Im Tagelöhnerjoch

[240] Nach meinem Abgang von Poggensand trug ich, aufrichtig gestanden, kein Verlangen mehr darnach, mich fernerhin noch als Knecht zu vermieten. Lange genug hatte ich das gebundene Leben eines Gesindesklaven geführt; ich sehnte mich nach einem etwas besseren Arbeitsverhältnis, nach größerer Bewegungsfreiheit. Deshalb war ich mir schlüssig geworden, von jetzt ab zu – tagelöhnern.

Zwar, in manchen Stücken war man als Dienstknecht ja besser daran, wie als freier Arbeiter. Einmal brauchte man nicht mit Arbeitslosigkeit zu rechnen; dann steckte man die Füße unter anderer Leute Tisch, ist also keinen direkten Nahrungssorgen ausgesetzt. Doch ich stand jetzt im Alter von 25 Jahren, und da hatte ich das Abhängigkeitsverhältnis als Knecht nachgerade »dick« gekriegt. Mit zunehmender Reife wird das an sich schon recht drückende Gefühl, mindestens ein halbes Jahr auf ein und derselben Stelle aushalten zu müssen, immer unerträglicher. Man muß der Herrschaft sozusagen jederzeit hinten und vorn zur Verfügung stehen. Des Morgens ist der Knecht der erste aus dem Bett, und des Abends hat er am letzten Feierabend. Auch nach Beendigung der regulären Arbeitszeit, oder sogar zwischen ihr in den wenigen Pausen am Mittag, am Abend und nicht zuletzt am Sonntag, gibt es für ihn vielfach noch die verschiedensten Handreichungen und Kleinarbeiten zu tun, die einem Tagelöhner in der Regel gar nicht erst zugemutet werden, deren Verrichtung für den Knecht aber als eine Selbstverständlichkeit gilt. Hierzu kommt, daß der Knecht laut Gesindeordnung eigentlich so gut wie nichts verweigern darf, was ihm die Herrschaft aufzutragen beliebt. Selbst die Aufträge halbwüchsiger Söhne und Töchter des Dienstherrn hat er auszuführen.

Wohl gibt es, wie wir selbst es erlebten, vernünftige Landwirte, die in dem Knecht nicht nur den Knecht, sondern auch den Menschen und Mitarbeiter sehen und die die ihnen nach der Gesindeordnung[241] zustehenden Befugnisse gar nicht voll ausnutzen. In jedem Falle aber – mag man es nun mit einer guten oder einer schlechten Herrschaft zu tun haben – haftet für den, der älter und reifer wird, dem Gesindedienst, wie er jetzt in der Regel besteht, etwas Niederdrückendes, ja man kann sagen: ein Stück Sklaventum an, das auch durch eine verhältnismäßig anständige Behandlung niemals völlig aufgehoben wird. Es ist, als ob man stets in einer unsichtbaren Zwangsjacke stecke, die nur je nach dem Charakter der Dienstherrschaft bald straff, bald locker angezogen wird. Hat man daher erst das Mündigkeitsalter überschritten und die Kommißjahre hinter sich, dann bekommt man das »Dienen« nach und nach satt und zieht die Tagelohnsarbeit dem Gesindedienst vor. So auch ich.

Nun ist freilich auch zwischen Tagelöhner und Tagelöhner ein Unterschied. Im allgemeinen unterscheidet man in der Landwirtschaft zwei Gruppen: die Kontrakttagelöhner und die freien Tagelöhner. Die ersteren findet man fast ausschließlich auf den Gütern der Großgrundbesitzer, wie ich sie in Pommern und im östlichen Holstein, der sogenannten »Grafenecke«, kennen lernte. Auf den Gütern werden sie gebraucht, weil die Gutsbesitzer infolge der Größe ihres Besitzes außer dem häufig wechselnden Gesinde noch eines Stamms von Arbeitern benötigen, die, mit sämtlichen landwirtschaftlichen Arbeiten hinlänglich vertraut, ihnen ständig zur Verfügung stehen. Am besten können hierzu natürlich verheiratete Leute verwendet werden, weil diese seßhafter sind wie unverheiratete. Auch sind sie ungleich gefügiger, weil die Sorge um die Familie sie dazu drängt, sich nach einer Brotstelle umzusehen, die sie nicht in kurzen Fristen zu wechseln brauchen; denn einem Familienvater macht es kein Vergnügen, alle Naslang mit seinem bißchen Hausrat auf der Straße zu liegen und womöglich von Ort zu Ort zu ziehen, um Beschäftigung zu suchen. Wer es also nicht unbedingt muß, wechselt nicht. Dort aber, wo nicht die Gutswirtschaft, sondern der großbäuerliche Grundbesitz dominiert, wie in den Marschgegenden, gibt es überhaupt keine Kontrakttagelöhner. Sie sind hier überflüssig, denn selbst die Bauern, die ständig ein oder zwei Tagelöhner beschäftigen,[242] dringen nicht auf ein festes Verhältnis mit ihnen, weil doch hin und wieder Perioden eintreten, wo sie mit der Arbeit aussetzen müssen. Auch spielt hier der Volkscharakter stark hinein; in Dithmarschen hat es nie Leibeigenschaft gegeben, darum besteht seit je auf beiden Seiten eine Abneigung gegen kontraktliche Bindungen. Zudem lehrte die Erfahrung, daß jemand auch ohne langfristigen Kontrakt jahrelang auf einer Stelle arbeiten konnte.

Vor allem aber kommt in Betracht, daß infolge der modernisierten Betriebsweise die landwirtschaftliche Arbeit immer mehr Saisonarbeit wird, sich deshalb in allen bäuerlichen Mittelbetrieben die Nachfrage nach seßhaften Arbeitern stetig verringert. Früher gab es sowohl im Winter als auch im Sommer in der Landwirtschaft Arbeit genug, denn sämtliche Arbeiten mußten mit der Hand verrichtet werden. Den ganzen Winter über standen einige Tagelöhner auf der Dreschdiele und draschen das Korn mit dem Flegel aus. Diese Arbeit hat sich infolge der jetzt überall gebräuchlichen Dreschmaschine bis auf ein Minimum beschränkt. Nur um zur Reparatur des Strohdachs oder zu Pferdehäcksel ein geringes Quantum Glattstroh zu haben, lassen die Bauern noch hin und wieder einige Fuhren Garben für die Tagelöhner zum Ausdrusch mit dem Flegel sitzen, das übrige Korn wird samt und sonders schon im Herbst, spätestens aber im Vorwinter, in wenigen Tagen mit der Maschine abgedroschen. Ähnlich steht es mit den Meliorationsarbeiten, die infolge der fast überall sorgfältig durchgeführten Drainage wesentlich eingeschränkt sind. Ebenso macht die Mähmaschine viele Hände überflüssig, wo Bodenbeschaffenheit und Kornart dies nur immer gestatten. Doch nicht allein auf den Acker und den Drusch erstreckt sich die Anwendung der modern-rationellen Betriebsart, sondern auch auf den Stall. Ein einziger jugendlicher Knecht kann heute die doppelte Stückzahl Vieh abwarten, wie früher zwei Vollknechte oder Tagelöhner. Früher stand das Vieh meistens auf »Peddmeß«, das Abmisten geschah also nur von Zeit zu Zeit, vielleicht alle Wochen oder alle vierzehn Tage einmal und erforderte dann die Kräfte von erwachsenen Leuten. Heute dagegen steht das Vieh[243] auf Hochstall und wird zweimal täglich abgemistet, eine Arbeit, die auch von jüngeren Knechten ohne besondere Anstrengung verrichtet werden kann. Volle Arbeitskräfte erforderte früher auch das Tränken des Viehes, weil jedem einzelnen Tiere das Wasser in schweren Börneimern aus der »Graff« oder aus einer Bornschkuhle von draußen vorgetragen werden mußte. Jetzt aber befindet sich in jedem Stall eine Pumpe; häufig wird das Wasserpumpen sogar durch Pferdekraft besorgt, und vielfach sind auch Selbsttränkeapparate vorhanden, so daß gerade auf den größten Höfen das Viehtränken überhaupt keine Schwierigkeiten mehr macht. Ganz dasselbe ist schließlich auch beim Häckselschneiden der Fall. Die meisten Großbauern mußten früher während des Winters fast ständig einen vollkräftigen Mann beschäftigen, der weiter nichts tat, als auf der alten Hacklade das erforderliche Quantum Häcksel klein zu knuffen. Mit den heutigen Göpelmaschinen ist das Häckselschneiden ein Spielwerk geworden; es wird nur noch alle paar Tage im Nebenamt besorgt. So hat also – eine bekannte Geschichte – die Einführung von Maschinen eine förmliche Umwälzung auch in der Landwirtschaft herbeigeführt, die besonders für die seßhaften Arbeiter äußerst nachteilig wirkt. Ist im Frühjahr die Saat in der Erde, dann gibt's eine lose Zeit bis zur Heuernte. Ist das Heu geborgen, so haben die Tagelöhner wieder Ruhe bis zur Kornernte. Nach der Kornernte dauert es erst wieder eine gute Weile bis zu den Herbstarbeiten, und sind diese beendet, so macht der Bauer seine Tür zu. Der verheiratete Tagelöhner mag sehen, wie er durchkommt; mit ein paar jugendlichen Knechten läßt sich die Viehfütterung und die sonstige Winterarbeit meist mit Leichtigkeit bewältigen. Nur selten findet sich zwischen den Saat- und Ernteperioden noch etwas zu tun, wozu verheiratete Tagelöhner in größerer Zahl gebraucht würden.

Etwas anders verhält es sich dagegen mit den unverheirateten Tagelöhnern. Zwischen diesen und den verheirateten besteht ein ähnlicher Unterschied, wie zwischen den freien und kontraktlich gebundenen Tagelöhnern. Ein Unverheirateter hat ja nur für seine eigene Person zu sorgen. Ob er in seinem Stammdorf beschäftigt[244] wird, oder einige Meilen davon entfernt, das verschlägt ihm wenig; er kann sich die Arbeit aussuchen, kann ihr sozusagen nachlaufen, während der Verheiratete seiner Familie wegen mehr an den Ort gebunden ist. Weiter braucht der Unverheiratete auch bei der Festsetzung des Tagelohnes nicht auf den letzten höchsten Groschen zu sehen. Wenn es eben nicht anders ist, arbeitet er mal für ein paar Groschen billiger; die Kost bekommt er ja in der Regel zu, also verliert er nicht gar zu viel. Schon aus diesem Grunde nehmen die Bauern zu gewissen Zeiten lieber einen ledigen wie einen verheirateten Tagelöhner, wissen sie doch, daß sie – wenigstens in flauen Perioden – den Lohn des Ledigen »kneifen« können, was bei einem Verheirateten weniger gut möglich ist, weil sie selbst einsehen, daß ein Familienvater mit einem so erniedrigten Lohn beim besten Willen nicht auskommen könnte. Deshalb salvieren sie ihr Gewissen, indem sie in solcher Zeit einen Verheirateten – überhaupt nicht in Arbeit nehmen; niemand kann ihnen dann nachsagen, daß sie diesem einen Hungerlohn geboten hätten. Die ledigen Tagelöhner, soweit sie leidlich kräftige und arbeitskundige Leute sind, stehen sich denn auch von allen landwirtschaftlichen Arbeitern verhältnismäßig am besten. Mit der Gesindeordnung haben sie nichts zu tun, die ist für sie ausgeschaltet. Ihr Arbeitsvertrag mit dem Landwirt beruht auf freier Vereinbarung und gilt nur von Woche zu Woche, kann jedoch zur Not auch an jedem Tage der Woche gelöst werden; ebenso brauchen sie nicht oft mit Arbeitslosigkeit zu rechnen, wenn sie nicht gerade Dorfhocker sind.

Solch ein Tagelöhner war nun auch ich jetzt geworden.

Hier möchte ich indessen noch gleich einige Worte über die Arbeitsvermittlung mit einflechten. Da die Bauern fast durchweg zu stolz sind, sich ihre Leute selbst zu besorgen, so übertragen sie dieses Geschäft mit Vorliebe den Vermietern, den sogenannten Seelenverkäufern. Die Folge hiervon ist, daß sich auch die Leute, Gesinde sowohl wie Tagelöhner, an solche Vermieter wenden müssen, wenn sie Dienst nehmen oder Arbeit haben wollen. Eine Ausnahme wird nur dann gemacht, wenn ein Dienstbote für ein weiteres halbes Jahr auf seiner Stelle bleiben will, oder den[245] Bauern bekannte Tagelöhner in Frage kommen. Sonst hat sich dieses Geschäft geradezu zu einer regelrechten Börse, zu einem Markt entwickelt, wodurch der Arbeitsvermittlung in den Marschen ein ganz eigenartiges Gepräge aufgedrückt wird. Während die Gesindevermietung nur in zwei Hauptterminen, zum Frühjahr und zum Herbst vor sich geht, vollzieht sich das »Versagen« der Tagelöhner allwöchentlich, ja sogar zweimal in der Woche, und zwar auf dem sogenannten – Menschenmarkt.

In Wesselburen, dem Zentralflecken Norderdithmarschens, werden regelmäßig jeden Sonntag und Mittwoch derartige Menschenmärkte abgehalten; der Haupttag ist der Sonntag. Für Süddithmarschen bildet Marne den Zentralhandelspunkt für Menschenware; – dort findet der Markt am Montag statt. Weniger bedeutende Arbeitsmärkte gibt es zudem noch des Sonnabends in Heide, des Montags in Tönning und des Dienstags in Garding; sie fallen sonst überall mit den Wochenmärkten zusammen, ausgenommen der Sonntagsmarkt von Wesselburen, der ausschließlich den Charakter einer Arbeitsbörse trägt.

