Großknecht

[209] Schon beim Kommiß hatte ich häufig darüber nachgedacht, ob es für mein späteres Fortkommen nicht vielleicht besser sei, mein Heil als Industriearbeiter zu versuchen. In den Fabriken war die Arbeitszeit nicht so lang wie auf dem Lande; auch wurden höhere Löhne gezahlt; dazu hatte man auch sonst mehr Freiheit und konnte sich während derselben ungebunden den mancherlei Abwechselungen hingeben, an denen die Städte ja ungleich reicher sind, wie das platte Land. Mehrere meiner Kameraden, die auch Ackerknechte gewesen waren, wollten es jetzt einmal mit der Stadt probieren. Zwei davon blieben gleich in Metz als Bereiter bei einem Pferdejuden, einige andere suchten sich in Hamburg Arbeit, da es ihnen an der Wasserkante besser gefiel, wie im Süden.

Nach einigem Überlegen kam ich meinerseits zu dem Entschluß, wieder als Ackerknecht zu gehen. Dem Stadtleben konnte ich keinen Geschmack abgewinnen, es war mir zu unruhig, zu wenig stabil für die Existenz eines Arbeiters. Zwar war ich ein leidlich kräftiger Mensch und konnte meine Hände schon rühren. Daran sollte es ja nicht liegen. Doch hatte ich auch vielerlei von Perioden der Arbeitslosigkeit in den Städten gehört, wo dann Not und Elend unter der Arbeiterschaft zuweilen einen sehr hohen Grad erreiche, daß selbst die tüchtigsten und fleißigsten unter ihnen nicht mehr wußten, wo sie noch das Notwendigste zum Lebensunterhalt hernehmen sollten. Da sagte ich mir: Wozu sollst du in der Stadt herumhungern, wenn du's auf dem Lande nicht nötig hast? Überdies war mir von Kameraden, die bisher nur in den Städten gelebt hatten, häufig genug erzählt worden, daß sich ein Industriearbeiter durch seiner Hände Arbeit ebensowenig eine silberne Nase erwerben könne, wie ein Landarbeiter. Auch in den Städten müsse man Glück haben, wenn man zu etwas kommen wolle. Als gelernter und qualifizierter Arbeiter sei man ja unter Umständen besser daran. Solche Arbeiter hätten die höchsten[210] Löhne, seien auch weniger von Arbeitslosigkeit heimgesucht und könnten sich das Leben dann allerdings mitunter angenehmer machen. Doch an ungelernten Handarbeitern sei in der Regel stets Überfluß. Ich hörte aus diesen Unterhaltungen also so viel heraus, daß, wenn die ungelernten Arbeiter in den Städten auch nominell mehr verdienen mochten wie auf dem Lande, sie doch auch entsprechend höhere Ausgaben haben und obendrein noch froh sein mußten, wenn sie überhaupt Beschäftigung bekamen.

Solchen Möglichkeiten aber wollte ich mich nicht aussetzen. Auf dem Lande, das wußte ich, erhielt ich als junger loser lediger Kerl jederzeit Arbeit; brauchte also in dieser Hinsicht keine Besorgnisse zu hegen. Auch als Hausknecht in der Stadt zu arbeiten, widerstrebte mir; so als Putz-la-Putz, als männliches Mädchen für alles zu jedermanns Diensten herumzuhopsen, das war nicht nach meinem Geschmack; übrigens mußte ich dann auch Tag und Nacht auf den Beinen sein und hatte womöglich noch mehr Dreckarbeiten zu verrichten, wie in der Landwirtschaft. Zudem war ich das Landleben nun einmal gewöhnt, und ich will offen gestehen: ich hatte auch Liebe zu dieser landwirtschaftlichen Arbeit. Die Beschäftigung in frischer freier Luft, auf dem Felde sagte mir zu, und im Winter war man meistens im warmen Stall und konnte sogar mit einem gewissen Gefühl der Behaglichkeit die Schneeflocken draußen tanzen sehen, wenn man eine einigermaßen gute Stelle getroffen hatte. Was aber die städtischen Vergnügungen und Feierabendsabwechselungen anbetraf, nun, so konnten diese sich für einen ungelernten Handarbeiter meines Alters zur Hauptsache schließlich auch noch nicht um viel was anderes drehen, als um das mehr oder minder interessante »Ewig Weibliche«. Und da hielten die drallen Dithmarscher Deerns denn doch jeden Vergleich mit den bleichsüchtigen Wespentaillen der Städterinnen aus; ich für meine Person gab ihnen wenigstens ganz entschieden den Vorzug.

Freilich in Süddeutschland, und gar in Elsaß-Lothringen, hätte ich als landwirtschaftlicher Arbeiter nicht arbeiten mögen. Was ich dort von der Landwirtschaft gesehen hatte, war nicht darnach[211] angetan, bei mir besondere Begeisterung dafür zu erwecken. Die Höfe sind meist klein und unansehnlich, dazu in sehr schlechtem baulichen Zustande, wenn auch viele Gebäude aus Sandstein aufgeführt sind. An Ackergeräten fand man fast so gut wie nichts, was auf die Bezeichnung »praktisch« und »modern« auch nur einigermaßen Anspruch machen konnte. Mir schien es, als würde dort noch in Urväter Weise gewirtschaftet. Ebenso urväterlich sahen noch die dortigen Bauern aus. Mit langen leinenen Kitteln oder großknöpfigen Jacken angetan, die scheußliche Zipfelmütze auf dem Kopfe und klobige Holzschuhe an den Füßen, so liefen sie dort umher und machten Sr. Hochwürden, dem Dorfpfaffen, ihre untertänige Reverenz, sobald sich dieser in der Regel gut angemästete Herr auf der Dorfstraße blicken ließ. Das waren in der Tat Bauern, wie man sie in den »Fliegenden Blättern« abgebildet sah. Nur auf der nordschleswigschen Geest habe ich später noch Bauern kennen gelernt, die ähnliche Holzschuhe trugen; Zipfelmützen existierten dort jedoch nicht.

Neu war mir im Süden die Einrichtung der Gemeinweide gewesen. Des Morgens tutete der überaus armselig aussehende Dorfhirte auf einer Art Nachtwächterhorn, darauf wurden dann die Ställe geöffnet und Kühe, Ziegen und Schweine trotteten im trautem Beieinander nach der gemeinsamen Dorfweide. Von Rassevieh war dort aber gar keine Rede. Die Kühe beispielsweise machten in Körperform und Ernährungszustand fast durchweg einen noch schlechteren Eindruck, wie die der Kleinbauern in meiner hinterpommerschen Heimat.

Das einzige, was mein Interesse dort etwas mehr erregt hatte, war der Weinbau und hier und da auch der Hopfen- und Tabaksbau. Die Weinbauern habe ich innerlich eigentlich bedauert, wenn sie in ihren Tragkiepen den Mist auf die Weinberge schleppten, um die Stöcke zu düngen. Ein müheseliges Stück Arbeit, an dem Mann und Frau in gleicher Weise beteiligt waren. Weniger schwierig, aber sehr riskant soll der Hopfenbau sein. Ich habe allerdings nicht mehr davon kennengelernt, wie das »Hopfenzopfen«, bei dem ich in der Manöverzeit einige Male mit half – nebenbei bemerkt, unter ebenso sachverständiger wie[212] anregender Anleitung zweier »Maidli«. Erst recht der Tabaksbau wurde mir als ein wahres Lotteriespiel geschildert, so sehr sei die Qualität der Blätter von den Einflüssen der Witterung abhängig.

Überall dominierte hier die klein- und mittelbäuerliche Wirtschaft. Wo es aber einmal Großgrundbesitz gab, da trat er trotz all seiner augenfälligen ökonomischen Mängel fast noch gespreizter und protziger auf, wie in Ostelbien. Jedes Herrenhaus führte den stolzen Titel Chateau oder Schloß. Es gab dort in Elsaß-Lothringen so viel »Chateaus«, daß einem schlimm dabei werden konnte; freilich, die »Chateaus« waren mitunter auch darnach. Mit demselben Recht könnte jeder hannöversche, oldenburgische oder holsteinische Großbauer seine Kabache ebenfalls »Schloß« nennen – wenn's auch nicht gerade der »Kassenbütteler Rethbur« zu sein brauchte. Kurz und gut, die Landwirtschaft da unten im Südwesten wollte mir nicht gefallen; die war mir zu »püttcherig«, zu unpraktisch, zu unmodern. Ebensowenig behagte mir die dortige Kost. Schwammbrot mit »süre Milch« und der ewige Krautsalat waren nichts für mich. Deshalb zog's mich wieder nach dem Norden, nach der »Waterkant«, nach den »Klüten«, »Pannkoken« und »Mehlbüdel«. Schleswig-Holstein war meine zweite Heimat geworden.

