Handküssen – Tanzen.

[148] Im Allgemeinen wird ein ruhiges, gemessenes Benehmen einen vornehmeren Eindruck machen, als ein unruhiges und hastiges. Schnelle und dabei gewandte Bewegungen sind nur besonders begnadeten Menschenkindern eigen; andererseits aber kann eine augenscheinlich erkünstelte zu große Ruhe, ein steifes Einherstolziren mit gewichtiger Miene die Umgebung zur Kritik reizen, ob denn auch ein solches Gebaren à la Großmogul durch die soziale Stellung oder durch das Leben und Wirken des Betreffenden gerechtfertigt erscheint. Ich werde nie den Kontrast vergessen, mit welch' einfacher Würde ich vor etlichen Jahren einmal bei Hofe in Berlin den großen Moltke den Weißen Saal betreten sah, und mit welch' gravitätischer Selbstherrlichkeit hinter ihm ein kleiner Leutnant folgte.[148]

Wie ich in meiner letzten Plauderei bei Verbeugungen ein langsames Neigen des Kopfes empfahl, so möchte ich auch bei einer anderen Ehrerbietungsbezeugung, nämlich derjenigen des Handkusses, für ein ruhiges Verfahren plädiren. Im Allgemeinen darf der Herr nur einer Dame die Ehrerbietung des Handkusses erweisen und zwar jeder verheirateten Frau, auch der jüngsten Frau, und einem älteren Fräulein. Von jüngeren Fräuleins darf man im steifen Mittel- und Norddeutschland leider nur verwandten Damen die Hand küssen, wenn man vor dem strengen Urteil der Etikettemenschen bestehen will. Weniger streng sollen in dieser Hinsicht die Sitten im südlichen Deutschland und in fremden Ländern, wie in Oesterreich und Rußland, sein. Einem jüngeren Fräulein die Hand zu küssen, darf sich bei uns höchstens ein schon sehr bejahrter Herr erlauben, dem dann ein solcher Handkuß als liebenswürdiger Scherz oder als Zeichen väterlicher Zuneigung ausgelegt zu werden pflegt. Es giebt auch in Deutschland Herren, die den Handkuß als Höflichkeitspflicht selbst den ältesten verheirateten Damen gegenüber nicht anerkennen – meist, weil sie ihn für eine slavische oder sogar sklavische Sitte halten. Im[149] Allgemeinen aber unterzieht sich der Etikettemensch der Sitte des Handkusses, namentlich älteren verheirateten Frauen gegenüber. Es dürfte schwierig sein, alle Fälle anzuführen, die auch nur ein einziges Gebiet des guten Tones erschöpfen; aber nachfolgendes Beispiel möchte ich anführen als ein Zeichen wahren Taktgefühles. Wenn ein Herr zwei Damen zugleich begrüßt, und zwar eine zwanzigjährige Frau und ein vierzigjähriges Fräulein – von gleicher sozialer Stellung – so wird er als Mann von Takt entweder beiden Damen die Hand küssen, oder Keiner von Beiden, aber nicht etwa der verheirateten jungen Frau, angesichts des älteren Fräuleins allein die größere Ehrung des Handkusses zukommen lassen.

Die Hauptvorbedingung des Handkusses ist die, daß Einem eine Dame überhaupt die Hand entgegenstreckt. Wie ein Herr einem sozial oder durch sein Lebensalter höher stehenden anderen Herren nicht die Hand zuerst reichen darf, so muß jeder Herr abwarten, ob eine Dame, zumal eine ihm mehr oder minder fernstehende Dame, ihm überhaupt die Gunst, die Hand zu reichen, erweist. Natürlich, wenn Herr und Dame sich gut kennen und er genau weiß, daß die Gnädige[150] ihm diese Gnade erweist, so wird sich das Entgegenstrecken der Hände seitens beider Teile wohl meist – ganz unwillkürlich – gleichzeitig vollziehen. Sonst aber heißt es abwarten, denn es ist ein kleiner Reinfall und giebt bei einem empfindsamen Herrn einen roten Kopf, wenn die von ihm einem höher stehenden Herrn oder einer Dame zuerst entgegengestreckte biedere Rechte von dem verehrten Gegenüber absichtlich ganz übersehen wird. Der also elend Gebrandmarkte wird sich hoffentlich damit zu trösten wissen, daß es noch größeres Elend giebt, als das seinige; bereits Zahnschmerzen würde ich hierzu rechnen. »Geschehen ist geschehen,« und gerade bei gesellschaftlichem Reinfall bin ich dafür, sich möglichst schnell zu trösten, allerdings aber auch eine Lehre für sein zukünftiges Verhalten daraus zu ziehen. Vielleicht könnte man das Peinliche einer solchen Situation auch durch einen Kalauer mildern, seine vorgestreckte Hand nicht zurückziehen und zum hochmütigen Gegenüber etwa sagen: »Daß ich meine Hand so ausstrecke, das ist eine Geste, die zu dem paßt, was ich Ihnen sagen wollte. Leider habe ich im selben Moment vergessen, was ich sagen wollte«.

