Damen führen. Lose Röllchen. »Sehr angenehm!«

[29] Auf zwei Beanstandungen aus dem Leserkreise möchte ich zunächst antworten:

»Der Verfasser schreibt fast ausschließlich über Manieren beim Essen!« – Der Mensch ißt jeden Tag mehrere Male; also wer überhaupt auf Kenntnis und Beobachtung äußerer Formen Wert legt, dem wird das Benehmen bei Tisch besonders wichtig erscheinen, auch wenn er nicht gerade materiell veranlagt ist. Die meisten Kritiken, die ich bisher bezüglich der Etikette gehört habe, betrafen Manieren bei Tisch.

»Das anempfohlene längere Kauen der Speisen ist allerdings gesund, aber doch keine Etikettensache!« – Ich empfahl als Erfordernis des guten Tones, nicht hastig, sondern langsam[29] zu essen und erwähnte ganz besonders als gesundheitlichen Vorteil hiervon, daß es ein längeres Kauen ermögliche. Wie ich neben einem ästhetischen ein natürliches Wesen für eine Hauptbedingung äußerer Vornehmheit halte, so meine ich, daß es für den Wert einer äußeren Form keine bessere Empfehlung giebt, als eine natürliche, also z.B. sanitäre Begründung. Uebrigens machte mich ein gleichgesinnter Leser unseres Blattes darauf aufmerksam, langsames Essen und hierdurch ermöglichtes sorgfältiges Durchkauen der Speisen sei auch aus dem noch näher liegenden Grunde zu empfehlen, weil es die Gefahr vermindere, kleine, spitze Knöchelchen oder zufällig in die Speisen hineingeratene Dinge versehentlich hinunterzuschlucken, welche – wie zum Beispiel: Steck- oder Nähnadeln – als Nahrungsmittel entschieden unbeliebt sind.

Anfrage: »Wenn ich eine Dame am Arme habe und durch eine Thür gehen muß, lasse ich die Dame los, oder behalte ich sie am Arme?« – Das hängt ganz von den äußeren Umständen ab. Ist der Durchgang eng, oder hat der Herr eine Thür zu öffnen, so wird er die Dame vor dem Durchgang los lassen, hinter ihr – Achtung! Schleppe! – den Durchgang[30] passiren und ihr dann wieder seinen Arm bieten Hat der Herr hierbei eine Thür zu öffnen, so wird er die Thür nötigenfalls beim Hindurchgehen der Dame halten und zu diesem Zweck, wenn die Thür nach innen zu öffnen geht, sogar vor der Dame den Durchgang passiren, um die Thür von innen so lange aufhalten zu können, bis die Dame gefolgt ist. Der Grundsatz, der Dame den Vorrang und speziell den Vortritt zu lassen, ist durchaus nicht immer zu beobachten. Ost wird es praktisch sein, als Herr voranzugehen, wenn dies für die Dame – wie beim Passiren großer Menschenmengen – bequem und angenehmer ist. Auch im Dunkeln oder in überfüllten Räumen wird der Herr oft voran gehen, wenn es gilt, seiner Dame den Weg zu bahnen, und lieber sich selbst als die durch seinen Rücken gedeckte Dame etwaigen Kollisionen aussetzen. In solchen Fällen wird es höflich sein, falls der Vortritt des Herrn nicht ganz zweifellos geboten scheint, die Dame zu bitten, in ihrem Interesse »aus diesen oder jenen Gründen« ihr vorangehen zu dürfen.

Ist ein Durchgang breit genug, so werde ich die Dame am Arme behalten und in gleicher Höhe mit ihr hindurchgehen. Wenn ein Herr[31] seine Dame nicht losläßt und nur, mit der Dame am Arme, durch Seitwärtsdrehung seines Körpers einen Durchgang passiren kann, so ist es ein von mir oft wahrgenommener Etikettenfehler, wenn der Herr, sich hinter seiner Dame haltend, gleichsam von ihr sich durch den Durchgang hindurchziehen läßt, nur weil die Dame ja den Vorrang haben müsse. Dies sogenannte Schema »F« ist in diesem Falle ein Verstoß gegen den guten Ton. Der Herr soll doch die Dame führen, der Führer geht aber voran; auch gerät die eventuelle Schleppe der Dame in Gefahr, wenn der Herr seiner Dame ohne Abstand folgt, wie dies beim Gehen Arm in Arm doch geschehen würde. Also, Herr der Schöpfung, benütze die Gelegenheit, wo es Dir die Etikette befiehlt, den Vorrang zu haben; gehe voran, wenn Du Deine Dame am Arme behältst. Es sieht auch entschieden ungeschickt und unschön aus, wenn sich der Herr von seiner Dame leiten läßt, anstatt umgekehrt.

