Verkehr zwischen Damen und Herrn.

[28] Wo immer nur der Mann in direkten Verkehr mit dem anderen Geschlechte tritt, findet er Gelegenheit, die ihm angeborene Vorliebe für dasselbe in jener hochachtungsvollen Weise zum Ausdrucke zu bringen, die den seinen Sitten des Kulturmenschen angemessen erscheint.

Goethe, der dem Frauenkultus ein hohes Recht einräumte, erklärt im Tasso:


»Willst Du genau erfahren, was sich ziemt,

So frage nur bei edlen Frauen an;«


und an einer anderen Stelle:


»Der Umgang mit Frauen ist das Element guter Sitten.«
[28]

Goethe aber war ein echter Menschenkenner und in den feinen Gewohnheiten seiner Zeit durchaus bewandert. Wir können uns nur seiner Vorschrift anschließen und den Jünglingen empfehlen, die Gesellschaft edler Frauen zu suchen, um von ihnen Tugend und Sitte zu lernen. Leider ist der Zuschnitt unserer Zeit ein durchaus unnatürlicher durch das absichtliche Fernhalten der beiden Geschlechter voneinander. Sie sind sowohl in der Schule, als bei der Arbeit und beim Spiele getrennt; im späteren Leben aber nimmt diese Trennung eine noch viel ernstere Färbung an. Daraus entsteht für beide Teile eine schlimme Lücke, die oft durch sehr thörichte, wenn nicht gar sündhafte Dinge ausgefüllt wird. Das Schlimmste aber ist, daß die jungen Leute sich durch dieses Sperrsystem weder kennen noch schätzen lernen, und daß die Männer ihre Frauen nicht am häuslichen Herde, sondern im Ballsaale suchen, was so widersinnig wie möglich ist.

Ihr Hausfrauen und Mütter ermöglicht den freien, herzlichen und gemütsvollen Verkehr eurer Söhne und Töchter. Laßt sie als Kinder mit einander lernen und spielen, gebt ihnen ein gemeinsame Jugend, gemeinsame Erinnerungen und Bestrebungen, dann werden sie auch im späteren Leben einander unbefangener gegenüberstehen. Öffnet den jungen Männern Eure Familien, laßt sie abends an Eurem Tische sitzen und denkt nicht gleich, wenn einer dreimal hinter einander kommt, er hat »ernste Absichten«. Verbannt die Heiratsgedanken aus Euren und Eurer Töchter Köpfen und seht in dem jungen Manne den Freund des Hauses, den Heimatlosen, der gern an Eurem Herde niedersitzt, und nicht den Freier, der auf jeden Fall »gekapert« werden soll.

Die Hochachtung ist die Basis aller vergangenen und gegenwärtigen Frauenverehrung, die Ursache aller kleinen und großen Ritterdienste. Ist sie fest gepflanzt in den Herzen der Männer, so ergeben sich alle Forderungen des guten Tones von selbst; die Höflichkeit, die Dienstfertigkeit sind ihre Blüten. Einem gebildeten Manne werden sie als selbstverständlich gegen das zarte, schutzbedürftige Geschlecht der Weiber erscheinen. Er wird es natürlich finden, überall da einzuspringen, wo die Kräfte der Frauen nicht ausreichen, ohne sich auf diese gelegentlichen Dienste etwas zugute zu thun. Er wird sich beeifern, ihnen das Leben angenehmer zu machen durch Liebenswürdigkeiten, welche keinen persönlichen Charakter tragen, sondern dem ganze Geschlechte gelten. Denn nicht nur der Jugend und Schönheit darf er seine Aufmerksamkeit widmen, sondern viel mehr noch dem unbehilflichen Alter, dem äußerlich weniger bevorzugten Weibe.[29]