Auf diesen Menschenmärkten stehen nun die Arbeitsuchenden in zwanglosen Gruppen, je nach der Saison in größerer oder geringerer Zahl mit ihren Tagelöhnerpfeifen im Munde und warten der Dinge, die da kommen sollen. In der Zeit der Ernte, wenn auch von der Geest oder aus Mittelholstein, wohl auch gar aus dem Schleswigschen die Erntearbeiter in Scharen anrücken, steigt die Zahl der Arbeitsuchenden zeitweilig auf mehrere Tausende. Neulinge, die solch Schauspiel zum ersten Male sehen, wissen in der Tat gar nicht, was hier eigentlich los ist; sie können sich das bis dahin Ungewohnte kaum zusammenreimen, daß hier über die Arbeitskraft der Menschen regelrecht börsenmäßig gehandelt wird, wie man über den Wert von Nutztieren handelt. Doch es geschieht.

Bald wird es lebhafter in den einzelnen Gruppen; geschäftig laufen die »Seelenverkäufer« hin und her, auch einzelne Bauern sieht man in dem Gewirr. Die Mehrheit der Bauern hält sich aber vornehm zurück und beobachtet nur aus Türen und Fenstern der umliegenden Gasthäuser den Menschenhaufen, aus dem die Vermieter[246] mit kundigem Blick die benötigten Kräfte für ihre Auftraggeber herausholen. Nach etwa drei Stunden ist das Geschäft beendet, der Marktplatz leert sich zusehends. Entweder nehmen die Bauern ihre Leute gleich per Wagen mit nach dem Hofe, oder diese stellen sich, wenn sie ihre Bauern bereits kennen, am Sonntagabend, vielleicht auch erst am Montagmorgen auf der Arbeitsstelle ein. Wer keine Arbeit fand, wartet entweder bis zum nächsten Mittwoch, oder er fährt oder läuft zu den Montagsmärkten nach Marne oder Tönning.

Die Höhe des Tagelohnes richtet sich lediglich nach Angebot und Nachfrage, und gerade hierin liegt das Börsenmäßige dieser Art Arbeitsvermittlung. Je mehr »Hände« am Markt sind, die nach Arbeit verlangen, und je schwächer die Nachfrage nach solchen, desto geringer ist der Tagelohn; umgekehrt steigt der Lohn bei stärkerer Nachfrage und mäßigem Angebot. Mitunter wechselt die Lohnhöhe ganz überraschend schnell, je nachdem von Markt zu Markt die Zahl der Arbeitskräfte oder die Nachfrage nach solchen gestiegen oder gefallen ist. In den weniger hilden Perioden hält sich der Wochenlohn auf 9 bis 10 Mark mit Kost; im losen Vorsommer fällt er aber häufig bis auf 6 und 5 Mark, in der Winterzeit geht er überhaupt nicht über 5 Mark hinaus. In der Frühjahrssaatzeit und der Heuernte steigt er dann auf 1,80 bis 2,50 M. pro Tag und in der großen Ernte, der »Ahren«, erreicht er die Höhe von 3 bis 4 Mark täglich. Es kommt aber auch in der Ernte nicht selten vor, daß man bei plötzlichem Witterungswechsel froh sein muß, zu einem Tagelohn von 2 Mark Arbeit zu erhalten. Außer den Tagelöhnern werden auf diesen Märkten auch die Akkordlöhne für Kleiungs- und Grabenarbeiten, Mähen und Kornhauen und ähnliches festgesetzt.

Ob nun der einzelne Tagelöhner immer regelmäßig Beschäftigung findet, hängt – wenigstens in den leeren Perioden – zum guten Teil davon ab, wie er mit den Vermietern »bekannt« ist. Auch hier gilt der Grundsatz: Wer gut schmert, der gut fährt. Soweit die Vermieter Krugwirte sind, berücksichtigen sie bei der Arbeitsvermittlung in erster Linie die, die am meisten bei ihnen verzehren. Die anderen »Seelenverkäufer« begnügen sich mit dem[247] baren Mietsgroschen, der um so wirksamer wird, je besser er nach oben abgerundet wird.

In der Erntezeit sind die Menschenmärkte, außer von den wirklichen Landarbeitern, auch noch von einer anderen Spezies von Arbeitern besiedelt, den sogenannten »Monarchen«. Es sind dies vorwiegend wandernde Handwerksburschen oder Gelegenheitsarbeiter, die im Sommer als Arbeitslose die Landstraße bevölkern, und die nun die Erntezeit benutzen, um sich einige Groschen zu verdienen und neue Arbeitspapiere zu besorgen. Für gewöhnlich sind sie zur Landarbeit nicht zu gebrauchen, denn genau so wie das Handwerk will auch die Landarbeit erlernt sein; doch in der Erntezeit können sie immerhin beim Zureichen der Garben oder bei der Dreschmaschine Verwendung finden. Der Zustrom dieser »Monarchen« ist in manchen Jahren außerordentlich stark. Aus ganz Schleswig-Holstein ziehen sie sich um diese Zeit nach der Marsch; es wird auch schon in allen Herbergen weit und breit darauf hingewiesen, daß zur Ernte die Marsch das Land ist, wo »Milch und Mehlbüdel« fließt. Da gibt es dann manchen unter ihnen, dem es an der Wiege nicht gesungen war, daß er, als gelernter Schlosser, Schlächter oder Bäcker, als Maler, Mechaniker oder Buchdrucker, noch einmal die »Monarchenkarriere« bei der Dreschmaschine werde einschlagen müssen, um nach langer Arbeitslosigkeit endlich wieder wenigstens einigermaßen aus dem Dalles herauszukommen. Für uns Landarbeiter wurden diese Zugvögel am interessantesten, wenn sie – was öfters vorkam – regelrechte »Monarchenstreiks« inszenierten. Was wir als Landarbeiter auf Grund der Gesetze nicht tun durften – nämlich streiken – das taten die »Monarchen« frei und ungehindert, zu unserer heimlichen Freude und zum schweren Verdruß der Bauern. Wohl oder übel mußten die Bauern dann manchmal beim Einfahren nicht nur für die »Monarchen«, sondern auch für uns den Lohn auf einige Tage erhöhen.

Nachdem ich meine Großknechtstätigkeit bei Georg Breetfoot in Poggensand eingestellt hatte, erhielt ich auf einem anderen Hofe desselben Kirchspiels Arbeit als Tagelöhner. Als lediger Mann brauchte ich um Arbeit nicht besorgt zu sein. Es war sogar[248] zu erwarten, daß ich im Winter noch erheblich höher kam, wie auf die 34 Taler, die ich auf Poggensand erhalten sollte.

Ohne Unterbrechung arbeitete ich denn auch bis zur Beendigung der Saatzeit hier in der Marsch. Als der Tagelohn dann wegen der kommenden losen Periode erheblich fiel, ging ich nach der Geest und nahm dort Arbeit beim Torfhacken an; von dort versagte ich mich nach dem Eiderstädtischen zum Grasmähen. Alle diese Arbeiten sind gewiß nicht leicht; man muß seine Knochen ganz gehörig gebrauchen können, wenn man einen guten Tagelohn herausholen will. Wird die Arbeit, was meistens geschieht, in Akkord verrichtet, – im Torfmoor nach Tausend Soden und beim Mähen nach Morgen oder Demat – dann fängt man mit seinen Kollegen schon um zwei Uhr morgens an; in der heißen Tageszeit macht man lieber drei Stunden Mittag, weil die brennende Mittagshitze gerade im Moor sehr erschlafft, und auf der Grasfenne infolge der Trockenheit die Sense schlechter schneidet wie am Morgen und Abend. Aber selbst schon am frühen kühlen Morgen perlt und rinnt einem der Schweiß bald aus allen Poren am Körper hinab.

Wenn Sommerfrischler oder sonst Leute, die es »nicht mehr nötig« haben, schon eine Art Glanzleistung zu vollführen meinen, indem sie gelegentlich mal um 4 Uhr früh aufstehen und spazieren gehen, dann hat der Moorbuddler oder Mäher schon längst den Buckel naß gehabt. Unter 14 Stunden darf man es in jener Zeit eben nicht tun, sonst wird man überhaupt nicht als vollwertiger Arbeiter angesehen, und dann – muß es auch »was schaffen«.

Allerdings, die Zeit, die ich als freier lediger Tagelöhner so recht nach Kräften auszunutzen gedachte, um noch vor meiner beabsichtigten Verheiratung ein kleines Sümmchen beiseite zu legen, sollte nicht gar zu lange mehr andauern. Meine Deern hatte mir nämlich ganz geheimnisvoll bedeutet, daß wir nun wohl bald würden heiraten – müssen. Da gab's keine aufschiebende Wirkung. Zum Herbst hatte die »Jung-Kirls«-Herrlichkeit ein Ende. Doch was verschlug's: war's nicht schon hundert und tausend anderen so gegangen? Sie alle mußten ja sehen, wie sie[249] durchkamen, und sie kamen alle durch, wenn auch mitunter 'n bißchen schräg. Wofür hatte ich meine gesunden Knochen? Wofür hatte ich arbeiten gelernt? Da sollte ich Weib und Kind nicht durchbringen können? Genau so gut wie all die anderen armen Teufel, die hier als Tagelöhner ihr Dasein fristeten? Verwöhnt waren wir beide nicht, ich nicht und mein Mädchen auch nicht; übrigens hatten wir auch nie im Traume daran gedacht, daß uns je etwas anderes beschieden sein könne, als das gewöhnliche Tagelöhnerlos. Wir kannten nichts anderes vom Leben wie Arbeit – und erwarteten auch nichts anderes davon. Wenn wir uns nur satt essen konnten bei unserer Hände Arbeit, mehr wollten wir gar nicht, denn mehr hatten die anderen auch nicht.

Im Sommer verheirateten wir uns. Mit meiner Braut war ich schon vorher einig geworden, daß sie als Frau noch so lange dienen sollte, wie es ihr Zustand gestatten würde, und ich wollte dann als »lediger Verheirateter« ebenfalls so lange umherarbeiten, bis wir zum Herbst zusammenziehen konnten. In dieser Praxis lag durchaus nichts Ungewöhnliches, denn ähnlich so wurde es von vielen jungen Leuten gehalten, die ebenfalls heiraten »mußten«.

Viel Plage verursachten uns die Anstalten zu unserer Hochzeit nicht. Ich setzte die Arbeit für den Tag aus, ebenso nahm sich meine Braut von ihrem Bauern den benötigten Urlaub. Zwei Tagelöhner aus unserem Bekanntenkreise begleiteten uns zu den Trauungszeremonien – und dann waren wir verheiratet. Nach beendeter Trauung meinte der eine Tagelöhner in einer Art philosophischer Anwandlung zu uns: »Sühst du, nu geiht jem dat so, as uns Schlag Lüd dat alle geiht, wenn wi unsre Plünnen tosam schmit; bi uns heet dat man bloß: He hett 'n Fru, se hett 'n Mann – un uns Herrgott hett 'n par arme Lüd!«

Am nächsten Mittag waren wir schon wieder an der Arbeit.

Darnach arbeitete ich zunächst mehrere Wochen beim Bau eines Sommerdeiches, der zum Schutz eines Stückes Vorland am Außenkoog errichtet wurde. Dann kam die Ernte. Wegen der schleppenden Reife des Kornes und des starken Angebots von Arbeitskräften sanken die Löhne für Hauen und Binden fast bis[250] auf die Hälfte der sonst gewohnten Akkordpreise herab. Infolgedessen erzielte auch ich nur einen mäßigen Ernteverdienst, was um so unangenehmer war, da ich gerade aus dieser Ernte noch ein schön Stückchen Geld herauszuholen gehofft hatte, um unser Nest zum Herbst nicht gar zu armselig einrichten zu müssen. Als aber die Ernte kaum halbwegs beendet war, bekam ich gar noch unerwartet mit dem Bauern meiner Frau einen bitterernsten Aufzug, der zur ebenso plötzlichen wie gewaltsamen Lösung auch ihres Dienstverhältnisses führte.

Bis dahin hatte meine Frau auf dieser Stelle noch nie über unziemende Behandlung zu klagen gehabt. Sie versah ihre Arbeit, wie es sich gehörte und ließ sich nichts zu schulden kommen. Dies war von dem Bauern und dessen Frau auch stets anerkannt worden. In letzter Zeit aber wurden ihr wie begreiflich infolge ihres Zustandes verschiedene Arbeiten schon etwas schwer; so vermochte sie die großen vollen Milcheimer nicht mehr alleine von der Weide zurückzutragen. Dies gab der Bäuerin nun zu allerhand offenen oder versteckten Vorwürfen und hämischen Bemerkungen gegen sie Veranlassung. Nun wäre es ja das gute Recht der Bäuerin gewesen, meine Frau unter Zahlung des verdienten Lohnes aus dem Dienst zu entlassen, denn an ein Ausdienen ihrerseits war sowieso nicht mehr zu denken, und eine andere Dienstmagd wäre schließlich auch zu beschaffen gewesen. Statt dessen aber schalt und zankte sie bei jeder Gelegenheit auf meiner Frau herum und machte ihr dadurch das Leben in niederträchtigster Art sauer.

Als ich von dem schikanösen Verhalten der Bäuerin erfuhr, stellte ich natürlich deswegen den Bauern zur Rede und sagte ihm, daß, wenn auf meine Frau nicht die gebührende menschliche Rücksicht genommen würde, ich ihr sofortiges Verlassen des Dienstes verlangen müsse; unter keinen Umständen werde ich es dulden, daß man sie durch Scheltworte oder Überanspannung ihrer Kräfte quäle. Das war dem hochmögenden Marschbauern zu viel. Wie, ich wolle ihm in seinem eigenen Hause Vorhaltungen machen? Er werde selbst wissen, wie er »so 'ne Deenstdeern« zu behandeln habe, und wenn sie auch zehnmal meine Frau sei.[251] Sie habe ihren Dienst zu tun, so wie es von ihr gefordert werde, und erst dann, wenn es ihm nicht mehr passe, könne sie sich seinethalben von der Hofstelle scheren. In dieser Art schimpfte er sich in Wut. Ich blieb selbstverständlich die Antwort nicht schuldig, und ehe ich's mir versah, waren wir beide handgemein geworden. Auf dem schön durchweichten Hofplatz legten wir uns dann gegenseitig gründlich den Kalender aus. Das Ende vom Liede war, daß meine Frau sofort den Dienst verließ und mir der Bauer, zwar mit etwas verschwollenem Gesicht aber sonst ganz bereitwillig, den Lohn für sie auszahlte.

