Verfolgung des erteilten Rates, Reise von Karlshafen

[28] Auf einmal hing bei meinem Vater der Himmel wieder voller Geigen; das verlorne Paradies war vergessen und der dabei erlittene Verlust so ganz verschmerzt, daß er, als wir am Folgetage Karlshafen verließen, uns hoffnungstrunken zurief: »Frischauf, Kinder, munter, lustig! Verlier ich hier zwar Haus und Gut, so hab ich doch noch frohen Mut!« etc. Die gute Laune unsers Vaters teilte sich uns mit, und uneingedenk der Vergangenheit wanderten wir guten Mutes mit ihm nach Hannover zu.

Unterweges hatten wir einen Auftritt, an den ich ohne[28] Lachen nicht zurückdenken kann. Wir kamen in ein Wirtshaus, in welchem Werber und Musikanten waren, mit denen der Vater Bekanntschaft machte. Bald wurde man vertraut, das Gläschen ging im Kreise, so oft und so lange, bis mit den Werbern selbst die Stube im Kreise gehen mochte. Die Musikanten wurden aufgefordert, zu gewissen damals bekannten Gassenhauern, die ihnen vorgeträllert wurden, zu spielen. Einer der Werber sang ihnen das Lied vor: »Zwei Köpfe sind nicht gut zu bringen unter einen Hut«, während der andere verlangte zu spielen: »Fröhlich soll das Herze springen!« etc. – »Nein«, rief mein Vater auch dazwischen, »spielt lieber: ›Sooft ich meine Tabakspfeife mit gutem Knaster angefüllt!‹« etc. – Indem nun die Musikanten jedem sein Recht tun wollten, so spielte ein Musikant die Melodie des ersten, der andere die des zweiten und der dritte die Melodie des dritten Liedes, wodurch ein solches Quodlibet und ein solcher Lärm entstand, daß endlich alle Zuhörer die Ohren zuhielten und zum Zimmer hinausliefen. Mit vieler Mühe gelang es dem Wirte, diesem Katzenkonzert dadurch ein Ende zu machen, daß er sagte: »Ei was Singen und Spielen! Vorm Essen wird kein Tanz! – Der Tisch ist gedeckt, ein jeder an seinen Platz!« – »Es ist wahr«, sagte der Vater, »nach dem Essen, nach dem Trinken werden wir uns wohlbefinden.«

Nach dieser Losung ging man zur Mahlzeit, während welcher allerhand Späßchen gemacht wurden, wie sie unter dergleichen Gästen Mode sind. Nach Tische wurden wir aufgefordert, unsre Künste hören zu lassen. Wir holten daher unsre Liederbücher und sangen, unter Direktion des Vaters, unsre liebe Not. Die Gesellschaft vermehrte sich; man klatschte uns Beifall, und als wir geendigt hatten, warf uns unaufgefordert ein jedes der Anwesenden einen klingenden Beweis seiner Zufriedenheit in den Hut, womit wir gleichfalls sehr zufrieden waren.

Darauf begann die Tanzmusik, junge Mädchen und ihre[29] jauchzenden Bursche drehten sich in wirbelnden Kreisen im großen Gastzimmer, wir aber mit dem Vater ließen uns in eine Schlafkammer bringen, in welcher wir bald dem Gotte des Schlummers in die Arme sanken.

Am frühen Morgen setzten wir, ohne weitere Abenteuer, unsre Reise nach Hannover fort, wo des Vaters Bemühungen um ein Unterkommen fruchtlos blieben, weshalb wir weiter und bis in die Gegend von Bremen reisen mußten, in welcher das hannöversche Reuterregiment von Hammerstein auf dem Lande in Quartieren lag.

Hier traf er mehrere Stabsoffiziere, die ihn vom Siebenjährigen Kriege her kannten und ihm, auf seine Bitte, seine treu geleisteten Dienste bescheinigten, aber ihn zugleich mit diesen Zeugnissen und einem Sendschreiben nach Stade an den General von Scharnhorst verwiesen.

