Finger- und Spülschalen. Aufheben der Tafel. Diner-Tagebuch.

[312] Veranlaßt durch eine Aeußerung aus dem Leserkreise, komme ich nochmals auf den Gebrauch des Wortes »Schnaps« zurück. Wie ich bereits in meiner letzten Plauderei erklärte, ist dies Wort keineswegs etikettewidrig, es ist sogar hoffähig. Wer sich seiner und vornehmer dünkt, wenn er bei jeder irgend möglichen Gelegenheit einen französischen Ausdruck anwendet, der bitte eben, wie bereits anempfohlen, statt um einen »Schnaps«, um einen, »chasse-café« wundere sich aber nicht, wenn er ob seines Begehres auf eine absolute Verständnislosigkeit seitens dieser oder jener Bedienung stößt. Ein deutscher Diener braucht keine französische Modeausdrücke zu beherrschen; sie machen in seinem Munde, da er doch die französische[312] Sprache nicht zu kennen pflegt, einen unnatürlichen und lächerlichen Eindruck. Ich entsinne mich, wie in einer kleinen schlesischen Garnison ein überfeiner Offizier mit vollem Rechte belächelt wurde, der die Aeußerung machte, die Ordonnanzen im Offizierkasino sollten belehrt werden, statt Schnaps den Ausdruck »chasse-café« zu gebrauchen.

Eine in vornehmen Häusern sehr verbreitete Sitte ist es, am Ende eines Diners oder Soupers oder auch überhaupt immer am Schluß eines jeden alltäglichen Mittag- und Abendessens, jedem Tischteilnehmer eine kleine Wasserschale vorzusetzen, gewöhnlich noch mit einer Zitronenscheibe versehen, zum Eintauchen der Hände und Finger. Vielfach nennt man diese Schalen auch Fingernäpfe. Diese Sitte hat keineswegs die Voraussetzung, daß man seine Finger statt des Eßbestecks oder zum Beispiel zum Festhalten eines Geflügelknochens gebraucht hat. Aber die Hände können einem Muster-Etikettemenschen auch durch das erlaubte Anfassen von Brot, Konfitüren, Obst oder sonstigen Sachen der Reinigung bedürftig erscheinen. Außerdem ist der Gebrauch dieser Fingernäpfe auch zu empfehlen, da im Verlauf des Essens[313] manche biedre Rechte einen Wärmegrad erreicht, der bei dem Händegeben – der Begleitzeremonie zu »Gesegnete Mahlzeit!« – einem besonders empfindsamen Menschen lästig sein könnte. Weil Wasser, selbst nach Ansicht der Verehrer von Bacchus und Gambrinus, äußerlich nie schaden kann, wird man also die einem am Schluß eines Essens dargereichten Fingernäpfe auch stets benutzen und sich dann seiner Serviette wie eines Handtuches bedienen. Früher – wenn ich mich recht entsinne, vor etwa zwanzig Jahren – wurden in den vornehmsten Häusern am Schluß eines Essens den Teilnehmern statt der Fingernäpfe Spülschalen verabreicht. Diese, jetzt noch für Herren in den vornehmsten Kreisen gebräuchlichen, Spülschalen bestehen aus einer leeren Schale, auf deren Boden ein mit Mundwasser angefülltes Gläschen steht. Man – früher auch die weibliche, jetzt nur noch die männliche vornehme Welt – benutzt diesen Apparat zuerst zum Ausspülen des Mundes, natürlich in möglichst appetitlicher und geräuschlose Weise, und zwar aus dem Gläschen in die leere Schale hinein. Sodann hält man abwechselnd eine Hand über die Schale und gießt mit der anderen einen hierzu im Glase zurückgelassenen[314] Rest des Mundwassers darüber. Mund und Hände werden hierauf mit der Serviette abgetrocknet. Ich bin durchaus dagegen, daß diese Sitte jetzt abgeschafft ist oder vielmehr in Gegenwart von Damen als nicht vornehm gilt, so sehr ich auch weiß, mit meiner Ansicht ziemlich isolirt dazustehen. Bei Herrendiners, wie in unseren vornehmsten Klubs, auch in einigen Offizierkasinos, wird am Schluß des Essens noch Mundwasser an der Tafel herumgereicht. Zunächst widerspricht diese Einschränkung dem Sinn für Vornehmheit. Der vornehme Herr wird sich bei Tisch in gleicher Weise benehmen, ob nun Damen zugegen sind oder nicht. Sich bei Tisch in Abwesenheit der Damen in äußeren Formen gehen zu lassen, eine solche negative Bekundung ritterlicher Hochachtung ist durchaus unvornehm für die Herren der Etikette. Allerdings mag ja die Gefahr, sich unappetitlich zu benehmen, bei dieser Mundreinigung an der Tafel für manche besonders groß sein. Doch das ist individuell, und für viele besteht eben diese Gefahr nicht; andere hingegen benehmen sich fast immer unappetitlich, sowohl wenn sie am Schluß der Tafel Mundwasser gebrauchen, als auch schon beim einfachen[315] Essen und Trinken. Das Innere des Mundes ist doch – beim Formenmenschen im Gegensatz zu den zehn Fingern – in direkte Berührung mit Speisen und Getränken gekommen; grade das Innere des Mundes zu reinigen ist deshalb außer im Interesse des Wohlbehagens auch aus Sauberkeitsrücksichten derart erforderlich am Schluß einer Tafel, daß alle Bedenken dagegen – nach meinem Dafürhalten wenigstens – als unangebrachte überfeine Sensibilität zurücktreten müßten in Anbetracht des durchaus ethischen Bedürfnisses der Reinlichkeit. Man muß es eben fertig bringen, sich auch beim Gebrauch von Mundwasser an der Tafel appetitlich zu benehmen. Hierbei gurgelnderweise Tremulo-Arien aus dem Troubadour zu produziren und dann das Mundwasser laut in die Schale zu sprudeln, das natürlich »thut kein feiner Mann«. Man äußerte mir gegenüber bei diesem Gesprächsthema öfter: Wer das Bedürfnis hat, sich nach Tisch den Mund zu reinigen, der thue dies abseits der anderen und nicht an der Tafel selbst. Ich meine nun aber, dies Reinlichkeitsbedürfnis sollten alle Tischteilnehmer haben; und da es zu gleicher Zeit, nämlich am Schluß der Tafel, auftritt, so sollte eben[316] der Gebrauch der Spülbecher an der Tafel selbst zum mindesten als eine berechtigte Sitte gelten. Thatsächlich findet man in vornehmen Häusern selten, ohne darum bitten zu müssen, auch nur eine einzige Gelegenheit zur Mundreinigung vor; aber erst gar bei einer großen Gästeschar jedem nach Tisch eine besondere Zelle hierfür bieten zu können, um ästhetische Ohren nicht zu verletzen – das könnten sich doch nur sehr wenige Gastgeber leisten. Sonderbar! Damen, die früher den Gebrauch der Mundbecher bei Tisch selbst kultivirten oder wenigstens in ihrer Gegenwart seitens der Herren duldeten, manche dieser Damen äußern sich jetzt in höchst intoleranter Weise hierüber und sprechen damit unklugerweise ein Verdammungsurteil über ihr höchsteigenes früheres Handeln oder Denken aus. Wenn man diese Sitte jetzt als shocking –. ein beinahe schon unmodernes Wort für »unpassend« – erklärt, sie aber früher, als und weil diese Sitte für vornehm galt, mitmachte, so bekundet man, früher sehr unselbständig und verständnislos gegenüber vermeintlichen guten Formen gewesen zu sein. Wenn man am Schluß der Tafel eine solche jetzt leider meist mißachtete Spülschale auch in Gegenwart von[317] Damen vorgesetzt erhält, so kann man annehmen, daß die Gastgeber, die maßgebendsten Personen an der Tafel, deren Gebrauch auch gestatten: und dann habe man den Mut, gegen den Strom zu schwimmen, wenn man das oben detaillirte und begründete Reinigungsbedürfnis empfindet.

Die Frau des Hauses hebt die Tafel auf und markirt diese Absicht vorher durch Hinlegen ihrer Serviette neben ihr Couvert, damit der Herr Geheimrat sein Glas austrinken kann, wenn er den Wein nicht stehen lassen will, und damit dieser oder jener Unterhaltungswütige seine interessante Geschichte noch vor dem Aufstehen beenden kann. Häufig geschieht es, daß die Hausfrau durch stummes Mienenspiel oder durch einige Worte – wie »Ist es Ihnen recht, wenn wir aufstehen?« – das Einverständnis hierzu seitens der ersten unter den eingeladenen Damen kurz vorher einholt. Bereits in einer früheren Plauderei schrieb ich darüber, daß und aus welchen Gründen die Hausfrau am Arm des vornehmsten Gastes bei der Polonaise zur Tafel den Reigen beschließt, aber nach Beendigung der Tafel den Zug stets eröffnet, wenn man das Eßzimmer – oder bei[318] Vanderbilts und anderen Milliardären und Millionären den Speisesaal – verläßt.

