IV. Ein Frommer.

Es war im Mai des Jahres 1829 und ich hatte, mit Freuden dem Geräusch und Gewühl der großen Stadt entfliehend, mit meinen Kindern in dem eine Stunde von Hamburg belegenen, über alle Beschreibung reizenden Dorfe Winterhude mein Landhaus bezogen. Wir schmachteten Alle nach reineren Lüften, einer grün bekleideten Erde, Vogel-Gesang und einem unbeschränkten Horizonte, Dinge, die der Stadt-Bewohner entbehren muß.

Das Alles fanden wir in unserm geliebten Dörfchen, dem Eldorado unserer Wünsche in den langen und traurigen Wintertagen. Die ersten Spaziergänge, die man macht, nachdem man dem Winter und dem Getreibe einer großen Stadt entflohen,[151] wie köstlich sind sie nicht, und wie reinigen und erheben sie nicht zugleich unsere Seele! Ist es doch gleichsam, als ob man mit der reineren, leichteren und balsamischeren Luft auch wieder reinere Gesinnungen einathmete; kehrt man doch von der Verbildung, die durch das Leben in großen Städten so leicht über uns kömmt und uns zu einem Kunstwerke, zu einer regelmäßig aufgezogenen Uhr macht, die nur immer einen Schlag zu picken versteht, wenn nicht etwa eine Leidenschaft das Getriebe in Unordnung bringt, kehrt man doch von der Verbildung so gern wieder zur Natur zurück, von der wir ein Theil sind, und fängt es in uns an zu blühen und zu treiben, wie auf den Wiesen und Feldern, bunt durch einander, und unbekümmert um Form und Regel!

Solche Betrachtungen waren es vielleicht, die mich erfüllten, als ich früh an jenem schönen Mai- und Sonntag-Morgen mit meinen drei Söhnen das Haus und das anmuthige Dörfchen verließ, um zu den das letztere reizend begrenzenden Hügeln einen Spaziergang zu machen und von den Höhen aus einer unübertrefflichen Aussicht zu genießen. Die Kinder schweiften bald hie- bald dorthin; der sinnige, mir zu früh entrissene Karl[152] folgte bereits seiner Lieblings-Neigung und suchte emsig Blumen und Kräuter auf, deren Namen und Classe ich ihm, so weit meine geringen botanischen Kenntnisse gingen, nennen mußte, und die er dann getreulich in seinem köstlichen Gedächtnisse bewahrte; der schelmische Julius sammelte bunte Steinchen und warf den ältern Bruder, ihn neckend wegen seines großen Ernstes, auch wohl gelegentlich damit, und der kleine Alphons hatte seine Herzensfreude an dem zahmen Ziegenböckchen, das uns auf unsern Spaziergängen, wie ein getreuer Hund, zu folgen gewohnt und der Liebling der drei Kinder war.

In meiner Seele herrschte jene Stille, jener Friede, die zugleich dem Herzen einen Vorgeschmack der Seligkeit und dem Geiste Fruchtbarkeit verleihen; ich genoß, empfand und dachte so viel, und Alles, was ich genoß, fühlte und dachte, stimmte so harmonisch mit einander überein!

Das Horn des Hirten, der die Heerde des Dorfes zusammentrieb, lenkte die Aufmerksamkeit der Kinder auf diese, und jubelnd hüpften sie auf einen bereits ältlichen Mann zu, der ihr Führer war; sie reichten ihrem barfüßigen Freunde zutraulich die Hand und ich bemerkte, daß sie schon lange mit einander bekannt sein mußten.[153]

– »Ihr kennt den Mann?« fragte ich Karln, der am ersten zu mir zurückgekehrt war.

– »O, er ist unser guter Freund und Jochens Vater!« war die Antwort.

– »Und wer ist Jochen?«

– »Der eigentliche Hirte des Dorfes, der, welcher uns vor einigen Tagen das allerliebste März-Häschen geschenkt, dem wir aber wieder die Freiheit gaben, weil es so unruhig in seinem Käfig war und immer gegen die Holz-Stäbe anlief, als wolle es sie zerbrechen. Der Vater führt heute nur die Heerde in's Feld, weil Jochen zur Kirche mußte; sie lassen das einen Sonntag um den andern umgehen, und heute ist an Jochen die Reihe.«

Der alte Hirte war indeß mit seiner Heerde ganz nahe heran gekommen, und da seine Art zu grüßen – er that es mit einem biblischen Spruche – so wie seine Physiognomie mir auffielen, betrachtete ich mir den Mann näher.

Man redet viel davon, daß jedes Menschen-Gesicht mit einem thierischen Aehnlichkeit haben solle, und nie noch fand ich diesen thierischen Ausdruck stärker ausgeprägt, als in der Physiognomie dieses Mannes: er sah einem Ziegenbock so ähnlich[154] und hatte für diese Aehnlichkeit durch das Wachsenlassen eines langen, grau und schwarz melirten Bartes, der das ganze Kinn umschloß, so viel gethan, daß ich meine Augen kaum von dieser höchst seltsamen, auffallenden Erscheinung abwenden konnte. Besonders nahm der sehr große, in den Winkeln etwas aufwärts gehende Mund mit zwei Reihen Zähnen, die einem Pferde Ehre gemacht haben würden, meine Aufmerksamkeit in Anspruch.