Als wir vor die Festung kamen, wurden wir angehalten, aber eingelassen, sobald mein Vater das Sendschreiben vorgezeigt hatte. Wir traten im Gasthofe »Zur grünen Tanne« ab, dessen Wirtin mein Vater bei ihrem Namen begrüßte. Von ihr erfuhr er, daß ihr Mann, sein Freund, seit kurzem verstorben und sie Witwe wäre. Obgleich der Vater das Sendschreiben und die Zeugnisse unverzüglich an die Behörde abgab, so erhielt er doch tags darauf zur Resolution, daß auf sein Gesuch in Stade nicht definitiv entschieden werden könne, sondern daß er deshalb nochmals nach Hannover reisen müsse.

Da er uns dieser Schnellreise von achtzehn Meilen nicht aussetzen wollte, so reisete er allein ab und ließ uns in Stade zurück unter dem Versprechen, baldmöglichst zurückzukehren. Ehe er von uns ging, sagte er noch zu uns: »Kinder, Gott hat uns noch nicht verlassen, ich denke, es wird uns bald geholfen werden; Vertröstungen hab ich, ein Kurbuch besitz ich, examinieren laß ich mich, bestehen werd ich und – somit ist unser Glück gemacht.« Während der Abwesenheit unsers Vaters befanden wir uns bei der guten Frau Wirtin sehr wohl. Sie hatte einen[30] Sohn meines Alters, der mich wie seinen Bruder liebte. Sie freute sich darüber, schenkte mir mehrere Kleidungsstücke und Wäsche von ihm und ließ es überhaupt an nichts fehlen, uns den Aufenthalt bei ihr so angenehm als möglich zu machen.

Nach Verlauf von zwölf Tagen kam er wirklich fröhlich zurück mit der schriftlichen Erlaubnis, als Tierarzt im Lande praktizieren zu dürfen, und einer Gratifikation von jährlich fünfzig Talern, die man ihm, für geleistete Dienste im Siebenjährigen Kriege, ausgesetzt und ein Jahr sogleich ausgezahlt hatte. Diese Pension hatte er für die Rettung eines Magazins sich ausgewirkt, welches er in der Affäre bei Hameln dem Feinde geschickt entzogen hatte.

Gleich am Folgetage machte sich der Vater mit uns auf, einen neuen Glücksweg zu versuchen. War es Sparsamkeit oder hatte mein Vater die erhaltene Gratifikation schon angegriffen, er nötigte uns unterweges wieder zum Neujahrsingen, welches den Leuten in dieser Gegend neu und angenehm, uns aber ziemlich einträglich war. Hierzu kam die vorteilhafte Benutzung der erhaltenen Erlaubnis zur tierärztlichen Praxis, in welcher mein Vater in der Tat ungemein glücklich war. Wenn mancher Bauer oder Pachter für das eine oder das andere Rezept, welches ich gewöhnlich abschreiben mußte, ihm zwei, drei und mehrere Gulden gezahlt hatte, so sagte er gewöhnlich: »Je, Kinder, da seht ihr, wie gut es ist, wenn man in der Welt was gelernt hat; jetzt kömmt mir meine Tierarzneikunst und euer Singen wohl zustatten; ich müßte jetzt ein ganz anderer Mann sein, hätt ich mich früher darauf gelegt!«

Wir durchzogen das Hannöversche in kurzen Tagereisen und verweilten uns ziemlich lange in Göttingen, wo damals die Universität sehr zahlreich war. Die Herren Studenten bezahlten uns anfangs sehr reichlich für unser Singen, endlich aber wurden sie es überdrüssig und wiesen uns mit der Bemerkung zu rück, wir hübschen Jungen[31] sollten uns schämen, unser Brot auf eine solche Art zu verdienen. Hierzu kam, daß wir mit dem Vater vor die Obrigkeit gefordert und befragt wurden, warum wir bettelten. Worauf er antwortete, daß er vom Betteln seiner Kinder nichts wisse, wohl aber, daß wir uns durch unsern Gesang einen erlaubten Gewinn zu verschaffen suchten; er hätte noch nie gehört, daß das Singen verboten wäre; gewisse Angelegenheiten nötigten ihn, noch einige Zeit in Göttingen zu verweilen. Zu seiner Legitimation zeigte er ein mit einem großen Siegel versehenes Dokument vor, worauf wir ungehindert wieder entlassen wurden.

