VI. Die Familie des Don Ranudo de Colibrados in der Wirklichkeit.

Der Graf von A ... gehörte durch Geburt und Reichthum zu den ersten Familien des Landes. Er war der einzige Sohn eines so reichen Vaters, daß man diesen, um ihn von andern seines Standes und Namens zu unterscheiden, nur den »reichen von A.« nannte.

Kaum majorenn geworden, ererbte der junge Graf durch den Tod seiner beiden Eltern die vier Millionen Thaler, in deren Besitz diese gewesen waren, und zugleich die schönsten fruchtbarsten Güter in **. Mit diesem außerordentlichen Vermögen verband der Graf auch noch die Vorzüge einer[133] sehr schönen Gestalt; er war einer der schönsten, stattlichsten Männer, die mein Auge je erblickt hat, obgleich er damals, als ich ihn kennen lernte, keineswegs mehr jung, sondern schon der Vater von sieben Söhnen und einer Tochter war, und der älteste dieser Söhne sich bereits im Jünglings-Alter befand.

Allein das Schicksal vertheilt seine Gaben gleichmäßig und so hatte die Natur dem Grafen alle geistigen Eigenschaften eben so karg zugemessen, als das Glück mit seinen Gaben verschwenderisch gegen ihn gewesen war: er war unbeschreiblich bornirt, er war es in einem Grade, der wirklich in Erstaunen setzte, und wir ausgelassenen jungen Mädchen nannten ihn deshalb unter uns nie anders, als le Comte de boeuf; auch hatte er wirklich in seinen Augen einen eigenthümlichen Ausdruck, der an den Stier lebhaft erinnerte.

Ein so großes Vermögen im Besitze eines solchen Mannes, der noch obendrein schlecht erzogen und genußsüchtig war, konnte zu nichts Gutem führen, und, es klingt fast unglaublich, ist aber dennoch wahr, Graf A. verstand die Kunst, es bis auf ein geringes Fideicommiß, an das er nicht kommen konnte, gänzlich durchzubringen. Den[134] größten Theil davon soll er in Bädern im Spiele verloren haben.

Er sah sich also nach Verlauf dieser Frist auf dem Trockenen und seine sogenannten Freunde riethen ihm, seine Finanzen durch eine gute d.h. reiche, Heirath einigermaßen wieder herzustellen. Er befolgte diesen Rath und bewarb sich nach der Reihe um alle reichen und ebenbürtigen Fräulein des Landes, erhielt aber überall einen Korb, bis das von der Natur im höchsten Grade stiefmütterlich behandelte Fräulein von **, das zum Aequivalent für die ihm fehlenden Reize ein schönes Vermögen im Besitze hatte, endlich seinen Bewerbungen Gehör schenkte und ihm seine Hand am Altare reichte. Die neue Gräfin hatte nicht nur ein überaus häßliches und abschreckendes Gesicht, sondern auch einen verwahrlosten Körper, welcher letztere aber nicht verhinderte, daß sie Mutter von acht gesunden, schönen Kindern wurde, die aber leider sämmtlich die unaussprechliche Dummheit ihres Vaters geerbt hatten.

Das erheirathete Vermögen hielt, wie man sich vorstellen kann, auch nicht lange vor, und wenige Jahre reichten hin, die Familie auf das geringe Fideicommiß und die schmale Officiers-Gage des Grafen zu reduciren; zudem waren schon wieder[135] so viele Schulden gemacht worden, daß, wenn der Zahlungs-Termin herankam, schon Alles gleich von den Gläubigern in Anspruch genommen wurde, und so die größte Armuth im Hause herrschte.

Der Graf wohnte gewöhnlich in der Garnison und ließ seine Gemahlin und Kinder in *** zurück, wo diese, trotz ihres hohen Standes, in einer Dürftigkeit lebten, wovon man keinen Begriff hatte. Der König erbarmte sich der drei ältesten Junker und nahm sie in die Cadetten-Schule auf, wo sie auf seine Kosten erzogen und unterhalten wurden; allein es blieben noch vier Junker und eine kleine Comtesse nach, die ganz dieselbe Figur in dem Städtchen spielten, wie Herzog Bogislaf der Große (XI.) von Pommern, von dem es in der Sage heißt:


»›Sprich, wer ist der Bursch, der dort sich mit dem Schusterjungen rauft?

Potz! Wie setzt er sich zur Wehre, höre, wie er stöhnt und schnauft!

