Abreise von Stade

[96] Kurz vor Pfingsten traten wir unter günstiger Witterung unsre Reise an. Bei Blankenese ließen wir uns über die Elbe setzen und nahmen unsern Weg über Hamburg nach Dutzow zu seinem Onkel, einem Herrn von Fabrici. Obgleich der Weg dahin nur achtzehn Meilen betrug, so war er mir doch einer der angenehmsten, den ich bis dahin gemacht hatte, denn mein Herr benahm sich gegen mich, als ob ich seinesgleichen wär, er aß, trank und schlief sogar mit mir zusammen, ja ich durfte mit meinem Tressenhute und meiner Staatslivree, die in Hannover von einem der berühmtesten Schneider verfertigt worden war, nicht hinter ihm, sondern mußte neben ihm reiten, worauf ich mir nicht wenig zugute tat.

Wir fanden in Dutzow eine sehr freundliche Aufnahme und hätten zu keiner günstigeren Zeit eintreffen können, da zwei Tage darauf das Pfingstfest einfiel, welches in dortiger Gegend mit vielen Lustbarkeiten gefeiert wird, woran ich unbedingt Anteil nehmen durfte. Wohin man blickte, waren Maien aufgepflanzt, und unter andern hatte man eine bekränzte Laubhütte unter dem Namen der fröhlichen Pfingstlaube angelegt, welche zu mancherlei lustigen Szenen Anlaß gab, denn wer es gern oder ungern versah, diese Laube eine Hütte zu nennen, mußte ebensogut als der, welcher gegen andere Gesellschaftsgesetze fehlte oder nur einen Krug Met nicht auf einen Zug ausleerte, ein bestimmtes Strafgeld erlegen. Führte sich jemand sonst ungebührlich auf, so mußte er auf die Linde steigen und darauf einen Krug Bier austrinken, den Spielleuten aber für ihren Tusch zwei Groschen erlegen.

Ehe der Tanz um einer großen Linde begann, wurde nach einem von einem Mädchen gewundenen und in einer gewissen Entfernung als Ziel ausgehängten Kranze gelaufen und geritten, um die Ehre der Pfingstkönigswürde und das Vorrecht zu erlangen, mit der Kranzjungfer den ersten Vorreihn zu tanzen.[97]

Zufällig wurde mir, zur Freude der anwesenden adeligen Herrschaft, diese Ehre zuteil. Von jubelnden Mädchen und Burschen begleitet, ward ich nun, unter vorausgehender Musik, die aus einer Klarinette, einer Violine und einem Dudelsack bestand, in die Pfingstlaube geführt und der Kranzjungfer vorgestellt, welche mir fröhlich die Hand reichte und mir zum Tanzplatz unter die Linde folgte. Der Dudelsack arbeitete frisch drauflos, der Vorreihn mit der Kranzjungfer begann, sie umfaßte mich traulich und blickte mir freundlich ins Gesicht. Nachdem ich meine Schuldigkeit getan und mich wacker mit ihr herumgeschwenkt hatte, mußt ich sie einem andern jungen Burschen überlassen und ein anderes Mädchen aufführen, bis ich fast alle durch und so müde war, daß ich mich in der Laube ausruhen mußte. Hier tranken mir Weiber und Männer wacker zu und unterhielten sich mit mir von der gnädigen Herrschaft, bis ihnen der liebe Gerstensaft zu Kopfe gestiegen war, worauf sie zwischen den schnarrenden Dudelsack jauchzten und im rauschenden Jubel sich herumbalgten. Eine Freude war es, mit anzusehen, wie die rüstigen Bursche die Mädchen in bunten Brustlätzen hoch in die Luft hoben und ihnen durch ungekünstelte Andeutungen ihre Gesinnungen zu erkennen gaben.

Indem ich so dastand und mich an den fröhlichen Auftritten belustigte, ermunterte mich einer der angesehensten Greise in plattdeutscher Mundart, ich möchte doch noch mitmachen. Als ich mich mit meiner Müdigkeit entschuldigte, sagte er: »Als ich in Ihren Jahren war, da konnt ich anders aushalten«, dabei hob er sein rechtes Bein in die Höhe, drehte sich auf dem linken Absatz herum und rief den Musikanten zu: »Spielt mir auch einmal auf! Hab ich kein Geld mehr in meiner Tasche, hab ich doch Gluck-gluck noch in der Flasche. Als der Himmel voller Geigen, mußten alle Menschen schweigen. Tusch! Tusch!« etc.

