgemein übliche Rechtswohlthat wurde uns, ich kann nicht anders denken als aus schonender Rechtsgefälligkeit für unsre Gegenparthei entzogen. Der Saal wurde geschlossen und nach zweitägigen, lebhaften Verhandlungen wurde Schmid wegen der so entehrend und in einem so hohen Grade nachtheilig correctionell behandelten Anklage gänzlich losgesprochen und der Staat (Fiscus) zu den dadurch verursachten Unkosten selbst verfällt. Der öffentliche Ankläger appellierte. Aber das hier gefällte Urtheil wurde vom Appellationsgericht in Lausanne in seinem ganzen Umfange bestätigt und der Gegenstand daselbst bei offener Thüre, wie es gesetzlich und üblich ist, verhandelt.

Dadurch war freilich der Gegenstand als Ehrensache im höchsten Grade zu unserm Vortheile entschieden, aber von dem Schadenersatz, der uns in dieser, mit Unrecht auf correctionellem Wege behandelten, muthwilligen Verfolgung gebührte und seiner Natur nach sich auf äußerst große Summen belaufen hätte, war keine Rede. Wir mußten diesen Schaden in seinem ganzen Umfange an uns selber haben, wie wenn wir in einem hohen Grad im[309] Fehler erfunden worden wären. So fortdauernd und so gewaltsam wirkte das Benehmen unsrer Gegenparthei ruinierend auch auf den ökonomischen Zustand meines Hauses und meiner Anstalt, selber in den Augenblicken, in denen wir gerichtlich in vollem Recht erfunden worden, und wie die Bauern sagen, den Prozeß in so weit vollkommen gewonnen haben. So hatte freylich unsere Gegenparthei gut Jahre lang mit uns zu procediren. Unser diesfälliger Zustand hingegen wurde aber eben dadurch mit jedem Tag in allen Rücksichten immer mehr gefährdet und eigentlich im höchsten Grade bejammernswürdig.

So entscheidend dieser Rechtsspruch wenigstens in Rücksicht auf den Mißbrauch der Rechtsformen, die sich unsere Gegenparthei gegen uns erlaubte, auch immer war, so machten sich diese Herren auch nicht das Geringste daraus und handelten fortdauernd, wie wenn er gar nichts für sie zu bedeuten gehabt hätte. Sie änderten auch jetzo noch ihre alte Manier, uns auf der einen Seite in der öffentlichen Meinung zu Grunde zu richten, auf der andern Seite aber jede rechtliche Antwort und Untersuchung unserer Klage auszuweichen und abzulenken, um kein Haar, und fuhren fort, in dieser Sache also zu handeln, wie wenn Untersuchung, Recht und Gerechtigkeit eine für sie unbedeutende Nebensache, hingegen das Gerede der Menge und das Bavardage der öffentlichen Meinung für sie das heilige Landesrecht und die Gerechtigkeit selber wäre.

Nebst einer Menge anderer ähnlicher Maßregeln, brachten sie einen meiner ehemaligen Zöglinge, dessen zwei Geschwister ich umsonst und ein drittes um einen äußerst geringen Preis in die Armenanstalt aufnahm und in gesunden und kranken Tagen mit väterlicher Sorgfalt behandelte, durch ihre, im alten, verleumderischen Geist betriebenen Insinuationen dahin, mit ihnen ins Complott ihrer Verschreiungsverbindung gegen mich einzutreten und ein thätiger Mitarbeiter dieses lange betriebenen Werks der Finsterniß gegen uns zu seyn. Ach, wie weh that mir das! Ich stellte diesen jungen Menschen, in der Beglaubigung, durch die freundschaftlichen Verhältnisse, in denen ich schon seit sehr langem mit seinem Vater stand, auf die solideste Weise seiner Liebe, Treue und Anhänglichkeit sicher zu sein, mit dem größten Zutrauen und mit, in meiner Lage für ihn unverhältnismäßig vortheilhaften Bedingnissen als Lehrer in meiner Anstalt an. Aber[310] anstatt meinen billigen Erwartungen mit Dankbarkeit zu entsprechen und die Pflichten sei nes Engagements mit schuldiger Treue zu erfüllen, ließ er sich bald dahin verführen, mich zu verlassen, sich bei Niederer anstellen zu lassen, seine Geschwister aus meinem Hause in das ihrige zu versetzen und daselbst in Verbindung mit montirten Kameraden von allerlei Farben und allerlei Brillen auf der Nase ein bis zur höchsten Ekelhaftigkeit getriebenes, verleumderisches Pamphlet, als wäre es eine wahre Schilderung meines Hauses, meines Lebens und meiner Verhältnisse, in die Welt hinauszuwerfen.

Die Undankbarkeit, Frechheit, Lüge und Entstellung, die dieses Pamphlet vom Anfang an bis ans Ende bezeichnet, war eigentlich dafür bestimmt und berechnet, das Publikum von der wahren Lage des Prozesses, in dem sich die Herren Niederer, Krüsy und Näf gegen uns befanden, abzulenken, und zwar offenbar gar nicht, um den John Bull, der solche Pamphlets gerne liest, wahrheitsfähig und wahrheitslustig zu machen, sondern um das Vertrauen des Publikums auf ihre Erziehungsanstalten durch den Ruin der meinigen ungeschwächt zu erhalten und wo möglich noch zu steigern, welches ihnen auch in vielseitiger Rücksicht sehr wohl gelang. Die Thatsache des Pamphlets war so grell, daß wir den Verfasser oder eigentlich den Compilator desselben nothwendig hätten gerichtlich zur Verantwortung ziehn müssen; aber er verschwand sogleich nach der Erscheinung des Pamphlets aus Niederers Anstalten von Iferten, und wir gaben ihm in öffentlichen Blättern sein scandalöses Werk als Lug und Trug und als ein Werk der niederträchtigsten Entstellung der Wahrheit und in seinem ganzen Umfange als Verleumdung zurück und forderten ihn bestimmt auf, in Iferten, wo die Wahrheit seiner Anklagen rechtlich und mit Erfolg untersucht werden könne, zu erscheinen, um entweder förmlich zu seinen Aussagen zu stehen und uns dafür verantwortlich zu machen, oder daselbst zu erwarten, daß wir ihn dafür verantwortlich machen. Er that weder das eine noch das andere.

Wir aber glaubten, unter diesen Umständen für unsre Ehre und für unser Recht nicht einmal genug gethan zu haben und sandten das Pamphlet sogleich nach seiner Erscheinung an den hohen Staatsrath des Kantons mit der Bitte um förmliche Untersuchung des Zustandes meines Hauses in Rücksicht[311] auf die darin geschehenen Anklagen gegen dasselbe. Die Regierung fand aber, es sei nicht der Fall, diese Untersuchung vorzunehmen. Ich halte es für einen Beweis ihres Wohlwollens und ihres Vertrauens auf den im Ganzen und Wesentlichen guten Zustand meines Hauses; im entgegengesetzten Falle hätte sie diese Untersuchung pflichthalber vornehmen oder sie einer diesfalls angestellten Behörde auftragen müssen, und das Resultat hätte in diesem Falle nothwendig dahin gewirkt, entweder den Umtrieben einer böswilligen Verleumdung meines Hauses ein Ziel zu setzen, oder mein Haus, wenn es der angeklagten Fehler schuldig erfunden worden wäre, nach Verdienen zu bestrafen. Wir haben auch in jedem Fall, wo wir gegen die Verfolgungen, die wir litten, bei der Regierung klagend einkamen, niemals um Schonung und Nachsicht, sondern immer nur um strenge Untersuchung und gesetzliche Bestrafung, wenn wir im Fehler erfunden würden, gebeten; unsere Gegenparthei hat hingegen in jedem Fall, in welchem eine Klage gegen sie von unsrer Seite Statt fand, die Untersuchung derselben abzulenken und durch alle möglichen Rechtskniffe auf die lange Bank zu schieben gewußt.

Mitten unter allen diesen Gewaltthätigkeiten, und was in diesem Zeitpunkte immer gegen mein Haus geschah, benahm ich mich fortdauernd schonend gegen die Urheber dieser Feindseligkeiten wider mich. Ich that persönlich durchaus keine Schritte, die ihren Instituten auf irgend eine Weise Nachtheil hätten bringen können; ich nahm im Gegentheil in diesem Zeitpunkte thätigen Antheil, solche Schritte zu verhüten. Ich bin z.E. im Besitze eines Manuscripts, das von einem, sehr lange in hohem Grade von Niederer und seiner Frau geschätzten Lehrer ihres Institutes verfaßt ist, und die ihm aufgefallenen Lücken, Fehler und Schwächen ihrer Anstalt in einem sehr grellen und kränkenden Licht darstellt. Ich habe das vom Verfasser zum Druck bestimmte Original davon selbst in meinen Händen. Aber ich hinderte nicht nur den Druck, sondern sogar die handschriftliche Verbreitung desselben und bin sehr zufrieden, daß ich's gethan, obgleich seine Publicirung in diesem Zeitpunkte einen sehr vortheilhaften Einfluß auf die öffentliche Meinung für mich und mein Haus gehabt hätte.

So habe ich mehrere ähnliche Fälle, in denen ich auf ihre Weise zu ihrem Schaden mir selber hätte helfen und dienen können,[312] außer Acht gelassen, und thue es, so viel ich unter den gegenwärtigen Umständen immer kann, auch jetzt noch fortdauernd. Meyer's Schrift hatte indeß in der öffentlichen Meinung nicht die Folgen, die Niederer erwartet. Der Ausgang des correctionellen Prozesses und der Inhalt von Schmids »Wahrheit und Irrthum« machte jeden aufmerksamen Beobachter dieses Geschäfts fühlen, daß das Rechnungsverhältniß, das zwischen dem Niederer'schen Hause und dem meinigen Statt findet, eigentlich das sei, worin, wie man sprüchwörtlich sagt, der Haase im Pfeffer liegt. Die öffentliche Meinung fing an, darüber Argwohn zu schöpfen.

Das konnte Niederer nicht behagen. Er, der seit vielen Jahren meine ihm eingegebene Rechnung schon in seiner Hand hatte und ihre Berichtigung immer und immer und zwar schriftlich versprach, aber auch nie den geringsten Schritt für diese Ausführung that und durch die ganze Zeit seines Prozesses fortdauernd klar zeigte, in welchem Grade und mit welcher Sorgfalt er die Berichtigung dieser so lange eingegebenen Rechnung auszuweichen suchte, ward jetzt durch jedermann, der es gut mit ihm meinte, aufmerksam gemacht, daß die öffentliche Meinung von dieser Seite anfange, sich gegen ihn ungünstig auszusprechen, und nun erschien plötzlich in mehreren Zeitungsblättern an mich, der ich nur zwanzig Schritte von ihm wegwohnte, ein öffentlicher Aufruf, der also lautet:

»Seit dem Frühjahr 1817, wo ich aus der P. Anstalt trat, that ich, wie ehrliche Männer, die sich trennen, alles Mögliche, aber vergeblich, um Pestalozzi zu einer Auseinandersetzung und Beendigung unseres Rechnungsverhältnisses zu bringen. Mehrere Jahre früher schon, und bis auf den heutigen Tag, wurde dieses nicht untersuchte Verhältniß zu ehrlosen Einflüsterungen und Angriffen auf unsere Redlichkeit benutzt. – – Aus schonender Rücksicht für Hrn. Pestalozzi übergehe ich alle nähere Umstände hiervon. Um aber das Unkraut in seiner Wurzel abzuschneiden und dem Verläumdungsspiel ein für allemal, kurz und gut, ein Ende zu machen, fordere ich hiermit Hrn. Pestalozzi öffentlich vor dem ganzen rechtlichen Publikum auf:

›Durch beeidigte, rechtskundige Männer, von denen jede Partei zwei zu ernennen hat, und die unter sich einen Obmann wählen mögen,‹ oder dann:[313] ›Durch die Anhängigmachung vor Gericht, unser Rechnungsverhältniß untersuchen und wie es Ehrenmännern geziemt, beendigen zu lassen.‹«