In dem Raum angekommen, in dem man sich nach den genossenen Tafelfreuden nunmehr weiter amüsirt oder auch mitunter, je nach eigener Veranlagung und äußeren Umständen, weiter langweilt oder zu langweilen beginnt, – in diesem Raum angekommen, läßt der Herr den Arm seiner Dame langsam entgleiten und macht ihr einen Bückling. Gestattet ist hierbei, aber durchaus nicht unbedingt von der Etikette gefordert, die meist gedankenlose Wunschesäußerung: »Gesegnete Mahlzeit, meine Gnädigste!« Wie gesagt, man darf sich aber auch stumm verbeugen, braucht sogar nicht einmal dabei zu lächeln. Ein zu häufiges Lächeln macht manchmal einen etwas süßlichen Eindruck und verfehlt, wenn es erkünstelt ist, leicht die erhoffte Wirkung, dadurch sympathisch zu erscheinen. Ein gewissenhaftes Bedenken eines jeden der Mittafelnden mit dem Wunsche »Gesegnete Mahlzeit« wurde früher von vornehmen Leuten unbedingt verlangt und geschieht auch jetzt noch in vielen Kreisen bei Gesellschaften nach Tisch – oft unter mehr oder minder gewandtem Hindurchwinden unter der Schar der Gäste. Ueber[319] die hierbei zur Geltung kommende Zeremonie des Handkusses habe ich mich früher ausführlich ausgelassen. Die Sitte, »Gesegnete Mahlzeit« zu wünschen, ist in den vornehmsten Kreisen in der Abnahme begriffen. Wer ein Feind überflüssiger, dabei doch meist gedankenlos, wie im Wunsche »Gesegnete Mahlzeit« hingesprochener Worte ist, darf diesen zur Phrase gewordenen Verdauungsgruß getrost vergessen oder auch absichtlich unterlassen. Am besten ist es aber wohl, man paßt sich der Sitte des Kreises an, in dem man sich zu Gaste befindet. Beobachtet man, daß in einer Gesellschaft diese allgemeine Begrüßung nach Tisch vor sich geht, so macht man eben mit oder bezeugt wenigstens den Gastgebern und vielleicht noch den vornehmsten Gästen oder den einem gerade räumlich, im wahrsten Sinne des Wortes, oder sonstwie Nahestehenden diese übliche Referenz. Für das umständliche allseitige »Gesegnete Mahlzeit«-Wünschen wendet man in manchen Familien das abgekürzte Verfahren an, am Tische stehen zu bleiben, seinem linken und rechten Nachbar die betreffende Hand zu reichen und, sobald durch sämtliche Arme und Hände die lebende Kette hergestellt ist, unter Anheben der Hände zu gleicher[320] Zeit »Gesegnete Mahlzeit« zu rufen. Wenn auch diese gemeinsame sprachliche Kraftäußerung nicht den Anspruch exquisiter Vornehmheit erhebt, so ist sie doch, als abgekürztes Verfahren bei Anwendung gesellschaftlicher Phrasen, entschieden praktisch. Manche versuchen es allerdings, in diese Wunschesäußerung den Brustton bewußter Aufrichtigkeit hineinzulegen; aber das mißglückt sehr oft, dazu sind diese zwei Worte durch den langjährigen gesellschaftlichen Gebrauch zu abgeleiert.

Etwas sehr Praktisches, das ich bei einem mir früher befreundeten Ehepaare kennen lernte, möchte ich allen denen zur Nachahmung empfehlen, die viele Diners und Soupers veranstalten müssen, nämlich ein Diner-Tagebuch. Es muß eine Skizze enthalten, wie man – unter Bezeichnung der Gäste – bei Tisch gesessen, was – und wieviel von allem – es an Speisen und Getränken gegeben hat, wie lange die Mahlzeit gedauert, und was sich etwa Bemerkenswertes ereignet hat. Das Praktische eines solchen Tagebuches liegt auf der Hand. Man kann dadurch vermeiden, denselben Gästen dasselbe vorzusetzen und dieselben Gäste in einer gleichen Reihenfolge zu placiren.[321]

Quelle:
Pilati, Eustachius Graf von Thassul zu Daxberg: Etikette-Plaudereien. Berlin 3[1907], S. 312-322.
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