Reise nach Mölln zu meinem künftigen Prinzipal

[74] Am ... des Jahres 1776 verließ ich wieder das väterliche Haus, vom Segen der Mutter begleitet, und fuhr mit meinem Vater meiner Bestimmung entgegen. Unterweges unterhielt mich mein Vater von den Merkwürdigkeiten meines künftigen Wohnorts. Er sagte mir, Mölln sei ein nahrhaftes Städtchen im Herzogtum Lauenburg an dem Fluß Stecknitz und zwei Meilen von Ratzeburg gelegen. In diesem Orte liege der verrufene Till Eulenspiegel seit dem Jahre 1350 begraben, auf dessen Leichensteine eine Eule und ein Spiegel zu sehen wären. Im Jahre 1684 wäre das Städtchen von den Dänen durch Überrumpelung eingenommen worden, worüber sich die Lübecker, denen das Städtchen ehemals verpfändet gewesen, ernstlich beschwert hätten, und dergleichen mehr.

Unter solchen Gesprächen langten wir bei meinem künftigen Herrn Prinzipal an, der uns sehr wohl aufnahm und mir über die Probe, die ich im Rechnen und Schreiben ablegen mußte, seinen Beifall zu erkennen gab. Während mein Vater sich noch mit ihm unterhielt, ward mir erlaubt, mich in dem Städtchen umzusehen. Mein erster Gang war nach Till Eulenspiegels Grabmal, woran ich außer der Eule und dem Spiegel noch folgende Grabschrift fand, die ich mir in meine Schreibtafel eintrug:


Anno 1350 ist düße Steen upgehafen,

Tylle Eulenspiegel lehnent hierunter begraven.

Merket wohl und denket dran:[74]

All, die hier voröver gahn,

Wat ick gewest up Erden,

Möten my glieck werden.


In der Kirche ist auch eine hölzerne Hand zu sehen. Die Einwohner wissen nichts anders, als es sei eine Hand von einem Sohn, der seinen Vater erschlagen habe, welche zum Grabe herausgewachsen wäre etc. Auch wird sie für des heiligen Nikolaus Hand angegeben.

Bei meiner Zuhausekunft wurd ich gefragt, wie mir es in Mölln gefalle und was ich Bemerkenswertes gefunden hätte. Ich antwortete, daß mir außer Eulenspiegels Grabschrift vorzüglich die vielen Soldaten aufgefallen wären, und erfuhr bei dieser Gelegenheit, daß sie vom Regimente Ahlefeld wären und daselbst in Garnison lägen.

Erst am Folgetage verließ mich der Vater, nachdem er mir manche gute Lehre zurückgelassen hatte, und ich wurde in meine Berufsgeschäfte eingewiesen.

Mein Prinzipal war Ratsmitglied, hieß Burgermeister und wurde auch Bürgermeister. Außer seiner Schnitt- und Materialienhandlung hatte er vier Pferde und trieb auch starke Ökonomie, welche sein Schwiegervater besorgte, bei welchem ich mich bald beliebt machte. Meinem Prinzipal gefiel es besonders, daß ich mich mit seinen Kindern beschäftigte und mit ihnen spielte, und kaum war ich einige Wochen bei ihm, so rief ich schon an Markttägen den vorübergehenden Leuten zu: »Hören Sie! was suchen Sie? – Kommen Sie her! Suchen Sie sich was aus! Wir haben recht schöne Waren!« usw., so daß er einst zu mir sagte: »Man sollte glauben, du wärest bei der Kaufmannschaft auferzogen!« Wodurch ich mir aber seine Zufriedenheit ganz vorzüglich erwarb, war, daß ich nicht nur in der Ernte treulich mithalf, sondern auch, wenn die Waren von einem auswärtigen Markte zum andern geschafft wurden, oder sogar bei Lohnfuhren, dem Schwiegervater zur Erleichterung manchmal den Fuhrmann machte.

Doch, alles gute Ding währt nur eine Weile; dies erfuhr[75] auch ich! – In unsrer Handlung fielen mancherlei Arbeiten vor, welche durch Soldaten verrichtet wurden, die sich neben ihrem Solde gern einige Groschen zum Vertrinken verdienten. Sobald ich gewahr wurde, daß diese Menschen nicht ehrlich waren, hielt ich es für meine Pflicht, es meinem Prinzipal zu entdecken, welcher deshalb sie belangte und zur Strafe ziehen ließ.

Bald darauf ließ der Herr Hauptmann von Scribow mich befragen, ob ich nicht Lust hätte, als Bedienter in seine Dienste zu gehen. Dieser Antrag fiel mir auf, da zwischen dem Stand eines Offizierbedienten und dem eines Handlungsbedienten doch ein Unterschied, zum Vorteil des letztern angenommen, ist und man sich nicht gern von dem Pferde auf den Esel setzt! – Von dieser Zeit an war ich mancherlei Neckereien von seiten der Soldaten ausgesetzt, welche mir allenthalben nachstellten.