»Thut Hr. Pestalozzi diesen Schritt, den einzigen, der in der jetzigen Lage der Dinge der Redlichkeit übrig bleibt, nicht, so spricht er seinen Rechnungsangaben selbst das Urtheil.«

»Gegen den in die öffentlichen Blätter (s. Beil. Nr. 26 der N. Zürcherzeitung, Nr. 27 des Schweizerboten und Beil. Nr. 120 der Allgm. Zeit. v. 22. Jul.) eingerückten, die Thatsache in jeder Zeile entstellenden Artikel von Joseph Schmid, in welchen dieser Mensch sogar durch eine Gerichtsentenz, trotz des Protokols, und den Richtern ins Angesicht, das Publikum irre zu führen wagt, hege ich die gebührende Verachtung. Dabei erkläre ich das Libell: Wahrheit und Irrthum u.s.w. seinem ganzen Inhalt nach, besonders aber die darin gegen uns aufgestellte Rechnung und die Angaben über das Rechnungsverhältniß für einseitig, falsch und verläumderisch.«

»Sollte genannter Schmid, der nunmehr, nach dem entsetzlichen Mißbrauch, den er mit der Wahrheit und Pestalozzi getrieben, keine Schranken mehr kennt, und darum alles darf, weil er nichts mehr zu schonen hat, sich ferner wie der Koth im Regenwetter an meine Fußsohlen hängen, so behalte ich mir und meinen Freunden Krüsy und Näf ein weiteres Wort in diesen Blättern vor. Denen aber, die das Wesen und den Gang unsers Verhältnisses zu Pestalozzi gründlich kennen lernen wollen, zeige ich auf obigen Fall hin eine ausführliche Schrift an, die dasselbe in ganzen Zusammenhange mit gewissenhafter Treue darstellen und zeigen wird, zu welchen traurigen Schritten und Verirrungen der arme, bejammernswürdige, alte Mann sich durch die fixe Idee: ›Schmid's Person, Ehre und Eigenthum seien die Seinigen und er müsse den Schmidischen Umtrieben und Verläumdungen sich selbst und Alles, Alles!!! zum Opfer bringen,‹ habe hinreißen lassen.« Iferten 26. Juli 1823. Dr. Joh. Niederer.

Ich hatte, wie gesagt, Niederer meine Rechnung nicht nur schon Ao. 1817 eingegeben und ihre Berichtigung documentarisch sehr oft von ihm gefordert, sondern mich in Rücksicht der zuversichtlichen Richtigkeit derselben im Jahr 1819 schriftlich also geäußert: »Entweder ist meine, an Sie gegebene Rechnung rechtsgültig, oder ich und meine Bücher gehören auf der Stelle[314] in Kriminaluntersuchung.« – Diese Stelle ist auch in Schmids Schrift, »Wahrheit und Irrthum« abgedruckt und dem Publikum öffentlich unter Augen gelegt.

Und nun frage ich: Wer seiner Rechnung halber mit seinem Gegner also sprechen und seine Rechnungsforderung mit solchen öffentlichen Äußerungen vor dem Publikum bestärken darf, ist der im Falle, daß man von ihm sagen kann, er wolle mit seinem Gegner nicht rechnen und habe ich mit ihm nicht rechnen wollen? Und hat Niederer auch nur einen Schein des Rechts, diesen unwürdigen, öffentlichen Aufruf an mich zu thun und mich auf eine Weise zur Rechnung aufzufordern, wie man einen schuldenhalben entlaufenen Strolchen, dessen Aufenthalt man zu seiner rechtlichen Betreibung nicht mehr finden kann, zu gebrauchen gewohnt ist und zu gebrauchen allein das Recht hat?

Wahrlich, man muß den Kopf beinahe ganz verloren haben, um auch nur einen Augenblick sich einbilden zu dürfen, das Publikum werde diesen Schritt gegen mich als würdig, rechtlich, geradsinnig und redlich gemeint ins Auge fassen. Der Geist dieser Aufforderung und ihrer namenlosen Unverschämtheit setzt sich aber am allervorzüglichsten dadurch in sein helles Licht, daß, nachdem Hr. Niederer und seine Frau in der correktionellen Verfolgung sowohl Schmid's als meiner Person beinahe ein Jahr lang unsägliches Leiden, Noth und Elend und zwar so lange als sie dieses ohne Gefahr, ihre Klagen beweisen zu müssen, thun konnten, über uns verhängt haben, sie dann, sobald das correktionelle Gaukelspiel, das sie mit uns trieben, durch Anerkennung unserer Unschuld sein Ende erreicht, auf dem Civilweg, auf dem sie hätten beweisen müssen, was sie gesagt, diesfalls keine Klage mehr gegen uns hatten, sondern in Rücksicht auf das, was sie auf correktionellem Wege nur bestraft haben, aber nicht beweisen wollten, jetzt mäusestill schwiegen. So offenbar ist auch in Rücksicht des gegenwärtigen Rechnungsausrufs, daß sie mit demselben bloß eine neue Maßregel, das Publikum der wahren Stellung dieses Prozesses halben noch einmal irre zu führen gesucht haben. Es war eigentlich kein Aufruf zum Rechnen, es war vielmehr ein, dem Richter selber vorgreifendes Verdammungsurtheil meiner Rechnung selber, indem Niederer dieselbe als einseitig, falsch und verleumderisch erklärte, wodurch folglich die Kriminaluntersuchung über diese Anklage oder wenigstens die[315] förmliche Zurücknahme derselben der eigentlichen Rechnung hätte vorhergehen sollen.

Ich that hierauf, was recht war und was jeder Ehrenmann, der sich seines Rechts bewußt, ohne alle Furcht vor der tiefsten Prüfung seiner Handlung zu thun schuldig ist. Ich citirte ihn, nicht sowohl dieses Aufrufs wegen, als bestimmt weil darin die, in Schmid's »Wahrheit und Irrthum« aus meinen Büchern wört- und umständlich mit der höchsten Genauheit ausgezogene Rechnung und die Angaben über das diesfällige Verhältniß zwischen mir und Frau Niederer als einseitig, falsch und verläumderisch erklärt wurden, vor Gericht und hinterlegte zur Einlenkung der rechtlichen Untersuchung dieses Verhältnisses meine, dasselbe betreffenden Bücher bei dieser Behörde selbst. Anstatt aber in diese Rechtsverhandlung geradsinnig einzutreten und zur gerichtlichen Untersuchung der Rechnung Hand zu bieten, gab er bei dieser Rechtserscheinung zu Protocoll: da der Artikel, über den ich klage, in Augsburg gedruckt worden sei, so möge ich ihn, wenn ich glaube ein Recht dazu zu haben, daselbst gerichtlich dafür suchen. Und doch hatte Niederer diesen Artikel nicht nur in die Augsburger-, sondern auch in die Zürcherzeitung und in den Schweizerboten einrücken lassen. Er setzte diese abentheuerliche Antwort ans Recht, ließ sich verurtheilen, appellirte, verlor es auch natürlich bei dieser Behörde, gewann aber, was er durch diesen Schritt abermal allein suchte, wieder Zeit, nun für einmal nicht rechnen zu müssen.

Diesem drückenden Muthwillen im Rechtsgang endlich ein Ziel zu setzen, entschloß ich mich, den diesfälligen Zustand meiner Lage öffentlich und umständlich bekannt zu machen. Um aber gegen die hohe Regierung, die bis dahin mit so väterlicher Sorgfalt und Theilnahme an mir handelte, nicht zu fehlen, sandte ich mein diesfälliges, zum Drucke bestimmtes Mémoire, darin ich mich über meine Lage ungefähr auf die nämliche Weise ausgedrückt habe, wie dieses in der gegenwärtigen Schrift ebenfalls geschieht, zum voraus an sie selbst.

Sie beauftragte auf der Stelle den Regierungsstatthalter, Herrn du Thon, hierüber mit den im Streite stehenden Partheien einmal ernstlich einzutreten und wo möglich diesem scandalösen Zustand ein Ende zu machen, oder im entgegengesetzten Falle[316] an sie zu berichten. Auf diesem Wege gelang es den entschlossenen Bemühungen des Herrn Regierungsstatthalters, die Herrn Niederer, Krüsi und Näf dahin zu vermögen, den uns neun Monate früher freiwillig zugesandten, von uns angenommenen, von ihnen aber drei Tage später wieder zurückgezogenen Vergleichsvorschlag als in seinem ganzen Umfange vollkommen gültig zu unterzeichnen, dessen Inhalt, da er im zwölften Bande meiner Schriften wörtlich abgedruckt ist, ich hier nicht wiederhole.

Um aber die Geschichte dieser letzten Epoche meines Lebens in ein vollständiges Licht zu setzen, muß ich noch auf den Ursprung der Gründung meiner Armenanstalt zurückkehren, die ich in diesen Bogen immer nur leicht im Vorbeigehn berührte. Sie ist aber wesentlich.

Im Jahre 1818 nahm ich zwölf arme, zum Theil mit Sorgfalt und Glück, zum Theil aber auch unvorsichtig gewählte Knaben und Mädchen in ein hiezu eigenes gewähltes Local in der Nähe von Iferten auf. Sie sollten als Arme erzogen, zur Erziehung und zum Unterricht für die Armen gebildet werden, und in ihrer Erziehung von allen Versuchungen zur Gemächlichkeit, zu unnützen Genießungen und, im Stande der Armuth schwer zu befriedigenden Gelüsten abgelenkt, und zu den Anstrengungs- und Überwindungskräften, die eine gute Erziehung dieses Standes so wesentlich erfordert, angewöhnt werden. Ich sah diese Anstrengungs- und Selbstüberwindungskräfte als das wesentliche Fundament meiner Anstalt, und als das Wichtigste, aber auch Schwierigste ihrer Bedürfnisse an, und glaubte zum voraus, die Eltern meiner Kinder und besonders die Theilhaber und Freunde meiner Anstalt werden mit mir Hand in Hand schlagen, daß diesem wesentlichen Bedürfnisse meiner Zwecke in meinen Umgebungen ein Genüge geleistet werden könne, und daß die Zöglinge dieser Anstalt wenigstens in denselben durch keine Hindernisse gestört und ihre Erziehung dadurch für mich unerreichbar gemacht werden würde.

Der Plan, mit allen seinen Beschränkungen und Forderungen, gefiel im Anfange sehr. Der Drang, darin aufgenommen zu werden, war nicht nur groß, er war drückend. Selber Personen aus einigen sehr geachteten Familien suchten Kinder verarmter Verwandten unentgeldlich in diese Anstalt zu bringen. Zugleich wurden in derselben eine Anzahl Kinder um den jährlichen Pensionspreis[317] von 12 Louisd'or angenommen, zu welchem Preis ebenfalls mehrere aus geachteten Familien mit bestimmter Anerkennung der Bedingnisse und Zwecke der Anstalt eintraten. Schmid fürchtete die Folgen der Heterogenität der frühern Erziehung und Angewöhnung einiger dieser Kinder mit den wesentlichen Bedürfnissen ihrer Bestimmung und den beschränkten Mitteln dieser Anstalt zum voraus, glaubte aber mit mir einigen Zeitumständen und Zeitbeweggründen für die Annahme derselben nachgeben zu müssen. Aber wenige Wochen nach ihrer Eröffnung waren wir schon genöthigt, einige der angenommenen Kinder wegen des Abstandes des Unterhalts, den wir ihnen geben konnten und in Übereinstimmung mit unsern Zwecken geben mußten, von demjenigen, den sie vorher genossen, wieder heimschicken zu müssen. Doch diese Schwierigkeit wäre zu überwinden gewesen. Kinder sind in liebreichen Umgebungen, wo keine Aufwiegelung und keine Verführung Statt findet, leicht zu gewinnen und zu gewöhnen. Es schien auch im Anfange bestimmt, wir haben von dieser Seite für die Zukunft, trotz der feindlichen Umgebungen, in denen wir lebten, nicht viel zu befürchten. Die Anstalt nahm sehr bald eine Richtung, die meine Erwartungen selber übertraf. Nicht nur meine nähern Umgebungen, unter denen sich damals mehrere eifrige Pädagogen befanden, sondern fremde Erziehungsfreunde von Bedeutung, die uns besuchten, wurden von ihren Resultaten in einem hohen Grade befriedigt und ergriffen.