Gern wäre der Vater sogleich nach Hause zur Mutter gereiset, aber wegen seiner schlechten Füße und weil er nicht wußte, was für eine Aufnahme er finden würde, hatte er es für ratsamer gehalten, sie vorher durch einen Brief auf seine Ankunft vorzubereiten.

Gegen Fastnacht langten wir endlich, nach einer achtmonatlichen Abwesenheit, wieder bei der Mutter an. Wir waren ihr ganz unkenntlich geworden. Mein Vater wußte ihr sein Außenbleiben und Umherstreifen in einem so vorteilhaften Lichte vorzustellen, daß sie wunder meinte, was für gute Tage wir während unsrer Abwesenheit genossen hätten; als wir aber Gelegenheit nahmen, ihr unsre Abenteuer umständlich zu erzählen, so fiel ihr aller Mut, und alle Überredungskünste meines Vaters schlugen fehl, sie zu beruhigen.

Ein Glück war es, daß das Geld, welches der Vater mitgebracht hatte, uns gegen Mangel schützte, der um so drückender gewesen wäre, da die Mutter bald nach unsrer Rückkehr ins Kindbette kam.

Es wurde ein Kindtaufschmaus ausgerichtet, bei welchem mehrere Freunde sich einfanden, welche an diesem Tage zugleich fröhlich das Fest des Wiedersehens feierten.

Der Vater schien durch die Erzählung seiner Abenteuer die Seele der Gesellschaft zu sein; alle hörten ihm mit gespannter Aufmerksamkeit zu und fanden an ihm einen guten Gesellschafter. Es wurde geschäkert, gelacht und[32] unter andern folgendes Kindtauflied gesungen, das ich bei dieser Gelegenheit auswendig lernte:


Grüß 'ch Gevatter! miene Liese

Leet an ennen Kinde krank;

Gestern kam ich von der Wiese,

Stand se vör dem Spieseschrank,

Säht se: mir is gar nich wohl,

Un daß ich Euch hole soll.


Kommt Ihr denn, Gevatter Görge?

Kommt nur, seht den jungen Sohn!

Görge schoß bald enne Lerche

Un fing an aus hellem Ton:

Kocht un backt nur, was ihr könnt,

D'r Junge wird nach mir genennt.


Nun da gieng es an en Schlachten,

Schöpse, Schwine, Kalb und Rind,

Un da sie de Kuchen brachten,

Machte Görge noch geschwind

En halb Nisel Branntewien;

Friende, laßt uns lustig sien.


Görge zecht und leert mit Wunder

Ganze Bechergläser aus,

He sieht wie en leichter Zunder,

Endlich fällt e gar ins Haus;

Liese spricht: du luser Mann,

Wart, wenn ich ufstiehe kann!


Ich will zum Schulmeester giehe,

Daß er gliech die Breefe schriebt.

Weeß 'ch doch gar nich, wer soll stiehe,

Daß es in der Friendschaft bliebt!

Schumanns Mieke, Nachbers Christ,

Weeß 'ch nur nich, wer 's dritte ist.
[33]

Schulzens Konrad soll's och wäre!

Mengt nur immer Kuchen ien!

Nun wird's um de Fische scheere,

's müssen gruße Karpen sien!

Schöps und Schwine schlacht ich heut

(wan ick sei hätt),

Gäns un Hünner han noch Zeit.


Guten Abend, Herr Magister,

Mine Fra hat 'n jungen Sohn!