Eines Tages, als ich durch das Tor ging, rief mir der unterm Gewehr stehende Soldat zu: »Warte nur, du verfluchter Schurke, wenn wir dir erst den roten Rock angezogen haben, dann wollen wir dir dein Trinkgeld schon wiedergeben!« – Vermutlich war es einer von denen, welchen der Koller ausgeklopft worden war. – Diese Drohung ließ mir nichts Gutes ahnen, und in diesem Glauben ward ich um so mehr bestärkt, als ich bei der Rückkehr im Tore von einigen Soldaten angefallen wurde, die mich in die Wache zu schleppen suchten. Ich wehrte mich wie ein Rasender, machte mich los und entlief ihnen. Da sie mich aber eine ganze Strecke weit verfolgten und mir nachriefen: »Wart, Bursche, dich wollen wir schon bekommen!«, so sah ich ein, daß es auf meine Freiheit abgesehen wäre und ich mich ihren ferneren Nachstellungen um so mehr entziehen müsse, da der Soldaten stand, wie er damals war, im allgemeinen wohl durch sein Äußeres imponierte, mir aber durch sein Inneres eben keine Achtung einflößte. Hierzu kam, daß mich mein Prinzipal maulschellierte, weil ich, wie er sagte, den Leuten zu reichlich geschnitten und gewogen hätte.[76]

Alles dies zusammengenommen bestimmte mich, Urlaub zu nehmen und nach Hause zu reisen. Bei meiner Ankunft war mein Vater nicht gleich zugegen, daher ich Gelegenheit nahm, meine Lage der Mutter mit den grellsten Farben zu schildern, wodurch ich den Vorteil erhielt, sie für meinen Abgang von der Kaufmannschaft zu gewinnen. Schwerer war der Vater zu überreden, daß ich wirklich des Soldatenstandes wegen in Gefahr wäre, weshalb er sich entschloß, mich selbst nach Mölln zu begleiten, um sich von der Wahrheit oder Falschheit meines Vorgebens zu überzeugen.

Zum Glück hatte mein Prinzipal während meiner Abwesenheit sich bei dem Herrn Hauptmann von Scribow beschwert, daß man ihm seinen Lehrburschen abspenstig zu machen suche, worauf er geantwortet hatte, daß er nicht gesonnen sei, mich mit Gewalt in seine Dienste zu nehmen; und als mein Herr ihm den Vorfall im Tore erzählte, hatte er gesagt, daß der, welcher mir die Hasenfurcht eingejagt hätte, exemplarisch bestraft werden sollte. Da ich Zeit und Stunde anzugeben wußte, in der es geschehen war, so hätte der Schuldige durch die Wachtliste leicht ausgemittelt werden können, da ich aber denselben namentlich angeben sollte, so blieb die Sache, wie gewöhnlich, vertuscht.

Mein Prinzipal merkte mir es an, daß ich keine Lust zur Kaufmannschaft mehr habe, und da sich eben ein Lehrbursch angetragen und ein ansehnliches Lehrgeld angeboten hatte, so sagte er zu meinem Vater, er habe nichts dagegen, wenn er mich wieder wegnehmen wolle.

Schwerlich würde mein Vater diesen Antrag so bald angenommen haben, wenn sich nicht Gelegenheit dargeboten hätte, mich als Schreiber bei dem Herrn Amtmann Knoch zu Schwarzenbek anzubringen, dessen Vater, ein berühmter Jurist, 1721 die Untersuchungsgeschichte des berüchtigten Kirchenräubers Nickel List geleitet hatte.

Quelle:
Sachse, Johann Christoph: Der deutsche Gil Blas oder Leben, Wanderungen und Schicksale Johann Christoph Sachses, eines Thüringers. Von ihm selbst verfasst, Berlin 1977, S. 74-77.
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
Der deutsche Gil Blas
Der deutsche Gil Blas oder Leben, Wanderungen und Schicksale Johann Christoph Sachses, eines Thüringers
Der deutsche Gil Blas. Eingeführt von Goethe. Oder Leben, Wanderungen und Schicksale Johann Christoph Sachses, eines Thüringers

Buchempfehlung

Musset, Alfred de

Gamiani oder zwei tolle Nächte / Rolla

Gamiani oder zwei tolle Nächte / Rolla

»Fanni war noch jung und unschuldigen Herzens. Ich glaubte daher, sie würde an Gamiani nur mit Entsetzen und Abscheu zurückdenken. Ich überhäufte sie mit Liebe und Zärtlichkeit und erwies ihr verschwenderisch die süßesten und berauschendsten Liebkosungen. Zuweilen tötete ich sie fast in wollüstigen Entzückungen, in der Hoffnung, sie würde fortan von keiner anderen Leidenschaft mehr wissen wollen, als von jener natürlichen, die die beiden Geschlechter in den Wonnen der Sinne und der Seele vereint. Aber ach! ich täuschte mich. Fannis Phantasie war geweckt worden – und zur Höhe dieser Phantasie vermochten alle unsere Liebesfreuden sich nicht zu erheben. Nichts kam in Fannis Augen den Verzückungen ihrer Freundin gleich. Unsere glorreichsten Liebestaten schienen ihr kalte Liebkosungen im Vergleich mit den wilden Rasereien, die sie in jener verhängnisvollen Nacht kennen gelernt hatte.«

72 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon