Fünftes Kapitel

[36] Unser Marsch ging über Nordhausen, den Harz, Hildesheim, Lichtenhagen (im Amte Calenberg) in das Hessische und wieder nach Karlshafen.

Da wir an den Orten, wo wir schon im vorigen Jahre gesungen hatten, nicht wieder singen wollten und wegen unsrer wunden Füße keine starke Tagereisen machen konnten, so richtete der Vater es so ein, daß wir in den Klöstern einsprachen, wo wir immer ein reichliches Mittagsbrot erhielten.

Eines Tages forderte uns ein Geistlicher zum Beten auf. Um nicht in den Verdacht der Ketzerei zu kommen, hieß mich mein Vater den Spruch hersagen: »Gegrüßet seist du, Maria; bist voller Gnaden, und Gott, der Herr, ist mit dir« etc. Als ich aber an die Worte kam: »Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns, jetzt und in der Stunde unsers Todes«, da stockte es, und der Geistliche bemerkte, daß wir noch keinen hinlänglichen Unterricht in der christlichen Religion erhalten haben müßten, welches der Vater mit unsrer Jugend und unsrer bisherigen unsteten Lebensart entschuldigte. Wir wurden beschenkt, mußten dafür unsre Knie beugen und gingen mit dem Vater, der sich bekreuzte, zufrieden von dannen.

Um uns für ähnlichen Verstößen zu sichern, unter hielt er sich unterweges mit uns über den Gebrauch des Rosenkranzes, welchen wir nebst einem katholischen Gebetbüchelchen bei uns hatten; dieses legte er uns aus und sagte, daß alle Menschen nur einen Gott hätten, den sie aber auf verschiedene Weise verehrten; die Katholiken[36] hätten, gleich den Reformierten und Lutheranern, die Zehn Gebote, die Psalmen, das Lied »Wir glauben all an einen Gott«, die Litanei und dergleichen Gesänge mehr.

In Karlshafen schlug ihm die Hoffnung fehl, von dem Verkäufer des wieder zurückgegebenen Hauses zu Tietelsen eine billige Entschädigung zu erhalten; er verweilte daher nicht lange daselbst, sondern reisete mit uns nach Lüneburg, von da über die Elbe nach Sachsen-Lauenburg und ins Mecklenburgische.

Überall, wo wir hinkamen, nahm der Vater Gelegenheit, sich als privilegierten Tierarzt bemerklich zu machen, wodurch es ihm gelang, eine Menge Rezepte für Menschen und Vieh vorteilhaft an den Mann zu bringen und dadurch sich den Beutel zu füllen. Manche Leute hielten ihn wohl gar für einen Hexenmeister oder Tausendkünstler, wegen mancher schnellen Kuren, die er in einigen Krankheiten bewerkstelligte.

Was wir diesmal durch unsern Gesang verdienten, wendete er mit an neue Kleidungsstücke für uns, weil wir uns bei dem Herumziehen durch die verschiedenartigen Nahrungsmittel und Getränke den Ausschlag etc. zugezogen hatten, weswegen wir die bisher getragenen, aber noch brauchbaren Kleider ohne weiteres wegwerfen mußten. Auch er hatte sich ganz neu gekleidet und getröstete sich einer nahen besseren Zukunft.

Je näher wir der Gegend von Hamburg kamen, desto besser wurde in der Tat seine Einnahme und desto seltner unser Gesang. Sein Rezepthandel ging vortrefflich vonstatten, und die Gastfreundschaft der dortigen Landleute entschädigte uns tausendfältig für das Herumsiedeln in Wirtshäusern, deren es in dieser Gegend nur wenige gibt. Hier wurde kein Geistlicher übergangen, der uns nicht gutmütig beschenkt hätte, wenn wir, auf Befehl des Vaters, unsre Talente, besonders aber ich meine Fertigkeit im Rechnen und Schreiben an den Tag gelegt hatten. Gewöhnlich nahm sie mein Vater durch seine Bibelkenntnis und durch seine Beredsamkeit ein,[37] mit welcher er seine bisherigen Schicksale vorzutragen und ihr Bedauern zu erregen wußte.

Auch unter den Bauern fanden seine Erzählungen aus dem Siebenjährigen Kriege aufmerksames Gehör und Beifall; und frug ihn jemand über den Zweck seiner Reise, so hieß es: die große Teuerung in Sachsen hätte ihn genötigt, einen Freund oder Bekannten in der Gegend aufzusuchen, den er aber zum Unglück nicht angetroffen habe, und so bezeugte ihm fast jedermann menschenfreundliche, tätige Teilnahme.

Als wir an den Schaalsee kamen, war daselbst eine große Viehseuche ausgebrochen. Dies war Wasser auf meines Vaters Mühle.

Der Herr von Schult zu Niendorf hatte eine Holländerei von dreihundert Stück Rindvieh, welches meistenteils an der Seuche litt. Mein Vater ging zu ihm und trug ihm seine Dienste an und wurde zur Kur des kranken Viehes angenommen. War nun die Seuche noch nicht tief genug eingewurzelt, oder war das Glaubersalz und das Pulver, welches von einem verbrannten Stücke des verreckten Viehes bereitet und in einem gewissen Himmelszeichen eingegeben wurde, wirklich das passendste Mittel, kurz, mein Vater war so glücklich, das Vieh völlig wiederherzustellen. Zur Dankbarkeit dafür wurde meinem Vater von diesem Herrn auf zeitlebens Brot versprochen und deshalb ein schriftlicher Kontrakt abgeschlossen, in welchem sich mein Vater seinerseits anheischig machte, seine übrigen Kinder und unsere Mutter – wenn es ihm möglich wär – gleichfalls dahin kommen zu lassen.