Wenn die Damen in der Stadt, wie wohl zu geschehen pflegt, sich von einem Hirten eine Idee à la Geßner gemacht, so würden sie sich beim Anblick dieses meines idyllischen neuen Bekannten grausam getäuscht gefunden haben; da gab es kein farbiges flatterndes Band am Hute, ja, nicht einmal einen Hut selbst; keine mit bunten Litzen und blitzenden Knöpfen besetzte Jacke; keinen Blumenstrauß im Knopfloch; keine Schuhe mit silbernen Schnallen oder bunten Schleifen verziert, sondern einen Anzug, aus dem Schmuz und Armuth deutlich und fast ekelhaft hervorsahen. Ein sehr grobes, lange nicht gewaschenes und etwas zerrissenes Hemd und eine gleiche Hose von noch gröberem Leinen, bildeten, nebst dem Reste einer Weste, die ganze Bekleidung dieser neuen Bekanntschaft;[155] Haupt und Füße waren ohne jegliche Bedeckung.

– »Frau Doctorin,« hub Zimmermann – dies war sein Name – die Unterhaltung mit mir in dem in dieser Gegend unter den niedern Ständen ungewohnten Hochdeutsch an, »Sie haben ganz allerliebste Kinderchen, charmante Kinderchen, sag' ich Ihnen und hübsch sind sie auch: Gott wolle sie Ihnen erhalten, wenn's zu Ihrem und der Kinder Heile ist!«

Ich dankte ihm für das meinen Kindern gemachte Compliment, so wie für seinen freundlichen Wunsch und wollte, die Unterhaltung hier abbrechend, an ihm vorübergehen; allein ich kam so leichten Kaufes nicht los, indem er gleichen Schritt mit mir hielt und die Conversation mit einer mich in Erstaunen setzenden Suade fortsetzte.

– »Sie sind nicht aus dieser Gegend?« fragte ich ihn im Laufe dieses Gesprächs, das mich, der gewählten Ausdrücke wegen, die ich von diesem Hirten vernahm, zu interessiren begann.

– »Ihnen zu dienen, Frau Doctorin, ich bin aus der Ober-Lausitz und meiner Confession nach ein Herrnhuther.«[156]

– »Wie sind Sie denn hieher verschlagen worden?«

– »Die Schicksale der Menschen sind oft wunderbar, und Gott lenkt unsre Wege und Schritte. Die meinigen führte er hieher, um der Trost einer armen Wittwe und der Beschützer zweier Waisen zu werden, die ohne mich weder aus noch ein gewußt hätten. Ich habe die Wittwe geheirathet und bin ihren Kindern ein getreuer Vater; um diese gottselige Pflicht erfüllen zu können, erblicken Sie mich jetzt im Stande der Erniedrigung, für den ich nicht geboren, noch erzogen bin. An meiner Wiege ist es mir nicht vorgesungen worden, daß ich hier hinter den unvernünftigen Thieren hergehen würde; allein wie Gott will! Sein Wille sei gepriesen in Ewigkeit!«

– »Welches Geschäft betrieben Sie denn früher?« fragte ich, die ich mich für den Mann lebhaft zu interessiren anfing.

– »Ich verstehe die Weberei und kann Ihnen die schönsten Muster in Drell und Damast weben, Blumen-, Frucht- und Thierstücke, je nachdem man es begehrt. Das ist eine hübsche Arbeit, sage ich Ihnen, meine liebe Frau Doctorin, und man kann so nach Herzenslust dabei denken, ein frommes, gottesfürchtiges Lied singen, auch wohl gelegentlich[157] einmal einen Vers dabei machen, sei's in deutscher, lateinischer, französischer oder englischer Sprache, denn die verstehe ich alle, und es thut mir nur leid, daß ich nicht auch noch Griechisch gelernt habe, was eine sehr schöne Sprache sein soll.«

Man kann sich mein Erstaunen denken, als ich diesen Menschen, dessen Aeußeres so beschaffen war, daß man ihn einen der niedrigsten Plätze in der menschlichen Gesellschaft einzunehmen bestimmt glauben mußte, so reden und ihn nicht nur von fremden Sprachen, sondern auch von der edeln Verskunst sprechen hörte, und das im Tone der festesten Zuversicht und ohne den Anschein zu haben, als fürchte er sich, auf die Probe gestellt und von mir beschämt zu werden.

