Das Mittagsessen.

[34] Das Mittagsessen, hochdeutsch Diner, ist eine der bei uns weniger beliebten Formen geselliger Vereinigungen. Der Grund hierfür mag in der unbequemen Stunde liegen, in welcher wir dieses Mahl einzunehmen pflegen. Die Mittagsgesellschaften werden daher auch größtenteils erst um vier oder fünf Uhr angesetzt.

Die Herrichtung der Tafel erfordert die peinlichste Sorgfalt vonseiten der Hausfrau, auch da, wo sie über reichliches Dienstpersonal verfügt. Die Gedecke dürfen nicht zu dicht nebeneinander gelegt werden, um die Bequemlichkeit der Gäste nicht zu stören, aber auch nicht zu weit auseinander, weil das steif aussieht und wenig günstig für eine lebhafte Unterhaltung ist. 60 bis 70 Zentimeter genügen für die Person.

Vor jeden Platz kommt ein flacher Teller, rechts daneben ein Paar große und ein Paar kleine Messer und Gabel, oben quer der Suppenlöffel und der Kompottlöffel. Links von dem Teller, nach der[34] Mitte der Tafel zu, steht der Kompotteller, in derselben Richtung rechts stehen die Weingläser. Gewöhnlich werden vier aufgestellt und zwar für Sekt, Madeira, Rheinwein und Rotwein. Die Anordnung derselben hat in der Weise zu erfolgen, daß diejenigen für Rhein- und Rotwein in der Mitte nebeneinander stehen, das Sektglas zwischen ihnen nach der Tafel zu vorgeschoben, das Madeiraglas aber nach dem Teller zu. Man kann den Madeira auch gleich eingeschenkt zur Suppe herumreichen lassen. Sollen noch mehr Sorten Wein angeboten werden, so läßt man mit jeder Sorte ein frisches Glas servieren. Eingeschenkt wird stets von rechts. Sekt trinkt man gewöhnlich erst vom Braten an; doch kann man ihn auch vom Beginn bis zum Schluß der Tafel einschenken lassen, ohne im geringsten gegen den guten Ton zu verstoßen. Das Knallen der Champagnerpfropfen ist aus der Mode. In unserem nervösen Zeitalter gilt es für seiner, das Öffnen der Flaschen aufs leiseste zu besorgen.

Das zur Verwendung kommende Tafelgeschirr mag glatt weiß, buntgerändert oder kunstvoll gemalt sein, je nach den Verhältnissen des Hauses. Immer aber achte man darauf, nur eine Art aufzustellen; denn ein buntes Durcheinander macht einen unfeinen Eindruck

Die Mitte der Tafel wird mit einem buntgestickten Tischläufer bedeckt und auf diesem werden in geschmackvoller Weise Tafelaufsätze, Blumen, Kristallschalen mit Früchten und Konfekt, Silbergeräte und sonstiger Tafelschmuck geordnet. Je festlicher und schöner, desto besser. Nur darf die Aufstellung nicht den Fehler haben, die Gegenübersitzenden einander zu verdecken, weil dieses der Unterhaltung hinderlich ist.

Auf das Rot- oder Rheinweinglas eines jeden Gedeckes kommt eine Karte mit dem Namen des Gastes. Auf der Rückseite derselben kann die Reihenfolge der Speisen angegeben sein. Bei großen Diners bedient man sich gedruckter Menüs. In jedem Falle ist es für die Gäste angenehm, über die bevorstehenden Gänge unterrichtet zu sein, um danach ihre Auswahl treffen zu können. Denn bei einer reichhaltigen Mahlzeit ist es kaum möglich, alle Gänge mitzumachen; wir können es sogar nicht einmal empfehlen.

Vor die Gedecke der Herren werden zwei entkorkte, mit Kristallstöpseln versehenen Flaschen gestellt: Rhein- und Rotwein. Zwischen je zwei Gedecke kommt ein kleines Salznäpfchen mit Schaufel. Die Servietten werden entweder dreieckig auf den flachen Teller gelegt oder zwischen den Weingläsern und dem Kompotteller aufgestellt. Zierliches Falten ist aus der Mode. Hübsch ist es, wenigstens den Damen kleine Sträußchen hinzulegen; dieselben kommen entweder in[35] das Sektglas oder werden zwischen die Serviette gesteckt. Die Beleuchtung geschieht am besten von oben und muß so hell wie möglich sein.