Die Anstalt wuchs in wenig Monaten bis auf dreißig. Die Folgen der Möglichkeit, durch Vereinfachung der Unterrichtsmittel, auch den Unterricht in fremden Sprachen und in den Anfangspunkten mehrerer wissenschaftlichen Gegenstände zu erleichtern, führten uns aber sehr bald dahin, den Unterrichtsplan dieser Kinder zum Nachtheil des Wesentlichen ihrer Bestimmung allmälig über die Schranken auszudehnen, in welchen er für die Erzielung des Endzwecks, Erzieher und Erzieherinnen zu bilden, die sich in ihrer eigenen Bildung nicht über das Volk und über die Schranken der Erziehungsbedürfnisse der niedern Stände erhaben gefühlt, in Übereinstimmung hätten bleiben können. Doch, auch diese Schwierigkeit wäre zu überwinden gewesen, wenn diese Kinder nicht durch spätere Verführungsmittel meinem Herzen und den ersten Zwecken meines Lebens selber entrissen worden wären.

Ich bahnte aber diesen Verführungsmitteln, die im Anfange [318] im allgemeinen nichts weniger als bös gemeint waren und meinen Zwecken nur allmälig gefährlich wurden, selber den Weg, indem ich, von diesem Erfolg irregeführt, den Bildungsgang dieser Kinder sehr bald auf eine Weise ausdehnte, die den Zwecken meiner Anstalt in Rücksicht auf die Bildung des Volkes in den niedern Ständen nothwendig nachtheilig werden mußte. Die Reize, die mich zu dieser in ihren Folgen wichtigen Verirrung hinführten, waren vielseitig, groß und unerwartet. Die tiefere Erkennung des Wesens der Idee der Elementarbildung und ihres Einflusses auf die solide Begründung alles wissenschaftlichen Unterrichts, wozu ich durch Niederer's Erheiterungen über diesen Gegenstand schon in Burgdorf träumerisch hingeführt worden, hat von da aus mich auf diesen Abweg von meinen ursprünglichen Zwecken abgelenkt; und dann bin ich später, durch äußere Umstände immer in diesen Abweg hineingelockt und darin immer mehr und immer gewaltsamer irregeführt worden.

Hiezu trug das Dasein vieler Fremden, besonders Engländer, in meiner Anstalt sehr viel bei. Es ist unstreitig, daß diese Nation, trotz des hohen Grades der Unnatur, in die ihre Erziehungs-Weise in gewissen Rücksichten versunken, in andern Rücksichten einen tiefen Takt für sehr vieles, was das Menschenleben fordert und ihm durch die Erziehung gegeben werden soll, besitzt. Einige Personen von dieser Nation warfen einen sehr ernsten Blick auf mein Thun, und besonders auf das neugeborene Kind meiner Lebensbestrebungen, auf meine Armenanstalt. Ein, für die gute Begründung der Erziehung und des Unterrichts in einigen wesentlichen Rücksichten taktvoller und sehr belebter Engländer fühlte sehr bald, daß der Anschauungsgrundsatz, von dem das Wesen der Idee der Elementarbildung ausgeht, mit der naturgemäßen Erlernung aller Sprachen im innigsten Zusammenhange stehe, und dieselbe in einem hohen Grade zu erleichtern geeignet sei. Von dieser Überzeugung belebt, gab er freundschaftlich und wohlwollend den Zöglingen meiner Armenanstalt in der englischen Sprache unentgeldlich auf eine Weise Unterricht, die, so viel er es vermochte, auf die Grundsätze der Elementarbildung gebaut war und einen sehr auffallenden Erfolg hatte, und da diese Zöglinge in den anderweitigen elementarischen Bildungsmitteln bis auf einen gewissen Punkt vorgerückt waren, einen solchen haben mußte.[319]

Das machte natürlich einen großen, und ich muß jetzt sagen, einen uns für die ursprüngliche Bestimmung dieser Kinder sehr irrelenkenden Eindruck. Ich sah das Interesse mehrerer in dieser Gegend wohnen den Engländer durch diesen Erfolg belebt, und träumte mir eine Mitwirkung zur Erzielung höherer Resultate durch meine Anstalt, in der ich mich irrte. Ich gab den Einfluß der elementarischen Erlernung der englischen Sprache, die dann bald darauf den gleichen Eifer für die Erlernung der französischen und später der lateinischen erzeugte, mit dem ganzen Umfange der Begründungsbedürfnisse, beides, der Elementarbildung und der Armenanstalt nicht in Übereinstimmung stehenden und besonders für die Bestimmung dieser Kinder unnatürlich hohen Werth, um so mehr, da Herr Greaves in seinen Anfangsversuchen der Sprachlehre in diesem Zeitpunkte nicht eigentlich von der psychologisch rein und solid begründeten Entfaltung der Anschauungskraft, sondern bloß von der einseitigen Benutzung einzelner, dem Kinde vor die Sinne gebrachten Gegenstände selber ausging.

Die wesentliche Ansicht, daß die Erlernung fremder Sprachen für die Zwecke unseres Hauses nicht eine Hauptsache, und daß im Gegentheil die allgemeine und überlegene Neigung dafür der eigentlichen Bestimmung desselben, und besonders der neuen Anstalt im höchsten Grade nachtheilig sei, schwächte sich unter diesen Umständen in unsrer Mitte nothwendig, und zwar zum Nachtheil des ganzen Umfanges der Ansprüche der Naturgemäßheit in der Erziehung. Die Erlernung der fremden Sprachen konnte im Institute, wie es zusammengesetzt war, durchaus nicht auf ihr naturgemäßes Fundament, auf die solide Erlernung der Muttersprache gebauet werden; sie hatte darum nothwendig einen, das Ganze der Naturgemäßheit und die Harmonie und das Gleichgewicht unsrer Kräfte störenden Einfluß, und mußte denselben um so mehr haben, da die Mittel der naturgemäßen Erlernung der Muttersprache, auf welche die naturgemäßen Mittel der Erlernung einer jeden fremden Sprache gebaut werden müssen, in unsrer Mitte noch nicht bearbeitet und wir sogar zu ihrer gemeinsamen Erkenntniß bei fernem noch nicht gereift waren. Das machte natürlich unsern voreilenden Drange zur elementarisch begründeten Erlernung fremder Sprachen für unsere Zwecke doppelt gefährlich.[320]

Der Fehler, den wir in der Führung unseres Instituts und besonders unsrer Armenanstalt dadurch begingen, daß wir dem Sprachunterricht ein, das Ganze der naturgemäßen Entfaltung unsrer Kräfte und Anlagen einseitiges Übergewicht gaben, ist unstreitig; aber es ist eben so wahr, daß, indem wir die Ausbildungsmittel der Sprachkraft und der Sprachlehre in einigen, wenn auch noch so beschränkten und verwirrten Übungen und Mitteln mit den in unsern Instituten bestehenden Übungen der naturgemäßen Entfaltung der Anschauungs- und der Denkkraft verbanden, wir da durch auch den Mitteln, die Sprachkraft naturgemäß zu entfalten und die Sprachlehre naturgemäß zu begründen, auf eine vorzügliche Weise auf die Spur gekommen sind. Auch haben wir von dieser Seite die Spur des Naturgangs nichts weniger als ohne Erfolg benutzt. Im Gegentheil, unsre, wenn auch einseitige und beschränkte Näherung zu diesem Gange, die in unsern Sprachübungen Statt fand, hatte, wie sie im Deutschen, Französischen, Englischen und Lateinischen versucht worden, in so weit einen entschiedenen Erfolg.

Das änderte indessen gar nicht, daß die einseitige und überwiegende Hinlenkung unsrer Armenanstalt auf, wenn auch zum Theil naturgemäß gegebene Sprachübungen, dem Wesen unsrer Zwecke nicht in hohem Grade nachtheilig war. Schmid's ursprüngliche Ansicht der Beschränkung dieser Anstalt in Rücksicht auf wissenschaftliche Bildung, so sehr er sie wesentlich achtete und festhalten wollte, war dadurch nicht mehr erreichbar. Die Anstalt hatte eine Richtung genommen, daß sie durchaus nicht mehr als eine Armenanstalt, sondern als eine, die elementarische Begründung der wissenschaftlichen Ausbildung bezweckende Anstalt anzusehen war; und so gewiß es ist, daß die ersten Ursachen des Mißlingens ihrer ursprünglichen Bestimmung großenteils in der Unvorsichtigkeit der Annahme ihrer Zöglinge zu suchen waren, eben so gewiß ist es, daß die spätern und größern Ursachen desselben darin bestanden, daß diese Kinder nunmehr in Kenntnisse, Gewohnheiten, Ansprüche, Träume und Gelüste hineingeführt wurden, die für das Wesen ihrer ursprünglichen Bestimmung nicht paßten und sie eigentlich dafür verbilden mußten.

Indessen schien eine beträchtliche Zeit die Abänderung der Führung dieser Kinder, sowohl für sie selber als für mein ganzes Haus, von vorzüglich guten Folgen zu seyn. Sie wurden beinahe[321] allgemein vom Einflusse der elementarischen Bildungsmittel auf eine vorzügliche Art ergriffen und machten darin, so wie in einigen Anfangspunkten der wissenschaftlichen Bildung, in die viele von ihnen hereingeführt worden, sehr auffallende Vorschritte. Nicht wenige von ihnen waren darin in sehr kurzer Zeit so weit und einige derselben noch weiter vorgerückt, als die meisten Zöglinge meines alten Instituts.

Sie waren kaum ein Jahr in Clindy, dem ersten Aufenthaltsorte der Armenanstalt, als das Bedürfniß, sie in der Richtung, welche ihre Vorschritte nunmehr genommen, weiter zu führen, und die nöthigen Mittel dafür zur Hand zu bringen, auffallender und dringender wurde. Ich hatte also schon in diesem Zeitpunkte kein Armenerziehungsinstitut mehr, hingegen zwei wissenschaftlich zu bildende, die ich aber nicht mehr getrennt von einander bestehen lassen konnte. So wohl die doppelte Wirthschaft als der Aufwand des gedoppelten Lehrerpersonale der getrennten Anstalten, hätten mich ökonomisch unverhältnißmäßig und unerschwinglich zu weit geführt. Ich entschloß mich desnahen, sie beide im hiesigen weitläufigen Schlosse zu vereinigen, und sie gingen jetzt, so sehr die erste für ihre ursprüngliche Bestimmung als verloren angesehen werden mußte, in elementarischer und zum Theil in wissenschaftlicher Hinsicht auf eine befriedigende Weise vorwärts. –

Diese neu eingetretenen Kinder hatten auf die alte Anstalt in mehrern Rücksichten einen auffallend wohltätigen Einfluß. Nicht wenige von ihnen waren in mehrern Hinsichten den andern nachahmungswürdige Muster. Innerhalb zwei Jahren kamen einige Knaben und Mädchen von ihnen in den elementarischen Fächern so weit, daß sie den Grad der diesfälligen Kenntnisse, auf dem sie standen, jüngern Kindern und sogar erwachsenen Personen so weit einzuüben im Stande waren, daß wir sie ohne alles Bedenken hierin als Lehrer unsrer jüngern Zöglinge anstellen und benutzen konnten. Dieses erregte natürlich in unsern nächsten Umgebungen einiges Erstaunen. Das Wort: » Das ist etwas Außerordentliches; wir haben das noch nie gesehn« ward vielseitig von Männern ausgesprochen, die in pädagogischer Hinsicht einen tiefen Takt und große Erfahrungen hatten.[322]

Es war aber auch wahr, die vorzüglichen Zöglinge unsrer ehemaligen Armenanstalt benahmen sich in diesem Zeitpunkte auf eine Weise, die die Aufmerksamkeit der erleuchtetsten Erziehungsfreunde auf sich zu ziehen in einem hohen Grade geeignet war. Der Unterricht, den die Zöglinge jetzt in unserer Anstalt gaben, wurde auch in Iferten in Rücksicht auf seine Solidität und Naturgemäßheit dem Unterricht der gebildetsten ältern Lehrer unsers Hauses vorgezogen. Es war nur eine Stimme: sie können ihren Unterricht den Kindern auf eine Weise beibringen, daß diese nicht einmal spüren, daß sie etwas lernen müssen; und wenn man ihnen zusehe, so sey es, als ob sie das, was sie die Kinder lehren, aus ihnen herausziehen und nicht, wie wenn sie dasselbe in sie hineinlegen müßten. Es ist auch wirklich wahr, sie vermochten dieses, und das Gefühl, daß sie es konnten und daß sie es besser als andere konnten, erhob ihren Muth, ihren Willen und ihren Eifer in einem sehr hohen Grade.