– »Ja,« fuhr er fort, »meine lieben Eltern, oder wenn Sie wollen, Pflegeeltern, haben mir eine gute Erziehung gegeben, und für die Weberei war ich zu Anfang auch nicht bestimmt, sondern sollte Gottes Wort studiren, wozu ich große Neigung hatte. Dann führte mich mein Schicksal in die Brüdergemeinde zu Herrnhuth, und es wurde Alles anders, als zuvor beschlossen worden war, und am Ende kam ich gar hieher. Indeß glauben Sie nur nicht,« fügte er mit einer etwas geheimnißvollen[158] Miene hinzu, »daß ich dazu bestimmt bin, immer so in Knechts-Gestalt zu wandeln, wie ich jetzt thue; die Zeit der Prüfung wird vorübergehen und ich herrlich dafür belohnt werden, daß ich sie ohne Murren bestand.« »Wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden,« »heißt es in der heiligen Schrift, und wenn Manche wüßten, wen sie vor sich haben –« er warf auf mich einen bedeutungsvollen Blick – »so würden sie mit ganz andern Augen auf mich sehen. Allein die mir von Gott zu meiner Läuterung bestimmte Zeit wird bald, vielleicht in den nächsten Monaten schon, ihr Ende erreichen, und man wird seltsame Dinge erleben und vernehmen. Jetzt mit Gott, liebe Dame,« fügte er hinzu, mich mit der Hand begrüßend, da er es mit der Mütze oder dem Hute nicht thun konnte, weil beide ihm fehlten; »ich muß die Kühe da in das Moor hinuntertreiben, und dahin werden Sie mir wohl nicht folgen, weil es sehr naß und schmuzig dort ist.«

Er rief jetzt seinem Hunde, der, gehorsam seinem Befehle, die etwas zerstreute Heerde zusammen trieb, und lenkte dann seitwärts mit ihr ab.

Ich gestehe aufrichtig, daß es diesem Manne gelungen war, meine Aufmerksamkeit zu erregen[159] und mein Interesse in Anspruch zu nehmen, und wenn ich gleich seinen Worten keinen unbedingten Glauben schenkte, zumal da so viel Abentheuerliches in ihnen lag, so mußte ich doch seine Bildung und vor allen Dingen seine Art zu reden und seine Gedanken klar auszudrücken, bewundern; denn Landleute und Hirten wie diesen trifft man im nördlichen Deutschlande, wenn ich die zu Holstein gehörende Marsch ausnehme, wo es nicht nur viele offene und fähige Köpfe, sondern auch unterrichtete Leute unter den Landleuten giebt, nicht an. Das, was dieser Mann sagte, trug überdies eine ganz eigene Färbung an sich; kurz, er erregte meine Neugier in einem hohen Grade, und ich beschloß, ihn näher kennen zu lernen, wozu ich die beste Gelegenheit hatte, da seine Hütte meinem Landhause gerade gegenüber lag.

Es dauerte nicht lange, so stellte er sich bei mir ein, um mir, die ich zum Anbau des benöthigten Gemüses ein Stück Land suchte, gegen einen mäßigen Pachtzins seinen Garten anzubieten, indem er sich zugleich erbot, sowohl in meinem eigenen Garten, als in dem von ihm gemietheten, den Gärtner zu spielen.

– »Aber, lieber Freund, verstehen Sie denn[160] das auch?« war die natürliche Frage, die ich an den Vielwissenden richtete. – »Was sollte ich nicht! Ich bin ausgelernter Gärtner und habe als solcher mehre Jahre auf dem Gute des Grafen von – der Name ist mir entfallen – gedient. O, da haben wir herrliche Sachen gezogen, und unsere Treibereien hätten Sie sehen sollen, unsern Wein, die Melonen, die Ananasse selbst! Es geht kein Geschäft über die Gärtnerei, und wenn es nach meinem Sinne ginge, so hinge ich alles Andere an den Nagel, und würde wieder Gärtner. Da aber sind Frau und Kinder, die wollen leben, die wollen ein festes, sicheres Brot haben, und das kann ich ihnen im Sommer als Hirte, im Winter als Weber geben. Sehen Sie, so muß man seiner Pflicht sein Vergnügen aufopfern; allein Ihren Garten gehörig zu bestellen, dazu würde ich neben den andern Geschäften, die mir obliegen, noch Zeit haben, und über den Preis meiner Bemühungen wollen wir nicht feilschen: Sie geben mir, was Sie wollen, denn ich weiß schon, Sie sind nicht unbillig, und ich bin es auch nicht.«

Mir kam sein Antrag eben recht, denn wirklich bedurfte ich eines Mannes, wie er zu sein vorgab, und wir wurden über den Preis bald[161] einig. Noch denselben Tag fing er in dem von ihm gemietheten Garten zu graben und zu hacken an, und ich konnte nicht über seinen Fleiß klagen. Nur beim Säen und Pflanzen des Gemüses hatte er seine eigenen, ganz vom Gewöhnlichen abweichenden Ideen, und wenn ich einige Bedenklichkeiten darüber äußerte, so beschwichtigte er sie dadurch, daß er behauptete, auf dem Gute des Grafen es so gemacht zu haben, und dort sei Alles trefflich gediehen. Auch in meinem Blumen-Garten erlaubte er sich einige Willkür; so traf ich ihn eines Morgens früh, als ich aufkam, bei meinen schönen Rosen an, die er, obgleich es Mitte Juni war, zum Theil aus der Erde genommen und stark beschnitten hatte.