Gestern abend war's schon düster;

Der Schulmeester weeß's schon!

Übermorgen tof E ihn,

Bring Er och de Fra met hin.


Endlich kömmt Pfarr un Schulmeester,

Wünschen zu dem Knäbchen Glück.

Oh, ihr leid'gen Kirchentröster,

Laßt de Kompliment zurück!

Marsch nur fort, packt euch nur nien,

Ich wär och gleich drinne sien.


Eßt, Gevattern, laßt's euch schmecke!

Heute gieht's ufs Maller Korn!

Morgen laß ich wedder decke,

Odder ich bleib meestens vorn.

Eßt un trinkt! seht, wie ich bitt!

Könnt 'r nich, so nehmt's euch mit.


Der mit anwesende Herr Kantor meinte, daß das ein recht artiges Kindtaufliedchen wäre, weshalb ich es ihm aus meines Vaters Liederbuche abschreiben mußte, aus welchem noch mehrere Schnurren ausgehoben und gesungen wurden.

Erst gegen Mitternacht ging man vergnügt auseinander, und niemand ahnete, daß dieses Freudenhaus sich bald in ein Krankenhaus verwandeln würde, in welchem nur[34] die Mutter gesund war. Alle sechs Kinder wurden von den Blattern befallen, an welchen das jüngste starb, während das hitzige Fieber meinen Vater auf das Krankenlager warf und das Hauskreuz in dem Grade vermehrte, daß meine Mutter in der Verzweiflung sich und uns allen den Tod wünschte.

Wir alle genasen, und in der Unmöglichkeit, einen von meinem Vater ausgestellten Schuldschein von zweihundert Reichstaler an die Kinder seiner ersten Frau zu bezahlen und uns zu ernähren, schrieb der Vater hier- und dorthin Mahnbriefe um Geld; anstatt dessen erhielt er von dem einen Vertröstungen, von dem andern Bitten um Nachsicht und von dem dritten gar keine Antwort.

Nachdem er daher zur Einkassierung seiner außenstehenden Gelder selbst ausgereiset, aber ohne Geld zurückgekehrt war, sah sich meine Mutter genötigt, nicht nur in den Verkauf eines Viertel Landes von fünfzehn Ackern weit unter dem Werte zu willigen, da vorher schon alle ihre Kleinodien verpfändet oder versilbert worden, sondern sie ließ sich auch von ihrem unverständigen, von den Gerichten verleiteten Vormunde bereden, für erwähnten Schuldschein sich zu verbürgen.

Dies hatte die grausame Folge, daß die Erbschaft, welche meiner Mutter aus Freienhagen zufiel, von den Stiefgeschwistern in Anspruch genommen wurde, welches uns vollends ganz zugrunde richtete.

Kein Wunder wär es gewesen, wenn die Mutter in Verzweiflung gefallen wäre, da sie ihre ansehnliche Mitgift durch den Leichtsinn meines Vaters verschleudert und sich selbst mit ihren Kindern in der größten Hülfsbedürftigkeit sah; dieser verlor indes den Mut nicht, sondern tröstete sie mit dem Gemeinspruche: »Besser zehnmal verdorben als einmal gestorben; sorgt nicht für den andern Morgen, Gott wird für die Seinen sorgen« etc.

Um diesem drückenden Notstande ein Ende zu machen und den gerechten Vorwürfen der Mutter zu entgehen,[35] beschloß der Vater, noch eine Reise zu machen und alles aufzubieten, um sich und seiner Familie ein bleibendes Unterkommen zu verschaffen. Auch auf dieser Reise waren ich und Simon wieder seine Begleiter, nachdem wir den Winter bei der Mutter zugebracht hatten.

Quelle:
Sachse, Johann Christoph: Der deutsche Gil Blas oder Leben, Wanderungen und Schicksale Johann Christoph Sachses, eines Thüringers. Von ihm selbst verfasst, Berlin 1977, S. 28-36.
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