Dienst zu Jena

[145] Der Herr Stallmeister Seidel in Jena, an den ich einen Empfehlungsbrief mitbrachte, machte mir eine Kondition bei zwei jungen Herren aus, bei welchen ich das Sprichwort bestätigt fand, daß niemand zweien Herren dienen könne, weshalb ich nach Verlauf von neun Monaten in die Dienste des Herrn Grafen von M ... si trat, mit welchem ich nach Göttingen reisete, wo wir nicht lange waren, als gewisse Unannehmlichkeiten ihn nötigten, eiligst nach Lübeck zu reisen und mich zurückzulassen. Einige Tage nach seiner Abreise ließ mich einer seiner Freunde zu sich kommen und entdeckte mir unter vier Augen, daß mein Herr nicht nach Göttingen zurückkehren würde, weshalb ich mich aus seinen zurückgelassenen Effekten bezahlt machen möchte. Diesen Wink ließ ich nicht unbenutzt, sondern schaffte unbemerkt meine eigenen Sachen und das, was ich von den Effekten meines Herrn brauchen konnte, zu einem guten Bekannten; zu meiner Frau Wirtin aber sagte ich, da mein Herr so bald nicht zurückkehren würde, so wolle ich einstweilen wieder nach Hause reisen. Diese billigte meinen Vorsatz und gab mir zwei Louisdor zur Reise, ohne die ihr gebotene Uhr als Pfand anzunehmen.

Anstatt nach Weimar zu reisen, setzte ich mich auf die Post und fuhr über Einbeck nach Hannover, um meinen Herrn in Lübeck aufzusuchen. Da ich schon einen Louisdor hatte wechseln müssen, so hielt ich es für ratsamer, bis Lübeck vollends zu Fuße zu reisen und mein ziemlich schweres Bündel zu tragen. Mit dieser Bürde wanderte[145] ich bis Schaafstall, in der Hoffnung, daselbst eine Gelegenheitsfuhre zu treffen, die sich mir aber erst eine Stunde weiterhin auf einem Bierwagen darbot, worauf mir ein Sitz gemacht wurde. Vor Müdigkeit war ich auf diesem Wagen in Schlaf versunken, aus welchem mich ein unsanfter Stoß weckte. Zu meinem Schrecken ward ich gewahr, daß ich den schönen Hirschfänger, ein Stück von den an mich genommenen Sachen meines Herrn, verloren hatte. Da mich der Fuhrmann versicherte, daß wir noch nicht lange gefahren wären, so ließ ich ihm meinen Pack auf dem Wagen und eilte den Weg zurück, war auch wirklich so glücklich, den Hirschfänger nach einviertelstündigem Suchen wiederzufinden; dadurch hatte der Fuhrmann aber einen halbstündigen Vorsprung vor mir gewonnen, den ich, alles Laufens ungeachtet, nicht einzuholen vermochte. Zum Unglück hatt ich den Fuhrmann nicht gefragt, wohin er führe, und erschrak nicht wenig, als man mir im nächsten Dorfe sagte, daß der Bierwagen durchgefahren wäre und einen von meiner Route ganz abweichenden Seitenweg eingeschlagen hätte. Vom Laufen und Schrecken erhitzt, ließ ich mir nur ein Glas Milch geben und eilte, der Wagenspur nach, in die Heide. Endlich ward ich in der Ferne ein Fuhrwerk gewahr und verdoppelte meine Anstrengung, es einzuholen; dies war mir aber schlechterdings unmöglich. Wie verwünscht ich meine Unbesonnenheit! – Von Schweiße triefend und atemlos, kam ich darauf durch gepflügtes Land und sah nicht weit davon den Bierwagen vor einem Hause halten. Wer war froher als ich? – Ich ging in das Haus, grüßte die Leute und frug sie nach meinem Bündel. Niemand wollte davon etwas wissen, auch der Fuhrmann nicht, als ich zu ihm in den Stall kam. Ich sagte ihm, daß ich es auf dem Wagen neben mir gehabt hätte; er antwortete mir aber: »Wat Bündel, wat Bündel! den hat hei mi nich in Verwaring gegeben, ik hebbe mit meinem Foorwerk zou toun; siene Sacken mot man nit up den Boerwagen leggen, thei gan[146] oft verlaren; seh sei sik better vor.« Endlich, als er meine verzweiflungsvolle Ängstlichkeit sah, sagte er zu mir: »Geduld, ik hef ju nur an bättchen brüen (necken) wollen.«