Am 1. Oktober warfen wir dann endgültig »unsre Plünnen tosam«. Schon vorher hatte ich uns eine Dorfwohnung gemietet für eine Jahresheuer von 60 Mark. Die Kate gehörte einem Häusler, der das vordere Ende selbst bewohnte und die kleine Hinterwohnung vermietete.

Das Haus war schon recht alt und baufällig; an der einen Seite mußten sogar schon Stützen angebracht werden, damit der Winddruck nicht etwa einen plötzlichen Einsturz herbeiführte. Wir hatten selbstverständlich nur eine Stube, so lang wie eine Gefängniszelle und nicht ganz doppelt so breit, jedoch bei weitem nicht so hoch; ich konnte bequem an die Bretterdecke langen und brauchte dabei noch gar nicht einmal den Arm völlig auszustrecken. Nun, das reichte trotzdem einstweilen für uns beide; viel größer waren die Tagelöhnerwohnungen ja allgemein nicht, und dann – kostete eine kleine Wohnung im Winter auch nicht so viel Feuerung. Die Feuerung aber war in ganz Dithmarschen außerordentlich teuer; denn Holz und Torf gibt es dort nicht, die müssen vielmehr von der Geest hergeholt werden; sonst brennt man Steinkohlen.

Außer der Stube gehörte zu der Wohnung noch ein kleiner steingedielter Vorraum mit einem Herdloch und etwas Bodenplatz; auch ein Fleckchen Gartenland für ein paar Gemüsebeete hatte uns der Häusler abgetreten. Einen Stall gab es nicht; wer sich von den Heuersleuten ein Schwein oder eine Ziege halten wollte, der mußte sich selbst auf seinem Gartenfleck einen kleinen Bretterstall aufschlagen; vorerst bedurfte ich dessen jedoch nicht, denn[252] über Winter kann man doch kein Schwein durchfüttern, und bis zum nächsten Sommer war's noch lange Zeit.

Natürlich suchten wir jungen Leute uns unsere Bude so wohnlich wie möglich einzurichten. Doch merkwürdig, sowenig in den kleinen Raum an sich auch hineinging, er wollte trotz allen Anschaffens doch nicht voll werden. Immer fehlte noch etwas, was notwendig gebraucht wurde, und immer sah es noch herzlich kahl aus in Stube und Vordiele. Ich hätte nicht geglaubt, was alles dazu gehört, um solche ganz ordinäre Tagelöhnerwohnung voll zu machen. Unsere Ersparnisse schmolzen bei der Anschaffung des Hausrats denn auch zusammen, wie der Schnee vor der Sonne. Endlich hatte ich an alten und neuen Möbelstücken, an Küchengeschirr und Arbeitsgerät das Notwendigste »up 'n Dutt«; einige Zentner Kartoffeln lagen sorgfältig mit Stroh bedeckt unter der schon ein wenig morschen Bettlade, und ein Quantum Feuerungsmaterial schien uns wenigstens bis Weihnachten hin die Annehmlichkeiten einer warmen Stube zu sichern.

Inzwischen kehrte der Storch bei uns ein. Es war ein kräftiges Kerlchen, das meine Frau jetzt auf dem Schoße wiegte, d.h. tatsächlich nur auf dem Schoße, denn in Ermangelung einer Wiege packten wir den kleinen Mann für gewöhnlich in einen Waschkorb, den wir auf zwei Stühle stellten.

Bald kam der Winter, scharf und strenge.

Waren die Wände meiner Wohnung bis dahin nur feucht gewesen, so glitzerte jetzt an den Windseiten das blanke Eis daran, und wenn der Nordweststurm heulte, so flogen die Kattunvorhänge an den Fenstern hin und her. An der einen Wandseite hatten sich zu allem Überfluß einige Mauersteine gelockert, so daß die scharfe Zugluft von draußen eisig durch den Raum strich. Um aber das Maß vollzumachen, riß der Sturm auch noch ein großes Loch in das schadhafte Strohdach und in kurzer Zeit war der Boden voller Schnee geweht. Da mußte ich denn an der alten Kate über Weihnachten herumdoktern, so gut es gehen wollte. Der Häusler half mit, das Dach zurechtzuflicken, und Fugen und Mauerrisse stopfte ich zu mit allem, dessen ich habhaft werden[253] konnte, mit Lappen, Werg und Stroh, um nur die grimme Kälte fernzuhalten. Dennoch konnten wir das Stübchen kaum warm bekommen. Gewöhnlich saßen wir dicht an dem kleinen eisernen Ofen, dabei war es uns dann immer, als wenn die eine Körperseite schwitzte und an der anderen Eiszapfen wuchsen. Meine Frau hatte genug aufzupassen, um nur unser Kind vor Frost zu schützen.

Zudem nahm die winterliche Arbeitslosigkeit einen immer größeren Umfang an. Jetzt erst lernte ich erkennen, was es heißt, als ein »freier« und verheirateter Tagelöhner sich in der »gesegneten Marsch« durchbeißen zu müssen.

Kein Bauer hatte mehr etwas für uns Tagelöhner zu tun. Auf den Höfen regte sich nichts. Das Korn war mit der Maschine ausgedroschen; zu kleien gab's ebenfalls nichts; und das übrige wurde mit ein paar Knechten und Jungens besorgt. Da saßen wir Tagelöhner nun und guckten zum Fenster hinaus. Mich beschlich allmählich ein Gefühl unruhiger Mißmutigkeit, das von Tag zu Tag peinigender wurde, je länger ich herumbummeln mußte. Ein paar Tage und schließlich auch ein paar Wochen hält man es ja in der Stube aus; da läuft einer zum andern, man klöhnt oder spielt Schafskopf und hofft auf einen baldigen Umschlag. Wenn man jedoch an regelmäßige Arbeit gewöhnt ist und die Arbeitslosigkeit gar nicht wieder abreißen will, dann wird's einem in den vier Pfählen verdammt ungemütlich. Teufel, ist das ein Gefühl, jung, kräftig und arbeitslos in der Kate zu sitzen, wo man doch so gerne arbeiten möchte! Man schämt sich förmlich, sich noch auf der Straße sehen zu lassen.

Es ist, als grinste einen jeder Strauch und jeder Misthaufen schadenfroh an. Dabei schrumpfen die paar Spargroschen immer mehr zusammen; man kann sich schon an den Fingern abzählen, wann der letzte Taler angerissen werden muß; und was dann? Ach wie hübsch voll und schwer kommt einem solch Taler vor, wenn man ihn verdient hat, und wie leicht wird er, wenn man ihn ausgeben muß!

Mit verhaltenem Grimm sieht man dann auf die gewichtigen Bauern, die unbekümmert um die steigende Not der Tagelöhner[254] zu ihren »Visiten« oder Vergnügungen fahren. Den dampfenden Pferden kann man vor Fett keine Rippe auf dem Leibe zählen, während man selbst den Leibriemen von Tag zu Tag enger schnallt. Merkwürdige Gedanken beschleichen einen dann. Da sitzt man als armer Schlucker und will gerne arbeiten; diejenigen aber, für die man sich im Sommer für geringen Lohn abschindet, zucken jetzt gleichmütig die breiten Achseln – was können sie dafür, daß sie keine Arbeiter gebrauchen können?

Viele Tagelöhner begannen sich schon in Schulden zu zehren; sie holten bei den Dorfhökern zu Borg, oder ließen sich von bekannten Bauern einen kleinen Barvorschuß geben, den sie im Sommer wieder abarbeiten wollten. Dies geht bei den meisten übrigens jeden Winter so, und nicht wenige – besonders die mit starker Familie – mußten womöglich gar den ganzen Sommer über krebsen, damit sie nur die Schulden vom vorigen Winter los wurden; kam dann der neue Winter, so waren sie bald wieder blank, und die Borgwirtschaft ging von vorn los. Wer aber gar nichts mehr geborgt bekam, dem blieb nichts weiter übrig, als sich an die Armenkasse des Kirchspiels zu wenden; ja es war sogar durchaus nichts Seltenes, daß die Tagelöhnerkinder mit dem Bettelkorb von Hof zu Hof geschickt wurden.

Nachgerade wurde mir der durch die Arbeitslosigkeit geschaffene Zustand unerträglich. Sollte ich etwa auch schon anfangen, mich in Schulden zu setzen? Lieber wollte ich mich eine Zeitlang von Weib und Kind trennen und zusehen, ob ich vielleicht auswärts Arbeit bekäme. Mit noch einigen anderen Tagelöhnern wanderte ich deshalb die acht Stunden Wegs nach dem damals im Bau befindlichen Nord-Ostseekanal und wurde dort auch als Erdarbeiter eingestellt. Hier blieb ich bis zum Frühjahr, von wo ab es dann wieder bei den Landwirten der Marsch etwas zu tun gab. Doch schon im Vorsommer setzte abermals eine Periode der Arbeitslosigkeit ein, so daß ich es vorzog, bis zur Ernte auf einer Ziegelei Arbeit zu nehmen. Dort war ich beim »Ausrüsten« beschäftigt, zu einem Wochenlohn von 20 Mark. Die Arbeitszeit währte dafür aber auch von morgens 4 bis abends 8 Uhr mit einer Gesamtpause von 2 Stunden, also 14 Stunden täglich.[255] Von hier ging ich nur über Sonntag nach Hause. Die Woche über aß ich mit den im Betriebe tätigen Lippeschen Zieglern zusammen in der »Kommunje«, d.h. jeden Tag, den Gott werden ließ: Erbsen, und immer wieder Erbsen! Noch heute wird mir's ganz erbsig im Magen, wenn ich nur daran zurückdenke.

Für die Zeit der Ernte hatte mich mein früherer Bauer »Peiter Pink« schon einige Wochen vorher angenommen. Meine Frau half mir dort treulich mit. Bis dahin wollte ich immer nicht, daß sie mitarbeiten sollte, denn es widerstrebte mir, sie ebenfalls mit ins Joch zu spannen; meiner Ansicht nach mußte der Mann allein so viel verdienen können, wie zum Lebensunterhalt der Familie notwendig war, besonders wo es sich bei uns erst um eine kleine Familie handelte. Doch mein Weibchen meinte, man könne nicht wissen, wie es wieder zum Winter werde; sie ließ es sich nicht nehmen, während der Ernte mitzuschaffen. Unsern Jungen fuhren wir in einem für alt gekauften Kinderwagen mit aufs Feld, dort wurde er hinter den Hocken gepackt, und dann konnte er schlafen, spielen oder schreien, solange er Lust hatte; er mußte es beizeiten anwerden, daß er nur ein Tagelöhnerkind war.

Bald klangen die Sichten im Korn, die Halme fielen. Mit meinem Schwager war ich gemeinsam beim Hauen tätig, meine Frau band hinter uns beiden die Garben. Soweit das Auge reichte, überall dasselbe Bild: Kornfeld an Kornfeld, und darauf in emsiger Tätigkeit Männer, Frauen und Kinder; die Männer nur in Hemd und Hose, die Frauen hochgeschürzt, den schattenden Sonnenhut in den Nacken gedrückt. Alles rührt fleißig die Hände, denn aus der Erntearbeit soll der Hauptverdienst des ganzen Jahres kommen. Reift das Korn schnell nacheinander, so erreicht der Hauerlohn eine annehmbare Höhe, mitunter bis zu 20 und 25 Mark für den Dithmarscher Morgen. Der Binderlohn beträgt die Hälfte, da ein Binder so viel aufbinden und in Hocken setzen soll, wie zwei Hauer abhauen. Da auf den Hauer durchschnittlich zwei bis zweieinhalb Morgen, und auf den Binder das Doppelte dieser Morgenzahl pro Woche gerechnet werden, so können es Mann und Frau in der Erntezeit unter Umständen tatsächlich auf ein paar Hundert Mark Verdienst bringen, zumal unter[256] dem Druck der Akkordarbeit. Reifen die verschiedenen Kornarten aber langsam hintereinander, so daß hinter der einzelnen Frucht noch womöglich Tage des Aussetzens zu erwarten sind, so gibt es nicht selten nur 16, 14, ja selbst nur 12 Mark Hauerlohn pro Morgen und die Hälfte fürs Binden. Trotz äußerster Anspannung der Arbeitskraft ist es dann nicht möglich, einen nennenswerten Extragroschen zusammenzubringen, und manche Tagelöhnerfamilie sieht schon von da an dem kommenden Winter mit vermehrter Sorge entgegen. Daher deucht einem die Erntezeit auch immer viel zu kurz; kaum daß sie begonnen, ist sie auch schon wieder zu Ende. Solange die Ernte aber währt, kennt der Tagelöhner nur einen Grundsatz: schaffen, schuften und schinden. Hier wird das Wort zur Wirklichkeit: Akkordarbeit ist Mordarbeit! Die Selbstantreiberei geht dann so weit, daß man dem Tag nicht 24, sondern am liebsten 48 Stunden lang wünschen möchte.

Schon um 3 Uhr morgens ging ich von zu Hause fort; nach einem halbstündigen Fußmarsch war ich auf dem Felde. Etwa um 6 Uhr wurde das erste Frühstück gegessen, das meine Frau inzwischen nachgebracht hatte. Wir arbeiteten nämlich auf eigene Kost, wie dies die meisten Tagelöhner tun, die ihre Angehörigen zur Arbeit mitnehmen. Es gibt dann auf den Morgen Acker ein paar Mark mehr, und da für die Familie doch sowieso gekocht werden muß, so nimmt man als verheirateter Mann schon lieber das Bargeld als die Kost vom Bauern.