Durch die Kleider steckt der Ellenbogen, durch den Schuh der Zeh;

Das ist wohl ein rechter Bube und armer Eltern Weh?‹

Also fragt der Bauer Lange, auf dem Markt zu Rügenwald,

Seinen Wirth, derweil den Sattel er ab vom Gaule schnallt;

[136] Und der Wirth versetzt seufzend: ›Das ist Herzog Bogislaf,

Um ihn kümmern weder Eltern, weder Ritter sich noch Pfaff;

Also läuft er mit seinem Bruder täglich die Stadt hindurch,

Balgt sich, ißt, wo er 'was findet, und kommt selten auf die Burg.‹« u.s.w.


So sah man auch diese jungen Grafen in dem widrigsten, zerrissensten Anzuge durch die Stadt laufen, sich mit allen Gassenbuben balgen und an allen Tischen fürlieb nehmen, wo man für sie deckte. Durch ihre große Ungezogenheit und Flegelhaftigkeit, durch den unter solchen Verhältnissen noch weit unerträglichern Hochmuth, den sie, auf ihre Geburt pochend, an den Tag legten, hatten sie sich alle bessern Häuser verschlossen und mußten so, um den stets leeren Magen zu füllen, zu den niedern Ständen ihre Zuflucht nehmen, wo sie sich nicht selten ungeladen mit zu Tische setzten und noch öfter von demselben fortgewiesen wurden, wenn man eben nicht in der Laune war, diese ungeladenen Gäste zu füttern.

Wie Herzog Bogislaf seinen Bauer Lange fand, so fanden auch diese Junker endlich einen großmüthigen Freund und Ernährer. Ein benachbarter Prediger, der ein Mann ganz nach dem[137] Willen Gottes war, und früher mit den Großeltern der armen Junker in Verbindung gestanden, vielleicht gar Gutes von ihnen empfangen hatte, nahm sie alle vier zu sich, und ernährte und kleidete sie nicht blos anständig, sondern suchte ihnen auch einige Kenntnisse beizubringen.

Dieses letztere war aber ein vergebliches Bemühen, denn nicht nur wollten diese Junker, die sich bereits dem Jünglings-Alter näherten und noch nicht lesen konnten, vom Unterrichte nichts wissen, sondern sie waren auch sämmtlich so bornirt, so verwildert, daß sie nichts lernen konnten, was dem guten Manne Kummer genug machte.

Der Graf besuchte seine vier Söhne zuweilen, wenn er aus seiner Garnison nach *** kam, und die großen Wohlthaten des edelmüthigen Pfarrers hinnehmend, als müßte es nur so sein, oder als bezahle er ein großes Kostgeld für seine Söhne, sprach er einst die merkwürdigen Worte zu dem armen Manne, den er im Schweiße seines Angesichtes bemüht antraf, seinen Kindern die ersten Elemente des Wissens beizubringen:

– »Mein lieber Herr Pastor, was sollen meine Söhne mit dem Kram? Lehren Sie ihnen lieber gut würfeln, denn wenn ich einmal todt bin, so müssen alle Sieben um das Fideicommiß[138] würfeln, und wer die höchste Zahl trifft, der geht damit davon.«

Diese ruchlosen Eltern sahen sich also glücklich von ihren Söhnen durch die Großmuth Anderer befreit; es blieb ihnen aber noch eine Tochter, Comtesse Charlotte, ein feines, hübsches Mädchen von damals zwölf Jahren, übrig, das aber, wenn gleich gesitteter und feiner in seinem Betragen, nicht minder verwahrlost als seine Brüder war, und in seinem zwölften Jahre noch nicht einen einzigen Buchstaben kannte.

Man machte dem Grafen deshalb Vorstellungen; das Fräulein war, wozu seine Geburt es berechtigte, im Kloster eingeschrieben und sollte dereinst Stifts-Dame werden, und um das werden zu können, mußte es wenigstens einigermaßen in der edlen Kunst des Lesens und Schreibens unterrichtet sein.

Groß war daher die Noth und Verlegenheit des gräflichen Paares; denn wenn sich gleich in dem Städtchen ein mitleidiger Schullehrer gefunden hätte, der den Unterricht der jungen Comtesse ohne Aussicht auf Honorar übernommen; so wußte man doch allgemein, daß es zu den Unmöglichkeiten gehören würde, dem armen Kinde auch nur die ersten Elemente des Wissens beizubringen,[139] und so wollte Keiner sich damit befassen, leeres Stroh zu dreschen.