Freundlich nahmen mich die Tagelöhnersleute wieder auf, bei denen ich schon vor meiner Militärzeit mehrere Jahre hatte waschen lassen. Nachdem ich mich noch einige Tage ausgeruht, arbeitete ich zunächst ein paar Wochen in Tagelohn, und dann vermietete ich mich auf den Hof des Ortsvorstehers von Kleinwurth nach einem Dörfchen in der Nähe von Wesselburen, als Großknecht zu einem Lohn von 30 Talern für das Winterhalbjahr. Nun ging es wieder vorwärts in dem alten Geleise. Der Bauer war ein weit über das gewöhnliche Maß hinaus gebildeter Mann. Er hielt mehrere Zeitungen und Zeitschriften und war sogar im Besitz einer kleinen Bibliothek. Gern sah er es, wenn seine Leute sich etwas zu lesen von ihm holten, auch sprach er häufig mit ihnen über Tagesfragen aller Art. Diese Gelegenheiten benutzte er dann fast immer, um die Leute in seinem Sinne über alle möglichen[213] – ja sogar auch unmöglichen Dinge zu belehren. Kurz er mochte gern ein Wort »snacken« und fand in uns stets dankbare Hörer. Die Bewirtschaftung des Hofes vollzog sich ebenfalls nach modernisierten Regeln, wenn sie auch nicht gerade mit ökonomischen Verbesserungsexperimenten verbunden waren. Das Experimentieren überließ mein Bauer vorsichtig anderen Landwirten, aber deren Erfahrungen wußte er sich immer bald gründlich zunutze zu machen, und er hielt mir, als seinem Großknecht, dann lange Vorträge darüber. Was für uns, seine Leute aber am meisten ins Gewicht fiel, das war die gute Kost und die gute Behandlung, die uns bei ihm zuteil wurde. Die Leute – Dienstboten sowohl wie Tagelöhner – hielten denn auch bei ihm stets Dauer und waren gerne auf dieser Stelle. Nur einen Fehler hatte »Peiter Pink« – so nannten wir ihn wegen seines Reichtums: er war ein bißchen reichlich knickerig in Geldsachen, zwar nicht beim Einnehmen, wohl aber beim Ausgeben. So wollte er beispielsweise nie den Lohn zahlen, der üblich war, sondern er feilschte erst wie ein Bandjude, ehe er sich zur Zahlung bequemte. An den Tagelöhnen knappste er permanent herum. Betrug nach der Jahreszeit der übliche Tagelohn vielleicht 2 Mark, so konnte man sicher sein, er bot 18 Groschen; aber selbst wenn sich der Lohnsatz nur auf 1,50 oder 1 Mark belief, so bot er schlankweg 12 oder gar 8 Groschen. Ebenso war's bei der Vereinbarung der Gesindelöhne. Gelang es ihm, etwas abzuzwacken, so freute er sich im Stillen, als sei ihm ein großes Glück widerfahren; seelenvergnügt rieb er dann die Hände, und an der Pfeife zog er, als wolle er die ganze Welt von der Fliegenplage befreien. Seine Knickrigkeit war fast sprichwörtlich geworden. So gerne er im »ersten« Dorfkruge, wo nur Bauern verkehrten, auch ein Spielchen machte, so durfte es doch nur um Pfennige gehen, und schweren Verdruß bereitete es ihm, wenn er dabei einige Groschen verlor. Die übrigen Bauern spielten deshalb auch nur aus nachbarlicher Freundschaft mit ihm, um ihm einen Gefallen zu erweisen, denn ihnen selbst kam es beim »Dreiblatt« oder »Stoßen« nicht darauf an, wenn sie einige hundert, ja mitunter wohl mehrere tausend Mark »umsetzten«. In dieser Beziehung[214] wußten sie sich verdammt standesgemäß zu benehmen. Fast zur Verzweiflung konnte unser Bauer die Viehhändler bringen. Wollte er Vieh verkaufen, so forderte er »bis in die Puppen«; kaufte er jedoch, so bot er »unter allem Luder«. Das kannte man bei ihm schon gar nicht anders.

Ich hatte mich auch wieder für den kommenden Sommer bei ihm vermietet, und zwar für 60 Taler. Eigentlich war mir der Lohn nicht recht hoch genug, aber der hartleibige Bauer wollte partout nicht mehr ausgeben. Da jedoch die Stelle sonst in jeder Beziehung gut war, so verkniff ich mir ein paar Taler und blieb. Nicht zum wenigsten trug hierzu auch der Umstand mit bei, daß mir die »Grotdeern« auf dem Hofe überaus gewogen war, und diese »lüttje, dralle Grotdeern« wurde später richtig auch meine Frau. Wer konnte wissen, ob wir wieder beide zusammen auf einem Hofe angekommen wären, wenn wir hier »aufgesagt« hätten? Und gerade an dem Zusammendienen war uns so außerordentlich viel gelegen, so viel – wie nur zwei liebenden Dorfseelen irgendwie daran gelegen sein konnte. Der eben verflossene Winter hatte uns dort so ausnehmend gut gefallen, daß wir schnell einig waren, unser »Glück im Winkel« auch noch den Sommer über nach allen Regeln der Dorfkunst auszunutzen. Und wahrhaftig: es hat uns nie leid getan! Noch heute denken wir an diese Stelle als die beste, die wir als »Knecht un Deern« je gehabt haben. Denn ein ganzes Jahr lang Flitterwochen zu feiern, noch ehe ernstlich ans Heiraten gedacht wurde, das ist auch nicht allen Liebenden beschieden.

Mittlerweile ging die Arbeit ihren gewohnten Gang. Wir taten alle aus uns selbst heraus unsere Schuldigkeit, sowie sich das unter solchen Verhältnissen auch gehörte. Das wußte unser Bauer auch, deshalb konnte er sich auch in Ruhe seinen Amtsgeschäften widmen oder nach der Kreisstadt Heide fahren, ohne sich wegen der Wirtschaft besondere Sorgen zu machen.

Zwischenfälle bedeutsamer Art ereigneten sich bei Peiter Pink weiter nicht. Alles ging seinen gewohnten Weg, und wir Leute fühlten uns wohl. Erzählen will ich nur noch eine köstliche Geschichte, in der der Bruder unseres Bauern, der als Junggeselle[215] und »Vizbur« mit auf dem Hofe tätig war, die Hauptrolle spielte. Als Vizebauer machte der gute Junge nur wenig von sich reden, denn der Arbeit ging er am liebsten meilenweit aus dem Wege. Mußte er mal ein bißchen schwitzen, so deklamierte er in drolligem Pathos folgendes Leibsprüchlein, das wir nachgerade schon alle auswendig konnten: »Nee, keen Minsch glöwt, wu hart ik mi mit de Arbeit vertürnt heww. Kunn ik doch blos den Kirl tofaten kriegen, de de Arbeit upbröcht hett! Awerst ik glöw, dat is säker ok so een wäsen, de sölben nix hett doon mücht.« Also mit viel Arbeit brauchte man ihm nicht zu kommen. Erteilte der Bauer ihm mal einen Auftrag, der ihm nicht zusagte, so schnitt er ein urschelmisches Gesicht, senkte die Hände in die Taschen und uzte in aller Gemütlichkeit: »Nee Peiter, dat mak man sölben; mit so 'n Stück Arbeit kannst jo din 'n besten Fründ mit vertürnen.« Und weg war er. Zu uns Knechten und Tagelöhnern meinte er dann gleichsam entschuldigend, er sei zur Arbeit nun einmal nicht geboren. Nun, er hatte es ja auch nicht nötig. Desto vielseitiger war seine Tätigkeit aber als Junggeselle. Wo irgendein loser Streich ausgeheckt wurde, da konnte man sicher sein: unser »Viz« hatte seine Hand dabei im Spiele. Übrigens war ihm kein Mensch ernstlich gram deswegen, denn einmal wußte er seinen Dummheiten stets einen überwältigend komischen Anstrich zu geben, dann aber auch hatte er vielfach allerhand Pech dabei, so daß die Geschichte dadurch nur um so lustiger wurde. Hatte man ihn auf frischer Tat ertappt, so suchte er sich wie Reineke Fuchs mit der unschuldigsten Miene herauszuschwindeln, und sollte er dabei auch die unglaublichsten Märchen erzählen. Er log, daß sich die Balken bogen, um nur mit heilem Fell davonzukommen, und freute sich königlich wegen seiner Geriebenheit, wenn die Leute so taten, als ob sie seinen Schwindel für bare Münze nahmen. Seine Streiche wirkten um so komischer und gleichzeitig um so versöhnlicher, als er mit einem körperlichen Gebrechen behaftet war, wegen dessen man ihm vieles nachsah. Er hinkte nämlich auf einem Beine, und da sah es immer drollig aus, wenn er nach vollbrachtem Frevel und glücklich erdichteten Ausreden wie ein lahmer Kater davonhumpelte. Wegen seiner »kurzen[216] Hacke« nannten wir ihn zum Unterschied von seinem Bruder »Peiter Pink« nur allgemein den »Hink-Pink«; sonst hieß er aber Detlev mit Vornamen.

Die Zahl seiner »Undög'« war Legion. Einst hatte er des Nachts auf der Weide die Milchkühe eines befreundeten Bauern je drei und drei mit den Schwänzen zusammengebunden. Ein andermal öffnete er heimlich die Türen der Schweinekoben und ließ Schweine und Ferkel heraus, die nun ihrerseits fröhlich grunzend Kraut und Gemüse im Garten umwühlten. Seiner Schwester, die zu Besuch auf dem Hofe weilte, setzte er einen »Swinegel« unters Bettlaken und wollte sich schier ausschütten vor Lachen, als diese kreischend und schreiend im Hemde umherstürmte, nachdem ihr zartes Sitzfleisch die unangenehmste Bekanntschaft mit den Stacheln des Igels gemacht hatte. Eines Morgens wollten die Knechte zweier Nachbarhöfe pflügen, doch sie mußten wieder heimreiten, denn »Hink-Pink« hatte während der Nacht mit einem Schraubenschlüssel die Pflugmesser abgeschraubt und versteckt. Im Dorfkruge wußte er sich einst unauffällig nach der Küche zu schleichen, wo die Wirtin einem Pferdehändler gerade eine gute Portion Spiegeleier briet. Wie freute er sich innerlich, als die dicke Wirtin plötzlich hochrot vor Zorn in die Stube stürzte und ihm auf den Kopf zusagte, daß er ein faules Ei in die Pfanne geschlagen habe; er aber war »narms wesen«.