Mehrere dieser Zöglinge standen in diesem Zeitpunkte im Genuß der Vortheile der Elementarbildung und ihrer Mittel durchaus nicht in bloßer selbstsüchtiger Befriedigung ihres Entschlusses auf ihre eigenen Vorschritte in unserer Mitte da; im Gegentheil ein vielseitiges warmes Interesse für die Ausbreitung und Allgemeinmachung dieser großen Idee belebte sie schon in diesem Alter in dem Grad, daß einige von ihnen ein ganzes Jahr lang, Sommer und Winter jede Woche zwei bis dreimal, oft am Morgen vor Tag, bei Nacht und Nebel, bei Regen und Schnee eine Stunde Wegs, von Iferten nach Grandson, wanderten, um daselbst Personen, die größtentheils älter als sie waren, in den Elementarbildungsmitteln, die sie sich eigen gemacht, Unterricht zu ertheilen; und wenn man etwa bei sehr schlechtem Wetter oder bei großer Kälte ihnen Mitleiden zeigen oder anrathen wollte, zu Hause zu bleiben, antworteten sie gewöhnlich mit heiterm Lachen: »Wenn man etwas werden will, so muß man auch etwas leiden lernen.«

Eben so darf ich bezeugen, die meisten [Kinder] dieser Anstalt und die vorzüglichern alle, haben in diesem Zeitpunkt bei vorfallenden nothwendigen Hausgeschäften oft beinahe die Nacht ganz durchgearbeitet, und am Morgen darauf, bei den angehenden Lehrstunden, die nämliche Heiterkeit und die nämliche Thätigkeit gezeigt, als hätten sie recht wohl geschlafen. Von einer andern[323] Seite muß man, um die Wirkung, die unsere elementarischen Versuche in unserer Mitte hatten, nach ihrem wahren Werth zu schätzen, den Grad ihres Eindrucks besonders auf ganz junge, der Unmündigkeit nahestehende Kinder ins Auge fassen. Die diesfälligen Wirkungen sind bestimmt Erscheinungen von der auffallendsten Seltenheit.

Es scheint unbegreiflich, aber es ist Thatsache, fünf- und sechsjährige, hierin wohl und sorgfältig geführte Kinder werden stundenlang nicht müde, die Verhältnisse der Zahl und Form zusammen zu setzen, zu trennen, zu vergleichen, kurz, darüber denken zu lernen. Es begegnet sogar, daß einige von den jüngsten dieser Kinder, durch bloßes Zusehen und Zuhören, hie und da etwas von diesen Übungen lernten, wo wir nicht einmal daran dachten, daß sie darauf acht gäben. Das ging so weit, das man einige von ihnen in ihrem Eifer, in der Zahl- und Formenlehre weiter zu kommen, mehr zurückhalten als sie darin stärken mußte. Dieses ist überhaupt und besonders bei sehr belebten Kindern allgemein nothwendig. Sie gefahren durch diesen, in der Realität ihrer Kräfte noch nicht genugsam begründeten Eifer sehr leicht, von dem Interesse für die Ausbildung der Anschauungskraft, deren Eindrücke den Kunstausbildungsmitteln der Denkkraft zum Grunde gelegt und mit ihr gemeinsam belebt und mitlaufend entfaltet werden müssen, unnatürlich abgelenkt zu werden. Sie dürfen desnahen durchaus nicht in den Übungen der Zahl- und Formenlehre einseitig so weit geführt werden, als sie, wenn sie einmal dafür belebt sind, selber gelüsten. Sie könnten ohne diese Zurückhaltung zu einseitigen, von der Anschauungskraft nicht gleichmäßig unterstützten, isolirt vorgeschrittenen Übungen der Denkkraft hingeführt und auf eine gefährliche Weise außer das Gleichgewicht ihrer Kräfte geworfen werden, das ihnen in der Solidität der Vorschritte ihrer künftigen Bildung in einem hohen Grade nachtheilig werden müßte.

Das Studium der Formenlehre fordert besonders eine tiefe, vollendete Kenntniß des innern Wesens ihrer psychologischen Fundamente und eine Festhaltung der Lückenlosigkeit und des Zusammenhangs der Reihenfolgen ihrer Übungen. Hierin ungeübte und unfeste Lehrer fallen gar leicht in einen Charlatanismus, der oft blendende Resultate der Denkkraft hervorzubringen scheint, mitten indem er das innere Heiligthum dieser Kraft selber[324] in seinem Wesen, aus Mangel der hiefür erforderlichen Anschauungskraft untergräbt. Die Elementaridee und der ganze Umfang ihrer Bildungsmittel spricht nach allen Richtungen das Bedürfniß der Harmonie der menschlichen Kräfte und ihrer Ausbildungsmittel an; sie erkennt ferner in der Liebe und im Glauben den Anfangspunkt aller wahren Geistes- und Kunstausbildungsmittel an und macht uns das häusliche Leben als den Mittelpunkt der Vereinigung aller naturgemäßen menschlichen Bildungsmittel ansehen; dadurch wirkt sie denn auch nothwendig der Einseitigkeit und dem Mißbrauch eines jeden einzelnen elementarischen Bildungsmittels und vorzüglich dem Mißbrauch und der Einseitigkeit in den Übungen der Zahl- und Formenlehre durch sich selbst mit entschiedener Kraft entgegen.

Der Grad der Befriedigung, zu dem mich der Erfolg meiner Armenanstalt mitten durch alle berührten Schwierigkeiten und Verirrungen erhoben, so wie die großen Hoffnungen, die er in mir angeregt, sprechen sich in der Stelle eines Aufsatzes aus, den ich vor etwas mehr als zwei Jahren in einer träumenden Begeisterung darüber niedergeschrieben.

Sie lautet also: »Sie, diese Anstalt, hat die Möglichkeit der Vereinfachung aller Unterrichtsmittel, so wie die Unterordnung aller Anwendungsmittel der menschlichen Kräfte unter die Mittel ihrer Entfaltung, und der Unterordnung der Unterrichtsmittel unter die höhere Bedeutung der Erziehungsmittel, und damit die Möglichkeit, die Wohnstubenkräfte des Volks für die Erziehung wahrhaft solid zu verstärken, außer allen Zweifel gesetzt. Sie hat, beides, das Bedürfniß und die Möglichkeit, Erzieher und Erzieherinnen wahrhaft solid zum innern Wesen der Erziehungskunst zu erziehen und sie durch gebildeten Vater- und Muttersinn zu hoher, in Mitteln lieblich erquickender Hingebung, Anstrengungs- und Aufopferungskraft, die das Wesen aller wahren Erziehungskunst so allgemein und so gebieterisch anspricht, durch ihre Resultate in ein unwidersprechliches Licht gesetzt.

Einige Knaben und Mädchen dieser Anstalt sind in der Führung der ihnen zum Unterricht anvertrauten Kinder an einen Grad der Sicherheit und Zuverlässigkeit in ihrem Benehmen gekommen, daß dieselben, indem sie in einer Klasse Kindern, die auf einer ganz ungleichen Stufe stehen, zugleich Unterricht zu geben im Stande sind, mit einer Freiheit und Unbefangenheit in[325] ihrer Mitte dastehn, die, wenn man ihr Alter, die Neuheit ihrer Laufbahn und ihr früheres Sein und Leben ins Auge faßt, einen größern Grad eines psychologisch entwickelten Tacts im Erziehungswesen vorauszusetzen scheint, als man bei ihnen voraussetzen zu dürfen glauben sollte. Bedeutende und in unsrer Zeit sehr hintenangesetzte, psychologisch gegründete Ansichten der Erziehung und des Unterrichts sind durch den Erfolg der Führung dieser Kinder in ein helles Licht gesetzt; zum Exempel der Grundsatz: jeder Theil eines Unterrichtsfaches, der den Geist seiner Mittel in einer ihm eigenen Kraft der Menschennatur zu suchen hat, muß in den Anfangspunkten seiner diesfälligen Führung von allen anderen Theilen desselben, die die Gesetze ihrer Ausbildung in einer andern Kraft der Menschennatur zu suchen haben, gesondert werden.

Die Natur geht uns in der Belebung der Triebe, die der Entfaltung der einzelnen Kräfte zum Grunde liegen, mit ihrem Beispiel diesfalls von selbst vor. Wenn sie bildend auf unsere Kräfte einwirkt, so giebt sie jeder derselben, dem Auge, dem Ohr, dem Gedächtniß u.s.w. das, was diese Kraft als ihr eigen von ihr anspricht, und zwar auf eine, das ganze Wesen dieser Kraft ergreifende Weise. Wenn sie bildend auf dein Ohr einwirkt, so wirst du ganz Ohr. Wenn sie bildend auf dein Auge einwirkt, so wirst du ganz Auge. Also muß auch die Kunst der Elementaridee, wenn sie bildend auf dein Auge und auf dein Ohr einwirkt, es durch ihre Mittel dahin zu bringen vermögen, daß du ganz Auge und ganz Ohr für sie bist. Das häusliche Leben ist auch vorzüglich dadurch naturgemäß und kraftvoll einwirkend, daß seine bildenden Eindrücke dennoch bald das Auge, bald das Ohr, bald das Gedächtniß, bald den Verstand einzeln mit dieser Gewalt ergreifen und für den Augenblick selber zu verschlingen scheinen; aber sie dann hinwieder in der Gesammtheit unserer Kräfte in eine Gemeinkraft des Lebens vereinigen und dadurch im Gleichgewicht unter einander zu erhalten geeignet sind. Wenn die Idee der Elementarbildung in ihrem Wesen Wahrheit hat, so muß sie ihre Wahrheit in den Resultaten der Anfangspunkte der Mittel, von denen auch bei ihr der große Strom ihres durchs Leben fortgehenden Einflusses hervorgeht, bewähren.