Dienste, wie das Aufheben eines herabgefallenen Gegenstandes, das Öffnen einer Wagenthür, das Aufspannen eines Schirmes u.a.m. darf eine Dame ohne Bedenken annehmen und hat dafür keine andere Verpflichtung, als einen freundlichen Dank. Diese hat sie ganz sicher, und es wäre irrig zu glauben, es sei guter Ton, dgl. mit souveräner Gleichgültigkeit oder absichtlicher Kälte über sich ergehen zu lassen. Das streift hart an Undank, und dieser verträgt sich nie und nirgends mit seiner Lebensart. Zu Gegendiensten aber ist eine Dame nie verpflichtet, im Gegenteile, sie muß sich strengstens vor solchen hüten. Es darf nie den Anschein haben, als bemühte sie sich in irgend einer Weise um einen Herrn Ist also z.B. dieser ihr Gast, und hat er einen von der Sonne oder dem Zugwinde belästigten Platz inne, so kann sie das höchstens durch einen unbemerkten Wink von dem dienstthuenden Geiste abändern lassen, oder, falls ein solcher nicht zur Stelle, dem Gaste raten, seinen Platz zu wechseln eventuell dem Übel durch Schließen der Vorhänge, bezw. der Thür selbst abzuhelfen. Nie aber darf es ihr in den Sinn kommen, in eigener Person Hand anzulegen, um diese Dinge, dem Wohlbehagen des Gastes entsprechend, zu ordnen, während im umgekehrten Falle dieses die entschiedene Verpflichtung des Herrn wäre.

Handelt es sich darum, abends einen weiten Heimweg zurückzulegen, so ist es am sichersten, das Dienstmädchen für eine bestimmte Stunde zu bestellen. Ist aber keine andere Begleitung zur Stelle, so können wir nichts Schlimmes darin sehen, wenn eine Dame sich von einem ihr wohlbekannten Herrn begleiten läßt. Freilich möchten wir dieses nur für den Notfall empfehlen und ja keine Gewohnheit daraus machen; denn die müßigen Zungen der lieben Nächsten sind allzeit bereit, der Sache die schlimmste Seite abzugewinnen. Auch ist es nicht erforderlich, daß sich bei dieser Begleitung die Dame durchaus auf den Arm des Herrn stützt; dieses kann nur durch Unebenheit des Weges, Dunkelheit oder großes Gedränge nötig werden. Weite Fußpartieen, im Gebirge, im Walde oder auf dem Lande, wo die thatsächliche Ermüdung der Damen der Sache einen moralischen Hintergrund giebt, lassen es ebenfalls zu. Bei diesen Gelegenheiten darf es auch wohl vorkommen, daß ein Herr zwei Damen führt, oder eine Dame sich von zwei Herren führen läßt, was in jedem anderen Falle ein Verstoß gegen das Schönheitsgefühl und die gute Sitte wäre. Geleitet ein Herr eine Dame, so geht er stets an ihrer linken Seite. Geht eine Dame in der Begleitung zweier Herren, so kann sie höchstens des einen Arm annehmen, und dieser schreitet dann an ihrer linken Seite, während der andere rechts geht.[30] Ist ein Herr in Begleitung zweier Damen, so geht die ältere Dame in der Mitte, die jüngere rechts, der Herr links.

Die Begleitung eines ihr ganz oberflächlich bekannten oder eben nur vorgestellten Herrn anzunehmen, widerraten wir jeder Dame; von unbekannten ganz zu schweigen. Auf der Promenade oder auf einem einfachen Gange durch die Stadt wäre es wenig am Platze, sich von Herren geleiten zu lassen, wenigstens dürfte man sich über die Wirkung dieser Unvorsichtigkeit auf die Zuschauer und die daraus resultierende üble Nachrede nicht wundern. Dem Taktgefühle der Herren ist in dieser Hinsicht nicht immer zu trauen, und es kommt wohl vor, daß Damen von ihnen ohne Umstände angeredet werden, so daß eine Begleitung die natürliche Folge dieses Anfanges wird. Da ist es denn Sache der Dame, durch schnelles und geschicktes Handeln dieser unpassenden Situation ein Ende zu machen.

Über die Unterhaltung mit Damen und Herren gaben wir schon im vorigen Kapitel einige beherzigenswerte Winke und möchten hier nochmals betonen, daß alle diejenigen Themata als ungeeignet zu verwerfen sind, welche auch nur im entferntesten etwas Anrüchiges haben.

Den Wert der verschiedenen Düngerarten, den Nutzen der Vevisektion und die Entwicklung der Finnen kann man unter Fachleuten und vor einer Zuhörerschaft von Herren unbeschadet auseinandersetzen, während es vor Damen einfach unmöglich wird.

Manche Herren verfallen in den Fehler, Damen gegenüber zu süßlich, zu überschwänglich zu werden und die ganze Unterhaltung zwischen nichtssagenden Phrasen und faden Schmeicheleien hin- und herzubewegen. Wie wenig dieses edlen, verständigen Frauen zusagen kann, leuchtet ein.

Sehr unschicklich ist es, von dem Alter der Damen zu reden. Den meisten ist das eine empfindliche Stelle, und selbst die verständigsten haben es lieber, zehn Jahr zu jung, als ein Jahr zu alt geschätzt zu werden. Die unverständigeren aber betrachten es als eine Beleidigung, wenn man Zweifel an ihrer Jugendlichkeit hat oder gar annimmt, sie hätten das zweite Dezennium schon überschritten.

Kein Herr aber darf glauben, das richtige Thema gefunden zu haben, wenn er in die Tiefen der Küche oder der Kinderstuben steigt, um den Damen etwas recht Bekanntes und doch zugleich Interessantes zu bringen. Dgl. würde ihn ohne weiteres lächerlich machen. Man suche doch nicht gar so ängstlich, es giebt genug Dinge, welche beiden Geschlechtern das nämliche Interesse einflößen und sich durchaus mit dem guten Tone vertragen. Theater, Konzert, Vergnügungsfahrten, berühmte Männer der Jetztzeit und des Altertums,[31] Tagesneuigkeiten, Kunst, Litteratur u.a.m. geben für viele Stunden reichlichen Konversationsstoff.

Von einer Dame aber verlangt man genügende Gewandtheit und Bildung, um ein Gespräch eine Zeit lang geschickt und anregend im Gange zu erhalten. Mit »jawohl« und »gewiß nicht« ist das freilich nicht gethan, sondern es heißt, Gedanken entwickeln und aussprechen oder wenigstens die Gedanken anderer in anmutiger Form wiedergeben. Dabei hüte sie sich, auf das Gebiet des Gefühlslebens zu geraten; denn dieses ist ein Glatteis für junge Leute beiderlei Geschechts und sollte deswegen durchaus vermieden werden. Ebenso unschicklich sind Erkundigungen nach dem Wohlergehen eines Herrn, da dieses immer einen bedeutenden Grad von Interesse vermuten läßt, welchen zu verraten gegen alle Lebensart wäre.

Daß den Damen überall der Vortritt gebührt, wurde widerholentlich erwähnt, doch giebt es einzelne Ausnahmen von dieser Regel. Beim Besteigen von Treppen und hohen Bergen geht der Herr voran, desgleichen an Stellen und Wegen, die irgend welche Unsicherheit oder Schwierigkeit vermuten lassen. Beim Aussteigen aus dem Wagen nimmt er schon aus dem Grunde den Vortritt, um den Damen behilflich sein zu können. An allen öffentlichen Orten geht er voran, um für Plätze zu sorgen und den Weg frei zu machen, Dinge, die für eine Dame höchst unbequem und unpassend wären.

Beim Abstiege von Bergen und Treppen bleibt der Herr möglichst auf derselben Stufe mit der Dame; wo dies nicht angeht, eine Stufe niedriger. Bei Wendeltreppen nimmt er die schmale Seite für sich, der Dame die breite überlassend. Überall gebühren den Damen die besseren Plätze, im Konzert, bei Vorträgen, im Eisenbahnwagen. Die der Fahrrichtung entgegengesetzten Ecken sind die sogenannten »Damenplätze« und daher ohne weiteres beim Eintritt von Damen zu räumen.

In erster Linie hat ein Herr natürlich für die Bequemlichkeit und Annehmlichkeit derjenigen Damen zu sorgen, in deren Begleitung er sich befindet; das entbindet ihn jedoch keineswegs von den Ritterpflichten der übrigen Damenwelt gegenüber. Für jeden gebildeten Mann von guten Sitten ist es Gesetz, keine Gelegenheit vorübergelten zulassen, dem weiblichen Geschlecht seine Hochschätzung in der zartesten Weise darzuthun.[32]

Quelle:
Schramm, Hermine: Das richtige Benehmen. Berlin 201919, S. 28-33.
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