Doch das Abenteuer, das ich eigentlich erzählen wollte, trug sich folgendermaßen zu: Auf dem Hofe war auch eine hübsche Mamsell, die als Tochter eines gutsituierten Büsumer Schmiedemeisters dort für ein geringes Taschengeld die Tätigkeit als »Stütze der Hausfrau« ausübte. Auf diese Mamsell hatte Hink-Pink es abgesehen. Es erschien ihm nämlich als durchaus naturwidrig, daß solch schmuckes Ding seine Tage lediglich als Stütze der Hausfrau vertrauern sollte. Konnte sie nicht auch ihm ein wenig als »Stütze« dienen? Bald war er mit seinem Plan fertig; er wollte gleich aufs Ganze gehen. So gegen zwölfe nachts kommt er aus dem Dorfkrug. Etwas schwankend und unsicher stapft er über die Hofstelle, seine Schritte dämpfend, so gut es gehen will. Dort, dort winkt ihm verheißend »ein Fensterlein klein«. Welch[217] Glück, es war ja offen! O die Gute, die Holde – sollte sie schon geahnt haben? Tick, tick, klopft er leise; »Grethen – pst – Grethen«, lallt er schwerfällig flüsternd. Keine Antwort. Grethen schwieg vielleicht aus mädchenhafter Scheu. Die Brave, das sollte ihm sicher als stille Ermunterung gelten. Gut denn, kühn drauf los. Schon sitzt er auf dem Fensterbrett, und nun rin ins Vergnügen. Doch was ist das! Ein Poltern, Schurren und Rumpumpeln, als würde irgendwo mit zerbrochenen Töpfen und Milchsetten Kegel geschoben; dazwischen Fluchen, Stöhnen und Trampeln, halb wütend, halb kläglich; und dann tapste und patschte es, so klaksig, so matschig, wie wenn ein halbes Dutzend Ziegler in Akkord Lehm streichen. Im Augenblick ist alles munter. Da muß was los sein. Raus aus den Posen. Der Bauer reißt im Hemde die Jagdflinte vom Nagel. »Flink, Kinners! kamt, dar is 'n Inbreker«, ruft er in die Leutekammer. »Jo, kamt gau', dar in de Spieskamer sitt he!« kreischte auch die wohlbeleibte Bäuerin, nur dürftig mit einem Unterrock bekleidet. Schnell stecke ich eine Stallaterne an, und schon in der nächsten Minute leuchte ich – unserm »Hink-Pink« ins Gesicht!

Aber, o weh! wie sah er aus! Schwarz, weiß und scheckig, moddrig, dreckig und speckig, als hätte er aus Milch und Schwarzsauer Torf backen wollen! Und um ihn her floß ein dicker, schlammiger Brei zwischen umgestülptem Milchgeschirr und zertretenen Steingutkrügen. Anstatt in die Kammer der Mamsell, war unser verliebter »Viz« in die Speisekammer geraten. In seinem Dusel hatte er die Fenster verwechselt, und nun saß er in der Patsche, wie der Fuchs im Tellereisen. Diese Blamage vor versammelter Mannschaft ging ihm doch so nahe, daß er sogar seine gewohnten Schwindelausreden vergaß; er grunzte nur unverständliches Zeug vor sich hin und schlenkerte von seinen Händen das dicke Schwarzsauer an die Wand. Erst das immer erneut ausbrechende Gelächter der Umstehenden brachte ihn endlich wieder zu sich selber. Schließlich blieb ihm nichts anderes übrig, als über sein verunglücktes Liebesabenteuer selbst mitzulachen, wenn's auch etwas gequält herauskam. Dann humpelte er nach dem Stall und wusch sich den schwarzweißen Fettkleister[218] ab, so gut es gehen wollte. Für Spott brauchte er seitdem nicht mehr zu sorgen, und wer ihm einen besonderen Gefallen tun wollte, der brauchte nur zu rufen: »Hink-Pink im Suerpott.« Dann hatte er genug.

Leider war diese spaßhafte Geschichte einige Tage später gewissermaßen die Ursache eines bedauerlichen Unglücksfalles, dem der zweite Knecht zum Opfer fiel. Beim Häckselschneiden unterhielten sich die Leute scherzhaft über das Pech des braven Detlev. Der zweite Knecht, der die Garben in die Maschine einlegte, hatte dabei während des Erzählens und Lachens die erforderliche Sorgfalt einen Moment außer acht gelassen. Ehe er es sich versieht, sind ihm von den Walzen die Finger eingeklemmt, und noch ehe die Maschine in Stillstand gebracht ist, waren ihm drei Finger der linken Hand bis zur Hälfte weggeschnitten.

Der Herbst ging zur Neige; der Abgangstag war herangekommen. Ich sowohl wie meine Deern hatten bei »Peiter Pink« aufgesagt, weil wir einen höheren Lohn verdienen wollten, denn wir dachten nunmehr doch immer energischer ans Heiraten, und da erschien es uns zweckmäßiger, weniger auf die gute Stelle, als auf einen möglichst hohen Lohn zu sehen. Denn auch meine Deern war arm wie eine Kirchenmaus.

Ihren Vater, einen früheren Tagelöhner, der auch zeitweilig als Fischer tätig gewesen war, hatte sie schon während ihrer Kindheit verloren, und die Mutter saß als Witwe mit vier noch jüngeren Kindern in dem Dörfchen Norddeich. Wie es dort also aussah, kann man sich denken. Ganz wie bei uns daheim in Hinterpommern. Sobald die Kinder »nestreif« geworden waren, hatten auch sie nach den Bauern gemußt. Dora, meine Zukünftige, war schon im zwölften Lebensjahre in Dienst gebracht worden, nachdem man sie mit Rücksicht auf ihre Mutter vom weiteren Schulbesuch dispensiert hatte. Nur hin und wieder brauchte sie damals noch auf einige Stunden zum Unterricht zu gehen, und was sie dabei unter solchen Umständen lernte, war natürlich für die Katz gewesen. Beim Bauern hatte sie dann bis zu ihrem vierzehnten Lebensjahre überhaupt keinen Lohn in die Hände bekommen, er wurde an die Mutter gezahlt. Von da ab sollte sie den[219] Lohn zwar selbständig erheben dürfen, doch bei Muttern tat's stets auf allen Ecken und Enden nötig, und so wurde der Lohn denn schon immer bei Kleinem »abgepflückt«, häufig auch ehe er ganz verdient war. Was da nach Anschaffung der notwendigen Kleidung am Lohntage noch übrig blieb, war in der Regel so gut wie nichts; an Ersparnisse konnte vollends nicht gedacht werden. So drückte uns also alle beide kein überflüssiges Geld, und es wurde denn Zeit, wenn wir noch einige Groschen zusammen haben wollten, bevor wir uns heirateten. Leider glückte es uns nicht, wieder beide auf eine Stelle zu kommen; wir mußten uns mithin einstweilig voneinander trennen.

Ich kam jetzt als Großknecht zu dem Bauern Georg Breetfoot nach Poggensand, dicht am Koog; Dora zog ein Stündchen davon als Grotdeern nach Appeldick zu dem Bauern Hans Sühlsen. Mein Lohn betrug für den Winter 54 Taler, und falls ich den Sommer über bleiben wolle, sollte ich von Mai bis November 70 Taler erhalten. Für das zweite Jahr stellte mir der Bauer einen Jahreslohn von 120 Talern in Aussicht, 40 Taler für den Winter und 80 Taler für den Sommer. Das wäre nun so weit ganz schön und grün gewesen, zumal meine Dora über Winter auch 30 Taler bekam und über Sommer 46 Taler bekommen sollte, doch – es hat nicht sollen sein.

Georg Breetfoot, mein jetziger Bauer, besaß einen schönen Hof. Für gewöhnlich beschäftigte er drei Knechte, zwei Tagelöhner und einen Jungen, dazu je nach der Jahreszeit noch einige Wochenlöhner; auch wurden zwei Deerns gehalten. Als besonderer Fachmann galt er auf dem Gebiete der Viehmast.

Bei der Besorgung des Viehes mußte die peinlichste Sorgfalt beobachtet werden. An Pflege, Futter und Reinhaltung durfte den Tieren auch nicht das Geringste abgehen. Alle Naslang saß der Bauer in der Boos und pütcherte an seinen Mastochsen herum; er befühlte, beklopfte und streichelte die Tiere, schätzte ihr Gewicht und unterhielt sich mit ihnen so zärtlich, als wenn es auf der ganzen Welt weiter keine Wesen gäbe, die seiner Zuneigung würdiger wären wie diese Mastviecher. Ja, sie konnten ihn gar von oben bis unten bedreckern und bekleckern, daß ihm die[220] braunen oder grünen Mistklaxe am Zeug, im Gesicht und an den Haaren heruntergetterten – desto liebevoller klang sein: »Ho-ho Oß; ho-ho, min Ossen; o-ho-ho-ho, min lütt gudes Tier!« Ich hielt mich zwar auch für einen Tierfreund, aber ich muß doch sagen: dieses Benehmen erschien mir direkt närrisch; mich widerte es einfach an, zu sehen, wie der Bauer mit dem Viehzeug herummallte, und das im Grunde genommen doch nur, weil es ihm ein schönes Stück Geld einbrachte. Er mußte in seinen Mastochsen schon gewissermaßen lebendige Goldstücke und Banknoten verehren, sonst wäre sein Verhalten unerklärlich gewesen. Ein Tagelöhner meinte dazu: »Von sine Ossen hollt he mehr, as von Wiw und Gesangbok.«

So hübsch nun auch der Stall aussah – so miserabel war die Leutekammer. Ein einfenstriges niedriges Loch, mit zerbrochenen Ziegelsteinen ausgelegt und drei zweischläfrigen, rauhbretternen Bettkasten darin, das war die Gesindestube. Als besondere Zierde dieser Zelle wirkte ein eisernes Gitter vor dem Fenster, das der Bauer hatte anbringen lassen, um ein nächtliches Ein- und Aussteigen seiner Leute zu verhindern – eine sehr fürsorgliche Einrichtung, die sich übrigens auch auf vielen anderen Höfen der Marsch findet. Dieser Schmuck gab der Leutekammer erst sein geradezu gefängnisartiges Aussehen. War nun schon mit unserer Kammer kein Staat zu machen, so sah das Verließ, in dem die Deerns schlafen mußten, noch bei weitem erbärmlicher aus. Kaum so groß, daß die eine Bettstelle drin stehen konnte, schien auch weder Sonne noch Mond dort hinein. Es war eine Abbucht der Küche, ohne Fenster, ohne Bequemlichkeit, dunkel, niedrig, undicht, schmutzig; ein Hundeloch, ein Sarg, eine wahre Chinesenkiste; im Winter kalt wie im Eiskeller. Tatsächlich: das Vieh im Stall, von der Mutterstute bis zum gemeinsten Schwein, war zu beneiden, wenn man Raum, Licht und Luft der hübschen, hellen geräumigen Boos mit diesen Gesindekammern in Vergleich zog.