So wie die Kraft der Wohnstubenbildung sich in der kunstlosen Unschuld des Heiligen und Göttlichen der Menschennatur, im[326] Vater-, Mutter- und Kindersinn ausspricht, so hat die Kunst der Elementarbildung eben so in diesem göttlichen und heiligen Wesen der Menschennatur ihren Ursprung und den wesentlichen Mittelpunkt ihrer Segenskraft; sie spricht sich auch im Vater-, Mutter- und Kindersinn unsers Geschlechts in allen ihren Mitteln am vorzüglichsten belebt aus. Unsere Erfahrungen und Versuche bestätigen auffallend, in welchem Grade der Gang der wahren menschlichen Kunst mit dem kunstlosen Gange der Natur in der Entfaltung unserer Kräfte in Übereinstimmung steht. Das ist so wahr, daß, wenn man die Vorschritte der Kunst, zu denen die Erfahrungen unser Geschlecht diesfalls seit Jahrtausenden hingeführt, einzeln und näher ins Auge faßt, so findet man, daß sie sammt und sonders in ihrem Wesen durchaus nichts anderes sind, als Resultate des Selbsttriebes der Menschennatur zur Entfaltung jeder einzelnen der Kräfte und Anlagen, die hinwieder jeder einzelnen menschlichen Kunst und Wissenschaft zum Grunde liegen, und daß folglich alle Kunstbildungsmittel des Menschengeschlechts nur in soweit zum Ziel seiner wahren Kultur hinführen, als sie mit dem allgemeinen Gang der Natur in der Entfaltung unserer Kräfte und Anlagen in Übereinstimmung stehn. Auch schließen sich alle wahren Elementarbildungsmittel an die göttliche Kraft und an das innere ewige Leben der Triebe dieser Bildung an und beweisen wesentlich dadurch ihre Wahrheit und ihre elementarische Kraft.

Die Folgen dieses Zusammenhangs des Ganges der Natur in der Entfaltung unsrer Kräfte mit den Fundamenten aller wahren Kunstbildungsmittel unsers Geschlechts beweisen sich unter allen Umständen durch die Erfahrung. Sie beweisen sich auch vorzüglich in unsrer Anstalt.

Kinder, die die Jahre ihrer Unmündigkeit in unverkünstelten Haushaltungen in der Freiheit und im Freisinn, im frommen, lieblichen Glaubensgehorsam gegen Vater und Mutter zugebracht und bis ins sechste und siebente Jahr durch keine Art von Zeit- und Modeverkünstelung, so wenig als durch irgend eine Art von willkürlicher oder nothdürftiger Gewaltthätigkeit von der aufmerksamen Thätigkeit abgelenkt worden, zu welcher der ungestörte und nicht unnatürlich gehemmte Selbsttrieb zur Entfaltung ihrer Kräfte die Kinder unsers Geschlechts allgemein, fast ohne ihr Zuthun, hinführt, solche Kinder fanden bei ihrem Eintritte[327] in unsere Anstalt vielseitig in jedem wahrhaft elementarisch geordneten Bildungs- und Unterrichtsmittel eine bloße Fortsetzung der freien, kunstlosen Selbsttätigkeit, zu der sie der Gang der Natur in der Entfaltung ihrer Kräfte in ihrem Vaterhause, von der Wiege an, selbst hingeführt hat.

Freilich aber traten auch nicht viele Kinder mit den Vortheilen einer so unentweihten und unverkünstelten Naturvorbereitung in unsere Anstalt. Die Menge der Kinder des Landes in allen Ständen werden schon in ihrer Unmündigkeit vielseitig und gewaltsam von dem Gange der Natur abgelenkt, und entweder in die Bande einer bösen, ihre Kräfte hemmenden und verwirrenden Verkünstelung geworfen, oder in der Kunstlosigkeit einer vielseitigen Verwahrlosung den Gefahren der Abstumpfung und der Verwilderung preisgegeben.«

So weit die Stelle dieses Manuscripts. Ich fahre jetzt in den Betrachtungen über meinen Gegenstand auf dem Punkte fort, auf dem ich vor der Einrückung dieser Stelle stehen geblieben.

Ich glaubte in der Täuschung des Wirrwarrs unseres wirklichen Zustandes durch die berührten, thatsächlichen Resultate meiner Anstalt den Weg zu alle dem, was ich mir im Fache der Erziehung Großes und Herrliches dachte, gleichsam vor meinen Augen gebahnt dastehen zu sehen. Selbst Schmid, der den Boden meines Hauses besser als wir alle kannte und die Gefahren, denen wir auf demselben entgegengingen, in seinen Quellen richtiger beurtheilte, auch seine äußersten Folgen mehr fürchtete als wir alle, schien in diesem Augenblicke einen Grad des Glaubens an die Möglichkeit der Erreichung unsrer Endzwecke zu erreichen, die ich bis jetzt kaum zu hoffen wagte. Die außerwesentlichen Gründe zu diesen Hoffnungen stiegen damals in eben dem Grade, als sich die innern wesentlichen Gründe dieser Hoffnungen in unserer Mitte real zu verstärken und uns zu einer festen Zuversicht im Glauben an dieselben zu erheben schienen.

Vier Russische Jünglinge, die seit mehreren Jahren auf Kaiserliche Rechnung Deutschland, Frankreich, England und die Schweiz in pädagogischer Rücksicht durchreisten, kamen in diesem Zeitpunkte zu uns und endigten ihren diesfälligen Auftrag in meinem Hause. Sie beobachteten und prüften die Vorschritte der elementarisch geführten Zöglinge dieser Anstalt über ein Jahr lang und wirkten selbst zur weitern Ausbildung derselben[328] freiwillig sehr vieles mit, wofür ich ihnen wahrhaft Dank schuldig bin.

Auch ein Geistlicher ward von einer geachteten englischen Familie beauftragt, sich mit unsrer Unterrichtsweise bekannt zu machen, und wirkte während dieses Aufenthalts sehr theilnehmend sowohl auf die Beförderung meiner Zwecke, als auf die Eröffnung meiner Anstalt. Nebenbei geschah in diesem Zeitpunkt noch sehr vieles, das die Hoffnung, es sei möglich, das Ziel unsrer Bestrebungen, mitten durch alle Schwierigkeiten, denen sie ausgesetzt waren, zu erreichen, in uns selber zu rechtfertigen schien.

Aber die Hoffnungen, so sehr sie an sich auch gegründet waren, führten uns doch nur irre. Die äußern Hülfsmittel der Anstalt wirkten nicht kraftvoll gegen die wesentlichen Quellen unsers innern Verderbens; dabei waren die Feinde, die wir zu bekämpfen, und die Schwierigkeiten, die wir zu besiegen hatten, weit größer und weit mächtiger, als wir uns vorstellten, und wirkten von Jahr zu Jahr mit immer sich vermehrendem Erfolg gegen das innere, heilige Wesen unsrer Bestrebungen und besonders gegen die Resultate meiner innig geliebten und mich bis zur Begeisterung erhebenden Armenanstalt, bis endlich die Verfolgungen und Verschreiungen meines Hauses durch die Eingabe der förmlichen Klage Niederer's gegen dasselbe, die an die Municipalität eingereicht wurde, ihre oberste Höhe erreichten.

Hätte ich ihre Folgen in der ganzen Ausdehnung ihres Gewichts vorausgesehn, ich hätte meine Anstalt bei der Eingabe dieser Klage auf der Stelle aufgegeben. Wahrlich, ich hätte in diesem Augenblicke das thun sollen; ich hätte von dem in mir selbst verhärteten Kampfe, das mir Unmögliche möglich machen zu wollen, zurücktreten und mich auf denjenigen Theil meiner Lebensbestrebungen zurückziehen sollen, von dem ich in meiner Jugend ausgegangen und den ich, ohne irgend eine Art fremder Hülfe, befriedigend durchzusetzen im Stande gewesen wäre. –

Die, an die Municipalität eingegebene Verfolgungsschrift, der daraus entstandene, fast drei Jahre lang gedauerte Prozeß, so wie das muthwillige Zwischenspiel des auf correctionellem Wege betriebenen Incidentalrechtshandels, aller Hohn und alle Verachtung, denen unser Haus während dieses langen Zeitraumes ausgesetzt war, wirkten natürlich auf die äußere Untergrabung[329] und innere Vergiftung unsrer pädagogischen Bestrebungen auf eine Weise, die den endlichen Ruin meiner Lebenszwecke unausweichlich herbeiführen mußte; und das in diesem Zeitpunkte miterschienene Meyer'sche Pamphlet war nicht nur sehr wohl für das Servum pecus des John Bull's in meinen Umgebungen berechnet, sondern, was noch weit wichtiger ist, es wirkte mit großer, tiefgreifender Kraft auch dahin, die letzte Spur der Segensfundamente des häuslichen Lebens und alles Zutrauen und alle Liebe der Kinder an mein Herz und an meine Kräfte, ihnen Erziehungs halber wahrhaft und ausgezeichnet dienen und helfen zu können, zu untergraben und gänzlich auszulöschen.

Der Verfasser dieser Schrift hatte die diesfällige Wirkung seines Libells auf das Innere meines Hauses schon ein Jahr vorher vorbereitet, indem er durch die Art der Wegnahme seiner Geschwister aus meiner Armenanstalt meinen Zöglingen sammt und sonders handgreiflich machte, daß jeder derselben aus meinem Hause weglaufen oder sich wegführen lassen dürfe, wenn es ihm nur gelüste. Schon diese Handlung war unter den gegenwärtigen Umständen meinem Hause um so nachtheiliger, da auf der einen Seite die Kinder der Armenanstalt auf einen Punkt der Brauchbarkeit für die Erziehung gebracht waren, daß sie wirklich sehr leicht Anstellungen finden konnten und dafür gesucht wurden, auf der andern Seite ein Zeitpunkt und Umstände eintraten, in welchen sich's sehr viele von ihnen gar gern einschwatzen ließen, sie haben zu einem solchen rücksichtslosen Austritt aus meinem Hause ein wirkliches Recht.

Der böse Feind hatte schon längst unter dem von uns so mühselig angesäeten und kaum noch entkeimten, guten Saamen wahrer Kraftbildung das gewaltig wuchernde Unkraut der Gemächlichkeit, der Ansprüche und kindischen Gelüste in großer Menge eingestreut. Nun aber bekam es durch die sich immer steigernde, feindselige Handlungsweise meiner Umgebungen von Tag zu Tag seinen Wuchs stärkende Nahrung und war dabei mit unbesonnenen Zeitfreiheits- und Rechtsgelüsten begleitet, daß man bald alle Augenblicke einen jungen Thoren von Ideen über Freiheit und Recht, im Gegensatz von Liebe, Pflicht und Dankbarkeit, begeistert und mit Meyer's Pamphlet in der Hand antraf, der mit Erbitterung über den hartherzigen, despotischen Schmid und über den armseligen, sich überlebten[330] Pestalozzi und die vielseitigen Lücken und Fehler seines Hauses sein Maul brauchte.

Unglücklicher Weise waren diese jetzt immer mehr in Frechheitsäußerungen ausartenden Zeiterscheinungen der Freiheitsgelüste in unserm Hause mit den Grundsätzen, Anmaßungen und Gelüsten einiger meiner Lehrer zum Theil in stiller, aber lebendiger und wirksamer Übereinstimmung. Das aber hatte sehr große Folgen. Es wurde nunmehr den Kindern der Armenanstalt, die bis jetzt noch immer bis auf einen gewissen Punkt Freude daran hatten, in den Freistunden im Geist ihres Standes und ihrer Bestimmung mit Liebe, Fleiß und Theilnahme zu arbeiten und dabei mit Bescheidenheit und Anhänglichkeit die Pflichten ihres Verhältnisses und ihrer Lage zu erfüllen, vielseitig eingeflüstert, sie verdienen ihr Brod mehr als genugsam, und dürfen gar wohl von mir fordern, an den Freistunden der Kinder aus der Anstalt der begüterten Stände Theil zu nehmen, etc. etc.

Mit diesen Verirrungen im Kopfe und mit diesen Gelüsten im Herzen, denen man natürlich nicht ent sprechen konnte, wucherte jetzt der Saame des Undancks in vielen meiner Kinder mit Lebendigkeit und erzeugte bald hie und da Äußerungen von Anmaßungen und Gelüsten, die nicht anders als aus einem vollkommenen Verlust aller Gefühle und Gesinnungen hervorgehen konnten, ohne deren belebtes Dasein die Möglichkeit der Erzielung unserer Lebensbestrebungen nicht denkbar ist. So drückend die Folgen der also gewaltsam untergrabenen, guten Stimmung meiner Kinder waren, so waren sie unausweichlich und erschienen jetzt schnell auf einander. Die äußersten Folgen dieses unglücklichen Zustandes sind von einer Natur, daß sie jedes Menschenherz bey ihrer Erzählung schaudern machen. Bald wurde ein Kind, unter dem Vorwand, seine Mutter sei todtkrank und wünsche es vor ihrem Absterben noch einmal zu sehen, heimberufen, fand sie in gutem Wohlseyn und blieb bei ihr; bald geschah dieses, bald jenes ähnliches.