Ist es gutes Wetter, so schafft die Arbeit. Zwar bis gegen 8 oder 9 Uhr vormittags sind dem Hauer fast regelmäßig die Knie vom Tau durchnäßt; dann aber geht es flotter weg. Ungleich schlimmer aber ist der Binder daran, denn die tauigen Garben durchnässen ihm beim Zusammenschnüren die Kleider auf der ganzen Vorderseite. Besonders leiden beim Binden die Hände; in der Taunässe werden sie weich und empfindlich, sie sehen aus wie die Hände einer Waschfrau, die den ganzen Tag im Wasser kladdern muß. Die Nägel arbeiten sich dann ab und verursachen Schmerz, und die Fingerspitzen werden »durchgegriffen«; oftmals verletzt man sich die Hände an den scharfen Stoppeln oder schneidet sich[257] an flachgedrückten Halmen die Finger entzwei. Sobald der Tau aber abgetrocknet ist, werden die Disteln »krall«, und je höher die Sonne steigt, desto schärfer stechen sie. In den ersten Tagen brennen dem Binder die Hände oft dermaßen, daß er sie kaum zu lassen weiß, erst hernach wenn sie ganz voller Disteln und kleiner Stoppelwunden sitzen, stumpft sich das Gefühl mehr und mehr ab. Wie manchesmal habe ich da im Stillen meine Frau bedauert. Doch was half's; auf dem Lande darf man nicht empfindlich sein, sonst verdient man nichts, und – die Erntewochen müssen wahrgenommen werden.

Eines der unangenehmsten Dinge in der Ernte sind die Regentage. Dann kommt man und kommt mit der Arbeit nicht vorwärts, so gerne man auch will. Solange es nur fein herniederrieselt, geht's noch, man fragt nicht viel darnach; regnet es aber Strippen, oder gießt ein Gewitterschauer herunter, so daß man bald keinen trockenen Faden mehr an sich hat, dann muß man doch die Arbeit unterbrechen. Dann sitzt man da hinter den Hocken in nassen Kleidern und lauert, daß es sich aufhellen soll, kaum aber ist eine Flage vorüber, so kommt eine neue, womöglich noch stärkere. Den Körper durchschüttelt ein unbehagliches Gefühl; halb schwitzt man, halb friert man. Scheint dann endlich die Sonne wieder, so heißt es mit verdoppelter Anspannung ans Werk gehen; denn das Versäumte muß soweit wie möglich eingeholt werden. Knapp gönnt man sich die Zeit zum Essen. Mit vermehrter Wucht schwingt der Arm die scharfe Sichte; Schwad legt sich an Schwad, betropft vom Schweiß des Schaffenden. Garbe um Garbe schnürt die Binderin mit flinker Hand, kaum daß sie sich aufrichtet, um einen tieferen Atemzug zu tun. Und wie oft muß die Sichte fallen, und wieviel Garben sind zu binden, ehe ein Morgen Land in Hocken steht!

Endlich spät, spät abends, wenn die ermüdenden Glieder schon fast den Dienst versagen, wird das Tagewerk beendet. Längst ist die Sonne untergegangen und nebeliges Abenddunkel lagert über den Feldern, dann erst wird Feierabend gemacht. Die Natur verlangt schließlich ihr Recht, der Körper muß neue Kräfte sammeln. Etwa eine Stunde bevor wir Mannsleute mit der Arbeit[258] aufhielten, trat meine Frau mit ihrem Kinderwagen den Heimweg an, um das Essen gar zu haben, wenn ich um 9 oder 10 Uhr nach Hause kam. Öfters arbeitete ich allerdings auch die ganze Nacht hindurch, nur daß ich eine oder zwei Stunden im Hocken ruhte. Denn da es in der Regel – besonders bei schwerem Korn – die Kraft einer Frau übersteigt, so viel hochzustellen wie zwei Hauer niederlegen können, so hockte ich nach meinem eigentlichen Feierabend noch immer die Garben auf, die meine Frau nicht zu bewältigen vermochte, und nach Regentagen mußte ich dann zuweilen eine Nacht mit zu Hilfe nehmen, um tagsüber mit meinem Nebenmann, dessen Frau krankheitshalber nicht mittun konnte, in gleichem Zug zu bleiben.

Das Einfahren wurde dann im Tagelohn verrichtet, wobei es auch die Kost auf dem Hofe gab. Alles was an Wagen und Gespannen vorhanden war, wurde in Stand gesetzt, um den Erntesegen unter Dach und Fach zu bringen, und dann hieß es auch da: was hast du, was kannst du? Mit Bienenfleiß wird Wagen auf Wagen beladen und entladen, und mit voller Fuhre geht es im scharfen Trab, damit keine unnützen Pausen entstehen. Die Pferde werden jetzt nicht geschont, und die Menschen schonen sich von selber nicht; wissen sie doch, was unter Umständen von ihrem Fleiß und ihrer Ausdauer abhängt. Kommt gar der Landwirt und sagt: »Lud', dat Wedderglas is fullen, de Regen hangt uns bövern Kopp«, dann wird kaum mehr ein Wort während der Arbeit gesprochen. In der Scheune hört man nur noch das tickende Aufklappen der Forken und das keuchende Atmen der Abstaker und Zuschmeißer. Kaum ist der entladene Wagen von der Diele geschoben, so rollt auch schon ein neuer, voller herein, denn auch auf dem Felde tun Aufstaker und Lader, was sie können, um Acker auf Acker zu räumen. So geht's, mitunter bis in die sinkende Nacht. Ach, nach solchem Tage, aus dem häufig genug anderthalbe werden, fühlt man des Abends seine Glieder; man weiß, was man getan hat. Meine Frau wurde danach öfters derartig von Müdigkeit übermannt, daß ihr die Augen zufielen, wenn sie unserem Kinde die Brust gab.

Einen Trost nach so viel anstrengender Arbeit gewährte uns jedoch[259] die Auszahlung unseres gemeinsamen Ernteverdienstes. Mit einer gewissen Befriedigung drückten wir die schönen harten Taler in der Tasche, als wir nach erfolgter Ablohnung unserem Hüttchen zustrebten, an den Stoppelfeldern vorüber, auf denen wir so manchen Schweißtropfen vergossen hatten.

Gleich nach den Haupterntewochen nahm ich Arbeit bei der Dreschmaschine an. Zwar drückt man sich, als verheirateter Tagelöhner, sonst herzlich gern von dieser Arbeit; doch da nach der Ernte der Tagelohn sofort wieder ganz rapide fällt, zog ich es vor, lieber die Unannehmlichkeiten der Drescharbeit auf mich zu nehmen, als ins Ungewisse nach halbwegs lohnender Feldarbeit zu suchen. Denn eine solche Dreschkampagne dauert regelmäßig bis in den Spätherbst hinein, auch hat man am Wochenschluß immerhin ein paar Mark mehr verdient, wie bei der gewöhnlichen Hofarbeit. Wie freilich dieser Mehrverdienst herausgeschunden wird, davon kann sich eigentlich nur der einen Begriff machen, der in Norddithmarschen selbst einmal an der Dreschmaschine tätig war.

Es besteht dort das System der Lohndrescherei im Umherziehen. Nicht jeder Hof hat seine Maschine, wie die Großgüter, auch gibt es keine Genossenschaftsmaschinen, wie anderswo. Die Dreschmaschinenbesitzer sind vielmehr selbständige Unternehmer, die sich eine eigene Maschine entweder gegen Bar oder auf Abzahlung anschaffen. Sie nehmen sich auch selbständig die nötigen Mannschaften an und ziehen nun mit ihrem bemannten Geschütz von Hof zu Hof, mit dessen Bauern der Drusch vereinbart war. Gedroschen wird im Stundenlohn. Zur Bedienung einer Dampfdreschmaschine – um solche handelt es sich hier ausschließlich – sind etwa 25–30 Mann erforderlich; und zwar für die Lokomobile: ein Heizer und ein Wasserträger, für die Maschine: zwei Einleger, zwei Bandschneider, ein Kaffträger, ein Losbinder, fünf Strohbinder und zwei bis drei Kornträger; der Rest verteilt sich auf die Garbenzuschmeißer, die Strohträger und die Hümpelmannschaften. Binder, Strohträger, Zuschmeißer und Hümpelleute wechseln sich täglich kolonnenweise ab, mit Ausnahme des Diemen-oder Hümpellegers, der ständig auf[260] seinem Posten bleibt. Wird mit Selbstbinder oder mechanischem Strohtransporteur gearbeitet, so verringert sich dementsprechend die Zahl der Leute. Die Oberaufsicht über das Ganze führt der Maschinenmeister, der in der Regel auch gleichzeitig Besitzer der Maschine ist. Je nach der geleisteten Stundenzahl erhält der Maschinenmeister für sich und seine Leute den Lohn vom Bauern und zahlt ihn in acht- oder vierzehntägigen Perioden wieder an die Leute aus; soviel Stunden, so viel Lohn. Verköstigt werden die Mannschaften ebenfalls von den Bauern.

Die Höhe des Stundenlohnes richtet sich, wie bei allen Gelegenheiten, so auch hier nach dem Angebot von Arbeitskräften. In der ersten Zeit, wenn auf den Höfen noch viel Leute beim Einfahren gebraucht werden, steigt der Lohn wohl auf 30 bis 35 Pfennige die Stunde, später sinkt er auf 20 bis selbst 15 Pfennige herab. Die beiden Einleger erhalten als Vertrauenspersonen des Dreschmaschinenbesitzers 10 Pfennige die Stunde mehr wie die übrigen Kolonnenarbeiter; eine kleinere Zulage bekommen auch die Kornträger, der Schmierer und der Hümpelleger; gleichmäßigen Tagelohn hat nur der Heizer. Von den Einlegern hängt es wesentlich ab, wieviel die Maschine täglich leistet und wie rein sie drischt; es soll natürlich immer so viel wie möglich durch den Kasten hindurchgejagt werden; dabei will der Landwirt noch tunlichst reines Stroh sehen; beides ist bei der großen Konkurrenz unter den Dreschmaschinenbesitzern von erheblichem Einfluß auf den Umfang ihres bäuerlichen Kundenkreises.

Was die Dreschmaschinenarbeit selber betrifft, so ist sie eine der anstrengendsten und aufreibendsten, die man sich denken kann. Stunden, nur Stunden schinden, ist hier die Losung. Je mehr Stunden am Tage, desto eher wird der Bauer die Maschine wieder los, desto weniger Mahlzeiten braucht er den Leuten zu geben. Je mehr Stunden der Maschinenmeister erzielt, desto mehr Korn kann er zum Ausdrusch übernehmen, und desto höher ist sein Profit. Je mehr Stunden die Leute zusammenrackern, desto größer ist der Wochenverdienst. Spätestens um 4 Uhr morgens wird angefangen, nicht selten aber auch schon um 3 Uhr, und dann geht es den ganzen lieben langen Tag rastlos fort, mindestens bis[261] 8 Uhr abends; sehr häufig aber wird es 9 und 10 Uhr, öfters sogar 11 und 12 Uhr nachts. Pausen gibt es nur, solange die Essenszeit dauert, einschließlich der Schmierpausen insgesamt höchstens eine Stunde des Tags. Das Abendessen verursacht keine Pause, denn dies wird erst nach beendeter Tagesarbeit eingenommen, ganz gleichgültig wie spät es auch werde.

Bei der Arbeit geht es »immer feste weg«, was der Schinderkasten nur schlucken kann. Der Mensch muß mit der Maschine fort, er wird ihr Sklave, wird selbst zum Maschinenteil. Vergegenwärtigt man sich das ununterbrochene Heulen und Brummen der Dreschtrommel, sowie den fast undurchdringlichen Staub, den sie entwickelt, dann kann man sich denken, was diese Art Maschinendrescherei für den Mann bedeutet. Der Staub haftet, besonders wenn das Korn viel Regen bekommen hat, fast zentimeterdick auf den Leuten; oft können sie kaum aus den Augen sehen; die Augen sind denn auch häufig verschwollen und entzündet. Ebenso ist die Nase vom Einatmen der Staubmassen förmlich verstopft, und beim Ausspeien kommen ganze Klumpen schwärzlichen Schleimes zum Halse heraus. Außerordentlich fest setzt sich der Staub auf die bei der schweren Arbeit stark schwitzende Haut und verursacht ein unangenehmes Jucken und Brennen, so daß es einem zumute ist, als säße der ganze Körper voller Ameisen.

Hat man in diesem Zustand seine 15, 16 oder 18 Stunden heruntergerissen, so ist man im wahren Sinne des Wortes todmüde. Vor Ermattung bringt man das Abendessen kaum noch herunter; am liebsten würde man sich sofort zum Schlaf ausstrecken. Doch an Schlaf ist gleich nach Feierabend nur dann zu denken, wenn die Maschine mehrere Tage auf einem Hofe bleibt. Sehr häufig muß aber noch spät abends oder mitten in der Nacht von einem Hof zum anderen gezogen werden, manchmal gar nach einem Stunden weit entfernten Dorfe, und wenn's Glück gut ist, noch dazu bei strömendem Regen. Fährt sich dann zu allem Überfluß das Geschütz auf den durchweichten schlickigen Marschwegen auch noch fest, so ist erst recht nicht an Ruhe zu denken. Mit Wuchtbäumen werden dann Lokomobile und Dreschkasten[262] wieder flott gemacht, und alle Mann müssen mit in die Speichen greifen oder an Stricken und Ketten ziehen, um den Pferden tatkräftige Hilfe zu leisten. Ist man endlich an Ort und Stelle, so wird die Maschine bei Laternenschein wieder fix und fertig zum Dreschen klar gemacht, und dann erst kann jeder sehen wo er ein Lager findet, um noch ein paar Stunden zu ruhen.

Da für so viele Menschen auf den einzelnen Höfen kein Bettzeug vorhanden ist, so bekommen nur der Meister, der Heizer und die beiden Einleger eine Bettstatt, die übrigen Leute müssen sich im Stroh oder Heu oder Kaff verkriechen, wie sie es nun gerade vorfinden. Wie uns armen Teufeln mitunter zumute war, wenn wir mit durchnäßten Kleidern die kalten Herbstnächte im Stroh kampieren mußten, mag sich jeder selbst ausmalen. Ehe man sich eingenestelt hat und halbwegs warm geworden ist, klappern einem die Zähne mitunter hörbar im Munde, und gerade dann wenn man im besten Schlaf ist, ruft die Dampfpfeife schon wieder zu neuer Arbeit. Damit die Zeit nicht verschlafen wird, hat der Wasserträger die Nachtwache, er besorgt auch das rechtzeitige Anheizen der Lokomobile. Sind die Mannschaften nach dem Weckruf nun glücklich alle aus ihrem Strohlager hervorgekrochen, so fährt jeder mal kreuzweis mit dem Ärmel über die noch halbgeschlossenen Augen, und gleich darauf geht die Drescherei ihren Gang. An Waschen und Kämmen denkt niemand; es wäre auch überflüssig, denn schon nach wenigen Minuten wäre doch alles wieder wie vorher; höchstens könnte man sich die Augen noch mehr verderben wie schon ohnehin, weil sich der Staub gleich dick auf die feuchten Augenlider setzt und dort seine ätzende Wirkung ausübt.