Nun hätte man von alledem vielleicht manches entschuldigen können, wenn dieser Großbauer sonst noch ein halbwegs passabler Kerl gewesen wäre. Aber gerade da hakte es ganz bedenklich.[221] So übertrieben freundlich er gegen das Vieh war, so abstoßend und herrisch war er gegen das Gesinde. Schon zehn Minuten vor 4 Uhr mußte ich des Morgens die Leute wecken, so daß wir punkt vier Uhr im Stall waren, und das im Winter, wo es doch zur Hauptsache nichts anderes zu tun gab, wie Stall- und Scheunenarbeit. Verschlief ich mal um eine Viertelstunde die Zeit, dann tat der Bauer gleich, als müsse der ganze Hof aus Rand und Band gehen. Bei jeder Gelegenheit, wo ihm etwas nicht paßte, bekam man die Worte zu hören: »Wovör gew' ich denn Brot un Lohn? Wovör holl ick mi denn de Lüd! Ick sölben heww dat ni nödig; darvör sünd jene dar, mi de Arbeit to maken!« Dergleichen Redensarten brachte er stets mit einer zynischen Offenheit heraus, als wolle er uns auf Schritt und Tritt fühlen lassen, wie turmhoch er eigentlich über uns armen Schluckern von Knechten stünde.

Allerdings war mir das alles schon längst vorher gesagt worden. Sehr schnell war ich nämlich wieder mit einer ziemlich großen Zahl von Knechten der Umgegend bekannt geworden, darunter auch mit solchen, die schon bei Georg Breetfoot gedient oder als Wochenlöhner gearbeitet hatten. Nur einzelne hatten es dort ausnahmsweise ein ganzes Jahr ausgehalten, die meisten waren froh gewesen, wenn sie nach Ablauf ihres Halbjahres den Poggensander Staub wieder von ihren Pantoffeln schütteln konnten. Und immer waren es dieselben Klagen, die ich hörte: Schlechte Behandlung und schlechte Kost. Mir wurde sogar gesagt, der Bauer solle es schon gewissermaßen gewöhnt sein, daß ihm Knechte und Mägde mitten in ihrer Dienstzeit unter Zurücklassung ihres Lohnes bei Nacht und Nebel davonliefen. Einer erzählte mir, er sei, während ich beim Militär stand, ebenfalls dort ausgekniffen, und zwar habe er sich nach Hamburg geflüchtet, weil er hoffte, dort unter den vielen Menschen vor etwaigen Nachforschungen wegen seines Kontraktbruches am ehesten sicher zu sein. Doch der gute Breetfoot habe ihn dort dennoch aufstöbern und unter polizeilicher Begleitung von Hamburg aus wieder in den Dienst zurückbringen lassen. Die Kosten dieses Transports sowie den Lohn für die Stellvertretung für vierzehn[222] Tage, während deren der Ausreißer in Hamburg gewesen, hatte ihm der Bauer dann, bei Beendigung der kontraktlichen Dienstzeit einfach abgezogen, so daß er am Abgangstage nicht nur keinen Pfennig Lohn mehr ausbezahlt erhielt, sondern noch froh sein mußte, daß er nicht noch verschiedene Taler zu zahlen brauchte. Ähnliche Vorkommnisse erzählte man mir mehrere, als es bekannt wurde, daß ich mich nach Poggensand hinvermieten wollte; doch ich hielt diese Darstellungen meist für übertrieben, und dann reizte mich eben der hohe Lohn; im äußersten Falle aber glaubte ich mich schon auf mich verlassen zu können, um gar zu plumpen Übergriffen des Bauern die Spitze zu bieten, und so war ich denn hingegangen. Innerlich bereute ich es freilich längst, daß ich nicht bei dem biederen »Peiter Pink« geblieben war. Doch jetzt war nichts mehr daran zu ändern, und ich mußte eben sehen, wie ich mit dem Breetfoot fertig wurde.

Was die Kost anbelangt, so muß ich gestehen: es war in der Tat die schlechteste, die ich in Schleswig-Holstein je erhalten habe. Der »Mehlbüdel« glich in Form und Härte einer gattlichen Kegelkugel; man hätte damit zuweilen wirklich ganz bequem »alle Neune« werfen können, ohne daß er aus dem Leime gegangen wäre. Der »große Claas« präsentierte sich uns als ein formloser breitgedrückter Klumpen, aus dem der halbrohe Mehlkleister herauslief, sobald man ihn anschnitt. Als Tunke diente in der Regel eine widerliche Sirupsauce, schmutzig-braun und klebrig, wie wenn uns damit Magen und Schnurrbart mit Gewalt zusammengekleistert werden sollten. Die Klüten oder »Baal« erreichten gewöhnlich die Größe einer kleinen Faust; bald waren sie papsig zum Erbrechen, bald zäh wie Gummi, so daß sie einem unter dem Messer weghüpften. Ein eigenartiger Fraß waren auch die »Wellgen«, ein suppiges Gemisch von weißen Bohnen, Graupen, Kartoffeln und Mohrrüben. Ganz blau zogen sich die Dinger in der Schüssel umher; mir wurde schon immer »mieß«, wenn ich das Zeugs nur sah. Ähnlich unappetitlich und unschmackhaft waren auch die übrigen Gerichte zubereitet. Mit Speck und Fleisch aber ging die Frau Breetfoot so sparsam um, als lebte sie in ständiger Besorgnis, daß wir zu fett werden könnten.[223] Schinken oder Mettwurst bekamen wir überhaupt nicht zu sehen, geschweige denn zu kosten, es sei denn, daß die Bäuerin gelegentlich mal den Schlüssel in der Räucherkammer stecken ließ und einer von uns unter Ausnutzung der günstigen Gelegenheit dann mit kühnem Griff eine Wurst beim Wickel kriegte. Wie überall, so wurde auch hier beim Schlachten Schwarzsauer eingemacht. Bei Breetfoot kam all der minderwertige Abfall hinein, der an dem geschlachteten Tiere überhaupt dran war. Wenn dies nun auch überall in ähnlicher Weise gemacht wurde, so sorgten die Bauern, die etwas auf ihre Leute hielten, doch dafür, daß hin und wieder auch ein guter Happen mit in den »Suerpott« wanderte. Hier aber war das ausgeschlossen. Nur das »Hudderlasch« fand Verwendung. Und wenn's noch dabei geblieben wäre! Doch damit der Pott auch voll würde und möglichst lange vorhielt, kaufte der Bauer von einem Wesselburner Schlachter noch allerhand Fleischabfall dazu. Und wenn dieser Kram nicht mehr ganz koscher war, nun das kam so genau nicht drauf an; es war ja »man bloß vör de Lüd«.

Des Morgens zur Frühkost und des Abends gab's bei uns zu dem üblichen Brei anstatt der abgerahmten Milch zeitweilig sogenanntes Warmbier. Wenn es gut gekocht wird, läßt sich's schon essen, obwohl in dem edlen »Bräu« sonst nicht übermäßig viel »Gehalt« sitzt. Doch Frau Breetfoot wußte, was uns gut tat. Sie destillierte das ohnehin schon so dünne Dünnbier noch extra mit mehreren Litern Wasser für uns zurecht. Kam die grau-braune Brühe dann auf den Tisch, so konnte man denken, die drei Mutterstuten im Stall hätten uns damit beglückt. Klötersuppe nannten wir die Jauche; sie schmeckte nicht nach Ihm und nicht nach Ihr. Das »Upbradelsch« aber war so trocken, daß man selbst mit Löschpapier keinen Fettfleck aus der Schüssel hervorziehen konnte. Die Bäuerin kochte aber auch einen eigenartig schönen Kaffee für uns. Sorgfältig sammelte sie den »Grund« von dem Kaffee, den die Familie des Bauern die Woche über verbrauchte; am Sonntagmorgen wurde der gesammelte Rückstand dann wieder aufgebrüht, und dieses aufgerummelte Kaffeedick bildete nun unser sonntägliches Morgengetränk.[224]

Des Mittags bekamen wir zu unserem Essen auch keine Teller, sondern runde Holzplatten, wie sie zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges vielleicht mal Mode gewesen waren. An diese Dinger mußte man sich erst sehr gewöhnen, sonst wußte man sich schlechterdings nicht damit zu behelfen. Auffüllen konnte man natürlich nichts darauf, sondern nur etwas darauf zerschneiden, das übrige holte man sich aus der gemeinsamen großen Schüssel und führte es gleich zu Munde.