So sehr es mein Herz zerschneidet, ich schreibe es den Kindern nicht zu. Es war nicht ihre Schuld; es war die Folge von Ansteckungsmaßregeln, deren Quellen und Ursachen jetzt jedem, der ihnen nachforschen will, klar sind.

Da die Größe des Unglücks dieser Ansteckung wesentlich auf den Lieblingspunkt meiner Lebensbestrebungen, auf die Kinder[331] meiner Armenerziehungs-Anstalt eingriff, und ich überzeugt war, daß, wenn ich nur ein paar Tagereisen weit von dem Lokal, von welchem diese Ansteckungen ausgingen, entfernt wohnte, so würden die Hauptquellen meines diesfälligen Unglücks verstopft sein, entschloß ich mich, aber leider erst, da die Herzen der meisten dieser Kinder fern von mir waren, und also zu spät, die Fortsetzung meiner diesfälligen Anstalt und alles dessen, was ich durch sie zu erzielen suchte, auf mein Gut im Aargau zu verlegen, und machte schon vor vier Jahren sogleich für diesen Endzweck mit einem für mich bedeutenden Gebäude, das jetzt wohl unter Dach, aber bei weitem noch nicht ausgebaut ist, den Anfang.

Auch dieser Traum scheiterte. Diese Maßregel, die vielleicht vor einigen Jahren ausführbar gewesen wäre und segensvoll hätte werden können, kam jetzt viel zu spät. Ich kannte die Bodenlosigkeit und das Verderben meiner Lage nach ihrem ganzen Umfange und in ihrer ganzen Härte noch nicht. Ich wußte auf der einen Seite mit zuverläßiger Sicherheit, die ersten Zöglinge dieser Anstalt seien so weit gebracht, daß sie alles das, was ich durch ihre Versetzung auf den Neuhof zu erzielen suchte, mit mir auf eine solide Art zu begründen und zu realisiren im Stande seien, und hatte dabei in Rücksicht auf einige von ihnen den festen, zweifellosen Glauben, sie seien von meinem Vaterherzen so überzeugt und an mich so anhänglich, daß ich diese Hülfe und Handbietung von ihnen mit aller Zuversicht erwarten dürfe.

Auf der andern Seite war ich zu den Maßregeln dieser Versetzung meiner Armenanstalt durch mir günstig scheinende Umstände, vorzüglich aber durch den mehrjährigen Aufenthalt eines, meinen Zwecken ergebenen, englischen Geistlichen, Hrn. M., in einem hohen Grad belebt und bewogen. Er trat 1819 als Religionslehrer der englischen Zöglinge, die in meinem Hause waren, in der Absicht in meine Anstalt, sich mit dem Eigenen meiner Unterrichtsweise vertraut zu machen, um sie einst in England anzuwenden. Von den Resultaten meiner Versuche belebt und von den Schwierigkeiten, die ich in meinem Local für die Ausführung derselben hatte, überzeugt, munterte er mich für die Verpflanzung meiner Armenanstalt auf den Neuhof mit großer Theilnahme auf; und dieses und noch viel anderes, das in diesem Zeitpunkt begegnete, wirkte auf mich dahin, daß ich alles that, diese Verpflanzung auf einen neuen frischen Boden möglich zu[332] machen. Ach, ich glaubte, hoffte, traute, liebte und – baute ein Haus. Ich ahnete nichts weniger, als dasselbe auf Sand gebaut zu haben.

Das Interesse für diese Anstalt war oder schien wenigstens in diesem Zeitpunkt in meinen Umgebungen und Verhältnissen so viel als allgemein. Die Achtung für dieselbe, wie sie wirklich in Iferten dastand, war besonders bei den Engländern, die mit meinem Hause in Berührung standen, so groß, daß über ein halb Dutzend arme Kinder aus England selbst in dieselbe hieher gesandt wurden, und sich für die nämlichen Zwecke, wie die unentgeldlich angenommenen deutschen Kinder, Jahre lang in derselben befanden, und daß eben so mehr als anderthalb Dutzend ganz junge, der Unmündigkeit nahestehende Kinder von Eltern dieser Nation, die in und um Iferten wohnten, den Zöglingen dieser Anstalt zur eigentlich elementarischen Begründung ihrer Erziehung und ihres Unterrichts mit so viel als unbedingtem Vertrauen übergeben wurden und Jahre lang mit einem allgemein Aufsehen erregenden Erfolg und lauten Beifall ihnen überlassen blieben.

Der benannte englische Geistliche that alles, schon im ersten Jahr seines hiesigen Aufenthalts sich eines der ausgezeichnetsten, von mir unentgeldlich aufgenommenen Kinder als seinen Gehülfen für die Endzwecke, die er in Rücksicht auf unsere Unterrichtsweise für England hatte, zu versichern, und trat dann nach einem dreijährigen Aufenthalt aus meinem Hause, um in England, wie er sich auf die bestimmteste Weise äußerte, die Hoffnungen, die er in Rücksicht auf den Beistand englischer Freunde zur Begünstigung und Unterstützung der projektirten Versetzung meiner Armen-Anstalt in mir erregte, zu realisiren. Er glaubte und sprach sich darüber bestimmt aus, daß mich Freunde aus England wenigstens mit einem Dutzend armer Kinder für diesen Endzweck unterstützen würden. Er nahm von mir Briefe, Empfehlungen und ein bestimmtes Circular an dieselben und an jedermann, der sich für meine Zwecke interessiren mochte, mit sich; unterhielt auch sowohl mit mir als mit meinem Freunde Schmid mehr als ein Jahr lang eine fortdauernde Correspondenz über diesen Gegenstand, und redete darin mit Bestimmtheit von einem Commité, die sich im Hause des Hrn. A. zu diesem Endzwecke gebildet habe, und daß hiefür schon eine bedeutende[333] Summe bereit liege. Aber im März vorigen Jahrs erklärte er sich in einem Brief an mich, daß dieser Plan aufgegeben und meine diesfälligen Bestrebungen in England allgemein als eine verlorene Sache angesehn und behandelt würden und alle weitere Aufmerksamkeit auf dieselben aufgegeben sei, und zwar ohne mir vorher auch nur einen Wink gegeben zu haben, der mich auf irgend eine Art auf die Vermuthung hätte bringen können, daß ich jemals von dieser Seite eine solche Erklärung und einen solchen Entschluß hätte erwarten sollen. Ich weiß auch jetzt noch nicht, was ich über diesen, von M. erhaltenen Bericht denken soll.

Gewiß ist indessen, daß ich also auch bei diesem Versetzungsprojekt meiner Anstalt, von dem ich die Rettung der wesentlichen Zwecke derselben erwartete, durch Hoffnungen irregeführt und zu Geldverschwendungen hingelenkt wurde, die ich jetzt für einmal so viel als in den See hinausgeworfen ansehn muß, und zwar in einem Augenblicke, wo die innern Fundamente meiner Lebensbestrebungen und die äußern Hülfsmittel meiner Anstalten schon an sich selbst an den Grenzen ihres Ruins und an einem Abgrunde standen, in den sie unausweichlich hinabstürzen mußten. Dieser Zustand wurde natürlich nicht nur von den öffentlichen Feinden meines Hauses, sondern selber von heimlich auch mir feindseligen Mitgliedern desselben dahin benutzt, den letzten Funken der Anhänglichkeit meiner Zöglinge an mich und ihres Glaubens an meine Bestrebungen in ihren Herzen auszulöschen.

Mehrere Glieder von ihnen, besonders diejenigen, denen die Beförderung literarischer Vorschritte weit mehr, als die Erzielung des Eigenthümlichen meiner pädagogischen Lebensbestrebungen am Herzen lag, hatten eigentlich eine Freude an diesen gescheiterten Hoffnungen. Sie hatten schon lange die Aufmerksamkeit, die ich einigen Engländern in meinem Hause zeigte, mit sichtbarem Unlieb ins Auge gefaßt, und verbargen jetzt gar nicht, daß sie mir es gönnen mögen, mit meinen diesfälligen Hoffnungen den Kopf an die Wand gestoßen zu haben. Je unglücklicher ich mit meinem vorgesetzten Versetzungsprojekt war, desto zügelloser ließ die Mißstimmung, die in meinem Hause im höchsten Grade herrschte, sich selbst freien Lauf. Einige meiner Lehrer ergriffen diese Gelegenheit sogar auch dahin, mit immer mehr Verachtung vom Ganzen meiner Bestrebungen mit meinen Zöglingen[334] selbst zu reden und ihnen von allen Seiten einzuflüstern, die Projekte, die ich mit ihnen vorhabe, führen sie nirgends hin. Einer von ihnen drückte sich bei einer belebten Gelegenheit in seiner derben Deutschheit diesfalls geradezu also aus: »ich werde es mit meinen diesfälligen Projekten in meinem ganzen Leben nicht dahin bringen, einen Hund aus dem Ofen herauszulocken.«

Vorzüglich zeigten einige, nach alter Weise wirklich geübte Kenner todter Sprachen durchaus keine Aufmerksamkeit mehr auf meinen Wunsch, sie möchten in ihrem Unterrichte der lateinischen Sprache in das Geleise der Normalformen einlenken, in welche nach meinem Urtheil die elementarische Erlernung jeder andern als der Muttersprache hineingelenkt werden muß, und bemühten sich vielmehr, meine Zöglinge schnell und durchaus unvorbereitet lateinische Autoren lesen zu machen, wodurch sie auch in dieser Hinsicht ganz außer das Geleise unsrer elementarischen Bildungsmittel heraus und in eine zügellose Neigung zu einem, ihnen unverdaulichen, literarischen Schwulst hineingeführt wurden, der mit dem Wesen meiner elementarischen Bestrebungen vollkommen im Widerspruche stand, dabei aber unter den Umständen, unter denen wir lebten, ganz geeignet war, sie zu einer eigentlichen Abneigung von alle dem, was ich für sie, mit ihnen und durch sie zu erzielen suchte, hinzulenken.

Mehr oder minder derb flüsterten einige meiner Lehrer bestimmt selber den besten meiner mir noch übrig gebliebenen Zöglinge ein, ich opfere sie der Traumidee meiner elementarischen Begründung des menschlichen Wissens auf, und werde sie mit allem, was ich und Schmid bei unsrer literarischen Unwissenheit aus ihnen machen können, in der wissenschaftlichen Beschränktheit stehen lassen, in der ich selbst befangen sei. Einige von ihnen setzten in ihren Insinuationen gegen meine Zöglinge noch beweisbar hinzu: sie haben unrecht und thun sich selbst unrecht, wenn sie sich zu Gunsten meiner romanhaften Volksbildungsphantastereien an der Nase herumführen ließen; sie seien jetzt auf einen Punkt gebracht, daß sie mit einigen Empfehlungen sich selber helfen und Mittel finden könnten, sich in Sprachen und Wissenschaften in einem Jahre weiter zu bilden, als sie es bei mir, wenn sie auch ihr ganzes Leben dafür aufopfern würden, nie bringen würden. Zugleich ward ihnen der[335] Zustand des hiesigen Aufenthalts als ein Zustand der Sclaverei und des Mangels aller Annehmlichkeiten, Gemächlichkeiten und Genießungen wohlerzogener und einer ehrenhaften Bestimmung entgegenstrebender Jünglinge vorgemalt und unglücklicherweise für mich vieles, sehr vieles gethan, was ihnen das weitere Bleiben in meinem Hause zur ekelhaften Last und als ihnen auf keine Weise mehr dienlich in die Augen fallen zu machen geeignet war.