Mir fiel ein Stein vom Herzen, als er sie mir aus der Krippe holte, und achtete nicht darauf, daß ich von der Stelle an noch zwei Stunden nach Ebstorf hatte, als es von da an war, wo ich den Bierwagen bestieg. Das unangenehmste war, daß schon der Abend dämmerte, als ich mein Bündel wieder aufnahm und in die von fünfzig Wegen durchkreuzte Heide wanderte. Schon war ich über zwei Stunden lang auf dem gangbarsten Wege fortgegangen, ohne nach Ebstorf zu kommen; die Nacht brach ein, Müdigkeit mahnte mich zur Ruhe, also legt ich mich unbedenklich an einen Hügel und schlief nach wenig Minuten ein. Am frühen Morgen ermunterte mich das Geschrei der Kibitze, und neugestärkt setzt ich meinen Weg weiter fort. Nicht lange war ich gegangen, als ein Gewitterregen mich ganz durchnäßte und meinen Pack so schwer machte, daß ich ihn kaum fortbringen konnte. Eine gute Stunde lang mocht ich so fortgewandert sein, als der Regen nachließ und ich in vierstündiger Ferne die Türme Lüneburgs erblickte, wo ich den Tag mich auszuruhen und zu übernachten beschloß.

Kaum hatt ich in Lüneburg einige Erfrischung zu mir genommen, als ich erfuhr, daß die Post im Begriffe sei, nach Artlenburg abzufahren; ich ging daher unverzüglich den Postillion an, mich bis dahin für ein billiges Trinkgeld mitzunehmen, dieser war auch willfährig und hieß mir bis an einen Stein vorauszugehen, wohin Eulenspiegel, auf einem Karren voll Erde sitzend, gefahren wäre, um zu zeigen, daß er Landesherr sei. Ich durfte hier nicht lange auf den Postwagen warten, setzte mich auf und fuhr in Gesellschaft mehrerer Passagiere an Kloster Lüne vorbei, wo einer der Reisenden an einer gewissen Stelle bemerkte, daß an derselben vorzeiten ein Fräulein zwischen ihren beiden Begleiterinnen vom Blitz erschlagen worden wäre.[147]

Unterweges mußten wir öfters für das Öffnen der Schlagbäume Zoll entrichten, weshalb ich, um zwei Schillinge Dammgeld zu bezahlen, einen Louisdor wechseln mußte, für den ich nicht mehr als vier Reichstaler, zwölf Groschen in neuen Zweidrittelstücken erhielt. Ich war deswegen, und weil wir nicht mehr weit vom Posthause waren, mit meinem Bündel abgestiegen und hatte mich beim Wechseln verspätet, daher war der Postwagen unterdessen auf der Fähre über die Elbe gesetzt worden, deren Rückkehr ich am Elbufer abwarten mußte, wo ich meine noch durchnäßten Sachen aus dem Pack holte und zum Trocknen auf die Erde legte.

Endlich, als ich damit fertig war, kam die Fähre, auf der ich mit mehreren Fremden überfuhr. Als ich mich am jenseitigen Ufer befand, war mir's, als ob ich in einen andern Weltteil gekommen wäre; das steile, sandige Ufer, das ich, mit meinem schweren Bündel auf dem Rücken, erklimmen mußte, trieb mir den Schweiß aus allen Poren und nötigte mich zu mehrmaligem Ausruhen und Nachtquartier zu nehmen. Nach eingenommener Abendmahlzeit wurde mir ein Lager zum Schlafen angewiesen, wo ich aber oft von kleinem Vieh gestört wurde; in dieser Gegend sind die Häuser schon so beschaffen, daß alles Vieh mit unter dem Dache wohnt, und die Schweine hatten nicht weit von meinem Lager ebenfalls ihr Nachtquartier; durch diese Beunruhigung entging mir der Schlaf, dabei fiel mir der beängstigende Gedanke aufs Herz: wie, wenn du deinen Herrn in Lübeck nicht anträfest und den säuern Weg umsonst gemacht hättest?

Als ich nach Hornbeck an der Stecknitz kam, war ich so glücklich, auf einen nach Lübeck fahrenden Schiffer zu stoßen, welcher mich auf meine Bitte freundlich in sein Fahrzeug aufnahm. Hier packt ich meine Sachen abermals aus, um sie auf dem Verdecke vollends zu trocknen; während die Schiffsleute ihre Arbeiten verrichteten, nahm ich Anteil.