Nun darf man jedoch nicht glauben, daß die Bäuerin überhaupt nichts Besseres zu kochen verstanden hätte, durchaus nicht. Sie konnte im Gegenteil sogar sehr gut kochen – nur nicht für uns. Wenn wir des Mittags nach unserer Kammer gingen, dann roch's gar lieblich und angenehm im Vorderhaus, so duftig und würzig, daß uns das Wasser im Munde zusammenlief. Das kam von einer ganz anderen Marke, als von unserem kleistrigen Mehlbüdel oder den Wellgen oder den hölzernen Pannkoken. Und nun gar erst, wenn der Bauer »Visiten« hatte. Dann wußten uns die Deerns gar nicht genug zu erzählen von all den schönen Dingen, die in der »Best-Stuw« aufgetafelt wurden. Doch das war auch alles für »süm sölben«, und süm sölben wußten einen guten Happenpappen sehr wohl zu würdigen. Nur für unsere Magen war das nichts, wir durften uns nur an dem Geruch erfreuen, der Braten selbst war uns nicht zuträglich, wir hätten sonst vielleicht Kolik davon bekommen.

Gewiß hätte es niemand von uns dem Bauern verargt, wenn er sich und seinen Angehörigen eine bessere Kost leistete, wie seinen Arbeitern und dem Gesinde. Wer wollte ihm daraus im Ernste einen Vorwurf machen? Mochte er das getrost halten wie er wollte – es wurde ja auch sonst fast überall so gehandhabt. Doch den Leuten, die für ihn arbeiten sollten, eine solche Hundekost zu bieten, das war's, was so empörend auf uns wirkte und nun ganz naturgemäß unsere Arbeitslust beeinträchtigte. Wie sollte man da auch noch Lust zur Arbeit bekommen, wenn man stets mit Widerwillen zu Tische ging und nur halb gesättigt wieder aufstand? Wenn von der Speise selbst auch genug in der Schüssel war, so wurde einem doch von vornherein schon jeder Happen[225] derartig lang im Halse, daß man sich beim besten Willen nicht satt essen konnte – oder man mußte einfach die Augen zukneifen und das Zeugs unbesehen hinunterwürgen, damit man sich wenigstens einigermaßen den Magen vollstopfte, um bei Kräften zu bleiben. War der Fraß erst glücklich drin im Leibe – nun dann tat er ja vielleicht noch seine Wirkung; die Kunst bestand nur darin, ihn überhaupt hineinzubringen. Speziell mir wollte es gar nicht rutschen, weil ich, besonders im vorhergegangenen Jahre, eine nach ländlichen Begriffen tatsächlich gute Kost bekommen hatte. So wurde ich von Tag zu Tag mißmutiger gegen diesen Bauern und sein hochnasiges Weib, die doch zu auffällig dem Grundsatz huldigten: »Vör de Lüd is't gud naug.«

Eines Tages kam es nun aus Anlaß dieser schlechten Kost zu einem Auftritt mit dem Bauern, der in seiner direkten Ursache auch eines humoristischen Beigeschmacks nicht entbehrte. Es hatte damit folgende Bewandtnis: Der »Grotjung« war von der Hausfrau für würdig befunden worden, ihr beim Umhängen der Speckseiten in der Räucherkammer zu helfen – uns anderen schien sie nämlich nicht recht zu trauen. Nun war der Junge aber auch ziemlich gerieben. Geschickt wußte er sich einen unbewachten Augenblick abzupassen, um ein dickes Würstlein und – einen halben geräucherten Schweinskopf verschwinden zu lassen. Er konnte wohl in der Eile nichts Besseres zu packen kriegen, sonst hätte er sich an dem alten knubbrigen Verstandskasten des seligen Borstenviehs wohl kaum vergriffen; aber er wollte uns doch allen einen Gefallen erweisen, und so nahm er denn, was er bekommen konnte. Die Wurst war bald verteilt und verschwunden; auch der Schweinskopf sollte später an die Reihe kommen, so weit er zu brauchen war, – einstweilen aber mußte er versteckt werden, und als Versteck dazu suchte sich der Junge die Häckselmaschine aus.

Nun wollte es das Pech, daß der Bauer den Einfall bekam, am nächsten Tage beim Häckselschneiden mit zu helfen. Und merkwürdig, keiner von uns konnte die Gelegenheit erwischen, den vertrackten Schweinskopf aus der Maschine zu entfernen; immer stand uns der Bauer im Wege. Was war da zu machen! Meinethalben,[226] dachte ich, mag's gehen wie's will, ich weiß von nichts. Ich und der Bauer legen frischweg ein, und dann: »hüh!« Schnarrend hauen die Messer durch die Garben; doch nur wenige Augenblicke, dann fliegt's uns um die Ohren in langen saftigen Streifen, und ein Geruch stieg uns in die Nase, wie von frischgeräuchertem Fleisch. Schon will der Bauer etwas sagen, da: knicks, knacks, schlagen die Messer auf den Kiefernknochen des Schweinskopfes, daß Stahlstücke und Schweinezähne pfeifend davongeschleudert werden. »Dammi, wat is dat!« ruft Breetfoot blaß vor Schreck, und bückt sich instinktiv; ich aber sprang schnell davon und brachte die Pferde am Göpel zum Stehen.

Was nun kam, war einfach zum Schreien. Erregt polkt der Bauer in der Maschine umher und zieht den zerschundenen Schweinskopf hervor. Das Gesicht! Und nun ging's los mit Wettern und Flüchen über so ein Diebsvolk, das ihm den Schweinskopf gestohlen hatte. Wie ein Besessener sprang er umher und schimpfte über die Hausdiebe, die noch viel schlimmer seien wie gewerbsmäßige Einbrecher. Wer's getan habe, wollte er wissen! Ich zuckte gleichmütig die Achseln. Von den anderen wußte natürlich auch kein Mensch »wat darvon«. Er schalt und futterte jedoch in einem fort, bald über den Schweinskopf, bald über die auch zu meinem Bedauern recht arg ausgebrochenen Maschinenmesser. Schließlich hatte er sich so in Wut geschimpft, daß er mir direkt ins Gesicht sagte, ich werde es wohl getan haben. Im nächsten Moment schien ihm diese Behauptung aber doch wohl selbst etwas gewagt vorzukommen, um so mehr als ich mich mit kurzem Ruck umgedreht hatte und ihm sehr voll ins Auge schaute. Er lenkte denn auch gleich wieder ein, meinte jedoch, wenn ich auch nicht der Dieb sei, so würde ich doch wohl wissen, wer's getan habe, und er könne von mir als seinem Großknecht verlangen, daß ich ihm den Täter nenne. Selbstverständlich dachte ich in neun kalten Wintern nicht daran, den Jungen zu nennen und ihn damit vielleicht den Fäusten des Bauern auszusetzen. Der aber ließ mit seinem Schelten immer noch nicht nach, drohte schließlich mit polizeilicher Untersuchung. Jetzt aber hatte ich[227] die Geschichte satt; so viel Wesens wie der Bauer davon machte, war ja der ganze Schweinskopf nicht wert. Ich ging daher dicht an ihn heran und sagte ziemlich energisch: »Nu heww ick awer naug von den Trödel; wat scheert mi den dösigen Schweinskopp! Wenn Se weten willt wer in nehmen hett, so söken Se 'n sick. Öwrigens will ick Se mal wat seggen: Gewen Se Ähr Lüd bäter wat to fräten, denn war'n se ok keen Schweinsköpp musen!«

Das war natürlich dem Ochsen ins Auge gestoßen. Und nun kam es zu einer sehr derben Auseinandersetzung zwischen uns wegen der Kost, wobei ich dem Bauern so die Wahrheit geigte, daß er schließlich in die Stube rannte und sich den ganzen Tag nicht wieder in der Boos blicken ließ. Seit diesem Tage lebten wir auf gespanntem Fuße miteinander.

Einige Wochen später wiederholte sich die Auseinandersetzung in noch heftigerer Form. Der Bauer hatte zu einem Ochsentransport einen Tagelöhner zur Aushilfe angenommen, der zuvörderst mehrere Tage in der Boos mit helfen mußte. Kurz vorher war geschlachtet worden, und nun bekamen wir in der fraglichen Woche nicht weniger wie dreimal Schwarzsauer, und zwar den üblichen »Huddelasch«. Uns war's, als wären wir inwendig schon total angeschwärzt, samt und sonders hatten wir den schwarzen Durchmarsch, am meisten unser neuer Tagelöhner. Als ihn der Bauer nun des Sonnabends fragte, ob er am nächsten Montag wiederkommen wolle, da antwortete er so recht trocken und pomadig: »Nee, min lewer Breetfoot, glöwen Se denn, ick will hier nix anners fräten as Näsen, Ohren un Arslöcher? Dat fräten Se man sölben. Ick schiet all säben Ähl (Ellen) gegen Wind.« Diese ebenso offenherzige wie drastische Antwort brachte unsern Bauern nun wieder schier aus dem Häuschen. Wie ein wütender Truthahn tanzte und kollerte er umher, daß ihm der Schlabber zum Munde herausflog. Unwillkürlich mußte ich über den komischen Wutanfall unseres lieben Brotherrn lachen. Dadurch wurde er nur noch aufgebrachter. Er ging jetzt auf mich los und schalt in allen Dissonanzen, daß ich wohl den Tagelöhner aufgehetzt hätte; seine Kost könne jeder essen; er werde wissen, was er uns auf den Tisch zu setzen habe, und lasse[228] sich darin auch von niemandem Vorschriften machen. Ich erwiderte ihm, er möge sich doch nicht mit Gewalt lächerlich machen; es sei ja bereits in ganz Dithmarschen bekannt, daß er für seine Schweine und Mastochsen ungleich besser sorge, wie für seine Leute. Darauf schrie er mir zu: »Jo, von min Vehwark heww ick ok wat; von jem heww ick awer wider nix, as Arger!« Rasch entgegnete ich: Wenn er von uns weiter nichts wie Ärger habe, dann hindere ihn ja niemand daran, sich seine Arbeiten alleine zu machen, dann sei er doch allem Ärger überhoben. Jetzt wußte er augenscheinlich nicht, was er sagen sollte; er brummte nur: »Jo, klook snacken kannst du, dat hast du rut. Na ick seh' all,« fügte er dann hinzu, »mit uns beiden ward dat nix.« »Dat heww ick ok all markt«, war meine Antwort.