Es war schon sehr spät, deswegen bot ich der Gesellschaft[98] gute Nacht. Als sie sah, daß ich mich durchaus nicht bewegen ließ, länger dazubleiben, so begleiteten mich die jungen Bursche unter Musik nach dem Gute, wo die Herrschaft noch Abendtafel hielt. Der unvermutete Lärm einer Violine und des Dudelsacks vor ihrem Speisezimmer trieb sie vom Tische und uns entgegen. Die Musikanten mußten eintreten; Herr von Fabrici stellte sich mit seiner Violine neben den Dudelsackspieler und spielte mit auf, während die anwesenden Adeligen sich paarten und zu tanzen anfingen. Es herrschte allgemeiner Jubel, und der Tanz dauerte bis nach Mitternacht. Nachdem sie sich bedankt und die Spielleute reichlich beschenkt hatten, gingen sie fröhlich zu Bette. Beim Auskleiden frug mich mein Herr, wer diesen angenehmen Spaß veranstaltet hätte. Zum Beweise seiner Zufriedenheit beschenkte er mich mit zwei neuen hannöverschen Zweidrittelstücken, welche mir sehr zustatten kamen.

Den folgenden Nachmittag ward ich wieder feierlich nach der Laube abgeholt, wo die Mädchen schon auf mich warteten, um mich in Laubwerk zu kleiden, welches ich mir gefallen lassen mußte, ich mochte mich sträuben, wie ich nur wollte.

So geschmückt führte mich das mutwillige junge Volk unter Musik im Dorfe herum, wobei Butter, Eier, Kuchen, Speck und dergleichen eingesammelt und damit triumphierend wieder nach der Laube zurückgezogen wurde, um das Eingesammelte gemeinschaftlich zu verzehren.

Vorher hatten sich einige vorausbegeben und eine kurzweilige Hochzeit veranstaltet. Einer von ihnen machte den Priester und hielt folgende Rede:


Hier ist ein Pärchen, stolz und gut,

Das möcht sich gern vermählen,

Dafern ihr einen Beitrag tut,

Ihr lieben, frommen Seelen!
[99]

Das erste Chor


Wir geben nichts, wir geben nichts!


Das zweite Chor


Man wird euch lernen geben!

(zuredend)

Gebt doch dem lieben Pärchen was!

Sie brauchen eine Ziege;

Und vielleicht gar, es ist kein Spaß! –

Am nötigsten die Wiege.


Mädchen (für den Bräutigam)


Ihr Brüder, gebt nur, was ihr wollt,

Habt nicht so taube Ohren:

Was ihr dem Liebesgotte zollt,

Ist keineswegs verloren!


Bursche (für die Braut)


Ihr Schwestern, gebet, was ihr wollt,

Laßt euch nicht geizig schelten,

Was ihr der Liebesgöttin zollt,

Wird sie euch wohl vergelten!


Schulmeister


Ihr Lieben, gebet, was ihr wollt,

Dies Zaudern kann nichts taugen!

Es sei nun Silber oder Gold,

Im Ehstand ist's zu brauchen!


Vater und Mutter


Hört, Freunde, zeigt euch heute groß,

Helft doch dem jungen Paare;

Dann danken sie ihr schönes Los

Euch noch im spätsten Jahre.
[100]

Pfarrer


Aufs ernstlichste ermahn ich euch,

Der Liebe Bund zu ehren,

Und muß, kraft meines Amts, zugleich

Euch feierlichst beschwören:

Wer heut der Liebe Wunsch verschmäht,

Dem grüne nie die Erde,

Damit er immer traurig geht,

Nie Braut und Bräut'gam werde.


Alle


Wir geben gern, wir geben gern!

Wer mag sein Glück verscherzen?

Der Liebesgott bleib uns nicht fern,

Er wohn in allen Herzen!


Hierauf geht der große Klingelbeutel zum Einsammeln herum, das Pärchen wird auf eine komische Weise getraut, der Laubmann entlarvt, und in der Laube wird nun das Eingesammelte verzehrt.

Dies war das erste und letzte Vergnügen dieser Art, welches ich in ungestörter reiner Jugendfreude genoß.

Da mein Herr Ordre erhielt, ungesäumt zum Regimente zu kommen, so gab er mir verschiedne Aufträge, nach Goldensee zur Frau Gräfin von Rantzau zu reisen, und die Erlaubnis, auf der Rückreise meine Eltern zu Bresahn zu besuchen und alsdann allein nach Stade zurückzureisen.

Meine Eltern freuten sich sehr über meine jetzige Lage, und nachdem ich von ihnen Abschied genommen hatte, kehrte ich über Mölln, wo ich meinen gewesenen Lehrherrn besuchte, der sich über mein Fortkommen herzlich freute, nach Stade zurück, woselbst mein junger Herr schon vor mir wieder eingetroffen war, um die Abreise zum Regimente vorzubereiten.

Quelle:
Sachse, Johann Christoph: Der deutsche Gil Blas oder Leben, Wanderungen und Schicksale Johann Christoph Sachses, eines Thüringers. Von ihm selbst verfasst, Berlin 1977, S. 96-101.
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