In dieser Verlegenheit erinnerten sich der Herr Graf und die Frau Gräfin meiner, und beschlossen gemeinschaftlich, meine Güte in Anspruch zu nehmen. Man wußte, daß ich ein armes, aber liebes und höchst begabtes Kind, die Tochter einer Wittwe, in meinen Mußestunden unterrichte, und an diesem Unterricht eine große Freude durch die glänzenden Fortschritte meiner Schülerin habe, und beschloß, mir eine zweite der Art durch das Ansinnen zu bereiten, auch Comtesse Lotte noch unter meine Flügel zu nehmen.

An einem Tage erhielt ich daher ganz unerwartet einen Besuch von dem Herrn Grafen, der, wie er sehr artig sagte, mir seine besondere Hochachtung dadurch beweisen und mich dringend einladen wollte, doch seiner Gemahlin, die durch seine häufigen Abwesenheiten sehr isolirt sei, von Zeit zu Zeit meine Gegenwart zu schenken.

Ich war über diesen Besuch des, trotz seiner jetzigen Armuth, nicht wenig hochmüthigen Mannes um so mehr überrascht, da ich ihn nur einmal in einer Gesellschaft, und seine Gemahlin nur erst einige Male bei Freunden gesehen hatte, und war, die ökonomischen Umstände dieses Paares[140] kennend, wenig dazu geneigt, es durch meinen Besuch in Kosten zu setzen. Indeß bestand der Graf so nachdrücklich darauf, daß ich endlich gezwungen zusagen mußte.

Kaum hatte er sich entfernt, so eilte ich zu meiner heitern Freundin E., um ihr das Vorgefallene mitzutheilen.

– »O, da müssen wir hin!« rief sie lachend aus. »Ich begleite Dich, denn den Spaß lasse ich mir nicht nehmen. Du sollst die köstlichste Wirthschaft von der Welt kennen lernen; auf wann hast Du denn zusagen müssen?«

– »Auf morgen, zum Frühstück,« versetzte ich kleinmüthig.

– »Gut! Da wollen wir aber erst zu Hause essen, und Du frühstückst bei mir; dort möchten wir nichts bekommen.«

– »Nichts bekommen, wenn man mich förmlich eingeladen hat?« fragte ich lachend.

– »Wenn Bäcker, Krämer u.s.w. keinen Credit geben wollen, bekommen wir sicher nichts,« versetzte E.; »aber einen Spaß werden wir haben, und ich freue mich königlich darauf.«

Die Sache war auch ganz nach dem Sinne E – s, die kein anderes Geschäft auf der Welt hatte, als sich auf die lustigste Weise zu unterhalten,[141] und die dieses mit eben dem Eifer betrieb, womit andre, minder glückliche Frauen die Obliegenheiten ihres Hausstandes erfüllen. Wer sie um einen guten Spaß brachte, der beraubte sie gleichsam, und sie vergab es ihm nur schwer.

Am andern Morgen, als ich kaum aufgestanden war, sandte E. schon ihre Kammerfrau zu mir, um mich an die vorhabende Visite bei ihrem Standesgenossen, dem Grafen von A., erinnern zu lassen, damit wir diese ja nicht versäumten, und ihr zu Liebe ging ich wirklich hin, denn sonst würde ich es nicht gethan haben.

Der gräfliche Palast lag in einem Seitengäßchen der Stadt und zeichnete sich vor allen ihn umgebenden Häusern sowohl durch sein schmuziges Ansehen und seine Verfallenheit, als durch die Menge von zerbrochenen Scheiben aus, die man daran wahrnahm. Er gehörte dem edlen Paare nicht zu eigen, sondern sie wohnten nur aus Gnade darin: ein gutmüthiger, wohlhabender Bürger, dem das Haus gehörte, ließ es darin wohnen, obgleich er seit allen den Jahren, die es darin gelebt hatte, nicht einen Heller Miethzins bekommen. Es war früher gewiß einmal hübsch gewesen, jetzt aber vom Zahn der Zeit dermaßen benagt, daß es mit dem Einsturz[142] drohte, da der Besitzer nicht auch noch die Reparatur-Kosten daran wenden wollte, ohne die geringsten Revenüen von seinem Eigenthume zu ziehen.