Die erste Arbeit des Maschinenmeisters am Morgen ist, daß er jedem seiner Leute einen »groten Kööm« einschenkt. Der Fusel muß die infolge der kurzen Nachtruhe erschlaffte Energie wieder beleben. Und wirklich, das Gesöff tut Wunder. Hat erst jeder auf den nüchternen Magen einen gehörigen Kümmel hinter die Binde gegossen, so erneuern sich zusehends die trägen Lebensgeister, und mit dem Brummen der Dreschtrommel verrichtet alles ganz mechanisch seine Arbeit wie am vorigen Tage: die Zuschmeißer[263] werfen die Garben nach der Maschine, die Bandschneider ziehen ihre Messer durch die Garbenbänder, die Einleger lassen die losen Garben durch die Trommel gleiten, die Binder schnüren das ausgedroschene Stroh in Bunde, die Kornträger schleppen wie Automaten Sack auf Sack nach dem Boden, der »Kaffmajor« windet sich mit einem vollen Laken durch das Gewühl, und auf dem Hümpel hebt sich Bund auf Bund in regelmäßiger Reihenfolge. Endlich graut der Morgen, die trüben Öllaternen werden verlöscht, ein Pfiff ruft die Leute zur Frühkost: die ersten zwei Stunden des neuen Tages hat man hinter sich.

Nach 20 Minuten ist wieder alles an seinem Platze, und nun geht es in ununterbrochener Tätigkeit, höchstens mit einer kurzen Schmierpause dazwischen, bis zum Mittag. Hastig wird alsdann das Essen gegabelt und gelöffelt, denn kaum hat man den letzten Happen hinuntergewürgt, so pfeift's auch schon wieder zur Arbeit. So viel Zeit, um seinen Löffel abzuwaschen, hat man nicht; man kann ihn nur ablecken oder mit knapper Not am Zipfel des staubigen Kittels abwischen. Um 4 Uhr ist Vesper, und Feierabend –? nun, das weiß nur der Maschinenmeister.

So wiederholt sich das Spiel einen Tag wie den andern. Da auch meistens des Sonntags gearbeitet wird, so kann es passen, daß man drei Wochen in einer Tour in Staub und Dreck abreißt, ohne sich auch nur ein einziges Mal richtig zu waschen oder in einem Bette auszuruhen. Riskiert man es aber doch einmal, den Kopf in einen Eimer Wasser zu stecken, so muß man sich in der Regel an seinem eigenen Kittel oder an einem alten Kornsack abtrocken; denn ein Handtuch geben die Bauern dazu nicht her, das ist ihnen zu schade für die Leute. Schließlich befindet man sich in einer Verfassung, daß einem selbst der schmierigste Zigeuner noch wie ein Edelmensch erscheint.

Solange man Stellen mit guter Kost hat, geht es noch; man verwindet die Überanstrengung dann leichter. Kommt man aber mehrmals hintereinander nach Höfen, wo es schlechte Kost gibt, dann wird auch der Geduldigste mißmutig. Viele Bauern wollen sich die Maschine dadurch rasch vom Halse schaffen, daß sie den Leuten ein möglichst elendes Futter vorsetzen. Sie kalkulieren,[264] die Leute würden bei schlechter Kost tunlichst rasch arbeiten, um nur recht schnell wieder von dem Hofe fortzukommen. Auf diese Art kann es passen, daß man womöglich acht Tage hintereinander oder doch fünf Tage in der Woche regelmäßig jeden Mittag den berühmten »Mehlbüdel« mit Sirupsauce vorgesetzt erhält. Vergegenwärtigt man sich dazu, daß die Morgen- und Abendkost ohnehin schon immer dieselbe bleibt (»Melk un Bry oder Beer un Bry«), dann dürfte es erklärlich sein, wenn es den Leuten bei diesem »elendigen Gefrätz« schließlich ganz schwummelig im Leibe wird. Wir empfanden es deshalb stets geradezu als eine Wohltat, wenn wir nach einem Hofe kamen, wo nach so viel Mehlbüdels endlich mal eine andere Mittagsspeise auf dem Tisch stand.

Ich erwähnte bereits den »groten Kööm«, den jeder Dreschmaschinenarbeiter des Morgens auf den nüchternen Magen als erste Frühgabe erhält. Bei diesem einen »Grooten« bleibt es jedoch nicht. Der Fusel wird vielmehr in regelmäßigen Zeitabständen von zwei zu zwei Stunden verschenkt, ausgenommen zu den drei Mahlzeiten. Er bildet sozusagen das Lebenselixier des Maschinenpersonals.

Für gedankenlose Beurteiler ist nun nichts leichter, als hierüber in Entrüstung die Nase zu rümpfen; doch wäre das grundverkehrt. Wer es einmal ernsthaft versucht, sich in dies Hundeleben der Dreschmaschinenarbeiter hineinzuversetzen, der kann über ihren Alkoholgenuß nicht den Stab brechen. Mit dem Ausdruck Hundeleben wird übrigens ihr Dasein noch nicht einmal annähernd richtig gekennzeichnet; denn selbst der schlechtest gehaltene Hund hat es immer noch besser wie er. Man denke an die unerhört lange Arbeitszeit, an die Rastlosigkeit und Intensität der Arbeit selbst, an den bei der Arbeit entwickelten Staub und Schmutz, an das elende Strohlager in der Nacht, an die nur zu häufig recht miserable Kost und daß die Arbeiter sich infolge der dauernden Überanstrengung vor Müdigkeit zeitweise kaum noch auf den Beinen halten können – dann wird es verständlich, daß die meisten von ihnen in dem »groten Kööm« ein unentbehrliches Mittel sehen, die erschlaffenden Lebensgeister neu zu beleben[265] und dem ermattenden Körper wieder frische Energie einzuhauchen. Wird die Abspannung hernach um so größer, nun so muß eben wieder ein neues Quantum Fusel helfen.

Übrigens, was hätten wir auch anders trinken sollen? Für den gewöhnlichen Durst verabreichten die Landwirte zwar das fade Dünnbier oder Buttermilch. Solange letztere noch halbwegs frisch ist, bekommt sie dem Magen auch ganz gut. Ist sie aber schon alt und sauer, oder gar blubberig wie Schweinetrank, dann verspürt man bald eine Wirkung, als solle sich die hintere Hosenpartie mit Gewalt zu einem Luftballon ausweiten. Alle Augenblicke gibt's »Knalleffekte« von solcher Vehemenz, daß man mit einem alten blähsüchtigen Wallach in erfolgreiche Konkurrenz treten kann. Zudem bekommt man darnach einen derart üblen schleimigen Geschmack im Munde, daß man ihn selbst durch Kautabak nicht wegzuschaffen vermag. Da sehnt man sich denn förmlich nach einem Trunk, der den Hals von Zeit zu Zeit wieder »rein« kratzt, und als einziges dieser Art bietet sich eben leider nur der Schnaps.

Nun wäre es ja entschieden besser, wenn die Leute wenigstens des Morgens nach dem Verlassen ihres Strohlagers anstatt des Kümmels ihren warmen Kaffee bekämen. Es ließe sich dies auch sehr gut machen, denn der als Nachtwache tätige Wasserträger könnte sehr wohl rechtzeitig einen Kessel Kaffee zusammenbrauen, ohne daß die Frau Hofbesitzerin Laufereien davon hätte. Ebenso würde sich durch Kaffee zum Vesper der Fuselgenuß einschränken lassen. Doch hier geht es so, wie in dem bekannten Scherzreim Fritz Reuters: »Rindfleisch un Plummen is woll 'n gaud Gericht, bloß – wi kriegt et man nich.« Den Herren Landwirten ist es nun einmal zu umständlich, sich »wegen de Lüd« noch irgendwelche kleinen Extramühen zu machen. Auch dürfen »dies Lüd« um Gotteswillen nicht verwöhnt werden.

Die einzige freudige Abwechselung während der Dreschkampagne sind die Zahltage. Sie erfolgen unregelmäßig, je nachdem es sich mit der Arbeit paßt, mal von Woche zu Woche, mal nach vierzehn Tagen oder auch erst nach drei Wochen. Alles ist dann neugierig auf die Zahl der geleisteten Stunden. Sind über 100[266] Stunden in der Woche erzielt, so spricht man befriedigt von einer guten Woche; eine Woche von 80–100 Stunden gilt als mittelmäßig, hat man jedoch »nur« unter 80 Stunden herausgeholt, dann war die Woche schlecht. Ich persönlich habe drei Dreschkampagnen mitgemacht und weiß noch so gut, als wäre es gestern geschehen, welches Gefühl der Befriedigung uns überkam, als uns der Maschinenmeister an einem Zahltage mit Stolz verkündete, daß wir es in der vorhergehenden Woche auf 124 Stunden gebracht hatten. Das war allerdings ein Rekord; kamen auf die sieben Arbeitstage doch nicht weniger wie fast 18 Stunden täglicher Arbeitszeit! In Wirklichkeit wurden die 18 Stunden aber noch erheblich überschritten, denn wie schon erwähnt, wird der Umzug von einem Hof zum andern sowie das Ab- und Aufstellen der Maschine nicht mitbezahlt, ganz abgesehen von den Stunden, um die uns der Meister auch noch zu beschummeln pflegte.

Gewiß, das Ergebnis war ja denn auch ein verhältnismäßig guter Wochenverdienst, den wir nach Hause brachten; aber am besten tat man, wenn man jedenfalls nicht daran dachte, wie er zusammengequält worden war.

Da bei der ständigen körperlichen Überanstrengung der Leute auch viele Unfälle vorkamen, so wurde einmal eine amtliche Bekanntmachung erlassen, die eine Regelung der Arbeitszeit und eine Verbesserung der Schlafgelegenheit vorsah. Von einer tatsächlichen Wirkung dieser Verordnung haben wir aber nie etwas verspürt. Es blieb, wie es war, und – heute ist es meines Wissens noch genau so.

Nach Beendigung der Dreschkampagne arbeitete ich auf der Zuckerfabrik. Es war dies wieder dieselbe Fabrik, nach der ich mich einst von Pommern aus kontraktlich als Ochsenjunge verpflichtet hatte. Und dabei bekam ich denn auch einen gründlichen Einblick in das Leben und Treiben der aus dem Osten importierten Leute in ihrer Fabrikkaserne.

Wer jemals auch nur einige kurzen Stunden in solchen Jammerräumen gewesen ist, behält die Erinnerung daran bis in sein spätestes Alter. Die rohgezimmerten, schmutzbedeckten Tische und Bänke, die rauchgeschwärzten mit Lumpen behangenen[267] Wände, das ringsum aufgestellte verschiedenartigste Küchen-und Arbeitsgerät – das alles wirkt so unsäglich armselig, so ekelhaft abstoßend, daß sich der zivilisierte Mensch scheut, sich hier niederzusetzen oder auch nur anzulehnen. Den gewaltigen Kochherden entströmen Schwaden undefinierbarer Düfte vom gebratenen Hering bis zur angebrannten Kartoffelsuppe und vereinigen sich mit Rauch, Lumpengeruch und den Ausdünstungen der vielen hier zusammengepferchten Menschen zu einer atembeklemmenden Atmosphäre. Denkt man dann noch an die Masse von Schmutz, der von dem schwergründigen Acker und aus den Ställen eingeschleppt wird, daran, daß es den Leuten infolge der langen Arbeitszeit fast unmöglich gemacht ist, selbst eine regelmäßigere und gründlichere Reinigung ihrer Räume vorzunehmen – dann kann man sich allmählich einen Begriff von der Gemütlichkeit in diesen Kasernements machen, und man wundert sich nicht, daß Wanzen und Flöhe, sogar die bedächtig kriechenden »deutschen Reichskäfer« zu den täglichen Plagegeistern der Insassen gehören. Von den Schlafräumen und dem, was sich nächtlicherweile in ihnen abspielt, gilt nur ein Wort: Kaninchenstall!

Die Feldarbeit begann morgens um 5 Uhr und endete abends um 7 Uhr, wozu dann noch der Weg zum und vom Felde kam. In den Erntewochen wurde jedoch auch hier die Arbeitszeit häufig zu einer geradezu unbegrenzten gemacht.

Die Pferdeknechte, soweit sie verheiratet im »Familienhause« wohnten, waren verpflichtet, von morgens 3 Uhr bis abends 9 Uhr zu arbeiten. Der Lohn betrug 1,20 bis 2 Mark pro Tag nebst einigen Naturalien; für Ochsenjungen je nach Alter 60 Pfennige bis 1 Mark.

Die Behandlung war in jeder Beziehung ostelbisch. Es konnte dies schon deshalb nicht Wunder nehmen, weil sowohl der Inspektor wie auch die Aufseher mit einer Ausnahme – Ostelbier waren, die natürlich der alteingewurzelten Anschauung lebten, daß gewöhnliche Arbeiter möglichst barsch und brutal zu behandeln seien. Man trieb es hier so schlecht und gemein mit einem, daß es mehrfach vorkam, daß nicht nur Einzelne, sondern sogar[268] ganze Trupps auszurücken versuchten. Einmal war schon eine ganze Kolonne mit der Bahn bis nach der Kreisstadt Heide entwichen; von dort aber wurde sie an der Weiterfahrt gehindert und wieder in ihr Arbeitsverhältnis zurückgebracht. Aufrührerische Szenen und daran anschließend Schlägereien mit dem Aufsichtspersonal gehörten, besonders des Sonntags, keineswegs zu den Seltenheiten. Zur Unterdrückung solcher Verzweiflungsakte gequälter Menschen wurden dann gewöhnlich Ortspolizei und Gendarmen hergeholt. So war dies Leben dieser importierten Arbeiter noch viel weniger beneidenswert wie unser eigenes, obwohl auch wir schon keine Ursache hatten, mit unserem Schicksal besonders zufrieden zu sein.