Es giebt Damen, die einem Herrn zum[151] Gruße zwar die Hand reichen, aber trotzdem keinen Handkuß von ihm wollen. Abgesehen davon, daß ein hastiges Ergreifen und Küssen der Damenhand seitens eines Herrn meist linkisch und unvornehm aussehen wird, ist die Abneigung mancher Dame gegen den Handkuß der triftigste Grund dafür, weshalb der Herr bei dieser Zeremonie langsam vorgehen soll; denn die Dame, welche den Handkuß nicht will, soll im stande sein, ihre Hand in unauffälliger Weise aus der Hand des Herrn wieder zurückzuziehen. Der Salonmann wird am passiven Widerstand einer Dame merken, sie will seinen Handkuß nicht, und er wird dann den Versuch hierzu aufgeben. Es ist wohl selbstverständlich, daß man die Damenhand nur mit trockenen Lippen und leicht und leise berührt; gleichwohl glaube ich dies besonders erwähnen zu dürfen, da ich schon – wenn auch selten – Augen- und Ohrenzeuge von festen und lauten Handküssen war. Derjenige, der, wie bei Verbeugungen, so auch beim Handkuß für Nuancirungen schwärmt, wird eine größere Ehrung dadurch markiren, daß er sich tiefer auf die Hand der Dame herabbeugt. Die Hand einer Dame, der man durch längere Bekanntschaft, durch sein Alter oder noch[152] schönere (?) eigene Vorzüge den ganz Ergebenen nicht übermäßig zu markiren braucht, die Hand einer solchen Dame wird man mehr mit langsamer Grandezza zu sich emporziehen unter geringerer Krümmung des eigenen Rückgrates. Jüngere unverheiratete Damen werden nur älteren Frauen oder im Verhältnis zum eigenen Alter hochbetagten Fräuleins die ihnen zuerst dargereichte Hand zu küssen versuchen. Wer sich der Höflichkeitssitte des Handkusses unterwirft, der soll diese Sitte auch gelegentlich offiziell gegenüber den betreffenden Damen unter seinen Angehörigen ausüben. Der vornehme Mensch wird sich in seinen Manieren gleichzubleiben suchen, ob er sich nun zu Hause oder in Gesellschaft befindet. Weshalb sollte man die Ehrung des Handkusses, wenn man sie einer fremden Dame erweist, der eigenen Mutter oder Frau zu gewähren sich vor Anderen geniren?

Eine etwas scharfe Kritik von befreundeter Seite über das jetzige Tanzen veranlaßt mich, auf dies Thema einzugehen. Bekanntlich ist am Berliner Hofe, d.h. nur bei Hofe selbst, im Weißen Saale, der langsame Walzer verpönt. Man tanzt dort nur flotten Walzer, sogenannten Galoppwalzer. Als Grund hörte ich von Widersachern[153] öfter die, Mähr verkünden, langsamer Walzer sei für die Damen bei Hofe zu schwer. Das wäre aber doch mehr als sonderbar, wenn Prinzessinnen und Damen der Hofgesellschaft eine beträchtlich geringere Tanzbegabung haben sollten als andere weibliche Menschenkinder, – ich sage absichtlich »beträchtlich geringere Begabung« – denn an guten Lehrkräften wird es doch den Damen der Hofgesellschaft sicher nicht fehlen, um graziös und gewandt tanzen zu lernen. Ich bin entschieden der Ansicht, es ist schwieriger, graziös und dabei flott, als graziös und langsam zu tanzen. Auf vielfachen Widerspruch bin ich gefaßt, denn die Meisten, die eben lieber langsam tanzen, werden die Ansicht vertreten, daß dies kunstvoller ist. Und graziös tanzen wir ja Alle, ob schnell, ob langsam! Ich glaube, es herrscht selten auf einem Gebiete solche Selbstgefälligkeit, wie in der Tanzkunst. Die Mehrzahl der ungraziösen oder unbegabten Tänzer wird trotzdem von ihrer unwiderstehlichen Tanzkunst – ich meine unwiderstehlich in gutem Sinne – felsenfest überzeugt sein und sich wundern, daß ihre Partnerin manchmal nicht im stande ist, den von ihnen bevorzugten falschen Takt mit innezuhalten. Wohl jede[154] wenig begabte Tänzerin wird den Herrn als besonders guten Partner preisen, der ihre falschen Sprünge mitmacht unter souveräner Verachtung des Taktes der Musik.

Uebrigens ist in der Hofgesellschaft der langsame Walzer, außer bei Hofe selbst, schon längst eingeführt und beliebt, man tanzt ihn bei allen Botschaftern und, außer wenn man bei Kaisers selbst zu Gaste ist, überall, wo die Hofgesellschaft verkehrt. Auch im Berliner Kaiserschlosse selbst wird neuerdings – der alten Tradition zuwider – sofort nach dem Soupiren, bevor die Allerhöchsten Gastgeber den Weißen Saal wieder betreten, eine kurze Zeit lang – man höre und staune – langsam gewalzt. Und es geht auch! Die Erdkugel walzt trotzdem ebenfalls weiter! In früheren Zeiten wäre sie sicher vor Entsetzen stehen geblieben; ich entsinne mich noch, wie auf einem Hoffest in den Achtziger Jahren ein Kammerjunker in Erregung geriet, als er einen Linienoffizier, der jedenfalls die Gefilde von Mörchingen oder Krotoschin erst vor Kurzem verlassen hatte, langsam walzen sah![155]

Quelle:
Pilati, Eustachius Graf von Thassul zu Daxberg: Etikette-Plaudereien. Berlin 3[1907], S. 148-156.
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