»Da sind wir!« sagte E., die am Hause herabhängende Klingelschnur anziehend, und tüchtig lautend. »Wir müssen uns schon bemerkbar machen,« fügte sie flüsternd hinzu, »denn man öffnet, der vielen und oft ungestümen Gläubiger wegen, nicht gern.«

Es dauerte auch wirklich eine ganze Weile und bedurfte noch eines zweiten, weit stärkern Klingelzugs, bevor sich oben am Fenster etwas zeigte – denn die Vorsicht wurde immer angewandt, erst von einer der obern Etagen auf die Gasse hinabzusehen, bevor man öffnete – und wir erblickten das holde Antlitz der Frau Gräfin von A., das, von einem schmuzigen, buntgewirkten Tuche turbanartig umwunden, nicht eben den reizendsten Anblick gewährte, durch eine der großen zerbrochenen Fensterscheiben.

Indeß waren wir, obgleich man uns erkannt haben mußte, weit davon entfernt, schon dem Ziele unserer Wünsche nahe zu sein, vielmehr fuhr das gräfliche Haupt mit dem Ausdruck des Entsetzens im Gesichte, von der Oeffnung zurück[143] und wir wurden noch immer nicht eingelassen. Wahrscheinlich hatte der Herr Graf seiner Ehehälfte also entweder gar nichts von der durch ihn an mich ergangenen Einladung gesagt, oder man hatte auch angenommen, daß ich derselben nicht Folge leisten würde, und so sich auf Nichts vorbereitet; E–s Muthwille zog ihnen aber einen Strich durch die Rechnung, und da waren wir!

Endlich erschien der Herr Graf, der indeß seine Uniform übergeworfen, aber nicht Zeit gehabt hatte, auch den untern Theil seiner Bekleidung zu verändern, an der Hausthür und öffnete uns mit einer etwas verlegenen Miene, die wahrscheinlich durch sein Unterparlament hervorgerufen wurde, denn dieses war von einer fast unanständigen Beschaffenheit.

– »Mein Gott, meine Gnädigen!« rief er mit scheinbarem Erstaunen, so wie er die Thür aufgeriegelt hatte – das Schloß daran war seit lange verdorben – »Sie sind es? Sie hat man warten lassen? Treten Sie ein, und verzeihen Sie, daß Sie mich so in négligé finden; ich war im Garten beschäftigt; die Raupen zehren mir fast alles Laub an meinen schönen Fruchtbäumen auf, und ich war darauf aus, ihnen den Krieg zu erklären. Sehen Sie, wie ich mich dabei[144] zugerichtet habe; ich schäme mich fast, so vor Ihnen zu erscheinen! Aber treten Sie ein! treten Sie ein, und erlauben, daß ich meine Gemahlin von Ihrem angenehmen Besuch benachrichtige; sie wird gleich hier und wie ich, über Ihre Gegenwart entzückt sein.«

Mit diesen Worten complimentirte er uns in ein linker Hand belegenes, sehr großes Zimmer hinein, und entfernte sich eilig, um seine halb angefangene Toilette zu vollenden. Ich hatte jetzt Zeit, mich in dieser gräflichen Wohnung umzusehen; sie übertraf alle meine Erwartungen von der Misere, die ich zu finden geglaubt hatte. Da war kein einziger Stuhl, der ein ganzes Polster aufweisen konnte, kein Tisch, der nicht ruinirt gewesen wäre; der Fußboden war selbst an mehren Stellen aus seinen Fugen gewichen und die halb ihrer Farbe beraubten Bretter standen in die Höhe, weil der Nagel fehlte, sie wieder anzuheften. An den Wänden hingen einige Familien-Portraits in ehemals vergoldet gewesenen, jetzt aber durch Fliegen-Schmuz unkenntlich gewordenen Rähmen; es waren stolze Männer und Frauen im reichsten, kostbarsten Anzuge, die Männer mit Stern und Ordensband, die Frauen mit Perlen und Edelsteinen bedeckt; alle hielten das[145] Haupt stolz empor und die Nase hoch, denn die Familie des Grafen hatte sich von jeher durch Adelstolz ausgezeichnet, und schienen gleichsam mit Hohn auf uns herabzublicken.

Der Contrast zwischen dieser alterthümlichen Pracht und Hoheit in Bildern und dem Elende in der Wirklichkeit war wirklich schneidend, und gab mir ein schmerzliches Gefühl, während die schalkhafte E – sich sichtbar daran ergötzte; denn von Sentimentalität hatte sie nicht das Geringste an sich.