Eine Hauptarbeit vor allem der weiblichen Importierten besteht während des Vorsommers in dem Behacken der Zuckerrüben, wobei gleichzeitig noch eine andere Arbeit gemacht werden mußte, das Rübenverziehen. Dies aber ist wieder deswegen erwähnenswert, weil sie von den Kindern der heimischen Arbeiter verrichtet wurde.

Bekanntlich werden die Rüben im Frühjahr aus dem Samen mittels Drillmaschinen in Reihen gesät. Nachdem die jungen Pflanzen dann mehrmals zwischen den Reihen gehackt und in den Reihen von Fuß zu Fuß durchgeschlagen sind, müssen von den noch stehengebliebenen Pollen sämtliche überflüssige Pflanzen bis auf eine weggezogen werden. Diese mühsame und eine gewisse Fingerfertigkeit erfordernde Arbeit verrichten die schulpflichtigen Kinder der heimischen Arbeiter. Zu diesem Zwecke gibt ihnen die Schulverwaltung auf mehrere Wochen die sogenannten Rübenferien. Ein erhebender Anblick ist es nun nicht, wenn man die Kleinen auf den Rübenfeldern herumkriechen sieht. Doch Not bricht Eisen, und die meisten Tagelöhner sind schon darauf angewiesen, daß nicht nur ihre größeren Kinder während der letzten Schuljahre zum Bauern in Kleindienst gehen, sondern auch die kleineren ihren Groschen mitverdienen helfen, damit sie einen Anzug oder Schuhwerk bekommen können, daher ihre Verwendung beim »Rübenluken«.

Früh morgens um 5 Uhr verlassen sie das Bett; ausgerüstet mit einigen[269] Schnitten Brot und einer Flasche dünnen Kaffees werden sie zu Felde gefahren, wo um 6 Uhr die Arbeit beginnt und um 6 Uhr abends endet. Den ganzen Tag auf den Knien zwischen den Rübenreihen umherrutschend, die zarten Hände von dem fortwährenden Wühlen in dem hartgetrockneten Marschboden wund und rissig, in den heißen Tagen von brennendem Durst geplagt, der, wenn der Kaffee ausgetrunken ist, oftmals nur aus einigen modrigen Wassertümpeln gestillt werden kann, so müssen sich die Kinder schon im Alter von 8 Jahren nutzbar machen – allerdings, es sind nur Arbeiterkinder, und denen muß eben beizeiten beigebracht werden, »wofür sie der liebe Gott aufs Land gesetzt hat«. Für Arbeiterkinder soll ja nach Ansicht gewisser begüterter Kreise die zeitige Gewöhnung an intensive Arbeit ganz besonders gesund sein, während sie ihre eigenen Kinder von jeder physischen Arbeit möglichst fernhalten. Man muß es gesehen haben, wie müde und abgespannt die Kleinen nach solcher Tagesleistung zu Hause ankommen, dann wird man nicht mehr von einem Segen, sondern nur noch von einem Frevel auch der ländlichen Kinderarbeit sprechen können.

Anfang Oktober beginnt dann das Rübenroden und dauert sechs Wochen. Hierbei werden neben den »Importierten« auch einheimische Arbeiter und deren Frauen beschäftigt. Auch diese Arbeit erfordert viel Ausdauer und nicht geringe körperliche Kraft. Wenn an frostigen Herbsttagen die Rübenblätter stark bereift sind oder regnerisches Wetter einsetzt, dann weiß jeder, was er des Abends für eine Leistung hinter sich hat. Der ansässige Arbeiter ist nun zwar bemüht, die Kräfte seiner Frau hierbei nach Möglichkeit zu schonen. Die importierten Arbeiterinnen jedoch hatten auf keinerlei Schonung zu rechnen. Des Morgens in der Dunkelheit gingen sie aufs Feld, und des Abends sah man sie noch bei Laternenschein – Arbeiten verrichten, die selbst für kräftige Männer schwer genug waren. Einen geradezu Mitleid erregenden Anblick gewährten diese Frauen aber, wenn sie bei schlechtem Wetter bis auf die Haut durchnäßt, hochgeschürzt, in dem schweren aufgeweichten Boden bis an die Knöchel im Morast steckend, durch grobkörnige Zurufe des Aufsehers zu[270] vermehrter Tätigkeit angespornt wurden. Hier dachte ich dann oftmals an die Redensarten von der »hohen Achtung«, die überall die »deutsche Frau« genießen soll. Wahrhaftig, die Herren, die in überquellender Sektstimmung ihre verzückten Trinksprüche auf die Frau ausbringen, würden gut tun, sich die übermäßige Anstrengung solcher Rübenarbeiterinnen mal an Ort und Stelle anzusehen; ich glaube, ihnen müßte dann jeder Hymnus auf die deutsche Frau vor Scham in der Kehle stecken bleiben.

Ich selbst war bei der Verarbeitung der Rüben, also im Innenbetriebe beschäftigt; ich galt also jetzt als Industriearbeiter. Gearbeitet wurde Tag und Nacht in je 12stündiger Wechselschicht. Nach Schluß der »Kampagne« aber erhielt ich, wieder landwirtschaftlicher Arbeiter, Weiterbeschäftigung bei den Winterarbeiten der Fabrikökonomie. Es gab dann zunächst Rübenschlamm zu fahren. Dieser war während der Verarbeitungsperiode von der Rübenwäsche weg in Klärgruben geleitet worden und wurde nun, da er gefroren war, mittels Feldbahn auf Äcker gebracht. Auch das war gerade kein schönes Stück Arbeit. Neben den hartgefrorenen Stücken wurde natürlich auch »Matsch« mit verladen, und wenn man beim Umlegen der Gleise in diesen übelriechenden Modder hineingreifen mußte, so fror einem die Sauce förmlich an den Händen fest. Zudem hieß es Dauer halten den ganzen Tag, ganz gleich wie stark der eisige Wind uns auf dem freien Felde um die Ohren wehen oder wie heftig die Schneeflocken jagen mochten. Unser Brot in der Brottasche fror uns oft steinhart, und in der Kaffeeflasche fanden wir manchmal anstatt des Kaffees einen bräunlichen Eisklumpen, wenn nicht gar die Flasche von dem »Eiskaffee« gesprengt worden war. Ei, wie behagte mir dann des Abends der warme Ofen bei Muttern!

Für diese Winterarbeiten auf der Zuckerfabrik gab es einen Tagelohn von 1,50 Mark bei eigener Kost und einer Arbeitszeit von morgens 6 bis abends 6! Da sollte man fett bei werden! Abzüglich der Beiträge für Kranken- und Invalidengeld – es gab hier eine Fabrikkrankenkasse – brachte man dann am Wochenschluß ganze 8,60 nach Hause, d.h. dann durften aber keine Aussetztage dazwischen sein, sonst war es natürlich noch weniger. Da[271] kauf' man los! Dieser Lohn wurde auch beibehalten, als andere Winterarbeiten an die Reihe kamen, wie Abfahren des bei der Rübenverarbeitung produzierten Kalkschlammes, Anlegen der Komposthaufen, Mistfahren und Maschinendreschen, teils in Fabrikscheunen, teils auf kleinen Vorwerken. Es ging immer nur für die 15 Groschen.

Endlich aber war auch dieser Mistwinter wieder vorüber, das Frühjahr da und damit wieder Arbeit auf den Äckern.

Während des nun folgenden Sommers war ich ausschließlich auf ein paar Großhöfen tätig, je wie es mit der Arbeit hier und dort gerade paßte; zuerst in der Saatzeit, dann bei Kleiungs- und Meliorationsarbeiten, dann in der Heuernte, und dann wieder bei Meliorationen bis zur Kornernte. Einigermaßen lohnend waren die Kleiungsarbeiten in den Außendeichsländereien dicht am Watt. Hier konnte nur »tidenweis« gearbeitet werden, je nachdem Ebbe und Flut dies zuließen. Während der Ebbe wurde gekleit, d.h. Gräben ausgeworfen, in denen sich zur Gewinnung neuen Vorlandes der Meeresschlick ablagerte.

Zuweilen genossen wir hier an der »Waterkant« ein prachtvolles Stück Natur. Wenn wir an einem stillen klaren Maimorgen entsprechend dem Gezeitenwechsel etwa um zwei Uhr morgens aufbrachen und uns nach gut einstündigem Marsche dem Außendeich näherten, zeigte sich uns das Watt in seiner ganzen Pracht und Großartigkeit. Hinter uns die saftgrünen Matten; vor uns die unendliche kaum bewegte Wasserfläche mit eben einsetzender Ebbe; über uns der klare blaue Morgenhimmel mit der goldig aufgehenden Sonne. In vollen Zügen sogen wir die schöne frische Seeluft ein und überließen uns ganz der erhabenen Stille und Schönheit. Bis es anfing allmählich zu pfeifen, zu piepsen und jiepsen, immer stärker in hundertfachem lebendigem Tongemisch. Tausende von Strand- und Wasservögeln waren nun auch erwacht und gaben auf mannigfachste Art ihres Lebens Laute kund. Da standen sie, einzeln oder in Schwärmen, liefen, hüpften oder schössen dahin; wiegten sich, neckten sich und zankten sich – all die Enten, Wasserhühner, Möwen und Taucher, die Tüten, die Strandläufer, die Kiebitze und Regenpfeifer; hier und[272] da strich auch eine Bekassine über das Grün. Sie hatten's eilig jetzt mit ihrem Paarungs- und Brutgeschäft, und laut, weithin vernehmlich äußerte sich ihrer aller Lebensdrang. Ach, es paßte alles so schön zueinander, dieses Wasser, dieser Strand und diese Vögel. Für Augenblicke konnte man da vergessen, daß man nur Arbeiter war; die Sorge schwand, es regte sich die Freude an der Natur – aber auch nur für Augenblicke, denn schon wieder war es weit genug abgeebbt, die Arbeit konnte weiter gehen. Bis zur nächsten Flut mußten Ruten Boden ausgekleit sein, wenn man einigermaßen einen Tagelohn verdienen wollte. Von all der schönen Natur bekam man ja leider nichts zu essen.

Zu Hause versorgte währenddem meine Frau unser Schwein und hielt die 20 Quadratruten Kartoffelland in Ordnung, die ich gepachtet hatte. In der folgenden Ernte nahmen wir diesmal schon zwei Kinder mit aufs Feld. Nach beendeter Ernte arbeitete ich wieder bei der Dreschmaschine, diesmal als Einleger, wobei ich die Stunde 10 Pfennige mehr erhielt, wie die Kolonnenarbeiter. Im Spätherbst aber ging ich dann abermals nach der Zuckerfabrik, wo ich, als die Rüben verarbeitet waren, auch diesmal in der Ökonomie den Winter über die berühmten 15 Groschen fronden mußte.

In diesem letzten Jahre brachte ich es auf den höchsten Verdienst, den ich als landwirtschaftlicher Arbeiter erzielt habe, auf – 710 Mark. Und damit ging's mir schon besser wie vielen der anderen Tagelöhner, die mußten auch diesmal auf Monate lang brach liegen und – zum Fenster raussehen. Und wer gar keinen Notgroschen beiseite zu legen vermochte, zehrte auch schon wieder auf den kommenden Sommer.

Die langen Abende dieses Winters boten uns wieder hinreichend Gelegenheit zu gemeinsamen Zusammenkünften, wobei wir uns dann über mancherlei unterhielten, was uns Arbeitern besonders am Herzen lag. Es ging dabei »Reih um«, den einen Abend bei diesem, den andern bei jenem Tagelöhner. Fünf, sechs »Nabers« stellten sich mit ihren Frauen ein. Wir Männer pafften unseren Knaster, die Frauen machten sich bei einer Handarbeit zu tun, und bald war der »Snack« im Gange.[273]

Das Hauptthema aber bildeten dann gewöhnlich »die schlechten Zeiten«.

Alles war teuer, besonders die Feuerung, und alles mußte für den baren Groschen gekauft werden. Was einem zuwuchs, war der Mühe nicht wert. Das Kartoffelland kostete schwere Pacht, 16 bis 18 Mark für 20 Kreuzruten, und schließlich brachte die Aufnahme nur wenige Sack, denn das Marschland eignet sich meist schlecht zum Kartoffelbau; glücklich wer sich noch ein Schwein groß ziehen konnte. Zudem wurden die Wohnungen immer knapper und darum teurer. Denn neuerdings befolgten die Dorfgemeinden darin eine ganz eigenartige Praxis. Es gab nämlich schon zahlreiche Häusler, die infolge des schlechten Verdienstes ihr Häuschen nicht halten konnten. Sie waren gezwungen, nach und nach so viel Geld von der Sparkasse zu entleihen, als diese für die Kate hergeben wollte. Konnten sie schließlich die fälligen Zinsen gar nicht mehr aufbringen, so übernahm die Sparkasse das Haus als Eigentum und bot es anderweitig zum Verkauf. Da kam es dann vor, daß die Dorfgemeinden, in denen ja stets die Bauern ausschlaggebend waren, solch Arbeiterhaus zum – Abbruch kauften. Man sagte sich: Arbeiter haben wir vollkommen genug; vor allem brauchen wir keine Verheirateten. Wir müssen also sehen, daß wir deren Zahl verringern, sonst wachsen infolge der steigenden Arbeitslosigkeit die Armenlasten. Also weg mit den kleinen Häusern, dann verschwinden auch die Arbeiterfamilien. Neue Häuser können sie nicht bauen, dazu sind sie zu arm. Mögen die Leute sehen, wo sie bleiben. Fehlt es uns aber mal an Ledigen, so verschreiben wir uns solche aus Ostpreußen, da gibt's genug, und die kommen gern, weil die Löhne hier höher sind wie dort, – eine hübsche Illustration zu dem Kapitel von der Leutenot auf dem Lande!

