Der große Knie-Krieg.

[38] Der bitterste Krieg, der seit langem geführt wird – der sogar ein Weltkrieg geworden ist – tobt: um das Frauenknie! Hier kurz der Heeresbericht:

Erste Offensive in Amerika: Knie frei! Sämtliche Girls, Flappers und Ladies folgten der Parole, outrierten sie, trugen den Strumpf unterm Knie eingerollt. Unterstützung, Munitionszufuhr durch Seidenfabrikanten, phantastische Kriegserfindungen: Blumen am Knie, Pelzstrumpfbänder, Verlängerung der Seidenmaschen nach oben, bis ... soweit es notwendig war – und es war weit notwendig!

Erster Gegenstoß: Bannfluch höchster Kirchenfürsten Europas. Diskret: Für die Straße bleibt das Knie bedeckt – zum Abendkleid nur bis an die Gefahrzone erlaubt. Punktum!

Sechs Monate später: Stellungskrieg. Tägliche Reflexbewegungen in Untergrundbahnen, Tram, Theaterloge, Hotelhalle: Ostentatives Herabzupfen der Rockrudimente über den Knieschauplatz. Zur Freude der Anwesenden vergeblich. Das Knie setzt sich durch!

Frühjahr: Wuchtige Angriffe. Kerntruppen des Generals Pangalos stürmen in Athen auf die süßen Seidenbeinchen. Zentimetermaß legt sich prüfend rings der Ripskomplets auf dem Boulevard Stadion. Kniefreiheit wird unterdrückt.

Also Kriegslisten! Herrliche Camouflage – das Jalousiekleid! Bei Gefahr herabzulassen. Dazu Transparent, mit Unterzug. –

Entscheidungsschlacht: Das Knie marschiert. Hinter ihm das Heer ungezählter Trabanten. In Floridas Strand, in Miami, Palmbeach. Seidenumhaucht – sinnverwirrend oder rosig leuchtend – meerschaumbespritzt. Waffenstillstand???


Der große Knie-Krieg

[38] Hilfstruppen des Gegners ziehen auf. Badekommissare – Strumpfzwang, Sing-Sing-Drohung.

Noch nicht genug. Ein weiterer Nachstoß. Spaniens Herrscherin wirst sich selbst in die Bresche: eine »Jeanne d'Arc des Knies«, todesmutig, in kostbarer Robe bis zum Knöchel, ihren Untertanen zum Ehrenbeispiel. Schulter an Schulter hohe Bundesgenossen gegen den Erzfeind: Gott strafe das Knie. Englands Königshof befiehlt lange Kurkleider.

Knie in Not!

Später. Schlechte Feldzugszeiten. Doch das Seidenknie strafft sich auf, lugt frech auf Vorposten im Straßengeplänkel, unter kurzem Herrenjackettanzug. Sport schickt Reservebataillone!!

Jedoch entsetzliche Gefahr im Anzug ... Die Mode erklärt Krieg, selbst in höchster Sorge um ihre Oberherrschaft. Stoffe scheinen ganz überflüssig. Das Knie besetzt alle rückwärtigen Verbindungen bis hoch hinaus. Modegeneralmajore, Feldwebel und Truppen kämpfen in eigener Sache für das bedeckte Knie.

Zu spät – zu spät – Sieg auf der ganzen Linie! Der Feind hat den Rückzug angetreten, der Rocksaum »den kürzeren gezogen« – dank standhaften Ringens der Damenwelt von Tokio bis Leningrad.

Stolz wehen die duftigen Siegerfahnen in unseren Farben – lavendel-rosenholz-abricot – im blauen Frühlingswind. Wohlig dehnt sich darunter das Knie der Dame unserer Zeit – umkost von bewunderndem Männerblick, Paar für Paar, eng aneinandergepreßt, oben auf dem »bus« – unter flatterndem »Fla-Fla«, wiegend auf freier Terrasse im Grün – oder verlangend im rhythmischen Black ...

Siegreich auf weiter Flur – wahrscheinlich für immer – Herrscher der Welt – nach Morgenstern: »Ein Knie – sonst nichts!«[39]


Der große Knie-Krieg

Quelle:
Reznicek, Paula von: Auferstehung der Dame. Stuttgart 7[o.J.], S. 38-40.
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