– »Wo setzen wir uns nur?« flüsterte sie mir zu, nachdem sie alle Stühle der Reihe nach durchmustert hatte. »Laß uns das vorher sorgsam überlegen, denn wenn wir uns so niederlassen, müssen wir fürchten, unsere guten Kleider zu verderben.«

Dem war wirklich so, und sie übertrieb nicht; diese weißlackirten, mit abgescheuerten Gold-Leisten eingefaßten Stühle und Armsessel waren wirklich mit solchen schmuzigen und zerrissenen, einst hochroth gewesenen dammastenen Polstern belegt, daß man sich nicht ohne Furcht darauf niederlassen konnte, mit einem argen Flecken im Kleide wieder davon aufzustehen; endlich aber musterten wir doch zwei aus, die uns solche Gefahr nicht zu[146] drohen schienen, E ... schob sie dicht neben einander und wir setzten uns darauf.

Der Herr Graf war der Erste, der sich uns wieder zeigte, und zwar in der vollen Pracht und Herrlichkeit seiner Uniform, die jetzt vollständig war.

– »Verzeihen Sie, meine Gnädigen« – er kannte keine andere Anrede und gehörte überhaupt zu den stereotypen Menschen, die nur in eingelernten Redensarten sprechen – »verzeihen Sie, daß ich Sie habe warten lassen. Es herrscht aber heute eine kleine Confusion im Hause: die bessern Zimmer werden gemalt, tapeziert u.s.w., weshalb ich Sie habe in dieses kaum logeable führen müssen, und unsern Domestiken haben wir Erlaubniß zum Ausgehen gegeben. Es ist heute Jahrmarkt in M. – da kann man denn nicht wegbleiben; da muß man denn hin, wie diese Leute meinen; und meine Gemahlin ist zu nachsichtig, allzunachsichtig, wie Sie vielleicht wissen werden, sie kann keine Bitte abschlagen, und so sind wir denn heute zum Unglück auf meinen Kerl reducirt« – der »Kerl« war ein Soldat des Regiments, bei dem er stand, und zugleich sein Diener und Factotum –; »Sie werden aber nachsichtig sein, meine Gnädigen,[147] und meine Gemahlin wird sogleich auch erscheinen, um so angenehme Gäste zu begrüßen.«

Die Frau Gräfin ließen aber lange, lange auf sich warten, wahrscheinlich, weil der Toilette erst durch die Nähnadel nachgeholfen werden mußte, und das Gespräch würde zwischen uns und dem insipiden Grafen sicher gänzlich eingeschlafen sein, wenn die muntre E. ihm nicht durch ihren unversiegbaren Witz stets neue Nahrung gegeben hätte. Endlich, endlich ging denn auch die »angenehme Wirthin des Hauses« in voller Glorie auf; das schmuzige Tuch war von ihrem Haupte verbannt und eine seltsam aufgeputzte Mütze nahm seine Stelle ein; der übrige Anzug stand mit derselben in schönster Harmonie.

– »Nun, meine Gnädigen, ein kleines Frühstück,« nahm der Graf verlegen wieder das Wort; »was befehlen Sie? – Sie werden für die gehörige Bewirthung unserer lieben Gäste sorgen, ma chère,« wandte er sich an seine Gemahlin, die ihn mit einem Blick ansah, worin sich die höchste Seelen-Angst abspiegelte.

– »Sie werden nur frugal bewirthet werden, meine Gnädigen,« wandte er sich wieder an uns, »des Ihnen schon angedeuteten Umstands[148] wegen; aber Sie werden Nachsicht üben, nicht wahr, das werden Sie?«

Ich saß wie auf der Folter und hätte, die Angst der armen Frau berücksichtigend, gern Alles verbeten; allein E. war unerbittlich, und so antwortete sie:

– »Ganz gewiß, Herr Graf und wir bitten recht sehr, ja nicht zu viele Umstände zu machen.«

– »Ich machte gern die allergrößten mit Ihnen, meine Gnädigen,« nahm der Graf wieder das Wort; »aber die Möglichkeit es zu thun, wenn die Domestiken auf dem Jahrmarkt umherschwärmen, und man keinen andern Diener hat, als so einen Kerl, der zwar sein Exercitium ganz gut, allein von der Aufwartung nichts versteht.« Er ging mit diesen Worten aus der Thür und wir sahen ihn nicht wieder.