Mehrere meiner »Nabers« meinten hierzu, das beste würde wohl sein, daß man sein Bündel schnüre und mit Weib und Kind abwandere. Vielleicht finde man in einer Fabrikstadt ein besseres Auskommen; hier werde es doch von Jahr zu Jahr schlechter. Es sei zwar 'ne Sünde und Schande, so auf gut Glück in die Welt ziehen zu müssen, denn jeder habe die Ecke lieb, wo er zu Hause[274] sei. Auch sei man von Jugend auf an Bauernarbeit gewöhnt und das Land einem ans Herz gewachsen, da gehe niemand gerne davon; doch was solle man schließlich anders machen? »Hunger deiht weh.«

Bei solchen Gelegenheiten zog ich dann mehrfach Vergleiche zwischen dem Dasein eines freien Arbeiters der Marschen und dem eines Kontraktarbeiters der großen Güter. Ich kam zu dem Schlusse, daß letztere es tatsächlich in mancher Beziehung besser hätten, wie jene. Allerdings, die waren nicht frei, das ganze Jahr an den Hof gebunden, jeden Tag und Stunde der Herrschaft zur Verfügung; doch dafür hatten sie das ganze Jahr Brot und Arbeit, brauchten nicht mit Arbeitslosigkeit und Winterelend zu rechnen. Meine Nachbarn aber schüttelten den Kopf. Die gutsherrliche Kontraktwirtschaft mit der ständigen Gebundenheit erschien ihnen noch schlimmer als ihre eigene Not. Sie wehrten ab: »Nee, fri is fri; hier is man doch wenigstens sin eegen Herr, wenn man ok nix to fräten hett, awerst up son Gut is man je ni een Stünn sin frier Mann!«

Tatsächlich habe ich in all den Jahren denn auch nicht einen einzigen Dithmarscher Tagelöhner kennen gelernt, der sein bißchen Freiheit gegen den Kontraktdienst auf einem Gute vertauscht hätte. Und ich tat's auch nicht.

Sympathischer war einigen das Rentengutswesen, das seit ein paar Jahren aufgekommen war. Bekanntmachungen im Amtsblatte veranlaßten mehrere, sich um Auskunft an das Landratsamt zu wenden. Ihnen wurde dort die Erwerbung solch eines kleinen Rentengutes auch als sehr vorteilhaft geschildert, da der Staat langjährigen Kredit und Amortisationsfrist gewähre; jedoch waren sie gleichzeitig darauf aufmerksam gemacht worden, daß die Stelle nicht so groß sei, um eine Familie ganz darauf zu ernähren, vielmehr müßten sie noch auf dem anliegenden Gut Arbeit nehmen, denn der Gutsherr sei auch der Rentengutsausgeber. Na, das sei denn auch weiter nicht schlimm, meinten sie, wenigstens hätten sie ihre persönliche Freiheit und wären doch nicht direkt an das Gut gebunden; mit der Gutsarbeit sonst würden sie sich schon abfinden. Die Lust, es mit einem Rentengut zu[275] versuchen, schien sich infolgedessen bei einem Teil meiner Bekannten von Tag zu Tag zu steigern.

Da tauchte eines guten Tags ein früherer Freund von uns im Dorfe auf namens Peter Kropp. Er war im Vorjahre aus der Marsch weggezogen; damals hieß es, er habe sich in der Rendsburger Gegend eine kleine Landstelle zu sehr günstigen Bedingungen gekauft. Freilich wunderten wir uns, daß Freund Kropp überhaupt etwas habe kaufen können, denn er lebte auch nur wie wir von der Hand in den Mund. Auf unsere Frage, wo er denn jetzt so plötzlich wieder herkäme, antwortete er verdrießlich: »Wo schull ik woll herkamen – vom Rentengut!«

Hierauf erzählte er, wie er sich um eine Rentengutsstelle beworben und mit Hilfe seines Schwiegervaters, der ihm 150 Mark vorgeschossen, auch eine bekommen habe. Es sei ihm ein amtlicher Rentenbrief ausgehändigt worden, laut dessen ihm der Staat auf 60 Jahre Kredit gewähre, ebenso hätten die Abtragsbedingungen recht günstig gelautet. Mit seiner kleinen Anzahlung wäre er aber nicht weit gekommen, vielmehr habe er sich gleich bei dem Gutsherrn in Schulden setzen müssen, so daß er bei diesem von vornherein auf mehrere Jahre »fest« saß, so durch Ankauf einer Kuh, zweier Ferkel und mehrerer Hühner, abgesehen von sonstigen Sachen. Natürlich habe er unter diesen Umständen auch nirgends anders arbeiten können, wie auf dem Gut. Schon räumliche Gründe hätten ein anderweitiges Arbeiten nicht zugelassen, und allmählich sei seine Abhängigkeit vom Gutsherrn doch recht fühlbar geworden. So wäre er schließlich, ganz ohne ausdrücklichen Jahreskontrakt, zu ständiger Gutsarbeit gezwungen gewesen, und zwar zu so niedrigem Lohn, daß er gar kein Ende der Abhängigkeit gesehen hätte. Das beste an dem ganzen Rentengut wäre das Häuschen gewesen; zur Bearbeitung der Scholle habe er aber nur des Sonntags oder nach Feierabend oder höchstens dann und wann mal einen Tag in der Woche zur Verfügung gehabt; die übrige Zeit hätte er – und auch häufig seine Frau – eben Gutsdienst verrichten müssen. Doch das würde er alles noch gerne getan haben, wenn nur der Tagelohn höher und die Behandlung[276] besser gewesen wäre. Aber der Gutsherr habe geglaubt, gerade die Rentengutsleute besonders »hochnehmen« zu können, weil diese ihm finanziell verpflichtet waren und deshalb in noch größerer Abhängigkeit standen, wie die anderen Kontrakttagelöhner. So habe er sich schließlich gesagt: »Schit in dat ganze Rentengut!« Selbst wenn er an seinem Lebensende schließlich wirklich Eigentümer der Stelle geworden wäre, so hätte er von seinem Leben doch nichts weiter gehabt, wie ewige Gutsfron. Deshalb habe er kurzerhand alles stehen und liegen gelassen und sei bei Nacht und Nebel davongegangen. Jetzt mochten sie seinethalben mit dem Rentengut machen was sie wollten; nehmen könne man ihm nichts, denn er habe nichts. Die 150 Mark sei er zwar los; doch komme er über den Hund, so komme er auch über den Schwanz.

Als wir ihn fragten, wie denn den anderen Rentengutsleuten die Sache gefallen habe, da meinte er, einige hätten sich gleich ihm mit dem Gedanken des Ausreißens getragen, sie seien nur noch nicht so weit gewesen; andere aber hätten sich ganz wohl gefühlt. Das wären die gewesen, die eine größere Anzahlung hätten leisten können, deshalb auch keine oder doch nur geringe Schulden beim Gutsherrn hatten zu machen brauchen. Auf dem Gute hätten auch sie gearbeitet, doch wäre ihnen ihr Tagelohnsverdienst trotz seiner Niedrigkeit immerhin besser zustatten gekommen wie den übrigen. Freilich, Gutssklaven seien auch sie noch auf Jahrzehnte hinaus, wenn sich der Grad ihrer Abhängigkeit vielleicht auch nach und nach mildere.

Nach diesen Schilderungen kühlte sich die Sehnsucht nach dem Rentengutsleben bei den anderen sehr wesentlich ab. Ja es hatte sich bei uns Tagelöhnern, wenn wir hierauf zu sprechen kamen, bald die ständige Redensart eingebürgert: »Schit in dat ganze Rentengut, seggt Peiter Kropp!«

Inzwischen hatten die Arbeitslosigkeit und die dadurch hervorgerufene steigende Not unter den Tagelöhnern doch eine Anzahl unserer Kreishonoratioren auf den Plan gerufen. Diese Respektspersonen der meisten dithmarscher Landflecken waren sich schlüssig geworden, angesichts des zunehmenden Elends[277] ein übriges zu tun und den Arbeitern mal eine Portion guter Ratschläge zu geben, wie sie ihre Lage verbessern könnten.

Bald wurde zu diesem Zweck auch eine Versammlung einberufen, zu der die Arbeiter freundlichst eingeladen waren. Ich ging ebenfalls hin. Besonders behaglich war mir's allerdings nicht zumute, als ich sah, wie sich am Vorstandstisch um den Herrn Landrat eine ganze Korona von Pastoren, Lehrern, Bauernrentiers und Landwirten breit machte. Das war ein Begrüßen, Dienern und Händeschütteln, daß einem ganz schwül dabei wurde. Wir Arbeiter hatten unwillkürlich die Empfindung, als wenn wir in diese Versammlung eigentlich gar nicht recht hineinpaßten; aber wir waren nun einmal da, und so blieben wir, obwohl mehrere ganz beklommen ihre Pfeife ausgehen ließen.

Endlich begannen die Reden. Der Herr Landrat machte den Anfang, dann kam ein Pastor, dann ein Lehrer, dann irgendeine andere Größe. Und was erzählten sie uns? Vom Sparen und immer wieder vom Sparen. Wie schön das Sparen sei, und wie weit man es schließlich dabei bringen könne. Wer nur zu sparen verstehe, für den habe alle Not ein Ende. Deshalb seien hochherzige Männer übereingekommen, uns Arbeitern das Sparen zu lernen, und zwar in einem Sparverein, dessen Gründung sie hiermit dringend empfahlen.

Während der Reden waren unsere Gesichter immer länger geworden. Mein Nachbar knuffte mich in die Rippen und meinte leise zu mir: »Du, wenn de Kirls uns wider nix to vertellen wet, denn harn se uns man ruhig to Hus laten kunnt.« Die Herren mochten auch wohl unsere Enttäuschung merken, deshalb forderten sie uns mehrfach auf, auch unsererseits ungeniert mit der Meinung herauszurücken, falls uns etwas an ihren Ausführungen nicht gefallen haben sollte.

Darauf erhob sich dann ein Tagelöhner und sagte, die Sparreden seien ja so weit ganz hübsch und schön gewesen, doch die Herren hätten dabei offenbar die Hauptsache vergessen, nämlich: wovon die Arbeiter denn eigentlich sparen sollten! Und nun setzte er ihnen auseinander, daß ein Tagelöhner hierorts trotz allem Fleiß durchschnittlich nur einen Jahresverdienst von etwa 600 Mark[278] erzielen könne. In günstigen Jahren steige dieser vielleicht ausnahmsweise auf 700 Mark; in ungünstigen Jahren bleibe er dagegen häufig noch unter 500 zurück. Daß diese Ziffern richtig gegriffen seien, gehe auch daraus hervor, daß die obere Verwaltungsbehörde für die hiesige Sektion der Unfallberufsgenossenschaft den Jahresverdienst eines ländlichen Arbeiters auf 600 Mark bemessen habe. Jetzt möchten sich die Herren da mal hineinversetzen, was von einem derartigen Verdienst alles bestritten werden müsse. Da soll der Arbeiter mit seiner Familie 365 Tage von leben, dann soll Kleidung und Feuerung angeschafft und die Wohnungsmiete oder die Hauszinsen davon bezahlt werden. Ab und zu sei doch auch ein Stück in der Haushaltung zu erneuern oder Arbeitsgerät zu ersetzen, und was sonst noch alles drum und dran hängt. Wie aber, wenn Krankheitsfälle in der Familie eintreten? Dann kommen Arzt und Apotheker und verlangen Geld, denn eine Krankenkasse für Landarbeiter sei nicht vorhanden. Dazu werde die Arbeitslosigkeit von Jahr zu Jahr größer; sei es doch eben keine Seltenheit mehr, daß man sogar mitten im Sommer feiern müsse. Wenn sich die Herren dies alles mal überlegen würden, dann könnten sie den Arbeitern schlechterdings unmöglich noch mit derartigen Sparvorschlägen kommen. Wollten sie aber dennoch dabei verharren, dann möchten sie den Arbeitern doch einmal das Kunststück vormachen, wie man mit 600 Mark eine Familie ernähren und dabei auch noch sparen solle. Könnten sie es, so werde er es ihnen nachmachen.

Diese Ausführungen riefen den allseitigen Beifall der anwesenden Arbeiter hervor, während die Herren am Vorstandstisch unruhig hin und her rückten oder auch betroffen zu Boden blickten. Einige versuchten zwar noch einzuwenden, daß die im Gesindedienst stehenden jungen Leute bei den heutigen Löhnen doch sicher ein beträchtliches Sümmchen sparen könnten, wenn sie nicht so viel zu Tanzvergnügungen laufen und sich erst mit 30 Jahren verheiraten würden.

Aber auch darauf wurde ihnen von verschiedenen Seiten erwidert: daß hierin nur ein ganz geringes Körnchen Wahrheit liege. Einmal werde vielen Dienstboten der Lohn von ihren bedürftigen[279] Eltern abgepflückt. Dann wolle jeder junge Mensch schließlich auch ein bißchen von seinem jungen Leben haben. Was sich ein Knecht bis zum 20. Lebensjahre sparen könne, das setze er beim Militär wieder zu. Bliebe nur das Sparen nach der Militärzeit. Das lasse sich zwar hören, sei auch in Einzelfällen wohl angängig. Doch allgemein mache die menschliche Natur mit der Heirat einen Strich durch die Rechnung. Wollten aber alle die Heirat bis zum 30. Lebensjahr aufschieben, dann würde eben mancher Knecht sein Mädchen ehrlos sitzen lassen müssen.

Einen derartigen Verlauf der Debatte hatten die Herrschaften wohl nicht erwartet. Sie wußten nicht recht, was sie darauf noch sagen sollten. Schließlich ging alles ohne Ergebnis auseinander. Der Sparverein nach diesem Rezept kam denn auch nicht zustande.