Anfrage: »Mein Freund erzählte mir, sein Sohn, Avantageur bei einem Kavallerie-Regiment, habe händeringend nach neuer Wäsche geschrieben, der Leutnant seiner Eskadron habe ihm erklärt, lose Manschetten zu tragen, sei nicht anständig[32] usw?« – Um mir keine Forderung auf den Hals zu laden, auch um mit gutem Beispiel voranzugehen, werde ich in meiner Kritik etwas vorsichtig und diplomatisch sein. Auch der Leutnant hätte vorsichtiger und diplomatischer seine Wäsche-Vorschriften erlassen sollen. Es giebt doch noch bösere Sachen, als lose Manschetten tragen. Wenn das bereits als nicht anständig bezeichnet wird, wie will sich dann der gestrenge Vorgesetzte in seinen Ausdrücken entsprechend steigern, wenn der Avantageur sich Schlimmeres – noch Schlimmeres – zu schulden kommen läßt? Wenn der Herr Leutnant für »es ist nicht anständig usw.« den richtigeren und milderen Ausdruck gewählt hätte »es gilt in unseren Kreisen für vornehmer, fest am Hemd sitzende Manschetten zu tragen,« er hätte den Avantageur, für den das Wort seines Leutnants im Allgemeinen ein Evangelium ist, – er hätte den Avantageur in seinem eigenen »Ich« und in seinen in gleicher Weise bekleideten Anverwandten weniger verletzt und dasselbe erreicht; die Mama hat sicher bereits Hemden mit festen Manschetten bestellt, und in 14 Tagen spätestens er scheint der Avantageur in »standesgemäßer« Wäsche und fühlt sich hoch erhaben über den[33] Einjährigen seiner Eskadron, dem eine Befestigung seiner »Röllchen« vom Herrn Leutnant noch nicht nahegelegt worden ist.

Die festen Manschetten spielen in Offizierskreisen und in gleich angesehenen Gesellschaftskreisen eine große Rolle. Sie gelten in diesen Kreisen vielfach als Prüfstein dafür, ob Jemand den an die Vornehmheit seiner Kleidung gestellten Ansprüchen genügt. In Diplomatenkreisen, im hohen Adel, in den Offizierkorps der Garde und auch in denjenigen fast aller preußischen Linien-Regimenter gelten feste Manschetten für ganz selbstverständlich. Ja, wenn der Prinz von X. sich in losen Manschetten zeigte, man würde fast annehmen, er ginge auf den Maskenball oder wollte aus sonst irgend welchen Gründen inkognito auftreten.

Womit begründen oder erklären nun die Verächter loser Manschetten diese ihre Antipathie? – Man sagt, wie lose Manschetten zum Hemd, könnte man ja auch über den untersten Teil der Rockärmel oder der Beinkleider lose – unabhängig von Rock und Beinkleid – leicht umzuwechselnde Manschetten aus demselben Tuchstoff tragen; man hält es für vornehmer, Bekleidungsstücke möglichst wie aus[34] einem Guß zu haben und nicht derart, daß Teile (wie die Manschetten am Hemd), welche der Beschädigung durch Reibung oder Schmutz am meisten ausgesetzt sind – daß diese Teile dann allein gewechselt werden können. Das Prinzip der Reinlichkeit ist mehr gewahrt, wenn ich das ganze Bekleidungsstück wechsele, sobald die fest daran sitzenden, dem Schmutz am meisten ausgesetzten Manschetten den Wechsel erfordern. – Jeder soll nach seiner Fasson selig werden, auch schon hier auf Erden; hierzu gehört: den Wünschen seiner Umgebung, den in seinem Stand üblichen Aeußerlichkeiten – des lieben Friedens wegen – zu entsprechen, solange es sich um keine schwerwiegenden Gewissensfragen handelt. Und zu diesen gehört die Manschettenfrage nicht. Wer seinen Sohn Kavallerie-Offizier werden läßt, wird ihm wohl auch die Mittel geben können, um sich den durch feste Manschetten bedingten Mehraufwand an Wäsche leisten zu können. Wer aber diese Mittel nicht besitzt, handelt natürlich anständiger, wenn er auf das Vergnügen verzichtet, durch vornehme Wäsche zu glänzen.