Von nun an gab's immer öfter Krach zwischen uns beiden, und auch mit den übrigen Knechten zankte er jetzt häufiger. Mir kam es schließlich ganz so vor, als wolle er besonders mich so weit schikanieren, daß ich aus dem Dienst laufen sollte. Lief ich nämlich davon, so hätte ich nicht nur meinen Lohn im Stich lassen müssen, sondern konnte mich auch darauf gefaßt machen, daß er mich – vielleicht erst nach Wochen – durch den Gendarm wieder zurückholen ließ, und mir wurden dann nicht nur die amtlichen Kosten, sondern auch der Schadensersatz vom Lohne abgezogen, so daß mir am Ablauf meiner Dienstzeit womöglich nicht ein Pfennig mehr übrig geblieben wäre. War mir doch sogar gesagt worden, daß der Bauer nur deshalb so verhältnismäßig hohe Löhne zusichere, weil er die bestbezahltesten seiner Leute doch einige Wochen oder Monate vor dem Abgangstermin systematisch und mit Erfolg bis zum Weglaufen zwiebele. Ganz gleich, ob er sie nun zurückholen ließ oder nicht: in beiden Fällen war der Vorteil auf seiner Seite; trotz des versprochenen hohen Lohnes hatte er dann immer einen billigen Knecht gehabt, und lachte sich ins Fäustchen. Das überlegte ich mir bald und dachte: Ausgekniffen wird nicht!

Doch was hinderte mich, den Spieß einmal umzudrehen? Da ich mich auf meine eigenen Knochen ziemlich verlassen konnte, so mußte es mir nicht übermäßig schwer fallen, den Bauern dermaßen[229] zu ärgern, daß er mich schließlich gerne von selbst laufen ließ; ja, daß er schließlich froh war, mich überhaupt nur glücklich los zu werden. Deshalb nahm ich mir vor, ihm so viel gesinderechtlich gestatteten Verdruß zu bereiten, daß er mir selbst den Vorschlag machen sollte, nur um Gotteswillen meiner Wege zu gehen. Und das gelang mir dadurch, daß ich mit meinem Bauern jetzt regelrecht Eulenspiegel spielte.

Es gab nun die drolligsten Aufzüge zwischen uns beiden, und dabei tat ich weiter nichts, wie die Anordnungen des Bauern wortwörtlich zu befolgen. Einmal sollte ich seinen kleinen Federwagen waschen. Dies wurde für gewöhnlich an dem breiten, tiefen Graben – der »Graff« – besorgt, der nach Dithmarscher Art das Haus umgab, woselbst der Wagen an einer flachen Ausbuchtung bis an die Achsen hineingeschoben und dann abgewaschen wurde. Der Bauer sagte nun: »Du kannst den Wagen jo in de Graff schuwen.« Ich tat's; schob ihn aber so weit hinein, daß nichts mehr von dem Vehikel zu sehen war. »Minsch, wat makst du!« rief der Bauer entsetzt, als er hinzukam. »Nix«, erwiderte ich, »ick schull doch den Wag' in de Graff schuwen, un dat heww ick dahn.« Ich denke, ihn rührt der Schlag, so merkwürdig blickte er mich an. Was er dann sagte, will ich lieber verschweigen, mich rührte es nicht, gleichmütig pfiff ich vor mich hin, als ginge mich sein Schimpfen gar nichts an. Es kostete Mühe, den Wagen aus dem tiefen Modderloch wieder herauszubringen. Als wir ihn mit Hilfe eines Pferdes glücklich draußen hatten, da war das ganze schöne Plüschpolster verdorben, und riechen tat's – na, nicht nach Eau de Cologne. An demselben Wagen sollte ich nach einigen Tagen das Vorderleder schmieren, »awerst gud«. Ich balsamierte es dermaßen mit Tran ein, daß es vor lauter Fett gar nicht anzufassen war.

Kurz darauf bekamen wir künstlichen Dünger, Thomasschlacke und Chilisalpeter. Die Säcke sind ziemlich schwer, sollten aber nachgewogen werden, um zu prüfen, ob das Gewicht auch stimme. »Schmiet den Sack up de Wagschal!« rief mir der Bauer zu. Gewissenhaft befolgte ich die Anordnung und warf den Sack von 200 Pfund Gewicht mit aller Wucht auf die Dezimalwaage.[230] Was konnte ich dafür, daß Sack und Wage aus dem Leim gingen? Ich sollte den Sack ja »schmieten«.

Ein halbes Dutzend Gänse sollte ich schlachten und dabei achtgeben, daß das Blut gut ablaufe; einen Topf setzte der Bauer neben mich. Die Gänse waren tot und das Blut gut abgelaufen, jedoch nicht in den Topf, sondern in die »Gööt« hinter den Kühen, wo es sich mit dem Mist vermischte. Wie jammerte die Bäuerin, daß sie nun kein Schwarzsauer kochen konnte; das schöne Blut! Na, ich hatte doch gut ablaufen lassen; daß das Blut in den Topf laufen sollte, davon hatte mir ja niemand was gesagt.

Unter solchen und ähnlichen Niederträchtigkeiten verging Woche um Woche. Der Bauer war schier in Verzweiflung. Schon wiederholt hatte er Miene gemacht, sich auf mich zu stürzen; doch gleich das eine Mal setzte ich ihn ziemlich unsanft auf die Häckselkiste, und dabei sagte ich ihm, daß ich ihm das nächste Mal sicher den ersten besten Forkenstiel auf dem Kreuz entzwei schlagen würde, falls er sich je wieder unterstehen sollte, handgreiflich an mir zu werden. Das zog dann etwas.

Gleichzeitig erklärte ich ihm, daß ich ihn von jetzt ab mit Du anreden werde, wenn er es nicht vorziehen sollte, mich künftig ebenfalls mit Sie anzusprechen, so wie er das von mir als selbstverständlich verlange. Das ging ihm natürlich wieder sehr gegen den Strich. Er als Dithmarscher Großbauer und Hofbesitzer sollte seinen Knecht mit Sie anreden? Nimmermehr, das bekam er nicht fertig! Nun denn nicht; prompt nannte ich ihn von da ab Du, so entwürdigend ihm diese Anrede auch klingen mochte.

Ebenso gewöhnte ich es ihm ab, ihn erst untertänig um Erlaubnis zu fragen, wenn ich des Abends ausgehen wollte. Ich sagte einfach Bescheid, daß ich gehe, und damit ging ich; ob's ihm paßte oder nicht, das sollte mich jetzt wenig kratzen.

Schließlich kam es denn auch zu einer Aussprache über die etwaige Lösung meines Dienstverhältnisses. Als ich dem Bauern gerade wieder einmal so ein kleines Herzeleid zugefügt hatte, meinte er zu mir: »Minsch, du büst jo würklich 'n ganz verdächtigen Kirl; du makst jo eenfach mit mi, wat du wullt; wenn du denn kortut ni bi mi wesen magst, denn knip doch ut!« »Jowoll,[231] dat muchst' woll,« machte ich, »nasten lettst' mi mit 'n Schandarw wedder halen, so as den Annern ut Hamborg. Nee oll Fründ, wenn du mi los wesen wullt, denn kannst mi jo man wegjagen!«

Das wollte er aber natürlich nicht, weil er mir sonst womöglich zu meinem verdienten Lohn auch noch einen Vierteljahrslohn nebst Kostgeld hätte zahlen müssen. Meinen »verdienten« Lohn wollte er schließlich geben. Doch damit war ich wieder nicht einverstanden.

Mit dem verdienten Lohn hatte es nämlich seine eigene Bewandtnis. Wer innerhalb des ausbedungenen Halbjahres nach voraufgegangener Verständigung mit dem Landwirt den Dienst aufgibt, dem stand für das erste Vierteljahr nur ein Drittel des Halbjahreslohnes zu; für die Zeit des zweiten Vierteljahres aber wurden zwei Lohndrittel verrechnet. Mein Bestreben war vielmehr, den Bauern dermaßen zu ärgern, daß er mir, um mich loszuwerden, einen höheren wie den »verdienten« Lohn gab, so daß ich bei der Annahme anderer Arbeit bis zum 1. Mai wenigstens keinen Verdienstausfall hatte. Und dies glückte mir schließlich auch.

Ich erwähnte bereits, daß ich jetzt des Abends ausging, nachdem ich nur »Bescheid gesagt« und nicht »gefragt« hatte. Und ich ging recht häufig aus, besonders nach Apperdeich, wo das Schlafkammerfenster meiner Dora nicht durch ein garstiges Gitter versperrt war. Dieses Ausgehen, ohne zu fragen, wollte mir mein Bauer verleiden. Zu diesem Zweck gab er den übrigen Leuten strenge Anweisung, mich beileibe nicht einzulassen, wenn ich des Nachts nach vollbrachtem Ausgang bei ihnen anklopfen würde. Anders wie durch dieses Anklopfen bei meinen Mitknechten konnte ich aber nicht hineinkommen, da sämtliche Türen beim Abfüttern sorgfältig zugeschüttet wurden. Der zweite und dritte Knecht sagten mir zwar, sie würden auf den Befehl des Bauern pfeifen und mich dennoch einlassen; ich aber riet ihnen davon ab, denn mir tat der Bauer mit seiner törichten Anordnung durchaus keinen Schabernack, im Gegenteil, einen großen Gefallen.

