Reise nach Leipzig

[128] Um weder meiner Frau noch Schwiegereltern zur Last zu fallen, begab ich mich einige Tage darauf abermals auf den Weg, um in Leipzig mein Glück zu versuchen. Vorm Tore, wohin meine Frau mir meinen Reisebündel nachgetragen hatte, frug sie mich, ob ich das nötige Reisegeld habe. Ob ich gleich fast ganz davon entblößet war, so hielt ich es doch für Unrecht, ihre wenigen Sparpfennige mir zuzueignen, die sie im Fall der Not selbst brauchte, und sagte daher, meine Barschaft würde wohl bis an das Ziel meiner Reise hinreichen.

Da bei meiner Ankunft in Jena übles Wetter einfiel, mußte ich einen Tag stilliegen und bei einigen Bedienten, trotz alles Widerwillens, ansprechen, wodurch ich so viel zusammenbrachte, daß ich mir von einer Stadt zur andern forthalf. Wär ich unverheuratet gewesen, so hätt ich schon in Jena bei einem Herrn Professor Dienste bekommen können, aber dieser Stein des Anstoßes ließ sich nun nicht mehr heben, und so setzte ich meine Reise bis Camburg bei schlechtem Wetter fort. Hier erfuhr ich bei dem Gastwirt, daß ein gewisser Herr von Trebra, in französischen Diensten, zu Rodameuschel einen Bedienten suche. Obgleich der Wirt hinzufügte, daß er ein sehr heftiger, jähzorniger Mann sei, so hielt mich dies doch nicht ab, dahin zu ihm zu gehen. Als ich auf den Hof kam, exerzierte derselbe eben die Pferde und sagte zu dem Reitknechte, der ihm ein Pferd vorreiten mußte: »Kerl, wie das Pferd aussieht, nicht geputzt, der Sattel unrein, die Kinnkette falsch eingehängt!« Indem der Reitknecht darnach sah, versetzte der gestrenge Herr demselben mit der Peitsche einige Hiebe über den Rücken,[128] daß mir aller Mut fiel und ich unverrichtetersache wieder umkehren wollte. In diesem Augenblicke bemerkte mich der Herr und frug mich, was ich wolle. »Ich bin ein vazierender Bediente«, war meine Antwort, die er durch die Erwiderung unterbrach: »Der seinem Herrn wohl entlaufen ist!« Ich mußte ihm meinen Abschied vorzeigen, worauf er mich, vielleicht um mir die anzüglichen Reden vergessen zu machen, mit einem ansehnlichen Geschenk entließ, da ich es nicht wagte, mit meinem Dienstgesuche hervorzutreten.

Ich wanderte weiter bis nach Naumburg und kehrte, des schlechten Wetters wegen, im Gasthofe »Zum grünen Schilde« ein. Hier hatte ein mitleidiger Lohnkutscher aus Leipzig die Menschenfreundlichkeit, mich bis Weißenfels mitzunehmen. Unterwegs entdeckt ich ihm haarklein meine Umstände, worauf er mir riet, während er in Weißenfels füttere, zum Herrn Kammerherrn von N. zu gehen, der ein sehr braver Mann wäre, welcher mir gewiß so viel geben würde, daß ich mit ihm bis nach Leipzig fahren könne. Ich nahm mir diese Worte des Trostes zu Herzen, ging bei unsrer Ankunft unverzüglich in das mir bezeichnete Haus und zagend die Treppe hinauf, als ich unten niemanden fand. Die ab- und zulaufenden Bedienten, welche eben mit Tafeldecken beschäftigt waren, ließen mich lange warten und schienen mich gar nicht bemerken zu wollen. Endlich trat eine Dame aus der Küche, der ich einen tiefen Bückling machte und eben mein Anliegen vortragen wollte, als sie sich in die Brust warf, gravitätisch ihre Börse zog und, ohne mich anzuhören, mir einen – Pfennig in die Hand gab. Ich fühlte mich durch dieses Geschenk beschämt und sagte daher, daß ich kein Bettler, sondern ein dienstsuchender Bedienter wäre. »Das ist gleichviel«, fiel sie mir in die Rede, »ein Bettler ist ein Bettler«, und schlug die Tür hinter sich zu.