Es giebt vornehme und wohlhabende Leute, welche diesen Wäschekultus nicht treiben und[35] dafür ihre triftigen Gründe haben. Dem Einen ist es bequemer, zu jeder Zeit, z.B. bei der Arbeit, die Manschetten ablegen zu können, der Andere hält eben einen derartigen Mehraufwand für überflüssig und spart die betreffenden Gelder für andere Zwecke. Für Jene, welche in den oben genannten Kreisen auch durch ihr Aeußeres eine Rolle spielen wollen, ist die Manschettenfrage durchaus nicht nebensächlich.

Anfrage: »Wenn mein Bräutigam einen Freund in mein Elternhaus bringt, muß ich ihm bei der Vorstellung die Hand geben? Wenn er beim Abschied sagt, daß er sich gefreut, meine Bekanntschaft gemacht zu haben, muß ich ihm dann eine der stehenden Redensarten – wie: Es war mir gleichfalls sehr angenehm – erwidern?« – Der jedenfalls sehr schüchtern veranlagten Fragestellerin ist entschieden zu empfehlen, gegen ihre Schüchternheit anzukämpfen. Scheues Wesen, zimperliche Verlegenheit sind nicht mehr an der Tagesordnung. Auch für eine junge Dame gilt es als guter Ton, sich bis zu einem gewissen Grade ungezwungen, offen und natürlich zu benehmen. Wie überhaupt jedem Herrn, der einer jungen Dame beim Besuch in ihrem Elternhause vorgestellt wird,[36] so wird sie vor Allem einem Freunde ihres Bräutigams – schon aus Rücksicht auf diesen Letzteren – die Hand reichen. Gegen einen Herrn A., welcher Einem durch B. vorgestellt wird, liebenswürdig sein, das ist zugleich ein Höflichkeitsakt gegen den vorstellenden Herrn B. Diese sogenannte Liebenswürdigkeit gegen den Vorgestellten bekundet man am bequemsten und markantesten, indem man dem Betreffenden auch bei der ersten Vorstellung die Hand reicht. Dahingegen sind stehende Redensarten, wie »sehr angenehm« und das Echo darauf »gleichfalls sehr angenehm« oder »ganz auf meiner Seite« entschieden als trivial gewordene Ausdrücke besser zu vermeiden; sie haben etwas Gezwungenes und Geschraubtes an sich. Auch bei Beobachtung äußerer Formen soll man wahrheitsliebend sein. Die Worte »sehr angenehm« bei Vorstellung von Menschen, von denen man überhaupt noch nie etwas, mithin auch noch nichts Vorteilhaftes gehört hat, sind doch eben nur gedankenlos hingesprochen. Ob mir die Vorstellung des X. oder Y. sehr angenehm ist, das kann ich doch erst wissen, wenn ich ihn näher kennen gelernt haben werde. Wenn ein mir Vorgestellter mir nicht gerade schon aus[37] günstigen Urteilen Anderer bekannt ist, so halte ich eine stumme Verbeugung für natürlicher und darum auch vornehmer als das triviale »sehr angenehm«.

Noch etwas zum Manschetten-Thema! Viele Verächter loser »Röllchen« oder Manschetten tragen lose Kragen, und das ist doch dasselbe »in Grün«. Der lose Kragen ist geradeso ein Hemd-Bruchteil wie das unschuldige, vielgeschmähte »lose oder Flatter-Röllchen«! Also wer nicht in jeder Hinsicht unzerlegbare Hemden sein eigen nennet, der wage es nicht, noch fürderhin den »Röllchen-Träger« zu schmähen! Aber auch der gänzlich unteilbar Behemdete, der Zeitgenosse mit festem Kragen und mit festen Manschetten, urteile milde und bemühe sich, bei einem Träger zerlegbarer Hemden Eigenschaften zu entdecken, die sogar (?) jenen Mangel »erstklassiger! Wäsche« vergessen machen!

Quelle:
Pilati, Eustachius Graf von Thassul zu Daxberg: Etikette-Plaudereien. Berlin 3[1907], S. 29-38.
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