Diese Versammlung gab uns an unseren »Klöhn«-Abenden noch oftmals Stoff zu Unterhaltungen über unsere Lage und führte zu neuen regen Meinungsaustauschen über die Landwirtschaft im allgemeinen. Wir alle waren im landwirtschaftlichen Dienst aufgewachsen, ja die meisten hatten ihre Eltern und Großeltern schon als Tagelöhner grau werden sehen; von vielen dienten schon wieder die Kinder auf verschiedenen Höfen. Was Wunder also, daß uns die Landwirtschaft sozusagen ans Herz gewachsen war. Sie erschien uns als die Nährmutter der Menschheit, ohne die ein Volk nicht bestehen könne. Wir liebten die Landwirtschaft. Aber wir verstanden nicht das von Jahr zu Jahr gesteigerte Geschrei der Landwirte über die »Not der Landwirtschaft«. Wenn von Not in der Landwirtschaft die Rede war, so mußten wir, niemand anders, von ihr reden.

Wohl fanden wir es begreiflich, daß die Landwirte für Korn und Vieh möglichst gute Preise zu erzielen trachteten und überhaupt nach einer Vergrößerung ihrer Einnahmen strebten, denn »Jeden een nimmt et, wo he 't kriegen kann«. Gab es doch auch unter uns Tagelöhnern einige – es war freilich nur eine kleine Minderzahl – die jährlich ein Schwein oder ein paar Kohlköpfe verkaufen konnten, und die sahen es zweifellos ebenfalls lieber, wenn die Schweine mit 60 anstatt 40 Mark pro hundert Pfund Lebendgewicht[280] bezahlt wurden. Wenn sie auch das Mastfutter teurer einkaufen mußten wie in Zeiten niedrigerer Kornpreise, so waren dies doch nur allmähliche Ausgaben, während sie beim Verkauf des Tieres die höhere Summe mit einem Male ausgezahlt bekamen. Das Schwein galt ihnen eben als eine Art Sparkasse. Wir andern jedoch, die nur mit Ach und Krach das eigene Bedarfsschwein groß machen konnten, oder – was noch häufiger der Fall war – überhaupt keins im Stalle hatten, verwünschten die hohen Fleisch- und Kornpreise genau so, wie dies die städtischen Arbeiter taten.

Immerhin wollten wir den Herren Landwirten keine Vorwürfe machen, wenn sie die Umstände ausnutzten und ihren Vorteil wahrnahmen. Es mochte ja seine Richtigkeit haben mit dem, was das Kreisblatt schrieb, nämlich: daß in der Industrie ungleich leichter Vermögen anzuhäufen seien wie in der Landwirtschaft, und die Landwirte infolgedessen den Industriellen gegenüber benachteiligt wären. Zudem wußten wir auch, daß der Reinertrag eines Hofes zu sehr von der Witterung abhängt.

Trotz alledem konnten wir von einer »Not der Landwirte« beim besten Willen nichts merken. Infolge der verbesserten Wirtschaftsmethode steigerten sich die Erträge der Höfe zusehends von Jahr zu Jahr, ebenso gingen die Grund- und Bodenpreise auffallend in die Höhe. Wie häufig erlebten wir es, daß ein Hof, der vor nicht langer Zeit noch für 100–150000 Mark gekauft war, jetzt zu 130–200000 Mark wieder verkauft wurde.

Und bei den Großgrundbesitzern stand es in dieser Beziehung sicher noch günstiger wie bei unseren Großbauern. Also wir mochten das Ding betrachten, wie wir wollten: eine besondere Notlage der Landwirtschaft war für uns nicht erkennbar.

Mit hunderttmal größerem Rechte aber mußte von einer Notlage der ländlichen Arbeiter gesprochen werden. Das fühlte jeder von uns tagtäglich am eigenen Leibe. Trotz all unserer schweren Arbeit von früh bis spät war es uns nicht möglich, so viel zu verdienen, um mit unserer Familie auch nur ein einigermaßen menschenwürdiges Dasein zu fristen, am allerwenigsten während der Winterzeit: Wir waren und werden immer mehr eine Art Untermenschen,[281] Heloten; zwar persönlich frei, aber dennoch halb versklavt und künstlich auf der niedrigsten Kulturstufe gehalten. Wie elend, wie unendlich tiefstehend kamen wir uns vor, wenn wir uns mit unseren fetten behäbigen Marschbauern in Vergleich stellten, gar nicht zu gedenken an die herrschaftlichen, freiherrlichen, gräflichen oder fürstlichen Ritterguts- und Latifundienbesitzer, die wie kleine Könige auf ihren Kauf- oder Stammgütern hausten.

Unserer festen Überzeugung nach konnte die allgemeine soziale Lage der Landarbeiter ganz erheblich verbessert werden, ohne daß sich die Herren Landwirte dadurch irgendwie wehe zu tun brauchten. Vor allem wäre es möglich, die Löhne zu erhöhen. Wurden doch schon im Westen höhere Löhne gezahlt wie im Osten, und dabei spielten die westdeutschen Landwirte genau so den »Dicknäsigen« wie ihre ostelbischen Standeskollegen. Wie wenig aber selbst die besten Löhne im Nordwesten zur Erhaltung einer Arbeiterfamilie ausreichten, das erfuhren wir hier in Dithmarschen jahraus und jahrein mehr wie zur Genüge. Auch die Arbeitszeit ließe sich sehr wohl verkürzen, wenn wir auch ohne weiteres zugeben wollten, daß eine Regelung nach industriellem Muster vorläufig noch nicht angängig sei. Ebenso durchführbar erschien uns eine allmähliche Verbesserung der Wohnungsverhältnisse. Gehörte es denn wirklich zum unabwendbaren Lose der Landarbeiter, immer und ewig von Generation zu Generation in diesen erbärmlichen, feuchten, windschiefen Lehmlöchern leben und vegetieren zu müssen? Unserer Meinung nach mußte es auch im Interesse der Landwirte selbst liegen, sich durch Gewährung auskömmlicher Löhne, kürzerer Arbeitszeit und besserer Wohnungen eine Arbeiterschaft zu sichern, die auf dem Lande standhielt, nicht in die Städte abwanderte. Wenn sich die Herren Landwirte außerdem die vielfach recht schlechte und hochfahrende Behandlung ihrer Leute abgewöhnen und eine auskömmliche schmackhafte Kost gewähren würden, dann hätte sicher niemand von ihnen über Mangel an Arbeitskräften zu klagen.

So philosophierten wir in unseren gegenseitigen Wintergesprächen[282] und malten uns im Geiste aus, wie zufrieden wir Arbeiter eigentlich auf dem Lande leben könnten – wenn die Hof- und Gutsbesitzer nur ernstlich daran denken wollten, daß wir »sozusagen auch Menschen« seien.

Mittlerweile war es zum drittenmal Frühling geworden seit unserer Verheiratung, und damit wich wieder um etwas der dumpfe Druck, der während der arbeitslosen Wintermonate abermals auf uns gelastet hatte. Ich arbeitete zunächst in Süderdeich. Schon nach wenigen Wochen aber bot mir ein Großbauer eine Stelle als Wärter bei seinen zwei im Flecken stationierten Deckhengsten an. Der bisherige Wärter war von einem der Hengste geschlagen worden. Ich nahm die Stelle an, nachdem für die Dauer der Deckzeit ein Tagelohn von 2,50 Mark die Woche zu sieben Tagen gerechnet – zwischen uns vereinbart worden war.

Es waren zwei prächtige, teure Tiere, die ich jetzt abzuwarten hatte. Bei meinem Antritt gebärdeten sie sich besonders unruhig; sie hatten seit dem vorigen Tage weder Futter noch Wasser bekommen. Mein Vorgänger mußte einen scheußlichen Schlag von dem einen Hengste erhalten haben; ich fand noch zwei Zähne des Bedauernswerten auf der Futterkiste und einen im Stallgang liegen. Als ich ihn auf seinem Schmerzenslager besuchte, fand ich den Ärmsten mit total verschwollenem und verfärbtem Gesicht; der Unterkiefer war ihm zerschmettert und die Unterpartie des Gesichts ganz schief gedrückt. Er wollte mir wegen der Tiere noch einige Ratschläge geben, doch konnte er nur einige unverständliche Laute herausbringen; am nächsten Tage kam er nach Heide ins Krankenhaus.

Ich hatte es in meinem neuen Dienst verhältnismäßig leicht; denn was ist bei der Wartung von zwei Pferden groß zu tun? Das Reiten der feurigen Tiere machte mir aufrichtiges Vergnügen, da weiß man doch wenigstens, was man zwischen den Schenkeln hat, keinen steifen holperigen Holzbock mit schlackernden Ohren, sondern alles ist Leben und Bewegung unter einem, alles Kraft und Elastizität. Im übrigen hielt ich die Tiere blank und den Stall sauber – das Belegen der Stuten war ja glücklicherweise Sache der Hengste. Kurz vor der Heuernte kamen die Tiere von[283] der Station nach dem Hofe ihres Besitzers zurück. Da sie jetzt nicht mehr so sorgfältig gepflegt zu werden brauchten wie während der Deckzeit, so verrichtete ich auf dem Hofe gleichzeitig Tagelöhnerarbeit bis zum Beginn der Dreschkampagne.

Von da ab hatte ich mich, da ich bei der Dreschmaschine als Einleger immerhin 10 Pfennige die Stunde mehr erhielt und auch nicht im Stroh zu schlafen brauchte, schon vorher wieder bei meinem alten Dreschmaschinenbesitzer für die Dauer der »Kampagne« verdungen. Auch für den kommenden Winter schien ich dann wenigstens einigermaßen versorgt. Zwar war mir ein günstiges Angebot von einem reichen Pferdehändler der Gegend gemacht worden, der mich in meinem Umgang mit den Deckhengsten gesehen hatte. Ich sollte als ständiger Koppelknecht bei ihm eintreten, und zwar zu einem Verdienst, der ungleich höher war, als wie ich ihn als Tagelöhner überhaupt je erzielen konnte. Dies Angebot löste begreiflicherweise eine hohe innere Befriedigung in mir aus. Hatte ich jetzt doch Aussicht, in eine bessere, stabilere Lebenslage zu gelangen. Doch es sollte anders kommen, so ganz anders. Das unerbittliche Schicksal vernichtete mit einem Schlage alle meine Aussichten und Hoffnungen in demselben Augenblick, wo meinem Dasein ein hellerer Sonnenstrahl zu winken begann.

Es war an einem Septembersonntag, als wir mit der Dreschmaschine auf dem Hofe eines Landwirts in Hödienwisch tätig waren. Die Nacht vorher hatte ich zu Hause geschlafen, denn da der Hof nur eine gute halbe Stunde von meiner Wohnung entfernt lag und wir am Sonnabend schon ausnahmsweise um 9 Uhr abends Feierabend machten, so benutzte ich die Gelegenheit, um mal nach meinen Lieben zu sehen. Um 3 Uhr morgens ging ich vom Hause weg, um 4 Uhr fingen wir an zu dreschen. Emsig und unverdrossen hatten wir den ganzen Vormittag über in Staub und Zug gearbeitet. Als nun der Heizer an der Lokomobile zu Mittag pfiff, hielt ich wie gewöhnlich eine Garbe umgekehrt in die noch stark rotierende Dreschtrommel, um diese dadurch eher zum Stillstand zu bringen. Hierbei glitt ich ein wenig aus. Sofort erfaßte die Trommel die große rauhe Hafergarbe mehr, als wie sie[284] es eigentlich sollte, und damit auch zugleich – meine Hand. Was weiter geschah, kam mir in der Geschwindigkeit gar nicht mehr ganz klar zum Bewußtsein. Ich fühlte nur, daß ich in der Maschine saß. Die Trommel zog nach unten, ich zog nach oben – und schon im nächssten Moment war mir der rechte Arm weggerissen.

Arbeiterschicksal! Des Morgens noch ging ich gesund, frohgemut und kräftig von Hause, des Mittags schon war ich ein Krüppel. Mitten im besten Mannesalter, mit 28 Jahren, hatte mich das Geschick niedergeworfen. Das war das Ende meiner Laufbahn als Landarbeiter.

Was dann folgte, ist kurz gesagt. Ich wurde nach dem Armenhause gefahren, wo sich die beiden Ortsärzte um mich bemühten. Auf dem Operationstische liegend hörte ich noch draußen meine arme Frau laut aufschreien, ein Schrei, der mir durch die Seele schnitt. Als ich nach einiger Zeit halb geheilt das Armenhaus verließ, kam meine Frau ins Wochenbett. Nun saßen wir da, eines konnte dem andern nicht helfen, dazu drei Kinder, und der Winter stand vor der Tür. Was ich da manchmal für Gedanken hegte, will ich lieber verschweigen. Natürlich mußte ich Armenunterstützung annehmen, denn eine Krankenkasse gab's für uns Landarbeiter ja nicht. Mein Schweinchen hatte ich bereits aus Not verkauft. O, war das ein niederdrückendes Gefühl, Ortsarmer zu sein und sich, halb bemitleidet, halb mißgeachtet die paar Mark Armengeld hinzahlen zu lassen! Schließlich bekam ich eine Unfallrente. Und da ich Krüppel in der Landwirtschaft nun doch nicht mehr zu gebrauchen war, und mir dort höchstens noch das Armenhaus als Daueraufenthalt winkte, sagte ich den gesegneten Fluren der Marsch bald für immer Valet und zog nach der Stadt.

Quelle:
Rehbein, Franz: Das Leben eines Landarbeiters. Hamburg 1985, S. 240-285.
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
Das Leben eines Landarbeiters
Das Leben eines Landarbeiters
Das Leben eines Landarbeiters

Buchempfehlung

Hoffmann, E. T. A.

Seltsame Leiden eines Theaterdirektors

Seltsame Leiden eines Theaterdirektors

»Ein ganz vergebliches Mühen würd' es sein, wenn du, o lieber Leser, es unternehmen solltest, zu den Bildern, die einer längst vergangenen Zeit entnommen, die Originale in der neuesten nächsten Umgebung ausspähen zu wollen. Alle Harmlosigkeit, auf die vorzüglich gerechnet, würde über diesem Mühen zugrunde gehen müssen.« E. T. A. Hoffmann im Oktober 1818

88 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon