Revision der eigenen Toilette. Ausspucken. Benehmen im Theater und Konzert.

[384] Wenn Herren beim Betreten eines Lokales zunächst vor den Spiegel eilen, dort ihre Kravatte ordnen und ihren Kopfscheitel mit eigens dazu mitgebrachten Haarbürsten bearbeiten, so ist dies durchaus nicht erstklassiges Benehmen. Beim eleganten und soignierten Gesellschaftsmenschen verschiebt sich die Kravatte nicht, sie ist durch Nadeln in ihrer Lage festgehalten. Auch das Nachbürsten des Haares ist im Verhältnis zu früheren Zeiten schon deshalb weniger gebräuchlich, weil man jetzt kurz oder wenigstens kürzer gehaltenes Haupthaar und auch vielfach kürzer gehaltenes Barthaar trägt, la sogar vollständig glatt rasiert einhergeht wie Engländer und Amerikaner und – bei uns Deutschen – wie katholische Geistliche und Schauspieler. Wie schon früher erwähnt, ist der[384] Grund für die jetzige größere Haarwuchsbeschränkung das durchaus löbliche Streben nach möglichster Sauberkeit. In langen Haaren fängt sich Staub p. p. leichter. Unter dem »p. p.« ist bei langen Barthaaren von Herren, die Erbsensuppe oder was anderes genießen, Teilchen der Erbsensuppe oder andere Teilchen von Speise oder Trank zu verstehen. Grade bei einem elegant gekleideten Menschen, ob Herr oder Dame, macht es einen guten Eindruck, wenn er in einem Lokal mit keinem Blick nach dem Spiegel schielt. Man sagt damit, daß man die Gewißheit hat, äußerlich nicht reparaturbedürftig zu sein und daß man sich davon nicht erst im Spiegel zu überzeugen braucht. Aengstliche Blicke nach dem Spiegel, um zu sehen, ob auch die Herrenkravatte oder der Damenhut gut sitzt, widerstreben der Bekundung vornehm-wurschtiger Seelenruhe. Befürchtet oder erkennt man aber irgend einen Toilettenmangel, so ist die sogenannte Toilette, in vielen Lokalen auch der besondere Garderobenraum, der geeignetste Ort, den äußeren Menschen zu revidieren und nötigenfalls zu reparieren. In meinem Wirtshausleben tatsächlich gemachte Beobachtungen berechtigen mich dazu, Menschen, die nicht grade auf äußeren Anstand prinzipiell[385] verzichten wollen, dringend davon abzuraten, daß sie in öffentlichen Lokalen vor anderer Augen sich die Fingernägel vermittelst Streichhölzer, Zahnstocher, Federmesser oder sonstiger Instrumente reinigen. Wenn man unappetitlich sein will, so kann man dies schon genügend, wenn man in unappetitlicher Weise den Zahnstocher, entsprechend seinem eigentlichen Zweck, zum Herumstochern in den Zähnen verwendet. Grade für das Reinigen der Fingernägel ist entschieden der Toilettenraum zu empfehlen; mindestens aber hat man eine solche Reinigung, von anderen ungesehen, z.B. im Dunkel der Nacht oder im Dunkel unter dem Tische vorzunehmen. Die fleißige Benutzung einer Negelbürste, daheim, im trauten Kämmerlein, ist der beste Schutz gegen obige etikettewidrige Reinigungsgelüste.

Herren, die davon nicht lassen können, ihr Kopfhaar beim Betreten eines Lokals oder vor dem Niedersetzen nachzubürsten, sollen sich wenigstens bei dieser Manipulation fern von anderen Manschen halten, um nicht irgend etwas auf fremde Mitmenschen herabzubürsten, und wenn dies »irgend etwas« auch nur kleine Härchen oder Staubatome sind. Der[386] eigene Rock des Betreffenden ist bei solchem Nachbürsten fast immer dieser Gefahr ausgesetzt, und man müßte eigentlich im Reinlichkeitsinteresse dieses Abbürsten nun vermittelst einer Kleiderbürste, nach unten zu, weiter fortsetzen.

Eine Unsitte, die besonders im sonnigen Italien Sitte ist, der man aber auch im deutschen Vaterlande – und zwar nicht allein in den unteren Volksschichten – begegnet, ist das unappetitliche Ausspucken. Die Gesundheitsrücksicht verlangt es, daß man sich von Schleimteilen befreit, aber der äußere Anstand gebietet es, daß man dies in keiner ekelerregenden Weise tut. Im Freien darf man mit solchen Auswürfen nicht Promenadenwege oder das Trottoir verunzieren. In Lokalen wird man hierzu die Toilette auf suchen oder wenigstens einen Spucknapf in einem Winkel des Lokales verwenden. Der Formenmensch wird diese Expektorationen möglichst leise vornehmen. Wer aber auf seinem Platze bleiben will und dabei auf möglichst gutes äußeres Benehmen Wert legt, der gebrauche sein Taschentuch und möglichst unauffällig, also leise und ruhig, etwa, wie wenn er das Taschentuch für seinen Gesichtserker, für die Nase, verwenden wollte. Besichtigungen des Auswurfes im[387] Taschentuche – grolle mir nicht lieber Leser, denn ich habe derartiges gesehen und darf es deshalb erwähnen – Besichtigungen des Auswurfes im Taschentuche, selbst wenn man zufällig Arzt und als solcher hierzu berechtigt wäre, hat man ausschließlich unter zwei Augen, den beiden eigenen allein, vorzunehmen, wenn oder wo man allein ist. Kulturfeindliche Naturmenschen, denen keines der für Expektorationen empfohlenen Mittel und Wege zusagt, nun – der ziele wenigstens gut und zwar nicht auf, sondern neben die Stiefeln seines friedlichen Nachbars.

Besonders in stark besuchten Lokalen hat man auf die anderen Gäste Rücksicht zu nehmen und den Kellner nicht länger, als nötig ist, mit Nachfragen nach der Beschaffenheit aller möglichen Speisen und Getränke, mit unentschlossenem, langsamen Bestellen, Widerrufen der Bestellungen usw. für sich allein in Anspruch zu nehmen. Es ist wohl erklärlich und menschlich, daß Wirt und Kellner über ein solches Gebahren eines Gastes in dem Falle besonders entrüstet sind, wenn der Herr Gast dann, als Resultat einer langwierigen Konferenz, eine Bockwurst und einen Schnitt[388] vom billigsten Bier bestellt. Aber auch bei einer intensiven Beanspruchung seitens eines einzelnen Gastes wird der höfliche Kellner gute Miene zum bösen Spiel machen und höchstens in Gedanken den Vertilger der Bockwurst verwünschen, selbst wenn dieser ein Anhänger des zehnprozentigen Trinkgeldes oder gar ein sogenannter »prinzipieller« Gegner von Trinkgeldern ist.

Allgemein verbreitet ist die Entrüstung über das Zuspätkommen des Publikums in Konzerte und Theater, und zwar deshalb, weil so wenige im stande sind, mit rücksichtsvollem Anstande, das heißt so geräuschlos zu spät zu kommen, daß die pünktlichen andächtigen Zuhörer auch nicht im geringsten gestört werden. Wer diese Kunst, die Kunst wirklich absoluter Geräuschlosigkeit beim Zuspätkommen, beherrscht, der darf sich dies natürlich getrost leisten; er hat ja dann höchstens allein Nachteil davon durch die Versäumnis des Anfanges. Sehr wichtig ist es, daß die angestellten Schließer der Theatertüren dazu erzogen sind, ihres Amtes in geräuschloser Weise durch ganz langsames und vorsichtiges Oeffnen und Schließen der Türen zu walten. Bei Opern herrscht vielfach die durchaus gerechtfertigte Sitte,[389] Publikum, das während der Ouverture erscheint, erst nach Schluß derselben in den Theaterraum hineinzulassen. Ebenso wird bei Konzerten vielfach das zu spät kommende Publikum erst immer nach Schluß eines Liedes oder einer Musikpieze in den Konzertraum zugelassen. Inhaber von Parkett- oder Parterreplätzen, die zu spät kommen, haben bis zum nächsten Fallen des Vorhanges oder bis zur nächsten Konzertpause im Gange geräuschlos stehen zu bleiben oder sich auf freie Eckplätze zu setzen, aber auf keinen Fall das bereits anwesende Publikum durch ihr Hindurchzwängen in schmalen Sitzreihen bis zu ihren Plätzen zu belästigen. Das Gehen in den schmalen Sitzreihen hat natürlich in der Weise zu erfolgen, daß man dem Publikum in dieser Sitzreihe sein Gesicht zuwendet und nicht seinen – Rücken. Ist wegen zu großer Körperfülle des Herrn A. oder der Frau B. oder – zartfühlender ausgedrückt – wegen zu kleinem Zwischenraum zwischen den Sitzreihen beim Hindurchzwängen eines Passanten ein Wiederaufstehen dieses oder jenes von dem bereits sitzenden Publikum nötig, so wird eine solche Unbequemlichkeit weniger hart empfunden werden durch verbindlich dankende Worte oder Miene[390] des betreffenden Passanten. Eine kleine Verbeugung oder ein »Danke sehr« kostet nichts und wirkt versöhnend. Aber wie du mir, so ich dir! Natürlich, nur ganz ausnahmsweise, ist dieser Grundsatz zu empfehlen. Einen etwaigen wütenden Blick eines in all seiner Breite dasitzenden Individuums wird man unter Umständen mit der eisigen Miene kalter Höflichkeit und den Worten begegnen »Es tut mir leid, aber ich muß Sie bitten aufzustehen, um auf meinen Platz gelangen zu können.« Was ich schon mehrfach über umständliches lautes Begrüßen und phrasenhaften Wortschwall auf der Straße, beim Eintritt in eine Gesellschaft oder ein öffentliches Lokal äußerte, gilt natürlich auch für Theater und Konzerte und ist hier zumal, wenn die Aufführung bereits begonnen hat, ein ruchloses Etiketten-Verbrechen. Von einem berühmten Schauspieler, der sich eben etwas erlauben durfte, erzählt man folgendes: Als er auf einer Provinzialbühne in einem kleinen Badeorte einst gastierte, habe er, belästigt durch eine Begrüßungsszene im Zuschauerraum während der bereits begonnenen Vorstellung, mitten im Satze abgebrochen und mit eigenartig verbindlichem Lächeln zum Publikum geäußert:[391] »Ich bedauere, aber es liegt in meiner Rolle, grade jetzt so laut schreien zu müssen, wo sich die Herrschaften im Zuschauerraum grade begrüßen wollen. Damit Sie sich verstehen können, werde ich einen Augenblick pausieren.« Die hierbei beteiligten Damen – es waren die Frau Reitende Revierförster A. und die Frau Geheime Steuer-Auskultator B. – haben sich, so erzählt die geschwätzige mündliche Chronik jenes Badeortes, seit dieser Zeit nur immer kurz und flüchtig begrüßt.

Unsitten des Publikums im Theater oder im Konzert während der Aufführung sind lautes Räuspern, Husten, Knistern mit dem Theaterzettel oder Textbuch beim Umwenden. Skatdreschen im Publikum während einer Operaufführung habe ich bis jetzt noch nicht erlebt, wohl aber lautes Schnarchen. Wer Husten hat, bleibe daheim; wer schlafen will und dabei schnarcht, gelange zu der Einsicht, daß er dies zu seinem eigenen Wohlbehagen und demjenigen seiner Mitmenschen noch bei weitem besser im Bett als im Theater oder Konzert machen kann.

Der Damenhut dient im Allgemeinen als Dekorationsstück, denn die Dame schützt den Kopf schon durch die Masse ihrer Haare. Bekanntlich[392] ist das Wort »ihrer« nicht immer gleich-, bedeutend mit »ihrer eigenen«. Bei Herren hat der kurz geschorene oder kahle Kopf den Vorteil, daß man unmöglich in den Verdacht kommen kann, falsche Haare zu tragen. Das Wohlgefallen an dem Anblick eines geschmackvoll behuteten Damenkopfes wird einem gar sehr vergällt, wenn ein solcher Aufbau, oft von gehörigen Dimensionen, einem den freien Ausblick auf die Bühne versperrt. Im Parkett unserer Theater und Konzertlokale, wo dieser Mißstand eintreten würde, müssen deshalb die Damen fast überall ihre Hüte in der Garderobe zurücklassen. Wo dies nicht geschieht, aber nach den äußeren Umständen doch angebracht wäre, müßte das Publikum in entschiedener und höflicher Weise Einspruch erheben. Entschiedenheit und Höflichkeit läßt sich wohl vereinigen. Durch die Kunst, trotz höflicher Worte, sozusagen »recht deutlich« zu werden, erreicht man mehr als durch biedere, aufbrausende Grobheit.

In unseren vornehmen Variété-Theatern sieht man jetzt meist, daß die elegante Herrenwelt ebenfalls die Kopfbedeckung, also auf den ersten Plätzen meist den Zylinder, aufbehält. Ich halte dies nur für gerechtfertigt, wenn man[393] ohne Kopfbedeckung frieren würde. Ich habe den Verdacht, die meisten Herren behalten die Angströhre, den Zylinder, nur auf, weil dies eben für »smart« oder für »grobe Klasse« gilt, oder wie die Modeausdrücke für das bereits zu vulgär gewordene Wort »Chik« sonst heißen mögen. Wenn der Zylinder auf dem Kopfe in einem geschlossenen Raum lästig ist und wer ihn trotzdem, ein Sklave seiner Feinheit, aufbehält, der verdient so intensive Kopfschmerzen von seiner Dunströhre davonzutragen, bis er den heldenhaften Mut findet, die törichte Nachäffung einer ungesunden und für das dahinter sitzende Publikum unbequemen Mode zu unterlassen. Wenn man aber durchaus durch Aufbehalten der Kopfbedeckung glaubt, den sogenannten »seinen Hund« herausbeißen zu müssen, so sollten einflußreiche Elegants, die Zeit zu solchen Beratungen und Erfindungen haben, für Bühnenräume statt des Zylinders etwas einführen, das den freien Ausblick des Publikums der hinteren Plätze auf die Bühne zu weniger hindert, als der Helm des Zivilisten, der Zylinder.

Noch einige Eigenheiten, die man hin und wieder am Theater- und Konzert-Publikum beobachten kann, möchte ich erwähnen.[394]

Im Grunde genommen sehr harmlos, aber doch, namentlich für nervöse Nachbarn oder Hinterleute, zuweilen störend ist in Konzerten das Markieren der musikalischen Begeisterung durch das Nicken des Kopfes nach dem Takt der Musik oder, noch störender, durch taktmäßiges Bewegen von Händen und Füßen.

Wenig taktvoll ist ein lautes abfälliges Kritisieren in Theatern und Konzerten während der Zwischenpausen. Man drängt dadurch, ungefragt, dem Publikum in der nächsten Nähe seine eigene Meinung auf und verleidet Manchem die Freude, die er bisher – vielleicht für sauer verdiente Spargroschen – an dem Gesehenen oder Gehörten empfand.

Viele können in ihren Beifallsbezeugungen nicht Maß halten, sie klatschen so laut und andauernd, als wenn sie ein Freibillett erhalten hätten und dafür ihre Dankbarkeit bekunden wollten. Namentlich bei oder nach ergreifenden Theaterszenen kann man durch wüstes Beifallklatschen in seiner nächsten Nähe in störender Weise aus seiner gehobenen Stimmung herausgerissen werden. Am besten wartet man mit seinem Beifall bis zum Ende des Stückes oder wenigstens bis zum Ende eines Aktes.[395]

Lauter Beifall beim Abtreten eines Schauspielers während eines Aktes, also wenn das Spiel noch weiter geht, stört den Fortgang des Stückes und beeinträchtigt die Phantasie der Schauspieler und noch mehr die meist weniger konzentrationsfähige Phantasie des Publikums.[396]

Quelle:
Pilati, Eustachius Graf von Thassul zu Daxberg: Etikette-Plaudereien. Berlin 3[1907], S. 384-397.
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