Ist die Tafel in dieser Weise hergerichtet, so sorge die Hausfrau für ein nochmaliges tüchtiges Durchlüften des Eßzimmers und parfümiere dasselbe. Am besten ist es, ein Fenster bleibt geöffnet, um die unerträgliche Schwüle zu vermeiden, welche sich fast immer während des Essens einstellt. Freilich darf nur ein oberer Fensterflügel offen gehalten werden und zwar in der Richtung, daß beim Auf- und Zumachen der Thür kein Zug entsteht.

Jeder Geladene hat einige Minuten vor der auf der Einladungskarte bezeichneten Stunde zu kommen, um ja nicht auf sich warten zu lassen. Die Pünktlichkeit ist heutigen Tages ein Haupterfordernis des guten Tones, daher man es einfach als eine Unart auffaßt, wenn jemand nicht zur festgesetzten Stunde antritt. Gewöhnlich wird etwa 15 Minuten später zu Tische gegangen. Die Gastgeber haben durchaus nicht die Verpflichtung, auf einen Gast zu warten; es sei denn, daß dieser eine sehr vornehme Persönlichkeit wäre. Hier wird der Fall aber selten eintreten; denn wirklich vornehme und hochgestellte Leute lassen nie warten.

Der Hausherr empfängt die Gäste an der Thür des Salons, eine besonders hochstehende oder sehr alte Person wohl auch schon an der Treppe, und führt sie seiner Gemahlin zu. Diese erhebt sich von ihrem Platze, geht den Damen einige Schritte entgegen, begrüße sie und richtet höfliche Worte an sie. Man spricht gegenseitig seine Freude aus, sich zu sehen, erkundigt sich nach dem Befinden u. dgl. m. Wer etwa unbekannt ist, bittet den Wirt oder die Wirtin, ihn vorzustellen; denn auch nur zehn Minuten unvorgestellt in einer Gesellschaft zu verweilen, wäre sehr unschicklich.

Die Damen, auch die Hausfrau, sind in Gesellschaftstoilette und zwar die älteren in farbiger Seide mit mittelfarbigen Handschuhen, die jüngeren in heller Seide oder Wolle mit Blumen oder Bandschleifen im Haar und hellen Handschuhen. Die Herren, auch der Hausherr, sind, je nach dem Zuschnitte des Festes, im Oberrock oder Frack. Oft ist es auf der Einladungskarte angegeben, was durchaus empfehlenswert ist, weil auch die Damen aus dem kurzen Worte, »Oberrock« oder »Frack« gleich die Art ihres Anzuges ersehen können. Bei ersterem genügt ein einfaches Gesellschaftskleid, während letzterer große Toilette erfordert.

Sobald alle Gäste versammelt sind, giebt die Hausfrau unvermerkt die Weisung zum Anrichten. Der Gastgeber aber verständigt die Herren darüber, welche Dame sie zu Tische führen. Meldet nun[36] der dienstthuende Geist, öffentlich oder auch nur der Hausfrau: »Gnädige Frau, es ist angerichtet«, so tritt diese zu dem ältesten oder angesehensten der Gäste und bittet ihn, sie zu Tische zu führen. Alle Herren bieten den ihnen bezeichneten Damen den Arm und folgen. Der Hausherr aber beschließt den Zug mit derjenigen Dame, welche er auszuzeichnen wünscht; denn neben den Gastgebern sind die Ehrenplätze, und es muß wohl erwogen werden, an wen man sie vergiebt. Die richtige Tischordnung ist überhaupt immer ein kleines Meisterstück geselliger Kunst. Nicht nur Alter, Rang und Reichtum dürfen dabei entscheiden, wie man dies zum Schaden der Unterhaltung häufig sieht, sondern die gegenseitigen Sympathieen und Antipathieen, die geistige Qualität, ja, sogar die körperliche Quantität sprechen hier das maßgebende Wort, wenn alle sich recht behaglich fühlen sollen. Eheleute und Verwandte werden nie nebeneinander gesetzt, nur Brautleute genießen dieses Vorrecht. Die Hausfrau legt ihren Platz am besten an das eine Ende der Tafel, der Thür, durch welche die Speisen hereingebracht werden, gegenüber; der Hausherr nimmt das entgegengesetzte Ende ein. Nach der Mitte zu sind die geringeren Plätze, die gewöhnlich von der Jugend besetzt werden. Man vermeide es, dreizehn Personen an einen Tisch zu setzen.

Haben alle Platz genommen, so eröffnen die Herren die Unterhaltung mit ihren Nachbarinnen durch die bekannte Frage: »Rot oder Weiß?« und schenken das Gewünschte ein, d.h. nachdem sie erst ein wenig in das eigene Glas abgegossen haben, um etwaige Kork-oder Siegellackstückchen zurückzubehalten. Inzwischen wird an einem Nebentische die Suppe aufgefüllt und die einzelnen Teller werden auf einem Tablett, oder auch nur auf einer Serviette herumgereicht, wobei die Ehrenplätze zuerst, die Wirte aber zuletzt kommen. Übernimmt die Hausfrau selbst die Verteilung der Suppe, so warten alle mit Beginn des Essens, bis sie sich wieder gesetzt hat, im anderen Falle ist ein Warten überflüssig. Die Handschuhe werden beim Beginn der Mahlzeit ausgezogen und in der Tasche aufbewahrt; sie auf den Tisch neben den Teller zu legen, ist unschicklich.

Die weiteren Gänge werden durch das aufwartende Mädchen oder den Diener von links angeboten, und zwar von einem der Ehrenplätze aus der Reihe nach, während die unsauberen Teller von rechts weggenommen und zu jedem Gerichte reine, warme aufgesetzt werden. Reicht man die Schüsseln einander zu, so geschieht das stets von links nach rechts. Jeder sei bemüht, schnell und geschickt zu nehmen, weder hastig, noch zu bedächtig. Gewählt darf höchstens mit den Augen werden; ein Herumrühren in der Schüssel ist ganz unstatthaft. Auch beim Essen vermeide man jede ungebührliche[37] Hast. Man lange von seltenen Gerichten nicht allzu frei zu, das sieht schlecht aus und macht den Eindruck, als hätte man schon mit Schmerzen auf diesen schönen Augenblick gewartet. Wünscht man einen Gang an sich vorübergehen zu lassen, so hat man dem Diener nur mit der Hand zu winken. Genötigt wird in seiner Gesellschaft nicht. Die Nachbarn rechts und links dürfen ihrer Verwunderung über das Auslassen eines Gerichtes keinen Ausdruck geben; denn es könnte dem Betreffenden peinlich sein, die allgemeine Aufmerksamkeit erregt zu haben, und ehe er es zum zweiten Male riskierte, verdürbe er sich lieber den Magen.

Über die Art des Essens findet sich bei den »Täglichen Mahlzeiten« alles Wissenswerte. Man ißt im geselligen Kreise genau so wie am Familientische, vielleicht noch sorgfältiger. Messer und Gabel dürfen aber während eines Ganges nicht aus der Hand gelegt werden; denn dieses ist für die aufwartende Dienerschaft das Zeichen zum Fortnehmen des Kouverts, ganz gleich ob abgegessen ist.

Das Tischgespräch bewege sich in einem leichten, heiteren Fahrwasser. Unglückliche Ereignisse, schwermütige Dinge, Krankheitsberichte, ernste Streitfragen über Religion und Politik, kurz alles, was schmerzliche oder traurige Gefühle, Widerwillen und Aufregung hervorbringen könnte oder scharfes Nachdenken erfordert, ist ohne weiteres ausgeschlossen. Auch sei man bedacht, im Plaudern nicht zu viel oder zu wenig zu leisten.

In erster Linie hat sich jeder Herr seiner Dame zu widmen, und es ist eine grobe Unart, wenn er dieses nicht mit gebührendem Eifer thut. Aber auch die andere Nachbarin darf Anspruch machen, wenigstens einiges von der Unterhaltung abzubekommen; es ist durchaus unschicklich, sie nicht einmal anzureden. Das Gegenüber hat ebenfalls Beachtung und Aufmerksamkeit zu verlangen. Überhaupt darf das Gespräch soweit ausgedehnt werden, wie es sich ohne bedeutenden Aufwand von Stimmitteln bewältigen läßt.

Eine Hauptwürze der Unterhaltung sind ohne Zweifel die Trinksprüche, doch wohlverstanden, die guten. Nur wer fließend, klar, deutlich und kurz, am besten etwas humoristisch angehaucht, reden kann, der unternehme es. Fühlt man sich gedrungen, trotz mangelnden Redetalentes zu sprechen, als Gastgeber etwa, so sei es ganz kurz, ohne Blütenlese; z.B.: »Mit diesem Glase heiße ich unsere lieben Gäste nochmals herzlich willkommen und bringe ihnen ein freudiges Hoch!« In solchen Toast stimmen nur die Familienmitglieder und Hausangehörigen des Wirtes ein, während die Gäste sich dankend verneigen und aus ihren Gläsern trinken. Wer wirklich gut reden kann, der klinge mit dem Messer leicht an sein Glas, um[38] die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, erhebe sich und sage, was er sagen will. Vollständig lautlose Stille vonseiten der Zuhörer bis zum Ende des Trinkspruches entspricht am besten der guten Lebensart. Jedes Geräusch mit Messer und Gabeln muß vermieden werden; ruhig weiterzuessen wäre ein außerordentlicher Verstoß. Der Trinkspruch schließt mit einem Hoch, in das alle einstimmen, die Herren laut, die Damen mit Maßen. Jeder erhebt sich auf seinem Platze und stößt mit seinen Nachbarn an, so weit er sie erreicht, ohne anderen lästig zu werden. Gegen die Entfernteren erhebt er sein Glas und macht ihnen eine Verbeugung. Das Wandern mit dem Glase in der Hand ist aus der Mode und höchstens noch da gestattet, wo der Betoastete eine besonders alte und hinfällige Persönkeit ist, der man das Herüberlangen ersparen und seine besondere Ehrfurcht bezeigen will oder bei Hochzeiten dem Brautpaare gegenüber. Nach dem Hoch trinkt jeder aus seinem Glase, viel oder wenig. Es stets zu leeren, können wir aus Gründen der Mäßigkeit nicht anraten; auch erfordert es der gute Ton keineswegs.

Die ersten Toaste gelten gewöhnlich den angesehensten Gästen, dann den Gastgebern, den Damen u.s.w. Der Gefeierte muß sich zu einer dankenden Erwiderung verstehen, sei sie auch noch so kurz; nur das zarte Geschlecht ist hiervon ausgenommen.

Der Nachtisch beginnt mit Butterbrot und Käse und endet mit Gefrorenem. Ißt niemand mehr, so ziehen alle die Handschuhe wieder an, und die Hausfrau hebt durch etwas geräuschvolles Aufstehen die Tafel auf. Jeder Herr verneigt sich gegen seine Nachbarinnen, bietet seiner Dame den Arm und geleitet sie in den Salon, wo er sich durch eine nochmalige Verbeugung von ihr verabschiedet. Die Gäste reichen sich auch wohl die Hände. »Gesegnete Mahlzeit!« dabei zu sagen ist nur im Familienkreise gestattet. Jeder sucht die Hausfrau auf, um ihr etwas Verbindliches zu sagen. Ist sie jedoch sehr in Anspruch genommen, so thut ein junges Mädchen oder junger Mann besser, sich nicht vorzudrängen; denn unumstößlich nötig ist es nicht.

Nach dem Diner plaudert man noch eine Zeit lang im Stehen; aber ja nicht über das Essen, weder lobend noch abfällig. Von der Güte der Weine darf man schon eher reden; es ist dies ein Thema, welches dem Hausherrn stets angenehm sein wird. Mit höflichen und herzlichen Dankesworten verabschiedet man sich von den Gastgebern. Der Wirt begleitet die Gäste bis zur Thür, auch wohl bis an den Wagen.

Macht man selbst ein Haus, so erwidert man solche Gesellschaft durch eine ähnliche. Unverheiratete Damen oder Herren sind dazu[39] nicht verpflichtet. Erstere geben allenfalls einen Damenkaffee oder -thee, letztere ein Herrenfrühstück oder -abendbrot. Auch können sie sich durch passende kleine Geschenke zu Geburts- und Namenstagen oder andere Aufmerksamkeiten revanchieren.

Quelle:
Schramm, Hermine: Das richtige Benehmen. Berlin 201919, S. 34-40.
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