Als mein Vater diesen Vertrag uns in Gegenwart einiger Einwohner vorlas, sagten diese, daß des Vaters Glück gemacht sei. Nun wurde beratschlagt, wie es anzufangen wäre, die Mutter zu bereden, daß sie sich entschlösse, mit den Kindern ihr Vaterland zu verlassen und zu ihm zu ziehen. Das Urteil fiel dahin aus, daß er selbst zu ihr reisen und uns einstweilen zurücklassen müsse.

Endlich glaubte mein Vater gerechtfertigt vor meine[38] Mutter treten und ihr sagen zu können, deine Unglückstage sind vorüber, komm, folge mir mit den Kindern, ich habe nun Brot für dich und sie! Dieser Gedanke nahm seine ganze Seele ein; er war von diesem Augenblicke ein so gelaßner, liebreicher Vater gegen uns, daß wir Freudentränen vergossen und ihm Glück und Segen wünschten, als er den Weg nach der Mutter antrat.

Er hatte die Zeit seiner Rückkehr auf einen Monat festgesetzt und uns gesagt, daß wir ihm einige Stunden weit entgegenkommen sollten.

Nach Verlauf dieser Zeit liefen wir alle Tage sehnsuchtsvoll auf die Anhöhe, um zu sehen, ob die Eltern noch nicht kämen. Anstatt ihrer kam ein Brief meines Vaters an, worin er schrieb, daß er die Mutter zwar gesund angetroffen habe, aber daß sie bis dahin schlechterdings nicht zu bewegen gewesen sei, ihm zu folgen. Sie zweifle an der Wahrheit seiner Versicherung, daß er beständiges Brot für sie und uns gefunden habe, und sie hätte ihm sogar unter andern kränkenden Vorwürfen auch den gemacht, daß er uns in der Fremde entweder verlassen oder in die Sklaverei verkauft hätte, und jetzt komme er, ihr und ihren andern Kindern ein gleiches Schicksal zu bereiten. Sie könne und wolle ihn nicht mehr für ihren Mann erkennen, wenn er ihr nicht beweise, daß das, was sie vermute, ungegründet wäre usw. Er bitte mich daher, ihn durch einen Brief an die Mutter bei derselben zu rechtfertigen und unsre Bitte mit der seinigen zu vereinigen, daß sie doch zu uns ziehen möchte.

Ich setzte mich daher unverzüglich nieder und schrieb der Mutter folgenden Brief:


Gott zum Gruß, liebe Mutter!

Der Vater hat mir geschrieben, Sie zweifle an der Wahrheit seiner Behauptung, daß wir endlich nach langem mühsamen Herumziehen einen bleibenden Sitz und guten Lebensunterhalt erlangt hätten. Ja, liebe Mutter, es ist – Gott sei Dank! – wahr, und wir wünschen nichts[39] sehnlicher, als Sie recht bald bei uns zu sehen; denn ohne Sie geht uns doch die mütterliche Pflege ab, die uns noch weit mehr wert ist als alles Glück, das uns hier begegnen könnte. Wenn Sie uns liebt, so wird Sie gewiß unsre Bitte erhören, uns durch Ihren Hieherzug mit meinen übrigen Geschwistern zu erfreuen. In dieser Hoffnung empfehlen wir Sie dem Schutze des Allerhöchsten, und ich beharre mit inniger Kindesliebe

Ihr getreuer Sohn

Johann Christoph Sachse.


Dieser Brief ging mit umgehender Post ab, der Herr von Schult selbst hatte einen beigeschlossen, und wir hofften spätestens in drei Wochen uns der Ankunft unsrer Mutter und Geschwister erfreuen zu können, aber vergebens, es vergingen vier Wochen, und sie waren noch nicht da. Endlich erhielt ich Nachricht, daß die Mutter sich noch entschlossen habe, ihre Heimat zu verlassen. Sie hatte meine Schriftzüge erkannt und meine Bitte ihr mütterliches Herz erweicht. Sie selbst schrieb mir, daß sie sich ungesäumt auf den Weg machen würde, sobald das Entbehrliche verkauft und Pferd und Wagen zur Reise angeschafft wäre, denn die Reise mit der Post würde zu hoch kommen, wir möchten uns nur noch kurze Zeit gedulden etc.

Während der Abwesenheit unsers Vaters hatte niemand sich um unsre Reinigung bekümmert, wodurch wir sehr verwilderten und unsauber wurden. Da der Vater auf den bestimmten Termin nicht eingetroffen war, so sagte der Bevollmächtigte des Grafen von B. zu uns: »Der Brief eures Vaters beweiset, daß die Mutter sich bedanken würde, eine so weite Reise hieher zu unternehmen; sollten eure Eltern aber doch kommen, so müssen sie den Weg über Lauenburg nehmen; wenn ihr ihnen bis dahin entgegengehen wollt, so will ich euch Reisegeld dazu geben« usw.

Quelle:
Sachse, Johann Christoph: Der deutsche Gil Blas oder Leben, Wanderungen und Schicksale Johann Christoph Sachses, eines Thüringers. Von ihm selbst verfasst, Berlin 1977, S. 36-40.
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