Voller Empfindlichkeit über diesen Auftritt kehrt ich nach dem Wirtshause mit dem Vorsatze zurück, nie wieder[129] bei einer sogenannten gnädigen Herrschaft anzusprechen. Gleich beim Eintritt rief mir mein Ratgeber, der Kutscher, entgegen: »Nicht wahr, es gereuet Sie nicht, daß Sie dahin gegangen sind? Sie werden schon ein gutes Reisegeld bekommen haben.« – »Ei freilich«, antwortete ich, »ein ungemeines Reisegeld, nur schade«, setzte ich hinzu, indem ich es aus der Tasche zog, »daß ich nicht weiß, ob es ein Louisdor oder ein Pfennig ist.« Der Kutscher glaubte seinen Augen nicht trauen zu dürfen und sagte, die gnädige Frau müsse sich vergriffen haben; als ich ihm aber ihre Äußerungen erzählte und andere dabei bemerkten, daß sie ein blödes Gesicht habe und gern – Ohrfeigen gebe, auch allgemein als eine Grille bekannt sei, so sagte der ehrliche Mann: »Nun, so will ich Sie unentgeltlich mit nach Leipzig nehmen und das vornehme Geschmeiß beschämen.« – »Das ist brav«, erwiderte die Frau Wirtin, »hier will ich Ihnen auch etwas zu essen geben, setzen Sie sich, und vergessen Sie Ihren Ärger.« Ich tat es und schwang mich darauf gesättigt wieder in die angespannte Chaise. Kaum waren wir vor das Tor gekommen, so fielen mich schon eine Menge Bettler mit den Worten an: »Ach, gnädiger Herr, schenken Sie doch einem armen Notleidenden eine Gabe, der Himmel wird es Ihnen lohnen« usw. Was wollt ich machen? Als »gnädiger Herr« glaubt ich geben zu müssen und gab; doch des Gebens nahm kein Ende, und ich mußte daher viele abweisen. Hier sah ich wohl den Unterschied zwischen armen Reisenden und eigentlichen Bettlern und mußte mir gestehen, daß das ununterbrochene Anfallen dieser Gäste höchst beschwerlich sei.

In dem Wirtshause zu Leipzig, worin ich mit dem Kutscher eingekehrt war, war es sehr teuer zehren, weshalb ich mich mit meiner geringen Barschaft sehr drückte. Der Wirt, welcher dieses gewahr wurde, bemerkte sehr höflich gegen mich, daß es jetzt Messe wär, in der das kleinste Plätzchen ihm Geld eintragen müsse, er rate mir daher, mich an den Kommissionär Merzdorf zu wenden, bei[130] welchem sich mehrere Bediente aufhielten und welcher gegen eine billige Belohnung Konditionen verschaffe. Ich befolgte seinen Rat, erhielt Meßkondition, welche mir so viel eintrug, daß ich damit Weiterreisen konnte, und es geschah.

Während der Messe hatte ich einen Mann kennenlernen, welcher mich versicherte, daß er mir, wenn ich in Dresden wäre, wo er mir seine Wohnung bezeichnete, mich bald unterbringen wolle. Dieser Mann war, als ich nach ihm frug, schon abgereiset, und da andere Bedienten, welche ich bei Merzdorf hatte kennenlernen, einstimmig versicherten, daß in Dresden leicht Dienste zu bekommen wären, so reisete ich aufs Geratewohl dahin ab.

Den ersten Tag kam ich bis nach Wurzen. Hier frug mich der Wirt über die Absichten meiner Reise aus und schlug mir darauf bei dem Herrn Dompropste von N.N., der auf dem Schlosse wohnte, eine Kondition vor, die er mir als so gut und vorteilhaft schilderte, daß ich kaum die Zeit erwarten konnte, um zu erfahren, ob ich vielleicht das Glückskind sein werde, das sie erhielt. Ein leichtfüßiger Friseur, welcher mit dem Wirte mich vergebens zum Spiel invitierte, in welchem sie mir meine paar Groschen abgenommen hätten, stimmte in das Lob dieses Dienstes mit vollen Backen ein und machte sich mir dabei so notwendig, daß ich mich verpflichtet hielt, die Abendmahlzeit für ihn zu bezahlen.