So handelten jetzt Menschen, die seit langem mit mir an einem Tische aßen, feindselig gegen mich und meine heiligsten Lebenszwecke und glaubten dabei noch gar nichts Böses gethan, sondern im Gegentheil mit gutem, menschenfreundlichem Herzen nur das wahre Wohl dieser jungen Leute befördert zu haben. Sie thaten dafür alles, versprachen ihnen Empfehlungen zu geben, wohin sie wollten, und ihnen Plätze zu suchen, an denen sie es unendlich besser haben würden, als bei mir; und andere Umstände trugen dann noch dazu bei, die diesfalls im Widerspruche mit mir stehenden Lehrer mit Menschen im meinen Umgebungen, mit denen ich Jahre lang in offener Fehde stand, in immer enger werdende Verbindung zu bringen, und die Hülfe, die sie diesen jungen Leuten anboten, zugleich mit bestimmter Theilnahme an alle dem, wodurch die endliche Auflösung meines Hauses und aller meiner Zwecke mit schnellen Schritten herbeigeführt wurde, zu vereinigen.

Ich hatte bei der Annahme meiner Zöglinge in diese Anstalt fünf Jahre als den kürzesten Zeitpunkt bestimmt, den sie zur Bildung für ihre Bestimmung nothwendig haben; dieser Zeitpunkt nahete nunmehr heran, und meine Kinder, denen ihre Umgebungen seit so lange mit alle dem, was ich eben berührte, die Ohren voll gemacht hatten, waren dadurch in eine Stimmung gebracht, diesen Moment als eine Losbindung von allen ihren Pflichten und Verhältnissen gegen mich und meine Zwecke anzusehen. Die bösen Reize, die diese für mich so unglückliche Mißstimmung begleiteten, waren jetzt äußerst stark und wurden mit jedem Tage vorzüglich dadurch belebter, daß jedermann, der in Rücksicht auf das Wesentliche, was eine gute Erziehung leisten soll, einen sichern Takt hatte, die pädagogische und bürgerliche Brauchbarkeit von mehrern derselben in einem Grad erkannte, daß sie von Leuten, die sie näher kannten, auf eine ganz außerordentliche Weise gesucht wurden. Sie hatten aber[336] diesen Vorzug wesentlich nicht sowohl den Vorschritten ihrer wissenschaftlichen Kenntnisse, als dem Grade der Kraft, in welcher sie in den elementarischen Übungen des Eigenen unsrer Unterrichtsweise vorgerückt waren, und namentlich dem, im ganzen Umfange consequent organisirten Gang des Unterrichts in der Zahl- und Formlehre zu danken, den ihnen Schmid gegeben, und der mit den Erfahrungen, die sie durch die tägliche thätige Theilnahme an dem Unterricht der Zöglinge meines Hauses genommen, innig verbunden war. Seit den zwanzig Jahren, während deren Schmid in meinem Hause ist, fiel allen bessern Köpfen, die ihn hier oder anders wo kennen lernten, die außerordentliche Kraft seiner Führung der Zöglinge zur häuslichen und bürgerlichen Brauchbarkeit in einem so hohen Grade auf, daß ich unbedingt hoffte und glaubte, alle diese Zöglinge würden sich ihm wenigstens für den Einfluß in dieser Kraft dankbar erzeigen. Aber ich irrte mich. Sie freueten sich zwar ihrer Brauchbarkeit und der sich ihnen anbietenden Gelegenheit ihrer Benutzung; aber mein Glaube an ihre diesfällige Dankbarkeit war ein großer Irrthum.

Doch, ich möchte gern auf ewig einen Vorhang über alles ziehn, was diesfalls einschlägt und Licht giebt.

Ich war durch die berührten Umstände dahin gebracht, daß ich kaum noch die Hoffnung in mir nähren durfte, daß, wenn ich die besten meiner Zöglinge mit gerührtem Vaterherzen bitte, mir bei meinem Vorsatze, meine Armenanstalt auf den Neuhof zu versetzen, mit kindlichem Herzen an die Hand zu gehen, sie dieses mir doch auch nicht abschlagen werden. Ich that das und bat in dem Augenblicke, in dem mir die traurigen Folgen der Ablenkung der Herzen meiner Kinder von meiner Person und besonders von der Theilnahme an dem Versetzungsplane meiner Anstalt auf den Neuhof anfing bewußt zu werden, einige von ihnen um Gottes und aller Erbarmenden willen, mich in meiner herzzerschneidenden Lage nicht zu verlassen.

Aber an den meisten Orten, wo ich diesfalls anklopfte, fand ich die Wahrheit bestätigt, daß kein Brod in der Welt so hart ist, als dasjenige, was unglückliche Eltern von hartherzigen Kindern zu bitten genöthigt sind. Ich wollte nicht Brod, ich wollte mehr; ich wollte Handbietung zur Fortsetzung der Vaterwerke, die ich an ihnen und an so vielen andern schon seit so langem gethan[337] oder wenigstens zu thun gesucht hatte. Aber ich mußte tief fühlen, daß meine Zöglinge so viel als allgemein dahin gebracht waren, es unter ihrer Würde zu finden, an einer Pestalozzischen Armenanstalt im Neuhof angestellt zu werden. Mehrere von ihnen äußerten sich gegen mich auf eine Weise, daß ich mit Händen greifen mußte, sie hielten meine diesfällige Bitte für zudringlich. Von einem weiß ich ganz sicher, daß er sich an mehrern Orten dahin geäußert, ich treibe meine Forderung der Dankbarkeit gegen sie zu weit, sie seien nicht schuldig, sich für mich auf eine solche Weise aufzuopfern. Ich nehme es ihm auch gar nicht übel. Er hat, wie ich sicher weiß, nur nachgepfiffen, was ihm größere Vögel vorgesungen.

Das, was mir von allem, so in diesen letzten Tagen meiner Anstalt begegnet, am meisten zu Herzen ging, war aber dieses: Der in der eigentlichen elementarischen Unterrichtskunst am meisten vorgerückte und hierin sich wirklich genialisch auszeichnende Zögling dieser Anstalt, der seit der ersten Stunde seines Daseins mein Liebling war und mit dem ich in der Noth den letzten Bissen Brod getheilt hätte, schlug mir jetzt ab, zu versprechen, einen Augenblick länger als seine fünf Jahre bei mir zu bleiben. Ich versuchte alles Mögliche, sein Herz dafür zu bewegen. Ich ging selber hinter dem Rücken Schmid's, dem ich bei seinem letzten Eintritt in mein Haus heilig versprochen, keinem Menschen einen Heller Geld ohne sein Vorwissen zu versprechen oder gar zu verschreiben, dahin, diesem meinem Liebling eine Verschreibung von zweihundert Gulden anzubieten, wenn er für die ersten Einrichtungen auf dem Neuhof nur noch ein Jahr, und wenn es nicht sein könne, doch nur ein Halbjahr bei mir bleiben wolle. Umsonst. Er ward durch die Bearbeitung seiner Ansicht über meine Zwecke und sein diesfälliges Verhältniß zu mir, ohne eigentlich ein böses Herz zu haben, zu einer diesfälligen Verhärtung gebracht, die in der kindlichen Menschennatur unbegreiflich scheint. Aber da ich die Menschen und Verhältnisse, deren Einfluß er unterlag, nahe kenne, so wundere ich mich auch darüber gar nicht.

Er schloß sich seit langem an einen Lehrer meines Hauses, der ihn mit enthusiastischem und, ich muß sagen, selber gewaltthätigem und seiner Gesundheit schädlichem Eifer in die Erlernung der alten Sprachen hineinzuführen suchte, auf eine Weise an,[338] daß er allmählich alles Interesse für die Geistesrichtung und Thätigkeit, die seine Bestimmung und meine Endzwecke erforderten, gänzlich verlor, und mit einer Lüsternheit, die derjenigen, mit welcher Eva die Sünde in die Welt brachte, gleich war, sich nach einer andern, nach seiner Ansicht für die wissenschaftliche Bildung vortheilhaften Lage sehnte. In der höchsten Belebung dieses Zustandes verließ der Lehrer, der ihn in diese Stimmung brachte, mein Haus, und in der Verödung, in der sich nunmehr mein Zögling in demselben fühlte, fand jener durch Vermittelung eines andern Lehrers Gelegenheit, mit ihm eine geheime, die Mittel seiner Entweichung vorbereitende Correspondenz zu eröffnen. Die Sache ward verrathen; ich wollte die Correspondenz sehen, aber sie war selber auf Anrathen des Lehrers, der in meinem Hause den Unterhändler in dieser Angelegenheit machte, verbrannt. Ich ließ es gut sein, und glaubte in meiner Gutmüthigkeit nicht, daß die Correspondenz dennoch fortgesetzt und auf gleichem Fuße unterhalten werde.

Aber kaum war der Tag vorüber, an dem mein Zögling seine fünf Jahre vollendet, so erschien der ausgetretene, mit ihm correspondirende Lehrer; ohne uns weder einen Brief noch eine Vollmacht von den Eltern desselben vorzuweisen, kam er nach Iferten und forderte auf seine Faust, ich solle ihn, da er seine Zeit ausgedient und ausgehalten, jetzt mit ihm abreisen lassen. Ich verweigerte ihm das natürlich; aber wenige Stunden nach dieser Verweigerung ließ er mich deßhalb förmlich vor den Richter citiren. Ich konnte in der nämlichen Stunde nicht erscheinen und erwartete die weitern rechtsförmlichen Schritte in dieser Sache. Es geschahen keine. Der Lehrer, der mich citirte, entwich, des Unrechts und der Folgen, die ein weiterer diesfälliger Rechtsschritt auch für ihn haben könnte, bewußt, morgen darauf aus Iferten, und mein Zögling verschwand am nämlichen Tage auch von da.

Jetzt hatte ich doch einmal genug. Die Täuschung von der Möglichkeit der Verpflanzung dessen auf Neuhof, wovon in Iferten kein Fußbreit guter Boden eigentlich mehr mein war, war nun in meiner Seele endlich auch ganz ausgelöscht. Es mußte wirklich so weit kommen, um mich dahin zu vermögen, meine gänzliche Hoffnung, meine diesfälligen Zwecke als für mich vollends unerreichbar aufzugeben. Ich that es endlich und publizirte unterm 17. März 1824 das gänzliche Unvermögen, darin ich mich[339] befinde, den Erwartungen und Hoffnungen, die ich durch meine projektirte Armenanstalt und Stiftung in den Herzen so vieler edeln Menschen- und Erziehungsfreunde erregte, weiter entsprechen zu können.

Seit der, durch den wohlwollenden Einfluß der hohen Regierung endlich und endlich von den Herren Niederer, Krüsi und Näf erhaltenen, authentischen Zurücknahme alles dessen, was so viele Jahre ihrerseits gegen mich und mein Haus gethan und verbreitet wurde, und die sich im 12. Bande meiner Schriften wörtlich abgedruckt befindet, sind Dinge vorgefallen, die mit dieser Zurücknahme in einem solchen Widerspruche stehen, daß mir auch nicht der geringste Strahl von Hoffnung übrig bleiben konnte, es sei ihnen mit derselben nur von fern wirklich Ernst gewesen; ich mußte im Gegentheil mit Händen greifen, die Gefahr ihrer alten Handlungsweise gegen mich habe sich dadurch gar nicht gemindert, sondern ich werde forthin von ihnen behandelt werden, wie bisher. Das aber machte einen so tiefen Eindruck auf mich, daß ich mich entschloß, meine Anstalten in Iferten einstweilen einzustellen.