– »Mein Gott, Zimmermann, was soll denn das?« fragte ich erschrocken, als ich die dem Blühen nahen Stöcke in diesem traurigen Zustande sah; »Sie werden mir alle meine schönen Rosen verderben!«

– »Hat nichts zu sagen, beste Frau Doctorin, hat nichts zu sagen! Sie hätten doch gern spät im Herbste, wenn es keine Rosen mehr giebt, noch welche, nicht wahr? Nun, ich verspreche Ihnen im October von diesen ausgenommenen Rosenstöcken eine wahre Rosen-Pracht; lassen Sie[162] mich nur machen, Sie sollen schon zufrieden mit mir sein.«

Er sagte das mit einer so großen Zuversicht und fuhr dabei so emsig in seinem Geschäfte fort, daß sich die Furcht in mir verlor, ich habe vielleicht Eulenspiegel den Zweiten in meinen Dienst genommen. Indeß fiel die Sache noch schlimmer aus, als ich zu Anfang gefürchtet hatte, denn meine schönen Rosen, worunter manche seltene waren, gingen nach der Reihe heim, und als ich Zimmermann darüber zur Rede stellte, hatte er keine andere Entschuldigung, als:

– »Ei, das ist seltsam! Gott aber hat's so haben wollen, zweifeln Sie nicht daran, er hat's so haben wollen, denn sonst müßten die Rosen jetzt trefflich stehen.«

Im Gemüse-Garten ging es nicht besser; er versuchte so viele seltsame und abentheuerliche Dinge, daß ich fast gar keine Frucht bekam, und was das Schlimmste war, so hatte er Alles schon vor Sonnen- Aufgang und ohne mich vorher zu befragen gethan, so daß mein Verbot nichts half. Unter andern erinnere ich noch, daß er die Gurken, gleich den grünen Erbsen, hoch an Stöcken in die Höhe leitete, und die Folge davon war,[163] daß bei einem Sturme alle die schweren Ranken abbrachen und ich keine Frucht davon bekam.

– »Sehen Sie,« sagte er resignirt – ich war es nicht – »daß es Gottes Wille nicht war, daß Sie in diesem Jahre Gurken ziehen sollten? Welche herrliche, ganz andere, als Sie sonst gespeis't, würden Sie sonst erhalten haben! Auf dem Gute meines Herrn Grafen gelang dieses Kunststück, das nur von ganz ausgelernten Gärtnern geübt wird, immer ganz vortrefflich, und ohne den Sturm in voriger Nacht, den uns Gott sandte, würde es auch uns gelungen sein; wer aber kann gegen Gott an?«

Ich hatte jetzt von meinem Gärtner genug, ohne diesem jedoch ernstlich zürnen zu können, da er sich, seine Sonderbarkeiten abgerechnet, als den redlichsten Mann bewies und mir gewissenhaft Alles brachte, was er im Garten erzielte. Freilich nahm ich mir im Stillen vor, ihn für das nächste Jahr seiner Functionen zu entheben; allein ich fuhr trotz dem fort, ihm wohl zu wollen und nach Kräften Gutes zu thun. Sein Dank für die kleinen, ihm und seiner darbenden Familie erzeigten Wohlthaten war immer:

– »Das hat Ihnen Gott in's Herz gegeben[164] Er wußte, was ich bedurfte, und sandte es mir durch Sie.«

Oft bat er mich auch um Bücher, allein es mußten geistliche sein, wovon ich nicht eben großen Vorrath in meiner Bibliothek hatte, und ein ander Mal brachte er mir sehr zerlesene und schmuzige Bücher, Heftchen und Blätter, die mich, wie er behauptete, schon zu seinem beseligenden Glauben bekehren würden, wenn ich sie nur läse. Dies war mir aber, wegen der darin enthaltenen Abgeschmacktheiten, unmöglich, und ich bat ihn, mich damit zu verschonen, was ihn sehr betrübte, denn er ging eifrig darauf aus, eine Proselytin aus mir zu machen und mich seiner geliebten Brüder-Gemeinde zuzuführen.

Bei seiner anscheinend großen Frömmigkeit fiel es mir jedoch auf, daß er so oft das furchtbarste Gesindel in seiner Hütte beherbergte. Eine Stunde von unserm Dörfchen lag nämlich ein anderes Dorf, wovon ein Theil – man nannte ihn den Grund – von Zigeunern, Bettlern, Taschenspielern, Seiltänzern etc. bewohnt wurde, lauter Leute, die im schlechtesten Rufe standen und denen man Abends allein zu begegnen fürchtete. Diese Alle fanden, wenn sie die Jahrmärkte der umliegenden Dörfer besuchten, um entweder zu[165] betteln, oder ihre Kunststücke zu machen, bei Zimmermann willige Aufnahme, und so gab es oft die buntesten und groteskesten Scenen in seinem Hause und Garten, die mich und meine Gäste nicht selten sehr belustigten.

Einen noch gefährlichern Besuch erhielt er von Zeit zu Zeit von den Bettlern, die in einem andern nahe gelegenen Dorfe ihre Bettler-Herberge hatten, und gleichfalls zu den in der Umgegend stattfindenden Märkten strömten, wo sie als Krüppel oder als mit Aussatz und Geschwüren Bedeckte, gute Geschäfte machten, allemal aber erst bei ihrem »guten Freunde,« dem Herrnhuther, einkehrten, wenn sie durch unser Dorf kamen.