Als ich am folgenden Morgen mit meinem Unterhändler, dem Herrn Gastgeber, in das Schloß kam, umzingelten mich eine Menge unsauber gekleidete Kinder und frugen mich, wie aus einem Munde: »Bist du denn unser neuer Bediente? bist du's?« – Dieser Eingang benahm mir schon den Mut, noch mehr aber der bejahrte Herr durch die Anrede: »Seid Ihr ein Bedienter?« – Ich: »Ja!« – Er: »Wo und wie lange habt Ihr gedient? Ihr seid doch nicht etwa davongelaufen? Eure Livree scheint noch ganz neu, mich wundert's, daß der Herr sie Euch gelassen hat!«

Statt der Antwort gab ich ihm meinen Abschied, den er[131] zwei- bis dreimal durchlas, ihn von allen Seiten betrachtete, Hand und Siegel untersuchte und endlich damit in sein Zimmer ging. Nachdem ich eine geraume Zeit auf dem Saale der Dinge gewartet hatte, die da kommen sollten, öffnete er die Tür und hieß mich in sein Zimmer treten. »Es ist wahr«, redete er mich an, »ich brauche einen Bedienten und, wie ich sehe, Ihr einen Herrn; aber nun fragt sich's, ob Ihr Euch in meinen Dienst schickt? denn Ihr seid jung und flüchtig! Ich gebe jährlich zwölf Taler Lohn, Kost und, nach Beschaffenheit, alle zwei Jahre Livree. Was Eure Geschäfte betrifft, so müßt Ihr nicht nur mich ordentlich bedienen, sondern Euch auch allen häuslichen Arbeiten unterziehen, hübsch meine Stube reinigen, betten, im Garten arbeiten und, wenn weiter nichts zu tun ist, Holz spalten, besonders aber die große Flasche dort täglich zweimal am N.N. Brunnen, der nur eine kleine Viertelstunde weit ist, mit Wasser füllen.« Dies, sagte er, wären meine Dienstpflichten, und wenn ich sie übernehmen wolle, so wären wir bis auf einen Umstand in Richtigkeit, daß er noch gewisse Versicherung wegen meiner Ehrlichkeit erhielt.

Diese letzte Bedingung kam mir sehr gelegen, und hastig bat ich ihn, bei meinem vorigen Herrn desfalls Erkundigung einzuziehen. Er gab mir hierauf ein Viergroschenstück, sagte, er wolle es überlegen, und ich möchte nach einiger Zeit wieder bei ihm anfragen, den Abschied aber ihm einstweilen lassen. Auf diese Zumutung erwidert ich ihm, daß ich ihn nicht dalassen könne, weil die vier Groschen, die ich seiner Freigebigkeit verdankte, zur Verlängerung meines Aufenthalts in Wurzen nicht hinreichen möchten, er möchte daher genehmigen, daß ich indes nach Leipzig zurückkehre. »Da hab ich nichts dagegen«, antwortete er, »fragt nur wieder nach!« Ja, dacht ich, schönen Dank, Herr Dompropst, da magst du lange warten, und empfahl mich.

Bei meiner Rückkunft in den Gasthof frug mich der Wirt, wie es um meinen Dienst stände. »Oh, ganz vortrefflich«,[132] gab ich zur Antwort, »solch eine herrliche Kondition hätt ich mir nicht vorgestellt, ich bin Ihnen unendlichen Dank schuldig, nur schade, daß ich den unvergleichlichen Dienst noch nicht antreten kann! Sagen Sie mir nur, was meine Zeche macht?« – »Ei, ei, so so«, erwiderte er, »Sie wollen also nicht bleiben! Nun, Ihre Zeche macht – –.« – »Das muß ich sagen«, murmelt ich zwischen den Zähnen, »das nenn ich eine billige Forderung«, legte ihm die Zahlung hin und verließ sein Haus unter dem Vorsatz, es nie wieder zu besuchen.

Quelle:
Sachse, Johann Christoph: Der deutsche Gil Blas oder Leben, Wanderungen und Schicksale Johann Christoph Sachses, eines Thüringers. Von ihm selbst verfasst, Berlin 1977, S. 128-133.
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