Wahrlich, es war mir, als ich mache mit diesem Rücktritte meinem Leben selber ein Ende; so weh that es mir. Mein Leben war unter diesen Umständen für mich kein Leben mehr. Ich hatte wohl Recht. Auch die Einladung des hohen Staatsraths, ich möchte Hrn. Schmid entbehrlich machen und ihn entlassen, erschien wenige Wochen, nachdem ich die Notwendigkeit des diesfälligen öffentlichen Rückschrittes durch den 12. Band meiner Schriften bekannt gemacht. Ich weiß zwar, daß diese Einladung in der Absicht an mich gelangte, mir die Fortdauer meiner Anstalten in Iferten möglich zu machen und zugleich die Ruhe und das Glück meiner alten Tage in meiner Lage zu sichern; aber sie stand mit den Folgen der Fortdauer der feindseligen Handlungsweise meiner Opposition und mit den Irrthümern über meine wahre Lage, die diese im ganzen Umfange meiner Umgebungen nährte, im innigsten Zusammenhange. Auch diese Maßregel war keineswegs geeignet, in dieser Rücksicht den entferntesten Strahl von Hoffnung in mir zu nähren; im Gegentheil, der Gedanke der Entfernung Schmid's von meiner Seite war das Non plus ultra meiner diesfalls verzweiflungsvollen Ansichten, Urtheile und Entschlüsse. So gern ich es gethan hätte, so konnte ich nicht[340] daran denken, meine alte Stelle in Iferten zu erhalten oder wieder herzustellen, ohne ihn an meiner Seite zu haben.

Um diese Entfernung Schmids von mir abzuwenden, that ich alles mir immer Mögliche; und so wie ich in den, seit einigen Jahren so oft wiederholten Vorstellungen an den hohen Staatsrath über meine Lage in Iferten Hochdenselben immer und immer um die genaueste Untersuchung des wahren Zustandes meines Hauses und um die strengste Prüfung flehte, so that ich auch gegenwärtig mit einer, ich muß es sagen, beynahe unbescheidenen Zudringlichkeit das Nämliche, und bat die hohe Regierung um die genaueste Untersuchung und strengste Bestrafung, im Fall diese, nicht sowohl ihn als mich unglücklich machende Entfernung Schmid's von meiner Seite die Folge irgend einer rechtlich strafbaren Handlung sein mochte. Aber meine Bitte fand auch diesmal nicht nur keinen Eingang, sondern es blieb mir sowohl als Hrn. Schmid noch jede Spur der Beweggründe dieser Einladung völlig verborgen.

Diese letzte, hoheitlich eingelenkte Versöhnungshandlung zwischen Niederer und meinem Hause, die die gänzliche Zurücknähme alles dessen, was so viele Jahre von ihnen verbreitet und gethan wurde, wesentlich in sich faßte, hatte für mich und mein Haus so wenig die versöhnenden Segensfolgen, daß diese Herren im letzten August es sogar wagten, der Municipalität von Iferten ein Begehren einzureichen, laut welchem ihnen das mir lebenslänglich zugesicherte Local zu ihrem Gebrauche zugestellt werden sollte, und endlich diese Behörde zur gewaltsamen Besitznahme meines Schlosses zu verleiten, welches mir natürlich das Recht gab, Gewalt mit Gewalt abzutreiben, und diesfalls selber Handlungen zu erlauben, die, wenn die löbl. Municipalität auf ihrer Seite diesfalls nicht rücksichtslos auf Recht und gesetzliche Ordnung zu Werke gegangen, wirklich strafbar gewesen wären. Ich handelte in diesem Falle nach dem Gesetzen des Naturrechts, das beim Eintreten des Bedürfnisses der Nothhülfe auch ein bürgerliches Recht wird. Aber durch diese Gewaltshandlung gefahrete ich, auch den letzten Faden meiner Hoffnungen und des Rechtsverhältnisses, auf welches sie meiner Wohnung halber gegründet sind, gänzlich und für immer und zwar zu Gunsten von Männern zu verlieren, deren Handlungsweisen dem Leser dieser Bogen nicht mehr zweideutig in die Augen fallen werden.[341]

Doch ich schweige aus vielen, recht vielen Gründen jetzt über alles, was seit dem Zeitpunkt der hoheitlich eingelenkten Versöhnungshandlung von Seiten meiner alten Widersacher Nachtheiliges und Gefährdendes gegen mich versucht und gethan wurde, so wie über die wichtigen Folgen, die die disfälligen Handlungen gehabt haben und wahrscheinlich bis auf die letzte Stunde meines Lebens haben werden. Es giebt in allen Verhältnissen des Lebens, und besonders in solchen, die das wichtige und große Interesse der Ehre und des Eigenthums betreffen, eine Zeit des Redens und eine Zeit des Schweigens. Im gegenwärtigen Falle ist für mich die Zeit des Schweigens noch da. Aber sie wird auch enden, und wird unter gewissen Umständen nothwendig enden müssen.

Ich habe indessen den Sprechern für die Unwahrheit und das Unrecht immer das Vorwort gelassen, und bin mit meiner Wahrheit dann erst hintennach gekommen. Diese Manier ist auch gar oft in Fällen, wo man das Recht ganz auf seiner Seite hat, gar nicht die schlimmste. Es ist kein Faden so rein gesponnen, er kommt doch endlich an die Sonne. Was mir bisher begegnet ist und worüber ich mich umständlich erklärt habe, waren nur Vorbereitungsmittel zu dem Ziele, nach welchem man von Anfang an strebte, es waren Einlenkungs- und Anbahnungsmaßregeln zu dem endlichen Unrecht, über welches ich gegenwärtig stille zu schweigen für gut finde und für meine Pflicht achte. Ich thue auch meinem Feinde nicht gern weh; es geschieht nur mit Betrübniß, wenn ich es thun muß; auch das Wenige, das ich jetzt darüber gesagt, ist mir schon fast zu viel.

Ich sage nur noch dieses: das Äußerste meines Unglücks ist wesentlich daher gekommen, daß Schmid bei seinen wiederholten Versuchen, die Ursachen unserer Zerwürfnisse unter vier Augen beizulegen, niemals Gehör fand. Auch ich suchte, ungeachtet der gänzlichen Fruchtlosigkeit aller diesfälligen Bemühungen, durch meine persönliche Dazwischenkunft zu diesem Ziele zu gelangen, wozu ein warmer Freund beider Theile alles Mögliche beitrug. Wir hatten bei ihm eine mündliche Unterredung, in der ich meine Bereitwilligkeit zur Versöhnung und zum Frieden mit aller Stärke und Wärme ausdrückte. Herr und Frau Niederer begehrten meine diesfällige Äußerung schriftlich, ich versprach es und brachte ihnen persönlich sogleich einen Brief in ihr Haus, den ich hier wörtlich anführe.[342]

Er lautet also: »In Gefolg meiner gestrigen Unterredung wiederhole ich hiemit schriftlich, daß ich Herrn und Frau Niederer um Gottes und seines heiligen Erbarmens willen bitte, mich endlich von der Marter zu erlösen, die ich nun bald sechs Jahre auf der Folter des im höchsten Grade sündhaft und, ich sage gerade heraus, seelenmörderisch, mit unchristlicher Verstockung geführten Verfolgungskriegs leide, der mehr als so lange zwischen unsern, sich christlich nennenden Erziehungshäusern statt hat.

Lieber Herr Niederer! Wiederhole doch in deinem Gedächtnisse, was wir einst von einander hofften und was wir einander waren. Ich möchte von Euch wieder hoffen, was ich ehemals von Euch hoffte, und möchte Euch gern wieder sein, was ich Euch ehemals war. Aber wir müssen einander den Weg dazu möglich machen; wir müssen einander den Weg dazu, und zwar jeder von dem Standpunkte aus, auf dem er steht, bahnen helfen. Laßt uns das thun. Laßt uns vor allem uns ohne alle Krümmungen und ohne alle Clauseln einander verzeihen, und uns mit einem reinen, innern Willen zu einer wahren Liebe, zu einer wahren Freundschaft und zu einem gegenseitig segnenden Benehmen vereinigen. Niederer! werde, so viel Du kannst, wieder mein alter Niederer, wie Du es vor zwanzig Jahren warst. Frau Niederer! Sei mir auch du wieder in Wahrheit etwas von dem, was du mir damals warst. Ich will Euch so gern, so viel ich kann, auch wieder sein, was ich Euch damals war. O Gott! wie sehne ich mich darnach, daß unsere Herzen uns wieder zu uns selber bringen, und wir auf dem Wege einer wahren Selbsterkenntniß zu der Liebe gelangen, die im gleichen Grade die Pflicht unsers Christenthums, als sie auffallend das dringende Bedürfniß unserer Lagen, unserer Umstände und unserer Verhältnisse ist.

O Niederer! wie sehne ich mich darnach, daß wir von dieser erneuerten Liebe gestärkt und geheiligt, beim nächsten Fest einmal auch wieder zum heiligen Nachtmahl gehen dürfen, ohne fürchten zu müssen, daß die ganze Gemeinde in der wir leben, von unserm Thun geärgert, ob unserm zum Nachtmahl Kommen schaudern, und ihre Blicke sowohl mit Unwillen als Bedauern auf uns werfen müsse. O Niederer! Auf der Bahn dieser erneuerten Liebe findet sich der einige Weg zur wahren Ehre, so wie zur Wiederherstellung einer verlornen Scheinehre. O Niederer![343] Denke doch nicht, daß uns je Advokatenkniffe und Trölerkünste, auf irgend eine Weise zur Höhe der Ehre bringen können, zu der wir uns durch die Wiederherstellung unserer Liebe selber erheben können.

Alter Freund! Laßt uns das Inwendige der Schüssel reinigen, ehe wir uns um den Scheinglanz ihres Äußern bekümmern. Freund! Laßt uns, nach einem alten Sprichworte, die Stube wischen, ehe wir darin eintreten, um mit einander über etwas zu reden, das uns lange wehe that und kränkte. So lange das nicht ist, so lange die Stube nicht von allem Mist und Koth, der in uns selbst liegt, gereinigt ist, so lange ist unser Zusammentreten zu irgend einer Vereinigung nichts anderes, als das Zusammentreten von Wölfen in Schafspelzen. Also sichern wir uns vor allem aus der Liebe und der allgemeinen Versöhnung von uns allen bis auf Gottlieb und seine Frau hinunter; versöhnen wir uns vor allem aus miteinander und auch mit den Schatten der im Grabe über unsere Verirrungen trauernden Edeln, mit den Schatten meiner lieben Frau, und der guten, guten Frau Kuster selig; dann treten wir mit Liebe und christlichem Herzen zur Heiligung alles dessen, was noch beizulegen sein wird, zusammen. Lieber Niederer! Ich will für Deine und Deiner Frau Ehre so viel thun, daß kein besonnener, guter und edler Mensch sagen kann, ich hätte mehr dafür thun sollen.

Lieber Herr Niederer! Liebe Frau Niederer! Ich bin dem Grabe nahe. Laßt mich mit Ruhe und im Frieden in dasselbe hinsinken, und dann muß ich noch hinzusetzen: ich habe noch einiges auf dieser Erde zu thun; – helfet mir dazu, daß ich es ungekränkt und ungestört thun könne, und nicht ferner auf der Folter unsers unwürdigen Prozesses liegend thun müsse. Ich verspreche Euch die diesfällige Handbietung, deren ich für meine Lebenszwecke bedarf, bis an mein Grab mit Dank und Liebe zu erwiedern.


Den 1. Februar 1823.

unterz. Pestalozzi.«


Und was konnte ich mehr thun? Ich schweige über die Folgen, die dieser Brief hatte; möchte Gott es geben, daß sie anders gewesen wären, oder daß sie selbst jetzt noch anders würden. – Ich bin und bleibe heute noch in der nämlichen Gesinnung, in der ich war, als ich diesen Brief schrieb.

Quelle:
Pestalozzi, Johann Heinrich: Meine Lebensschicksale als Vorsteher meiner Erziehungsinstitute in Burgdorf und Iferten. In: Sämtliche Werke. Kritische Ausgabe, 27. Band. Zürich 1976. S. 215–344, S. 224-344.
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