Bei dieser Gelegenheit habe ich auch in Erfahrung gebracht, wie es Leute machen, von Zeit zu Zeit reine Wäsche zu bekommen, auch wenn sie nur ein Hemde haben. Die guten Freunde und Bekannten Zimmermanns zogen sich an schönen, warmen Sommertagen aus, als wollten sie in's Bad steigen; allein nur ihre Kleidung unterwarfen sie der Reinigung; diese wurden im Zustande der Natur von ihnen am Brunnen gewaschen, auf die Büsche gelegt und getrocknet und während dies geschah, ergingen sich ihre Besitzer[166] im Stande der Natur im warmen Sonnenschein im Garten, wobei sie nicht selten behaglich ihr Pfeifchen rauchten und ganz so ungenirt wie in ihrer Kleidung waren.

Als ich, mit Recht über einen solchen Unfug und einen solchen Skandal entrüstet, Zimmermann dar über zur Rede stellte, wie er so Etwas bei sich dulden könne? gab er mir mit der größten Gelassenheit zur Antwort: es sei nun einmal Gottes Wille, daß er mit diesem Auswurfe der Menschheit verkehren müsse, und dann lebe er auch der frohen Hoffnung, daß es ihm schon bei Vielen gelungen sei, sie zu Gott und zu der wahren Lehre zu bekehren.

– »Sehen Sie,« sagte er dann mit Pathos, »wenn man die Hoffnung haben darf, ein räudiges Schaaf in den Stall zurück zu führen, so muß man sich nicht davor scheuen, die Hände dabei zu beschmuzen.«

– »Wohl aber, von ihm angesteckt zu werden,« erwiederte ich, und er schwieg.

Diese Beobachtungen flößten mir ein gerechtes Mißtrauen gegen den scheinbar so frommen Mann ein; allein andere machten mich bald wieder irre in meinen ihm nachtheiligen Vermuthungen.[167] So war er nicht nur ein Muster von Fleiß, und vom frühesten Morgen bis spät in die Nacht unermüdet thätig, sondern auch der treueste, liebevollste Gatte und Vater, obgleich die Kinder seiner Frau nicht seine eigenen, sondern nur seine Stiefkinder waren. Oft, wenn ich ihm, den ich zwar nicht mehr als Gärtner – denn damit hatte er es bei mir verdorben – aber doch zu andern kleinen häuslichen Verrichtungen benutzte, Dieses oder Jenes gab, was ihm wohl hätte schmecken können, sah ich, daß er es nicht selbst genoß, sondern es für Frau und Kinder mit nach Hause nahm. Er that dies nicht offenbar, denn dann hätte ich Mißtrauen darin gesetzt, sondern heimlich, auch liebten seine Stiefkinder ihn aufrichtig und waren wohl gezogen, so weit sie es in ihrem Stande sein konnten. Auch war er ein freundlicher und hülfreicher Nachbar und oft sah ich ihn sein kärgliches Brot mit noch Aermern willig theilen.

Kurz, ich konnte über diesen Mann, so scharf ich ihn auch beobachtete und so oft ich auch Mißtrauen gegen ihn faßte, nicht mit mir in's Reine kommen, und schob so mein Urtheil über ihn noch auf.

Von seinen Kenntnissen erhielt ich wirklich manchen Beweis; so sprach er nicht nur die[168] Muttersprache durchaus richtig, sondern corrigirte auch seine Kinder, wenn sie falsch sprachen, und Englisch und Französisch verstand er gleichfalls, wie ich oft zu bemerken Gelegenheit hatte. Das Letztere war mir freilich daraus erklärlich, daß er als Leinweber-Geselle gewandert hatte und, wie er selbst eingestand, auf seiner Wanderschaft sowohl nach England, als nach Frankreich gekommen war. Ein sehr gutes Gedächtniß mußte er übrigens haben, denn nie habe ich einen Menschen gekannt, der so voll biblischer Sprüche, Lieder-Verse, Sprichwörter und Poesien aller Art steckte, wie er. Auf Alles wußte er durch einen Vers oder einen Spruch eine Nutzanwendung zu machen, und oft waren seine Bemerkungen nicht nur treffend, sondern sogar überraschend witzig. Von seinen eigenen Poesien, so oft er auch davon sprach, und so sehr ich auch in ihn drang, sie mir zu zeigen, habe ich nie etwas zu Gesichte bekommen, es wird also nichts damit gewesen sein, denn es fehlte ihm nicht an einer gewissen Eitelkeit und er ließ sein Licht gar zu gern vor den Leuten leuchten, folglich würde er mir auch seine Gedichte gezeigt haben, wenn er wirklich welche gemacht hätte. Er versprach von Zeit zu Zeit, sie mir zu bringen; allein er hielt nie[169] Wort, und an einer Entschuldigung fehlte es ihm nie für dieses Nichtworthalten.

Die Schriften von Jung-Stilling kannte er sämmtlich und sie schienen seine Lieblings-Lectüre zu sein, was mich, bei der Richtung seines Geistes, nicht Wunder nahm, als ich selbst sie späterhin las; Jacob Böhme war aber der Schriftsteller, von dem er mit Begeisterung sprach und dem er Alles zu verdanken habe, wie er sagte.

So kam der Herbst heran und mit ihm für mich die Nothwendigkeit, mein geliebtes ländliches Asyl bis zum nächsten Frühlinge zu verlassen und zur Stadt zurück zu kehren. Zimmermann war mir beim Umzuge behülflich, ich beschenkte ihn, da ich voraus sah, daß der Winter manche Noth für ihn herbeiführen würde, mit einer kleinen Summe Geldes, und wir trennten uns als die besten Freunde.

Kaum war ich einige Wochen wieder in der Stadt, so wurde mir an einem Morgen sein Besuch angemeldet; ich ließ ihn kommen und erstaunte nicht wenig über seinen ganz veränderten Anzug, der zwar seinem jetzigen Stande angemessen, aber reinlich und sogar neu war; an einer brauntuchenen Jacke prangten sogar zwei Reihen großer silberner Knöpfe. Ich freute mich, ihn so[170] wohlbehalten zu sehen, und er sagte mir mit anscheinend fröhlicher Miene, daß die Zeit seiner Prüfung sich jetzt ihrem Ende nahe und daß es von nun an immer besser und besser mit ihm werden würde; über das Wie? ließ er sich jedoch nicht aus, und lächelte nur mit geheimnißvoller Miene, als ich ihn darüber befragte. Späterhin erfuhr ich jedoch, daß er die gute und schickliche Kleidung, welche ich bei diesem Besuche an ihm sah, verpfändet gehabt und von dem Gelde wieder eingelöst, das ich ihm beim Scheiden geschenkt hatte, auch sah ich ihn in der Folge nie wieder in derselben; vermuthlich hatte er sie, von Noth gedrängt, nochmals versetzen müssen und nicht wieder einlösen können.

Nachdem wir die ersten Worte gewechselt und ich ihn mit einem Glase Wein erquickt hatte – den hier unter den Landleuten so beliebten Branntwein trank er nie – trat er mit seinem Anliegen hervor. Er wünschte einen Louisd'or von mir geliehen zu haben, da er sich, wie er sagte, durch dieses Darlehn einen ganz guten Winter machen könne, indem er Gelegenheit hätte, eine bedeutende Quantität gesponnener Baumwolle einzukaufen, die, von ihm während des Winters verwebt, ihm und den Seinen das nöthige Brot geben[171] würde. Er versprach fest und feierlich, von dem Tage an gerechnet, über drei Wochen mir das Geld wieder zu bringen, weil er dann ein von ihm gewebtes Stück Leinwand würde abliefern und die Bezahlung dafür bekommen können.

Ich stand um so weniger an, seinen Wunsch zu erfüllen, da dies das erste Mal war, daß er Geld von mir lieh, und mir das Wohl oder Weh einer Familie nicht gleichgültig sein konnte, die sich rechtlich zu ernähren suchte; auch schien mir dies eine Gelegenheit, den seltsamen Mann näher kennen zu lernen.

Ich gestehe, daß ich nicht darauf rechnete, mein Geld wieder, oder doch es in der von Zimmann bestimmten kurzen Frist wieder zu erhalten; groß war daher mein Erstaunen, als er nach drei Wochen, gerade an dem von ihm anberaumten Tage, wieder zu mir kam und mir einen blanken Louisd'or, sauber in Papier gewickelt, mit seinem besten Danke überreichte. Für meine Kinder hatte er überdies noch ein Geschenk, bestehend in zwei allerliebsten, zahmen Lerchen, denen sein Sohn von Weidenstäben einen hübschen Käfig geflochten hatte, zur Bezeigung seiner Dankbarkeit mitgebracht. Es fiel mir indeß auf, daß er, statt der guten Kleidung, die er das vorige Mal angehabt[172] hatte, wieder in einer sehr schlechten erschien, die ihn nicht einmal gegen die rauhe Jahreszeit gehörig beschützte; ich wagte es aber nicht, ihn nach dieser Veränderung zu befragen, aus Furcht, ihm wehe zu thun, und so schieden wir von einander.

Kaum waren acht Tage seit der Zurückerstattung meines Darlehns verflossen, so war mein Zimmermann abermals da, und ließ sich von meinem Dienstmädchen nicht abweisen, obgleich dieses ihm sagte, daß er mich nicht wohl sprechen könne, weil ich Besuch habe; so ging dieses denn endlich, um ihn bei mir anzumelden, und ich ließ ihn in ein anderes Zimmer kommen, um ihn dort anzuhören, weil ich nicht wollte, daß der alte Mann einen so weiten Weg vergebens gemacht haben sollte.

Seine Miene, als er zu mir eintrat, drückte eine große Bewegtheit, ja, eine an ihm durchaus ungewöhnliche Aufgeregtheit, aus, und er trat mit hastigen Schritten zu mir ein.

– »Liebe Frau Doctorin,« begann er, »Sie sind so gütig, so menschenfreundlich, und so wage ich eine neue Bitte an Sie. Ich habe einen Freund, einen Landsmann und Glaubens-Bruder in dieser Stadt, der sich mit einem Häuflein Kinder und einer kranken Frau in der größten[173] Verlegenheit befindet. Zehn Thaler könnten ihn retten; ich habe sie leider nicht, allein ich weiß, daß mein Freund durch von Auswärts kommende Hülfe bald in den Stand gesetzt sein wird, das Darlehn zurückzuzahlen, und überdies verbürge ich mich für die Rückzahlung, die spätestens in sechs Wochen – ich setze mit Fleiß eine so lange Frist, um nicht zum Schelmen an meinem Worte werden zu können – erfolgen soll.«

Ich vermochte einer so dringenden Bitte nicht zu widerstehen und gab ihm das Verlangte, worauf er sich freudig und mit tausend Segenswünschen von mir entfernte. Ich war wirklich sehr neugierig, zu erfahren, ob er sein Wort wieder halten würde, auch kam er wirklich nach Ablauf der sechs Wochen zu mir, allein mit trauriger Miene und leeren Händen. Die Frau seines Freundes, sagte er, wäre indeß gestorben und das von Auswärts für denselben eingegangene Geld habe theils zu den Verpflegungs-, theils zu den Begräbnißkosten derselben verwendet werden müssen; ich solle daher Geduld haben und mich versichert halten, daß ich mein Geld auf keinen Fall einbüßen werde.

Was sollte ich machen, als eine solche Geduld üben? Allein sie verließ mich, als Zimmermann[174] eine neue Anleihe bei mir machen wollte, und zwar unter dem Vorwande, daß er wieder Gelegenheit habe, eine gute Portion Garn billig einzukaufen. Ich schlug ihm dieses ab, indem ich ihm erklärte, daß ich zwar gern hülfe, so weit es meine Mittel erlaubten, allein es mir zur festen Regel gemacht habe, nie Denen einen zweiten Vorschuß zu bewilligen, die den ersten nicht auf die Stunde wieder erstattet hätten. Ueberdies habe er mir ja das erste Mal gesagt, daß das eingekaufte Garn hinreichen würde, ihm für den Winter Arbeit und Unterhalt zu gewähren, folglich der nun zu machende Ankauf unnütz sein würde, da er im Sommer andere Beschäftigungen und keine Zeit zum Weben habe.

Gegen diese Argumente ließ sich von seiner Seite nichts einwenden, und er verließ mich, ohne weiter zu bitten, noch Unwillen über meine abschlägige Antwort zu bezeigen. Ich sah ihn den Rest des Winters über nicht wieder und auch mein Geld blieb aus.

Groß war jedoch mein Erstaunen, als ich im Frühlinge wieder aufs Land hinauszog, und von den Landleuten hörte, die mir, wegen mancher kleinen Dienste, die ich ihnen im Laufe des vorhergehenden Sommers geleistet hatte, überaus gewogen[175] waren, daß Zimmermann mich im Dorfe »schlecht gemacht,« das heißt, auf mich gescholten und behauptet habe: »ich könne nimmermehr in's Himmelreich kommen.« Klüglich hatte er aber dabei verschwiegen, woher sein Zorn stamme und daß ich ihm eine zweite Anleihe abgeschlagen, nachdem er die erste nicht wieder entrichtet hatte; allein die Landleute kannten ihn, er war aller Welt schuldig wie mir, und so hatte man schon das Rechte vermuthet.

Ich war weder beleidigt, noch sehr überrascht durch das, was ich jetzt erfuhr, denn wer hätte wohl mit einem etwas weichen Herzen lange in einer großen Stadt gelebt, ohne Erfahrungen der Art in Menge gemacht zu haben? allein ich war sehr neugierig, wie mein Mann sich benehmen würde, wenn ich ihm sein Betragen vorwürfe.

Die Gelegenheit, dies thun zu können, ließ nicht lange auf sich warten; ich hatte mich kaum in meiner ländlichen Wohnung wieder eingerichtet, so erschien mein Zimmermann an einem Morgen, um mir seine Dienste anzubieten; er war ganz unbefangen und freundlich wie immer und erwähnte des Darlehns durchaus nicht.

– »Aber, Zimmermann,« sagte ich, nachdem er seine Anrede geendet hatte, »wie können Sie[176] es über Ihr Herz bringen, einer Person Ihre Dienste anzubieten, von der Sie im ganzen Dorfe behauptet haben, sie könne nimmermehr in's Himmelreich kommen, und werde gerades Wegs in die Hölle fahren? Fürchten Sie denn nicht, denselben Weg zu gehen, wenn Sie ihr dienen? Und dann, was konnte Sie, der Sie mir manchen Dank schuldig sind; Sie, der Sie ein frommer Mann sein wollen und die Ihnen obliegende Christen-Pflicht kennen, was konnte Sie dazu bewegen, so schlecht von mir zu reden, von der Sie nur Gutes erfahren haben? Wie ist das mit den Grundsätzen in Einklang zu bringen, die Sie auf den Lippen, mit der Frömmigkeit, die Sie zur Schau tragen? Wissen wir Beide denn nicht, wie wir mit einander daran sind, und daß ich, nachdem ich Ihnen willig ein billiges Verlangen bewilligt, Ihnen nur ein unbilliges, aus sehr guten Gründen, abgeschlagen? und deshalb soll ich des Teufels sein und geradezu zur Hölle fahren?«

