Wenig Gesellschaftsphrasen! Höflichkeit in der Familie. Prosit Neujahr!

[127] Wenn ich zwei etwa gleichstehende Herren oder Damen (also zwei Frauen oder zwei Fräuleins von etwa gleichem Alter) einander vorstelle, so nenne ich eben den Namen Desjenigen zuerst, der später an mich herangetreten ist, oder der mich bittet, ihn dem Anderen vorzustellen. Wo man sich selbst vorstellen darf, also etwa gesellschaftlich gleichstehenden Persönlichkeiten gegenüber, stellt man sich eben selbst vor und belästigt nicht Andere damit. Wird ein Herr von einer Dame oder einem höher stehenden Herrn gebeten, sie oder ihn einer Dame vorzustellen, so hat sich dies – nach unseren gesellschaftlichen Gepflogenheiten – der vorstellende Herr zu einer besonderen Ehre anzurechnen und darf diesem Gefühl Ausdruck geben, indem er z.B. sagt:[127] »Ich habe die Ehre der gnädigsten Frau, Fräulein A., oder Seine Exzellenz Freiherrn v. B. vorzustellen.«

Gewandt ist es, auch in der Person, durch welche man sich vorstellen läßt, etwas wählerisch zu sein. Man gilt gewissermaßen als besser empfohlen, wenn man sich einer dritten Person durch Jemanden vorstellen läßt, der derselben durch Verwandtschaft, Freundschaft oder sonstwie – z.B. durch soziale Stellung – nahe steht. Einer Frau läßt man sich am besten durch den Eheherrn und umgekehrt vorstellen, oder durch ein anderes Familienmitglied, wie durch den Sohn oder die Tochter. In großen Gesellschaften oder auf öffentlichen Bällen (z.B. Wohlthätigkeitsfesten), wo man sich nur verhältnismäßig Wenigen bekannt macht, gilt es für tanzende Herren als schicklich, sich den Eltern der Dame, mit der er tanzt, wenn irgend möglich, vorstellen zu lassen. Wenn dies nicht schon vorher geschehen, so wird er sofort nach Beendigung der betreffenden Tanztour die Dame nach ihren Eltern fragen und gehorsamst bitten, ihn vorzustellen, und der Dame eventuell seinen Arm anbieten und sie zu den Eltern hinführen oder auch hintanzen.[128]

Mancher Leserin würde vielleicht mit Beispielen für gesellschaftliche Phrasen gedient sein, im Allgemeinen aber gilt eine einfache natürliche Redeweise für die vornehmste. »Es wird meinen Eltern sehr angenehm – oder das Geschraubteste, was ich mal mit Schaudern vernahm: sehr schätzenswert – sein,« ein solches Kompliment ist etwas trivial, auch seitens einer Dame gegenüber dem Herrn wenig angebracht, es entspricht nicht der Rolle einer »Gnädigen«, meine gnädigen oder gnädigsten Leserinnen, solche Komplimente zu machen. Ein »sehr gern« aus holdem Munde, oder, »bitte, meine Eltern sitzen dort,« genügt. Für eine unverheiratete Dame sind die Eltern die höchsten Autoritäten, sie wird dies auch bei der Vorstellung ihres Tänzers passenderweise markiren und nur den Namen des Herrn nennen, nicht etwa die Eltern auch noch vorstellen. Sehr angebracht hingegen ist es, wenn sie als gute Tochter nötigenfalls den Herrn vorher etwas über Dies oder Jenes orientirt, z.B. »Mama ist etwas schwerhörig«. Unter Umständen ist eine solche Orientirung im Interesse der Eltern und deshalb durchaus statthaft. Ein selbsterlebter Spezialfall veranlaßt mich, gerade das Beispiel der Schwerhörigkeit[129] einer Ballmutter anzuführen. Es ist doch möglich, daß die Eltern sich mit dem ihnen durch die Tochter vorgestellten Herrn unterhalten; ein gewandter Herr wird für diesen Fall zu erfahren suchen, wie er den Vater der Dame anzureden hat. Die Ballmama wird ja fast immer »gnädige oder gnädigste Frau« titulirt; die Ausnahmen hiervon sind: »Exzellenz«, »Frau Gräfin«, »Frau Baronin«. Bei den zwei letzten Anreden darf man das sonst stereotype »gnädig oder gnädigst« auch fortlassen. Wenn in dem vorliegenden Fall der Herr sich nicht anderweitig orientiren konnte und eben nicht Bescheid weiß, wie er den Vater der Dame anzureden hat, so wird er einfach sie selbst darnach fragen. Es ist durchaus nicht mehr an der Tagesordnung, zimperlich und schüchtern zu sein und sich vor derartigen Fragen zu scheuen. Man darf sogar als Herr die Dame nach ihrem eigenen Namen fragen, wenn man ihn eben wissen möchte und nicht anders erfahren konnte. Man kann überhaupt beinahe Alles machen, nur auf das »Wie« kommt es an. »Wie muß ich Ihren Herrn Vater anreden?« oder »Wie heißen Sie denn eigentlich?« Derartige Fragestellungen seitens eines Herrn wird mancher jungen Dame[130] nicht behagen. Man liebt im Allgemeinen höfliche Weitschweifigkeiten. Deshalb wird ein Herr diese Fragen vielleicht folgendermaßen einkleiden: »Leider konnte ich mich nicht anderweitig orientiren, ich würde gern Ihren Namen wissen, gnädiges Fräulein,« oder »Würden Sie die Güte haben, mir zu sagen, wie ich Ihren Herrn Vater am besten anrede? Mancher Herr hat es lieber, wenn man ihn mit seinem Namen, ein anderer wieder, wenn man ihn mit seinem Berufstitel anredet.« – Doch man muß die Menschen, mit denen man spricht, etwas auf ihren Geschmack zu taxiren suchen. Viele Damen werden meiner Ansicht sein, daß solche beständige höfliche Umschreibungen herzlich langweilig sind.

Wer Anspruch erhebt, für vornehm zu gelten, der muß die Regeln der guten Sitte gerade auch seinen nächsten Angehörigen gegenüber beobachten. Der Mann sei auch stets der Ritter seiner Frau und unterlasse ihr gegenüber nicht jene alltäglichen Aufmerksamkeiten, welche der Herr einer Dame überhaupt zu erweisen pflegt. Oben erwähnte ich den Fall, daß eine junge Dame den eigenen Eltern den Herrn, mit dem sie getanzt hat, vorstellt. Die eigenen Eltern sind für sie die höher Stehenden im Verhältnis[131] zum Herrn. Die Hochachtung vor ihnen auch in der Gesellschaft, also hier in der Art des Vorstellens, zum Ausdruck zu bringen, gehört zum guten Ton. Zuerst wird sich die Dame mit ihrem Begleiter an ihre Mutter und dann an ihren Vater wenden in höflichem Ton und mit höflichen Worten, etwa: »Du erlaubst, Mama, daß ich Dir Herrn M. vorstelle!« oder »Papa, Herr M. bittet darum, Dir vorgestellt zu werden!« Der vornehme Mensch bleibt sich gleich. Der vornehme Mann hebt nicht nur der fremden Dame in der Gesellschaft den ihr entfallenen Gegenstand auf, sondern auch zu Hause der eigenen Mutter, Frau oder Schwester, selbstverständlich – und der erst recht – auch der eigenen Schwiegermutter, sogar einer bösen; dieser Letzteren gegenüber wird Höflichkeit auch diplomatisch sein, ein Schutzwall gegen drohende Attacken. Der Vater, der den Anforderungen der Etikette entsprechen will, wird auch in der erwachsenen Tochter stets die Dame ehren, umsomehr, wenn dieselbe bereits ein älteres Fräulein oder verheiratet ist.

Manchmal wird der Herr, der eine Dame bittet, ihn ihren Eltern zu präsentiren, den Bescheid erhalten: »Meine Eltern sind zu Hause[132] geblieben, mich chaperonnirt heute Frau v. L.« Chaperon und Chaperonniren sind französische Modeworte, mit denen gern paradirt wird. Chaperon heißt eigentlich Käppchen, dann aber auch Anstandsdame, Begleiterin; und eine junge Dame chaperonniren heißt, sie als Anstandsdame – stellvertretende Mutter – begleiten. Einer solchen Frau v. L., dem Chaperon der jungen Dame, wird sich ihr Tänzer thunlichst auch vorstellen lassen, wenn dies auch nicht in dem Maße erforderlich ist, wie gegenüber der eigenen Mutter der Dame. Mehrfach sind aus unserem Leserkreise Anfragen betreffs der Sitte des Handkusses ergangen; darüber das nächste Mal.

Zwei Zuschriften berühren das zurzeit aktuellste Thema, die Neujahrsgratulationen.

Prost Neujahr! so rufe ich unseren Lesern zu und speziell meinen Lesern, denjenigen meiner Etikettefragen. Den Leserinnen gegenüber verhalte ich mich zartfühlender und entbiete ihnen statt der Zusammenziehung »Prost« den Neujahrsgruß »Prosit Neujahr!« Das gilt zwar auch noch als burschikos – aber nach meiner Ansicht: mit Unrecht. »Prost« erinnert an den Biertisch; also in die Abneigung zart besaiteter oder alkoholfeindlicher Menschen[133] gegen dies Wort könnte ich mich schließlich hineindenken, wenn ich mir große Mühe gäbe. Aber das lateinische Wort »prosit« heißt, es möge nützen, und mit »Prosit Neujahr« spreche ich deshalb den Wunsch aus »Möge das neue Jahr Gutes bringen.« Also ich bleibe dabei: »Prosit Neujahr, meine Damen!« Dieser Gruß ist kürzer und inhaltsreicher, als wenn ich Ihnen meine gehorsamsten Glückwünsche zu Füßen lege. Noch feierlicher und ehrerbietiger sind dann nur noch »unterthänigste« Glückwünsche Ich bin ein Gegner der Neujahrs-Glückwünsche oder vielmehr nur ein Gegner der schriftlichen Aeußerung derselben. Denn im Herzen Glück wünschen soll man seinem Nächsten stets, also auch fürs neue Jahr; aber man braucht sein Herz nicht auf der Zunge oder auf der Schreibfeder zu haben. Wie viele Müllers gratuliren Schulzens nur aus dem einzigen Grunde zum Neujahr, weil ja auch die Schulzens den Müllers gratuliren. Vielleicht würden die Beziehungen beider Parteien wesentlich inniger, wenn die eine Partei den der anderen unter Umständen höchst willkommenen Vorschlag machte, sich den schriftlichen Ausdruck von Neujahrs-Empfindungen gegenseitig zu schenken.[134]

Viele kaufen sich ja auch jetzt von der vermeintlichen Verpflichtung der Neujahrs-Gratulationen durch Zahlungen für einen wohlthätigen Zweck los. Das ist eine ganz gesunde und deshalb keineswegs etikettewidrige Idee, wenn sie auch einen etwas spießerlichen Eindruck macht. Aber ein gutes Werk ist es ja auch, unsere vorzügliche Reichspost möglichst viel verdienen zu lassen. Also immer drauf los gratulirt! Man braucht ja nicht gerade seine ganz besonderen Glückwünsche Demjenigen ausdrücken, der einem ganz besonders unausstehlich ist. Trotz meiner Abneigung dagegen im Allgemeinen versende ich auch einige Neujahrs-Gratulationen aber in knappen Worten an nur Wenige, von denen ich weiß, daß sie meinen Glückwunsch nicht als gedankenlose Formensache auffassen. Aber gerade für diese Wenigen reicht dann das kurze »Prosit Neujahr« aus. Dadurch, daß diese Gratulation bei vielen Formenmenschen als verpönt gilt, erscheint sie mir weniger phrasenhaft als die allgemein üblichen »herzlichen oder herzlichsten Glückwünsche.« Wenn ich Fernerstehenden überhaupt schriftlich gratulirte, würde ich mich natürlich – der Etikette gemäß – auch zu ergebensten oder gehorsamsten[135] Glückwünschen versteigen. Triftige Gründe zu schriftlichen Neujahrs-Gratulationen hat jedenfalls der, der dadurch den Wünschen oder Erwartungen der Adressaten entspricht oder der es für angezeigt hält, ein Lebenszeichen von sich zu geben oder die Neujahrs-Gratulation auch nur als ein Mittel anwendet, um in der erhofften Antwort ein Lebenszeichen von Anderen zu erhalten. Es kommt allerdings auch vor, daß diese Anderen weder tot sind, noch antworten. Das ist dann zwar apart, aber etikettewidrig. Wer nicht gerade in großer Anzahl Gratulationen zu erlassen hat, für den finde ich es netter, die doch meist nur wenigen Worte selbst zu schreiben, als sich seine Gefühlsausdrücke lithographiren zu lassen. Doch ich muß milde hierüber urteilen, denn ich lasse mir ja in meiner heutigen Etiketten-Plauderei meinen Glückwunsch an unseren Leserkreis auch drucken, meinen Glückwunsch: »Prosit Neujahr!« –[136]

Quelle:
Pilati, Eustachius Graf von Thassul zu Daxberg: Etikette-Plaudereien. Berlin 3[1907], S. 127-137.
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