Gegen Abend wurde geankert und das Nachtessen aufgetragen,[148] zu dem der Schiffer mich freundlich einlud, welchem ich während der Mahlzeit meine Reise erzählte, worauf wir uns schlafen legten. Da ich die vorige Nacht wenig geschlafen und den Tag über mich sehr angestrengt hatte, so schlief ich auf meiner Bastmatte bis an den hellen Morgen, ohne zu fühlen, daß das Schiff schon über eine Stunde weitergefahren war. Als ich aufgestanden war, mußt ich mit Anteil am Frühstücke nehmen, worauf ich, um nicht ganz untätig zu sein, wieder einen Schiffshaken ergriff und gleich den andern Schiffsleuten mit arbeiten half. Dies gefiel dem Schiffer so wohl, daß er mich mit Danziger Wasser regalierte und zu Mittage mit einer Mahlzeit Fischen aus der Stecknitz bewirtete, wie ich sie nie wieder so wohlschmeckend genossen habe. Bei Tische nahm ich Gelegenheit, mich bei dem Schiffer nach dem Preise der Kost und des Frachtgeldes zu erkundigen und ihm zugleich die Schwäche meiner Barschaft an das Herz zu legen, worauf er mir lächelnd zur Antwort gab: »Das hat gute Wege, wir werden schon miteinander fertig werden.«

Da das Schiff von einer Schleuse zur andern gezogen und das Wasser zwischen den Betten geschützt werden mußte, so ging die Fahrt sehr langsam, daher wir erst den andern Tag nach Mölln kamen, wo die Stecknitz einen großen Fall hat und in einen See geht. Dies verursachte Aufenthalt, welchen ich, nach des Schiffers Aufforderung, dazu benutzte, mir bei dem Kaufmann Burgermeister Tabak einzukaufen und zu sehen, ob sie mich noch kennten. Herr und Frau kennten mich nicht mehr, aber eines von den Kindern rief sogleich: »Ei, das ist ja unser Christoph!« – Alle bezeigten eine herzliche Freude, mich wiederzusehen, und baten mich, einige Tage bei ihnen zu bleiben und ihnen meine Abenteuer zu erzählen. Ich sagte es ihnen unter der Bedingung zu, wenn der Schiffer nicht bald abführ. Als ich zu ihm zurückkam, sagte mir derselbe, die Flut der Elbe hätte noch nicht Wasser genug zur Abfahrt geliefert, und ich würde wohl besser[149] tun, den Weg nach Lübeck vollends zu Fuße zu machen. Ich frug ihn daher, was ich ihm schuldig sei, und zog mein Beutelchen, um ihn zu bezahlen. »Ach, lassen Sie stecken«, sagte er lächelnd, »ich verlange nichts von Ihnen! War es eine Fahrt nach Dänemark oder England, so wüßt ich wohl, was ich Ihnen abfordern sollte, aber so – sind Sie mein Gast gewesen! Hätten Sie keine andere Aussicht, und Sie wollten bei mir bleiben, so sollten Sie mir willkommen sein. Ihre Sachen will ich Ihnen frei bis Lübeck mitnehmen, dort können Sie sie in meinem Logis abholen.« Hierbei überreichte er mir eine gedruckte Adresse und wünschte mir eine glückliche Reise. Ich wollte ihm meinen Dank stammeln, er unterbrach mich aber und sagte: »Nichts von Dank! ich habe nur Menschenpflicht gegen Sie geübt, wer weiß, wem Sie einmal hülfreich beistehen.«

Von Dankgefühl durchdrungen, kehrt ich zu Herrn Burgermeister zurück, von dem ich erfuhr, daß meine Eltern nicht mehr in Bresahn, sondern auf eine von dem Herrn neuangelegte Holländerei wieder nach Niendorf gezogen wären, wo sie sich freuen würden, sich von mir überrascht zu sehen. Ich konnte mich über diese Nachricht nicht freuen, denn ich vermutete, daß diese Veränderung meinen Eltern mehr nachteilig als nützlich sein müsse.

Quelle:
Sachse, Johann Christoph: Der deutsche Gil Blas oder Leben, Wanderungen und Schicksale Johann Christoph Sachses, eines Thüringers. Von ihm selbst verfasst, Berlin 1977, S. 145-150.
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