Er war während dieser etwas langen Rede bleich wie Marmor geworden und hielt meinen Blick nicht aus, der fest auf ihn gerichtet war. Er schwieg, doch zeigten seine Gesichts-Muskeln ein lebhaftes Spiel; er schien in sich zu überlegen, ob er mit frechem Läugnen durchkommen[177] würde; allein seine große Klugheit sagte ihm bald, daß er damit sich noch verächtlicher machen würde, indem ich ihm viele Zeugen gegenüberstellen könnte, und er faßte einen andern Entschluß.


– »Ja,« sagte er nach einer kleinen Pause, die zwischen uns entstanden war, mit kecker Unverschämtheit; »ja, es ist leider nur zu gewiß, daß Sie nicht in's Himmelreich kommen können! Mir eine so kleine Bitte abzuschlagen, mir, dem zu dienen Könige froh sein sollten, wenn sie mich recht kennten! Nun, Sie werden mich kennen lernen, wenn Sie mich am Throne des Ewigen zu seiner Rechten sitzen sehen, und dann den armen Zimmermann beneiden, der auf Erden, gleich unserm Erlöser, in Knechtsgestalt einhergehen und leiden mußte, um dort droben einer höhern Selichkeit würdig zu werden. O, und wir sind selbst hier nicht am Ende unserer Tage, Sie nicht, und ich nicht, und das Blatt kann sich für uns Beide noch wenden; ja, bedürfte es doch nur eines Wortes von mir, um in drei Tagen ein gemachter Mann, reich, geehrt und angesehen wie ein Prinz zu sein; allein ich will irdische Größe und Hoheit nicht; ich will meine Armuth und Schmach; aber wehe Denen, die mich hier gedrückt,[178] getreten, verkannt haben, denn ihrer wartet ein schweres Gericht!«

Er redete in diesem Tone noch eine Weile fort und schien sich nach und nach an seiner eigenen Rede zu begeistern; ja, ich glaube noch jetzt, daß er selbst fast an alles das glaubte, was er mir sagte, wenigstens in dem Augenblick. Ich hörte ihm mit Erstaunen, ja, mit Bewunderung zu, denn nie noch ist mir ein so begeisterter Redner vorgekommen, als er war; welche Rolle hätte dieser Mann, der noch dazu durch ein sehr kräftiges Organ unterstützt wurde, als Prediger, als Volksredner spielen können!

Ich schied, ohne ihm zu antworten oder weitere Vorwürfe zu machen, von ihm und habe seitdem nicht weiter mit ihm verkehrt, auch fiel er als eins der ersten Opfer der bald in dieser Gegend ausbrechenden Cholera.

Ueber sein eigentliches Wesen bin ich eben so wenig ins Klare gekommen, als es mir gelang, über seine früheren Schicksale etwas in Erfahrung zu bringen, obgleich er mir interessant genug geworden war, mich eifrig darum zu bemühen. Einem Bekannten von mir, den ich späterhin erst kennen lernte, und dem dieser seltsame Mann gleichfalls bekannt und höchst interessant gewesen war, hat[179] es gleichfalls nicht gelingen wollen, etwas Näheres über ihn zu erfahren. Daß er in seiner Jugend eine ausgezeichnete Erziehung erhalten und wahrscheinlich große Schicksale erlebt hat, die ihn endlich zum Hirten in Winterhude machten, glaube ich annehmen zu dürfen; ob er aber ein Heuchler oder wirklich frommer Mann war, wage ich zur Stunde noch nicht zu entscheiden, da ich ihn nicht nach dem Unrecht beurtheilen mag, das er sich gegen mich zu Schulden kommen ließ.

Er soll übrigens sehr ruhig und ergeben gestorben sein, die scheußliche Krankheit, von der er hingerafft wurde, mit seltener Geduld ertragen und sich aufrichtig auf sein nahes Ende, oder seine »Erlösung,« wie er es nannte, gefreut haben. Seine Familie hat ihn lange und mit dem aufrichtigen Schmerze beweint, der von wahrer Liebe zeugte, auch sprach sie nur mit Achtung und Begeisterung noch lange nachher von ihm.[180]

Quelle:
Schoppe, Amalia: Erinnerungen aus meinem Leben, in kleinen Bildern. Altona 1838, S. 149-181.
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Mickiewicz, Adam

Pan Tadeusz oder Die letzte Fehde in Litauen

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Pan Tadeusz erzählt die Geschichte des Dorfes Soplicowo im 1811 zwischen Russland, Preußen und Österreich geteilten Polen. Im Streit um ein Schloß verfeinden sich zwei Adelsgeschlechter und Pan Tadeusz verliebt sich in Zosia. Das Nationalepos von Pan Tadeusz ist Pflichtlektüre in Polens Schulen und gilt nach der Bibel noch heute als meistgelesenes Buch.

266 Seiten, 14.80 Euro

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Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

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Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

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