Bisher war ich nämlich, wie es gerade so kam, um 11 oder 12,[232] vielleicht auch wohl um 2 oder 3 Uhr nachts von meinen Ausgängen zurückgekehrt. Jetzt aber blieb ich einfach bis zum anderen Morgen fort. Hatte der Bauer also geglaubt, ich würde nach meiner Heimkehr mehrere Stunden im schönsten Winterwetter auf der Hofstelle umherpatroullieren müssen, ehe sich die Stalltüren öffneten, so mußte er bald einsehen, daß er um diese heimliche Freude betrogen war. Ganz gemächlich kam ich des Morgens anspaziert, wenn die anderen schon munter waren, und der Bauer mußte sie obendrein noch wecken, was sonst ich besorgt hatte.

Bei dieser Gelegenheit bekam der Bauer allerdings Kenntnis von einer Unterlassungssünde, die ich mir hatte zu schulden kommen lassen, und die er bis dahin noch nicht gewahr worden war. Ich ließ nämlich unseren schulpflichtigen Kleinjungen, der nur zweimal in der Woche je einen halben Tag zur Schule zu gehen brauchte, des Morgens immer bis kurz vor der Frühkost im Bette liegen, weil es mich dauerte, daß solch 13jähriges Bürschchen mit uns anderen zusammen auch schon um 4 Uhr früh an die Arbeit sollte. Dem Jungen fielen schon immer des Abends vor Müdigkeit die Augen zu, wenn er seine paar Schularbeiten machte, und des Morgens taumelte er auch noch halb im Schlaf nach der Boos; was konnte er da viel leisten! Deswegen nahm ich mir als Großknecht einfach die Befugnis, ihn des Morgens noch anderthalb Stunden länger schlafen zu lassen, und weckte ihn immer erst, wenn die Essenszeit herangerückt war. Die übrigen Knechte waren ohne weiteres damit einverstanden gewesen. Jetzt aber, da der Bauer infolge seiner Ausgehschikane gegen mich mehrfach genötigt war, das Wecken der Leute selbst zu besorgen, fiel es ihm auf, daß er den Kleinjungen so schwer aus dem Bett bekommen konnte. Er fragte, wie das zuginge, und erhielt von dem Kleinknecht die Antwort, daß ich den Jungen die ganze Zeit über erst um 1/26 statt um 4 Uhr weckte.

Voller Grimm stellte mich der Gestrenge nun hierüber zur Rede, als ich an diesem Morgen von meinem Ausgange zurückkehrte und die Boos betrat. Wie ich dazu komme, mir solche Eigenmächtigkeit herauszunehmen, schnob er mich an; ich hätte ihn um die Arbeitsleistung des Jungen betrogen, das werde er mir anstreichen.[233] Ich suchte ihm nun zunächst klar zu machen, daß es eigentlich eine Quälerei sei, solch Kind schon so frühzeitig aus dem Bett zu jagen und erinnerte ihn an seine eigenen Kinder, die er doch auch nicht so früh aufstehen lasse, obwohl sie überhaupt nicht zu arbeiten brauchten. Da kam ich aber schön an. Wild wetterte er los: Das ginge mich gar nichts an, darüber hätte einzig und allein er selbst zu bestimmen. Wofür gäbe er dem Jungen denn Brot und Lohn, doch nicht damit er im Bett herumfaulenzen solle. Wir Schlag Leute seien nun einmal zur Arbeit geboren, das könne ich mir merken. Übrigens werde er den Schaden, den er durch das zu späte Aufstehen des Jungen gehabt habe, berechnen und mir denselben vom Lohn abziehen. Ob dieser Gemütsroheit des Bauern begann mir's nun doch zu kribbeln, und ich antwortete ihm kurz und bündig: Er könne mir, wenn es ihm Spaß mache, mit Respekt zu vermelden – – und damit zitierte ich auf gut Plattdeutsch den seligen Götz von Berlichingen.

Ich will gerne gestehen: besonders höflich war das von mir gerade nicht; doch ich wurde noch etwas unhöflicher. Zwar um die Zornkapriolen des Bauern und um sein Schimpfen und Brüllen hätte ich mich nicht weiter gekümmert, denn der Stall war ja sein Eigentum, da konnte er meinethalben toben, solange er Lust hatte. Doch als ich den Kühen das Kraftfutter vorgab, sah ich den Jungen dort weinen. Auf meine Frage erzählte er mir, daß der Bauer ihn heute Morgen, als er beim Wecken nicht gleich aus dem Bett gesprungen war, mit einem Stock geschlagen hatte. Der zweite und dritte Knecht hätten ihn zwar schützen wollen, doch habe ihm ihr Einspruch nichts genützt. Die beiden Knechte bestätigten mir die Mißhandlung des Knaben.

Nun begann mir's zu kochen. Im nächsten Augenblick stand ich auch schon vor dem Bauern und fragte ihn, weshalb er den Jungen geschlagen habe. Die Art, wie ich fragte, mußte ihm wohl gerade genug gesagt haben. Unwillkürlich wich er einige Schritte zurück und suchte in offensichtlicher Beklemmung nach Worten. Nur ein paar unartikulierte Laute brachte er heraus, da hatte ich ihn bereits bei der Kehle. Zehn Minuten später war mein Bauer kaum wieder zu erkennen. Der ganze Kerl sah aus, als sei[234] er frisch aus einem Misthaufen gezogen. Die weißen Hemdärmel, Hose, Gesicht und Haar waren über und über mit Jauche und Stallmist besudelt, seine Morgenlatschen hatte er verloren, und seine Strümpfe quutschten. So erhob er sich stöhnend aus der »Gööt« hinter den Mastochsen, in der ich ihn mehrmals gründlich umgekehrt hatte. Während der ganzen Prozedur konnte ich vor Wut nichts weiter sagen, wie: »Töw, du Burenlaps verdammter, dir will ick hölpen!« Ich glaube, ich hätte ihn auch vorläufig noch nicht wieder losgelassen, trotzdem ich mir die Haut von den Fingerknöcheln geschlagen hatte. Doch ein vertrakter Mastochse, dem die Wühlerei hinter sich wohl nicht länger gefallen mochte, ermahnte mich mit einem gutgemeinten Hufschlag daran, daß es nun Zeit sei, aufzuhören. Dennoch konnte ich nicht umhin, dem davonhinkenden Bauern mit einem abgebrochenen Forkenstiel noch ein paar Hiebe »zum Abgewöhnen« über das Kreuz zu ziehen. So hatte der Bauer also schon in aller Morgenfrühe auf den nüchternen Magen eine Reinigung erhalten, von der ihm in der Nacht wohl noch nichts geträumt haben mochte. Drinnen im Vorderhause blieb es seiner Frau nun überlassen, ihren geliebten »Gorg« zu bedauern und – abzuwaschen. Mit ein paar Kratzschrammen machte ich mich sodann an die Arbeit; unsere übrigen Leute aber freuten sich nicht wenig darüber, daß der grobklotzige Bauernprotz bei mir mal »an den Richtigen« gekommen war.

Zweifellos hätte mich Georg Breetfoot wegen dieses Vorfalls ohne weiteres entlassen können, denn diesmal war nicht er, sondern ich der Angreifer gewesen. Doch merkwürdigerweise tat er dies nicht. Auch Strafantrag stellte er nicht gegen mich, obwohl er zuerst damit drohte. Es war ihm wohl zu blamabel erschienen, als Bauer in der Rolle des Verprügelten vor Gericht hinzutreten. Auch entspricht es einer alten Landessitte in Dithmarschen, nicht gleich wegen einer Tracht Prügel zum Kadi zu laufen. Wenn man sich im Handgemenge Mann gegen Mann nicht wehren kann, ist man in der Regel mit seinem Schaden zufrieden und sagt am liebsten nichts davon. Weil aber die gutgenährten und von Arbeit nicht übermäßig geplagten Bauern im Durchschnitt[235] körperlich stärker sind, wie die meisten noch nicht im vollen Mannesalter stehenden Knechte, so gilt es für solchen 6 bis 7 Fuß-Bauern auch als doppelt blamabel, wenn er und nicht der Knecht vergerbt wird.

Hatte ich jedoch geglaubt, mein Bauer werde von jetzt ab andere Saiten aufziehen, so befand ich mich sehr im Irrtum. Einige Tage ging's zwar, aber dann war's wieder die alte Leier. Besonders übellaunig gebärdete er sich, als ich mir auch noch zu allem Überfluß bei der Arbeit die rechte Hand verstauchte. Fortwährend jammerte er: »Dar heww ick nu 'n Knecht, un arbeiden kann he ni; wat nützt mi 'n Knecht, wenn he ni arbeiden kann!« Mit mir, so meinte er, hätte er doch richtiges Malheur. Das schönste hierbei war aber, daß er jetzt selbst den Doktor spielte. Mit wichtiger Kennermiene befühlte er das geschwollene Handgelenk und drückte und knutschte daran herum, daß mir ganz blümerant wurde; dann holte er aus seinem »Medizinschrank« etwas zum Einreiben und etwas zum Schmieren. Das zum Einreiben hatten wir kurz zuvor bei einer lahmen Kuh gebraucht, und das zum Schmieren wendeten wir an, wenn ein Pferd die Mauke bekam.

Ich protestierte erst gegen diese Pferdekur; doch er war der Ansicht: Was einem Stück Vieh hilft, das müsse einem Menschen erst recht helfen – besonders wenn dieser Mensch ein Knecht ist, dachte ich. Überhaupt sei es ganz entschieden das beste, fügte er hinzu, wenn wir gleich beide Mittel auf einmal in Anwendung brächten, dann heile es doppelt schnell. Damit schmierte, rieb und pinselte er drauf los, als wolle er die verstauchte Hand schon in einer halben Stunde wieder ins Lot bringen. Ich glaube, hätte er noch ein Dutzend anderer solcher Heilmittel aus der Tierarznei zur Hand gehabt, er würde möglicherweise auch diese noch angewandt haben. Es fehlte nur, daß er mir noch Kolikpillen gab. Natürlich fühlte ich schon kurze Zeit nach dieser Einreibung ein scheußliches Brennen in dem verletzten Gelenk. Als es mir gar zu stark wurde, nahm ich zum Verdruß meines Wunderdoktors den Schmierverband schleunigst wieder ab; mir war's dabei, als wenn gleich das Fell dran hängen blieb. Nun kühlte und massierte ich[236] selbst, so gut es ging, und nach einigen Tagen konnte ich die Hand wieder gebrauchen. Den Erfolg schrieb der Bauer selbverständlich seiner Radikalkur zu; er ließ es sich auch nicht ausreden, sondern beharrte darauf, daß ich schon mindestens zwei Tage eher arbeitsfähig gewesen wäre, wenn ich die Pferde- und Rindviehmixturen weiter angewendet hätte.

Inzwischen versäumte er es nun nicht, sich zur Abwechselung weidlich mit den beiden anderen Knechten herumzuzanken; ja die bekamen jetzt noch mehr zu hören, wie ich. »De Grotknecht dögt all nix,« sagte er, »awer jem beiden dögt irst recht nix; keenen dörchkauten Prüntjer sünd jem wert!«

So ging es also immer lustig weiter. Um das Maß voll zu machen, ordnete er auch den übrigen an, jeder, der des Abends zu Dorfe gehe – ganz gleich ob Knecht oder Deern – solle spätestens punkt 10 Uhr wieder zu Hause sein; wer später käme, fände keinen Einlaß mehr und könne sehen, wo er die Nacht über bleibe. Auch gestattete er das Ausgehen nur noch einmal in der Woche. »Un dat befehl ick jem jetzt alltosam!« setzte er mit Nachdruck hinzu. Gelassen warf ich ihm die Bemerkung zu, daß er uns überhaupt nichts zu befehlen, sondern lediglich etwas anzuordnen habe, doch das überhörte er absichtlich. Zum Zeichen dafür, daß es ihm bitterster Ernst mit seinem Befehl sei, schloß er von nun an regelmäßig die Zwischentür zwischen Stall und Vorderhaus ab, und wenn er selbst ausgefahren war, so gab er den Schlüssel der Mamsell in Verwahrung, mit der strengen Weisung, keinen von uns nach 10 Uhr einzulassen.

Natürlich zeigten die anderen ebensowenig wie ich die geringste Lust, bei schlechter Kost und noch schlechterer Behandlung Tag ein und Tag aus, von morgens bis abends nur zu arbeiten, zu schuften und zu schinden, und dann auch noch nach Feierabend wie Strafgefangene hinter dem vergitterten Fenster zu hocken, bis wir schließlich gewissermaßen auf Kommando ins Bett kriechen sollten. Es war wahrhaftig schon schlimm genug, daß die Bäuerin uns immer nur so viel Petroleum verabfolgte, daß uns die Lampe bereits um 9 oder 1/210 Uhr vor der Nase ausging. Wenn uns da nicht einmal außerhalb der muffigen Bude ein wenig Abwechselung[237] gegönnt wurde: was hatten wir denn von unserem Leben? Gibt's nicht, sagte ich, wir werden ihn schon kurieren! Und damit war mein Plan auch schon fertig.

Sowenig uns unser Bauer nämlich das Ausgehen gönnte, so sehr liebte er es selbst. Jede Woche fuhr er mit seiner Frau mindestens einmal, häufig genug auch zwei- und dreimal zu anderen Bauern zur »Visite«, oder zu Veranstaltungen irgendwelcher Art nach Büsum oder Wesselburen. Die Visiten beruhten auf Gegenseitigkeit; es ging dabei reihum, je nach der Größe des Bekannten- oder Verwandtenkreises; ebenso kamen dann auch von Zeit zu Zeit eine Anzahl Bauern nach unserem Hofe zur Visite. Diese Gastereien dauerten gewöhnlich bis nach Mitternacht, ja nicht selten bis 1 oder 2 Uhr morgens. Für uns waren die Visiten mit nicht geringen Unannehmlichkeiten verknüpft. Wir Knechte mußten nämlich, da wir unmöglich bis zur Beendigung der Gasterei wach bleiben konnten, immer so lange mit unserem Zeug am Leibe im Bett liegen, bis es den Herrschaften wegzufahren oder umgekehrt unserem Bauern zurückzukommen beliebte; es war dann unseres Amtes, die Pferde an-oder auszuspannen.

Wieder fuhr nun unser Bauer eines schönen Tages davon; um zwei Uhr nachts kam er heim.

Diesmal legten wir uns jedoch nicht mit Zeug ins Bett, sondern zogen uns aus und schliefen wie die Murmeltiere. Wie gewöhnlich klopfte er ans Fenster und rief, wir sollten aufstehen und ausspannen. Keiner von uns rührte sich. Er klopfte stärker und rief all unsere Namen – keine Antwort. Nun fing er an zu fluchen wie ein Unteroffizier und schimpfte auf uns schwerhörige Gesellschaft, als wolle er die Bude ins Wanken bringen – niemand rührte sich. Da riß er ein Streichholz an und leuchtete ins Fenster – jawohl wir lagen im Bett. Noch einmal rief er meinen Namen, nein er brüllte ihn, so laut er konnte. Da endlich wende ich mich dem Fenster zu und frage so recht verschlafen: »Wer is da?«

Du lieber Himmel, ließ er da eine Litanei los. »Dammi, wat is dat vör'n Wirtschaft mit di verfluchten Kirl,« gröhlte er, »wullt du ni rut un utspannen?« Gemütlich rief ich ihm zu, ich hätte jetzt[238] keine Zeit, er solle sich seine Pferde nur getrost alleine ausspannen.

Einen Augenblick stand er da wie vor den Kopf geschlagen. So etwas war ihm doch noch nicht vorgekommen. Dann rief er die anderen Knechte; doch statt deren antwortete ich: »Giw dir man keen Möh, de kamt ok ni! Wenn du uns ni inlaten wullt, wenn wi utgaht – lat wi di ok ni in, wenn du utgeihst. Hest dat verstahn? Un nu seh to, wu du mit din Bück' klar warst.«

Was sollte er machen! Ewig konnte er da draußen – und noch dazu in dem Hundewetter, wie es gerade herrschte – doch nicht mit den Pferden stehen bleiben. Da ihm alles Fluchen und Toben nichts nützte, so mußte er sich wohl oder übel bequemen, selbst auszuspannen und die Tiere auf den Stall zu bringen. Zuvor machte er aber nochmals den Versuch, uns rauszulüften. Er war vorn durch die Haustür gegangen und rüttelte nun an unserer verriegelten Kammertür wie wild. Wenigstens solle der Junge herauskommen, verlangte er, wenn wir anderen zu faul und zu niederträchtig dazu seien. Ich bedeutete ihm jedoch in aller Entschiedenheit, daß auch der Junge nicht aufstehen werde. Im übrigen riet ich ihm dringend, uns jetzt endlich in Ruhe zu lassen, wenn er nicht noch mitten in der Nacht eine zünftige Wucht Prügel riskieren wolle. Mit den Worten: »Man is würklich ni mal mehr Herr in sin eegen Kate«, ging er darauf nach der Boos und besorgte die Pferde.

Als er eben damit fertig war, pflanzte er sich abermals vor unserer Kammertür auf und rief: ich solle herauskommen; er wolle mir sofort mein Geld geben und dann könne ich seinethalben noch sogleich in der Nacht meiner Wege gehen. Ich erwiderte ihm, das sei mir zwar sehr lieb zu hören, doch darüber könnten wir uns ja auch morgen früh unterhalten, jetzt hätte ich keine Sprechstunde mehr. Wie sich die anderen über diesen nächtlichen Zwischenfall freuten, kann sich jeder denken.

Kaum waren wir am Morgen in der Boos, da kam auch schon der Bauer zu uns. Das sei ja eine nette Wirtschaft, meinte er zu mir, so könne das unter keinen Umständen weitergehen. Es sei ja bald so weit gekommen, daß ich den Bauer spiele und er den Knecht.[239] Hier warf ich ein, wenn er so merkwürdige Begriffe von Bauerspielen habe, dann möge er meinetwegen die Rollen getrost als vertauscht betrachten; ich hätte nichts dagegen. Da platzte er mit einem Mal heraus: »Weeßt du wat? Ick heww mi de Saak öwerlegt; dat ward nix mehr mit uns. Um allens wat ik di bäden kann, Minsch – doh' mi den eenzigsten Gefallen, un mak dat du wegkummst! Du kannst jo 'n Peerd dotargern!«

Wer war froher wie ich. Mit Vergnügen willigte ich ein, doch – »wu steiht dat hiermit?« fragte ich, und machte eine unzweideutige Bewegung mit Daumen und Zeigefinger. »Ick gew di all wat dir hört,« sagte er darauf, »wenn ick di bloß irst glücklich los bün.«

Es dauerte auch gar nicht lange, da waren wir uns einig über den Lohn. Ich bekam 25 Taler ausbezahlt, und dann wünschte er mir mit beiden Händen Glück und Segen – nur wiederkommen sollte ich nicht.

Wohlgemut zog ich von dannen. Vierzehn Tage später folgte mir auch der zweite Knecht.

Quelle:
Rehbein, Franz: Das Leben eines Landarbeiters. Hamburg 1985, S. 209-240.
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Das Leben eines Landarbeiters
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