Daß kein Frühstück erschien, versteht sich wohl von selbst; ich saß wie auf Nadeln, da ich die Angst der armen Frau sah, deren Blicke sich unabläßlich auf die Thür wandten, als solle von dort ihr irgend ein Heil, eine Rettung kommen; vielleicht hoffte sie, daß ihr Gemahl, der diese artige Suppe durch seine Einladung eingebrockt hatte, durch seinen »Kerl« doch noch irgend etwas, das einem[149] Frühstück ähnlich sähe, auftreiben würde; allein diese Hoffnung ging nicht in Erfüllung.

Endlich war selbst E. unsre Stellung, der armen, gequälten Frau gegenüber, nicht mehr haltbar, und wir brachen, zu meiner großen Herzensfreude und Erleichterung, auf.

– »Nun, habe ich es Dir nicht gesagt?« fragte E., als wir dieses unglückselige Haus hinter uns hatten, mit Lachen; »und thaten wir nicht gut, vorher zu frühstücken? Wissen aber möchte ich, was der Graf von Dir will, denn um Deiner schönen Augen willen ist er sicher nicht allein zu dir gekommen.«

Schon nach wenigen Tagen löste sich das Räthsel auf. Der Graf machte mir einen zweiten Besuch – von dem, welchen wir bei ihm gemacht hatten, war gar nicht die Rede zwischen uns – und schlug mir vor, den Unterricht seiner Comtesse Tochter zu übernehmen.

– »Denn sehen Sie, meine Liebe« – das »Gnädige« fiel jetzt weg, da er mich allein, eine Bürgerliche, vor sich hatte – sagte er mit dem Tone der höchsten Süffisance, »ich könnte meine Tochter in irgend eine Pensions-Anstalt geben, man hat deren recht gute; allein Sie, sagt man mir, Sie sollen eine so unvergleichliche Methode[150] des Unterrichts, eine ganz süperbe Methode haben, und ich, ich werde nicht undankbar sein, gewiß, das werde ich nicht!«

Von Mitleid mit seinem armen Kinde bewegt, versprach ich ihm, was er wünschte, und er schied sehr froh von mir. Bald fand sich Comtesse Lotte bei mir zum Unterrichte ein, den ich, trotz ihrer zwölf Jahre, mit der Fibel beginnen mußte; allein es war völlig unmöglich, ihr je mehr als die Buchstaben beizubringen, und wenn sie diese noch jetzt kennen sollte, so ist das mein Verdienst und die Frucht meiner unsäglichen Mühe und Anstrengungen. Sie blieb aber, nachdem sie die verhängnißvollen Vier und zwanzig inne hatte, ganz weg, was mir eine nicht geringe Erleichterung gewährte.

Daß ich keinen zweiten Frühstücks-Besuch im Hause dieses Don Ranudo II. machte, versteht sich wohl von selbst; ich hatte Angst genug bei dem ersten ausgestanden, auch sah ich den Herrn Grafen nicht wieder, der bald darauf in seine Garnison zurückkehrte.

Späterhin kam ich einige Male mit der armen Gräfin zusammen, die bei einer mir befreundeten Familie Zutritt hatte, in der man sie aus Mitleid duldete. Sie spielte gern und sehr gut[151] Karte, bezahlte aber nie, wenn sie verlor, und strich den Gewinn jedesmal mit dem sichtbarsten Vergnügen ein.

Ich sehe sie noch in ihrem dünnen, verschossenen Anzuge, dem aber einiger Flitterstaat nicht fehlte, wenn sie mitten im Winter und bei vielleicht 16 Grad Kälte, mit einem winzigen Umschlagetuche und ohne Mantel, ohne Oberrock, durch die Gassen ging, die Hände erstarrt und das häßliche Gesicht blau gefroren vor Kälte.

– »Das arme Dier!« pflegte E. in ihrem fränkischen Dialekt dann wohl mitleidig zu sagen; »das arme Marschir-Lieselchen, wie gern schenkte ich ihr'nen warmen Mantel!«

Sie that das wirklich, und zwar auf eine so hübsche, zarte Weise – denn sie war im Grunde gut – daß die Beschenkte nie erfuhr, von wem ihr das Heil gekommen war.

Der Comte de Boeuf ist todt – die arme Comtesse ruht unter der Erde, und die sieben Junker haben an der Trommel um das kleine Fideicommiß geloost, das einen von ihnen nur vor dem gänzlichen Verhungern bewahrt, nachdem ihr Vater einst vier Millionen besessen und todtgeschlagen hatte.[152]

Quelle:
Schoppe, Amalia: Erinnerungen aus meinem Leben, in kleinen Bildern. Altona 1838, S. 131-153.
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